Stellenbosch sur Rhône – genialer Syrah aus RSA!

Seit einer Südafrikareise um die Jahrtausendwende hat mich das „Afrikafieber“ gepackt. Und seit damals verfolge ich auch die Weine dieses Landes mit Interesse und mit ständig steigender Achtung. Ein ideales Beispiel für die hervorragende Qualität sind zwei Shiraz des Weingutes Saxenburg.

Ich hatte kürzlich die Gelegenheit, zwei Syrah-Weine von Saxenburg, einem Weingut in Schweizer Besitz in Stellenbosch, degustieren zu können. Nun liegt die Messlatte für Shiraz bei mir ziemlich hoch, war Syrah doch eine meiner ersten „Weinlieben“, und die Rhone so etwas wie mein Steckenpferd. Ich erinnere mich an ein Mittagessen mit Kunden (ja, damals trank man noch Wein dazu!). Es war das erste Mal, dass ich als kleiner Angestellter überhaupt mitgehen durfte. Und dann bestellte mein Chef eine reife Flasche Côte Rôtie von Guigal! Das war eines meiner prägendsten Weinerlebnisse!

Herrliche Landschaft, tolle Weine: Saxenburg bei Stellenbosch.

Wie ein Syrah aus dem nördlichen Rhonetal!
Die beiden südafrikanischen Weine begeisterten mich als Syrah-Fan, jeder auf seine Weise. Das „Flaggschiff“ des Gutes, der Saxenburg Shiraz Select, (SSS) würde in einer Degustation der besten Weine der nördlichen Rhone auf jeden Fall eine sehr gute Figur machen. Deshalb auch der Titel zu diesem Beitrag: „Französischer“ kann man einen Syrah fast nicht produzieren!

Saxenburg Shiraz Select 2007
Dunkles, dichtes Rot; Duft nach Lorbeer und getrockneten Früchten, vor allem Rosinen, leichte, aber schöne animalische Anflüge („Pferdestall“); im Mund präsente, aber schon milde Tannine, gut stützende Säure, sehr dicht, aber mit schöner Eleganz, enorm langer Abgang – fast unendlich nachhallend. Grossartiger, reifer Syrah, der aber auch noch ein paar Jahre Potential hat.

Allerdings bewegt sich der SSS auch preislich in der Grössenordnung sehr guter Rhoneweine. Deutlich preiswerter, ebenfalls sehr gut, aber völlig anders zeigt sich der „Private Selection Syrah“.

Private Selection Syrah 2016
Jugendliches, strahlendes, helles Purpur; in der Nase gewürzbetont (Thymian) und fruchtig (vor allem helle Beeren, aber auch mit einem Anflug von Brombeeren); im Mund mit prägnanter Säure, eher filigran, mit sehr feinen Tanninen; sehr fruchtbetonte Retrofaktion. Eleganter, moderner aber keinesfalls langweiliger Wein.

Es handelt sich um eine sehr spannende Interpretation der Syrah: In der Nase sehr fruchtbetont und „modern“; im Mund dann aber mit sehr viel Eleganz und auch Potential, druck- und charaktervoll – ganz anders, als es die Nase vermuten liesse. Hier zeigt sich dann eben doch auf schöne Art, dass es sich um einen Wein aus „Stellenbosch upon two oceans“ handelt!

Rebbau seit 1707 – höchste Qualität seit 1989
Upon two oceans: Saxenburg befindet sich etwa 8 Km östlich der Stadt Stellenbosch oberhalb des Ortes Kuilsriver – mit Aussichten sowohl auf den indischen Ozean als auch den Atlantik. Die Geschichte des Weingutes geht zurück auf das Jahr 1693 bzw. 1707, als hier erstmals Reben gepflanzt wurden. 1989 wurde das Gut vom Schweizer Ehepaar Birgit und Adrian Bührer gekauft und aus einem Dornröschenschlaf geweckt. Mit einem Kellerneubau sowie Neupflanzungen von Reben wurde der Grundstock für Qualität und Erfolg gelegt. Das Gut ist 200 ha gross, wobei 70 ha mit Reben bestockt sind. Heute bzw. seit 2011 ist mit den Geschwistern Fiona und Vincent bereits die nächste Generation Bührer am Werk, aber das Qualitätsstreben und die Kontinuität blieben mehr als nur erhalten. So hatte Saxenburg von 1991 bis 2017 den gleichen Kellermeister, und dieser wurde altershalber von seinem Stellvertreter abgelöst, welcher auch schon 12 Jahre im Betrieb arbeitete.

https://saxenburg.co.za/
https://www.nauer-weine.ch/de/shop/artikelsuche?search_ProdID=167

Die letzten Weine des „Pferdemanns“

Marketingaktionen von Weinhändlern sind ja nicht meine Sache und wurden hier bisher auch nie abgehandelt. Für einmal mache ich nun eine Ausnahme: Gerstl verkauft einen ersten Teil der genialen Weine aus der Konkursmasse von Dominique Léandre-Chevallier.

Es ist traurig aber wahr: Der „homme cheval“, dessen Weine ich so sehr geschätzt habe, und der aus Nostalgie noch immer auf meiner Startseite erwähnt wird, ist pleite.
Vgl. hier: https://victorswein.blog/2019/04/27/cetait-impossible-der-pferdemann-ist-konkurs/

Ein Bild aus vergangenen Tagen: Der Aufwand, den Dominque Léandre-Chevallier trieb, war betriebswirtschaftlich einfach zu gross! Und leider war er diesbezüglich offenbar „beratungsresistent“.

Die Weinhandlung Gerstl hat einen Grossteil der Weine aus der Konkursmasse erstanden. Nun wird eine erste Tranche angeboten:
https://www.gerstl.ch/de/search.html?searchtext=+l%C3%A9andre-chevalier+

Während die Basisweine und weiterhin auch der „Joyau“ zu moderaten Preisen verkauft werden, haben die Raritäten wie der 100% Provocateur – Vgl. hier:
https://victorswein.blog/2018/06/07/provokation-gelungen-zu-100-mit-petit-verdot/
– und der 33’333 leider einen preislichen Quantensprung gemacht. Qualitativ wert sind sie auch die neuen Preisschilder – was man davon hält, und ob man das mitmachen will, ist jedermann selbst überlassen. Aber vielleicht haben alle von uns das Geld ja auch schon dümmer ausgegeben …

Veltliner – Italianità made in Switzerland, Wiederentdeckung empfohlen!

Veltliner? Da denken heute die meisten Weinliebhaber an den Grünen Veltliner. Aber an Weine aus dem Veltlin, dem italienischen Alptental Valtellina südlich von Graubünden (oder eben nordöstlich von Mailand)? Dabei sind diese Weine zu unrecht in Vergessenheit geraten!

Der erste Schluck Wein in meinem Leben war ein Veltliner. Ich war etwa achtjährig, und meine Eltern gönnten sich im Bündnerland eine Flasche Wein aus dem Veltlin. Und offenbar war das Wein-Gen bei mir schon damals so ausgeprägt, dass mein Begehren erhört wurde: Es gab einen Schuss Veltliner, verdünnt mit 95 % Zuckerwasser. Aber es war Wein, und ich gehörte nun also auch zu den Grossen!

Das Weingut „La Gatta“ von Triacca. Wunderbare Steillagen im Veltlin. Und das Gebäude ist ein ehemaliges Dominikanerkloster (Foto ab Homepage http://www.triacca.ch)

Auch später begleiteten Veltliner-Weine einen Schweizer Weinfreund auf Schritt und Tritt. In jedem Detailhandelsladen oder Supermarkt gab es mindestens 10 Weine von mehreren Anbietern wie Triacca, Plozza oder Zanolari. Diese in Graubünden, meistens im ans Veltlin grenzenden Puschlav ansässigen Firmen besassen und besitzen grosse Rebflächen im Veltlin und waren lange Jahre sogar die einzigen, die respektablen Wein aus der Gegend anboten.
In den Skiferien in Graubünden bestellte man einen „Pfiff“, und damit war ein Glas Veltliner gemeint. Und für alle, die diesen Wein daheim nicht mehr so gut fanden wie in den Ferien, gab es den tröstenden Spruch, dass ein Veltliner eben nur ab einer gewissen Meereshöhe überhaupt gut schmecke – oder aber, man müsse im Schweizer Mittelland eine Wein aus dem Veltlin nur möglichst warm trinken, dann gefalle er auch gut.

Tempi passati. Obwohl auch jetzt noch jede achte Flasche Wein aus dem Veltin in der Schweiz getrunken wird, finden sich heute bestensfalls ein oder zwei Veltliner in den Gestellen der Schweizer Detailhändler. Schade, denn auch in dieser Weinregion hat eine qualitätsbewusste Entwicklung eingesetzt. Auf knapp 1000 Hektar Reben werden Weine vor allem aus der Nebbiolo-Traube gewonnen, welche vor Ort „Chiavenasca“ heisst (nach dem Ort Chiavenna am Fuss der Pässe Maloja und Splügen). Die italienischen Produzenten haben inzwischen qualitativ aufgeholt, und die Weine etwa eines Nino Negri stehen mit an der Qualitätsspitze. Aber auch die Puschlaver haben nicht geschlafen: Hier gibt beispielsweise den Produzenten Marcel Zanolari mit seinen „Vini da Torre“, der konsequent bio-dynamisch arbeitet und bemerkenswerte Weine produziert.

Aber auch die traditionellen Anbieter haben, leider völlig unbemerkt von der Weinwelt, einen Qualitätsschub hingelegt. Das Haus Triacca zum Beispiel produziert seit über 20 Jahren mit dem „Presticio“ einen Wein, der viel mehr Resonanz verdienen würde (die Trauben werden sehr spät gelesen und trocknen damit am Stock etwas ein, danach folgt ein Ausbau in der Barrique – ungewohnt für Nebbiolo, aber bemerkenswert).

Heute berichte ich aber über den „Sforzato“ von Triacca. Für diesen Wein werden die Trauben während rund 2 Monaten angetrocknet – ähnlich wie beim Amarone im Valpolicella. Danach wird der konzentrierte Most bei knapp 30 Grad während mehr als 14 Tagen an der Maische vergoren. Das Resultat?
Sforzato San Domenico 2013, Triacca:

Eher helles Rot mit leichten Brauntönen; Duft nach Rosinen und getrockneten Datteln, aber auch nach Quitten und hellen Früchten wie Johannisbeeren; im Mund sehr ausgewogen mit guter Säure und feinen Tanninen, trotz hohem Alkoholgehalt absolut nicht alkoholisch wirkend, auch nicht „süsslich, wie dies ein Amarone sein kann – vielmehr enorm elegant und auch im Mund sehr fruchtbetont.
Ganz einfach: Ein toller Wein!

Ich mag Amarone sehr, vor allem, wenn er nicht zu üppig ausfällt. Aber – abgesehen von den ganz grossen Namen, die noch eine Klasse höher spielen – mag ich diesen Sforzato aus dem Veltlin fast noch mehr: seine Eleganz ist überwältigend – typisch Nebbiolo, könnte man wohl sagen.

Das Veltlin wäre ja für Schweizer so naheliegend – und die Weine mehr als nur gut. Es wäre an der Zeit, dass wir dieses wunderschöne Tal und vor allem seine Weine wieder neu entdecken – weit ab von Zuckerwasser und „Pfliff“!
https://www.triacca.ch/de/?option=com_content&view=article&id=1&Itemid=246
http://www.marcelzanolari.com/de/vigna-e-cantina/
https://www.gruppoitalianovini.it/index.cfm/it/brand/nino-negri/

Reiner Duft nach Holunderblüten – aus dem Supermarkt!

Nein, die Rede ist nicht vom neusten Waschmittel. Holunderblüten passen zu einem Sauvignon blanc – und der beschriebene Wein stammt aus Sancerre.

Ich hatte mich in diesem Blog auch schon über das Weinbuch „Weinseller“ mokiert, in dem Weine aus dem Supermarkt bewertet werden. Meine Kritik galt vor allem den unseriös hohen Punktezahlen. Vgl. hier:
https://victorswein.blog/2018/03/18/wenn-ein-15-punkte-wein-ploetzlich-1825-erreicht/

Aber auch ich kaufe durchaus Weine beim Grossverteiler. So kürzlich bei Coop einen Dézalay von Bovard, der alle Vorurteile gegenüber Chasselas-Weinen widerlegt. Oder eben seit mehreren Jahren in der Migros immer wieder den Sancerre Cuvée Prestige der Domaine Raimbault-Pineau. (Sorry, der Wein stammt natürlich nicht aus der Migros, die keinen Alkohol verkauft, sondern von der „alkoholhaltigen“ Tochter Denner).

Dieser Wein, der sich auf der Homepage des Gutes nicht findet und offenbar speziell für Denner abgefüllt wird, stammt von der Domaine Raimbault-Pineau aus Sury-en-Vaux, rund 5 Kilometer von Sancerre entfernt. Sancerre ist (abgesehen von den roten Pinots, die eine immer beachtlichere Qualität erreichen) schon fast ein Synonym für Sauvignon blanc. Und wer an Sauvignon denkt, erinnert sich automatisch an Holunderduft. Dieser Sancerre ist aber diesbezüglich absolut aussergewöhnlich: Noch nie habe ich einen so intensiven, reintönigen Duft nach Holunderblüten erlebt wie hier:

Blasses Gelb; aussergewöhnlich intensiver Holunderblütenduft, etwas Quitten und grünes Gras; Bestätigung der Aromen von Holunderblüte und Quitte im Mund, schöne, erfrischende Säure, leichte, schöne Bitternote, dicht, spürbarer „Süsskomplex“ (nicht Süsse!), der für eine schöne Ausgewogenheit sorgt. Erfreulicher, süffiger Wein, der durchaus auch Tiefgang hat und es mit sehr vielen der renommierten Sancerres ohne Weiteres aufnimmt!

Wunderschöne Weinlandschaft, tolle Weine: Sancerre.
Oder auch so: An den Hängen Sauvignon-Trauben (und etwas Pinot noir), in der Ebene Korn.

Wie erwähnt, ich kaufe diesen Sancerre seit Jahren, und er macht in jedem Jahr Freude, auch wenn die verschiedenen Jahrgänge, was ich bei einem „Supermarktwein“ besonders positiv werte, durchaus verschieden ausfallen (generell mag ich die nicht so opulenten fast lieber). Nimmt man den Preis – rund Fr. 15.00 – als Massstab dazu, dann wird der Wein noch erfreulicher.

Wirklich erstaunlich ist aber, dass dieser Sancerre im eingangs erwähnten Weinseller keinen Eingang gefunden hat. Wer immer für die Auswahl verantwortlich war – ob Denner selbst oder Chandra Kurt – hat einen groben Fehler begangen: Dieser Sancerre wäre ein Kandidat für mindestens 19 Punkte! Nur im Weinseller, wohlverstanden! (Ich verteile hier bisher ja bewusst keine Punkte, würde ihm aber deren 16 vergeben, was „sehr guter Wein“ bedeutete).

https://www.raimbault-pineau-sancerre.fr/
In fast allen Denner-Filialen oder:
https://www.denner.ch/de/shop/wein/sancerre-aoc-cuvee-prestige-raimbault-pineau-75-050522.html

Les Domaines – Provins überzeugt mit Marketing und Qualität.

Als ich als junger Mann in der Weinbranche arbeitete, galt die Provins als die beste Weingenossenschaft der Welt. Wo immer ich eine Genossenschaft besuchte, wann immer ich einen Cooperative-Wein im Glas hatte – immer war die Provins so etwas wie der „innere Massstab“. Vermutlich ist dieser Anspruch noch immer richtig, und falls nicht, dann nur, weil sich das Niveau der meisten „Genossenschaftsweine“ in der Zwischenzeit extrem verbessert hat und nicht, weil bei Provins die Qualität schlechter geworden wäre (ganz im Gegenteil).

Die Walliser Weinlandschaft als Inbegriff einer ergreifenden Kulturlandschaft: Hier ein Steilhang im Norden von Sion und der „Tourbillon“.

Die Provins wurde 1930 als „Bund der Walliser Genossenschaftskellereien“ gegründet, um die Winzer aus der damaligen Abhängigkeit von den Weinhändlern zu lösen. Seit 1934 heisst sie, auch wenn damals noch niemand von Marketing sprach, sehr eingänglich Provins, und sie hat sich innerhalb dieser Zeit zu einer der wichtigsten Institutionen im Schweizer Weinmarkt entwickelt. Provins verarbeitet heute aus etwas über 1’000 ha Rebfläche rund einen Fünftel aller Walliser Weintrauben, was wiederum knapp einem Zehntel der gesamten Schweizer Traubenproduktion entspricht! Sehr früh haben die Verantwortlichen bei Provins erkannt, dass nur Qualitätsproduktion zum Erfolg führen kann – und deshalb hatte und hat die Genossenschaft auch einen ausgezeichneten Ruf. Ganz offensichtlich hat bis heute immer auch das Zusammenspiel zwischen den Oenologen und der Marketingabteilung funktioniert. Schon 1945 wurde mit der „Capsule Dorée“ eine Art „Marke“ eingeführt, welche von den Traubenlieferanten gewisse Standards verlangte und die deshalb auf dem Markt bald für vorzügliche Weinqualität stand.

1973 wiederum wurde die Linie „Maître de Chais“ ins Leben gerufen, welche neu die Spitze der Provins-Qualitätshierarchie darstellte. Diese Weine stammen aus dem besten Parzellen der Traubenlieferanten und gehören auch heute noch mit zur Spitzenklasse der Walliser Weine.

Die neuen Flaggschiffe von Provins: „Les Domaines“

Im letzten Jahr nun setzte die Provins mit der Lancierung der Produktelinie „Les Domaines“ die Qualitätslatte noch höher – ein auch marketingmässig logischer Schritt. Unter diesem Etikett werden Weine aus absoluten Spitzenlagen hergestellt und vermarktet, welche sich teils in Besitz von Provins selbst befinden oder für die schon langjährige Zusammenarbeiten bestehen.

Der Heida Chapitre 2017 beispielsweise stammt vom Lentine-Hang nördlich von Sion, so genannt nach der Lentine-Suone, einer der vielen berühmten Walliser Bewässerungsleitungen, vgl. hier:
https://suone.ch/

Dieses Rebland – im Besitz der Chorherren der Kathedrale von Sion – ist eine sehr steile Südlage mit Terrassen und hohen Trockensteinmauern und wird schon sehr lange von Provins vinifiziert. Den ersten als Les Domaines hergestellten Jahrgang 2017 habe ich wie folgt degustiert:

Helles, strahlendes Gelb mit Grünreflexen; Duft nach Quitten, Mirabellen und Aprikosen; im Mund ausgeprägt mineralisch, sehr ausgewogen, mit gut eingebundenem Alkohol und erfrischender Säure bei gleichzeitig spürbarem „Süsskomplex“. Langer Abgang. Ein noch sehr junger, eleganter und finessereicher Wein von internationaler Klasse.

Ich habe diesen Heida (im Wallis auch Païen genannt, im französischen Jura Savagnin blanc) neben einem „Maître de Chais“ probiert. Letzterer ist ebenfalls sehr gut, der „Chapitre“ steht aber mit seiner Eleganz und Mineralität noch um eine ganze Klasse höher. Der Wein ist begeisternd, und man könnte ihm – mit viel bösem Willen – höchstens vorwerfen, mit seiner Finesse schon fast nicht mehr sortentypisch daherzukommen, sondern eher als hochklassiger Wein von internationalem Zuschnitt.

Blick von Pont-de-la-Morge in Richtung „Mont d’Orge“, einem kleinen Berg mit knapp 800 Höhenmetern mitten im Rhonetal, an dessen Südseite sich die Lage „Corbassières“ befindet.

Ebenfalls begeisternd ist der „Corbassières“ 2015. Dieser Wein wächst ebenfalls nahe der Stadt Sion. Wenn man von Pont-de-la-Morge nach Sion fährt, fallen an einem steilen Südhang auf der linken Seite die vielen gelb gestrichenen Häuschen auf. Diese sind sozusagen Werbeträger der Domaine Mont d’Or, welche ihre Weine – absolut bemerkenswert sind die Süssen – vor allem an diesem Hang anbaut. Es gibt aber in der Lage „Corbassières“ auch ein Stück von rund einer Hektar, welches der Provins gehört. Diese herausragende Südlage war sozusagen die „Spielwiese“ der grossen, inzwischen pensionierten Oenologin der Provins, Madeleine Gay. Ein sehr schönes Portrait über sie, mit einer Foto in „Corbassières“, gibt es hier:
https://www.letemps.ch/lifestyle/une-vie-apres-vin

Deshalb gibt es in Corbassières auch eine Vielzahl von Rebsorten, und daraus entsteht nun ein bemerkenswerter Wein:

Dunkles, sattes Rot; Holunderbeeren gepaart mit heller Frucht (v.a. Aprikose), würzig. Im Mund druckvoll mit viel sehr feinem Tannin, gute Säure, dicht aber gleichzeitig elegant, langer Abgang. Macht zwar schon viel Freude, ist aber eigentlich noch deutlich zu jung. Hervorragender Wein jenseits des „Mainstreams“.

Dieser Wein ist schon fast die Antithese zum Heida: Es handelt sich um eine Assemblage von Walliser Grössen (Humagne rouge, Cornalin) mit international bekannten Rebsorten (Syrah, Cabernet Sauvignon und -Franc, Merlot). In einem gewissen Sinn ist der Wein gewöhnungsbedüftig: Wer hatte denn schon einmal eine solche Assemblage im Glas resp. in der Nase? Wie soll man sich theoretisch eine Mischung aus Humagne und Cabernet vorstellen? Vor allem im Duft fällt dieses aussergewöhnliche Spannungsfeld von frischen Fruchtdüften und dunklen Tönen auf.

Wenn ich geschrieben habe, der Wein sei gewöhnungsbedürftig, dann kann ich gleich anfügen, dass man sich schnell und gerne an ihn gewöhnt! Die Assemblage ist wohl ziemlich einzigartig und wirkt deshalb beim ersten Kontakt sowohl in der Nase als auch im Mund etwas ungewohnt – nicht Syrah, nicht Humagne, aber irgend etwas Tolles dazwischen. Aber das ist einer jener Weine, die mit jedem Schluck noch mehr gefallen und bei denen man bedauert, dass die Flasche schon leer ist.

Auch den Corbassières finde ich deshalb begeisternd. Ich freue mich jedenfalls schon darauf, die übrigen Weine von „les Domaines“ zu entdecken! Es gibt aktuell noch einen Dilinoir (!), einen Pinot noir und einen Petite Arvine.

Bleibt noch die Frage des Preises: Der Heida kostet 34 und der Corbassières 50 Franken. Zuviel? Die Antwort darauf muss man natürlich für sich selbst finden. Auch wenn für mich persönlich Weine in dieser Preisklasse eher für Sonn- und Feiertage vorgesehen sind, so denke ich doch, dass beide Tropfen – verglichen mit qualitativ gleich guten Weinen aus anderen Ländern – diesen Preis fast mehr als „wert“ sind. Wer weiss, vielleicht ist die Provins für das Wallis einmal mehr die Lokomotive?

https://www.provins.ch/de/nos-vins/les-domaines-443

Klima ausgleichendes Rinnsal – und wie aus 19 dann 20 Punkte werden.

Lassen Sie mich heute für einmal ein bisschen Lästermaul spielen:

Von den Tücken eines Imagewandels

Es gibt da ein renommiertes Weinhaus, das seit Jahrzehnten vor allem durch sein distinguiertes Auftreten und seine schon fast spröden Weinbeschreibungen bekannt – und bei vielen geschätzt – war. Ich selbst habe in jungen Jahren die „Hommage“ dieses Händlers sozusagen auswendig gelernt, und ohne dieses Haus wäre ich vielleicht gar nie zum „Weinfreak“ geworden.

Nun scheint ein Imagewandel angesagt zu sein – mir kommt es vor, als wäre eine neue Werbeagentur damit beauftragt worden, ein modernes Image zu kreieren, dank dem sich auch jüngere Weinfreunde angesprochen fühlen. Dann tönt es beim gediegenen Weinhaus zu einem weissen Rioja plötzlich so: „Frühling, wo bleibst du? Spargel trete näher und komm nicht ohne zerlassene Butter und weiteres Gemüse! Den Sommer erobern wir dann auch!

Dagegen ist ja nichts einzuwenden, auch wenn mir der Wechsel von altbacken zu hipp etwas gar schnell zu gehen scheint. So richtig lustig ist es aber schon beim Einstieg in den Flyer:
„Ist Ihnen der Fluss Oja ein Begriff? Wussten Sie, dass er die Rioja nicht nur durchfliesst, sondern gar ihr Namensgeber ist (Rio (der Fluss) und Oja.) Er wirkt ausgleichend auf das Klima der Region, was für den Weinbau sehr positiv ist.

Um Himmels Willen! Gibt es denn in diesem einst renommierten Weinhaus niemanden mehr, der solche Texte vor dem Erscheinen prüft – und ich rede jetzt nicht von der Doppelklammer? Dass diese Theorie der Namensherkunft der Rioja nur eine vor mehreren ist, lassen wir ja mal durchgehen. Aber: Der Rio Oja ist nur 65 Kilometer lang und ist ein Flüsschen, häufig aber auch nur ein besseres Rinnsal. Das ist verwegener, als würde man der Donau bei Donaueschingen eine klimaausgleichende Wirkung zusprechen! Der Rio Oja ist ein Nebenfluss eines Nebenflusses des Ebro. Und die ausgleichende Wirkung hat selbst dieser, der die Rioja wirklich auf der ganzen Länge durchfliesst, kaum, denn auch er ist, zumindest in den trockenen Jahreszeiten, nicht gerade mit Wasser verwöhnt.

Jeder, der schon einmal in der Rioja war, und da gehe ich einmal davon aus, dass es in der besagten Weinhandlung solche Leute gibt, könnte das sofort korrigieren!

19 Punkte blind, 20 mit Etikette – „de Maxli halt“

Szenenwechsel: Ein anderer Weinhändler, nennen wir ihn einmal Max Gerstl, hat fast gleichzeitig eine Broschüre zu den Burgundern des Jahrgangs 2017 versandt. Dabei gibt es einen kleinen Einschub mit den Resultaten einer Blindprobe mit einigen der allerbesten Crus des Jahres 2015. Bemerkenswert dabei ist sein Kommentar zum „Clos St. Jacques“ von Rousseau, der 20 Punkte erhielt: „Ich hatte ihn blind nur mit 19/20 bewertet, er erschien mir allzu geschliffen schön. Dass ich mit dieser Beurteilung völlig falsch lag, war mir klar, nachdem ich den Wein, im Wissen, welcher es ist, nochmals probieren konnte.“

Diese Aussage fand sich danach sofort auf sozialen Medien, und Gerstl wurde heftig kritisiert. Ein Kommentator feixte:

Einmal abgesehen davon, dass der fragliche Schreiber, auch wenn er zweifellos ein begnadeter Weinkenner ist, dem „Maxli“ in Sachen Wein dann das Wasser wohl doch nicht ganz zu reichen vermag (oder eben den Wein, meinetwegen): Ich schätze Max Gerstl gerade für solche ehrlichen Worte! Er hätte die 20 Punkte ja auch ohne entsprechenden Hinweis kommunizieren können.

Man könnte nun lange über Sinn und Unsinn von Blinddegustationen diskutieren. Ich selbst habe jedenfalls nur zu oft erlebt, dass Weine, die auf Anhieb in der Degustation gefielen, bei einem anschliessenden Essen langweilig waren – während „Blinddegu-Aschenbrödel“ umgekehrt plötzlich sehr gefielen. Und warum soll Max Gerstl, der den „Clos St. Jacques“ und sein Potential aus jahrzehntelanger Erfahrung kennt, sein Urteil nicht ändern dürfen, nachdem die Etikette enthüllt wurde? Vor allem dann, wenn er zu seinem Meinungswandel steht und diesen ehrlich kommuniziert?

Fazit: Max(li) Gerstl 19 oder, wenn man weiss, wer er ist, 20 Punkte! Die Werbeagentur mit dem Rio Oja: höchstens 10!

Utiel-Requena, Alpujarras – Reisen bildet auch weinmässig

Endlich Ferien! Vorsommer mit Sonne und Wärme in Südostspanien. Und solche Ferien sind immer auch eine Möglichkeit, Weine kennenzulernen, die man sonst nie im Glas gehabt hätte!

Fast wie im Wallis: Reben in den Alpujarras (almeriense) am Südfuss der Sierra Nevada.

Wann immer wir in Ländern mit Weinbau reisen, ist für mich klar, dass ich örtliche Weine probiere. Und fast immer mache ich gute Erfahrungen damit, den Kellner nach einem Tipp zu fragen. Wir waren soeben zwischen Valencia und Almeria unterwegs (und hätten uns, angesichts der unendlichen Plastik-Plantagen mit all dem Abfall am Strassenand im Einzugsgebiet von Almeria fast abgewöhnt, Gemüse zu essen).

Die Frage im Restaurant nach einem empfehlenswerten Wein aus der Region führte immer zu einem tollen Erlebnis – nebenbei zu einem immer sehr anständigen Preis. Nicht einer der empfohlenen Weine enttäuschte, es waren allesamt spannende, (wein-)horizonterweiternde Tipps. So etwa der überaus fruchtige, sehr sortentypische Monastrell „Tarima Hill“ der Bodegas Volver aus dem Hinterland von Alicante – aber eben nicht aus Jumilla oder Yecla, den Monastrell-Hochburgen, sondern aus dem benachbarten Pinoso (mit der DO Alicante).
https://bodegasvolver.com/

Oder der zwar kräftige, aber auch erstaunlich frische Sauvignon blanc der Bodegas Garcia Gil aus dem bereits in Andalusien, und eigentlich in einer Halbwüste, gelegenen Oria im Hinterland von Almeria.
http://www.bodegasgarciagil.es/

Utiel-Requena und Bobal – alles klar?

Eigenständiger Wein, ebensolche Etikette: Bobal der (sozusagen schweizerischen) Bodegas Murviedro aus Requena.

Absolut spannend war auch die (Wieder-)Entdeckung der Rebsorte Bobal. Haben Sie schon einmal von Utiel-Requena gehört? Dieses mit rund 40’000 ha recht grosse Weinbaugebiet liegt im Hinterland von Valencia auf einer Meereshöhe von rund 700 Metern, und ist lagemässig sehr vergleichbar mit den 100 km südlicher, auf gleicher Höhe und gleich weit vom Meer entfernt gelegenen Gebieten von Jumilla und Yecla. Hier aber kommt der Sorte Bobal eine wichtige Rolle zu. Bobal? Nie gehört? Aber fast sicher schon mal getrunken. Diese Rebsorte nimmt in Spanien nämlich die zweitgrösste Anbaufläche aller Sorten ein, wird aber oft nur als Färber- und Verschnittwein eingesetzt. Seit einigen Jahren wird nun auch das Potential der Bobal wieder erkannt, eigenständige Spitzenweine hervorzubringen.

Der empfohlene Bobal „Sercis 2015“ der Bodegas Murviedro erwies sich als so etwas wie eine wunderbare Mischung aus einem Beaujolais (herrliche Frucht) und einem Gigondas (Kraft, Farbe, Tannine, Wucht), dem auch der leise Holztouch sehr gut anstand. Im ersten Moment fast etwas frustrierend war dann freilich die Recherche zu diesem Wein und dieser Bodega: Da ist nichts von Entdeckung oder kleinem Familienbetrieb oder dergleichen; vielmehr gehört die Firma Murviedra zum Schweizer Schenk-Konzern. Dass gross (Schenk ist die grösste Weinfirma der Schweiz) aber durchaus auch gut bedeuten kann, zeigt nicht nur der beschriebene Bobal, sondern wurde in diesem Blog auch schon anhand eines Walliser Weines aufgezeigt:
https://victorswein.blog/2018/08/05/amigne-walliser-raritaet-mit-enormem-potential/
Für mich persönlich sehr speziell war dann auch, dass ich bei der Suche nach Bezugsquellen in der Schweiz nebst anderen auf die Weinhandlung Danieli in Wallisellen stiess: Mit Ottavio Danieli – nebenbei gesagt 1975 Skip des ersten Schweizer Curling-Weltmeisterteams – verbindet mich, in völlig anderem Zusammenhang, eine hochachtungsvolle, freundschaftliche Bekanntschaft. Man verzeihe mir deshalb, dass ich nur diese Quelle angebe:
http://shop.danieliweine.ch/pi/Cepas-Viejas-Bobal.html

„Bergwein“ vom Schönsten

Das eigentliche önologische Highlight dieser Reise waren aber zwei Weine aus dem Alpujarras. Dabei handelt es sich um eine landschaftlich extrem reizvolle Bergregion, die sich auf rund 100 Kilometern südlich der Sierra Nevada entlang erstreckt. Der bekanntere, westlich gelegene Teil, die Alpujarras granadina (von Granada abgeleitet – obwohl sich die Stadt auf der nördlichen Seite der Sierra befindet), liegt direkt unter den höchsten Gipfeln des über 3000 m hohen Gebirgszuges. Nicht weniger reizvoll sind aber auch die östlich und tiefer gelegenen Alpujarras almeriense (genannt nach Almeria), in denen auch in etwas grösserem Stil Wein angebaut wird.

Wunderschöne Berglandschaft in den Alpujarras almeriense. Im Hintergrund die noch leicht schneebedeckten Ausläufer der Sierra Nevada.

Am einen Abend genossen wir den Syrah „Cepa Bosquet“ 2017 der Bodegas y Vinedos Laujar, aus einem Gebiet, dass keine DO besitzt, sondern die Weine „nur“ unter dem Titel „Indication Geografico Protegida“ vermarkten darf. Der Wein stand für 18 Euro auf der Karte eines „Paradores“, wäre aber dank seiner sehr sortentypischen Art, seiner feinen Tannine, seiner Frucht und Eleganz ohne Weiteres als sehr guter St.-Joseph durchgegangen.

Fast noch spannender war am Abend danach ein Weisser der gleichen Bodega, ein Macabeo 2017. Diese Rebsorte spielt in Spanien eine sehr wichtige Rolle und ist im Norden, etwa in der Rioja und Rueda, aber auch im Penedes für die Herstellung von Schaumwein, unter dem Namen Viura die wichtigste weisse Sorte.
Während die Weine des Nordens immer sehr süffig, fruchbetont, aber oft auch etwas „schmalbrüstig“ ausfallen, zeigt dieser Macabeo nebst einer ebenfalls erstaunlichen Frische auch Kräuternoten und eine schöne Dichte – und vor allem eine wunderbar mineralische Note, welche den Macabeo zu einem wirklich aussergewöhnlichen Erlebnis werden liess: kein grosser Wein, aber einer, der das Herz erwärmt!
https://cepabosquet.es/

Klar, ich hätte während einer Ferienwoche in Spanien auch die grossen Weine des Landes trinken können – ein Valbuena etwa stand einmal auf einer Karte eines Restaurantes günstiger, als man ihn in der Schweiz kaufen kann. Aber ich möchte diese wunderbaren Entdeckungen nicht missen – es sind letztlich solche Erlebnisse, die den Weinhorizont wirklich erweitern und die eine Reise enorm bereichern!

Napa vs. Bordeaux Vol. 6: wieder gewinnt Napa!

Die Degustation im Jahr 1976 in Paris war eine Sensation, welche die Weinhierarchie neu aufmischte: Sowohl bei den Weissweinen (Chardonnay) als auch den Rotweinen (Cabernet) obsiegten in einer Blindprobe die Gewächse aus Kalifornien über die Franzosen! Die Resultate sind hier nachzulesen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Weinjury_von_Paris

Das Resultat wurde damals in Frankreich für schlicht unseriös und nicht zutreffend beurteilt oder dann totgeschwiegen, aber inzwischen wurden solche Proben mehrfach wiederholt, und jedes Mal schlugen sich die Weine aus Napa hervorragend. Zu einer Neuauflage lud vor einer Woche die NapaWine AG in Zürich. Zwar waren die ganz grossen Gewächse nicht dabei, Bordeaux stellte 6 klassierte Crus aus Pauillac und Napa war hauptsächlich mit Zweitweinen vertreten. Letzteres vor allem aus Gründen der Fairness, wurden doch preislich vergleichbare Weine gegenübergestellt. (Das allein spricht schon Bände, die Preise der USA-Weine sind ebenfalls sehr in die Höhe geschossen, so dass heute finanziell ein Zweitwein aus Napa einem Pontet Canet gleichgestellt ist).


2 x 6 Weine aus Pauillac und Napa: spannend und lehrreich.

Das Resultat war mehr als spannend. Massgebend waren die Bewertungen aller der rund 100 Teilnehmer – es handelte sich also um eine Publikumsbewertung.
Vorab: Die Napa-Weine belegen nicht nur das „Podest“, sie schwingen auch gesamthaft obenauf. Allerdings muss das Resultat auch gleich sehr relativiert werden, denn alle Weine liegen in der Bewertung zwischen 93 und 96 Punkten! Klar wird damit aber auf jeden Fall, das die Cabernets aus Kalifornien jenen aus Frankreich auf diesem Niveau ebenbürtig sind – und es sich bestimmt lohnt, sich näher damit zu befassen!

Hier das Resultat der Gesamtbewertungen (bei gleicher Durschnittspunktzahl ergaben die Gesamtpunkte aller Teilnehmer die Rangliste):

WeinPunkteRang
2015 Bulgheroni Lithology Cabernet Sauvignon 961
2015 Brand Napa Valley Brio 962
2015 Sinegal Estate Winery Estate 963
2015 Barbour St. Helena Cabernet Sauvignon 964
2015 Château Pichon-Baron-Longueville, Pauillac 965
2015 Arkenstone Wines Estate Red Wine 956
2015 Kelly Fleming Estate Cabernet Sauvignon 957
2015 Château Pichon-Comtesse-de-Lalande 958
2015 Château Pontet-Canet, Pauillac 959
2015 Château Lynch-Bages, Pauillac 9410
2015 Château Grand-Puy-Lacoste, Pauillac 9411
2015 Château Clerc-Milon, Pauillac 9312

Meine persönliche Rangliste sah völlig anders aus. Gesamthaft hatte Bordeaux, wenn auch nur mit einem einzigen Punkt, die Nase vorne. Doch auch bei mir steht ein Napa-Wein zuoberst. Bloss der Sieger beim Gesamtpublikum liegt bei mir erst an neunter Stelle, dafür kommt der „Verlierer“ schon auf Rang 3.

1) Barbour St. Helena Cabernet Sauvignon
2) Château Pichon-Baron-Longueville, Pauillac
3) Château Clerc-Milon, Pauillac
4) Sinegal Estate Winery Estate
5) Château Lynch-Bages, Pauillac
6) Brand Napa Valley Brio
7) Château Pontet-Canet, Pauillac
8) Château Grand-Puy-Lacoste, Pauillac
9) Bulgheroni Lithology Cabernet Sauvignon
10) Kelly Fleming Estate Cabernet Sauvignon
11) Château Pichon-Comtesse-de-Lalande
12) Arkenstone Wines Estate Red Wine

So spannend dieser Anlass war, so sehr hat er mir auch die eigene Unzulänglichkeit aufgezeigt. Zwar war ich beim Ratespiel „was ist Bordeaux, was ist Napa“ mit 10 Treffern bei 12 Weinen nicht so schlecht. (Ein rundes Dutzend der Teilnehmer lag immer richtig – châpeau!). Aber ich hätte schon erwartet, dass ich wenigstens die doch so eigenständigen Pontet Canet, Pichon-Comtesse und Grandy-Puy-Lacoste blind erkennen würde – leider Fehlanzeige. Allerdings zeigten sich auch alle drei in totaler Unterform. Bei der Arrivage vor einem Jahr waren sie noch offen und fruchtig,
Vgl. hier: https://victorswein.blog/2018/04/26/bordeaux-2015-trau-schau-wem-vor-allem-dir-selbst/
jetzt unzugänglich und teils gar spröd und fast dünn wirkend. Trotzdem hätte es durchaus Hinweise gegeben, sie zu erkennen, und im Nachhinein ist man ja immer klüger. So notierte ich beim GPL, den ich für einen Napawein hielt, u.a. „sehr verhalten, adstingierende Tannine; bin etwas ratlos, aber vielleicht wird er gross“ und beim Pichon-Comtesse schrieb ich gar „total zurückhaltend, spröde; enttäuschend – aber vielleicht ist es ein Langstreckenläufer“. Und definitv erkennbar wäre Pontet-Canet gewesen: „dunkle Töne, würzig, mit etwas Boskoop-Apfel fast etwas oxydativ wirkend, hat Potential“.

Das generelle Niveau der Weine ist, nicht nur, wenn man das Potential der drei beschriebenen Bordeaux „hochrechnet“, indessen grossartig – beidseits des Ozeans. Persönlich eher weniger gefallen hat mir der Arkenstone. Mit seinen Noten von grünen Peperoni und Schokolade und seiner eher tiefen Säure wirkte er für mich etwas „bluffig“, aber das ist natürlich Geschmacksache. Umgekehrt fand ich den von den Profis eher tiefer eingeschätzten Barbour St. Helena dank seiner Eleganz und Länge, verbunden mit einem spürbaren, aber nicht übertriebenen Süsskomplex, einfach grossartig. Und schliesslich breche ich gerne auch eine Lanze für den beim Gesamtpublikum letztplatzierten Clerc-Milon: Mir hat er mit seiner eleganten, filigranen Art und seinen feinen Tanninen mit guter Säure sehr behagt, auch wenn ich ihn – da noch in einer „fruchtigen Phase“ – vielleicht etwas zu generös beuteilt habe. Das Fazit ist aber: Auch der „Verlierer“ (ich hüte mich, „der schlechteste Wein“ zu schreiben), war noch ausseroderdentlich gut

Die Weine für die Degustation wurden von zwei ausgewiesenen „Profis“ ausgewählt, René Gabriel, der „Bordeaux-Papst“ war für die Europäer verantwortlich, während Baschi Schwander die USA-Fraktion bestimmte. Die Auswahl war hervorragend; schade nur, dass die beiden – in Tat und Wahrheit befreundet – in ihren Kommentaren vor allem kompetitiv auftraten, denn beide hätten fachlich viel mehr Interessantes zu sagen gehabt.

Zwei Koryphäen unter sich: René Gabriel, links (bxtotal.com) und Baschi Schwander (mybestwine.ch)

Anlässe dieser Art sind, selbst wenn sie etwas am eigenen Ego kratzen, extrem spannend. Ich würde mir wünschen, und mich heute gegen Vorzahlung schon anmelden, dass die gleiche Degustation in 10 Jahren wiederholt würde. Und ich werde mich jetzt hüten zu behaupten, dass dann Bordeaux die Nase vorne hätte. Selbst dann, wenn man das heute nicht ausgeschöpfte Potetial der Spitzen-Pauillacs berücksichtigt: Die Napa-Weine waren so gut, und scheinen so langlebig, dass ich keine Wetten über das Resultat in 10 Jahren abgeben würde.

Mindestens ebenso spannend, und hier würde ich schon fast auf einen Boredaux-Sieg wetten, wäre ein Vergleich von Weinen im Bereich von 15 – 25 Franken. Wenn ich da an Bordeaux wie Moulin Haut-Laroque oder Cambon-La-Pelouse denke …
Aber vielleicht irre ich mich auch da, vielleicht würde Napa auch in diesem Preissegment mithalten? Affaire à suivre!

Und wenn Sie jetzt Lust bekommen haben, die Berichte des Bordeaux- resp. Napa-Profis zu lesen, voilà:
Sebastion Schwander:
http://mybestwine.ch/napa-vs-pauillac-2015-blind-tasting-battle/
Und René Gabriel:
https://www.napawine.ch/wp-content/uploads/2019/04/Napa-Versus-Pauillac-.pdf

Und wenn Sie – wie ich – Lust auf Napa erhalten haben (die Bordeaux gibt’s ja „überall“):
https://www.napawine.ch/


Monte Olmi zum Zweiten: ein Gesamtkunstwerk

Mein letzter Artikel beschrieb den Amarone „Capitel Monte Olmi“ 2004 von Tedeschi.
https://victorswein.blog/2019/03/03/tedeschi-monte-olmi-2004-ueberzeugend-gereifter-amarone/

Gleich zwei der drei den Betrieb führenden Geschwister Tedeschi kommentierten darauf per Mail den Beitrag, und Riccardo, verantwortlich für die Weinherstellung schrieb: „es stimmt, Amarone altert farblich nicht so gut, aber in den Aromen sehr wohl“. Und zum beschriebenen Jahrgang: „Das Problem des 2004ers (von mir vor zwei Wochen degustiert) ist, dass er im Mund immer noch jung ist“. Dem kann ich mehr als zustimmen (ich hatte geschrieben, dass der Wein auch in 10 Jahren noch gefallen werde), aber das Wort „Problem“ würde ich nicht verwenden – da ist keines, der Wein ist einfach nur toll und wird es noch lange bleiben!

Riccardo Tedeschi hat mir auch zwei Fotos des Rebberges zugestellt. So kommen Sie hier also in den Genuss des richtigen Monte Olmi – und nicht nur eines Stimmungsbildes aus der Gegend, wie ich es aus eigenem Bestand verwendet hatte.

Ist das Titelfoto nicht einfach fabelhaft? Diese gepflegte Anlage wirkt auf mich wie feine Architektur, wie Kunst – herrliche Kulturlandschaft . Dieses Foto und die Qualität des Weines – ein Gesamtkunstwerk. Das unbeschnittene Foto hier:

Das nachfolgende zweite Bild zeigt den Rebhang von Monte Olmi im Kontext mit der traumhaften Landschaft des Valpolicella. Im letzten Beitrag hatte ich geschrieben, die Gegend sei einen Abstecher wert. Ich korrigiere mich: sie ist eine Reise wert. Und die Weine eine hohe Beachtung!

Master of Wine(making)

66 % der in Spanien lebenden master of wine auf einem Bild. Und gleichzeitig zwei Grenache-Weinproduzenten der Spitzenklasse! (Fernando Mora, links, und Norrel Robertson)

Es gibt aktuell rund 375 Personen, die den Titel MW – Master of Wine – tragen dürfen, oder eher, ihn sich redlich verdient haben. Fast 10 % davon, genau 33, produzieren auch selbst Wein, darunter in so berühmten Domainen wie Zind-Humbrecht (Olivier Humbrecht) oder Bründlmayer (Andreas Wickhoff). Das alles lässt sich auf der Homepage der Organisation Master of Wine nachlesen.
https://www.mastersofwine.org/

Dass sich indessen gleich zwei MW in der gleichen, bisher nicht gerade für Spitzenweine berühmten Gegend niederlassen, dass sich beide vor allem der Grenache resp. Garnacha verschrieben haben, beide, wenn nicht schon angekommen, dann auf dem besten Weg zur absoluten Spitze sind, und dass dann gleich noch beide gemeinsam in Zürich anzutreffen sind, das ist dann doch speziell!

Aber der Reihe nach: Norell Robertson, ein Schotte, hat sich vor 15 Jahren in Calatayud, einem kleinen Weinbaugebiet rund 80 Km westlich von Zaragossa (und etwa ebensoweit südlich von Alfaro, das zur Rioja zählt), niedergelassen. Der andere, Fernando Mora (wenn die Recherche im Internet gelungen ist: zusammen mit dem Besitzer der Reben, Mario Lopez und Francisco Latasa, einem Juristen und Handelskenner) in Epila im Gebiet Valdejalon, etwa auf halbem Weg zwischen Zaragossa und Calatayud.

Grenache/Garnacha: Das ist jene Traubensorte, die früher als schlechter Massenträger verschrien war, der bestenfalls dem Wein ein gutes Alkoholgerüst mit auf den Weg gab, aber ansonsten als harmlos und schon gar nicht finessenreich galt. Dass diese Verallgemeinerung so nicht stimmen kann, wurde mir spätestens bei einem Besuch auf Château Rayas in Châteauneuf-du-Pape im Jahr 1987 klar. Wie tiefgründig und finessenreich dieser Wein doch war (damals konnte man übrigens noch unangemeldet vorfahren und auch direkt vor Ort Wein kaufen, zu sehr vernünftigen Preisen).

Bei der Beurteilung der Produkte der beiden MW beginne ich zu differenzieren: Norrel Robertson’s Weine sind allesamt – immer in der jeweiligen Kategorie – absolute Spitzenklasse und begeisternd. Sein „El Cismatico“ 2016 aus alten Reben: ein finessereiches, aber auch relativ teures Wunderwerk! Sein „El Puño“ 2013: ein Kraftpaket mit feinen Nuancen. Sein „Manga del Brujo“ 2014, eine Assemblage, bei der Syrah, Tempranillo und Mazuelo der Garnacha beigemischt sind: ein Ausbund an Frische und Mineralität. Und dazu ein Syrah (Dos Dedos de Frente 2016), der keinen Vergleich mit Rhone-Weinen zu scheuen braucht, und auch ein Weisswein aus Macaebo, Garnacha Blanca und etwas Viognier, dem man aufgrund seiner Finesse und Frische nie die Herkunft Spanien geben würde. Kurz: Norell Robertson kreiert absolute Spitzenweine, und ich würde nur zu gerne seinen „El Cismatico“ neben einem Château Rayas (oder zumindest einem Pignan) probieren!

Etwas differenzierter sehe ich das bei Fernando Mora. Noch vor Jahresfrist liessen mich einige seiner Weine etwas ratlos. Mag sein, dass das, was ich als schon fast fehlerhaft empfand, nur gewöhnungsbedürftig und der sehr naturnahen Vinifikation geschuldet war, aber mit einer Ausnahme gefielen mir die Weine damals nicht besonders. Aber schon ein Jahr später hat mich die Mehrheit seiner Weine nun echt begeistert. Der – allerdings auch schon recht teure – „las Alas de Frontonio“ 2015 beeindruckt durch Kraft und „südfranzösische“ Aromen, und der „Telescopio“ 2013 durch Eleganz, Frucht und Mineralik. Und die preiswerten Angebote zumindest durch saubere, eigenständige Art. Die Weine von Fernando Mora sind interessant, teilweise auch schon grossartig – und wenn er weiterhin solche Qualitätssprünge macht, dann gehört er bald zu den ganz Grossen. Affaire à suivre!


Dass die beiden MW zusammen in Zürich anzutreffen waren, hängt damit zusammen, dass beide in der Schweiz von Gerstl Weinselektionen vertreten werden. Und dass in meinem Weinblog bisher Weine von Gerstl wohl eher überproportional vertreten sind, wiederum mit der Art und Weise, wie dieses Weinhaus den Zugang zu seinen Weinen ermöglicht:

Einmal jährlich kann das gesamte Sortiment jeweils einer Region oder eines Landes an einer Veranstaltung degustiert werden. Fast immer sind dabei die Weingüter persönlich vor Ort vertreten, nicht selten durch die Besitzer selbst. Ich finde solche Degustationen absolut vorbildlich. Man kann einen Wein vor dem Kauf probieren (ich habe hier schon mehrfach erwähnt, dass ich persönlich praktisch keinen Wein mehr in grösseren Mengen blind kaufe), man kann vergleichen und man kommt mit den Produzenten ins Gespräch. Diese Abende sind deshalb nicht nur spannend, sondern eigentlich reine Weiterbildung (und natürlich auch Verführung…).

http://escocesvolante.es/
http://bodegasfrontonio.com/en/winery/

Bei Gerstl gibt es übrigens ein Degustationspaket mit je drei Weinen der beiden MW. Wer sich einen ersten Eindruck verschaffen will, ist hier gut bedient:
https://www.gerstl.ch/de/degustations-boxen-weinglaeser/spanien/diverse/diverse/degustations-box-spanien-garnacha-von-den-beiden-master-of-wine-product-16526.html