Master of Wine(making)

66 % der in Spanien lebenden master of wine auf einem Bild. Und gleichzeitig zwei Grenache-Weinproduzenten der Spitzenklasse! (Fernando Mora, links, und Norrel Robertson)

Es gibt aktuell rund 375 Personen, die den Titel MW – Master of Wine – tragen dürfen, oder eher, ihn sich redlich verdient haben. Fast 10 % davon, genau 33, produzieren auch selbst Wein, darunter in so berühmten Domainen wie Zind-Humbrecht (Olivier Humbrecht) oder Bründlmayer (Andreas Wickhoff). Das alles lässt sich auf der Homepage der Organisation Master of Wine nachlesen.
https://www.mastersofwine.org/

Dass sich indessen gleich zwei MW in der gleichen, bisher nicht gerade für Spitzenweine berühmten Gegend niederlassen, dass sich beide vor allem der Grenache resp. Garnacha verschrieben haben, beide, wenn nicht schon angekommen, dann auf dem besten Weg zur absoluten Spitze sind, und dass dann gleich noch beide gemeinsam in Zürich anzutreffen sind, das ist dann doch speziell!

Aber der Reihe nach: Norell Robertson, ein Schotte, hat sich vor 15 Jahren in Calatayud, einem kleinen Weinbaugebiet rund 80 Km westlich von Zaragossa (und etwa ebensoweit südlich von Alfaro, das zur Rioja zählt), niedergelassen. Der andere, Fernando Mora (wenn die Recherche im Internet gelungen ist: zusammen mit dem Besitzer der Reben, Mario Lopez und Francisco Latasa, einem Juristen und Handelskenner) in Epila im Gebiet Valdejalon, etwa auf halbem Weg zwischen Zaragossa und Calatayud.

Grenache/Garnacha: Das ist jene Traubensorte, die früher als schlechter Massenträger verschrien war, der bestenfalls dem Wein ein gutes Alkoholgerüst mit auf den Weg gab, aber ansonsten als harmlos und schon gar nicht finessenreich galt. Dass diese Verallgemeinerung so nicht stimmen kann, wurde mir spätestens bei einem Besuch auf Château Rayas in Châteauneuf-du-Pape im Jahr 1987 klar. Wie tiefgründig und finessenreich dieser Wein doch war (damals konnte man übrigens noch unangemeldet vorfahren und auch direkt vor Ort Wein kaufen, zu sehr vernünftigen Preisen).

Bei der Beurteilung der Produkte der beiden MW beginne ich zu differenzieren: Norrel Robertson’s Weine sind allesamt – immer in der jeweiligen Kategorie – absolute Spitzenklasse und begeisternd. Sein „El Cismatico“ 2016 aus alten Reben: ein finessereiches, aber auch relativ teures Wunderwerk! Sein „El Puño“ 2013: ein Kraftpaket mit feinen Nuancen. Sein „Manga del Brujo“ 2014, eine Assemblage, bei der Syrah, Tempranillo und Mazuelo der Garnacha beigemischt sind: ein Ausbund an Frische und Mineralität. Und dazu ein Syrah (Dos Dedos de Frente 2016), der keinen Vergleich mit Rhone-Weinen zu scheuen braucht, und auch ein Weisswein aus Macaebo, Garnacha Blanca und etwas Viognier, dem man aufgrund seiner Finesse und Frische nie die Herkunft Spanien geben würde. Kurz: Norell Robertson kreiert absolute Spitzenweine, und ich würde nur zu gerne seinen „El Cismatico“ neben einem Château Rayas (oder zumindest einem Pignan) probieren!

Etwas differenzierter sehe ich das bei Fernando Mora. Noch vor Jahresfrist liessen mich einige seiner Weine etwas ratlos. Mag sein, dass das, was ich als schon fast fehlerhaft empfand, nur gewöhnungsbedürftig und der sehr naturnahen Vinifikation geschuldet war, aber mit einer Ausnahme gefielen mir die Weine damals nicht besonders. Aber schon ein Jahr später hat mich die Mehrheit seiner Weine nun echt begeistert. Der – allerdings auch schon recht teure – „las Alas de Frontonio“ 2015 beeindruckt durch Kraft und „südfranzösische“ Aromen, und der „Telescopio“ 2013 durch Eleganz, Frucht und Mineralik. Und die preiswerten Angebote zumindest durch saubere, eigenständige Art. Die Weine von Fernando Mora sind interessant, teilweise auch schon grossartig – und wenn er weiterhin solche Qualitätssprünge macht, dann gehört er bald zu den ganz Grossen. Affaire à suivre!


Dass die beiden MW zusammen in Zürich anzutreffen waren, hängt damit zusammen, dass beide in der Schweiz von Gerstl Weinselektionen vertreten werden. Und dass in meinem Weinblog bisher Weine von Gerstl wohl eher überproportional vertreten sind, wiederum mit der Art und Weise, wie dieses Weinhaus den Zugang zu seinen Weinen ermöglicht:

Einmal jährlich kann das gesamte Sortiment jeweils einer Region oder eines Landes an einer Veranstaltung degustiert werden. Fast immer sind dabei die Weingüter persönlich vor Ort vertreten, nicht selten durch die Besitzer selbst. Ich finde solche Degustationen absolut vorbildlich. Man kann einen Wein vor dem Kauf probieren (ich habe hier schon mehrfach erwähnt, dass ich persönlich praktisch keinen Wein mehr in grösseren Mengen blind kaufe), man kann vergleichen und man kommt mit den Produzenten ins Gespräch. Diese Abende sind deshalb nicht nur spannend, sondern eigentlich reine Weiterbildung (und natürlich auch Verführung…).

http://escocesvolante.es/
http://bodegasfrontonio.com/en/winery/

Bei Gerstl gibt es übrigens ein Degustationspaket mit je drei Weinen der beiden MW. Wer sich einen ersten Eindruck verschaffen will, ist hier gut bedient:
https://www.gerstl.ch/de/degustations-boxen-weinglaeser/spanien/diverse/diverse/degustations-box-spanien-garnacha-von-den-beiden-master-of-wine-product-16526.html


100 Jahre – und kein bisschen müde

Vermutlich der Schweizer Wein schlechthin: 100 Jahre „Aigle les Murailles“.

Gerade noch rechtzeitig publiziert: 2018 feiert der „Schweizer Nationalwein“ seinen 100-jährigen Geburtstag

Eigentlich bin ich sicher: Es gibt keinen bekannteren Schweizer Wein als den „Aigle des Murailles“. Und der Wein, ein Chasselas, ist ein Phänomen – marketingmässig war er es schon in einer Zeit, als der Ausdruck hierzulande noch gar nicht bekannt war, und qualitativ haben es die Produzenten immer wieder geschafft, den Wein an der Spitze und am Puls der Zeit zu halten. Es ist zu hoffen, dass sie das auch im zweiten Jahrhundert weiterhin tun und sich auch nicht verzetteln.

1908 wurde die Firma Badoux Vins in Aigle gegründet, und 10 Jahre später – eben vor 100 Jahren – kam erstmals der Wein mit dem Namen „Clos les Murailles“ auf den Markt. Dieser Clos ist eine terrassierte, steile Südlage in Aigle. Schon der zweite Jahrgang, 1919, trug dann das von einem ortsansässigen Künstler geschaffene „Eidechsly“ auf der Etikette, und das ist bis heute so geblieben. Der Legende nach soll der Maler im Rebberg auf eine Eidechse gestossen sein, und so soll die Idee mit dieser Etikette entstanden sein. Aus dem Rebberg sind diese Tiere leider verschwunden, aber das soll sich wieder ändern:
https://www.coopzeitung.ch/themen/essen-trinken/wein/2018/wanted-gruenes-reptil-im-rebberg-99062/

Geändert hat mit der Zeit allerdings der Name des Weines, aus dem „Clos les Murailles“ wurde der „Aigle les Murailles“. Diese Anpassung dürfte dem Erfolg des Weines geschuldet, und damit juristisch zwingend gewesen sein, denn der eigentliche Clos ergibt nur rund 30’000 Flaschen pro Jahr – der heutige Absatz liegt aber bei rund einer Million Flaschen; die Trauben kommen also längst nicht mehr zur Hauptsache aus dem Clos! Quelle:
http://www.leregional.ch/N117217/100-ans-et-des-millions-de-bouteilles.html

Aber genau diese Anpassung machte es möglich, dass der „Eidechslywein“, so nannten ihn Generationen von Schweizerinnen und Schweizern, so erfolgreich wurde. Es gibt wohl keinen Weintrinker in einem gewissen Alter, der nicht die eine oder andere Anekdote erzählen könnte, welche mit diesem Wein verbunden ist. Ich selbst denke immer wieder daran, wie wir während des Militärdienstes in Genf jeweils im Ausgang im „St. Pauli“ gleich hinter dem Hauptbahnhof „Eidechslywy“ tranken und versuchten, mit Deutschweizer Mädchen anzubandeln (ich war da freilich erfolgloser als im Weintrinken…).

Perfekt muss auch über all die Jahre das Marketing gewesen sein – bis heute: Wie anders wäre zu erklären, dass der „Aigle les Murailles“ den Spagat schafft, sowohl in renommierten Weinhandlungen als auch im Supermarkt präsent zu sein. Und wie, dass die Marke offenbar keinen Schaden daran nimmt, dass der Wein immer wieder zu Aktionspreisen zu haben ist. Und ganz am Rand gelang es den Verkaufsstrategen von Badoux auch, den Eidechsliwy exportieren zu können – auch da könnten andere lernen. Umgekehrt hat die Firma erst in jüngerer Zeit begonnen, die Marke als Basis für andere Weine zu nutzen, erst seit wenigen Jahren gibt es auch einen Rotwein, einen Rosé und neuerdings gar einen Schaumwein namens „les Murailles“. Ob das gut geht, wird die Zukunft zeigen – angesichts des immer „guten Händchens“ im vergangenen Jahrhundert würde es niemanden wundern.

Der „Aigle les Murailles“ hat auch in qualitativer Hinsicht immer wieder gut abgeschnitten, so war er mit dem Jahrgang 2013 in einer Vinum-Probe mit 16.5 Punkten nur einen halben Punkt hinter dem Siegerwein (ein Calamin von Louis Bovard; vgl. später) ganz weit vorne platziert.
http://www.chandrakurt.com/fileadmin/user_upload/News/VINUM_1506_Chasselas.pdf
Ganz offensichtlich müssen sich, wenn gut gearbeitet wird, Quantität und Qualität nicht zwingend widersprechen!

Allerdings hätte dieser Beitrag auch ganz anders ausfallen können. Ich hatte ihn scnon im Sommer aufgrund des runden Geburtstages des Weines geplant und vorbereitet. Ich hatte den Wein auch in jüngerer Zeit immer gut und reell empfunden, war freilich beim 2015er etwas enttäuscht, da der Wein sehr breit und caramel-süsslich daher kam. Ich hatte das dem speziellen Jahrgang zugeschrieben, war dann aber wirklich vor den Kopf gestossen, dass der 2017er wieder ähnlich war – fast oxidiert erschien er mir. Ich hatte damals einen preislich ähnlich gelagerten Wein von Louis Bovard, einer wirklichen Referenz in der Westschweiz (siehe oben), als Vergleich gekauft, einen Epesses Chatally, und die Degustation war für den Aigle geradezu ernüchternd. Und in meinem Kopf hiess die Überschrift dieses Beitrages schon “ 100 Jahre und ziemlich müde“.

Weil ich nur selten über Enttäuschungen berichte und lieber über tolle Weinerlebnisse schreibe,
Ausnahme siehe hier: https://victorswein.blog/2018/02/03/wein-oder-sugus/
liess ich es sein, einen Beitrag zum Millenium zu schreiben, und darüber bin ich heute sehr froh. Denn offensichtlich handelte es sich im Sommer um eine schlechte Flasche. Weil das Thema aber weiter, und nur noch kurz, aktuell war, habe ich vorgestern nochmals zwei Flaschen gekauft – und welch‘ Unterschied: Der Aigle „Les Murailles“ 2017 war überhaupt nicht caramellastig oder mit oxydativen Anflügen versehen, sondern frisch und süffig:

„helles Gelb, glänzend; intensiv in der Nase, Bergamotte, Lindenblüte, Kamille; im Mund erfrischend und süffig, eher tiefe Säure, schlank, mittlerer Abgang. Alles in allem ein schöner, typischer und süffiger Chasselas“.

Auch dieses Mal schwang der „Epesses Chatally“ von Bovard für mich persönlich zwar knapp obenauf („verhaltene Nase, Quitten, Veilchen; sehr mineralisch, gute Säure, schlank, recht langer Abgang), aber mit Punkten bewertet wären beide wohl nahe beisammen.

So endet also auch meine ganz persönliche Geschichte im hundersten Jahr „Aigle les Murailles“ positiv. Es wäre auch zu schade gewesen, wenn ein Flaggschiff des Schweizer Weins plötzlich Schlagseite erhalten hätte! So aber freuen wir uns auf die nächsten 100 Jahre „Eidechsly“ – vielleicht gar wieder mich echten Tieren im ursprünglichen Clos!

https://www.badoux-vins.ch/de/
http://www.domainebovard.com/de/home.php


Extrem lehrreich: „single variedad Rioja“

Spannendes Degustationspaket mit drei sortenreinen Weinen

3 x Rioja, 3 x 2016, 3 x total verschieden und untypisch! (Man beachte die Etiketten, welche nicht identisch sind, sondern den Blättern der Traubensorte entsprechen!)

Mit der Rioja verbindet man automatisch – und oft nur – die Traubensorte Tempranillo. Dabei sind auch weitere Sorten zugelassen, allein für die Rotweine sind es deren fünf, zur Tempranillo gesellen sich Garnacha, Graciano, Mazuelo und Matruana Tinta (für den Weisswein sind sogar neun Sorten zulässig).
Reinsortige Tempranillos sind aber immer noch häufig. Aber wer hat schon jemals einen Wein aus der Rioja versucht, der ausschliesslich aus einer der anderen Sorten gekeltert wurde?
Delinat bietet nun ein Degustationspaket an, welches genau das möglich macht – und es ist extrem spannend! Enthalte sind je 2 Flaschen der Sorten Maturana, Graciano und Garnacha.

Eine Degustation zeigte, wie unglaublich unterschiedlich die möglichen Sorten der Rioja sind, und damit natürlich auch, wie vielfältig die Möglichkeiten der Weinproduzenten (ich schreibe in der Rioja bewusst nicht „Winzer“) sind, den Stil ihrer Weine zu kreieren (einmal ganz abgesehen von der Holzwahl):

Maturana:
Kräftiges, Purpurrot; würzige Nase, Heu, Wacholder, Rosinen, Datteln; spürbare Säure, leicht trocknende, aber schöne Tannine, elegant, eher kurzer Abgang. Eigenständiger, fruchbetonter, eher „leichter“ Wein, der aber gefällt.

Graciano:
Dunkles Rot; Vanille, dunkle, getrocknete Frucht, dunkle Kirschen, Heidelbeeren (erinnert irgendwie an einen Blaufränkisch!); ausgewogen, eher tiefe Säure, etwas grobe Tannine, helle Töne im Mund, langer Abgang. Feiner, trinkfreudiger Wein, wäre mit etwas mehr Säure noch besser.

Garnacha:
Sehr dunkles, fast undurchdringliches Rot; Tabak, Rauch, dunkle Beeren; im Mund extrem dicht, fast zum „Abbeissen“, gute Säure, adstingierend, relativ kurzer, säurebetonter Abgang. Komplexer, kraftvoller Wein.

Fazit der Degustation: Jeder Wein für sich ist toll, auch wenn wohl keiner die Finesse und Eleganz eines ganz grossen Riojas aufweist. Allerdings sei erwähnt, dass die Weine nach einer ganzen Woche im Kühlschrank noch praktisch gleich mundeten, wie nach der Flaschenöffnung; sie haben also Potential!

Absolut spannend ist aber, wie unterschiedlich die in diesem Weinbaugebiet zugelassenen Rebsorten sind. Schade ist eigentlich nur, dass zum Vergleich nicht auch ein reinsortiger Tempranillo in diesem Paket enthalten ist.

Interessant war freilich auch, wie sich die Weine danach zum Essen verhielten. Es gab einen Rindsbraten, und wir bevorzugten dazu ganz eindeutig den Graciano! Keine Spur von fehlender Säure, dafür eine kongeniale Symbiose zwischen einem tiefgründigen Wein und dem Essen! Einmal mehr zeigt dieses Erlebnis, dass eine „klinische“ Degustation und das Geniessen zu einem Essen nicht unbedingt das gleiche Resulat bringen müssen!

https://www.delinat.com/weine/9149.42.html

Wenige Informationen zum Weingut
Zum Weingut selbst ist mir leider, ausser, dass es in Logrono, dem eigentlichen Zentrum der Rioja, beheimatet ist und biologisch arbeitet (logisch bei Weinen von Delinat), nichts bekannt, was nicht im Internet jedermann selbst recherchieren kann. Sollte ich es je wieder in die Rioja schaffen (mein einziger Besuch in dieser wundervollen Landschaft datiert aus dem Jahr 1990) wäre dieses Gut sicher auf meiner Besuchsliste:
https://www.delinat.com/weinlese-blog/zwei-winzerbrueder-rocken-die-rioja/
https://www.lascepasriojawine.com

Zu den drei Sorten:
Die Sorte Graciano (Monastrell Menudo) soll möglicherweise mit der Monastrell/Mourvèdre die gleichen Eltern teilen
https://glossar.wein-plus.eu/monastrell
was mir degustativ nicht so falsch erscheint. Dass die Garnacha = Grenache ist, dürfte bekannt sein, weniger hingegen, dass die Matuarna eines ihrer Pendants sehr nördlich findet, nämlich im französischen Jura mit der Trousseau noir.
http://www.vivc.de/index.php?r=passport%2Fview&id=12668


Am Ende des Regenbogens: Loire oder Südafrika?

rainbows

Östlich von Stellenbosch, richtig auf dem Land, auf 540 m über Meer an der Grenze zum Jonkershoek Nature Reserve, einem langgezogenen, naturbelassenen Tal mit Wasserfällen gelegen, finden wir das Ende des Regenbogens! Oder, wenn man das Bild anschaut, beide Ende des Bogens! Vielleicht liegt aber ein Ende des Bogens auch in Südafrika und das andere an der Loire!

Das Weingut hier heisst denn auch „Rainbows‘ End“, ist seit 1978 in Besitz der Familie Malan, aber erst seit 2002 mit dem ersten eigenen Wein auf dem Markt. Jacques Malan, eigentlich Ingenieur, eignete sich sein Weinwissen zuvor in Frankreich (auf einem Gut in Montage St. Emilion) an, und erfüllte sich danach seinen Traum!

Den reinsortigen Cabernet Franc des Jahrgangs 2016 habe ich nur deshalb entdeckt, weil ich eines mittags in der Weinhandlung „Kap Weine“ in Wädenswil erschien und mich inspirieren liess. Oder besser gesagt, beraten. Dem Berater Sascha Hofmann stellte ich die Aufgabe, mir ein paar Rotweine unter oder um 30 Franken zu empfehlen. Weine, welche die Seele berühren.

Eine der Emfehlungen war der reinsortige Cabernet Franc von Rainbow’s End mit Jahrgang 2016. Und das ist wirklich eine ganz hervorragende Empfehlung. Dieser im Holz ausgebaute Wein bringt einfach alles mit, was einen gelungenen Cabernet Franc so grossartig macht.

„Dichtes Purpur; reife Peperoni, Vanille, dunkle Kirschen, Jostabeeren; sehr feine, elegante, noch leicht trocknende Tannine, prägnante aber nicht störende Säure, druckvoll und doch filigran. Ausgewogen, lang. Toller Wein“.

Ich kenne nur wenige Cabernet Franc’s von der Loire, die ich diesem Wein vorziehen würde. Allerdings ist er, so sortentypisch er daherkommt, doch irgendwie anders (es wäre spannend gewesen, diesen Wein blind in der Loire-Degu zu haben). Was aber wohl auch stimmt: es gibt viele Loire-Weine, die besser altern können. Der „Rainbow’s End“ wirkt nach zwei Jahren schon reif, dürfte zwar in den nächsten zwei bis drei Jahren noch dazugewinnen, aber lange lagerfähig, wie ein Spitzenwein von der Loire, dürfte er kaum sein (es sei denn, ich täusche mich, was bei diesem Wein möglich wäre).

Trotzdem: Der „Regenbogen-Cabernet-Franc“ ist ein traumhafter Wein der wunderbar  zeigt, was das Weinland Südafrika zu bieten hat!

PS: Den ersten Wein, den mir Sascha Hofmann vorgeschlagen hatte, habe ich schon vor einer Woche probiert, mit einem ähnlich positiven Ergebnis: „Savage Red“, ein „südfranzösischer“ Blend mit Syrah-Dominanz – hervorragend!

Fazit: Wenn eine Weinhandlung echte Weinkenner beschäftigt, lohnt es sich immer, sich vor Ort beraten zu lassen!

http://kapweine.ch/

http://rainbowsend.co.za/

Ein 28-jähriger Hermitage: chamäleonal!

Trotz Vorurteilen: „Monier de la Sizeranne“ 1990 phänomenal gut

Hermitage anfangs der 1990er-Jahre, das waren Jean-Louis Chave und die beiden Handelshäuser Jaboulet Aîné und Chapoutier. Vielleicht noch Sorrel und Faurie, aber die waren damals etwas unregelmässig. Und Ferraton, heute hoch gelobt, war im besten Fall Mittelmass. Allerdings hatte in jener Zeit auch das Haus Chapoutier nicht den allerbesten Ruf.

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Am Hügel von Hermitage vor dreissig Jahren wie ein Sinnbild: Chapoutier damals weit unter Jaboulet Aîné. (Bild vl, 1991)

Ein bisschen zeigte sich das schon bei Besuchen der beiden Häuser: Bei Chapoutier in einem dunklen, alten Kontor – bei Jaboulet etwas ausserhalb von Tain in einem hellen, stolzen und modernen Neubau.

Die damalige Wertschätzung zeigte sich auch später: Frustriert davon, dass Weine, die ich für rund Fr. 30.– eingekauft hatte, plötzlich mehr als den zehnfachen Wert aufwiesen, und neue Jahrgänge weit über meinen finanziellen Möglickeiten kosteten, wollte ich vor etwa 10 Jahren einige Flaschen verkaufen. Während für den 90er „La Chapelle“ von Jaboulet ein Phantasiepreis bezahlt wurde, wollte der renommierte Ankäufer von Chapoutiers „Monier de la Sizeranne“ des gleichen Jahres schon gar nichts wissen. So lagerte diese Flasche eben weiterhin in meinem Keller, und jedes Mal, wenn ich mit dem Gedanken spielte ihn zu öffnen, verwarf ich die Idee, weil ich eine Enttäuschung erwartete.

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Wunderschöne Landschaft, herrlicher Wein: Der Hermitagehügel über der Rhone, von unten und von oben. (Bilder vl, 1991)

Die qualitative Wiedergeburt des Hauses Chapoutier

Gerade im Jahr 1990 sollte aber auch in der langen Geschichte des Hauses Chapoutier (es wurde schon 1808 gegründet) ein neues, erfolgreiches Kapitel aufgeschlagen werden. Michel Chapoutier übernahm die Leitung von seinem Vater Max, und der Sohn war sich bewusst, dass sein Unternehmen nur mit Qualitätsarbeit eine Zukunft hat. Vor allem aber stellte er nach und nach auf biodynamische Produktion um. Heute geniesst das Haus Chapoutier zu recht wieder einen hervorragenden Ruf, und ich bin sicher, dass ein Raritätenhändler in 15 Jahren noch so gerne einen „Monier de la Sizeranne“ aus der aktuellen Zeit aufkaufen würde.

Und trotzdem: auch der 1990er war phänomenal gut

hermitag-chapoutirKürzlich obsiegte dann doch die Neugierde in Bezug auf den Zustand des Jahrgangs 1990. Schon die ersten Aromen in der Nase zeigten, dass der Wein sicher noch trinkbar war. Vorherrschend waren Liebstöckel und Thymian. Auch ein erster Schluck überzeugte, ein zwar eher filigraner Wein, aber noch jung wirkend, mit präsenten Tanninen und vor allem auch Säure. Auch die Farbe war noch erstaunlich jugendlich.

Nach etwa einer Stunde Luftkontakt hatte sich der Wein verändert, als wäre er ein Chamäleon. Nun duftete er auch wie ein junger Wein, und zwar eher wie ein Pinot als wie ein Syrah: helle Beeren und Anflug von Waldpilzen. Das Trinken des Weines war ein Hochgenuss, auch im Mund war er runder und ausgewogener geworden – einfach phänomenal gut! Und der Beweis, dass Chapoutier auch in den eher mageren Jahren sehr guten Wein machen konnte.

Das Finale folgte aber erst noch: Ich liess ganz bewusst etwas von dem Wein stehen und probierte ihn andertags nochmals: Erneut hatte er sich total verändert, jetzt überwogen dunkle Beerenaromen, Cassis und Lakritze. Vor allem aber war der Wein noch immer voll präsent und genussvoll zu trinken. Ich bin überzeugt, dass er auch in nochmals 10 Jahren noch Freude machen würde.

Also, liebe Raritätenhändler, wenn euch jemand eine solche Flasche anbietet: zugreifen! (Oder vielleicht auch besser nicht – der verhinderte Verkäufer soll ihn ruhig selber trinken, das macht richtig Spass!)

https://www.chapoutier.com/

https://www.delinat.com/chapoutier.html

http://www.jaboulet.com/Website/site/fra_prehome.htm

http://hermite.fr/domaine-jean-louis-chave/

http://www.marcsorrel.fr/

http://www.ferraton.fr/

Und hier noch der erwähnte Händler, ihn habe ich als sehr offen und fair erlebt:

http://www.cavebb.ch/de/

Ribera del Duero: auch preiswert kann gut sein!

Ein „Blindkauf“, der sich gelohnt hat

Ich liebe es, in Weinhandlungen herumzustöbern und mich vom Angebot inspirieren zu lassen. Einiges ist völlig unbekannt, und zuweilen probiere ich einfach mal aus und kaufe eine Flasche. Das ist nicht nur sinnlicher als Onlinekäufe, sondern auch insofern besser, als man nicht gleich einen 6er-Karton kaufen muss. (Ganz generell: ich kaufe fast nie mehr mehrere Flaschen von einem Wein, den ich nicht degustieren konnte). Solche Blindkäufe, zumal im preislich vernünftigen Bereich, enden zwar oft in einer Enttäuschung; aber das ist Lehrgeld im guten Sinne. Manchmal aber ist es auch lohnend:

Letzte Woche stöberte ich also im Mövenpick in Winterthur, einem etwas versteckt liegenden Laden, der aber schön angelegt ist und aussergewöhnlich gutes Personal beschäftigt. Beim Stöbern ist mir eine Flasche Ribera del Duero aufgefallen, eine Crianza zwar „nur“, aber für unter zwanzig Franken, und erst noch biologisch produziert.

torremilanos
Sehr überzeugend und „preiswert“: der biologisch-dynamisch produzierte „Torremilanos“

Heute Abend haben wir den Wein probiert – und er war sehr überzeugend. Sogar meine Frau, eine Pinot-Liebhaberin, liess die Pinot-Alternative stehen und genoss den Tempranillo!

Die Degustationsnotiz:
Dunkles, gänzendes Purpur; dunkle Beeren, Wacholder, Vanille; gute Säure, feine, präsente Tannine, hoher, aber gut eingebundener Alkoholgehalt, druckvoll – gleichzeitig kräftig und elegant. Langer, von Fruchtaromen geprägter Abgang. Toller Wein.

Der Wein mag zwar vielleicht nicht gerade die „Seele berühren“, aber er berührt auch den Geldbeutel nicht über Gebühr. Und er gefällt sehr durch seine fruchtige, kräftige und gleichzeitig samtige Art und Weise. Und in Sachen Preis/Leistung ist er fast unschlagbar. Mövenpick beschreibt ihn als „sicheren Wert“ und untertreibt dabei meines Erachtens. Ich werde mir ein paar Flaschen in den Keller legen und bin fast sicher, dass er in zwei bis drei Jahren sogar noch mehr Spass machen wird.

Die Bodega Peñalba-Lopez (auf der Finca Torremilanos) befindet sich nahe des Städtchens Aranda del Duero auf der Südseite des Duero – etwa 100 Km östlich von Valladolid. Das Weingut wurde 1903 gegründet und 1957 von der heutigen Besitzerfamilie Peñalba-Lopez übernommen. Es handelt sich um ein grosses Gut mit fast 200 ha Fläche, das die Reben nach Demeter-Richtlinien biodynamisch bewirtschaftet.

https://www.torremilanos.com/

https://www.moevenpick-wein.com/de/2014-torremilanos-crianza-ribera-del-duero-do-bio-finca-torremilanos-bodegas-penalba-lopez-bio.html

https://www.moevenpick-wein.com/de/movenpick-weinkeller-winterthur

Amigne: Walliser Rarität mit enormem Potential

Amigne, das tönt schon so liebevoll. Und der Wein aus dieser Sorte ist es auch. Sei es in der trockenen Variante, wo eine Amigne sanft, aber mit viel Tiefgang über die Kehle rinnt, sei es in süsser oder halbsüsser Variante, in der liebliche Weine im besten Sinn des Ausdrucks entstehen.

Eine Rarität ist eine Flasche Amigne auf jeden Fall: Die Sorte wird nur auf rund 43 Hektar angepflanzt und kommt praktisch ausschliesslich im Wallis vor. Der grösste Teil der Flächen befindet sich in Vétroz, etwas westlich von Sion.

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Walliser Reblandschaft bei Vétroz, der Hochburg der Amigne

Lange Zeit war man der Ansicht, bei der Amigne handle es sich um eine antike Traubensorte. Der Schweizer Spitzen-Ampelograph José Vouillamoz konnte aber per DNA-Analyse nachweisen, dass die Amigne ihren Ursprung im Wallis hat – es handelt sich also um eine der wenigen wirklich autochthonen Sorten des Tals!
Wer sich für die Arbeit von José Vouillamoz interessiert, hier der Link: (Der Besuch der Homepage lohnt sich übriges schon der herrlichen Bilder auf der Startseite wegen!)
http://www.josevouillamoz.com/

Erfreulicherweise befindet sich auch diese Rarität im Aufschwung. Immer mehr Winzer besinnen sich darauf, dass Spezialitäten auf lange Frist wohl einen besseren Absatz haben als austauschbare internationale Sorten. Die Winzer von Vétroz sind sogar noch einen Schritt weitergegangen und haben die Amigne zu ihrem eigentlichen Imageträger gemacht.
http://www.amigne.ch/de/amigne.html.

Auf unserer Degustationstour im Mai konnten wir bei vier verschiedenen Winzern in resp. nahe Vétroz Amigne probieren, und alle haben überzeugt (Cave la Madelaine, Cave les Ruinettes, Cave du Vieux-Moulin und Domaine Thierry Constantin) – auch wenn ich persönlich selbst bei nur leicht restsüssen Weinen halt nie wirklich ins Schwärmen komme.
(Links zu allen vier Winzern siehe oben, http://www.amigne.ch, unter „Erzeuger“)

Auch der grösste Weinhändler der Schweiz „kann“ Amigne, und wie!

Dass die Grösse eines Weinhauses kein Hindernis für sehr guten Wein sein muss, beweist die Amigne von Maurice Gay (wie übrigens auch immer wieder die Weine der Walliser Genossenschaft Provins, dem grössten Schweizer Weinproduzenten). Das Weinhaus Gay wurde 1883 gegründet, gehört aber heute zur Schenk-Gruppe, dem grössten Schweizer Weinimporteur und Weinhändler. Die Weine von Maurice Gay werden aber weiterhin unter dem eigenen Namen geführt (wie es überhaupt ein Erfolgsrezept von Schenk zu sein scheint, die vielen Güter eigenständig beibehalten zu haben). Gay ist in Chamoson beheimatet und verarbeitet die Trauben von rund 400 Winzerfamilien aus dem Wallis, die gesamthaft etwa 250 Hektar Reben bearbeiten. Dazu kommen Trauben aus 20 Hektar in eigenem Besitz.

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Die Amigne aus der Produktelinie „valais d’or“, die ich als Einzelflasche versuchsweise gekauft hatte, überzeugt total:
Duft nach Lindenblüten und Feuerstein, floral und in der Nase süsslich wirkend, im Mund mit ausgeprägtem Süsskomplex, aber trocken, eher tiefe Säure, enorm mineralisch, sanft und rund, mit fast nicht enden wollendem Abgang. Ein absolut toller Wein!

https://www.mauricegay.ch/

 

 

 

Roches d’Aric: reinste biologische Medizin!

Ein Arzt und ein Zahnarzt präsentieren einen Wein wie Samt und Seide

Was passiert, wenn der Dorfarzt und ein Zahnarzt einen eigenen Wein machen? Meistens würde das wohl wie Medizin schmecken; bittere, wohlverstanden. Im Roches d’Aric hingegen könnte höchstens der dezente Thymianduft auf einen Hustensirup hinweisen. Aber weit gefehlt, der Wein ist wundervoll, reinste Medizin – vor allem für die Seele!

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Samt und Seide aus Stein von den bio-dynamischen Medizinmännern: Roches d’Aric (Bild vl)

Die Assemblage aus Carignan, Grenache, Syrah und Mourvèdre des Jahrgangs 2011 war freilich in der Jugend ziemlich wild und fast ein bisschen unnahbar, wobei ich persönlich solche Weine auch in dieser Phase liebe. Nun aber, im Alter von 7 Jahren, wirkt er sanft wie Samt und Seide. Dabei sind aber noch keine der klassischen Alterstöne zu spüren, im Gegenteil, in Nase und Mund sind dunkle Früchte, kombiniert mit Gewürznoten, vorherrschend. Einfach ein toller, sinnlicher Wein!

Leider lässt sich im Internet nicht viel mehr recherchieren als der Leser mit zwei Klicks selber entdecken kann (siehe unten). Hier immerhin soviel:

Seit 2002 arbeitet das Gut des Arztes Jean und des Zahnarztes Paul Lignères mit dem italienischen (!) Weinberater Stefan Chioccoli zusammen, und seit dem gleichen Jahr wird das Gut biologisch bewirtschaftet. Inzwischen arbeitet die Domaine sogar bio-dynamisch. Vor zwei Jahren wurde die Domaine Lignères von Delinat gar als „Biodiversitätswinzer des Jahres“ ausgezeichnet, ein Prädikat, das ohne sehr ernsthafte Bemühungen für die natürliche Umgebung als Ganzes nicht zu erhalten ist. Mediziner wissen wohl einfach, was für die Menschen gut ist: Samt und Seide, natürlich verpackt!

http://www.familleligneres.com/index.html

https://www.delinat.com/ligneres.html

 

Wachau: Ideal für Smaragde (-idechsen)

terrassen-wachau
Steinterrassen hoch über der Donau: Ideal für Smaragd-Weine und für deren Namensgeber, die Smaragd-Eidechsen (Bild vl)

Eine Nachlese aus Ferien, die (eigentlich) nicht dem Wein gewidmet waren

Es war Zufall – dem guten Wetter geschuldet -, dass wir in die Wachau reisten, und zudem war es ein reiner Ferienanlass ohne bewussten Weinbezug. Die beiden Post’s
https://victorswein.blog/2018/05/29/flash-aus-der-wachau-federspiel-von-rudi-pichler/
https://victorswein.blog/2018/05/30/flash-aus-der-wachau-ii-hier-gibt-es-auch-tolle-rotweine/
entstanden denn auch nur spontan aufgrund von tollen Erlebnissen während des Essens.

Aber wie das Leben so spielt, manchmal wird man auch zum Glück animiert. Auf die beiden Blogbeiträge erhielt ich die Frage, ob denn auch über die „Smaragde“ noch etwas folgen werde. Die Wachau kennt eine etwas spezielle, aber irgendwie sympathische Klassierung der Weine in drei Qualitätskategorien (vielleicht wäre der Ausdruck „Stil-Kategorien“ besser). Die Smaragde, benannt nach den gleichnamigen Eidechsen, die sich auf den Steinterrassen der Weinberge sonnen, stellen dabei die oberste Stufe dar. Details siehe:
https://www.vinea-wachau.at/vinea-wachau/die-vinea-marken/

Eigentlich hatte ich nicht geplant, noch mehr über die Wachau zu schreiben, aber die Idee reizte mich auch aus eigenem Interesse, obwohl die Zeit zu knapp war, um selbst seriös zu recherchieren. Was tun?

Im Hotel erhielt ich den Tipp, doch die Vinothek Fohringer zu besuchen. Hubert Fohringer, früher Top-Sommelier, verwirklichte sich in Spitz an der Donau einen Traum und eröffnete zusammen mit seiner Frau die Vinothek Fohringer, die sich perfekt mit seinem Dienstleistungsangebot der Weinberatung kombinieren liess.

Die direkt an der Donau in einem alten „Schiffmeisterhaus“ eingerichtete Vinothek ist allein optisch schon einen Besuch wert. Es gibt hier nicht nur Wein, sondern auch vieles rund um die Weinkultur, und zwar in einer sehr geschmackvollen Präsentation. Und der eigentliche Weinteil hat es in sich – hier gibt es, auch international, alles, was Rang und Namen hat. Und für Oesterreich, und noch spezieller die Wachau, gilt diese Feststellung erst recht! Mir stand der Sinn aber nicht nach den grossen Namen wie Knoll, Prager, Hirtzberger, Pichler(s) oder Veyder-Malberg , sondern nach Produzenten, die ich noch nicht kannte. Also liess ich mich beraten mit dem Wunsch: guter Grüner Veltliner in der Smaragd-Qualität von eher unbekannten Winzern.

Die Beratung – wie ich erst später feststellte – durch Stefanie, die Tochter von Hubert Fohringer, welche inzwischen zusammen mit ihrem Lebenspartner die Geschicke der Vinothek mit bestimmt – war der Zielsetzung entsprechend perfekt: Ich bekam den Wein von Stefan Gebetsberger (2017 Ried Steinporz) als elegant, und jenen von Josef + Herta Donabaum (2017, Ried Zornberg) als üppiger und runder, empfohlen. Beides Weine, die auch preislich mit 13 bis 14 Euro sehr vernünftig geblieben sind.

Wieder daheim, habe ich die beiden Smaragd-GV’s blind probiert, und sie fielen genau so aus, wie sie von Stefanie Fohringer beschrieben worden waren:

Gebetsberger:
Verhaltene Nase, süssfruchtig, dezenter Bergamottenduft, im Mund finessenreich, sehr mineralisch, elegant, filigran, aber mit langem Abgang. Toller GV der leichten, aber doch intensiven Art.
Donabaum:
Feine Aromen von Quitten und Mirabellen, im Mund füllig, dicht und rund, spürbarer, aber sehr gut eingebundener Alkohol, absolut trocken aber mit spürbarem Süsskomplex. Ebenfalls toller Wein der runden und üppigen Art.

fohringer
Elegant (links) und üppig (rechts) – sehr gut empfohlen von Fohringer! (Bild vl)

Zusammengefasst: Was mir hier für wenig Geld empfohlen wurde, ist grosse Klasse und zeigt, welch hohes Niveau die ganze Region Wachau hat. Geärgert habe ich mich daheim nur darüber, dass ich nicht auch ein paar Flaschen von Winzern mit grossen Namen aus dem gleichen Jahrgang gekauft habe. Dass die beiden beschriebenen sehr gut sind, steht ausser Zweifel, aber ein Vergleich mit der Elite wäre noch spannender gewesen.

Der Trost (und die Info für Schweizer Leser): Dies lässt sich noch nachholen, denn die Vinothek Fohringer liefert einmal monatlich auch in die Schweiz.

https://www.fohringer.at/

http://www.weingut-gebetsberger.at/startseite.htm

http://www.weindonabaum.at/

 

Bordeaux 2015 – trau, schau, wem. (Vor allem dir selbst!)

Diese Woche hatte ich Gelegenheit, an der spannenden Arrivage-Degustation der Bordeaux des Jahrgangs 2015 bei Gerstl (www. gerstl.ch) teilzunehmen. Was zuerst auffiel: Es hatte viel mehr Teilnehmer als ein Jahr zuvor bei der Ankunft des Jahrgangs 2014. Auch Weinfreunde sind offenbar Herdentiere; wenn einige rufen, „Jahrhundertjahrgang“, dann, und nur dann, rennen sie. Schade, denn es gab sogar einige Güter, bei denen mir der unterschätzte 14er besser gefallen hatte!

Obwohl die ganz „Grossen“ nicht vertreten waren (keine Premiers und fast keine Super-Seconds) gab die Degustation einen sehr guten Überblick. Ganz generell halte ich den Hype um das Jahr 2015 für übertrieben. Zwar ist es sicher ein grosser Jahrgang, aber bekanntlich sind ja immer die noch nicht verkauften Jahre die allerbesten!

Es gibt sie aber durchaus, die Weine aus dem Jahr 2015, die bewegen und die das Zeug haben, zu Legenden zu werden. Das trifft durchwegs auf Güter zu, die trotz der Kraft des Jahrgangs auf Eleganz und Finesse Wert legten. Ein Musterbeispiel für solche herausragende Gewächse ist Pichon-Lalande: das ist ganz grosses Kino, was hier in die Flasche gebracht wurde (wobei gerade hier anzumerken ist, dass ich den 14er fast ebenso hoch einstufe).

pichon
Schon immer gut und speziell, in den letzten Jahren ganz an der Spitze: Pichon-Lalande (Pichon-Longueville Comtesse de Lalande).

Weitere tolle Beispiele sind Grand Puy Lacoste (zum Ausflippen schön, filigran und kraftvoll zugleich, und ich bin nicht sicher, ob er nicht sogar auf der gleichen Stufe wie Pichon-Lalande steht), Malartic-Lagravière, Clos Dubreuil, Beauregard, Léoville-Poyferré, du Tertre, Lagrange, Calon-Ségur, oder auch, etwas üppiger, Giscours. Auch bei den etwas günstigeren Gewächsen gibt es sehr positive Erwähnungen; Monbrison (wobei: sind 36 Franken noch günstig?), Moulin Haut-Laroque, Léandre-Chevalier, Meney, Le Bosque, Gaillard und Cambon La Pelouse, letzterer in Sachen Preis-/Leistung wohl der Allerbeste (wunderbar, wie sich dieses früher unbekannte, schon fast in den Vororten von Bordeaux gelegene Gut entwickelt hat)!

pontet canet
Pontet-Canet: Mit Bio-Dynamie zum grossen Erfolg!

„Outstandig“ in jeder Hinsicht ist Pontet-Canet. Die Entwicklung dieses Gutes ist unglaublich. Ich habe in meinen Notizen von der Primeurverkostung des Jahrgangs 1989 in Bordeaux nachgesehen. Damals lag das Gut bei mir von allen verkosteten Weinen am Schluss, Freude machte der Wein keine, ich notierte „peinlich, dass ein klassiertes Gut so schlechten Wein machen kann“. Und heute (wie schon seit einigen Jahren), unter anderen Besitzern und nach der Umstellung auf bio-dynamischen Weinbau im Jahr 2004: Was für ein Wein! Welche Wucht, welche Üppigkeit – und, auch wenn es paradox tönt – gleichzeitig welche Weichheit, Eleganz und Finesse! Pontet-Canet hat seinen ganz eigenen Bordeaux-Stil gefunden und ist zwar teuer geworden, in Relation gesetzt, aber noch preiswert geblieben!

Negativ aufgefallen ist hingegen, dass zu viele Weine auf „Fruchtbombe“ gemacht sind. Da stellt sich ernsthaft die Frage, ob man nicht besser gleich das (meist billigere) „Original“ aus Australien, Spanien, Süditalien oder den USA kaufen soll. Und bei einigen dieser für mich untypischen Bordeaux kommt noch dazu, dass die Säure tief liegt. Auffällig ist, dass dieser Weintyp im Libournais häufiger vorkommt als im Médoc. Vollreifer Merlot war 2015 vielleicht kein Vorteil. Es wird spannend sein, die Entwicklung dieser Weine zu beobachten und in 10 oder 20 Jahren abschliessend zu urteilen.

Vertreter dieser Fruchtbomben-Weine, die mir persönlich nicht gefallen haben sind u.a. Pape-Clément (für mich auch sonst  enttäuschend), Troplong-Mondot, Faugères und Lascombes.

Auf allerdings sehr hohem Niveau eher enttäuschend fand ich zudem Cos, dem es an Säure mangelt, Haut-Bailly, der vielleicht gross wird, mich aber im Moment ratlos lässt, de Chevalier, und auf tieferem Niveau Sociando-Mallet, der ein Schatten frühere Jahre ist.

Trau, schau – dir

Es gilt also auch im „Jahrhundertjahrgang“ 2015, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Ich komme ohnehin je länger je mehr dazu, dass ich nur noch kaufe, was ich selbst probiert und für gut befunden habe. Denn letztlich zählt nur der eigene Geschmack, und dass der unterschiedlich sein kann, wurde mir beim Lesen eines Facebook-Eintrags eines anderen Teilnehmers an der Degustation bewusst: Dieser lobte nämlich ausgerechnet Cos und Troplong-Mondot. Immerhin: Pichon-Lalande war auch auf seiner Favoritenliste!