Cooperation Dirk Niepoort – Jan Schwarzenbach: Da ist das Marketing besser als der Wein.

Wenn sich zwei Wein-Koryphäen zusammentun um einen Wein zu lancieren, dann dürfte man ja Grosses erwarten. Gut, der Preis von rund CHF 21.00 lässt die Erwartungen dann schon etwas dämpfen. Und nach dem Probieren bleibt das Fazit: Das Marketing ist top, der Wein … nein, nicht gerade flop, aber auch nicht „shop“.

Ich schreibe ja sehr selten negativ über Weine. Jedem Winzer kann einmal ein Missgeschick passieren, und da mag ich dann lieber den Schleier des Vergessens darüber legen. Mein Weinblog soll ja vor allem Spass am Wein vermitteln. Aber hin und wieder sticht mich das Teufelchen, vor allem, wenn uns das Marketing ein X für ein U verkaufen will. So etwas hat meines Erachtens in der Welt der Weinfreunde nichts verloren (naiv, ich weiss!).

Dirk Niepoort, der sympathische, umtriebige Tausendassa (u.a. Inhaber der renommierten Portweinfirma gleichen Namens) und Jan Schwarzenbach, einer von nur 4 „Master of Wine“ der Schweiz, haben zusammen einen Wein lanciert. Schwarzenbach arbeitet bei Coop (auch nachdem er seinen MW erworben hat ist er seinem Arbeitgeber treu geblieben), und so war es naheliegend, dass der Grossverteiler den Wein unter seiner Reihe „Cooperation Wine“ lanciert.

Niepoort/Schwarzenbach und Coop beherrschen offensichtlich das Marketing aufs Beste. Der Wein bekommt zusätzlich eine schöne Halskrause mit einem kleinen Prospekt. Dessen Inhalt ist zwar völlig nichtssagend (eben, wohl Marketing unserer Zeit), aber er gibt dem Produkt gleich nochmals einen höheren Anspruch. Ich bin mir sicher, dass viele Weinfreunde den Wein allein aufgrund des Marketings ganz einfach toll finden „müssen“.

Prospekt zum Wein an jeder Flasche, man erwartet einen Spitzenwein.

Dass Niepoort selbst das Marketing beherrscht, beweist auch sein „Fabelhaft“. Bei diesem trockenen Wein mit deutschem Namen aus dem Douro-Tal soll es sich inzwischen um den meistverkauften Wein aus Portugal handeln.

Man darf den „Niepoort-Schwarzenbach-Cooperation“ durchaus als gut bezeichnen. Ich würde ihm 16 Punkte verteilen, was nach meinem Massstab tatsächlich „gut“ heisst. Aber er ist auch nicht mehr als das, gar etwas sehr harmlos, und letztlich ist man, angesichts der Erwartungshaltung die das Marketing geschürt hat, dann halt wirklich enttäuscht. Man kann den Wein kaufen und man kann ihn durchaus geniessen. Aber in dieser Preiskategorie gibt es hunderte von Weinen, die mehr Eindruck hinterlassen und Spass machen. Und man kann eigentlich auch gleich den deutlich günstigeren „Fabelhaft“ kaufen. Ich habe beide Weine des Jahrgangs 2016 nebeneinander degustiert, und die Ähnlichkeit ist frappant. Der Cooperation ist etwas dichter, dafür hat der Fabelhaft etwas mehr Säure – aber der Weintyp ist letztlich der gleiche!

Cooperation Niepoort/Schwarzenbach 2016:
Mittleres Rot; in der Nase helle Fruchtarmen, Nelken, schwarzer Pfeffer, Boskoop-Apfel; im Mund schlank, rund und durchaus harmonisch. Eher kurzer Abgang.

Auf der Coop-Homepage schreibt jemand zu diesem Wein in einem Kommentar: „… und dass MW Jan Schwarzenbach seinem selbst „gebrauten“ Wein 5 Sterne gibt, disqualifiziert ihn meines Erachtens als ernstzunehmenden Weinkritiker.“ Man kann sich der Kritik bezüglich der 5 Punkte absolut anschliessen (und immerhin anerkennend zur Kenntnis nehmen, dass der Kommentar nicht gelöscht wurde), allerdings nicht unbedingt in Bezug auf die Würdigung Schwarzenbach’s als Weinkritiker, sonst wäre er nicht MW. Aber hier tritt er halt vor allem als Verkäufer auf – eigentlich schade, dass er nichts Besseres zu bieten hat. Und dass Dirk Niepoort bessere Weine herstellt, steht ohnehin ausser Zweifel.

Online-Degustationen sind mehr als nur ein Lückenfüller! Und die Weinzeitschriften pennen.

Die zwei Online-Degustationen, auf die ich hier hingewiesen hatte, sind inzwischen schon vorbei. So unterschiedlich sie waren – das ist ein Kanal, der meines Erachtens auch nach Corona nicht mehr wegzudenken sein wird!

Bevor ich in meinem nächsten Beitrag wieder sozusagen auf „Normalmodus“ schalten und über einen begeisternden Piwi-Wein schreiben werde, blicke ich kurz zurück auf zwei digitale Degustationen:

Die Cave du Rhodan aus Salgesch und das Weingut Schwarz aus Freienstein waren die ersten – oder gehörten zumindest zu den ersten – die reagiert haben, und welche die Degustationen vor Ort mit einer virtuellen Veranstaltung zu ersetzen versuchten. Siehe hier:
https://victorswein.blog/2020/03/23/corona-macht-erfinderisch-spannende-online-degustationen-zum-mitmachen/

Vorweg: Beide Veranstaltungen sind ausserordentlich gut gelungen! Dabei hätten sie unterschiedlicher kaum sein können. Am 2. April die Degustation der Cave du Rhodan mit dem Ehepaar Mounir, das im „Studio“ (vor dem Barriquekeller) medial und vinologisch so professionell auftrat, dass man sie problemlos gleich dem TV empfehlen könnte.

Das „Studio Rhodan“ vor dem Barriques-Keller in Salgesch …
… das Ehepaar Sandra und Olivier Mounir live …

Am 3. April das Ehepaar Schwarz, das jugendlich-unbekümmert und frisch präsentierte und dabei auch durch die Rebberge streifte und nicht nur Wein, sondern auch ihre Tiere vorstellte (das Büsi [Katze] ist mir ans Herz gewachsen!). Beide brauchten rund 75 Minuten, die Mounir’s für sechs, die Schwarz‘ für drei Weine. Gratulieren darf man beiden, so „aus dem Boden gestampft“ waren das ganz hervorragende Produktionen!

… und das Freiluft-Studio des Ehepaars Priska und Andreas Schwarz, Schwarz Weingut, in Freienstein.

Beide Degustationen waren naheliegenderweise so gestaltet, dass sie sich an ein interessiertes, aber nicht professionelles Publikum wandten. Also sozusagen an den Durchschnitt der Besucher, die normalerweise an die Tage der offenen Weinkeller strömen. Gratulation an beide Paare, sehr gut gemacht!

Persönlich bin ich überzeugt, dass das digitale Format Corona überdauern wird. Natürlich ist der persönliche Kontakt eigentlich unersetzbar. Aber ich persönlich würde nur sehr selten für eine Degustation ins Wallis fahren, aber online teilnehmen, das geht – und man kann erst noch hin und wieder einen feinen Tropfen schlucken, da man danach nicht mehr fahren muss! Ich kann mir das Format auch für Profis vorstellen, dann allerdings nicht „eindimensional“ auf dem Youtube- oder Facebook-Kanal, sondern als interaktive Vidoekonferenz. Wetten, dass wir uns dereinst erinnern und sagen „während Corona haben findige Winzerinnen und Winzer damit begonnen“?

Beide Weingüter bieten weitere, teils auch spezialisierte und für kleinere Gruppen „designte“ digitale Degustationen an, für welche man noch Weine bestellen kann. Inzwischen gibt es aber auch schon weitere Güter und teils auch Weinhandlungen, welche diesen neuen Kanal ausprobieren, wie etwa – ebenfalls aus Salgesch, das zu digitalen Hochburg wird – das Haus Albert Mathier et Fils:
https://rhodan.ch/pages/live-weindegustation
https://weingutschwarz.ch/eventsver/live-weindegustation/
https://mathier.ch/events-ausfluege/virtual-winetasting/

Weinzeitschriften pennen

Bestimmt gibt es weitere Güter, welche diesen neuen Weg beschreiten. Es wäre wohl die Chance für Weinzeitschriften, sich nun mit einem täglich aktuellen „Onlineführer“ zu positionieren. Ein Check bei Vinum, Falstaff, Revue du Vin de France und Decanter ergab leider keinerlei Hinweise, dafür sieht der Veranstaltungskalender von Vinum trostlos aus, das Wort „abgesagt“ ist angesagt. Alle Homepages präsentieren sich so, als wäre nichts geschehen, bei Decanter findet man immerhin den für die Allgemeinheit so wichtigen Hinweis, dass die Prüfungen für den MW-Titel verschoben wurden.

Bitte verstehen Sie mich nun nicht falsch: Ich schätze alle erwähnten Titel sehr, und gerade Vinum ist in den letzten Jahren wieder eine richtig gute Informationsquelle geworden. Aber es passt so überhaupt nicht zusammen, über die virtuelle Konkurrenz zu jammern (ich habe mich darüber schon einmal ausgelassen):
https://victorswein.blog/2019/04/28/ein-gutesiegel-fur-weinblogs-und-ein-gratis-tipp/
und dann in einer solchen Zeit einfach auf die nächste Print-Ausgabe zu warten, sofern dann dazu überhaupt etwas zu diesen digitalen Degustationen geschrieben wird.

Sorry liebe Weinjournalisten, ihr verpasst gerade einen Zug, der voll am Anfahren ist!

Verrückte Zeiten – tolle Ideen. Und ein wenig (leider restsüsse) Normalität.

Es ist bewundernswert, mit wie viel Kreativität einige Winzer und Weinhändler plötzlich auftrumpfen. Aber trotzdem muss man ja nicht jeden Wein dann einfach gut finden. Für heute deshalb mehr eine Plauderei als eine Weinbeschreibung.

Aktuell überbieten sich Winzer und Lieferanten mit mehr oder weniger kreativen Angeboten. Zwei coole Online-Degustationen habe ich schon in meinem letzten Beitrag beschrieben:
https://victorswein.blog/2020/03/23/corona-macht-erfinderisch-spannende-online-degustationen-zum-mitmachen/

Viele Angebote sehen indessen einfach „nur“ eine Gratislieferung vor – damit glauben die Güter und Unternehmen jetzt gerade zu punkten. Bloss: Wie bringen die das nach der Krise nur wieder weg? Wer macht den ersten Schritt und verlangt – betriebswirtschaftlich logisch – wieder Transportkosten? Ich wage die Prognose, dass viele Winzer am Schluss als Verlierer dastehen, weil sie mit der Gratislieferung einfach nicht mehr aufhören können. Da ist die Aktion des von mir hoch geschätzten Winzers Michael Broger geradezu besonnen: Er liefert temporär in der näheren Umgebung, sprich, in seinem Kanton – den ich mit meinem Wohnort um gerade einen Kilometer verpasse, was mir aber aufgrund des Autokennzeichens (TG) ganz recht ist 🙂 – gratis, behält aber sonst seine üblichen Versandkosten zu recht bei.

MIr gefällt unter Vielen indessen die Idee von sechs Winzerinnen und Winzern aus Nierstein. Hier kann man zwei verschiedene Probierpakete mit je einer Flasche der sechs Güter bestellen. Gemeinsam geht es besser! Und für mich wäre das ein Zukunftsmodell – nicht jeder mag die gleiche Art von Wein, und unter sechs finden sicher fast alle einen Lieblingswein. Am Schluss gewinnen alle! Es gibt zwei Pakete, eines „nur Riesling“, das andere „alles ausser Riesling“, die Kosten betragen 44 Euro, inkl. 2 Euro Spende an eine soziale Institution. Kritisieren muss man aber immerhin, dass die Aktion technisch nicht ausgereift ist, Bestellungen sind nur per E-Mail möglich (siehe Bildlegende), und wie hoch die Transportkosten sind, bleibt offen. Dennoch: Solche Aktionen wollen wir künftig regelmässig sehen, dann hätte Corona sogar etwas (Wein-)Gutes.

Für Bestellungen: sina@weingut-eimermann.de

Zu einem der sechs Güter, die sich hier gemeinsam organisiert haben, gibt es übrigens in einem anderen Weinblog einen sehr schönen Beitrag: Nicole Korzonnek hat in ihrem Blog bottled grapes (ich „beneide“ sie um diesen genialen Namen) das Weingut Schneider-Müller sehr schön portraitiert:
https://bottled-grapes.de/weingueter-schneider-mueller-rheinhessen/

Themenwechsel: scheussliche Restsüsse

Ich mag nun mal Weine nicht, die zu viel Restsüsse aufweisen. Selbst, wenn ich sie rein rational oft sehr gut beurteile, gefallen können sie mir fast nie – und schon gar nicht zum Essen, es sei denn, es handle sich um ein asiatisches Gericht und beim Wein um einen Riesling oder einen Chenin blanc mit viel Säure zur Süsse.

Heute habe ich eine „blind“ eingekaufte Petite Arvine 2018 probiert. Schon in der Nase war klar, dass ich diesen Wein nicht mögen werde, und im Mund erst recht: Es gibt so viele hervorragende Weine aus dieser Sorte, die trocken oder mit wenig Restsüsse ausgebaut sind – warum braucht es da Süsse? Das ist einfach ein Beweis mehr dafür, dass man Weine nur einkaufen sollte, wenn man sie selbst probiert und für dem eigenen Geschmack entsprechend befunden hat. Da ich aber das fragliche Weingut (Les Fils de Charles Favre) seit bald 40 Jahren kenne und hoch schätze, habe ich es wieder einmal gewagt. Eben: Das Unternehmen ist hoch empfehlenswert, und auch den Wein werden viele vermutlich gut finden – bei mir enden die restlichen 5 Flaschen indessen als Kochwein in Gerichten, die nach einen leicht süssen Touch verlangen.

Aber gerade deshalb finde ich die beschriebene Aktion der sechs Niersteiner Winzerinnen und Winzer so gut: Man kann probieren und allenfalls nachbestellen, was gefällt!

Süsser Wein? Ich bin selbst nicht besser!

Ich pflege einen eigenen, kleinen Rebberg:
https://victorswein.blog/virtuelles-rebjahr/

Ich habe kürzlich meinen Wein, ein Pinot noir aus einer zum zweiten Mal genutzten Barrique, aus dem Jahr 2016 einem Weinfreund zum Probieren gebeben. (Adrian van Velsen, der einen Weinblog betreibt, der viel älter und viel professioneller ist als meiner – sehr empfehlenswert:
https://vvwine.ch/

Er lieferte mir nicht nur eine hochprofessionelle Degustationsnotiz, sondern auch den Hinweis, dass er eine Restsüsse von mindestens 2-3 Gramm vermute. Mir war immer klar, dass der Wein nicht ganz trocken ist, aber gerade so? Ich liess ihn deshalb analysieren und das Resultat war ein Schock: 5,2 Gramm Restzucker!

Fazit: Kritisieren ist einfach, selber besser machen, weniger.

Und in diesem Sinn: Hut ab vor allen, die in der heutigen schwierigen Zeit selbst etwas besser machen!

https://www.weingut-gehring.com/
https://www.weingut-huff.de/
https://www.weingut-seebrich.de/de/home/articles/home.html
https://www.weingut-huff.com/
http://schneider-mueller.com/
https://weingut-eimermann.de/

Und – nehmen Sie meine Kritik an der Süsse der Petite Arvine nicht zu ernst, das Weingut ist hervorragend:
http://www.favre-vins.ch/

Corona macht erfinderisch: spannende Online-Degustationen zum Mitmachen!

Die einen stecken den Kopf in den Sand, die anderen handeln. Hier zwei Beispiele innovativer Winzerinnen und Winzer, welche das Beste aus der Situation machen. Und wer weiss, vielleicht ist das bis in ein paar Jahren gar die Normalität?

Als Weinblogger fragt man sich natürlich in diesen Zeiten, ob man überhaupt noch Beiträge schreiben soll, darf, kann oder gar muss. Es gibt in diesen Tagen wahrlich Wichtigeres als Wein – und ist es nicht schon fast peinlich, Texte über die wichtigste Nebensache der Welt zu schreiben (die bisher wichtigste liegt ja inzwischen ganz auf Eis)? Ich für mich habe vorerst entschieden, weiter zu bloggen, behalte mir aber vor, in ein paar Wochen je nach Entwicklung anders zu denken. Der Hauptgedanke: Etwas Schönes muss der Mensch ja auch noch haben!

Der heutige Beitrag fällt mir da um so leichter, als er lediglich einen Hinweis auf Leistungen anderer darstellt. Wenn Degustationen vor Ort verboten sind (ausgerechnet im Frühling, wenn die neuen Weine auf den Markt kommen und üblicherweise die höchsten Umsätze erzielt werden), haben sich zwei Winzer unabhängig voneinander zu einer speziellen Aktion entschlossen: online degustieren!

Schwarz Wein aus Freienstein: Wine goes online!

SchwarzWein in Freienstein (ZH) schreibt dazu: „So was haben wir noch nie gemacht. Jetzt ist ja die Zeit um etwas Neues auszuprobieren.“
Und die Cave du Rhodan (VS), über die ich eben erst hier berichtet habe,
https://victorswein.blog/2020/03/07/domaine-trong-der-cave-du-rhodan-bio-dynamisch-an-die-spitze/
notiert: Bleiben Sie Zuhause, bleiben Sie gesund – wir kommen zu Ihnen. Das Projekt #WalliserSonnenschein geht in die nächste Runde und bietet Ihnen die Möglichkeit interaktiv und Live online Weine zu degustieren.

Und die gleiche Idee der Cave du Rhodan. Die Daten passen sogar, man kann am 2.4. Weine aus dem Wallis und am 3.4. (sowie weiteren Daten) aus dem Zürcher Unterland degustieren!

Soll man in diesen Zeiten noch bloggen? Wenn man so innovativen Winzern damit vielleicht ein wenig zusätzlich helfen kann, dann ist die Antwort ohnehin ja. Aber wie ausgeführt, es werden auch weitere, „normale“ Beiträge folgen!

Anzumerken ist noch dies: Beide Weingüter haben sich schon länger durch eine ausgeprägt moderne Art und Weise auch Online und in den sozialen Medien präsentiert. Und sicher nur deshalb waren beide auch in der Lage, sofort zu reagieren und die Weindegustation online anzubieten. Erfolg kommt also nur sehr selten zufällig, sondern ist erarbeitet – damit es auch in Krisenzeiten noch läuft!

Zu Priska und Andreas Schwarz wollte ich übrigens schon lange auch schreiben, nicht nur, weil ich deren Weine toll (und Teile davon manchmal auch „genial-verrückt“ modern) finde, sondern auch, weil sie selbst einen „Video-Weinblog“ betreiben, in dem mit gut gemachten Filmen auf wunderbare Art und Weise vermittelt wird, was auf dem Gut gerade abgeht). http://winzerblog.ch/.

https://rhodan.ch/blogs/news/live-weindegustation-so-funktionierts
https://weingutschwarz.ch/eventsver/live-weindegustation/

Napa-Grill und -Wein in Zürich mit super Reaktion!

Positive Reaktionen auf den Corona-Lockdown scheinen mir jetzt nur schon für die Psyche wichtig. Deshalb hier ein kleines, sympathisches Beispiel, wie man einen Betrieb wenigstens teilweise aufrecht erhalten kann:

„Wir haben gehofft und gebangt, doch COVID-19 hat den Bundesrat gestern zu drastischen Massnahmen gezwungen um unser aller Gesundheit zu schützen„, mit diesen Worten beginnt der Newsletter der Napa Grill und Napa Wine AG in Zürich. Aber man hat schon eine Teil-Antwort auf die Krise, und richtet eine „Whatsapp-Notfall-Nummer“ für einen Abholservice ein. Aber lesen Sie selbst:

Da wird nicht der Kopf in den Sand gestreckt sondern das Beste aus einer schwierigen Situation gemacht. Das gefällt mir, und deshalb hat ausnahmsweise auch eine solche Aktion Platz in meinem Blog! Pech für alle, die nicht in der Region Zürich wohnen, aber vielleicht finden sich ja andernorts ähnlich flexible Betriebe!

https://www.napawine.ch/
Und wenn die Zeiten wieder besser sind: https://napagrill.ch/

Die jungen Wilden. Nur halb so wild, dafür total gut!

Junge Schweiz – neue Winzer. So heisst eine Vereinigung, der sich unter 40-jährige Winzerinnen und Winzer anschliessen können. Am „Swiss Wine Tasting“ traten sie kürzlich mit je zwei Weinen auf – und überzeugten auf der ganzen Linie.

„Die jungen Wilden“, so wurde der Gemeinschaftsstand im Katalog bezeichnet. Der Titel war nicht ganz richtig, genau wie die räumliche Platzierung der Gruppe in einer engen Nische – die acht teilnehmenden Weingüter hätten einen besseren Platz verdient.
Wobei acht eigentlich ohnehin die falsche Zahl ist, denn mit Johann-Baptista von Tscharner, Patrick Adank, Martin Wolfer, Robin Haug, Alain Schwarzenbach, Susi Steiger-Wehrli, Fabrice und Stéphane Simonet, Marylène und Louis Bovard-Chervet, Martin Porret sowie Jonas Huber waren zehn weitere Güter am Anlass vertreten – aber eben einfach nicht am Gemeinschaftsstand, sondern im grossen Saal und somit unter der Gilde der etablierten Güter (bzw. an prominenteren Sonderstand „Zürisee“ im Falle von Schwarzenbach).
Um auf den eigentlich verdienten besseren Platz zurückzukommen: Alle acht Jungwinzerinnen und -winzer am „Katzentisch“ halten qualitativ ohne Weiteres mit den grossen Weingütern mit. Deshalb stellt sich schon die Frage, ob sie künftig nicht einfach in die Ausstellung gehörten und dort allenfalls als Mitglied von „Junge Schweiz – neue Winzer“ gekennzeichnet werden könnten.

Dezent in der Beschriftung, gross im Auftritt: die jungen Winzerinnen und Winzer (hier das Eingangstor zur Cave Caloz in Miège).

Wie auch immer: Was die acht am Gemeinschaftsstand vertretenen Güter zeigten, ist Spitzenklasse:

Bechtel-Weine, Eglisau, Mathias Bechtel
Ein holzbetonter, aber schöner Chardonnay 2017 und ein herrlicher Pinot noir 2017, mit dem Bechtel zeigt, dass er während seiner Jahre als Kellermeister von Pircher viel Pinot-Klasse verinnerlicht, sich aber gleichzeitig auch mit einem etwas weniger filigranen Stil emanzipiert hat.

Schott-Weine, Twann, Anne-Claire Schott
Spannender, dichter, aber auch etwas gewöhnungsbedürftiger „Blanc orange“ 2018 aus vier Traubensorten und ein charaktervoller, kräftiger Pinot noir 2018 (Mon vieux Pinot noir) ohne Schwefelzugabe.

Javet + Javet, Lugnorre, Etienne Javet
Ein filigraner Pinot noir 2017 (aimetere de la Chamba) und ein unglaublich gehaltvoller und frischer „orange Chasselas“ 2018 (Or du temps) – orange wine vom Feinsten!

Cave de l’Orlaya, Fully, Mathilde Roux
Ein Bilderbuch-Gamay 2017 (vieilles vignes), fruchtig und mit Tiefe sowie ein schöner Petite Arvine 2018, der mir persönlich ohne die – freilich dezente – Restsüsse noch besser gemundet hätte.

Cave Corbassière, Saillon, Nicolas Cheseaux
Herausragender, frischer und fruchtiger Petite Arvine 2017 (Saillon Grand Cru) mit Tiefgang und der wohl beste Diolinoir (2016), den ich je gekostet habe und der zeigt, was in dieser Sorte steckt: dicht und gleichzeitig elegant, fruchtig, würzig und mit einer unglaubliche Frische (ohne Schwefelzusatz!).

Sélection Comby, Chamoson, Yann Comby
Ein sehr schöner, salzbenonter Petite Arvine 2018 (La Tsoume) und ein typischer Cornalin 2018 (La Crête) mit Potential.

Cave Caloz, Miège, Sandrine Caloz
Sehr schöner Marsanne Blanche 2018 (Vieilles Vignes Les Clives) mit Restsüsse und ein ungemein saftiger, fruchtiger, mit viel Tannin unterlegter, herrlicher Humagne Rouge 2018 (Les Bernunes).

Weingut Cipolla, Raron, Romain Cipolla
Ein saftiger, sortentypischer und für Walliser Verhältnisse sehr frischer Sauvignon blanc 2018 (Heidnischbiel) und ein schöner, zarter Pinot noir 2018 (Bieltin), der mit ein bisschen mehr Säure noch bemerkenswerter wäre.

16 präsentierte Weine, keine einzige Enttäuschung, sieben absolute Spitzenweine und ein ganz generell sehr hohes Niveau: Genial, was die Jungen hier zeigten. So wild, wie sie benannt wurden, sind sie aber nicht. Wohl suchen sie teils neue Wege – Anne-Claire Schott wäre da vorab zu nennen -, aber letztlich sind es einfach aussergewöhnliche Winzer(innen)-Talente, die beim nächsten Mal definitiv allesamt mit in die Präsentation der Etablierten gehören.

Nicolas Cheseaux – Primus inter pares?
Auch wenn es etwas unfair ist, dann hebe ich jetzt trotz allem einen Winzer besonders hervor: Nicolas Cheseaux von der Cave Corbassière. Die beiden präsentierten Weine waren eindrücklich, aber ich konnte bei ihm auch schon mal das ganze Sortiment probieren und empfehle Ihnen, sich diesen Namen speziell zu merken: hier zeigt sich das Talent eines Spitzenwinzers, der das Zeug hat, international für Furore zu sorgen.

Nicolas Cheseaux, Cave Corbassière, Saillon: Merken Sie sich alle Namen der jungen Winzer, und diesen ganz besonders!
http://www.corbassiere.ch/

Hier der Verweis auf die Homepage von „Junge Schweiz – neue Winzer“. Die Links zu den einzelnen Mitgliedern finden Sie auf dieser Seite unter „Winzer“.

https://www.jsnw.ch/home/

Le vin suisse existe – même après dix ans!

Vielleicht wäre der Titel ja treffender mit „le vin suisse n’existe pas“ – zumindest in den Köpfen immer noch vieler Schweizer „Weinfreunde“. Und ganz sicher mit einem Blick von ausserhalb der Schweiz. Aber das ist falsch! Der Schweizer Wein existiert – auf sehr hohem Niveau. Und er kann altern – und wie!

Das grosse Swiss Wine Tasting der besten Schweizer Weine von anfangs Dezember war mehr als einen Besuch wert (und auch mehr als nur einen Artikel hier – Fortsetzung folgt). Angesichts der unglaublichen Vielfalt an Spitzenweinen war der Eintritt von Fr. 20.00 schon fast läppisch tief. Dies vor allem auch, weil zusätzlich zur „normalen“ Ausstellung auch Weine des „Swiss Wine Vintage Award“ aus dem Jahrgang 2009 degustiert werden konnten.

Wer möchte sich da nicht einschenken lassen? Schweizer Spitzenweine aus dem Jahrgang 2009 in Reih und Glied!

In einer Sonderschau waren 57 Schweizer Weine aus dem Jahr 2009 vertreten, davon 19 weisse (inkl. 2 Süssweine) und 38 rote. Das Resultat mit einem Wort vorweg: beeindruckend! Nicht einer der präsentierten Weine war schon zu alt, kaum einer war unangenehm gereift und einige waren gar erst so richtig in Hochform!

Am meisten überraschten die Weissweine. Selbst die Chasselas machten noch alle Spass, einzelne wie der Dézaley Médinette von Bovard, der Clos de Mangold der Domaine Cornulus oder der Le Brez der Domaine de Colombe präsentierten sich sogar noch richtig jugendlich. Am meisten beeindruckt haben mich bei den Weissen aber der Completer von Donatsch (trotz leichter Restsüsse), der Petit Arvive Château Lichten von Rouvinez und – ganz besonders – die beiden senstationellen Räuschlinge vom Zürichsee von Lüthi (dicht und jugendlich) und noch mehr von Schwarzenbach (unglaubliche Frische).

Umwerfend war der mit Restsüsse gekelterte Petit Arvine Grain Noble Domaine des Claives von Marie-Thérèse Chappaz – diese Frische, diese Ausgewogenheit, diese Finesse, nichts Klebriges – das ist ganz einfach ein Wein zum Träumen!

Bei den Roten gefielen fast alle Tessiner Merlots, für mich persönlich allen voran der sanfte, würdevoll gereifte Orizzonte von Zündel und der Balin von Kopp von der Crone Visini sowie der mit Cabernet Franc gemischte Insieme von Weingartner.

Spannend bei den Spezialitäten, wenn auch schon spürbar gealtert, der Lemberger (=Blaufränkisch) von Schwarzenbach, der trotz Alterstönen noch sehr saftige Syrah L’Odalisque von Thierry Constantin, der enorm frische Cornalin der Domaine Cornulus und der noble, saftige Grand’Cour Cabernet Franc + Sauvignon von Pellegrin.

Und die Pinots, von denen gleich 15 Weine gezeigt wurden? Wenn es gesamthaft gesehen eine leise Enttäuschung – wenn auch auf hohem Niveau – gab, dann hier. Es scheint, dass die Vorschusslorbeeren dieses „Jahrhundertjahrgangs“ nicht immer gerechtfertigt waren. Die Pinot noir-Traube ist wenig überraschend wohl einfach nicht für so heisse Jahre gemacht und es brauchte viel Fingerspitzengefühl des Winzers (und kühle Lagen), um auch in solchen Jahren typische Pinots herzustellen. Weine wie der Aagne von Gysel, der mir schon in der Jugend mit seiner üppig-„süsslich“ Art nicht gefiel, wirken heute uninteressant, wenn auch durchaus noch trinkbar. Auch untypisch, aber interessant zeigte sich der „Hommage“ der Cave du Rhodan, der zweifellos mit mehr Säure heute noch spannender wäre, der aber dank einer ausgeprägten, jetzt ausgewogenen Tanninstruktur Freude macht. Trotz dieser Ausnahme, Pinots, bei denen Eleganz und Frische vorherrscht, können heute am meisten überzeugen, allen voran aus dem Kanton Baselland (!) der für mich beste Pinot der Serie, Clos Martha von Möhr-Niggli, aber auch Kloster Sion vom Weingut Sternen, Stadtberg von Pircher, Pinot noir Nr. 3 vom Schlossgut Bachtobel und der Churer Gian-Battista des Weingutes von Tscharner.

Alles in allem: Eine hervorragende Leistungschau der Schweizer Spitzenwinzer, die mit ihrer Arbeit schon vor 10 Jahren bewiesen haben, welch hervorragendes Potential die Schweizer Weine aufweisen! Le vin suisse existe – und sollte endlich auch auf der Weltbühne seinen berechtigten Platz finden!

https://www.swiss-wine-tasting.ch/?L=0
http://www.mdvs.ch/de/home.html

Swiss Wine Connection: Schon Mitglied?
Und übrigens: Wenn Sie für Fr. 50.00 pro Jahr Mitglied bei der „Swiss Wine Connection“ meiner Freunde Susi Scholl und Andreas Keller werden, geniessen Sie beim nächsten Event Gratiseintritt:
http://www.swiss-wine-connection.ch/friends/

Und hier die Links auf die erwähnten Weingüter:
http://www.domainebovard.com/de/home.php
https://cornulus.ch/de/
https://www.lacolombe.ch/de/
https://www.donatsch.info/
https://famillerouvinez.com/de/
https://www.luethiweinbau.ch/
https://www.schwarzenbach-weinbau.ch/
https://www.chappaz.ch/
http://www.zuendel.ch/ (nur Titelbild, offenbar sonst noch „off“)
http://www.cantinabarbengo.ch/ (Kopp von der Crone Visini)
https://www.weingartner.ch/
http://www.thierryconstantin.ch/2011/?page_id=14&lang=de
https://www.geneveterroir.ch/de/domaine-grandcour/4457 (Pellegrin, offenbar noch ohne eigene Homepage – hat er gar nicht nötig!)
https://aagne.ch/
https://rhodan.ch/
http://www.moehr-niggli.ch/
https://www.weingut-sternen.ch/
http://www.weingut-pircher.ch/data/index.php/de/
https://www.bachtobel.ch/de
https://www.reichenau.ch/weinbau/



Sehr lesenwert: Beitrag bei vvWine zu Brogers ungeschwefeltem Pinot!

Broger’s Langzeit-„Experiment“ mit einem Pinot noir ohne schweflige Säure begeistert auch andere. Lesen Sie den Beitrag bei vvWine, es lohnt sich!

Anfangs November hatte Michael Broger zur Vertikale seiner broger-dynamischen Pinot noir eingeladen. Der Anlass bzw. das Resultat war faszinierend, ich habe darüber schon berichtet. Wer den Beitrag nicht gelesen hat, siehe hier:
https://victorswein.blog/2019/11/06/der-pinot-magier-zaubert-auch-ganz-ohne-schwefel/

Mit dabei war auch Adrian vanVelsen vom Weinblog vvWine. Er hat dazu nun einen Beitrag publiziert, der vor allem noch viel präzisere Weinbeschreibungen liefert. Absolut lesenswert:
https://vvwine.ch/2019/11/broger-10-jahre-ohne-schwefel-aber-mit-viel-dynamik/

Die grosse Show der Schweizer Weine!

Es hat nichts mit Chauvinismus zu tun: Viele Schweizer Weine sind Weltspitze. Und viele weitere sind zumindest sehr gut. Am Montag, 2. Dezember 2019 kann man sich davon selbst überzeugen!

Ob man noch ganz objektiv über Schweizer Wein schreiben kann, wenn man soeben die Hälfte einer Flasche Pinot noir 2009 von Gantenbein genossen hat? Von einem schlicht genialen Wein, der erst am Anfang seiner besten Trinkreife steht und der mit seiner Eleganz (auch im heissen Jahr 2009!), seiner Dichte, seiner noch immer enormen Fruchtigkeit, seiner Frische und seinem Feuer praktisch alle gleichpreisigen Burgunder in den Schatten stellt?

Ja, man kann! Denn, dass die Schweizer Winzer seit vielen Jahren, teils leider immer noch unbemerkt vom „Mainstream“, hervorragende Weine herstellen, wird ja nicht von ein bisschen Gantenbein vernebelt!

Da muss man einfach hin: Swiss wine at its best! 2.12.2019, ab 11.00 Uhr

Es genügt ein Blick auf die Liste der anwesenden Winzer um festzustellen, dass man sich diesen Tag einfach reservieren muss.
http://www.swiss-wine-tasting.ch/aussteller/?L=0

Also, nichts wie los am Montag, 2. Dezember 2019 in den Schiffbau. Es lohnt sich! Tickets zu bescheidenen Fr. 20.00 gibt es schon im Vorverkauf hier:
http://www.swiss-wine-tasting.ch/ticketing/?L=0

Der Pinot-Magier zaubert auch ganz ohne Schwefel!

Seit dem Jahrgang 2007 füllt Michael Broger auch einen Pinot noir ab, der ohne den Einsatz von schwefliger Säure vinifiziert wird. Eine Vertikaldegustation aller produzierter Jahrgänge bewies wunderbar, dass auch solche Weine lange perfekt haltbar sein können – wenn ein Magier wie Broger am Werk ist.

Ungeschwefelter Wein, 11 Jahrgänge, und alle noch ohne braune Töne und in bester Verfassung! Ein grossartiges Erlebnis.

Ich erinnere mich gut daran, mit welchen Worten Michael Broger mir seinen ersten Jahrang 2007 des „Broger-dynamisch“ verkaufte, nachdem ich mich über den Wein begeistert geäussert hatte: „Ich kann für die Haltbarkeit nicht garantieren, am besten wird er schnell getrunken“.

12 Jahre später begeistert mich der gleiche Wein weiterhin. Zwar hat er inzwischen seine allerschönste Trinkphase überschritten, lässt sein einstiges Potential wohl noch spüren, ist aber etwas „altersspröd“ geworden. Wer alte Weine mag, kann ihn aber auch heute noch sehr genussvoll trinken. Und vor allem: Er zeigt nicht die geringsten oxydativen Töne!

Auch alle anderen Jahrgänge bis zu den eben abgefüllten 2018ern zeigten sich noch in Form, und insbesondere die Jahrgänge 2013 sowie 2015 – 2018 befinden sich noch nicht auf ihrem Höhepunkt – und begeistern allesamt.
Grosse Klasse sind für mich:
2013: zwar etwas untypischer Pinot, sehr dicht, prägnante Tannine, hat noch Reserven, toller Wein
2015: helle, typische Pinot-Frucht und enorme Frische und Eleganz im Mund, ein Schmeichler im besten Sinn des Wortes
2016: dunkle Farbe, würzig, mit Holznoten, elegant, aber mehr als 2015 dicht und auch mit enormem „burgundischem Feuer“
2018 („Ottoberg“): vergleichsweise dunkle Farbe, trotz Himbeertönen eher untypischer Pinot, enorm dicht, viel Tannin. Wirkt im Moment etwas rustikal und „eckig“, hat aber viel Potential.
Alle andernen Jahrgänge überzeugen ebenfalls, wobei ich 2014 am Schluss separat behandle (der Jahrgang 2009 fiel infolge von Hagel leider aus):
2007: wie schon beschrieben, gehörte wohl einst in die Klasse der Besten, ist aber inzwischen etwas müde
2008: verhalten, frische Töne, trocknende Tannine, herrliche Frische
2010: zuerst sehr verhalten und mit einem leichten Luftton, öffnet sich aber zusehens und wirkt ebenfalls frisch. Die ausgeprägte Bitterkeit gefällt mir, ist aber kaum jedermann’s Sache
2011: der einzige, der mit einem leichten Aceton-Duft (der aber nach einigen Minuten verschwindet) die fehlende schweflige Säure vielleicht anzeigt. Dann aber auch fruchtig, dicht und mit üppig Tannin ausgestattet
2012: der einzige, der leicht trüb wirkt; schöne, fruchtige Pinot-Nase, leichte Röstaromen und Kaffee, wird mit zunehmendem Luftkontakt immer schöner; elegant
2017: blumige Nase, Veilchenduft, im Mund eher filigran trotz spürbarer Tannine, schöner Wein der eleganten, feingliedrigen Sorte.

Und dann die Geschichte zu 2014. Dieser Wein fällt in der Serie zwar etwas ab; helle Töne, prägnante Tannine und Säure, wirkt etwas spröd. Ein durchaus interessanter, eigener Weintyp, der vermutlich zu einem rustikalen Essen besser gefällt als in einer Degustation.
Die Erklärung zu diesem „Ausreisser: 2014 war das erste Jahr der Kirschessigfliege. Die Winzer wurden nervös und – so Broger süffisant – in ganz Europa waren alle Insektizide ausverkauft. Er mochte kein solches Mittel einsetzen, und deshalb erntete er den „Broger-dynamisch“ in diesem Jahr sehr früh, „eigentlich unreif“.

Keinem Trend folgend – aber Trend setzend!

Was 2007 „nicht einem Trend folgend, sondern aus persönlicher Neugier und etwas oenologischem Leichtsinn“ (Zitat Michael Broger) begann, darf heute ohne Weiteres als absolut gelungenes Vorzeigeprojekt bezeichnet werden, das in der Weinwelt zu reden geben muss. Auch wenn man Broger in den ersten Jahren an den Weinfachschulen noch auslachte und mitteilte, „das gehe nicht, das habe man schon dutzenfach ausprobiert“, so ist es ganz offensichtlich möglich, sehr gute und haltbare Weine auch ohne den Einsatz von schwefliger Säure herzustellen.

Michael Broger an der Degustation seiner „Broger-dynamisch“: Mit Neugierde und einer kleinen Portion önologischem Leichtsinn zu herausragenden „Naturweinen“

Ist es einfach Magie oder ist es Zauber des Michael Broger? Auch wenn ich ihn in meinem allerersten Blog-Beitrag als Magier bezeichnet hatte,
vgl. hier: https://victorswein.blog/2018/01/01/michael-broger-der-pinot-magier/
mit Zauber hat das alles nichts zu tun. Wohl wird die Wissenschaft noch viel dazulernen müssen, aber aus praktischer Sicht hält Broger folgende Rahmenbedinungen für notwendig:
– eine rechtzeitige Ernte ohne zu reifes Traubengut (um 90° Oechsle)
– ein tiefer pH-Wert (wobei man den immer erst nach der malolaktischen Gärung genau kennt). Ein Kennzeichen ist, dass alle seine „Broger-dynamisch“ unter 3,7 liegen
– aufgrund der Vinifikation – der Wein bleibt auf der Hefe bzw. Feinhefe, und es findet keine Batonnage statt – verfügen die Weine fast immer über etwas Kohlensäure, was vermutlich stabilisierend wirkt (man spürt, 2016 ausgenommen, das beim Degustieren übrigens praktisch nicht)
– die Weine werden absolut natürlich produziert, „viel weniger kann man nicht machen“. Dabei kommen sie durchaus auch mit Luft in Kontakt. Broger äussert sogar die Vermutung, dass die Weine etwas Luftkontakt brauchen und im Fass auch leicht oxydative Töne ertragen; diese verschwinden dann mit der malolaktischen Gärung wieder.

Nachdem die Degustation im Neumarkt in Zürich abgeschlossen war, brach Gastgeber René Zimmermann in Begeisterungsstürme aus und sprach von totaler Sensation und von Weltklasse. Relativ gesehen kann man über letzteres vielleicht streiten (da gehört Broger’s „alte Rebe“ hin) – aber tatsächlich habe ich noch nie eine so überzeugende Serie von Naturweinen im Glas gehabt (und ich hatte schon diverse sehr gute!) – so gesehen stimmt das Etikett mit der Weltklasse vom Ottenberg auf jeden Fall!

Châpeau, Michael Broger!

Nur, wer nicht mit der Masse heult, kommt weiter! Hut ab, Michael, für deinen Mut, deine Beharrlichkeit, deine Neugier …. und deinen „önologischen Leichtsinn“. Ein bisschen magisch ist das Ganze eben doch!

http://www.broger-weinbau.ch/

PS für alle Puristen: Ganz korrekt ist, dass Borger „erst“ ab dem Jahr 2013 absolut ohne schweflige Säure arbeitet. In den Jahren bis 2011 fügte er jeweils beim Abfüllen noch 10 mg bei, 2012 noch 5 mg – bei beiden Mengen kann man sich aus fachlicher Sicht fragen, ob diese minimale Beigabe überhaupt eine Wirkung hatte – vielleicht beruhigte sie mehr die Nerven …