Lacrima di Morro d’Alba. Würzig-fruchtige Unikate abseits des Mainstreams!

Mainstream – also Cabernet, Merlot und Chardonnay aus irgendwo – war gestern! Gefragt sind authentische, einzigartige Weine, die es nicht an jeder Ecke zu kaufen gibt und welche die Geschichte eines Fleckens Erde zu erzählen haben. So wie der Lacrima di Morro d’Alba, der in den Marken, unweit der Hafenstadt Ancona wächst.

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Blick über einen Teil des Weinbaugebietes auf Morro d’Alba.

Lacrima? Alba? Nein, die Rede ist weder von Kampanien (Lacrimea Christi) noch vom Piemont. Morro d’Alba ist eine kleine Gemeinde in den Marken, wenige Kilometer von der umtriebigen Hafenstadt Ancona entfernt  – mit freiem Blick aufs Mittelmeer. Hier gedeiht auf nur rund 400 Hektar Fläche die Traubensorte Lacrima – was den Lacrima di Morro d’Alba (oder Lacrima di Morro) ergibt.

Wenn Ihnen das jetzt gerade nichts sagt, dann bin ich beruhigt. Ich kannte den Wein nämlich bis vor einem Jahr auch nicht. Im Juni 2019 – das war damals, als man noch unbeschwert reisen konnte – haben wir unbekannte Gebiete der Emilia-Romagna und der Marken bereist. Noch in der Emilia empfahl uns ein Hotelier auf meine Bitte, mir einen unbekannten Wein aus der Gegend zu servieren, eine Flasche von der er behauptete, das hätte ich sicher noch nie getrunken. Er sollte recht behalten, und ich machte die erste schöne Bekanntschaft mit der Lacrima di Morro d’Alba. (Zum Hotel siehe ganz am Schluss).

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Reben, Oliven, Korn: Wunderschöne Landschaft bei Morro d’Alba

Zwei Tage, und zwei Flaschen Lacrima di Morro d’Alba später besuchten wir dann das Herkunftsgebiet dieses Weines. Morro d’Alba ist ein für italienische Verhältnisse kleines, typisches Städtchen, schön auf einer kleinen Anhöhe gelegten und von sanften, reben- oliven- und kornbewachsenen Hügelzügen umgeben – mit herrlichem Blick auf die azurblaue Adria.

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Sanfte Hügel, markante Kirche von Morro d’Alba in der Bildmitte – und freier Blick aufs Mittelmeer!

Seit 1985 geniesst Lacrima di Morro d’Alba den DOC-Status, wobei dem Vernehmen nach damals nicht nur die Qualität zu diesem Status beigetragen haben soll, sondern auch die Absicht, diese Rebsorte vor dem Aussterben zu bewahren. Heute werden in der DOC rund 400 Hektar angepflanzt, was etwa 85 % der welt- oder besser italienweiten Anbaufläche entspricht.

Die Herkunft der Traube scheint noch weit gehend unerforscht, immerhin wird eine Verwandtschaft mit der Aleatico-Traube (vermutlich eine Mutation des Gelben Muskatellers) angenommen, aus der hauptsächlich Passito-Weine hergestellt werden, und die dafür auf Elba sogar eine DOCG besitzt. Diese These würde gut dazu passen, dass auch aus der Lacrima in Morro d’Alba Passito’s hergestellt werden, und auch die würzig-florale Art der Lacrima würde passen. Zum Namen gibt es zwei Theorien: Die eine nimmt die tränenartige Form der Trauben als Basis, die andere die Tatsache, dass die Traube in vollreifem Zustand gerne aufplatzt und „tränt“.

Wie schmeckt denn ein Lacrima? Würzig-floral ist das Schlüsselwort. Fast alle Lacrima sind in der Nase auffällig intensiv, ein ganzer Gewürzschwall kombiniert mit einem Früchtekorb kommt einem entgegen. Diese Eigenschaft wirkt aber in keinem der degustierten Weine aufgesetzt, sondern immer harmonisch und trotz Intensität nicht übertrieben. Im Mund sind die Weine eher leicht, in der Art durchaus vergleichbar mit einem Beaujolais, aber für die südliche Herkunft erstaunlich frisch. Ein Lacrima ist deshalb auch kulinarisch breit einsetzbar, vom kräftigen Fisch bis hin zu hellerem Fleisch oder einfach zu Gemüse, und selbst zu exotischen Speisen würden viele passen.

Es sind zwar keine grossen Weine, aber es sind Gewächse mit Charakter und mit einer spannenden Eigenständigkeit, die ich einem banalen Wein aus einer der eingangs erwähnten Weltsorten jederzeit vorziehe. Eine Entdeckung waren und sind die Lacrima di Morro d’Alba auf jeden Fall wert!

Degustationsnotizen (und ausnahmsweise auch Punkte, es geht ja um einen Vergleich):

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Die Flaschen in der Reihenfolge meiner Wertungen (von rechts nach links)

Orgioli, Lacrima superiore 2016, Marotti Campi, Morro d’Alba
Intensives, dichtes Rubin; dunkle Kirschen, Brombeeren, Gewürznelken, kleiner Anflug von altem Holz; im Mund sehr rund und ausgewogen, Säure, Tannine und Alkohol in gutem Gleichgewicht, im erstaunlich langen Abgang leicht „trocknende“ Tannine. Schöner, fruchtiger Wein, der aber auch ersstaunlich viel Tiefgang hat. 17 Punkte.

Paucca, Lacrima superiore, 2017, F.lli Badiali, Morro d’Alba
Mittleres bis dunkles Rubin; fruchtig (Himbeeren, Brombeeren), würzig, Noten von Tabak und Garrique; frische Säure, hoher, aber gut eingebundener Alkoholgehalt, leicht trocknende Tannine, druckvoll und erstaunlich dicht. Süffiger, fruchtiger aber nicht harmloser Wein, der mit etwas weniger Alkohol noch besser gefallen würde. 16,5 Punkte.

Lacrima superiore 2015, Stefano Mancinelli, Morro d’Alba
Mittleres Purpur mit leichten orangen Reflexen; würzig-pfeffrig, Maiglöckchen, Brombeeren, Pflaumen; Im Mund viel Tannin, schöne Struktur mit guter Säure, leichter, für mich schöner Bitterton, erstaunlich langer Abgang. 16,5 Punkte.

Lacrima 2018, F.lli Badiali, Morro d’Alba
Mittleres, glänzendes Rot, Durf nach Pflaumen und Johannisbeeren; sehr harmomische Säure, Tannin und Alkohol gut eingebunden, recht dicht, fruchtbetont. Mach Spass. 16 Punkte.

„Querci Antica“, 2015, Velenosi s.r.l., Ascoli Piceno
Mittleres Purpur; Duft nach frischem Tabak, Trüffel, Gewürznelken, Brombeeren; spürbare Tannine, mittlere Säure, mittlerer Körper, marginal spürbare Süsse im Abgang. Süffiger, sympathischer Wein. 15,5 Punkte.

„Le Cantarelle“, Lacrima 2014, Podere Santa Lucia, Monte San Vito
Dunkles Rot; Rauchton, Weichselkirschen, Brombeeren; knackige Säure, spürbarer Alkohol, schlank. Süffiger, fruchtiger Wein, der aber auch etwas harmlos ist. Wäre vermutlich jünger genussvoller zu geniessen gewesen. 15 Punkte.

Lacrima 2016, Luigi Giusti, Piersio Vanni, Montignano
Mittleres Rot; Himbeeren, Johannisbeeren, Waldpilze; markante, etwas „spitzige“ Säure, wenig Tannin, spürbarer Alkohol, schlank. Fruchtig-harmloser Wein. 15 Punkte.

Lacrima 2017, Stefano Mancinelli, Morro d’Alba
Dunkles Violett-Rot; Fehlton in der Nase (Lack), daneben fruchtig mit Tönen von dunklen Kirschen und Weichselkirschen, Anflug von Lebkuchen; im Mund bestätigt sich der Fehlton, ansonsten fruchtbetont mit schöner Struktur, Säure, Tannin und Alkohol in schönem Gleichgewicht. Schade für den Fehler, wäre sonst bei den Allerbesten. 14 Punkte.

http://www.marotticampi.it/
http://www.comune.morrodalba.an.it/index.php?option=com_contact&view=contact&id=50:az-agricola-fratelli-badiali&catid=32&Itemid=143
http://mancinellivini.it/
https://www.velenosivini.com/querciantica-lacrima-doc-superiore/
http://www.poderesantalucia.com/
https://www.lacrimagiusti.it/scheda.php?idpagina=11

Und falls sich jemand für die genauen DOC-Vorschriften interessiert:
http://www.ismeamercati.it/flex/AppData/Redational/pdf/Lacrima%20di%20Morro%20o%20Lacrima%20di%20Morro%20dAlba.pdf


Das Hotel mit dem guten Weintipp: Auch sonst einen Aufenthalt wert!
Hier ausnahmsweise wieder einmal ein touristischer Tipp: In diesem Hotel empfahl mir der deutsche Hotelier, der den Betrieb schon seit einem Vierteljahrhundert führt und der es geschafft hat, dass auch sehr viele Einheimische sein Restaurant besuchen, den ersten Lacrima. Übrigens jenen, den ich in der Degustation am besten bewertet habe. Das Hotel liegt sehr ruhig in freier Natur in den „Bergen“, rund 45 Fahrminuten ab Rimini. Es ist als Ausgangslage für Wanderungen, Biketouren und Ausflügen nach San Marino, San Leo, Urbania und eben Rimini ideal gelegen. Die Anfahrt ist kurvig, was gerade auch für Motorradfahrer spannend ist. Wenn Sie in der Gegend sind, ein Besuch lohnt sich!
http://www.piandelbosco.com/de/index.html

 

 

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