Da tut sich was … die Bündner Herrschaft wird grün!

Zwei Neuigkeiten aus der Bündner Herrschaft haben mich in diesen Tagen erreicht: Das Weingut Luzi Jenny stellt auf biologischen Rebbau um und Möhr-Niggli wurde Fair’n Green zertifiziert. Zwei verschiedene Wege mit dem Ziel, den Weinbau nachhaltiger zu gestalten.

Die Liste der Betriebe, die in der Herrschaft inzwischen biologisch oder bio-dynamisch arbeiten, wird immer länger: Georg Fromm, Jan Luzi, Francisca + Christian Obrecht, Markus und Karin Stäger und seit Kurzem auch Irene Grünenfelder mit Sohn Johannes Hunger. Und schon viel länger gibt es Winzer wie Anti Boner (heute Luzi Boner und Anna Rasi), Gody Clavadetscher (heute Roman Clavadetscher und Valérie Cavin), Louis Liesch und Heiri Müller (dessen Trauben heute von Marco Casanova verarbeitet werden), die auf Bio setzten. Für ein vergleichsweise kleines Weinbaugebiet ist das eine imposante und vielleicht sogar rekordverdächtige Liste, von der ich nicht einmal sicher bin, ob sie vollständig ist (Wegelin z.B. hatte zumindest mal mit Bio experimentiert).

Luzi Jenny – da tut sich was

Nun kommt mit Luzi Jenny aus Jenins ein weiterer Winzer dazu. Der Familienbetrieb von Vater und Sohn Luzi sowie Tilli und Amanda hat in ihrem jüngsten Aussand mit der meinem Artikel titelgebenden Überschrift „da tut sich was …“ über die Zertifizierung als Bio-Betrieb informiert. Mensch und Natur ins Gleichgewicht bringen und auch zu erhalten, lautet das Credo.

Die Weine von Luzi Jenny haben mich schon in den letzten Jahren immer überzeugt, auch wenn mir persönlich die Weissen zuweilen eine Spur zu viel Restsüsse aufwiesen. Ich habe mich oft gefragt, warum dieser Betrieb nicht bekannter ist. Aber vielleicht ändert das ja nun nach der Umstellung auf Bio? Jedenfalls habe ich den Aussand zum Anlass genommen, meine letzte Flasche Zweigelt aus dem Jahr 2013 aus dem Keller zu holen. Der junge Wein hatte mich echt begeistert, aber nun nahm ich an, dass er wohl zu alt sei und nicht mehr viel Freude machen würde. Ich hatte diese eine Flasche nur liegen gelassen, weil mich das Alterungspotential interessierte. Aber siehe da, dieser Zweigelt ist auch nach 8 Jahren von voll im Schuss:

Zweigelt 2013, Luzi Jenny, Jenins
Mittleres Rubin ohne jeden Alterston in der Farbe; leicht reduktiv, zuerst sehr verhalten, mit etwas Luft dann Johannisbeeren und Waldpilze; im Mund „feurig“, schöne Säure und feine, gereifte Tannine, wirkt noch sehr „saftig“ und frisch. Im mittleren Abgang leicht trocknend. Rundum schön gereifter Wein, der noch voll in Form ist. 16,5 Punkte (= sehr gut).

Möhr-Niggli: Fair’n Green

Einen anderen, interessanten Weg gehen Matthias und Sina Gubler-Möhr mit dem Weingut Möhr-Niggli in Maienfeld. Die beiden, die sich in den letzten Jahren zu Recht zu so etwas wie den „Shooting-Stars“ der Herrschaft entwickelten, teilen in ihrem aktuellen Aussand mit, dass sie neu das Zertifikat „Fair’n Green“ erlangt haben. Dieses Label steht in seinen Richtlinen in Bezug auf Pflanzenschutz und Düngung zwar deutlich hinter jenen eines Bio-Betriebes, berücksichtigt aber dafür auch wirtschaftliche und soziale Themen (z.B. Umgang mit Personal und saisonalen Arbeitskräften), enthält Zielsetzungen zum CO2-Ausstoss und zur Biodiversität und umfasst die gesamte Wertschöpfungskette.

Ich kannte das Label bisher nicht, aber ein Blick auf die Homepage und in die Richtlinien macht einen seriösen Eindruck. Auch der Umstand, dass Betriebe wie etwa Georg Breuer und Clemens Busch, oder in der Schweiz das Weingut zum Sternen von Andreas Meier mit dabei sind, wirkt vertrauenserweckend. Die umfangreichen Richtlinien wirken zwar eher wie ein Leitbild denn wie eine verbindliche Vorschrift. Aber wer sich solche Gedanken macht und sich auf ein solches Label einlässt, hat mich Sicherheit einen weiten Horizont und ist auf einem vorbildlichen Weg.

Auch die Broschüre von Möhr-Niggli habe ich zum Anlass genommen, eine Flasche alten Weins hervorzuholen, den „normalen“ Pinot noir aus dem Jahr 2010. Auch dieser Wein erwies sich, engegen meiner Annahme, noch als absolut trinkbar, wobei er aber schon sehr gereift ist:


Pinot noir 2010, Möhr-Niggli (6 Monate Barrique)
Gereiftes, helles Rot mit bräunlichen Reflexen; in der Nase noch erstaunlich fruchtig (Himbeeren und Mango!), leichter Anflug von Champignons; im Mund eher schlank, ziemlich mürbe und deshalb nicht mehr so präsente Tannine, aufgrund der Entwicklung des Weins etwas „spitz“ wirkende Säure, hat gesamthaft aber noch eine schöne Frische. Mittlerer Abgang.

Ich gebe hier keine Note, und ich kannte den Wein auch nicht in einem jungen Stadium (ich habe ihn erst kürzlich auf Ricardo erworben). Zweifellos hat er aber in seinen ersten Jahren enormen Trinkpass gemacht, Dass dieser Pinot nach 10 Jahren nicht mehr in Höchstform ist, überrascht ja nicht. Die besten Weine von Möhr-Niggli können indessen sehr gut altern. Das beweist der seit 2013 hergestellte „Pilgrim“, der sich mit Sicherheit nach 10 Jahren erst so richtig dem Höhepunkt nähern wird. Ich kann aber auch auf den 2009-er Clos Martha aus Baselland verweisen, der mir an einer Degustation zum 10-Jahr-Jubiläum von 15 Spitzenpinots aus der Schweiz am besten gefallen hat! Siehe hier:
Le vin suisse existe – même après dix ans! – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)

Domaine Schwandegg – ein bisschen Natur 😉

Und weil es so gut zum Thema Natur passt, zum Schluss noch ein kleiner Blick in meinen eigenen Hobby-Rebberg. Ich bewirtschafte seit 33 Jahren 4 Aaren Pinot noir (Klon Mariafeld) am Fusse des Schloss Schwandegg in Waltalingen ZH. Der Rebberg ist in Sachen Umwelt und Biodiversität nicht vorbildlich, aber ich arbeite seit zwei Jahren an Verbesserungen. Ein kleiner Lichtblick war schon im letzten Jahr die erstmalige Beobachtung von Zauneidechsen. Und gestern nun konnte ich eine sogar fotographieren. Einfach nur berührend schön!

Eine Freude: Zauneidechse im eigenen Rebberg!

Die Degunotiz meines heute geöffneten 2010-ers erspare ich Ihnen. Aber auch dieser Wein ist noch trinkbar. Freude macht er aber nicht mehr gross.


Biologischer Weinbau aus Liebe zur Natur – Luzi Jenny
MÖHR-NIGGLI Weingut Maienfeld (moehr-niggli.ch)

FAIR’N GREEN | Standard für Nachhaltigkeit (fairandgreen.de)


Merlot, Syrah, Cabernet Sauvignon = Dézaley? (!)

Dézalay, die schönste und beste Weinlage im Weltkulturerbe Lavaux, wird meistens „nur“ mit der Traubensorte Chasselas verbunden. Doch es geht auch anders – und es lohnt sich, diese verblüffende Andersartigkeit zu entdecken! Die verkannten Chasselas-Weine übrigens auch, aber das folgt später.

Wer mit dem Zug von Bern nach Lausanne fährt, dem kann es nach einem kurzen Tunnel wirklich die Sprache verschlagen: Der plötzlich freie Blick über die Reben des Lavaux und den Genfersee hin zu den Savoyer Alpen gehört zu den eindrücklichsten Bahnerlebnissen überhaupt! Der Zug fährt am westlichen Ende oberhalb der Appellation Dézaley aus dem Tunnel, unweit des höchsten Punktes beim Tour de Marsens auf 550 m über Meer. Dézaley – inzwischen offiziell als einer von zwei Waadländer Grand Crus deklariert – erstreckt sich aber über rund 54 ha bis hinunter an den Genfersee auf 375 m. ü. M.

Die Schönheit der Gegend kann eigentlich gar nicht in Worte gefasst werden. An dieser Stelle mag der Hinweis genügen, dass das Lavaux – etwas ungenau ausgedrückt zwischen Lausanne und Vevey – 2007 unter dem Titel „Weinterrassen von Lavaux mit Blick auf den See und die Alpen“ in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufgenommen wurde. Und vielleicht noch das: Fast das ganze Gebiet wird auf teils kleinen Terassen bewirtschaftet – anders ginge es gar nicht bei einem natürlichen Gefälle von teils über 100 %!

„Weinterrassen mit Blick auf den See und die Alpen:“ Fast wie irgendwo zwischen Himmel und Erde: das Lavaux.

Aber nun genug der Tourismusförderung – Kenner der Gegend mögen mir diese Ausschweifung verzeihen. Bekannt ist Dézaley praktisch nur durch seinen Weisswein – rund 90 % der Fläche sind hauptsächlich mit der Chasselas-Traube (Gutedel) bestockt. Diese lange als minderwertig angsehene Sorte bringt es hier zu ungeahnten qualitativen Höhenflügen und verblüfft überdies durch ein enormes Altersungpotential. Aber das ist eine Geschichte für sich, welche in diesem Blog noch folgen wird.

Auf den nun zu beschreibenden Wein bin ich offen gesagt nur durch Zufall gestossen. Da Degustationen aufgrund von Corona nicht möglich sind, wurde auf sozialen Medien ein Degupaket mit sechs mit dem Terravin-Goldlabel ausgezeichneten Weinen zum Versand angeboten. Neugierig wie ich bin, habe ich bestellt. Das Paket enthielt verschiedene Chasselas aus dem Lavaux, von respektabel bis sehr gut. Vor allem aber gab es da auch einen Rotwein, einen Dézaley 2019 der Domaine Antoine Bovard. Ich degustierte den Wein in der Erwartung, einen reinen Pinot noir oder eine Assemblage mit Gamay im Glas zu haben. Völlig verblüfft begann dann mit der nachfolgenden Degustationsnotiz die Suche nach den enthaltenen Rebsorten:

Dézaley Grand Cru, 2018, Domaine Antoine Bovard
Dunkles Prupur; rote Pflaumen, Rosinen, auch einige rote Fruchttöne, Anflug von Lorbeer und Thymian; auch im Mund sehr fruchtbetont, geschmeidig, schöne Balance von Säure, Süsskomplex und leicht trocknenden Tanninen, leichter, aber sehr fein eingewobener Bittertouch, langer Abgang. Schöner, spannender Wein! 17 Punkte (= sehr gut).

Der Wein wirkt wie nicht in der Schweiz gewachsen, spannend, elegant, aber doch eher südlich anmutend. Keine Ahnung, welche Sorte(n) ich da im Glas hatte. Die Etikette half nicht weiter, aber immerhin das www. Der Wein besteht aus 40 % Merlot, 40 % Syrah, 10 % Cabernet Sauvignon und 10 % Pinot noir!

Von der Ausnahme zum Normalfall – das Klima machts
Bloss – darf ein Winzer das überhaupt? Sind diese Sorten in einem Dézaley Grand Cru zugelassen? Recherchieren und Nachfragen bringt die Klärung: Ja, bzw. früher nein! Heute ist der Wein mit diesen Sorten hochoffiziell zugelassen, alle stehen auf der waadtländischen Sortenliste und dürfen deshalb auch in einem Grand Cru-Gebiet angebaut werden. Allerdings war dem noch nicht so, als Antoine Bovard die Reben pflanzte. Er merkte, dass die Pinot noir-Trauben vor allem entlang der wärmenden Mauern aufgrund der Klimaveränderung immer früher reiften und brandig zu werden drohten. Er setzte deshalb auf südlichere Sorten und erhielt schliesslich eine Ausnahmebewilligung dafür. Deshalb dürfen wir heute einen wunderschönen „Rhone-Bordeaux-Burgund-Blend“ aus dem Lavaux geniessen.

Eine kleine Geschichte am Rand: Die Ausnahmebewilligung war freilich nicht umsonst zu haben! Antoine Bovard musste während Jahren immer Muster der geernteten Trauben und des gekelterten Weins an die Forschungsanstalt Changins (heute Agroscope) senden. Wetten, dass die sich über den aussergewöhnlichen Wein jeweils sehr gefreut haben?

Bovard: Eine Familie auf der Qualitäts-Schiene
Domaine Bovard? Antoine Bovard und Sohn Denis Bovard, der die Domaine seit 2011 führt? Auf die Gefahr hin, peinlich zu sein, stellt man hier einfach die Frage nach der allfälligen Verwandtschaft mit der bekannteren Domaine Louis Bovard. Und für einmal führt eine peinliche Frage zu einem Volltreffer!

Denis und Antoine Bovard: Sohn und Vater auf gleicher Wellenlänge!

Bovard ist ein alteingesessenes, traditionelles Weingut im Lavaux. Anfangs der 1960er Jahre hätte Louis-Philippe Bovard das elterliche Gut übernehmen sollen. Allerdings passte ihm das nicht so ins Konzept, als Jurist konnte er sich auch einen anderen Werdegang vorstellen. 1964 übernahm er deshalb die Leitung des „Office des Vins Vaudois“. Aus diesem Grund wurde sein Bruder Antoine, der an der ETH Zürich Physik studierte, auf das elterliche Gut zurückgebeten. Nachdem aber Louis-Philippe doch auch einsteigen wollte, wurde die Besitzung geteilt, und Antoine gründete 1983 sein eigenes Weingut. Eine Frage der Farbe sozusagen. Während Antoine das „gelbe Haus“ in Treytorrons-en-Dézaley übernahm, bekam Louis-Philippe das „rosa Haus“ in Cully.

Beste Lagen – mit ökologischer Handschrift
Allerdings ist das Gut von Antoine Bovard kleiner. Heute umfasst es etwas über 7 Hektar, fast ausschliesslich in allerbesten Lagen in Epesses und Dézaley – dazu mit kleinen Flächen in St.-Saphorin und Calamin, dem zweiten Grand Cru im Waadtland. Während Louis-Philippe in der Weinwelt sehr bekannt wurde und heute oft als „Grandseignieur“ des Lavaux beschrieben wird, blieb es um Antoine eher stiller. Beide gingen aber sehr konsequent und schon, als im Waadtland Quantität noch vor Qualität stand, ihren Weg hin zu hochklassigen Weinen. Antoine führte dabei sogar früher die zukunftsgerichtete, ökologische Klinge. Schon unmittelbar nach der Gründung im Jahr 1983 verzichtete er auf jeglichen Einsatz von synthetischem Dünger. Schon früh experimentierte er auch mit bio-dynamischem Weinbau. Sein Sohn Denis, der die Domaine – wie er selbst sagt, sehr im Geist seines Vaters – führt, treibt das Gut nun definitiv zum Bioweinbau voran.

Denis Bovard freute sich, als ich ihn im Hinblick auf diesen Artikel kontaktierte, war aber gleichzeitig fast ein wenig enttäuscht, dass ich „nur“ über den roten Dézaley schreiben wollte. Ihm ist es ein ausserordentliches Anliegen, auf die hohe Qualität und auf die Langlebigkeit der Chasselas-Weine aus dem Lavaux hinzuweisen. Chasselas – diese verrufene Rebsorte ist eben zu allem fähig. Dass das Paradepferd seines Onkels Louis-Philippe, die Médinette, sehr gut altert, ja eigentlich zur vollen Entfaltung schon ein paar Jahre Lagerung braucht, ist inzwischen bekannt. Offenbar sind aber die Spitzen-Chasselas des Gutes Antoine Bovard ebenso langlebig. Da gibt es nur eines zu sagen: affaire à suivre!

Domaine Antoine Bovard (domaine-antoine-bovard.ch)

Zur Gegend bzw. der Einsufung als Unesco Weltkultgurerbe:
Lavaux, Vineyard Terraces – UNESCO World Heritage Centre

Und einer meiner früheren Artikel zur Médinette der Domaine Louis Bovard:
Dézaley Médinette: ein hochaktueller Klassiker! – Victor’s Weinblog


Und noch den Hinweis auf die Herkunft des beschriebenen 6er-Pakets (nicht mehr genau in der von mir erhaltenen Form angeboten, aber wohl vergleichbar):

coffret connaisseur Terravin (provino.ch)

Die Versuchung aus dem Paradies!

Doch, es gibt es, das Paradies! Glauben Sie nicht? Dann raten Sie mal, welchen Wein ich nachstehend beschreibe:

Mittleres Gelb, Duft nach Orange und Orangenschale, Birne, Grüntee und Kamille. Im Mund frisch, zurückhaltende, aber sehr fein perlende Kohlensäure, dezente Tanninstruktur, spürbare, aber nicht zu mastige Süsse. Erfrischend und süffig, tolle Entdeckung!

Das Paradies befindet sich in Deutschland, genauer gesagt südlich von Stuttgart auf der Schwäbischen Alb. Und das Paradies besteht – wen wundert es – aus wundervollen Streuobstwiesen. Und der „Wein“, den ich eben beschrieben habe, besteht hauptsächlich aus Apfelsaft, ergänzt durch ein wenig Birnensaft – und durch Eichenlaub! Und das Schönste daran: Der Apfel-Schaumwein ist alkoholfrei.

Streuobstwiesen im Herbst (ab Homepage streuobstparadies.de)

Man kann es auf der Website streuobstparadies.de nachlesen: Das Paradies erstreckt sich in einem Bogen von Balingen über Tübingen und Reutlingen bis nach Göppingen. Die Streuobstwiesen zwischen der Schwäbischen Alb und dem Neckar erstrecken sich über rund 26’000 ha und bilden eine der grössten zusammenhängenden Streuobstlandschaften Europas (zum Vergleich: Im Schweizer Obstkanton Thurgau, auch „Mostindien“ genannt, sind es vergleichsweise mikrige 1’600 ha ). Es handelt sich um eine einzigartige Kulturlandschaft von ungeahnter Schönheit und von enormer naturmässiger Bedeutung – Hochstammobstbäume gehören zu den wichtigsten Lebensräumen überhaupt!

In diesem Paradies, genau in Schlat, 4 Km. südöstlich von Göppingen, stellt Jörg Geiger eine Vielzahl von Produkten aus Hochstamm-Säften her. „Guter Wein muss nicht immer aus Trauben sein“, so wird Jörg Geiger zitiert. Seit über 20 Jahren – zuerst als „One-Man-Show“, heute als Unternehmen mit rund 30 Mitarbeitenden – stellt er herausragende Produkte aus alten Sorten und Beständen von Äpfeln und Birnen her. Und er erreicht dabei ein Niveau, das wohl einzigartig ist. Der gelernte Koch Geiger liess sich dabei stets vom Grundgedenken leiten, „dass alte Sorten Sinn ergeben, da sie einfach mehr Geschmack bringen. Diesen Geschmack habe ich als Koch mit Gewürzen, Kräutern und Blüten kombiniert, was mir in der Branche den Titel „Druide“, also jemand, der keine Grenzen kennt, eingebracht hat.“

Das Sortiment von Geiger ist heute schon fast unüberschaubar, es gibt herkömmliche „Cidres“ mit Alkohol genau wie Spirituosen. Ganz besonders ist aber auch seine alkoholfreie Linie „Pri Secco“, die in vielen verschiedenen Varianten auf den Markt kommt und auch international sehr erfolgreich ist. Beim einleitend beschriebenen „Wein“ handelt es sich um den schon fast legendären „Pri Secco Nr. 11, unreifer Apfel/Eichenlaub“. Diese Cuvée besteht aus rund 90 % Boskoop-Apfel, der bewusst in nicht ganz reifem Zustand geerntet wird, um die Frische zu bewahren. Dazu kommen Birnensaft sowie Kräuter und Gewürze, vor allem aber 0,1 % Eichenlaub, welches nicht nur für feinherbe Tannine sorgt, sondern auch den Wein dezent aromatisch ergänzt und zudem konserviert. Und eben, der Wein ist alkoholfrei, was so schonend erreicht wurde, dass man den Alkohol effektiv nicht vermisst! Eine „hochstämmische“ Meisterleistung!

Der PriSecco auf dem Apfelbaum: Tolle Alternative ohne Alkohol – und kulinarisch sehr breit einsetzbar!

Auch diesen Tipp für ein herausragendes Naturprodukt aus deutschen Landen verdanke ich Weinfreund Florian Bechtold. Wenn ich Weinhändler wäre, könnte ich ihn schon fast als meinen Courtier bezeichnen. Vgl. hier:
Ausnahmewinzer Ziereisen: hier ruht nur der Wein! – Victor’s Weinblog
„La Première“ von Carsten Saalwächter: Ein junger Mann macht Furore! – Victor’s Weinblog

Wenn die Grenzen wieder passiert werden können, ohne sich zuerst in Quarantäne begeben zu müssen, werde ich das Paradies auf der Alb besuchen – wer weiss, vielleicht klappt es ja schon zur diesjährigen Apfelblüte?

Onlineshop der Manufaktur Jörg Geiger (manufaktur-joerg-geiger.de)
Und als weitere Bezugsquelle gebe ich sehr gerne auch den erwähnten Florian Bechtold an. Er wird gerade auch für Schweizer zu einer spannenden Adresse werden, ist er doch aktuell daran, eine gute Exportlösung für die Schweiz zu entwickeln. Anfragen zur Zeit einfach per Mail: florian.bechtold@bechtold-partner.de

Und für touristische Tipps:
https://www.streuobstparadies.de/


Und schliesslich gibt es da noch diese Geschichte mit der „Champagner Bratbirne“.
landlust_2011_09.pdf (manufaktur-joerg-geiger.de)
Als Schweizer erinnert einen das doch sehr unangenehm an den Kampf der kleinen Waadtländer Gemeinde Champagne gegen die rücksichtslose Wirtschaftsmacht aus der französischen Champagne.
Solche Geschichten machen – zurückhaltend ausgedrückt – etwas ratlos und sind ein guter Grund mehr, erst recht die Apfel- und Birnenweine des Jörg Geiger zu entdecken.

Keller, Zündel und Triacca: Schöpfer dreier herrlicher Weinbotschafter aus dem Veltlin.

Völlig zu Unrecht fristet das Veltlin heute so etwas wie ein Dornröschendasein. Dabei bringt das lombardische Bergtal mit viel Schweizer Einfluss wirklich tolle Weine hervor. Eine ganz besondere Geschichte haben drei herausragende Weine der Fratelli Triacca, an deren Ursprung mit Stefan Keller, Christian Zündel und Piero Triacca renommierte Namen stehen.

Fast könnte man sich alte Zeiten zurück wünschen: Die Geschichte der drei Weine, über die ich heute berichte, geht auf das Jahr 1987 zurück. Damals war es noch zwingend, einen Weinhandelskurs besucht und bestanden zu haben, wer mit Wein handeln wollte. Und so kreuzten sich in Wädenswil die Wege von Stefan Keller und Piero Triacca. Letzterer führt selbst ein kleines Weingut im Puschlav (Pietro Triacca) und ist einer der Nachkommen der Gründer der bekannten Fratelli Triacca AG. Stefan Keller war und ist ein schöpferischer und unerschöpflicher Tausendsassa – und vielleicht der begnadeste Weinjournalist der Schweiz. Lustigerweise lernte ich selbst ihn aber in einer völlig anderen Situation kennen, nämlich als Wirt im Chesa Pool im Fextal. Dort lernte ich in den 1980er-Jahren dank seiner Weinkarte zum Beispiel, dass das Veltlin (und auch die Bündner Herrschaft!) hervorragende Weine hervorbringen. Stefan Keller war aber nicht nur Wirt, er arbeitete später auch für Vinum und schreibt heute noch für die Schweizerische Weinzeitschrift. Zudem brachte und bringt er mit schnaps.ch unter anderem wundervolle Kastanienbrände auf den Markt, die eine eigene Geschichte wert wären. Und dass er darüber hinaus als Degenfechter in seiner Altersklasse zu den besten an einer Weltmeisterschaft gehörte, erklärt vielleicht auch die filigrane Art „seiner“ Veltliner Weine.

Aber zurück zum Zusammentreffen von Triacca und Keller: 9 Jahre später gründeten sie eine Firma, die später (2002) in „I Vinautori“ umgenannt wurde und zum Ziel hatte, im Veltlin herausragende Weine zu produzieren. Dokumente aus jener Zeit zeigen, wie viel Herzblut in das Projekt investiert wurde, und welch hohe Ziele angestrebt wurden. Ziel war unter anderem, den besten Syrah Italiens herzustellen. Als Berater wurde zudem mit Christian Zündel ein herausragender Weinmacher aus dem Tessin beigezogen, und dazu folgte schon bald die Umstellung auf bio-dynamischen Weinbau.

Wunderschöne Lagen, tolle Weine: Die Steillagen im Veltlin und der Blick in schweizerische Puschlav und dem Bernina-Massiv.

Fast zwei Jahrzehnte später gibt es diese Weine immer noch, und wohl besser als je zuvor. Christian Zündel ist zwar aus dem Team ausgeschieden, und inzwischen zeichnen die Fratelli Triacca AG für die Rebarbeit und die Vinifikation verantwortlich. Auch die Weinberge für den Canale und den Sertola gehören heute der Firma, die Lage Santa Perpetua ist gepachtet. Stefan Keller hingegen steht immer noch als Berater zur Seite. Er ist verantwortlich für die Werbebroschüre (Link siehe unten) und unterstützt auch im Verkauf. Nichts geändert hat sich indessen an der umweltschonenden Produktion, alle Parzellen werden nach bio-dynamischen Grundsätzen bearbeitet.

Und die Qualität der Weine? Hervorragend! Die Dreierserie zeigt wunderbar, welches Potential im Alptental des Veltlin steckt. Ich hatte schon einmal über einen Wein aus dem „normalen“ Sortiment von Triacca geschrieben, den Sforzato 2013. Die damalige Veröffentlichung auch auf Facebook hat mir einige Kommentare eingetragen wie „das Veltlin loben ist ja schon gut, aber warum wählst du dafür ausgerechnet einen fetten und ausladenden Sforzato“? Nun, wer das schrieb, hatte sicher diesen Wein nicht probiert, denn er weist – bei aller Kraft – eine unglaubliche Finesse auf. Wie übrigens fast noch schöner der aktuell auf dem Markt stehende 2015-er, der jedes Vorurteil gegen Weine aus angetrockneten Trauben widerlegt.
Veltliner – Italianità made in Switzerland, Wiederentdeckung empfohlen! – Victor’s Weinblog

Trotzdem sind die drei hier vorgestellten Lagenweine von anderer Art. Alle sind äusserst filigran und elegant – jeder auf seine eigene Art, wobei die beiden Roten auch durch einen tiefen Alkoholgehalt positiv auffallen. Der „Canale“ (Sauvignon blanc) ginge glatt als guter weisser Bordeaux durch, und der „Sertola“ (Nebbiolo) beweist, dass es auch ausserhalb des Piemont möglich ist, herausragende Weine aus dieser Sorte zu keltern. Typologisch passt auch der Santa Perpetua (Syrah) sehr gut in die Reihe. Allerdings fällt hier – im Gegensatz zum „Sertola“ mit dem Piemont – der Vergleich mit einem guten Rhone-Syrah etwas anders aus. Eigentlich sind die beiden Weintypen gar nicht vergleichbar – eher würde man den Santa Perpetua in Südafrika zuordnen. Er ist zwar gut und absolut empfehlenswert. Aber dieser Wein ist vielleicht das einzige am ganzen Projekt der „Vinautori“, das noch nicht zur Vollendung gebracht wurde. Es war das Ziel der drei Gründer, den besten Syrah Italiens herzustellen. Daran muss noch gearbeitet werden, aber ansonsten dürfen die Gründerväter sich darüber glücklich schätzen, was die Fratelli Triacca heute aus der Idee gemacht haben: Wundervolle Botschafter für eine völlig zu unrecht stiefmütterlich behandelte Weinregion. Viva il Valtellina!

Veltlin „at its best“: drei herausragende Lagenweine aus einem aussergewöhnlichen Projekt.

Canale 2018, Alpi Retiche, Sauvignon blanc
Helles Gelb; zuerst holzbetont, dann sehr fruchtig mit Lychee, Aprikose und zudem sehr floralen Tönen; kräftiger Körper, trotz hohem Alkohol nicht brandig, vielmehr enorm frisch und mineralisch, gut stützende Säure, mittlerer Abgang. Der Typ „weisser Bordeaux“, mir gefällt er sehr, auch wenn das Holz noch etwas ausgeprägt scheint. In 2-4 Jahren nochmals beurteilen, wird vermutlich dann noch ausgewogener sein. 17 Punkte (= sehr gut)

Sertola 2015, Valtellina superiore (Nebbiolo)
Eher helles Rot; rote Kirschen, Johannisbeeren; im Mund filigran-elegant, gut stützende Säure, kaum spürbarer Alkohol, feine, zurückhaltende Tannine, immer noch jugendlich, druckvoll, langer Abgang. Ein feingliedriger, wunderbarer Nebbiolo, der Vergleich mit einem Seiltänzer sei erlaubt. 17,5 Punkte (= sehr gut).

Santa Perpetua 2017, Terrazze Retiche di Sondrio, Syrah
Mittleres Rot; in der Nase sowohl rote Aromen (Johannisbeeren, rote Pflaumen) also auch solche nach getrockneten Früchten (insb. Sultaninen); im Mund knackige Säure, feine, aber zurückhaltende Tannine, wirkt rund und fliesst sehr schön (Glycerin?), eleganter und filigraner Wein, ausgeprägt langer Abgang. 16 Punkte (= gut im obersten Bereich).

Bezug:
https://www.triacca.ch/de/weine-der-zukunft

Broschüre:

Weitere Infos ( Link zu Stefan Kellers hochklassiges Spirituosenprojekt und einem alten Artikel über I Vinautori):
http://www.schnaps.ch
WB_Master_041013 (vinautori.com)

Stephan Herter, der Winzer mit den richtigen Rezepten: Einsatz, Beharrlichkeit und Empathie!

Stephan Herter zeigt am Winterthurer „Taggenberg“, dass er als gelernter Koch auch in der Weinherstellung die richtigen Rezepte gefunden hat. Seine Weine sind hervorragend und gleichzeitig sowohl klassisch wie auch eigenständig.

Eigentlich ist er ja gelernter Koch, und dank einem sehr guten Lehrabschluss hatte er die Möglichkeit, sich in der absoluten Spitzengastronomie weiter zu entwickeln. Allerdings kam Stephan Herter da auch intensiv mit Wein in Kontakt, und das hat ihn nie mehr losgelassen. Nach einigen Jahren im Weinbusiness, zuerst als Weintechnologe, dann in fast jeder Position in einer führenden Schweizer Weinhandlung, wollte er sein eigenes Weingut gründen. Diverse Stages brachten ihm viele Impulse, ganz besonders beeindruckt hat ihn die Tätgigkeit auf der Domaine Leflaive, wo er in einem Team mit einer wundervollen Person (Zitat Herter) an der Spitze (die leider inzwischen verstorbene Anne-Claude Leflaive) auch die biodynamische Arbeitsweise kennenlernte.

Das Gute liegt so nah
Umgesehen hat er sich für ein Weingut dann weit in der Weinwelt. Südfrankreich wäre eine Option gewesen, aber eigentlich mag er den nördlichen Weinstil besser. Im Rheingau hätte er ein Gut übernehmen können – aber „nur“ Riesling, das war ihm zu wenig spannend. Schliesslich begann er auch in der Deutschschweiz zu suchen, wobei sein Vorgehen einzigartig war. Er ging nicht den Angeboten nach, sondern suchte zusammen mit einem Freund, der Geologe ist, nach einem bodentechnisch perfekten Ort. Gefunden hat er diesen dann in Winterthur, „seiner“ Stadt, in der er lange gelebt hat und die ihm ans Herz gewachsen ist (dem Schreibenden übrigens auch). Der Taggenberg, eine kleine Erhebung am westlichen Stadtrand, weist nämlich eine ganz aussergewöhnliche geologische Struktur auf. Er wurde geprägt vom Gletscher, aber anders als etwa der silex-geprägte benachbarten Hügelzug des Irchels gibt es hier Buntsandstein – und zwar nachweislich aus der Pfalz stammend und vom Gletscher hierhier transportiert. Aber damit nicht genug: Den Hügel durchzieht auch eine Kalkzunge, welche wiederum aus der Champagne stammt. Es gibt Lagen am Taggenberg, die nur rund 20 cm Humus aufweisen – darunter kommt direkt der Stein. Das zwingt zwar den Winzer zum Bohren, wenn er Pfähle einschlagen will, gleichzeitig aber auch die Rebe, ganz tief und weit durch den Kalk zu wurzeln. Kein Wunder also, dass hier vor rund 30 Jahren das Ehepaar Hans und Therese Herzog schon einmal absolute Spitzenweine produzierte, bevor es nach Neuseeland auswanderte.

Perfekte Weinlage am Rand der Stadt: Der geologisch einzigartige „Taggenberg“ in Winterthur.

Beharrlichkeit bringt Reben
Was aber tun mit diesem Wissen? Der Hang war weiterhin mit den von Herzog’s bepflanzten Reben bestockt, aber das Land ist auf etwa ein Dutzend Besitzer aufgeteilt und war zudem verpachtet. Es war immerhin ein schon über dem Pensionsalter stehender Landwirt, der die Reben pflegte. Und so änderte Herter seine Gewohnheiten: Statt ins obere Tösstal führten ihn seine Ausfahrten mit dem Moutainbike neu tössabwärts und in Richtung Irchel – und dabei fast jedes Mal vorbei am Hof des alten Bauern, um ihn zu überzeugen, die Reben doch abzugeben. Und tatächlich, irgendwann war er durch Herters Hartnäckigkeit „weichgeklopft“, ab dem Jahrgang 2012 konnte Herter die Reben am Taggenberg übernehmen. Wobei, ganz so einfach war auch das noch nicht, denn aufgrund seiner Ausbildung ging Herter amtlich nicht als Winzer durch. Also musste er sich noch im Schnellgang ausbilden. Auch diese „Lehre“ hat ihn geprägt, er konnte sie bei Michael Broger am Ottenberg absolvieren
vgl. hier: Michael Broger – der Pinot-Magier – Victor’s Weinblog
von dem er nicht nur weintechnisch, sondern auch menschlich („grandios“, Zitat Herter) viel profitieren konnte.

Beharrlichkeit musste Stephan Herter aber auch in andere Hinsicht beweisen. Er hat inzwischen 9 Jahrgänge gekeltert, und davon verliefen gerade deren zwei „normal“. Abgesehen von, wie Herter selbst einräumt, eigenen Fehlern, waren vor allem die beiden Frostjahre 2016 und 2017 schlimm und existentbedrohend. Aber Herter kaufte in diesen Jahren fremdes Traubenmaterial, und daraus entstand die Weinlinie „Väterchen Frost“. Handeln statt jammern – kein schlechtes Rezept!

Durchhaltewille zeigt er auch in der Bewirtschaftung. Er hat in all den Jahren nie eine „chemische“ Spritzung durchgeführt. Herter arbeitet nach biologisch bzw. bio-dynamischen Grundsätzen, ist aber nicht zertifiziert. Dies vor allem auch deshalb, weil er sich mit den Weltansichten des Rudolf Steiner schwertut und Bio-Suisse inzwischen als Instrument des Grosshandels empfindet – mit beidem will er nicht in Verbindung gebracht werden.

Aber auch ohne Zertifikat ist Herter beharrlich. Es kam auch im Jahr 2020, das durch den ständigen Wechsel von Nässe und Sonne in der Pilzabwehr problematisch war, mit nur 800 g Kupfer pro Hektar aus (erlaubt sind im Biorebbau 5 Kg), was auch nicht mehr signifikant höher liegt, als es für den anfälligeren Teil der Piwi-Sorten auch noch notwendig ist. Piwi ist für Herter ohnehin kein Ersatz; seiner Meinung nach kommen diese qualitativ vorerst einfach noch nicht an die Europäersorten heran, jedenfalls dann, wenn es darum geht, mineralische, trockene und ausdrucksstarke Terroirweine zu produzieren.

Herter tut aber auch so viel für die Natur. In mehreren Projekten zusammen mit der Naturschutzorganisation „Birdlife“ hat er Naturräume geschaffen, in denen sich Nützlinge ansiedeln und die Biodiversität verbessern können. Er ist überzeugt, dass er unter anderem auch deshalb noch nie wirkliche Probleme mit der Kirchessigfliege hatte. Zweifellos sind diese naturnahen Massnahmen der Weinqualität zuträglich. Ganz abgesehen davon ist er mit seinem Rebberg in einer privilegierten Lage: Er schneidet die Reben heute auf etwa 10 Augen zurück, und das ergibt dann aufgrund des Alters (ca. 45 Jahre) genau den bescheidenen Ertrag, den er für seine Weine anstrebt. Im Klartext: Herter muss keine „vendange verte“ ausführen, die Ertragsregulierung übernehmen die Pflanzen selbst.

Voller Einsatz bringt Infrastruktur
Mögen die Voraussetzung noch so gut sein, ein Newcomer ohne viel Geld kann nur bestehen, wenn er auch mit grossem Einsatz bei der Sache ist. Beim kontinuierlichen Ausbau seines Hofes legte und legt Herter immer selbst Hand an. Zurecht mit Stolz zeigt er den Barrique-Keller, ein Bauwerk, da er innert weniger Monate zu einem grossen Teil und selbst auf dem Bagger sitzend geschaffen hat.

Der mit den guten Rezepten und dem selbst geschaffenen Barrique-Keller: Stephan Herter.

Herausfordernd war auch die Corona-Sitation. Bedingt durch seine frühere Tätigkeit in der Gastronomie und dem Weinhandel war Herter im Absatz stark von Restaurants abhängig. Sozusagen von einem Tag auf den anderen blieben im Frühjahr 2020 die Bestellungen aus. Statt jammern suchte Herter sämtliche ihm bekannten Adressen von Kunden, Freunden und Bekannten zusammen und bot die Weine forciert im Direktverkauf an. Das Resultat: Bald stand Stephan statt im Rebberg tagelang im Keller und schnürte Pakete bzw. im Büro und schrieb Rechnungen!

Empathie für die Mitmenschen und für den Wein
Weil er deshalb während der arbeitsintensivsten Zeit im Rebberg fehlte, suchte der via soziale Medien nach Helfern – mit grossem Erfolg. Das war auch deshalb wichtig, weil aufgrund von Covid ein Teil seiner regelmässigen Helfer ausfiel. Seit Jahren bietet Herter nämlich Menschen, die eher auf der Schattenseite des Lebens stehen, die Möglichkeit, zeitweise bei ihm zu arbeiten und damit eine Aufgabe zu haben. In diesem sozialen Engagement habe er schon „Junkies“, „Knastis“ und „Alkis“ auf dem Betrieb gehabt und durchwegs gute Erfahrungen gemacht. Mit Abstand am schwierigsten, sagt ausgerechnet ein Winzer, sei der Umgang mit alkoholabhängigen Personen – das sei ein unvorstellbares Elend. Eine Warnung an uns alle, die wir den Wein so gerne haben, mit Mass und Vernunft zu geniessen!

Empathie, oder meinetwegen Fingerspitzengefühl, beweist Stephan aber vor allem auch bei der Weinproduktion. Natürlich profitiert er von einer hervorragenden Lage und alten Reben – und noch dazu davon, dass der erwähnte Hans Herzog „en fräche Siech“ gewesen ist, und damals nebst verbotenen Sorten auch spezielle Klone aus Frankreich gesetzt hat. Aber ganz offensichtlich hat Stephan Herter auch viel gelernt und dazu noch viel mehr Gefühl für den Wein entwickelt. Auf eigenen Hefen vergoren, so wenig Eingriffe wie möglich, ein trockener und eleganter Stil, der die Weine vor allem als Essensbegleiter aufblühen lässt und einen vielleicht nicht mit einem Bluffer-Stil sofort anspringen. Das Sortiment ist absolut überzeugend – der Koch findet auch als Winzer die feinsten Rezepte!

Aber lesen Sie selbst die nachstehenden Degustationsnotizen.

Sehr wichtig ist für Stephan Herter auch, dass die Weine ihre Herkunft zeigen – auf der Suche nach dem brühmten „Terroir“ sozusagen. Dass das nicht nur grosse Worte sind, zeigt er mit einem „Experiment“ mit dazugekauften Trauben aus Stein am Rhein. In diesem Fass lagert ein Pinot, der auf reinem Nagelfluh gewachsen ist, und mit dem Herter den Unterschied der verschiedenen Gesteins-Untergründe aufzeigen will.

Die Degustationsnotizen

Fabelhafte Parade der Fabelwesen: Herter’s tolles Sortiment (und es gibt noch mehr!)

„Väterchen Frost“, Schaumwein
Helles Gelb, zurückhaltende, feine Perlage; sehr fruchtbetont und „weinig“, Golden-Delicious-Apfel, Stachelbeeren, weisser Pfirsich, leichter, sehr feiner Hefeton; im Mund füllig, gut stützende Säure, kaum spürbarer Alkohol, neckische, dezente Süssnote, langer Abgang. Ein Masstab für Schweizer Schaumwein! 17 Punkte (= sehr gut).

Ferdinand, Räuschling 2019
(Degunotiz aus der Erinnerung, ich habe den Zettel verloren … aber der Eindruck ist sehr geblieben!)
Helles Gelb; Duft nach Orangen und Mirabellen, blumige Anflüge (u.a. etwas Flieder); im Mund mit knackiger Säure, filigran aber trotzdem für einen Räuschling erstaunlich dicht, langer Abgang. Toller Räuschling der eher traditionellen, aber doch etwas modern umgesetzten Art! 16 Punkte (= am oberen Ende gut).

Rufus, Sauvignon blanc, 2019
Mittleres Gelb, Stachelbeeren, Holunderblätter, nasses Gras; im Mund enorm frisch, sehr mineralisch, knackige Säure, sehr langer Abgang. Toller, mineralischer Sauvignon, den man blind in der Steiermark ziemlich weit vorne ansiedeln würde. 17 Punkte (= sehr gut).

Stix, Chardonnay 2019
Helles Strohgelb, Williams-Birne, Lychee, etwas neues Holz; im Mund rund mit ausgeprägter Fruchtsüsse, Holz und Toastung spürbar, gute Säure und gut eingebundener Alkohol. Schöner Wein, der als einziger stilistisch etwas aus dem Rahmen fällt. Mir ganz persönlich würde er etwas weniger „ausladend“ und dafür stählern noch besser gefallen. 16 Punkte (= am oberen Ende gut). Und Liebhaber dieses Stils würden ihn wohl noch höher bewerten.

Grimbart, Pinot noir 2019
Eher helles Rot; in der Nase zurückhaltend, rote Johannisbeeren, etwas Himbeer, würzig (Anflug von Lorbeer), leichter Holzton; im Mund filigran, herrlich ausgewogen mit spürbaren, feinen Tanninen und stützender, aber nicht aufdringlicher Säure, Alkohol erst im mittleren Abgang mit etwas „Feuer“ spürbar, leichter, schön eingebundener Holzton. Eleganter, frischer und charaktervoller Pinot der leichteren Art. 16,5 Punkte (= sehr gut).

Adelheid, Pinot noir/Cabernet, 2019
Recht dunkles Purpur; in der Nase Cassis und helle Fruchttöne, etwas Thymian; trotz spürbarer Säure und prägnanten Tanninen im Mund wie Samt und Seide, frisch und saftig, mittlerer Abgang. Eigentlich bin ich immer skeptisch gegenüber ausgefallenen Assemblagen, aber das hier ist eine schöne nördlich-frische Alternative, wenn eigentlich ein südlicher Wein passen würde (ich habe ihn zu Lamm sehr gut gefunden). 16,5 Punkte (= sehr gut).

Ruprecht, Pinot noir 2018
Für einen Pinot sehr dunkles Purpur; wunderschöne, pinot-typische Nase mit Himbeeren, Johannisbeeren, ganz dezent spürbares Holz; im Mund ein Feuerwerk: dicht, enorme Frische, gute Säure, trotz hohem Gehalt Alkohol kaum spürbar, langer und sehr „saftiger“ Abgang. Ein traumhaft guter, an das Burgund erinnernder Pinot, eine Referenz in der Schweiz. 18 Punkte (= hervorragend).
Leider ausverkauft.

HerterWein – Winterthur/Hettlingen

Und der Link zum „frechen“ Hans Herzog in Neuseeland:
Hans Herzog Marlborough Organic Winery

Toujours le Gamay! Château Thivin lässt das „jamais“ alt aussehen!

„Toujours“ reimt sich nicht, ich weiss. Aber „jamais“ sollte man beim Gamay in der heutigen Zeit nicht mehr sagen. Man würde Tolles verpassen! Das gilt ganz generell, gerade auch für viele Schweizer Weine. Aber heute ist die Rede von Château Thivin am Bouilly-Hügel, der schönsten Gegend im Beaujolais, dessen Weine jeden Gamay-Verachter zum Schweigen bringen müssen.

Im Jahr 1877 kauften Zaccharie und Marguerite Geoffray Château Thivin zusammen mit den damals 2 Hektar Reben gleich beim Gut. Seither entstand eine Familientradition, heute sind die fünfte und die sechste Generation am Werk – und wie! Die sechste Generation hat wichtige Verbindungen in die Schweiz. Claude-Eduard studierte zuerst in Beaune, beendete sein Studium aber schliesslich in Changins. Nebst Stages bei der Domaine Chaves in Mauves (Hermitage) und der Fromm Winery in Neuseeland sowie dem Geyerhof im Kremstal war er auch in der Schweiz tätig, so bei der Domaine La Colombe in Féchy und den Fils de Charles Favre in Sion. Und eben auch bei der Domaine Diroso von Hanspeter Baumann in Turtmann. Dessen Tochter Sonja ist heute Frau Geoffray und spielt auf Château Thivin eine wichtige Rolle im Rebberg, aber auch im Marketing und Verkauf. Auch sie studierte in Changins und weist – nebst vielen anderen – Erfahrungen in der Fromm Winery auf (in Neuseeland und Graubünden). Noch heute steht sie ihren Brüdern im Wallis, welche die Domaine Diroso nach naturnahen Grundsätzen führen, bei Bedarf beratend zur Seite.

Aber zurück ins Beaujolais: Auch auf Château Thivin arbeitet man sehr naturnah, ein Teil der Reben befindet sich in der Umstellung auf biologischen Rebbau (u.a. jene, die für den unten beschriebenen „les sept vignes“ verwendet werden) oder trägt schon das Bio-Label. Und auf einer Parzelle, sinnigerweise „Utopia“ genannt, baut man auch Piwi-Sorten an.

Alles Weitere kann auf der Website des Gutes nachgelesen werden. Besonders fasziniert hat mich die vorbildliche Information über Herkunft und Vinifikation jedes Weines, aber auch eine Lokalisation der Parzellen. So macht sich informieren Spass!
(Alle Angaben in diesem Beitrag, ausser den Degunotizen natürlich, sind auch ausschliesslich online recherchiert).

Vorbildliche Konsumenteninformation, hier als Beispiel zur Lage Godefroy, welche einen Teil der Trauben zur hervorragenden Cuvéee Zaccharie liefert. (Bilder ab Website des Gutes)

Château Thivin, Cuvée Zaccharie, Côte de Brouilly, 2018
Mittleres Rubin; verhaltener Duft nach Brombeer und Weichselkirsche, Rosenblüten, leicht spürbares neues Holz; im Mund enorm ausgewogen, Säure, Alkohol und Tannine in schönem Gleichgewicht (letztere mit ganz wenig grünem Touch), wunderbare Eleganz, vor allem im langen Abgang druckvoll. Toller Wein. Wer hier blind auf Gamay tippt, ist Klasse. Ich bin nicht einmal sicher, ob dieser Wein in einer Degustation von Gemeinde-Pinots aus der Côte d’Or auf- bzw. abfallen würde! Schöner, berührender Wein, der dem Gründer der Familiendynastie, Zaccharie, alle Ehre macht! 17,5 Punkte.
(Gleichberechtigung: Es gibt auch einen Weisswein – ein Chardonnay – der den Namen Marguerite trägt).

Château Thivin, Les sept vignes, Côte de Brouilly, 2019
Mittleres Rubin; fruchtige Aromen von roten und dunklen Früchten (Himbeer, Brombeer, schwarze Johannisbeeren), leicht pfeffrig; gute Säure, feines, aber eher zurückhaltendes Tannin, filigran, saftig und süffig, mitterer Abgang mit leichtem, schönem Bittertouch. Schöner, fröhlicher, aber doch gehaltvoller Gamay. 16 Punkte.

L’amour du vignoble et son terroir – Château Thivin (chateau-thivin.com)

Schweiz:
Kaufen Cuvée Zaccharie | Côte de Brouilly AOC – Château Thivin | 2018 | DIVO.

Deutschland, diverse, siehe:
https://www.chateau-thivin.com/point-vente/export.php

Domaine Léandre Chevalier: Die märchenhafte Rettung eines Ausnahmegutes in Bordeaux!

Traumhafte Weine hatte er uns geschenkt, Dominique Léandre-Chevalier. Wie ein böser Traum kam dann die Nachricht, dass er das Gut aus finanziellen Gründen aufgeben musste. Und nun wirkt es wie ein Märchen, dass die Domaine neu aufersteht! Hier die unglaubliche Geschichte dazu – halt nicht passend an Ostern, aber ein bisschen wie Weihnachten ist sie jedenfalls auch!

„Pferdemann rettet Pferdemann“, hätte man auch titeln können. Dominique setzte für die Bewirtschaftung seiner Reben auch Pferde ein, und nannte sich deshalb „l’homme cheval“. Nun hat ein anderer Pferdemann aus der Schweiz das Weingut gekauft und Léandre Chevalier als Betriebsleiter eingesetzt. Wir dürfen uns freuen!

Er ist wieder da: „l’homme cheval“, Dominique Léandre Chevalier – neu als Betriebsleiter der Domaine.

Aber der Reihe nach: Die Domaine Léandre-Chavalier (DLC) liegt in einem der wenig beachteten Gebiete von Bordeaux an den Côtes de Blaye. Luftlinie liegt das Gut zwar nur etwa sieben Kilometer von Pauillac entfernt – aber eben auf der „falschen“ Seite der Gironde. Trotzdem erweckte die Domaine immer mehr Aufsehen mit aussergewöhnlichen und aussergewöhnlich guten Weinen. An den jährlichen Arrivage-Degustationen für Bordeaux aus dem Sortiment von Gerstl war Dominique Léandre Chevalier fast immer persönlich anwesend. Plötzlich fehlte er, mir fiel das zwar auf, aber ich dachte mir nichts dabei. Bordeaux-Freund Reto Erdin hingegen fragte bei Max Gerstl nach und erfuhr die traurige Nachricht vom Konkurs schon sehr früh. Gleichzeitig teilte ihm Gerstl mit, dass es für eine Rettung leider schon zu spät sei, das Gut sei bereits im Konkurs.

Reto Erdin – der neue Besitzer der DLC: „Pferdemann rettet Pferdemann“!

Reto Erdin hatte sich kurz vorher einen Traum verwirklicht und ein Weingut in Bordeaux gekauft. Er hatte zuvor rund 50 bezahlbare Güter angesehen und sich schliesslich für dieses Gut – Château Monichot – an den Côtes de Bourg entschieden. Es wird seit 2001 biologisch bewirtschaftet und ist zur Zeit noch verpachtet. Der heute produzierte Wein begeistert Erdin nicht wirklich, aber er konnte Tropfen aus den 1980er-, 1990er- und 2000er-Jahren probieren und ist deshalb vom Potential der Böden überzeugt. Er suchte eigentlich nach einem künftigen Betriebsleiter für dieses Weingut, und weil ihm die Weine und auch die Bewirtschaftung der DLC immer so gut gefallen hatten, wollte er Kontakt mit Dominique Léandre Chevalier herstellen.

Mit viel Mühe gelang ihm dies schliesslich. Dominique nahm zu jener Zeit kaum noch Anrufe entgegen – meine, mit denen ich mehr über die Situation erfahren wollte, auch nicht. Aber weil Reto Erdin nicht locker liess, fragte DLC schliesslich doch zurück, was er denn wolle. Damit war das Eis gebrochen, und die beiden lernten sich kennen. Dabei erfuhr Erdin auch, dass das Gut noch nicht verkauft sei. Sein Interesse war geweckt, aber auf Nachfrage beim Konkursamt sagte man auch ihm, die Domaine sei nicht mehr zu haben. Alle Umstände, etwa, dass verschiedene Personen die Reben mehr schlecht als recht pflegten, oder dass die Trauben im Herbst verkauft wurden (auch jene aus der Parzelle mit 33’333 Stöcken/ha – und das zum Weltmarktpreis von 50 Cent pro Kilogramm!) wiesen aber darauf hin, dass hier noch kein neuer Besitzer am Werk war.

Starke Nerven gegen französichen Beamten-Schlendrian
Schliesslich stellte sich heraus, dass das Konkursamt zwei Dossiers verwechselt hatte, und somit die DLC tatsächlich noch zu kaufen war. Es sollte nicht das einzige Problem mit den staatlichen Behörden bleiben – die diesbezüglichen Schilderungen von Reto Erdin sind absolut haarsträubend. Ich erzähle sie hier nicht, ich möchte ja irgendwann wieder nach Frankreich einreisen dürfen 🙂
Immerhin aber dies: Erdin hatte ein Angebot für den ganzen Betrieb eingereicht. Beim Vollzug der Überschreibung gingen dann aber einige Parzellen „vergessen“. Es handelte sich zwar nur um Wiesen und Hecken, aber auch die sind Erdin wichtig, weil er das Gut dereinst CO2-neutral betreiben möchte, sodass ökologischen Ausgleichsflächen notwendig sind. Zum Glück ist er selbst Notar und wusste sich zu wehren – aber auf seine Intervention hin forderte man ihn vorerst auf, er müsse halt nochmals eine Offerte für diese Parzellen einreichen.

Nichts für schwache Nerven war dann auch der Umgang mit dem Weinjahrgang 2020. Eigentlich war zwar alles für einen Kauf anfangs Jahr abgemacht, aber die Eigentumsübertragung verzögerte sich immer wieder. Und dann kam Corona, und es ging gar nichts mehr. Erdin musste also entscheiden, ob er – vom Amt so diktiert – auf eigenes Risiko und ohne jede Entschädigung, falls der Kauf nicht zustande kommt, die Reben zusammen mit Dominique Léandre-Chevalier und seinem Team pflegen oder ob er noch einen Jahrgang verkommen sehen will. Schliesslich entschied er sich für das Risiko. Dieses hat sich gelohnt, aber die ersten Trauben waren schon geerntet, als im September der Kauf endlich vollzogen werden konnte!
Wie Räubergeschichten tönen freilich auch Erlebnisse aus dem Betriebsjahr 2020. So kaufte Erdin zwar den ganzen Betrieb mitsamt Inventar und Fahrhabe. Allerdings zeigte sich dann, dass Maschinen verschwunden waren, und auch ein Teil des noch vorhandenen Flaschenlagers war gestohlen worden. Und einzelne Maschinen, die zwar nach Papier Erdin gehört hätten, sich aber noch in einer Werkstatt befanden, wurden nicht herausgegeben, weil noch Schulden von früher bestanden. Rechtlich wäre der Fall ja klar gewesen, aber wenn man eine Maschine dringend braucht, geht man auch mal einen „Kompromiss“ ein ….

Ein Genie soll man nicht bremsen!
Nun aber zu Erfreulicherem, zur Zukunft: Reto Erdin hat sich das Ziel gesteckt, die Weine in gewohnter Qualität oder noch besser herauszubringen. Und Dominique Léandre-Chevalier, der jetzt die Domaine nicht mehr als Besitzer, aber als Betriebsleiter führt, war und ist voller Tatendrang, so, als wolle er es allen zeigen! Die Zusammenarbeit zwischen Reto Erdin und Dominique Léandre-Chavalier hat sehr gut funktioniert. Natürlich hatte im Vorfeld auch Erdin davon gehört, dass DLC zwar ein genialer Weinbauer und ein liebenswürdiger Mensch sei, aber administrativ und finanziell eigentlich überfordert – und auch schnell frustriert, wenn er seine Ideen nicht umsetzen kann. Reto Erdin meint dazu: „Genies kann man nicht bremsen, man kann sie auch nicht an die Leine nehmen, sonst verlieren sie ihre Motivation und damit auch die Genialität“. Seine Aufgabe sei nur zu schauen, dass die Finanzen im Lot bleiben – und deshalb halt auch mal „nein“ zu sagen.

Zum Vormerken: Der erste Jahrgang nach dem Neustart wird vielversprechend
Die Fassproben des Jahrgangs 2020 sind gemäss Erdin äusserst vielversprechend! Und es gibt auch schon neue Pläne für weitere Weine. So soll eine zusätzliche Parzelle mit 33’333 Stöcken/ha bepflanzt werden – mit einer Rebsorte, die eigentlich nicht ins Bordelais passt! Welche? Alles muss ja nicht gleich verraten werden! Kein Geheimnis ist hingegen, dass es auf der Domaine noch eine Parzelle mit wurzelechten Petit Verdot-Reben gibt. Diese stehen im Sand und wurden deshalb nicht Opfer der Reblaus. Daraus wird es künftig als absolute Rarität ein Fass geben, also etwa 300 Flaschen.

Nicht mehr geben wird es auf finanziellen Gründen künftig aber den „Inselwein“. DLC hatte seit einigen Jahren auch auf einer Insel in der Gironde vor Pauillac (oder eben vor Anglade auf der anderen Seite, wo sich die DLC befindet) – der Ile de Patiras – Weine produziert. Das war aber so ressourcenraubend (die Pferde mussten beispielsweise verschifft werden, und wenn man die Ebbe nicht sauber einplante, konnte man gar nicht übersetzen), dass Erdin davon absehen wird. Überhaupt, die Kosten. Reto Erdin hat nachgerechnet und festgestellt, dass DLC am Schluss mit jeder Flasche seines Hauptweines 10 bis 15 Euro verloren hat. Trotzdem ist Erdin nicht der Meinung, dass auf dem Gut Geld aus dem Fenster geworfen wurde. Er hat im Jahr 2020 jede Rechnung geprüft und keine gefunden, die nicht sinnvoll erschien. Das Gut weist 3,2 Hektar Reben auf, und deshalb braucht es Helfer, welche die Laubarbeit und die Ernte sicherstellen. Aus Qualitätsgründen will das Gut hier immer die gleichen, verlässlichen und geschulten Leute, die auch weiterarbeiten, wenn man ihnen mal den Rücken kehrt. Und dafür wird dann eben auch der 2,5-fache Mindestlohn bezahlt. Und diese Stunden summieren sich, weil auf diesem Gut sehr Vieles in Handarbeit erledigt wird – erledigt werden muss. Auf der Parzelle mit den 33’333 Stöcken sind sogar sämtliche Arbeiten einfach nur von Hand möglich.

Qualität über alles! Und konsequent ökologisch.
Und Handarbeit hat auch eine sehr ökologische Seite: Man kann heutzutage die Reben – wenn sie nicht gerade so eng stehen wie in der 33’333-Parzelle – maschinell aufbinden. Bloss wird dann in aller Regel Kunststoff verwendet (Plastik-Klammern bzw. -Schnüre). Und genau das – Mikroplastic im Boden – passt natürlich nicht ins Konzept der Domaine DLC. Also werden die Reben von Hand und mit Bast aufgebunden. Billig ist das natürlich nicht zu haben!

Zudem man gibt sich auch nicht mit Holzfässern von der Stange zufrieden. DLC will ganz bewusst, dass man das Holz in seinen Weinen kaum spürt. Er bestand und besteht deshalb darauf, dass seine Fässer natürlich getrocknet und nach einem ganz bestimmten „Rezept“ ausgebrannt – „getoastet“ werden. Hohe Qualität lebt von Details!

Die Preise müssen etwas steigen – werden aber fair bleiben.
Erdin will deshalb ganz bewusst nicht die Sparschraube drehen. Gleichzeitig will er aber auch den langfristigen Bestand der Domaine sichern. Das heisst im Klartext, die Weine werden teurer! Allerdings, schiebt Erdin nach, mit dem Kauf der zwei Güter in Bordeaux habe er sich einen Traum verwirklicht, und er wolle damit nicht reich werden. Will heissen, die Preise werden moderat steigen, aber es müsse einfach gelingen, einen fairen kostendeckenden Preis zu erzielen, sonst funktioniere alles nicht – und schon gar nicht die hohe Qualität.

Ganz einfach wird es kaum werden, und es ist vielleicht ein Glück, dass die Spitzenweine des Jahrgangs 2020 erst im übernächsten Jahr auf den Markt kommen. Erdin setzt zwar darauf, dass die wichtigsten der bisherigen Weinhändler seine Weine weiterhin im Sortiment behalten und die treuen Stammkunden bei der Stange bleiben, eben auch zu etwas höheren Preisen (aber vielleicht auch nochmals höherer Qualität). Aber in Frankreich selbst sieht es aktuell traurig aus. Zwar wären die alten Kontakte noch vorhanden – sofern es denn die Firmen und Restaurants überhaupt noch gibt. Corona hat auch da eine tiefe Kerbe geschlagen, und wer nicht schon pleite ist, kauft kurzfristig jedenfalls kaum ein. Aber wer den Kampf mit den französischen Behörden erfolgreich hinter sich gebracht hat, wird hoffentlich auch jenen um die Kunden gewinnen.

Eines ist für Reto Erdin allerdings klar: Ein zweites Mal wird die Domaine nicht in Konkurs gehen, dafür kann er viel zu gut rechnen. Falls es nicht gelänge, für die herausragenden Weine einen fairen Preis zu erzielen, dann würde das Experiment „DLC II“ scheitern, bevor alles Geld „verbrannt“ wäre. Es ist also auch an uns Weinfreunden, die Wiedergeburt der Domaine langfristig am Leben zu erhalten.

Aus rein finanziellen Gründen wird die Domaine zur Zeit auch nicht als Bio-Betrieb zertifiziert werden. Reto Erdin wurde zwar an einem Bio-Weinbaukurs am FIBL geschult und überzeugt, und man arbeitet auf der Domaine auch sehr weit gehend nach den Bio-Prinzipien. Eine Zertifizerung würde aber sehr viel Geld kosten: Zusammen mit den baulichen Anpassungen einen siebenstelligen Betrag, den sich das Weingut nicht leisten kann. Denn während man in den Rebparzellen die Vorschriften problemlos einhalten könnte, müsste man baulich zu Vieles ändern.

Le deuxième „homme cheval“
Ach ja, und das mit dem „Pferdemann“: Reto Erdin ist Pferden mindestens so verbunden wie Dominique Léandre Chevalier! Und sehr talentiert ist er dazu: 2015 gewann er Gold an der „Quarter Horse EM im Amateur Reining“ – einer speziellen Ausprägung des Dressurreitens! Zudem war er selbst erfolgreicher Züchter.

DLC nannte und nennt sich „l’homme cheval“. Reto Erdin wiederum ist auf dem Handy seiner Partnerin als „Pferdemann“ gespeichert! Wenn das keine Symbiose ist!

Hoffen wir, dass das moderne Märchen des Pferdemanns, der einen anderen Pferdemann rettet und mit ihm zusammen Grosses aufbaut, zu einem guten Ende kommt. Wie sagte doch Reto Erdin zum Abschied zu mir: „Märchen enden fast immer mit einem Happy-End“! Man würde es diesem sympathischen, zwar selbstsicheren, aber gleichzeitig bescheidenen und nie überheblichen Pferdemann gönnen – und uns Weinfreunden erst recht!


Reto Erdin: tausche Porsche gegen Cheval-blanc-Inventar!

Reto Erdin, Europameister im „Quarter Horse Amateur Reining“ – und qualitätsbesessener Weingutsbesitzer.

Ein Wirtschaftsstudium an der HSG und ein Doktortitel stehen am Anfang der beruflichen Laufbahn von Reto Erdin. Er machte Karriere im Bankwesen und war CEO, wobei er betont, er sei nie im „Millionen-Salär-Club“ gewesen, und deshalb könne er heute auch nicht einfach aus dem Vollen schöpfen, wenn es um den Aufbau der DLC gehe. Um einen neuen Sortiertisch für die Triage der angelieferten Trauben zu kaufen, hat er kürzlich seinen Porsche verkauft. Immerhin erfuhr er dann, dass das gleiche Produkt auch auf Cheval blanc im Einsatz ist.

Nach einem extrem intensiven Jahr mit drei Bank-Jobs parallel nahm er sich eine Auszeit – um dabei festzustellen, dass er nicht mehr in die Bankenwelt zurück will. Er widmete sich danach der Reiterei, besuchte Bio-Rebbaukurse – und erlangte das Notaren-Patent. Heute arbeitet er als Notar – und natürlich auch als Weingutsbesitzer!

http://www.hommecheval.com

Hier noch einige Links auf meine früheren Beiträge über die DLC:
Je savais que c’était impossible … alors je l’ai fait! – Victor’s Weinblog
Provokation gelungen! Zu 100 %. Mit Petit Verdot. – Victor’s Weinblog

Und der inzwischen „überholte“ Beitrag zum vermeintlichen Ende der Domaine – zum Glück kam alles anders:
C’était impossible: Der „Pferdemann“ ist konkurs! – Victor’s Weinblog

Einbahnstrasse Pestizide? Gift im Wein – ganz aktuell heute im „Kassensturz“.

Es passt zeitlich perfekt zu meinem Beitrag von gestern über das Piwi-Buch von Fredi Strasser: Der „Kassensturz“ berichtete heute Abend darüber, dass in 75 % der untersuchten Schweizer Weine – und in allen konventionell produzierten- Rückstände von Pestiziden gefunden wurden. Und er weist auf Piwi-Sorten hin, welche die Lösung sein können. Und was tut gleichzeitig der „Conseil Interprofessionnel du Vin de Bordeaux“ (CIVB)? Er verklagt eine örtliche Organisation auf Schadenersatz, welche Labortests von Bordeaux-Weinen offen legte! Umdenken begänne im Kopf … und am Kopf.

Beruflich bin ich gerade damit beschäftigt, die zu hohen Werte von Chlorothalonil-Metaboliten im Grund- und damit teilweise Trinkwasser zu erklären – und gesundheitlich zu relativieren. Diese stehen seit Kurzem in Verdacht, krebsergebend zu sein, und deshalb hat der Bund neue, sehr tiefe Höchstwerte für das Trinkwasser erlassen. Die Stoffe stammen von einem jahrzehntelang in der Landwirtschaft angewandten, seit 2020 verbotenen Fungizid (Anti-Pilz-Mittel). Tatsächlich dürfte niemand, der aktuell „Wasser ab dem Hahnen“ trinkt, gesundheitlich wirklich gefährdet sein. Gleiches gilt mit einiger Wahrscheinlichkeit auch für Rückstände von Fungiziden, Bioziden und Herbiziden, wie sie im Wein gemessen werden. Die vom Kassensturz untersuchten Weine lagen denn auch bei allen Stoffen (ausser den verbotenen natürlich) unter den gesetzlichen Höchstwerten. Aber ob nicht einzelne der Wirkstoffe auch in kleinen Mengen gesundheitsschädigend sind, wissen wir wohl erst in einigen Jahrzehnten. Ebenso, ob nicht die Kombination vieler kleiner „Höchstwertüberschreitungen“ problematisch sind.

Und gerade solche „Gift-Cocktails“ fanden sich gemäss „Kassensturz“ (ein populäre Schweizer Konsumentensendung) in den konventionell angebauten Weinen, und zweimal eben zudem verbotene Mittel! Bloss alle drei Bio-Weine waren ganz „sauber“.

«Kassensturz»: Pestizide in Schweizer Wein – Medienportal – SRF

Mit diesem kurzen Blog-Beitrag will ich aber vor allem darauf hinweisen, dass es sich Winzer imagemässig wohl immer weniger werden leisten können, pestizidbelastete Weine auf den Markt zu bringen. Ich habe mich dazu in Zusammenhang mit Glyphosat schon einmal geäussert:
Glyphosat: für Winzer auch ein Imagerisiko! – Victor’s Weinblog

Lassen Sie es mich an einem Beispiel erläutern. Einer meiner liebsten Weissweine, er stammt aus Bordeaux und ich habe ihn hier auch schon beschrieben und gelobt, wurde von der Organisation „alert aux toxique“, welche nun vom CIBV eingeklagt wurde, getestet. Und so lese ich in den Resultaten, dass er erhebliche Mengen eines Fungizides (gegen Botrytis) enthält. Rational weiss ich natürlich, dass ich kaum gleich sterbe, wenn ich die Flaschen, die noch in meinem Keller liegen, trinke. Und vermutlich habe ich auch schon viel stärker belastete Weine „genossen“. Aber macht das wirklich noch Spass? Wenn ich künftig in den Keller steige, werde ich das nie ausblenden können. Mein lieber Schwan, das macht einfach keine Freude – und nicht einmal zum Kochen mag ihn noch brauchen, das käme ja auf das Gleiche heraus!

Starker Auftritt von Robin Haug
Immerhin: Winzer Robin Haug aus Weiningen, bis vor Kurzem im Nebenamt auch Geschäftsführer des Branchenverbandes der Deutschschweizer Winzer, hat das Kassensturz-Interview besser gemeistert als mancher CEO! Und er hat zu recht auch darauf hingewiesen, dass es sich beim Rebbau um eine träge Branche handelt (träge in dem Sinne, als Neupflanzungen Zeit brauchen und man nicht einfach einen Schalter drehen kann), und dass auch der Konsument mitmachen muss, wenn eine naturnahe Weinwirtschaft gelingen soll. Umdenken beginnt im Kopf – auch bei uns Konsumenten!

Riesen-Spritze im Einsatz (Bild aus … Pauillac, Bordeaux)

Hier noch der Hinweis auf die erwähnte Geschichte aus dem Bordelais:

Chemie-Einsatz beim Weinanbau: Schmutziger Tropfen – taz.de

https://alerteauxtoxiques.com/

Fredi Strasser’s Lebenswerk: Ein Buch als „Muss“ für wirklich alle Weinfreunde!

Wenn Sie noch ein tolles und sinnvolles Weihnachtsgeschenk für einen Weinfreund suchen: voilà! Ein Schweizer Pionier im biologischen Rebbau hat ein Buch herausgegeben, das faszinierend ist. Und es passt eben wirklich für alle. Für ökologisch eingestellte Weintrinker, weil es bestätigt und Wissen ergänzt. Aber noch viel mehr für alle anderen, weil es völlig undogmatisch eine neue Sicht auf Reben und Umwelt vermittelt – und zum Denken anregt!

Das Buch heisst „Pilz-resistente Traubensorten“ – und der Titel ist eigentlich das am wenigsten Präzise daran. Es ist zwar gemäss Verlag eines der ersten „Piwi-Bücher“ überhaupt. Aber eigentlich ist es viel, viel mehr, nämlich ein Vermächtnis eines der grossen Bio-Pioniere im Rebbau, und eine faszinierende Beschreibung, wie ein Winzer mit umweltgerechten Methoden die Reben und den Boden ohne Gift ins Gleichgewicht bringen kann.

Fredi Strasser in seinem Element: So spannend wie er erzählt, liest sich sein Buch.

Aber vor allem: Das Buch ist nie dogmatisch, Fredi Strasser schildert einfach sein enormes Wissen, das er sich als „Studierter“ (Ing. Agr. ETH) vor allem auch empirisch im Alltag angeeignet hat. Eigentlich ist es auch ein geniales Lehrbuch. Fredi Strasser schafft es zusammen mit der Mitautorin Franziska Löpfe, auf knapp 250 Seiten einen hervorragenden Überblick über die Wunderpflanze „Rebe“ und ihre Kultivierung sowie die Weinherstellung zu geben. Und ebenso wird auf sehr gut verständliche Art ein grosses Wissen über die Problematik des Rebbaus in Bezug auf Krankheiten und Schädlinge vermittelt – und die verschiedenen Arten, wie man dem als Winzer begegnen kann. Ein ganz wichtiger Teil des Buches widmet sich zudem der Bodenfruchtbarkeit und dem schonenden Umgang mit unserer Lebensgrundlage.

Ich werde nie vergessen, wie Fredi Strasser an einem Rebumgang an beliebigen Stellen eine Sonde in seinen Rebberg gesteckt hat, mit dem Hinweis, dass ein durchlässiger, lockerer und bewachsener Boden nicht nur fruchtbarer ist, sondern bei Niederschlägen auch das Wasser zurückhält und speichert. Er musste deshalb seine Neupflanzungen auch in trockenen Jahre nicht bewässern. Keine zwei Wochen später ergoss sich ein Unwetter mit kurzen, aber sehr heftigen Regenfällen über das Stammertal. Ein Augenschein ergab, dass im Rebberg von Fredi Strasser alles Wasser problemlos versickerte, während es sich ein paar Meter entfernt in einer konventionell bewirtschafteten Parzelle in Sturzbächen auf die unterliegende Strasse ergoss.

Rechts demonstriert Fredi Strasser die Durchlässigkeit seiner Böden. Hier gab es auch nach dem Umwetter keine Schwemmschäden. Links eine herkömmlich bewirtschaftete Parzelle eines anderen Winzers in der Nachbarschaft – wertvoller Boden ist weggeschwemmt.

Ein kleinerer Teil des Buchs widmet sich dem Autor und Biopionier selbst. Und diese Passagen haben es auch in sich. Hier erfährt man einiges über den inneren Antrieb des Autors, aber noch viel mehr über all die Steine und Knebel, die einem Visionär wie Fredi Strasser von der „offiziellen Schweiz“ in den Weg gelegt wurden. Ein bisschen Glück und „Vitamin B“ gehört manchmal auch dazu, wenn man die Steine wegräumen will. Fredi Strasser wurde in sehr jugendlichem Alter der erste Bio-Landwirtschaftslehrer an der Zürcher landwirtschaftlichen Schule Strickhof. Und ebenda besuchte anfangs der 1980er-Jahr ein gewisser Andrea Hämmerle, Biohof-Quereinsteiger und später Nationalrat, die Vorlesungen von Strasser. Es entwickelte sich eine Freundschaft, und dank dieser brachte Hämmerle in der Wirtschaftskommission des Nationalrates den Antrag ein, dass auch neue Rebsorten, und eben auch Piwi, in der Schweiz zugelassen werden. Gegen den Willen des damals zuständigen Bundesrates, und gegen den Widerstand von zwei Westschweizer Winzern in der Kommission („les hybrides – on ne peut pas les boire“) setzte sich Hämmerle schliesslich durch. Damit war der Weg frei, Piwi-Sorten auch in der Schweiz anzupflanzen.

Zwei Freunde veränderten die Schweizer Reblandschaft: Fredi Strasser und alt NR Andrea Hämmerle.

Zurück zum Buch: Es ist ungemein spannend und auch sehr flüssig und lesefreundlich geschrieben, ohne dabei an Substanz zu verlieren. Etwas speziell ist die Kombination aus wissenschaftlichen Erkenntnissen, welche der Ing. Agr. ETH Strasser einbringt, und empirischen Erfahrungen, welche der Naturbeobachter Strasser beisteuert. Ich habe die wichtigsten Passagen einem in Oxford forschenden Mikrobiologen vorgelegt. Er kritisiert als Wissenschaftler zu recht, dass der Unterschied zwischen etablierten Fakten, mit denen ein Abschnitt meistens beginnt, und eigenen Hypothesen nicht klar gekennzeichnet wird. Als wissenschaftliches Buch kann es deshalb nicht durchgehen, aber das war ja wohl auch nicht die Absicht. Trotzdem hält auch der Biologe das Buch als Übersicht für den Laien für durchaus gewinnbringend. Wenig begeistert ist er freilich über den Schlussteil zu Knöllchenbakterien und Mykorrhizen, aber das ist halt ausgerechnet sein eigenes Forschungsgebiet.

Auch über Zucht und Eigenschaften von Piwi-Reben erfährt man einiges, vor allem über die auf Strasser’s Betrieb angepflanzten. Und wem das jetzt immer noch nicht genügt, der sei noch darauf hingewiesen, dass auch die Tiere nicht zu kurz kommen – die gesamte Fauna im Sinne der Biodiversität mit Schädlingen und vor allem auch Nützlingen, aber auch die Haus- und Nutztiere, welche Strasser’s halten und die auch aus dem Rebberg nicht wegzudenken sind.

Pferde (und andernorts Schafe) im Rebberg – ersetzen den Mäher!

Quintessenz: Ich habe kaum je ein Weinbuch derart „verschlungen“ wie dieses. Es schafft den Spagat zwischen moderner Kommunikation und ernsthafter Wissensvermittlung in hervorragender Art. Und es ist wirklich für jeden Weinfreund geeignet:

  • Der Weinfreund, der nur wenig darüber weiss, wie Reben gepflegt werden und wie Wein entsteht, bekommt hier in geraffter Form einen sehr guten Einstieg und Überblick.
  • Der Umweltbewusste wird aus diesem Buch noch lernen können (ich selbst bewirtschafte einen kleinen Rebberg, mehrere Jahre war ich auch biologisch unterwegs, aber ich hatte beim Lesen und beim Rundgang mit Fredi Strasser unzählige „Aha-Erlebnisse“).
  • Der neugierige Weinkenner wird entdecken, dass es sich lohnt, sich mit neuen Sorten auseinanderzusetzen.
  • Vor allem aber für Skeptiker eignet sich das Buch ganz besonders: Wer es liest, und nicht völlig mit Scheuklappen durch’s Leben geht, wird im Minimum den einen oder anderen Denkanstoss erhalten.

Damit würde dann das Buch nicht nur zur Zusammenfassung des Lebenswerks des Fredi Strasser, sondern auch zur Basis für einen schonenderen Umgang mit der Umwelt werden. Was könnte sich der Bio-Pionier Schöneres wünschen?

Fredi Strasser, Franziska Loepfe: Pilzresistente Traubensorten (Reben biologisch pflegen, naturreinen Wein geniessen – das Piwi-Buch), Haupt-Verlag, Bern, ISBN 978-3-258-08187-8. CHF 39.00.
https://www.haupt.ch/buecher/natur-garten/pilzresistente-traubensorten.html


Fredi Strasser und seine Weine:
Fredi Strasser hat Jahrgang 1958 und wuchs in Nussbaumen im Kanton Thurgau als Bauernsohn auf. Strasser lebt heute mit seiner Frau Maria in Stammheim im Kanton Zürich, wo er sein eigenes Weingut betreibt. Wie er zu diesem Gut gekommen ist, kann sehr spannend erzählt im Buch nachgelesen werden.
Er studierte in Zürich an der ETH Agrarwissenschaft, war während Jahrzehnten Lehrer für Biolandbau an der landwirtschaftlichen Schule Strickhof, ist Gründungsmitglied der Stiftung Fintan, eines bio-dynamisch arbeitenden Vorzeige-Betriebes in Rheinau und war auch in der Hauptrolle bei der Neuanlage der imposanten Weinlage „Chorb“, hoch über dem Rhein. Seit rund 10 Jahren besitzt er nun bestes Rebland in Stammheim, welches er nach und nach auf Piwi-Sorten umstellte.

Und wie schmecken seine Weine? Gut! Hier zwei Beispiele:

Soleil d’Or, weiss, 2018
(Cuvée aus Excelsior und Seyval Blanc)
Helles Gelb, intensive in der Nase, florale Töne nach Lindenblüte und Rebenblüte (!), intensiver Lychee-Duft; im Mund recht dicht, spürbare Fruchtsüsse, dezente, aber gut stützende Säure, leichter, erfrischender Bitterton, mittlerer Abgang. Schöner Wein, kaum ein Hinweis auf Piwi! 16,0 Punkte (=gut bis sehr gut).

Maréchal Foch, rot, 2017
Mittleres Rot; sehr fruchtige Nase, Himbeeren und sehr ausgeprägt Walderdbeeren, etwas Kiwi; im Mund wenig Tannin, Säure und Alkohol sehr gut ausgewogen, schlank. Erst ganz am Schluss im mittleren Abgang ganz leicht „foxig“. Gelungener Wein, 15,5 Punkte (= gut).

https://www.stammerberg.ch/ueberuns/betrieb


Und schliesslich noch für alle, die immer noch glauben, „les hybrides – on ne peut pas les boire“:

„Piwi-Weine sind untrinkbar“. Umdenken ist angesagt – hier ein Spitzenwein als Beweis! – Victor’s Weinblog

91-26-26 – ein Piwi-Wein wie ein 6-er im Lotto! – Victor’s Weinblog

Trinken Sie sich mal einen Kater! Und bauen Sie dabei schmerzlos Vorurteile ab. – Victor’s Weinblog

Trinken Sie sich mal einen Kater! Und bauen Sie dabei schmerzlos Vorurteile ab.

Vielleicht braucht es ja Mut, auf einer Weinflasche einen Kater abzubilden? Wenn der Inhalt aber zu keinem „Kater“ führt, sondern sehr gefällt und von höchstem önologischem und ökologischem Interesse, und wenn die Herleitung der Etikette sehr logisch ist, dann gefällt doch eine Katze auf der Weinflasche! Vor allem mir.

In unserer Familie besteht zu Katzen eine Liebesbeziehung. Während 15 bzw. 16 Jahren waren zwei „Büsis“ bei uns absolute Familienmitglieder, und deshalb ist jede Abbildung von Katzen für uns mit wunderschönen Erinnerungen verbunden. Deshalb konnte ich auf einer kürzlichen Reise durch den Schweizer Jura auch nicht widerstehen, Wein mit einer Katze auf dem Etikett zu kaufen. Freilich ist das jetzt nur die halbe Wahrheit, denn ich wusste, wer die Flaschen produziert hat, und ich hatte schon lange geplant, diese Weine endlich einmal zu probieren.

Gibt es etwas Vollkommeneres als eine Katze?

Hand auf’s Herz? Wann hatten Sie letztmals einen richtigen „Kater“? Aber ist es eigentlich nicht eine Frechheit, einen wenig beglückenden Zustand nach einer männlichen Katze zu benennen?

Alles andere als das ist es aber, Weine so zu bezeichnen. Auflösung am Schluss des Artikels!

Der rote „Kater“ (2017)
Mittleres, strahlendes Purpur; enormes Bouquet von roten Früchten (Himbeer, Erdbeer, rote Johannisbeere), Anflug vor Würze (v.a. Thymian), ganz leichter Holzton; im Mund eher filigran aber doch druckvoll, schöne Säure, spürbares Glycerin, das den Wein wunderbar fliessen lässt, enorme Frische. Schöner, noch jugendlicher, sehr spannender Wein!

Der weisse „Kater“ (2019)
Mittleres Gelb; Holunderblüten, Anflug von Aprikosen und einem klein wenig Rauch, ausgeprägter Duft nach Jostabeeren (Kreuzung aus schwarzen Johannisbeeren und Stachelbeeren = nach Cassis duftend); im Mund sehr dicht und rund fliessend, schöne Säure, dank der die leichte Restsüsse gut ausbalanciert ist und schön wirkt, langer Abgang. Schöner, ausdrucksvoller Wein!

Zwei tolle Weine, und sie stammen – aus dem Schweizer Kanton Jura! Natürlich denkt man dabei wohl eher an Pferde, Felsen, Wälder und saftige Wiesen. Dieser Weinberg wurde denn auch erst 2008/2009 bepflanzt. Die ersten Reben im Jura wurden allerdings schon anfangs der 1990er-Jahre bestockt, und das war damals sogar Vinum einen Artikel wert, so ausgefallen schien damals die Idee.

Aber das Dorf Courfaivre, gleich neben dem Hauptort Délémont, liegt nur rund 460 m über Meer. Es ist also nicht einzusehen, warum hier nicht gute Weine wachsen sollen, zumal, wenn sie aus einer idealen Südlage stammen. Angebaut und vinifiziert werden sie von Silvia Blattner von der Domaine Blattner in Soyhiéres, nur ein paar Kilometer von Courfaivre entfernt im Tal der Birs.

Blattner? Da war doch was? Genau, Silvia und Valentin Blattner gehören zu den weltweit führenden Rebzüchtern – wenn es um Piwi-Reben geht. Das Klima im Jura ist rauh, und wenn eine Rebe hier ohne Pilzbefall überlebt, wird sie es fast überall tun. Ein sehr grosser Anteil der heute qualitativ und quantitativ führenden Piwi-Sorten ist hier entstanden.

Es verwundert deshalb nicht, dass es sich auch bei den eingangs beschriebenen Weinen um solche aus Piwi-Sorten handelt. Der Rote besteht aus Cabernet Jura und hatte etwas Barrique-Kontakt, der Weisse ist eine Assemblage aus Ravel (oder Sauvignon Soyhières) und Sauvignac.
(Zu einem reinsortigen Sauvignon Soyhières siehe hier:
https://victorswein.blog/tag/sauvignon-soyhieres/)

Beide Weine, da bin ich überzeugt, würden in einer Blinddegustation nur von ganz wenigen Weinfreunden als Piwi erkannt. Silvia Blattner versteht es ganz offensichtlich, die Weine so zu keltern, dass fast keine der typischen „Piwi-Aromen“ zum Vorschein kommen. Eigentlich ist das ja nicht erstaunlich, sie war ja auch hautnah dabei, als die Sorten durch Valentin Blattner und sie entwickelt wurden! Es gibt meiner Meinung nach nur einen kleinen Anhaltspunkt, der auf Piwi hinweist: Der Weisswein verfügt über eine ausgeprägte Cassis-Note, was ich bei herkömmlichen Weissen nur sehr selten und in dieser Intensität nie festgestellt habe. Und der Rote? Da muss jemand sehr empfindsam oder erfahren sein, wenn er hier auf Piwi tippt!

Zusammengefasst: Zwei tolle Weine, die auch höheren (wenn auch nicht höchsten) Ansprüchen genügen und die mithelfen, Vorurteile gegen Piwi-Sorten abzubauen. Da gibt es ganz offensichtlich ganz viel Potential. Und der vergleichsweise geringe Alkoholgehalt hat ohnehin Zukunft!

Den Kater im Wappen

Das Wappen von Courfaivre

Und zum Schluss: Wir haben beide Flaschen noch am gleichen Abend ausgetrunken, und von „Kater“ war keine Spur. Das Sujet auf der Flasche und der Name haben einen ganz anderen Ursprung: Das Wappen der Ortschaft (und früheren Gemeinde) Courfaivre ziert eine Katze bzw. ein Kater. Die Einwohner des Ortes werden deshalb „les Mergats“ genannt, ein Patois-Ausdruck für Matou, Kater. Silvia Blattner hat daraus die Bezeichnung der tollen Weinlinie abgeleitet!

Die beiden Weine sind die beste Gelegenheit, Vorurteile gegenüber Piwi-Sorten abzubauen!

Links der rote Cabernet-Jura, und rechts der weisse Ravel Blanc / Sauvignac, Züchtungen von Blattners aus dem Schweizer Jura.

http://www.lesmergats.ch

Und hier noch ein Interview mit Valentin Blattner zur Piwi-Zucht:
https://blog.bio-suisse.ch/2019/09/was-wir-machen-ist-wissenschaft.html