„Alte Reben“ von Saalwächter – so grossartig kann Sylvaner sein!

Sylvaner – na ja, viel Positives wird dieser Sorte ja nicht zugeschrieben und „Weinkenner“ meiden sie eher. Ich finde, ganz grundsätzlich zu Unrecht, es gibt viele schöne Sylvaner. Aber was Carsten Saalwächter mit dem 2019er „alte Rebe“ in die Flasche gebracht hat, ist schlicht ergreifend!

Von Carsten Saalwächter war hier schon einmal die Rede:
„La Première“ von Carsten Saalwächter: Ein junger Mann macht Furore! – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)
Inzwischen konnte ich mir von Weinfreund Florian Bechtold einige Flaschen Nachschub besorgen, und ausgerechnet ein „Basiswein“ hat mich total begeistert. Natürlich konnte ich es auch nicht lassen, den Spätburgunder vom Assmannshäuser Höllenberg 2018 zu probieren, der rote Spitzenwein des Gutes. Dieser zeigt sich akuell ziemlich verschlossen. Aber der Reihe nach:

Es gibt Weine, die fahren ein wie ein Blitz, und genau das ist beim Sylvaner alte Reben 2019 der Fall. Selten habe ich im Mund eine derartige „Frische-Explosion“ erlebt, die den ganzen Mund füllt und nicht mehr abklingen will. Das ist ganz grosse Klasse – und ein Wein notabene, der unter 15 Euro kostet! Hier die ganze Degustationsnotiz:

Carsten Saalwächter, Sylvaner alte Reben, 2019
Mitteleres Gelb; in der Nase zuerst zurückhaltend, etwas Belüftung tut ihm gut, dann schöne Töne von Mirabellen, weissen Johannisbeeren, Rharbarber, leichter Anflug von Holz; im Mund wie beschrieben eine reine Explosion von Frische, total mundfüllend und fast unendlich nachklingend, rassige, aber sehr gut eingebundene Säure, dezente, schöne Bitternote, leicht adstringierend, enorm dicht, langer Abgang. Ein Wurf – begeisternd und berührend! 17,5 Punkte.

Der Höllenberg in Assmannshausen ist wohl die Pinot-Lage in Deutschland schlechthin. Aus dieser Steillage über den Dorf und dem Rhein kommt das rote „Flaggschiff“ von Saalwächter. Der 2018 springt einen in seiner aktuellen Verfassung nicht gerade an. Er ist eher verschlossen, etwas krautig wirkend und braucht viel Luft. Sein Potential zeigt er aber sehr gut. Mir fehlt zwar die Erfahrung mit Saalwächter’s Weinen, aber ich bin überzeugt, dass es sich lohnt, die restlichen Flaschen ein paar Jahre liegen zu lassen um dann einen reifen und begeisternden Wein im Glas zu haben. Was auf jeden Fall für eine hohes Alterungspotential spricht: Es gab einen kleinen Rest in der Flasche, den ich nach einer vollen Woche nochmals probierte – und da war der Wein zugänglicher und noch kein bisschen müde oder gar oxydativ.

Carsten Saalwächter, Assmannshäuser Höllenberg, Spätburgunder 2018
Mittleres Rubin; etwas krautig mit Schwergewicht auf Brennesseln duftend, daneben dezente Frucht nach Johannisbeeren und Brombeeren, leichter Hefe-Touch; im Mund schöne Säure, vollgepackt mit feinen Tanninen, dicht gewoben, sehr vielschichtig, sozusagen ein friedlliches Nebeneinander von Fülle und Wucht mit Eleganz und Filigranität, auch im Mund etwas kräuterig und dezent hefig, sehr langer Abgang. Von wegen Abgang: Da denkt man plötzlich, dass kein bisschen von störendem Alkohol zum Vorschein kommt, also dreht man die Flasche und liest, dass der Wein nur bekömmliche 12,5 % Alkohol ausweist. Für mich ein Wein mit grossartigem Potential, ich sehe ihn bei 18 Punkten oder gar mehr, bin mir aber – aufgrund fehlender Erfahrung – nicht absolut sicher.

Assmannshausen und der steile Höllenberg.

Weingut Saalwächter – Weingut in Familientradition seit 1872 (saalwaechter.de)


Interessennachweis:
Beide Weine wurden zu normalen Konditionen käuflich erworben bei:
florian.bechtold@bechtold-partner.de

Wohlmuth – erstklassige Weine aus der etwas ruhigeren Stei(l)ermark.

In Kitzeck im Sausal, einem von den grossen Touristenströmen noch etwas weniger berührten Teil der Südsteiermark, kreiert die Familie Wohlmuth hervorragende Weine in teils enormen Steillagen, die mehr als eine Entdeckung wert sind!

90 % Gefälle? Haben Sie schon einmal versucht, einen solchen Hang raufzukraxeln? So steil sind die extremsten Weinlagen des Weingutes Wohlmuth in der Steiermark. Wer das Gebiet schon einmal bereist hat, kann zumindest bezeugen, dass die meisten Reblagen hier sehr steil sind. Und er kann auch berichten, dass das Gebiet landschaftlich zu den schönsten in der ganzen Steiermark gehört – vielleicht gerade, weil die Reben hier keine Monokultur darstellen. Das Sausal liegt etwa 15 Kilometer nördlich der Grenze zu Slowenien, der entlang sich die meisten der grossen Namen des steirischen Weinbaus befinden und dementsprechend grosse Touristenströme auf den engen Strassen anziehen.

Wer das Sausal nicht bereist, verpasst etwas. Und er verpasst vor allem auch den Weinbaubetrieb Wohlmuth. Ich hatte die Gelegenheit, im Rahmen einer durch „Österreich Wein“ organisierten Online-Degustation, vgl. hier:
Die perfekte Online-Degustation? „Österreich Wein“ weiss wie! – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)

6 Weine des Gutes zu verkosten und mich bei der Degustation online von Gerhard Wohlmuth begleiten zu lassen. Und die Weine haben mich allesamt sehr überzeugt; die beiden aus dem Ried „Edelschuh“ sogar als aussergewöhnlich begeistert.

Typische Landschaft im Sausal, aufgenommen auf dem Weg zum Aussichtspunkt Demmerkogel, der mit 671 m höchsten Erhebung der Region (wo aber leider der Turm abgebrannt und somit keine Aussicht zu geniessen war, aber die ganze Landschaft wirkt auch so wunderschön)

Auf dem Gut Wohlmuth werden schon seit dem Jahr 1803 Weine hergestellt. Heute stehen 55 Hektar ausschliesslich eigene Reben im Ertrag. Die Schieferböden der Region bilden eine ideale Grundlage, und die akribische und händische Winzerarbeit vom Rebschnitt bis zur selektiven Handlese mit bis zu 1’200 Arbeitsstunden pro Hektar liefern bestes Traubengut, zumal keine Herbizide und Insektizide zum Einsatz kommen. Im Keller werden alle Weine spontan und ohne Schwefelzusatz vergoren und geniessen eine lange (teils bis zu 18 Monaten) Hefestandzeit.

Noch ein Beispiel für die schöne Landschaft und die steilen Lagen. Die Aufnahme entstand in Kitzeck, unweit der Ried „Dr. Wunsch“.

Im Rahmen unserer Reise durch das Sausal sind wir damals auch direkt am Weingut Wohlmuth vorbeigefahren, haben aber leider nicht angehalten. Diesen Fehler werde ich bei einer nächsten Reise nicht mehr machen!

Degustationsnotizen:

Sauvignon Blanc, Südsteiermark DAC, 2020
Typisch „steirische Sauvignon-Nase“ (vulkanisch, Stachelbeere); im Mund trocken, säurebetont, geradlinig, fruchtig. Schöner Einstiegswein. 15,5 Punkte

Riesling Ried Dr. Wunsch, Südsteiermark DAC, 2019
Zurückhaltend in der Nase, etwas Zitrus; im Mund frisch, mineralisch, ganz leicht, aber nicht störend bitter, langer Abgang. Klar und „spielerisch“, schöner Riesling, 16,5 Punkte.

Umwerfend gut sind beide Weine aus dem Ried Edelschuh, einer Lage, in der schon seit dem 12. Jahrhundert Weinbau dokumentiert ist. (Die Verkostungsnotiz des SB betrifft den Jahrgang 2019, nicht wie hier abgeblidet 2018)

Sauvignon Blanc Ried Hochsteinriegl, Südsteiermark DAC, 2019
Duft nach frischem Gras, Andenbeeren, etwas Caramel; im Mund dicht gewoben, prägnante Säure, wirkt fast etwas tanninhaltig, langer Abgang. 17 Punkte.

Gelber Muskateller Ried Steinriegl, Südsteiermark DAC, 2020
Feine, filigrane Nase mit Duft nach Muskat und Zitrus; im Mund extreme Eleganz, trocken, schöne Säure gepaart mit enormer Frische, zurückhaltender Muskatton. Grossartiger Muskateller. 17 Punkte.

Riesling Ried Edelschuh, Südsteiermark DAC, 2019
Zurückhaltend in der Nase, etwas Zitrus und Mirabelle; im Mund ungemein frisch, gute Säure, „saftig“ wirkend mit viel Fruchtsüsse, wirkt trotz 3,9 g RZ trocken, dichte Struktur, sehr langer Abgang. Ein Bilderbuch-Riesling! 18 Punkte.

Sauvignon Blanc Ried Edelschuh, Südsteiermark DAC, 2019
Duft nach Mango und Mirabelle; mineralisch-frisch, rassige Säure, „stoffig“ und fruchtig, fast nicht endend wollender Abgang. Ganz toller SB! 18 Punkte.

Weingut Wohlmuth – Herkunftsweine in Handarbeit seit 1803.

Bezugsquellen:
CH: Landolt Weine (landolt-weine.ch)
D: Diverse, siehe hier: Bezugsquellen – Weingut Wohlmuth


Interessennachweis: Die degustierten Weine wurden im Rahmen einer grösseren Online-Degustation im Herbst 2021 von Österreich Wein in Kleinstflaschen zur Verfügung gestellt.


Exotisches Weinland Mexiko, seltene Rebsorte Petite Sirah – toller Wein!

Wein aus Mexiko? Das musste ich einfach probieren – und ich war sehr positiv überrascht! Lassen Sie sich auch zu Wein statt Tequila verführen? Auf diesen Tropfen gestossen bin ich per Zufall beim Stöbern in einem Online-Weinshop. Und er ist mehr als eine Entdeckung wert.

Eigentlich ist es ja nicht so erstaunlich, dass in Mexiko Weinbau betrieben wird. Die Spanier begannen schon im 16. Janrhundert mit dem Anbau von Reben. Heute sind – je nach Quelle – zwischen 2’500 und 5’000 Hektar bepflanzt. Rund 80 % davon stehen auf der Halbinsel Baja California, und damit wird der mexikanischer Weinbau erst recht erklärbar, denn dieser Landesteil stellt ja sozusagen die Verlängerung der kalifornischen Weinbaugebiete dar und profitiert ebenfalls von einem relativ ausgeglichenen maritimen Klima.

Der Produzent, L. A. Cetto, befindet sich im Valle da Guadalupe, sozusagen am Eingang zu Baja California und nur etwa 50 Kilometer südlich von San Diego bzw. Tijuana, hat aber auch noch weitere Rebbestände auf der Halbinsel. Das Gut besteht schon seit fast hundert Jahren und wurde von einem Italiener gegründet. Mit heute rund 1’200 Hektar Rebfläche ist es ein Gigant unter den mexikanischen Weinproduzenten.

Petite Sirah, diese Bezeichnung trägt die Rebsorte zurecht. In Frankreich heisst sie zwar Durif. Und lange wurden auch Weine als Petite Sirah verkauft, die von anderen Rebsorten stammten. DNA-Analysen haben aber ergeben, dass ein Elternteil tatsächlich die Syrah ist, und so ist Petite Sirah sicher angebracht. Der zweite Elternteil soll übrigens die Peloursin sein. Vermutlich entstand die Sorte um 1860 spontan im Garten des Botanikers François Durif, wo beide Elternteile angepflanzt wurden. Somit trägt sie auch den Namen Durif zurecht.

Degustationsnotiz:
Volles, fast undurchsichtiges Purpur; Duft nach schwarzen Kirschen, Brombeeren und getrockneten Pflaumen, Pfeffernote und Anflug von Thymian. Im Mund dicht und vollgepackt mit Tanninen, gut angepasste Säure, schöner Trinkfluss; im langen Abgang leicht spürbarer Alkohol (nicht störend). Erstaunlicher, toller Wein, der durchaus an Syrah denken lässt. 16 Punkte.

L.A. Cetto – Sitio Oficial (lacetto.mx)

Bezugsquelle Schweiz (anderer Jahrgang mit anderer Etikette)
Petite Sirah Baja California Valle de Guadalupe 2018 75.0 cl kaufen bei Schubi Weine


Interessennachweis: Der Wein wurde vom Autor ohne Wissen des Produzenten oder Händlers gekauft und beschrieben.

Alkoholfreier Schaumwein von Thomson & Scott: Nüchtern betrachtet erstaunlich gut!

Alkoholfreier Wein? Das war für mich bis vor Kurzem ziemlich undenkbar. Zwar habe ich inzwischen einige sehr gute Biere ohne Alkohol kennengelernt, aber Wein? Nachfolgend zwei Schaumweine, die zum Umdenken anregen.

In der „NZZ am Sonntag“ vom 10. April 2022 erschien ein Artikel, der kein gutes Haar am Alkohol lässt und ihn zusammen mit Asbest und Tabak in die Gruppe 1 der karzinogenen Stoffe einreiht. Schon geringe Mengen seien schädlich, und es wird eine Studie zitiert, gemäss der die These, dass kleine Mengen Alkohols gesundheitsförderlich seien, zu den Akten zu legen sei.

Dass Alkohol per se schädlich ist, dürfen auch der grössten Weinfreunde in nüchternem Zustand nicht bezweifeln. Immerhin scheint der Autor des erwähnten Artikels aber wirklich nur nach schlechten Nachrichten gesucht zu haben. Diverse Studien, die bei massvollem Genuss von Wein einen positiven Einfluss auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen nachwiesen, werden etwas gewagt mit der These abgetan, sie litten an methodischen Schwächen, weil der Alkoholkonsum mit anderen Faktoren korreliere und beispielsweise die Gruppe der gemässigten Geniesser auch anderweitig zum Masshalten neige – mithin also einen generell gesünderen Lebensstil pflege als die Durchschnittsbevölkerung.

Wie dem auch sei, als Winzer würde mich die Entwicklung beunruhigen. Persönlich rechne ich damit, dass der Alkohol in den nächsten Jahrzehnten noch vermehrt in den Fokus des Gesundheitspolitiker gelangen wird – ganz grundsätzlich ja wohl auch zu Recht.

In diesem Kontext kam mir eine Anfrage gerade gelegen, ob ich zwei alkoholfreie Schaumweine, die wirklich mit Genuss getrunken werden könnten, probieren würde. Weil ich allerdings aufgrund länger zurückliegender, schlechter Erfahrungen sehr skeptisch war, betonte ich die Selbstverständlichkeit ganz speziell, dass ich nur darüber schreiben würde, wenn ich tatsächlich selbst überzeugt sei.

Nun, nach dem Degustieren ganz nüchtern: Ja, die Weine sind gut und eine echte Alternative! Freilich können sich beide nicht mit grossen (oder auch nur durchschnittlichen) alkoholhaltigen Gewächsen messen, und beide weisen einen zwar nicht störenden, aber doch etwas speziellen Geschmack in Richtung essigsaurer Tonerde auf.

Aber ich habe beim Rosé die Probe auf’s Exempel gemacht und einen billigen Champagner aus dem Supermarkt gegenübergestellt (der aber deutlich teurer ist als der alkoholfreie Schaumwein). Während der Champagner zwar mehr Körper und die feinere, anhaltendere Perlage aufwies, war der Thomson & Scott fruchtiger und „sauberer“ (der Supermarkt-Champagner wies unangenehme Noten von saurem Most und leicht fauligem Apfel auf).

Das Resultat: Ich habe den ganzen Abend recht genossvoll alkoholfrei getrunken, und das wäre auch so gewesen, wenn ich danach nicht noch Auto gefahren wäre.

Bitte verstehen Sie mich jetzt richtig: Selbstverständlich ziehe ich grundsätzlich weiterhin einen renommierten alkoholhaltigen Schaumwein vor, an dieses Niveau kommen die Thomson & Scott nicht heran. Aber als Alternative für Momente, in denen man ohne Alkohol bleiben will oder muss, sind diese beiden Weine durchaus eine echte Option.

Die Degustationsnotizen:

„Nougthy“, Thomson & Scott, Chardonnay sparkling, alcohol free
Mittleres Gelb mit leichten Rotreflexen; in der Nase fruchtig, u.a. weisser Pfirsich, und leicht grüne Töne; im Mund schlank aber ausgewogen, erfreulich trocken wirkend (2,9 g Restzucker), spürbare Säure, wenig und schnell zusammenfallende Perlage. Im Abgang Anflug von Hefetönen und ein Touch essigsaure Tonerde. Den fehlenden Alkohol merkt man ein wenig am schlanken Körper, so richtig aber erst im sehr kurzen Abgang.

Noughty, Thomson & Scott, Sparkling rosé, alcohol free
Mitteleres Lachsrot; Duft nach Himbeeren und Anflug von essigsaurer Tonerde sowie reifen, weissen Trauben; schlanker Körper, trotz dezent spürbarer Süsse (5,9 g) durchaus noch recht trocken wirkend, schöne Säure, mehr Kohlensäure als der Chardonnay, dadurch spürbare, etwas grobe Perlage, mittlerer, fruchtbetonter Abgang.

Auf eine Benotung verzichte ich, die beiden Alkoholfreien liegen irgendwie ausser Konkurrenz. Ein „gut“ würde ich ihnen in ihrer Kategorie aber durchaus attestieren.

Und was jetzt auch noch dazu gehört: Die Rücketikette der Weine überquillt fast vor lauter Labels: Organic, Vegan, Halal und Certified B-Corporation.

Bezugsquelle und weitere Informationen:
https://ve-refinery.ch/de


Wie wird alkoholfreier Wein überhaupt hergestellt?

Im Detail kenne ich die Produktionsart dieser beiden Schaumweine zwar nicht, aber generell die besten Resulate für alkoholfreie Weine werden mit dem Vakuumverfahren erzielt (daneben gibt es noch die qualitativ weniger empfohlenen Verfahren der Umkehrosmose und der „Dünnschichtverdampfung“). Dabei wird zuerst ganz „normaler“ Wein produziert. Da Alkohol unter Vakuum schon bei ca. 27 Grad verdampft, kann er mit diesem Verfahren relativ schonend und langsam entfernt werden. Erfunden wurde das Verfahren schon im vorletzten Jahrhundert im Rheingau, aber so richtig in Schwung kommt das Geschäft erst jetzt. Ein so entalkoholisierter Wein ist allerdings – wie beim Bier – auch nie ganz alkoholfrei. Der Restalkohol muss gesetzlich aber unter 0,5 % liegen.
Und noch ein Wort zum alkoholfreien Schaumwein: Dieser kann logischerweise keine zweite Gärung durchlaufen, da ja sonst wieder Alkohol zugefügt würde. Die Kohlensäure wird deshalb nach der Entalkoholisierung wie bei einem Mineralwasser beigefügt.


Interessennachweis:
Von beiden Weinen wurde mir je eine Probeflasche von Victoria Banaszac, ve-refinery.ch, gratis und unverbindlich zugestellt.

Beobachten, nachdenken, lernen! Brocard in Chablis – still und (bio)dynamisch an die Spitze!

Jean-Marc Brocard und Julien Brocard – zwei Domainen aus Chablis mit der gleichen Philosophie und der gleichen Adresse. Vater und Sohn haben es gemeinsam geschafft, an die qualitative Spitze von Chablis zu gelangen. Leider sind sie hierzulande noch viel zu wenig bekannt!

Chablis, dieses in Sachen Weinqualität und Landschaft wunderbare Gebiet im Norden des Burgund bei Auxerre bringt Chardonnay-Weine hervor, die einzigartig sind. Frisch, fruchtbetont, elegant und, wenn gelungen, dicht und ausdrucksvoll. Für mich persönlich „Chardonnay at its best“!

Grand Cru-Lage „Le Clos“ in Chablis: Herrliche Weine, schöne Weinlandschaft.

Die grossen Produzentennamen sind längst bekannt und manchmal auch fast nicht mehr erhältlich bzw. bezahlbar, und selbst Weine von noch etwas weniger bekannten Gütern werden rar (Link zu einem solchen Beitrag in meinem Blog über die Domaine Droin am Schluss des Artikels).

Manchmal entdeckt man bemerkenswerte Weingüter dank Tipps anderer Winzer oder Weinfreunde. Im Fall von Brocard war es ganz einfach Zufall. Weil ich eben bei Droin abgewiesen worden war, nahm ich den „Guide Hachette“ (ich glaube es war die Ausgabe 2013) zur Hand und wählte auf gut Glück ein anderes Gut aus, welches damals mit positiv gewerteten Weinen auffiel und gleich auch noch strategisch ideal auf dem Heimweg lag: Jean-Marc Brocard in Préhy, auf einer Anhöhe südlich von Chablis.

Der Besuch entpuppte sich als Glücksfall! Die Weine begeisterten mich durchwegs, vom einfachen Chablis bis zu den Grands Crus. Und von wegen „einfachem Chablis“, der „Vieilles Vignes“ 2012 war der beste Gemeindewein der Appellation, den ich je im Glas hatte. Leider kaufte ich nur 6 Flaschen, und leider war ich seither auch nie mehr im Gebiet und habe die Entwicklung auch sonst nicht sehr intensiv verfolgt.

Nun bin ich ebenso durch Zufall in einer Weinhandlung auf Weine eines Julien Brocard gestossen. Eine kurze Recherche zeigte, dass es sich dabei um die Linie des Sohnes von Jean Marc Brocard handelt, und dass dieser Julien schon länger auch im elterlichen Betrieb das Sagen hat.

Die Entwicklung der Domaine ist bemerkenswert. Der Ingenieur Jean-Marc Brocard heiratete in eine Weinbaufamilie ein und pflanzte 1973 (dem Geburtsjahr des Sohnes Julien) zudem die ersten Reben in Préhy, wo bald darauf der Weinkeller enstand. Schon 1997 wurde eine erste Parzelle auf bio-dynamischen Weinbau umgestellt, es wurden auch ökologische Nischen geschaffen und Bäume gepflanzt Dabei handelte es sich um die Chablis-Lage „La Boissonneuse“, aus der jetzt einer der Weine aus der Linie „Julien Brocard“ stammt. Wer heute diesen Wein erwirbt, kauft sozusagen ein Vierteljahrhundert Erfahrung in biodynamischem Landbau mit. Bio und Biodynamie sind ja gerade in nördlichen Lagen aufgrund des Klimas nicht einfach umzusetzen. Jean Marc Brocard sagt denn auch in einem Interview, dass beobachten, still nachdenken (wörtlich übersetzt „die Klappe halten“) und lernen die Zutaten zu einer erfolgreichen Entwicklung sind. (Link zum Interview siehe unten).

Nach und nach wurden weitere Flächen umgestellt, und heute sind 60 Hektar biologisch und 40 Hektar bio-dynamisch zertifiziert. Knapp die Hälfte der biodynamischen Weine kommt heute mit dem Label von Julien Brocard auf den Markt.

Ich habe die Möglichkeit genutzt, einen jungen Wein von Julien Brocard und einen etwas gereiften von Jean Marc Brocard nebeneinander zu probieren:

Julien Brocard, 1er Cru Montée de Tonnerre, 2020
Helles Gelb mit leichten Grünreflexen; Duft nach weissen Johannisbeeren, Zitrus und dezent nach Holz; auffallend frisch wirkend, sehr dicht mit guter Säure, elegant, langer Abgang. Schöner, sehr typischer Chablis der noch reifen muss. 17,5 Punkte
.

Jean Marc Brocard, Grand Cru Le Clos 2011
Mittleres Gelb; Duft nach Limetten, Mirabellen, Papaya und etwas Vanille; jugendlich und enorm frisch im Mund, dichte Struktur und eine gewisse „Saftigkeit“, fruchtbetont, rund, mittlerer Abgang. Toller Wein!
17,5 Punkte.
PS: In einem jugendlicherem Stadium hatte dieser Wein auch Anflüge Caramel, die eher störten. Das ist mit der Reife völlig verschwunden!

Bedauernswert ist für uns Weinfreunde nur, dass der Preis des Premier Crus heute schon deutlich über jenem liegt, den ich damals für den Grand Cru bezahlt habe. (Auch der erwähnt „Vieilles Vignes“ ist teurer geworden, wenn er noch so gut ist wie damals, ist es aber immer noch ein „Schnäppchen“).

Links zur Domaine (zu den Domainen):

Vigneron à Chablis, vente vin de Chablis AOC | Domaine Jean-Marc Brocard
Les 7 Lieux – Julien Brocard

Bezugsquellen (u.a.)

CH:
Suchresultate – Baur au Lac Vins
Jean-Marc Brocard – Wein kaufen – de.millesima.ch

D:
Jean-Marc Brocard Chablis 2020 kaufen| Preis und Bewertungen bei Drinks&Co (drinksco.de)
Chablis Sainte Claire von Jean-Marc Brocard online kaufen. | Feinkost Käfer Online (feinkost-kaefer.de)

Und hier die im Text erwähnten Links:
Weine von der „bösen Frau“ – eindrückliche Chablis! – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)
L’interview « Prenez-en de la graine ! » de Jean-Marc, vigneron en partenariat avec Les Grappes – La Fourche


Intertessennachweis:
Die beiden Weine wurden käuflich erworben, der Le Clos auf dem Gut selbst, der Montée de Tonnerre bei Baur au Lac, Regensdorf. Der Beitrag entstand ohne Wissen des/der Produzenten.

Handeln statt jammern! Cave du Rhodan ist erneut innovativ. Und ein toller Pinot dazu.

Die Familie Mounir von der Cave du Rhodan macht nicht nur hervorragenden Wein, sondern geht auch immer wieder mit innovativen Ideen voraus. Neu geplant ist die Installation eines Solar-Faltdaches über einer Rebparzelle, welches nicht nur Energie liefert, sondern die Reben auch vor Frost und Hitze schützen kann.

Wenn ich nur noch Wein aus einem einzigen Anbaugebiet trinken dürfte, dann würde meine Wahl auf das Wallis fallen. Praktisch nirgendwo sonst ist die Vielfalt an Rebsorten und damit Weinen grösser, und insbesondere die Spezialitäten bringen teils umwerfende Weine. Aber auch bei den internationalen Sorten wird inzwischen von den guten Betrieben ein qualitatives Niveau erreicht, das keinen Vergleich zu scheuen braucht. Es gibt keine Mahlzeit oder Gelegenheit, zu der nicht irgend ein Wein aus dem Wallis passen würde! Und das Schönste daran: Auch (bzw. vor allem) die absoluten Spitzenweine bewegen sich preislich noch immer in einem vernünftigen Rahmen.

Aber es ist manchmal auch so eine Sache mit dem Wallis. Die Strukturen im Rebbau sind mit vielen Kleinbesitzern immer noch problematisch – und insbesondere stimmensuchende Politiker spielen sich als „Oberjammeri“ des Landes auf. So forderte der (bürgerliche!) Nationalrat Benjamin Roduit in einer Motion kürzlich allen Ernstes, dass Einfuhrkontingente für Wein von der einheimischen Produktion abhängen sollen. Im Klartext: Nur wer Schweizer Wein produziert, darf auch quotenmässig ausländischen importieren.

Die Motion wurde schliesslich zurückgezogen, aber nur gegen das Pfand, dass der Bund den Absatz von Schweizer Wein weiterhin mit Millionen untertützt. Damit könnte man als Weinfreund noch leben, aber neu soll zusätzlich eine „Klimareserve“ für den Schweizer Wein geschaffen werden. Darunter zu verstehen ist, dass die Winzerinnen und Winzer pro Quadratmeter in bestimmten Fällen mehr Trauben ernten dürfen, als es die kantonale Quote zulässt. Man hat ja dann dafür ein paar Millionen übrig, mit denen der Absatz von minderwertiger Ware gefördert werden kann ….

Innovation hoch 2: Cave du Rhodan geht wieder voran

Wenden wir uns aber doch erfreulicheren Themen zu. Die Familie Mounir gehört mit ihrem Cave du Rhodan schon seit einiger Zeit nicht nur zu den qualitativen Spitzenbetrieben, sondern hat sich auch der Nachhaltigkeit verschrieben. Besonders erwähnenswert ist dabei die Transparenz, welche die Familie an den Tag legt. Unter diesem Link:
Nachhaltigkeit – Cave du Rhodan
kann nachvollzogen werden, was ganz konkret schon umgesetzt wurde und woran noch gearbeitet wird. Welch ein Gegensatz zum Geplauder von Politikern!

Vorbildlich: Sandra und Olivier Mounir, Cave du Rhodan

Nun wollen Mounir’s gar nochmals einen Schritt weiter gehen. Geplant ist, auf einer geeigneten Parzelle ein Solarfaltdach anzubringen, das eine Mehrfachnutzung der Rebfläche ermöglichen würde (Wein und Strom). Man verspricht sich auch Vorteile durch die Anlage, so vor allem ein gewisser Frostschutz durch das „Dach“ und auch die Möglichkeit, dank einer gezielten Beschattung auch die Hitze erträglicher zu machen und damit die Reife herauszuzögern. Das Projekt muss allerdings noch einige Hürden nehmen (unter anderem auch solche, für welche die Politik zuständig ist ….).

Immerhin stösst es auf hohes Interesse, und es war vorgestern sogar einen Beitrag im „Echo der Zeit“ des Schweizer Radios wert – die für mich beste politische Sendung, die ich kaum je verpasse und die erfunden werden müsste, wenn es sie nicht schon gäbe. Sie können den Beitrag hier nachhören:
Solaranlagen auf dem Bauernacker – Echo der Zeit – SRF
Und hier auch der Link auf den Projektbeschrieb auf der Homepage der Cave du Rhodan:
Das Solarfaltdach im Weinbau von Cave du Rhodan – Agri-Photovoltaik

Toller, ehrlicher und frischer Pinot noir

Kommen wir zurück zum Anfang. Tatsächlich gibt es ja inzwischen im Wallis Weine aus internationalen Sorten, die sich mit den besten der Welt durchaus messen können, so etwa Syrah’s, Merlot’s und Gamay’s. Bloss um die Pinot noir habe ich lange einen Bogen gemacht, zu sehr waren sie vom warmen Sommerklima geprägt: Tiefe Säure, keine Frische, fehlende Eleganz, dafür rund und nicht selten gar etwas brandig. Bei meinem ersten Besuch bei der Cave du Rhodan musste mich Sandra Mounir deshalb auch fast nötigen, damit ich auch einen Pinot probiere. Und ja, es war ein Erlebnis! Und ebenfalls ja, es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Produzenten, die es auch im Wallis schaffen, charaktervolle, finessenreiche und elegante Pinot noir zu produzieren.

Mein heutiger Tipp betrifft indessen nicht den Spitzen-Pinot der Cave (das wäre der „Diversitas Hommage Pinot noir“, der auch in der Mémoire des Vins Suisse vertreten ist), sondern einen aus dem Bio-Sortiment der Mounir’s. Es handelt sich um einen Prototypen eines Schweizer Pinot’s mit Tiefgang, der im Stahltank ausgebaut wurde und deshalb die Typizität und Fruchtigkeit der Pinottraube direkt zum Ausdruck bringt. Für mich etwas vom Besten, was es in der Schweiz an „Nicht-Barrique-Pinots“ gibt.

Pinot noir, Cuvée Espace 2018 (bio):
Eher helles, glänzendes Rubin; In der Nase rote Johannisbeeren, Walderdbeeren, Anflüge von Flieder und Grüntee; im Mund frisch, gute Säue, dabei aber auch kräftige Tannine, das Ganze sehr ausgewogen und fruchtbetont-saftig, dichter Körper, leichter, dem Wein aber sehr gut anstehender Bittertouch und ganz hinten im erstaunlich langen Abgang dann doch noch ein kleines Anzeichen auf das Wallis durch Aromen von Rosinen und Dörrzwetschgen. 16,5 Punkte (= sehr gut)

Walliser Weine aus Salgesch direkt beim Winzer kaufen | Cave du Rhodan

Mehr zu diesem Weingut siehe auch in meinen früheren Beiträgen:
Domaine Trong der Cave du Rhodan: (bio-)dynamisch an die Spitze! – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)
Online-Degustationen sind mehr als nur ein Lückenfüller! Und die Weinzeitschriften pennen. – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)


Und hier noch ein Link zu einem Artikel zum erwähnten Vorstoss von Benjamin Roduit in der Kommission es Nationalrates:

Schweizer Wein mit 9 Millionen fördern – Schweizer Bauer


Interessenhinweis: Den beschriebenen Wein habe ich käuflich erworben.

Der Trick mit dem Knick: „Josephinenhütte“, ein schlicht geniales Weinglas!

„Das beste Glas, das ich je erschaffen habe“! Zuerst tut man das vielleicht als reines Marketing ab. Aber erstens stammt die Aussage von Kurt Josef Zalto, einem begnadeten Glasmacher. Und zweitens zeigt eine nähere Auseinandersetzung mit dem Glas, dass die Aussage stimmt. Ich habe mein neues Lieblingsglas entdeckt!

Eigentlich bin ich ja in Bezug auf Weingläser ein Purist und Traditionalist. Als ich jung war, gab es an Degustationen nur eine Variante, und das war das „INAO-Glas“. Selbst die besten Weine der Welt, so etwa an der Bordeaux-Primeur-Kampange im Jahr 1990, wurden in den klassischen Gläsern verkostet. Meine Nase ist deshalb quasi auf dieses Glas „geeicht“, und ich nutze es heute noch – und lasse mich dafür gerne auch mal etwas auslachen und als „Nutzer unbrauchbarer Gläser“ abstempeln.

Natürlich wirken sie auf einem schön gedeckten Tisch nicht gerade toll. Aber zu diesem Zweck hat man ja bei Bedarf auch andere Gläser. Wozu also noch etwas Neues? Nun, seit ich „das beste Glas, das Kurt Josef Zalto je geschaffen hat“ in der Variante Universalglas testen konnte, ist die Antwort ohne Übertreibung klar: weil es einfach noch Besseres gibt!

Ich habe das „Josephinenhütte Universal“ nun mit rund 20 verschiedenen Weinen immer gegenüber einem anderen, sehr guten und von mir sehr geschätzten Universalglas getestet. Und ja, auch mein geliebtes INAO-Glas war immer mit dabei. Das Resultat ist umwerfend: Es gab keinen Wein, bei dem man das Josephinenhütte nicht bevorzugt hätte oder es zumindest gleichwertig war!

Generell stellte ich fest, dass es gegenüber dem anderen Universalglas bei allen Weissweinen klar und deutlich überlegen war. Die Düfte waren einfach klarer und vor allem intensiver in der Josephine, ja teilweise sogar nur hier überhaupt wahrnehmbar. Sehr ähnlich verhielt es sich mit leichten Rotweinen. Je wuchtiger ein Rotwein, desto eher konnte auch das Vergleichsglas mithalten.

Total spannend war aber auch der Vergleich mit dem INAO-Glas: Grundsätzlich zeigte sich, dass dieses für eine Vergleichsdegustation auch heute noch sehr gut nutzbar und sozusagen unbestechlich ist. Die Aromen, vor allem auch die nicht so tollen, kommen hier „fadengerade“ in die Nase. Für den Weingenuss indessen ist die Josephine klar zu bevorzugen. Die Düfte sind fast immer deutlich feiner, besser zusammen verwoben und edler.

Spannend war, dass das Glas und dessen Form auch einen grossen Einfluss auf die überhaupt wahrnehmbaren Düfte hat. So waren etwa bei einem Nebbiolo im Vergleichs-Universalglas grüne Töne wahrzunehmen – im INAO und der Josephine hingegen nicht, dafür war in letzterer ein leichter Schokolade-Touch spürbar. Und ein Müller-Thurgau duftete im Vergleichsglas praktisch nach gar nichts, während die Josephine weissen Pfirsich und etwas Kampfer hervorbrachte. Oder in einem Räuschling zeigte ausschliesslich die Josefine, dass der Wein nebst anderen Düften auch Bergamotte und Orangenschalen aufweist. Und als letztes Beispiel ein Pinot noir, bei dem die Josephine als einziges Glas nebst roter Frucht auch etwas Teer spüren liess.

Zusammengefasst: Das Universalglas der Josephinenhütte ist ein unglaublich tolles, den Wein nobel und präzis präsentierendes Glas – und tatsächlich ein Universalglas, das bei keinem der von mir getesteten Weine abfiel. Einfach universal – ich bin begeistert!

Nur etwas haben wir übrigens noch nicht geschafft: Mit diesen Gläsern anstossen und dabei einen hellen Klang erzeugen, das geht nicht. Das liegt vermutlich daran, dass das Glas zwar enorm leicht und dünnwandig, aber gleichzeitig „elastisch“ ist.

Josephinenhütte Universal: Stellt alles in den Schatten, sogar sich selbst.

Aber warum ist dieses Glas so gut? Als Laie kann man das zwar nicht wissen, aber es liegt auf der Hand, dass der aussergewöhnliche Knick im Glas die gewünschte Wirkung entfaltet. Kurt Josef Zalto sagt selbst, er habe jahrelang „getüftelt“ und beschreibt das so:

Die behutsam geformte Kante im Kelch sorgt dafür, dass ein Teil des Weines, der durch Bewegung am Rand des Glases aufsteigt, gebrochen wird und anschließend in einer Spiralbewegung ins Glas zurückfließt. Ich vergleiche das gerne mit brechenden Wellen am Meer. Sie kennen das selbst: Je rauer und ungestümer das Meer ist, desto intensiver ist der Duft. Diese salzige Meeresfrische in der Nase. Herrlich! Diesen Effekt habe ich in das Glasdesign eingebaut. Beim Schwenken des Glases nimmt der Wein sehr viel Sauerstoff auf und kann sich perfekt entfalten. Das Geruchs- und Geschmackserlebnis ist dabei wirklich super (Quelle: Kulinariker.de)

Der geniale Knick: wirkungsvoll und „stylish“.

Bleibt noch, den etwas speziellen Namen des Glases bzw. der Gläser zu erklären (es gibt nebst dem Universalglas auch Weisswein-, Rotwein-, Schaumwein- und Wassergläser): Die Josephinenhütte wurde im Jahr 1842 im Riesengebirge von der schlesischen Adelsfamilie Schaffgotsch gegründet und zeichnete sich schnell durch eine hohe Handwerkskunst aus. 1923 schloss sie sich mit Konkurrenten (u.a. der ebenso berühmten Hütte der Familie Heckert) zusammen. Nach dem zweiten Weltkrieg, nunmehr auf polnischem Gebiet, nahm sie den Namen „Julia“ an, ging aber später, in amerikanischem Besitz, Konkurs. Die neue Glaslinie soll nun die Marke der Josephinenhütte wieder zum Leben erwecken. Mit Gläsern – Zitat Zalto – die filigran sind und leicht, anspruchsvoll und ästhetisch, so exzellent wie damals. Die Gläser werden heute in verschiedenen europäischen Manufakturen wie ehedem von Glasbläsern und -bläserinnen hergestellt – die ursprüngliche Josephinenhütte gibt es nicht mehr.

Und ganz zuletzt ein Wort zum Design. Das ist natürlich immer eine Frage des persönlichen Geschmacks, und dass man angesichts der speziellen Form zuerst etwas staunt, liegt auf der Hand. Ganz persönlich finde ich aber das Glas auch ästhetisch sehr gelungen und zu einer schönen Tafel bestens passend.

Josephinenhütte – World’s Finest Glasses


Interessenshinweis:
Ich habe zwei Universalgläser von der Josefinenhütte zum Testen gratis erhalten. Mit dem Erhalt waren keinerlei Versprechungen für einen allfälligen Beitrag verbunden. Wie anderorts in meinem Blog erwähnt, schreibe ich ausschliesslich zum Spass und verfolge keine finanziellen Ziele. Ich schreibe deshalb nur über Weine oder Accessoires, von denen ich selbst völlig überzeugt bin.
(Vorliegend noch die Ergänzung: Ich habe bereits 4 Gläser für die schöne Tafel dazugekauft – bloss für klassische Degustationen bleibe ich bei meinem INAO-Glas, ob man mich auslacht oder nicht …)

Ist neutraler Weinjournalismus überhaupt noch möglich?

Ich hatte kürzlich über einen neuen Schweizer Weinführer berichtet und mich dabei über die Auswahl der vorgestellten Winzer teilweise gewundert. Aufgrund verschiedener Rückmeldungen ist nun auch klar, warum.

Wie naiv ich bloss sein konnte! Ich wunderte mich, warum Winzerinnen und Winzer wie von Tscharner, Donatsch, Gantenbein, Broger, Besson-Strasser bzw. Marie-Thérèse Chappaz, Sandrine Caloz und Cave du Rhodan nur ganz kurz unter „weitere Betriebe“ aufgeführt waren, während auch zwar respektable, aber doch nicht ganz zu Spitze gehörende Güter auf einer oder gar zwei Seiten portraitiert waren. Ich stellte dabei die Vermutung auf, das könnte mit gleichzeitig geschalteten Inseraten zusammenhängen.

Das wäre ja schon fragwürdig genug. Aber mehrere erhaltene Rückmeldungen zeigten mir dann, dass es noch anders ist. Man hatte als Winzer nämlich für die Einlieferung der Degustationsweine zu bezahlen, und wer das nicht tat, landete offenbar, wenn überhaupt, unter „weitere Winzer“.

Man wundert sich deshalb plötzlich auch nicht mehr, wenn in der fraglichen österreichischen Zeitschrift unter dem Titel „die besten Pinots (oder Merlots oder was auch immer) der Schweiz“ zwar immer hervorragende Weine gewinnen (sehr gut degustieren können die Journalisten augenscheinlich), wichtige Produzenten aber schlichtweg fehlen.

Man muss sich wohl die Frage stellen, ob wirklich neutraler Qualitätsjournalismus wirtschaftlich überhaupt noch möglich ist. Ich werde dieser Frage sicher noch etwas nachgehen und allenfalls das Thema auch nochmals vertiefen. Über sachdienliche Rückmeldungen aus der Leserschaft würde ich mich jetzt schon freuen.

Ich selbst bin mit meinem bescheidenen Blog davon zwar nicht betroffen, ich schreibe nur über einen Wein, wenn ich begeistert bin. Aber mein Blog ist ja auch nur ein Hobby ohne jegliche finanziellen Interessen, und deshalb habe ich leicht reden. Gleichzeitig bin ich auch froh, nicht aus Existenzgründen Kompromisse eingehen zu müssen!

Neu in meinem Blog: „Interessennachweis“ bei jedem Beitrag

Eine Neuerung werde ich aber ab sofort im Sinne der Transparenz einführen. Am Schluss eines Beitrages wird künftig immer vermerkt sein, ob ich einen Wein selbst gekauft, an einer Degustation mit oder ohne persönlicher Einladung probiert oder ggf. auch geschenkt erhalten habe. Sie als Leser haben somit zumindest die volle Transparenz. Und genau das ist, was ich dem erwähnten Weinführer vorwerfe: Wenn die Kriterien für die Selektion offen gelegt worden wären, könnte man meines Erachtens sogar damit leben.

Link zum erwähnten Beitrag:
Kleines Meckern zu einem neuen Weinguide – und ein Happy End mit dem Weingut Riehen. – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)

Die 2020-er der Domaine Léandre-Chevalier: Ein genialer Neustart!

Grossartig, was Dominique Léandre-Chevalier und Reto Erdin im ersten Jahrgang nach der Wiedergeburt der Domaine im Bordelais präsentieren! Jetzt muss nur noch die Weinwelt endlich merken, welche tolle Weine hier kreiert werden!

Dominique Léandre-Chevalier war Insidern schon lange ein Begriff, denn er produzierte an den Cotes de Blaye, also quasi am „falschen“, rechten Ufer der Garonne, jahrelang authentische, manchmal auch etwas verrückte, aber immer hervorragende Bordeaux-Weine auf Spitzenniveau. Leider vergass der Qualitätsfanatiker Léandre-Chevalier dabei, dass auch die kommerzielle Seite stimmen muss, und so musste er die Domaine aufgeben. Die schon fast wundersame Rettung kam durch den Schweizer Reto Erdin, der das Gut erwarb und zusammen mit Dominique Léandre-Chevalier wieder aufbaute. Details zu diesem Abenteuer hier:
Domaine Léandre Chevalier: Die märchenhafte Rettung eines Ausnahmegutes in Bordeaux! – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)

Mit dem 2020-er liegt nun der erste gemeinsame Jahrgang von Dominique und Reto vor oder kommt demnächst in den Verkauf. Wenn man Reto Erdin zuhört staunt man, welch grosses Wissen er sich schon angeeignet hat, und wie sehr er sich auch selbst einbringt – auch wenn er das Genie des Léandre-Chavalier weiter wirken lässt.

Ich hatte die Gelegenheit, alle Weine des Jahrgangs 2020 (ausser dem Rosé) bei Reto Erdin zu degustieren. Und ich kann es kurz machen:

Der Jahrgang 2020 der Domaine Léandre-Chevalier (DLC) ist hervorragend gelungen! Welch toller, vielversprechender Neustart!

Natürlich hat es auch die Natur in diesem Jahr sehr gut gemeint, aber trotzdem kann man nur den Hut davor ziehen, was hier in die Flasche gelangte. Die Weine sind zwar gegenüber früher etwas teurer geworden, aber das ist ja nicht verwunderlich, denn es wird weiterhin alles unternommen oder ausgebaut, was der Qualität zuträglich ist. Und auch an die Umwelt wird gedacht: Die Domaine arbeitet biologisch (wenn auch unzertifiziert) und ist dafür seit Kurzem als CO2-neutral anerkannt!

Und dass dieser Qualitäts-Fanatismus ohne angemessene Verkaufspreise nicht funktioniert, wurde auf dem Gut ja schon negativ „bewiesen“. Reto Erdin sagt denn auch klar, er betreibe die Domaine als Hobby, und das Ziel sei lediglich, innert nützlicher Frist Break-Even zu erreichen. Aber aktuell läuft es wirtschaftlich nicht gerade gut. Zwar blieben einige der bisherigen Absatzwege im Fachhandel erhalten, aber die Gastronomie in Frankreich, die früher ein sehr wichtiger Kanal war, ist aufgrund der Coronakrise fast völlig weggebrochen. Nur gut, dass es sich um sehr langlebige Weine handelt!

Reto Erdin, der neue Besitzer der DLC – er setzt die Qualitätsphilosophie vollumfänglich fort!

Tiefgründige, lebendige Rotweine – perfekt auch für die Gastronomie

Dabei, da war sich die kleine Degustationsrunde einig, würden sich die Weine der DLC hervorragend für die Gastronomie eignen (für die Privatgebrauch natürlich ohnehin!). Vom günstigen (CHF 17.90) Einstiegswein in Rot, dem „Gentilhomme“, einem fruchtbetonten, fröhlichen, merlotlastigen Wein, der trotz fehlendem Holz ganz „Bordeaux“ ist und viel Tiefgang aufweist, bis zum Paradewein DLC Tricolore, einem reinen Petit Verdot aus alten, wurzelechten Reben, der sündhaft teuer ist (CHF 150.00), der mit seiner Kraft und Finesse aber absolut begeistert und den man nur zu gerne einmal als Pirat in einer ganz höchstklassigen Serie sehen würde. Und dann wäre da ja noch „Le Joyau“, der Klassiker der Domaine mit gleichen Anteilen an Merlot und Cabernet Sauvignon sowie etwas Petit Verdot, den man mit seinen CHF 39.00 problemlos vielen teureren Cru Bourgeois und auch Classés vom anderen Ufer der Gironde gegenüberstellen (und vorziehen) kann.

Dazu eine kleine Geschichte am Rand: Ich trank während der Degustation keinen Schluck, schliesslich brauche ich meinen Fahrausweis noch. Dafür durfte ich den nicht zu knappen Rest des Joyau mit nach Hause nehmen. Dort habe ich ihn genossen – und wie! Unglaublich, wie zugänglich und saftig er sich im Moment gibt, und wie viel Finesse und Tiefgang er aufweist. Und mit jedem Schluck, wohl auch mit jedem Luftkontkakt mehr, wurde er noch besser und die Aromen noch abwechslungsreicher und spannender. Es war fast ein wenig ergreifend – mon Dieu, wie ich diesen jungen Wein genossen habe!

Zurück zur Gastronomie: Wenn ich ein Restaurant führen würde, käme der Gentilhomme sofort in mein Sortiment der Offenweine. Der hat alles, was es für einen ernst zu nehmenden Essensbegleiter braucht, er ist ein „Flatteur“, ohne anzubiedern. Und dank seiner aktuell etwas reduktiven Art kann er auch mal ein paar Tage offen bleiben, ohne gleich an Qualität zu verlieren.

Die Parade der roten 2020er der DLC – hochkarätig in allen Preissegmenten.

Spannende, eigenständige Weissweine

Sehr bemerkenswert ist auch das Sortiment der Weissweine. Allerdings handelt es sich nur in zwei Fällen um klassische Weisse. Die DLC stellt nämlich gleich mehrere Weissweine aus Rotweintrauben her. Was anfangs mehr als Anpassung an den Zeitgeist gedacht war (die Konsumenten wollen auch im inzwischen oft heissen Bordeaux Weissweine, und die Bestockung mit Weissweintrauben hinkt eher hinterher), hat sich bei der DLC zu einem eigenständigen Weinstil entwickelt. Die absolute Rarität, einen weissen Cabernet-Sauvignon, hatte ich hier schon einmal beschrieben:
Domaine Léandre-Chevalier: Die letzten Weine von der Insel. Und ein herrlicher Weisswein voller Rätsel. – Victor’s Weinblog (victorswein.blog) (siehe unten im Beitrag).

Ab 2020 gibt es den reinen CS als „Blanc de noir Cuve“ aus dem Stahltank. Neu gibt es aber nun auch noch – im Holz ausgebaut – einen weissen Merlot (Le Flatteur) sowie eine Mischung aus Merlot und CS, den „Blanc de noir fût“.

Ganz neu für die Domaine sind aber zwei „echte“ Weissweine aus Sauvignon blanc. Da ist zuerst der bemerkenswerte „Le Séducteur“, ein in neuem Holz ausgebauter Wein mit nur 11 % Alkohol (Ernte am 1. September 2020!), und dann der „Vin d’Amphore“, ein Orangewein, dem man aber freilich nur am Duft anmerkt, dass er ein „Vin orange“ ist.

Degustationsnotizen in Kurzform:

Weissweine:

Vin d’Amphore 2020, Sauvignon blanc, 10 Tage an der Maische (Orangewein, aber kein „Naturwein“ und deshalb auch haltbar), nur ca. 11 % Alkohol.
Mittleres Gelb (nicht wirklich „orange“); Lychee, Papaya, Schwarztee; knochentrocken, schöne, eher weiche Säure, leicht adstringierend, langer Abgang. Sehr spannender Wein. 16,5 Punkte.

Le Séducteur 2020, Sauvignon blanc, in neuen Barriques ausgebaut, nur ca. 11 % Alkohol
Intensiv, aber schön holzbetont, etwas Zitrusfrucht, weisse Johannisbeeren; tolle, knackige, aber nicht übertriebene Säure, sehr frisch, ganz leicht adstingierend, schlank, aber trotzdem mit einem gewissen Schmelz, langer Abgang. Schöner, durch seinen tiefen Alkoholgehalt eigenständiger SB. 17 Punkte.

Blanc de noir Cuve 2020, Cabernet Sauvignon weiss ausgebaut, Stahltank
Frische, knackige Frucht (Stachelbeeren, weisser Pfirsich, etwas Zitrus); Im Körper spürt man die Rotweinsorte, dicht, mit toller Säure, mundfüllend und rund, spürbarer, aber gut eingebundener Alkohol, mittlerer Abgang. Spannender Wein! 17 Punkte.

Blanc de noir Fût 2020, je 50 % Cabernet Sauvignon und Merlot, weiss ausgebaut in Barriques
Exotische Frucht, viel neues Holz; im Mund rund, fast etwas mollig, eher tiefe Säure, aber mit schöner Frische, spürbare, aber nicht dominante Restsüsse, Alkohol im langen Angang leicht spürbar. Spannender, vielen wohl sehr gefallender Wein; zu einer Käseplatte wohl rundum perfekt. 16 Punkte.

Le Flatteur 2020, 100 % Merlot, in neuem Holz ausgebaut und die „Malo“ durchlaufen
Süsslicher Duft, exotisch nach Ananas und Papaya, etwas Lindenblüte; im Mund mit ziemlich dominanter Restsüsse (auch wenn der Wein noch als trocken gilt), mollige Rundheit, spürbare, aber eher dezente Säure. Geschmacksache, durchaus spannend, vielen wird der sogar sehr gefallen, aber von mir gibt es der Molligkeit wegen nur 15,5 Punkte (was immer noch „gut“ bedeutet!)

Rotweine:

Le Gentilhomme 2020 (80 % Merlot, 20 % Cabernet Sauvignon)
Zuerst sehr reduktive Töne in der Nase, ohne Luft fast schon störend nach Vulkan und Pferdestall. Mit etwas Luft dann plötzlich nur noch sehr fruchtig (Brombeer, Pflaume), etwas rote Peperoni; im Mund sehr ausgewogen, rund und üppig, mit toll eingebundener Säure, fruchtig. Mittlerer Abgang. Süffiger, fruchtiger Wein, der aber auch eine erstaunliche Stuktur und „Rückgrat“ aufweist. Auch wenn es abgelatscht ist: Preis-/Leistung fast unschlagbar! 16 Punkte.

Le Joyau 2020 (48 % Merlot, 48 % Cabernet Sauvignon, 4 % Petit Verdot), 100 % neue Barriques
Sehr noble Nase, Zedernholz, Tabak, dunkle und getrocknete Früchte, keine Spur von Neuholz zu riechen!; im Mund elegant, feingliedrig aber auch druckvoll, enorm vollgepackt mit sehr feinen Tanninen, im Moment sehr fruchtbetont und extrem „saftig“, langer Abgang. Rundum einfach ein toller Wein! 18 Punkte.

33’333, 2020 (100 % Merlot aus Parzelle mit 33’333 Stöcken pro Hektar („normal“ sind ca. 5’000 bis 8’000).
In der Nase noch etwas verhalten, etwas Brombeer und Zwetschge; im Mund mit enormer Finesse, herrlich feine Tannine, gut integrierte Säure, leicht spürbar neues Holz, spürbare Fruchtsüsse macht ihn rund und – sorry für den Ausdruck – „wohllüstig“. Ich habe schon „klassischere“ 33’333 gehabt, aber der 2020er ist ein tolles, rundes „Elixier“. 18 Punkte.

100 % Provocateur 2020 (100 % Petit Verdot, ebenfalls aus einer Parzelle mit rund 33’000 Stöcken)
Wirkt aktuell etwas im Tiefschlaf, sehr zurückhaltende, verschlossene Nase mit edlen Düften nach Zedern und angetönter Frucht; im Mund enorme Menge an schönen Tanninen, aktuell etwas „trocknend“, schöne Säure, elegant und dicht. Für mich in Moment schwer beurteilbar, wirkt gerade etwas spröde, aber wenn ich an frühere Jahrgänge denke, hat er eine grosse Zukunft. 17,5 Punkte (was vermutlich zu wenig ist).

Tricolore 2020 (100 % Petit Verdot, Parzelle mit rund 33’000 Stöcken, aber alle alt und wurzelecht)
Fazinierende Nase auf der würzigen Seite, Sandelholz, dezent Eucalyptus, dunkle Frucht; im Mund umwerfend: extreme Dichte, fast zum Abbeissen, gleichzeitig aber fein und extrem elegant, tolle Säure und viele, aber enorm feine Tannine, äusserst langer, eleganter Abgang. Traumhaft! 19 Punkte.

Zur Homepage mit Onlineshop:

Hommecheval – Weingenuss aus dem Bordeaux

Die meisten Weine werden in der CH auch durch Gerstl und in D durch Lobenberg vertrieben.

Die „alte Rebe“ 2016 von Michael Broger: umwerfend gut! Vielleicht ist es das, was andere mit „vibrierendem Wein“ meinen?

Michael Broger kreiert am Ottenberg bei Weinfelden seit bald zwei Jahrzehnten Weine, die zu den allerbesten und sicher den eigenständigsten in der Schweiz gehören. Sein Spitzen-Pinot „alte Rebe“ des Jahrgangs 2016 ist nun in der ersten Trinkreife und begeistert enorm!

Den Lesern meines Blogs, die von Anfang an dabei waren, ist Michael Broger natürlich schon ein Begriff (für alle anderen: siehe Links am Schluss des Beitrages). Und unbekannt ist er in der Schweizer Weinszene ja ohnehin nicht mehr. Aber irgendwie scheint er mit seiner bescheidenen, nie marktschreierischen Art doch nicht ganz das Renommée zu erreichen, das er aufgrund der Qualität seiner Weine verdient hätte.

Der Ottenberg zwischen Ottoberg und Weinfelden, hoch über dem Thurtal. Ein hervorragendes Terroir. Bloss der Fotograf war etwas ungeschickt, denn der Hof von Michael Broger versteckt sich ausgerechnet hinter dem grossen Baum in der Bildmitte. Aber vielleicht ist das fast ein wenig sinnbildlich für Broger: Lieber im Stillen Hervorragendes schaffen als sich gross in den Vordergrund stellen.

Eigentlich hatte ich jetzt gar keinen Blogeintrag über Broger geplant, es gab ja schon diverse Beiträge über ihn. Aber dann habe ich gestern die zweite Flasche seines Pinots „Alte Rebe“ aus dem Jahr 2016 geöffnet. Schon vor rund einem Jahr zeigte er sich sehr schön, aber noch zu jung. Jetzt hat er seine erste Trinkreife erreicht – und ich bin so begeistert, dass ich gar nicht anders kann als darüber berichten. Seit einigen Jahren lese ich bei Schreiber-Kollegen und -kolleginnen immer mal wieder von „vibrierenden“ Weinen. Ich habe das nie richtig verstanden, aber dieser Broger-Wein gibt vielleicht einen kleinen Eindruck davon, was damit gemeint sein kann: Ein Wein, der nicht einfach stromlinienförmig über den Gaumen rollt aber – mag er noch so gut und meinetwegen 20 bzw. 100 Punkte wert sein – den Trinkenden letztlich nicht „herausfordert“. Nicht so bei Broger, ganz allgemein, aber sehr pointiert bei der „alten Rebe“ 2016 im aktuellen Stadium: Dieser hervorragende Wein wandelt sich im Mund, wirkt im Antrunk ganz anders als im Abgang, scheint sich ständig einer Metamorphose zu unterziehen, fordert Achtsamkeit und will keinesfalls einfach so beiläufig getrunken werden. Kurz: Ein lebendiger, extrem vielschichtiger Wein, über den man den ganzen Abend philosophieren kann. Oder soll ich jetzt einfach schreiben „ein vibrierender Wein“? Vielleicht ist es wirklich ein Paradebeispiel dafür!

Michael Broger, „alte Rebe“ 2016, Pinot noir
Mittleres Rubin; feine, vielschichtige Frucht (Brombeer, Johannisbeer, Zwetschge), leichter Anflug von Teer, Waldboden und etwas Grüntee; im Mund vorab unglaublich „saftig“ und „lebendig“, extreme Frische, passende, eher „weich“ wirkende Säure, viele, aber sehr feine Tannine, enorm fruchtig. Im Abgang zuerst ein kleines Loch von 1-2 Sekunden, dann aber plötzlich ein fein-feuriger, fruchtiger und fast nicht endend wollender Abgang. Ein Wurf von einem Wein, zum Ausflippen schön! 18,5 Punkte.

Weingut – Michael Broger – Weinbau (broger-weinbau.ch)

Und hier noch die versprochenen Links auf bereits publizierte Beiträge in diesem Blog:

Michael Broger – der Pinot-Magier – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)
Der Pinot-Magier zaubert auch ganz ohne Schwefel! – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)
Wildwest am Ottenberg: Broger’s PetNat-Abenteuer. Spannend wie die Weine selbst! – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)