Dem Tod von der Baggerschaufel gesprungen!

Der älteste in der Schweiz angebaute Pinot noir heisst heute Servagnin – und wäre, trotz 600 Jahren Geschichte, beinahe ausgestorben. Zum Glück blieb er uns erhalten. Hier die abenteuerliche Geschichte und ein toller Wein!

Um als unsichere Legende abgetan zu werden, sind die Geschehnisse noch zu jung. Dennoch sind bereits verschiedene, allerdings im Kern ähnliche Varianten im Umlauf. Besonders gut gefällt mir jene von Vinum (9/22) und die geht so: Der Salvagnin (bzw. Servagnin, siehe dazu später) galt im vorigen Jahrhundert als unzeitgemäss und kapriziös, also wurde er nach und nach durch andere Sorten bzw. Klone ersetzt. Als die letzte Rebfläche gerodet wurde, war das dem Baggerfahrer dann doch zu viel des Frevels. Also nahm er ein paar Stöcke nach Hause und pflanzte sie in seinem Garten. Dort überlebten je nach Quelle einer oder einige Stöcke, und aus diesen bzw. diesem gewann 1963 der Winzer Pierre-Alain Tardy die ersten Zweige, um die Sorte wieder neu zu lancieren.

Pinot aus dem Privatgarten

Als gesichert gilt jedenfalls, dass der Gartenbesitzer Werner Kaiser hiess und tatsächlich bei einem Bauunternehmen arbeitete. Da auch die Rodung der letzten Parzelle mit Salvagnin/Servagnin als wissentlicher Akt dargestellt wird, kann als sicher angenommen werden, dass es sich beim Rettungsversuch für die Sorte um eine bewusste Handlung des Werner Kaiser handelte. Er war sich denn später auch sicher, Pierre-Alain Tardy tatsächlich die von ihm gesuchte Sorte zur Verfügung stellen zu können.

Inzwischen bauen wieder 20 Winzer die Sorte auf rund sieben Hektar rund um Morges an, und die Qualitäten des fast ausgestorbenen Salvagnin/Servagnin werden heute wieder hoch geschätzt. Wenn man etwas weiter in der Geschichte zurückblättert, ist das auch gar nicht so verwunderlich:

Pest- oder Wirtschaftsflüchtende?

In die Schweiz gebracht, genauer nach Saint-Prex bei Morges, wurde die Sorte im Jahr 1420 durch Marie de Bourgogne, die Gemahlin eines Herzogs von Sayoyen. Je nach Quelle flüchtete sie vor der Pest – oder aber aus finanziellen Gründen. Jedenfalls wurde sie am Genfersee gut aufgenommen und als Dank für die Gastfreundschaft liess sei einige Setzlinge des Salvagnin aus dem Burgund nach Morges kommen. Salvagnin ist eine alte Bezeichnung für den Pinot noir – und damit gilt als gesichert, dass die Region Morges die erste in der (späteren) Schweiz war, in der Pinot noir angepflanzt wurde.

Die „Côte“ und der Genfersee vom Signal de Bougy aus gesehen. (St. Prex und Morges befinden sich links ausserhalb des Fotos)

Nun gilt es noch die Namensgebung aufzulösen: Die Rebe fand unter dem Namen Salvagnin de Morges oder Salvagnin de Saint-Prex, aber auch als Pinot Salvagnin und als Servagnin Verbreitung – bis zum Niedergang in den vorigen zwei Jahrhunderten. Nach der „Wiedergeburt“, welche gegen Ende des letzten Jahrhunderts speziell durch Raoul Cruchon (Domaine Henri Cruchon, Morges, heute einer der Top-Betriebe der Region) vorangetrieben wurde, konnte er nicht unter dem ursprünglich am meisten verwendeten Namen „Salvagnin“ auf dem Markt gebracht werden. Dieser Name wird nämlich inzwischen als Gattungsbezeichnung für einen in der Regel eher einfachen Wein aus dem Waadtland genutzt, welcher – als Pendant zum Dôle im Wallis – meist aus einer Mischung von Pinot noir und Gamay oder auch nur aus Pinot besteht. Mit etwas Graben im Archiv wurde aber schliesslich auch die frühere Bezeichnung Servagnin gefunden, und so heisst heute eben ein Salvagnin de Morges oder de Saint-Prex neu „Servagnin“.

Kürzlich bin ich im Keller auf eine jener „irgendwann zu Degustieren“-Flaschen gestossen, welche oft eher enttäuschen, hin und wieder aber auch ein echtes Highlight darstellen. Und beim Servagnin von Perey vins war es definitiv „hin und wieder“. Welch wunderschöner Pinot (sorry, Servagnin)!

Perey vignerons-encaveurs, sind eigentlich zwei Güter, die Domaine de la Balle in Vufflens-le-Château, und die Domaine des Abesses in Echandes, die allerdings nur etwa drei Kilometer auseinander domiziliert sind. Zusammen ergeben sich so rund 10,5 Hektar Reben. Der Servagnin wird aus Trauben beider Güter komponiert.

Die Etiketten erscheinen übrigens für alle Servagnin gleich, nur der Zusatz unterhalb gibt den Hinweis auf den jeweiligen Produzenten. Das ist meines Erachtens sehr gutes Marketing – wer sagt denn, Winzer könnten nicht gemeinsam etwas Tolles schaffen!?

Servagnin, Morges Crand Cru, 2019, Perey
Relativ dunkles Rot; eher verhaltene, aber sehr vielschichtige Nase mit fruchtigen Noten von Johannis- und Himbeeren, würzige Anflüge, aber auch Noten von Dörrpflaumen. Im Mund ausgesprochen dicht, schöne, feine Tannine, angepasste Säure, „saftig“ und mundfüllend, trotz Kraft auch mit einer gewissen Eleganz, langer Abgang. Würde man blind vielleicht durch seine Fülle nicht gleich als Pinot einschätzen, aber ein sehr schöner, erfreulicher Wein. 16,5 Punkte.

Accueil | Perey Vignerons-Encaveurs | Vufflens-le-Château | Vins vaudois la Côte (vins-perey.ch)

Es gibt auch die Möglichkeit, einen Degustationskarton mit Servagnin’s zu bestellen, allerdings weiss man nicht, welche Güter im Karton vertreten sind. Zum Kennenlernen ist das aber sicher eine sehr gute Möglichkeit:

Coffrets autour du Servagnin – Vins de Morges


Interessennachweis: Der Wein wurde im vorigen Jahr durch die Organisation „Vins de Morges“ im Rahmen der Lancierung des Projektes „Winify“ zu Degustationszwecken gratis zur Verfügung gestellt.

Das Projekt „Winify“ liess mich persönlich – auch augrund fehlender Informationen zum Zusammenspiel von Wein und Musik – etwas ratlos. Die Idee an sich finde ich cool, aber ich würde halt schon gerne wissen, weshalb jetzt gerade die ausgewählte Musik zum Wein besonders passen soll bzw., was sich der/die Person gedacht hat, als sie die Playlist zusammenstellte.

Sie können es aber gerne persönlich nachprobieren, hören kann man auch ohne Wein zu bestellen: WINIFY – Vins de Morges

Und übrigens: Im Paket zu Winify enthalten war auch ein Flasche Chasselas von der Domaine des Vaugues (Les Ecoussons 2020) in Chigny. Auch dieser Wein hat mich qualitativ überzeugt. Die Region westlich von Lausanne ist eine Entdeckung wert!

Ein herrlicher Riesling vom Schweizer Weingut des Jahres.

Vorgestern wurde das Weingut „Cave du Rhodan – Mounir Weine“ aus Salgesch zum Schweizer Weingut des Jahres 2022 gekürt. Das ist für Kenner natürlich keine Überraschung und hochverdient. Mir gibt es den perfekten Anlass, über einen schon vor einigen Monaten degustierten (Rhein-)Riesling des Gutes zu berichten, der den Vertretern vom Rhein das (Rhone-)Wasser absolut reichen kann.

Cave du Rhodan ist wohl jenes Weingut, über das ich schon am meisten geschrieben habe (Links siehe am Schluss des Artikels). Im Frühjahr konnte ich einen Riesling des Gutes probieren, dessen Qualität mich begeisterte. Die Degustationsnotizen liegen seither herum, ich habe sie bisher noch nicht gepostet, weil ich ja nicht immer „nur“ über die gleichen Produzenten schreiben will.

Dass das Weingut von Sandra und Olivier Mounir nun aber am Grand Prix des Vins Suisse, einem von Vinum und Vinea gemeinsam durchgeführten hochkarätigen Wettbewerb, zum „Weingut des Jahres 2022“ erkoren wurde, gibt sicher den perfekten Anlass, über den Riesling zu berichten, Denn die Qualität hat es in sich.

Riesling von der Rhone? Aber klar!

Riesling gehört an den Rhein und seine Nebenflüsse! Allenfalls noch an die Donau in Oesterreich. Aber an die Rhone? So abwegig ist das aber gar nicht, denn im Wallis gedeiht, klug angesetzt, bearbeitet und vinifiziert, ja fast das ganze Konzert der bekannten Rebsorten. Und das Gut Desfayes-Crettenand hat schon vor über drei Jahrzehnten gezeigt, dass man im Wallis sehr wohl honorigen Riesling produzieren kann.

Symbolbild: Walliser Weinlandschaft zwischen Salgesch und Sierre. Aufgenommen übrigens an der Rue de la Petite Arvine, unweit der Gemeindegrenze!

Die Reben für den Riesling „Diversitas“ wurden erst 2015 gepfanzt und werden biologisch bewirtschaftet. Ausgebaut wird der Wein je zu einem Drittel im Holzfass, in der Amphore und im Stahltank. Ich habe für die Degustation bewusst einen deutschen Rielsing des gleichen Jahrgangs aus dem Keller geholt. Die Wahl fiel auf den „Tonschiefer“ 2019 von Dönhoff. Dieser ist zwar nicht die alleroberste Klasse dieses Spitzenweingutes, aber ist immer ausgesprochen gelungen und stellte schon mal eine richtige Hürde dar.

Rhone vs. Nahe: 1 : 1 (oder 35 : 34,5)

Das Resultat dieses Vergleichs: Der Diversitas von der Rhone obsiegt klar! Natürlich hinken solche Vergleiche immer ein wenig, voeliegend um so mehr, als die Stilistik doch ziemlich verschieden ausfällt. Trotzden: Der Tonschiefer ist ein wunderschöner Wein, aber der Diversitas ist dichter und vielschichtiger.

Entsprechend wurde die Latte danach deutlich höher gelegt. Als Vergleich diente nun ein Grosses Gewächs aus dem Jahr 2018 (also ein Jahr gereifter als der Diversitas), der Goldloch von Diel. Wie schon bei Dönhoff bekam es die Cave du Rhodan also wieder mit einem der ganz grossen Namen zu tun.

Nun, in diesem Vergleich behielt Deutschland ganz knapp die Oberhand. Allerdings braucht sich der Diversitas selbst hier nicht zu verstecken, letzlich waren es Nuancen, welche in meiner Wertung den Ausschlag für Diel gaben. Auch in diesem Vergleich bringt der Diversitas mehr Dichte und Konzentration mit, aber das Grosse Gewächs von Diel war eine Spur finessreicher, komplexer, eleganter und wohl halt auch „Riesling-typischer“. Der Goldloch 2018 ist ein absolut grossartiges Gewächs (96 Punkte James Suckling), und wenn da ein – noch dazu günstigerer – Wein aus dem Wallis praktisch mithält, dann gibt es nur eines: Chapeau, Sandra und Olivier Mounir. Und herzliche Gratulation zu diesem Riesling und natürlich zum Schweizer Weingut des Jahres!

Die Degustationsnotizen:

Riesling Diversitas 2019, Caves du Rhodan
Helles Gelb, dezente, aber sehr vielschichtige Nase, Stachelbeere, neckische Anfüge von Ananas und Lychee, auch etwas grüne Noten, etwas Muskat; im Mund mit aussergewöhnlicher Frische, mineralisch, sehr dicht gewobener Körper, „saftg“, schön angepasste Söure, ganz leicht spürbares Holz, das aber sehr gut eingebunden ist, den relativ hohen Alkoholgehalt (13,5 %) spürt man überhaupt nicht. Langer Abgang. Eigenständiger aber nicht untypischer Riesling, toll gemacht! 17,5 Punkte.

Tonschiefer 2019, Dönhoff
Helles Gelb; gradlinie Nase, zuerst mit etwas Petrol, mit etwas Luft dann weisse Johannisbeeren, Stachelbeeren und Fliederduft; im Mund recht dicht mit enormer Fruchtigkeit und einem Touch von Fruchtsüsse, prägnante, aber schöne Säure. Mittlerer Abgang. Schöner, erfreulicher Wein. 16,5 Punkte.

Dorsheim Goldloch 2018, GG, Schlossgut Diel
Mittleres Gelb mit grünen Reflexen; feine Nase mit Stachelbeere, Aprikose und weissem Pfirsich, würzige Noten; im Mund mieralisch, dicht, finessereich und fruchtig, mundfüllend aber trotzdem nicht langweilig „rund“ wirkend, langer Abgang. Grossartiger Wein, 18 Punkte.

Link zum Weingut:
Walliser Weine aus Salgesch direkt beim Winzer kaufen | Cave du Rhodan

Und zum Grand Prix du Vin Suisse 2022:
https://www.vinum.eu/fileadmin/user_upload/Awards/GPVS/GPVS_2022/GPVS_2022_Pressemitteilung_Die_Gewinner_und_alle_Resultate.pdf

Hier die Links auf frühere Artikel:
Handeln statt jammern! Cave du Rhodan ist erneut innovativ. Und ein toller Pinot dazu. – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)
Domaine Trong der Cave du Rhodan: (bio-)dynamisch an die Spitze! – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)
Corona macht erfinderisch: spannende Online-Degustationen zum Mitmachen! – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)
Walliser Weine: Spitzenklasse! – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)


Interessennachweis:
Der Diversitas der Cave du Rhodan wurde mir als Dankesgeste nach meinem Artikel über den Pinot noir zusammen mit einer Flasche jenes Weines ohne jede Verpflichtung zugestellt. Die beiden deutschen Rieslinge wurden im Handel gekauft.

Bündner Herrschaft: geniale «Garagen-Weine» aus dem Profikeller.

Auch in einem eigentlich kleinräumigen, übersichtlichen Gebiet wie der Bündner Herrschaft kann man noch Unbekanntes entdecken. Und der Newcomer Fadri Itin etabliert sich qualitativ gleich in der Spitze.

Wunderbarer Wein aus herrlicher Gegend, die Bündner Herrschaft zwischen Maienfeld und Fläsch. (Symbolbild ohne direkten Bezug zum Winzer)

Wenn man Neues entdecken will, hält man sich am besten an Freunde und Bekannte in der entsprechenden Gegend. Oder an Sommeliers und Restaurantinhaber. Oder an Weinfreaks, die schon alles wissen. Und in der neuen Zeit genügt es manchmal auch, sich auf die Algorithmen der Social Media zu verlassen. Kürzlich erschien auf Instagram ein Beitrag eines Fadri Itin, der Wein präsentierte. Nach etwas Recherche bestellte ich je eine Flasche Chardonnay und Pinot noir – und war rundum begeistert. So macht Neues entdecken total Spass!

Fadri Itin an der Arbeit (Bild mit freundlicher Genehmigung ab seiner Homepage)

Aber der Reihe nach: Man sagt, dass hinter jeder Leistung eines erfolgreichen Mannes eine starke Frau steht. In Fadri’s Fall sind es eigentlich gleich zwei. Denn Winzer werden, das wäre ihm gar nicht in den Sinn gekommen – wie auch, wenn man in Trin bei Flims aufwächst, wo es Weiden und Steine, aber keine Reben gibt. Seine Mutter fand aber während der Berufswahl, «schnuppere doch mal bei einem Winzer». Obwohl seine erste Schnupperlehre – im Kanton Zürich! – ihn nicht begeisterte, folgten zwei weitere bei Hanspeter Lampert und Andrea Davaz, und danach war seine Berufswahl klar. Seine Lehre absolvierte er dann auch in diesen beiden Betrieben, womit eine qualitativ sehr gute Grundlage gelegt wurde. Allerdings hatte er da bereits Auslanderfahrung, er verbrachte vor der Lehre einige Zeit in Neuseeland und konnte da bei einem «kleinen» Betrieb mit 10 Hektar Reben mithelfen und erste Erfahrungen sammeln. Nach dieser Stage war für ihn erst recht klar, dass er den richtigen Beruf lernen würde.

Heute arbeitet Fadri Itin auf Schloss Salenegg in Maienfeld, gemäss Organigramm auf der Homepage als Winzer, gemäss Fadri aber auch als Helfer im Keller. Schloss Salenegg ist eine Referenz in der Herrschaft. Das Gut produzierte schon vor Jahrzehnten hervorragende Weine, welche sich vom damaligen schmalbrüstigen Einheitsbrei der Gegend wohltuend abhoben. Meiner Meinung nach hat das Gut dann aber einige Jahre ein wenig den Anschluss verpasst, plötzlich spielten Donatsch, Gantenbein, Studach und Co, die erste und bessere Geige. Inzwischen hat Schloss Salenegg aber nachgezogen und gehört wieder zu den qualitativ wichtigsten Adressen in der Herrschaft. Hier arbeiten zu können, ist also durchaus schon ein Privileg. (Und die Weine des Gutes probieren zu können übrigens auch!).

Schloss Salenegg in Maienfeld – das Wirkungsfeld von Fadri Itin. Die Weine des Gutes sind hervorragend und mehr als eine (Wieder-)Entdeckung wert.

Mit der Besitzerin von Schloss Salenegg, Helene von Gugelberg, kommt nun die zweite wichtige Frau ins Spiel. Fadri ist augenscheinlich voller Kraft und ehrgeizig, weshalb er auch seinen eigenen Wein herstellen wollte. Auf seine Bitte, etwas von den von ihm gepflegten Trauben von Schloss Salenegg kaufen zu dürfen, reagierte Helene von Gugelberg positiv. Und damit Fadri seine Barriques nicht in einer Garage aufstellen muss, darf er auch gleich noch den Keller des Weinschlosses mitbenutzen.

Der Jahrgang 2020 war sein Erstling, inzwischen gärt aber bereits der 2022-er. Auch wenn er auf Salenegg vinifizieren darf – seinen Wein macht er allein und so, wie er es gut findet. Wenn es um die Weine von Salenegg geht, ist der Kellermeister und Betriebsleiter Silas Hörler sein Chef, der befiehlt und entscheidet, bei seinen eigenen lässt er sich aber nicht dreinreden. Immerhin, fachlicher Austausch unter den beiden findet trotzdem statt, so holte Fadri sich u.a. bei Silas Rat als es darum ging, die besten Barriques anzuschaffen.

So gut, wie Fadris Weine gelungen sind, ist nicht auszuschliessen, dass sie in einer Blinddegustation einmal gar besser abschneiden könnten als jene von Schloss Salenegg. Auf die Frage, wie dann wohl der Kellermeister des Schlosses reagieren würde, sagt Fadri: «Ich weiss es natürlich nicht, aber ich denke er würde sagen, gut gemacht!» Die menschliche Chemie scheint auf Salenegg zu stimmen.

Allerdings dürften die Gelegenheiten zu Blinddegustationen ohnehin begrenzt sein. Fadri Itin ist sich bewusst, dass er nicht ständig bei Frau von Gugelberg stehen und um noch mehr Menge bitten kann. Und anderweitig Trauben oder gar Rebland in der Herrschaft zu erhalten, ist sehr schwierig. So ist Fadris Ziel, jedes Jahr je drei Barriques Chardonnay und Pinot noir herstellen zu können, was rund 900 Flaschen pro Sorte ergibt.

Die Weine des Fadri Itin werden also in einer Gegend der raren Weine wohl immer eine Super-Rarität bleiben. Trotzdem muss man als Neuling den Wein ja auch zuerst einmal verkaufen können. Zwar fragte er anfangs in einem ihm bekannten Restaurant erfolgreich nach, ob seine Weine ins Sortiment aufgenommen würden. Dann aber ging alles fast wie von selbst, und inzwischen verfügt Fadri von den aktuellen Jahrgängen (2020 bzw. 2021) nur noch über je rund 100 Flaschen. Wer also noch probieren will, muss sich beeilen!

Cool gemacht: Profil und Fingerabdruck kombiniert.

Fadri verfügt auch über eine professionell gestaltete, wenn auch informationsmässig noch etwas karge Homepage mit Webshop. Überhaupt ist der Auftritt sehr professionell und selbstbewusst. Die Etiketten zeigen sein Konterfei – in der Form eines Fingerabdruckes gestaltet-, als wollte er sagen: «Da bin ich, dafür signiere ich». Auch wenn das sehr selbstbewusst daher kommt, überheblich wirkt Fadri im Gespräch überhaupt nicht, eher bescheiden und geerdet.

Aber es war ihm wichtig, das Produkt und das Marketing hochwertig auszugestalten: «Wenn ich schon so etwas mache, dann richtig, und ich will mich auch optisch freuen können, wenn eine meiner Flaschen auf dem Tisch steht.“

Die Flasche überzeugt aber nicht nur optisch, sondern und vor allem auch durch ihren Inhalt. Es sind beides grossartige Weine, die auch einen eigenständigen Stil aufweisen und sich meiner Wahrnehmung nach eher an Burgund als an anderen Herrschäftlern orientieren.

Auf jeden Fall war da ein junger Mann am Werk, der augenscheinlich über enorm viel Feingefühl und Können in der Weinbereitung verfügt. Diese Raritäten muss man einfach weiterverfolgen!

Degustationsnotizen:

Polischet, Chardonnay Maienfeld, 2021

Helles Gelb ; in der Nase vielschichtig fruchtbetont (u.a. Aprikose, Lychee), auch würzige Anflüge, «mineralisch», spürbares neues Holz; im Mund tolle Frische, schöne Säure, eher filigran aber mit spürbarem Fruchtextrakt im Abgang, feine Tanninspuren spürbar, das Holz ist im Mund sehr gut eingebunden; langer Abgang. Rundum gelungener, toller Wein. (Wenn man, allerdings auf extrem hohem Niveau, etwas kritisieren wollte, dann vielleicht die ausgeprägte Frucht»süsse», die in einem sonst sehr «nördlichen Chardonnay» etwas an einen südlichen erinnert). 17-17,5 Punkte.

Sgraflin, Pinot noir Maienfeld, 2020

Mittleres, glänzendes Rot ; sowohl helle als auch dunkle Beerenaromen, etwas Gewürznelken; im Mund dicht und rund, viel Tannin, das aber sehr gut eingebunden ist, mittlere, harmonische Säure, ganz leichter, sehr schöner Bittertouch, fruchtbetont, burgundisches «Feuer» im sehr langen Abgang. Ein Wurf von einem Pinot, erinnert mich an einen Volnay, wobei es durchaus ein 1er-Cru sein könnte! 18 Punkte.

«Sgraflin» und «Politschet», Mauerläufer und Zaunkönig in romanisch, Fadris Muttersprache. Die Weinnamen stellen eine Hommage an seinen Arbeitsweg in der Lehrzeit dar, auf dem ihn das Vogelgezwischter jeweils begleitete.

FadriItin-Wein.ch

Schloss Salenegg Maienfeld: Weingut und Essigmanufaktur (schloss-salenegg.ch)


Interessennachweis: Die beiden Weine wurden vom Autor zu normalen Konditionen gekauft und degustiert/genossen. Das Gespräch mit Fadri Itin fand erst anschliessend statt.

Refosco von Castello di Buttrio: Toller Botschafter für das Friaul.

Das Friaul ist eine jener Weingegenden, die chronisch unterschätzt werden. Das Gebiet im Nordosten Italiens hat aber ganz viel zu bieten, vor allem auch hervorragende autochthone Sorten.

Mit rund 20’000 Hektar Fläche ist das Friaul zwar ein recht grosses Weinbaugebiet, bekannt sind die Weine hierzulande aber nicht besonders (zum Vergleich: Die Pfalz weist eine um rund 1’000 Hektar höhere Fläche auf, die bestockte Fläche im Wallis ist rund viermal kleiner). Am ehesten noch finden sich Pinot Grigio in den Gestellen hiesiger Weinhändler, oder dann andere internationale Sorten wie Sauvignon Blanc und Merlot, wobei letzterer in dieser Ecke Italiens schon seit rund 170 Jahren kultiviert wird.

Tolle Landschaft gleich hinter dem Castello: friulanische Weingärten mit Blick auf Udine und die Alpen.

So richtig entdeckenswert sind aber die wirklich einheimischen Sorten wie die Ribolla Gialla und Friulano (weiss), die Schiopettino und die Pignolo (rot) oder eben die Refosco (mit vollem Namen „Refosco dal Peduncolo Rosso“). Die meisten dieser Sorten lassen sich im Friaul bis ins 13. bzw. 14. Jahrhundert zurückverfolgen und sind, abgesehen von Pflanzungen im direkt angrenzenden Gebiet von Goriska Brda in Slowenien, autochthon.

Wir genossen kürzlich ein paar Tage Ferien auf dem Castello di Buttrio, welches nicht nur einen Weinbaubetrieb, sondern auch ein Hotel und eine Osteria betreibt (beide sehr empfehlenswert, wenn auch nicht gerade billig). So hatte ich die Möglichkeit, die meisten Weine des Gutes in Ruhe zu probieren, sei es zum Apéro oder zum Nachtessen. Spätestens am zweiten Abend, nach dem Genuss einer Flasche Refosco dal Peduncolo rosso 2018 war auch klar, dass ich über das Gut schreiben würde.

Ein Paradestück des Gutes: Das „Amphitheater“ direkt neben dem Castello.

Mit diesem Wein schloss sich für mich persönlich auch ein wenig ein Kreis. Meinen ersten Schluck Refosco genoss ich vor über 30 Jahren an einer Einkaufsdegustation bei Divo, und der Wein „elektrisierte“ mich: etwas wild, aber ungemein spannend und enorm ausdrucksstark! Und jener Wein stammte aus Buttrio, von Girolamo Dorigo, der damals als Nebenerwerbswinzer Massstäbe setzte (und dessen Gut heute von Sohn Alessio geführt wird).

Zurück zu den Weinen des Castello: Das Sortiment weist ein hohes und gleichmässiges Qualitätsniveau auf. Bei etwas näherer Betrachtung wurde dann auch klar, weshalb. Die Eigentümerin des Castello ist Alessandra Felluga, und sie ist die Tochter von Marco Felluga, einer Legende des Weinbaus im Friaul. Nebst seinen Betrieben Azienda Marco Felluga und Russiz Superiore kaufte er 1994 auch das damals heruntergekommende Castello di Buttrio (das inzwischen sehr stilvoll restauriert wurde). Seit 2007 führt Tochter Alessandra das Gut (während für die beiden anderen Betriebe heute Marco’s Enkelin Ilaria verantwortlich ist, da Sohn Roberto im letzten Jahr viel zu früh verstarb). Der Rebbauzweig des Castello di Buttrio ist heute 26 Hektar gross.

Refosco dal Puduncolo Rosso 2018, Castello di Buttrio (DOC Friuli Colli Orientali)
Dunkles Purpur; dunkle Frucht nach Brombeer und Dörrzwetschgen, Tabak, würzige Anflüge von Korianderfrucht; im Mund mineralisch-frisch, kräftige Tannine und angepasste Säure, Alkohol kaum spürbar. Wirkt im Mund enorm präsent, stürmisch-kraftvoll und trotzdem ausgewogen. Charakterwein der tollen Art. 17 Punkte.

Und hier noch ein paar Hinweise auf weiter schöne Weine des Gutes (aus der Erinnerung und ohne spezielle Degustationsnotiz, ich hatte schliesslich Ferien vor Ort …):

Ribolla Gialla:
Sehr verhalten, aber tolle, dichte Struktur mit stützender Säure und viel Mineralik. Dürfte in 1-2 Jahren noch zulegen. 16,5 Punkte.

Sauvignon blanc:
Enorm fruchtiger Wein, ohne irgendwelche exotischen Exzesse, schöner Trinkfluss; sehr sortentypisch. 16 Punkte

Friulano:
Schöne Frucht, im Mund ausgeprägt mineralisch und fast ein wenig asketisch. Nicht jedermann’s Sache, meine schon. 16,5 Punkte.

Chardonnay:
Aus dem Stahltank, aber lange auf der Feinhefe gelagert. Enorm fruchtbetont (u.a. mit Ananas, aber ohne exotisch zu wirken), sehr dicht, rund, schöne Säure. Toller Chardonnay; Man könnte sich diesen Wein auch gut vorstellen, wenn er in der Barrique gewesen wäre. 16,5 Punkte.

Ebenfalls gut sind der Pinot Grigio und der Merlot, wobei es hier spannendere Weine gibt. Nicht degustiert habe ich die Riservas des Hauses.

Homepage | Castello di Buttrio

Das Castello aus der Ebene. Tolles Anwesen. Leider beginnt gleich links des Fotos die Industriezone, die man optisch besser ausblendet, wenn man hier logiert und geniesst.

Hier noch Links auf frühere Beiträge zum Friaul und zu Slowenien:
Viva l’Italia! Pignolo – aber kein bisschen kleinlich! – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)
Brda in Slowenien: Sollte man sich merken! – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)


Interessennachweis:
Alle Weine wurden zu normalen Konditionen vor Ort bestellt und bezahlt.

Grillo und Italien? Wenn es um Wein geht, kann das grossartig sein! 50 Anni Grillo von Massimo Maggio.

Wer heute Grillo hört, denkt vielleicht als erstes an die verkachelte italienische Politik. Es mag tröstlich sein: Politiker kommen und gehen, Reben bleiben, auch wenn sie Hochs und Tiefs erleben.

Der vorstehende Lead stammt aus einer Weinbeschreibung von Delinat zum „50 Anni Grillo“ von Massimo Maggio, dem Wein, um den es in diesem Beitrag geht. Dieser Weisswein aus der fast nur in Sizilien vorkommenden Traubensorte Grillo hat mich begeistert.

Ganz grundsätzlich beobachte ich Delinat und dessen Weine praktisch seit es die Firma gibt, also bereits Jahrzehnte. Und eigentlich gibt es keine sympathischere Weinhandlung, denn hier geht es nicht einfach um Weinhandel, sondern vor allem auch um biologischen Anbau und seit einiger Zeit ganz besonders auch um Nachhaltigkeit und Biodiversität. Das Gut von Massimo Maggio ist beispielsweise mit 3 „Schnecken“ ausgezeichnet, was bedeutet, dass es nicht nur die Richtlinien von Delinat zum biologischen Landbau und zur ökologischen Vielfalt einhalten muss, sondern auch 100 % des Energieverbrauchs aus regenerierbaren Quellen bezieht.

So gesehen, erfüllt eigentlich jeder Delinat-Wein die Prämisse meines Weinblogs: „alles ausser gewöhnlich“. Und Delinat verfügt auch über viele Weine, die rundum begeistern. Einige habe ich hier schon früher schon mal beschrieben:

Roches d’Aric: reinste biologische Medizin! – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)
Extrem lehrreich: „single variedad Rioja“ – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)

Ich verschweige allerdings auch nicht, dass mich degustativ längst nicht alle Weine von Delinat begeistern (auch wenn alle immer mindestens korrekt sind). Das liegt teilweise daran, dass viele Weine bewusst keine grossen Gewächse sind, dafür sehr preiswert und – im Gegensatz zu den Anfängen der Bioweine – in jedem Fall sauber und süffig. Das liegt aber auch daran, dass ein recht hoher Anteil der Weissweine mit Restsüsse ausgebaut sind. Das liegt ja durchaus im Trend und trifft den Geschmack vieler – meinen aber ganz einfach nicht, und deshalb habe ich bei aller Sympathie vor einigen Jahren auch die Degustationspakete abbestellt.

Nun habe ich aber kürzlich im Verkaufsladen in Winterthur ein paar Einzelflaschen gekauft, und die bisher probierten haben mich überzeugt. Geradezu begeistert war ich eben von diesem Grillo:

Das Weingut Maggiovini in der Nähe von Ragusa auf Sizilien. 100 % der nötigen Energie stammt aus erneuerbaren Quellen (Bild ab Homepag des Gutes).

50 Anni Grillo 2020, Massimo Maggio
Mittleres Gelb; sehr fruchtige, fast etwas süsslich wirkende Nase; Papaya, Aprikose, Reineclaude, leichter Holzton; im Mund frisch, dichte Struktur, schöne Säure, fruchtbetont, spürbares, aber sehr schön integriertes neues Holz, langer Abgang. Sehr überzeugender Wein. 16,5 Punkte.
PS: Und das zu einem Preis von CHF 11.30!

Alles Weitere zu diesem Wein und zum Betrieb brauche ich nicht abzuschreiben, das können Sie gut selbst direkt hier lesen:
50 Anni Grillo | Bio Weisswein | jetzt online bestellen | Delinat

Und hier noch der Link zum Weingut selbst:
Maggio Vini • azienda vitivinicola siciliana


Interessennachweis: Der Wein wurde direkt im Delinat-Laden zu normalen Konditionen gekauft.

„Alte Reben“ von Saalwächter – so grossartig kann Sylvaner sein!

Sylvaner – na ja, viel Positives wird dieser Sorte ja nicht zugeschrieben und „Weinkenner“ meiden sie eher. Ich finde, ganz grundsätzlich zu Unrecht, es gibt viele schöne Sylvaner. Aber was Carsten Saalwächter mit dem 2019er „alte Rebe“ in die Flasche gebracht hat, ist schlicht ergreifend!

Von Carsten Saalwächter war hier schon einmal die Rede:
„La Première“ von Carsten Saalwächter: Ein junger Mann macht Furore! – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)
Inzwischen konnte ich mir von Weinfreund Florian Bechtold einige Flaschen Nachschub besorgen, und ausgerechnet ein „Basiswein“ hat mich total begeistert. Natürlich konnte ich es auch nicht lassen, den Spätburgunder vom Assmannshäuser Höllenberg 2018 zu probieren, der rote Spitzenwein des Gutes. Dieser zeigt sich akuell ziemlich verschlossen. Aber der Reihe nach:

Es gibt Weine, die fahren ein wie ein Blitz, und genau das ist beim Sylvaner alte Reben 2019 der Fall. Selten habe ich im Mund eine derartige „Frische-Explosion“ erlebt, die den ganzen Mund füllt und nicht mehr abklingen will. Das ist ganz grosse Klasse – und ein Wein notabene, der unter 15 Euro kostet! Hier die ganze Degustationsnotiz:

Carsten Saalwächter, Sylvaner alte Reben, 2019
Mitteleres Gelb; in der Nase zuerst zurückhaltend, etwas Belüftung tut ihm gut, dann schöne Töne von Mirabellen, weissen Johannisbeeren, Rharbarber, leichter Anflug von Holz; im Mund wie beschrieben eine reine Explosion von Frische, total mundfüllend und fast unendlich nachklingend, rassige, aber sehr gut eingebundene Säure, dezente, schöne Bitternote, leicht adstringierend, enorm dicht, langer Abgang. Ein Wurf – begeisternd und berührend! 17,5 Punkte.

Der Höllenberg in Assmannshausen ist wohl die Pinot-Lage in Deutschland schlechthin. Aus dieser Steillage über den Dorf und dem Rhein kommt das rote „Flaggschiff“ von Saalwächter. Der 2018 springt einen in seiner aktuellen Verfassung nicht gerade an. Er ist eher verschlossen, etwas krautig wirkend und braucht viel Luft. Sein Potential zeigt er aber sehr gut. Mir fehlt zwar die Erfahrung mit Saalwächter’s Weinen, aber ich bin überzeugt, dass es sich lohnt, die restlichen Flaschen ein paar Jahre liegen zu lassen um dann einen reifen und begeisternden Wein im Glas zu haben. Was auf jeden Fall für eine hohes Alterungspotential spricht: Es gab einen kleinen Rest in der Flasche, den ich nach einer vollen Woche nochmals probierte – und da war der Wein zugänglicher und noch kein bisschen müde oder gar oxydativ.

Carsten Saalwächter, Assmannshäuser Höllenberg, Spätburgunder 2018
Mittleres Rubin; etwas krautig mit Schwergewicht auf Brennesseln duftend, daneben dezente Frucht nach Johannisbeeren und Brombeeren, leichter Hefe-Touch; im Mund schöne Säure, vollgepackt mit feinen Tanninen, dicht gewoben, sehr vielschichtig, sozusagen ein friedlliches Nebeneinander von Fülle und Wucht mit Eleganz und Filigranität, auch im Mund etwas kräuterig und dezent hefig, sehr langer Abgang. Von wegen Abgang: Da denkt man plötzlich, dass kein bisschen von störendem Alkohol zum Vorschein kommt, also dreht man die Flasche und liest, dass der Wein nur bekömmliche 12,5 % Alkohol ausweist. Für mich ein Wein mit grossartigem Potential, ich sehe ihn bei 18 Punkten oder gar mehr, bin mir aber – aufgrund fehlender Erfahrung – nicht absolut sicher.

Assmannshausen und der steile Höllenberg.

Weingut Saalwächter – Weingut in Familientradition seit 1872 (saalwaechter.de)


Interessennachweis:
Beide Weine wurden zu normalen Konditionen käuflich erworben bei:
florian.bechtold@bechtold-partner.de

Wohlmuth – erstklassige Weine aus der etwas ruhigeren Stei(l)ermark.

In Kitzeck im Sausal, einem von den grossen Touristenströmen noch etwas weniger berührten Teil der Südsteiermark, kreiert die Familie Wohlmuth hervorragende Weine in teils enormen Steillagen, die mehr als eine Entdeckung wert sind!

90 % Gefälle? Haben Sie schon einmal versucht, einen solchen Hang raufzukraxeln? So steil sind die extremsten Weinlagen des Weingutes Wohlmuth in der Steiermark. Wer das Gebiet schon einmal bereist hat, kann zumindest bezeugen, dass die meisten Reblagen hier sehr steil sind. Und er kann auch berichten, dass das Gebiet landschaftlich zu den schönsten in der ganzen Steiermark gehört – vielleicht gerade, weil die Reben hier keine Monokultur darstellen. Das Sausal liegt etwa 15 Kilometer nördlich der Grenze zu Slowenien, der entlang sich die meisten der grossen Namen des steirischen Weinbaus befinden und dementsprechend grosse Touristenströme auf den engen Strassen anziehen.

Wer das Sausal nicht bereist, verpasst etwas. Und er verpasst vor allem auch den Weinbaubetrieb Wohlmuth. Ich hatte die Gelegenheit, im Rahmen einer durch „Österreich Wein“ organisierten Online-Degustation, vgl. hier:
Die perfekte Online-Degustation? „Österreich Wein“ weiss wie! – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)

6 Weine des Gutes zu verkosten und mich bei der Degustation online von Gerhard Wohlmuth begleiten zu lassen. Und die Weine haben mich allesamt sehr überzeugt; die beiden aus dem Ried „Edelschuh“ sogar als aussergewöhnlich begeistert.

Typische Landschaft im Sausal, aufgenommen auf dem Weg zum Aussichtspunkt Demmerkogel, der mit 671 m höchsten Erhebung der Region (wo aber leider der Turm abgebrannt und somit keine Aussicht zu geniessen war, aber die ganze Landschaft wirkt auch so wunderschön)

Auf dem Gut Wohlmuth werden schon seit dem Jahr 1803 Weine hergestellt. Heute stehen 55 Hektar ausschliesslich eigene Reben im Ertrag. Die Schieferböden der Region bilden eine ideale Grundlage, und die akribische und händische Winzerarbeit vom Rebschnitt bis zur selektiven Handlese mit bis zu 1’200 Arbeitsstunden pro Hektar liefern bestes Traubengut, zumal keine Herbizide und Insektizide zum Einsatz kommen. Im Keller werden alle Weine spontan und ohne Schwefelzusatz vergoren und geniessen eine lange (teils bis zu 18 Monaten) Hefestandzeit.

Noch ein Beispiel für die schöne Landschaft und die steilen Lagen. Die Aufnahme entstand in Kitzeck, unweit der Ried „Dr. Wunsch“.

Im Rahmen unserer Reise durch das Sausal sind wir damals auch direkt am Weingut Wohlmuth vorbeigefahren, haben aber leider nicht angehalten. Diesen Fehler werde ich bei einer nächsten Reise nicht mehr machen!

Degustationsnotizen:

Sauvignon Blanc, Südsteiermark DAC, 2020
Typisch „steirische Sauvignon-Nase“ (vulkanisch, Stachelbeere); im Mund trocken, säurebetont, geradlinig, fruchtig. Schöner Einstiegswein. 15,5 Punkte

Riesling Ried Dr. Wunsch, Südsteiermark DAC, 2019
Zurückhaltend in der Nase, etwas Zitrus; im Mund frisch, mineralisch, ganz leicht, aber nicht störend bitter, langer Abgang. Klar und „spielerisch“, schöner Riesling, 16,5 Punkte.

Umwerfend gut sind beide Weine aus dem Ried Edelschuh, einer Lage, in der schon seit dem 12. Jahrhundert Weinbau dokumentiert ist. (Die Verkostungsnotiz des SB betrifft den Jahrgang 2019, nicht wie hier abgeblidet 2018)

Sauvignon Blanc Ried Hochsteinriegl, Südsteiermark DAC, 2019
Duft nach frischem Gras, Andenbeeren, etwas Caramel; im Mund dicht gewoben, prägnante Säure, wirkt fast etwas tanninhaltig, langer Abgang. 17 Punkte.

Gelber Muskateller Ried Steinriegl, Südsteiermark DAC, 2020
Feine, filigrane Nase mit Duft nach Muskat und Zitrus; im Mund extreme Eleganz, trocken, schöne Säure gepaart mit enormer Frische, zurückhaltender Muskatton. Grossartiger Muskateller. 17 Punkte.

Riesling Ried Edelschuh, Südsteiermark DAC, 2019
Zurückhaltend in der Nase, etwas Zitrus und Mirabelle; im Mund ungemein frisch, gute Säure, „saftig“ wirkend mit viel Fruchtsüsse, wirkt trotz 3,9 g RZ trocken, dichte Struktur, sehr langer Abgang. Ein Bilderbuch-Riesling! 18 Punkte.

Sauvignon Blanc Ried Edelschuh, Südsteiermark DAC, 2019
Duft nach Mango und Mirabelle; mineralisch-frisch, rassige Säure, „stoffig“ und fruchtig, fast nicht endend wollender Abgang. Ganz toller SB! 18 Punkte.

Weingut Wohlmuth – Herkunftsweine in Handarbeit seit 1803.

Bezugsquellen:
CH: Landolt Weine (landolt-weine.ch)
D: Diverse, siehe hier: Bezugsquellen – Weingut Wohlmuth


Interessennachweis: Die degustierten Weine wurden im Rahmen einer grösseren Online-Degustation im Herbst 2021 von Österreich Wein in Kleinstflaschen zur Verfügung gestellt.


Beobachten, nachdenken, lernen! Brocard in Chablis – still und (bio)dynamisch an die Spitze!

Jean-Marc Brocard und Julien Brocard – zwei Domainen aus Chablis mit der gleichen Philosophie und der gleichen Adresse. Vater und Sohn haben es gemeinsam geschafft, an die qualitative Spitze von Chablis zu gelangen. Leider sind sie hierzulande noch viel zu wenig bekannt!

Chablis, dieses in Sachen Weinqualität und Landschaft wunderbare Gebiet im Norden des Burgund bei Auxerre bringt Chardonnay-Weine hervor, die einzigartig sind. Frisch, fruchtbetont, elegant und, wenn gelungen, dicht und ausdrucksvoll. Für mich persönlich „Chardonnay at its best“!

Grand Cru-Lage „Le Clos“ in Chablis: Herrliche Weine, schöne Weinlandschaft.

Die grossen Produzentennamen sind längst bekannt und manchmal auch fast nicht mehr erhältlich bzw. bezahlbar, und selbst Weine von noch etwas weniger bekannten Gütern werden rar (Link zu einem solchen Beitrag in meinem Blog über die Domaine Droin am Schluss des Artikels).

Manchmal entdeckt man bemerkenswerte Weingüter dank Tipps anderer Winzer oder Weinfreunde. Im Fall von Brocard war es ganz einfach Zufall. Weil ich eben bei Droin abgewiesen worden war, nahm ich den „Guide Hachette“ (ich glaube es war die Ausgabe 2013) zur Hand und wählte auf gut Glück ein anderes Gut aus, welches damals mit positiv gewerteten Weinen auffiel und gleich auch noch strategisch ideal auf dem Heimweg lag: Jean-Marc Brocard in Préhy, auf einer Anhöhe südlich von Chablis.

Der Besuch entpuppte sich als Glücksfall! Die Weine begeisterten mich durchwegs, vom einfachen Chablis bis zu den Grands Crus. Und von wegen „einfachem Chablis“, der „Vieilles Vignes“ 2012 war der beste Gemeindewein der Appellation, den ich je im Glas hatte. Leider kaufte ich nur 6 Flaschen, und leider war ich seither auch nie mehr im Gebiet und habe die Entwicklung auch sonst nicht sehr intensiv verfolgt.

Nun bin ich ebenso durch Zufall in einer Weinhandlung auf Weine eines Julien Brocard gestossen. Eine kurze Recherche zeigte, dass es sich dabei um die Linie des Sohnes von Jean Marc Brocard handelt, und dass dieser Julien schon länger auch im elterlichen Betrieb das Sagen hat.

Die Entwicklung der Domaine ist bemerkenswert. Der Ingenieur Jean-Marc Brocard heiratete in eine Weinbaufamilie ein und pflanzte 1973 (dem Geburtsjahr des Sohnes Julien) zudem die ersten Reben in Préhy, wo bald darauf der Weinkeller enstand. Schon 1997 wurde eine erste Parzelle auf bio-dynamischen Weinbau umgestellt, es wurden auch ökologische Nischen geschaffen und Bäume gepflanzt Dabei handelte es sich um die Chablis-Lage „La Boissonneuse“, aus der jetzt einer der Weine aus der Linie „Julien Brocard“ stammt. Wer heute diesen Wein erwirbt, kauft sozusagen ein Vierteljahrhundert Erfahrung in biodynamischem Landbau mit. Bio und Biodynamie sind ja gerade in nördlichen Lagen aufgrund des Klimas nicht einfach umzusetzen. Jean Marc Brocard sagt denn auch in einem Interview, dass beobachten, still nachdenken (wörtlich übersetzt „die Klappe halten“) und lernen die Zutaten zu einer erfolgreichen Entwicklung sind. (Link zum Interview siehe unten).

Nach und nach wurden weitere Flächen umgestellt, und heute sind 60 Hektar biologisch und 40 Hektar bio-dynamisch zertifiziert. Knapp die Hälfte der biodynamischen Weine kommt heute mit dem Label von Julien Brocard auf den Markt.

Ich habe die Möglichkeit genutzt, einen jungen Wein von Julien Brocard und einen etwas gereiften von Jean Marc Brocard nebeneinander zu probieren:

Julien Brocard, 1er Cru Montée de Tonnerre, 2020
Helles Gelb mit leichten Grünreflexen; Duft nach weissen Johannisbeeren, Zitrus und dezent nach Holz; auffallend frisch wirkend, sehr dicht mit guter Säure, elegant, langer Abgang. Schöner, sehr typischer Chablis der noch reifen muss. 17,5 Punkte
.

Jean Marc Brocard, Grand Cru Le Clos 2011
Mittleres Gelb; Duft nach Limetten, Mirabellen, Papaya und etwas Vanille; jugendlich und enorm frisch im Mund, dichte Struktur und eine gewisse „Saftigkeit“, fruchtbetont, rund, mittlerer Abgang. Toller Wein!
17,5 Punkte.
PS: In einem jugendlicherem Stadium hatte dieser Wein auch Anflüge Caramel, die eher störten. Das ist mit der Reife völlig verschwunden!

Bedauernswert ist für uns Weinfreunde nur, dass der Preis des Premier Crus heute schon deutlich über jenem liegt, den ich damals für den Grand Cru bezahlt habe. (Auch der erwähnt „Vieilles Vignes“ ist teurer geworden, wenn er noch so gut ist wie damals, ist es aber immer noch ein „Schnäppchen“).

Links zur Domaine (zu den Domainen):

Vigneron à Chablis, vente vin de Chablis AOC | Domaine Jean-Marc Brocard
Les 7 Lieux – Julien Brocard

Bezugsquellen (u.a.)

CH:
Suchresultate – Baur au Lac Vins
Jean-Marc Brocard – Wein kaufen – de.millesima.ch

D:
Jean-Marc Brocard Chablis 2020 kaufen| Preis und Bewertungen bei Drinks&Co (drinksco.de)
Chablis Sainte Claire von Jean-Marc Brocard online kaufen. | Feinkost Käfer Online (feinkost-kaefer.de)

Und hier die im Text erwähnten Links:
Weine von der „bösen Frau“ – eindrückliche Chablis! – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)
L’interview « Prenez-en de la graine ! » de Jean-Marc, vigneron en partenariat avec Les Grappes – La Fourche


Intertessennachweis:
Die beiden Weine wurden käuflich erworben, der Le Clos auf dem Gut selbst, der Montée de Tonnerre bei Baur au Lac, Regensdorf. Der Beitrag entstand ohne Wissen des/der Produzenten.

Die „alte Rebe“ 2016 von Michael Broger: umwerfend gut! Vielleicht ist es das, was andere mit „vibrierendem Wein“ meinen?

Michael Broger kreiert am Ottenberg bei Weinfelden seit bald zwei Jahrzehnten Weine, die zu den allerbesten und sicher den eigenständigsten in der Schweiz gehören. Sein Spitzen-Pinot „alte Rebe“ des Jahrgangs 2016 ist nun in der ersten Trinkreife und begeistert enorm!

Den Lesern meines Blogs, die von Anfang an dabei waren, ist Michael Broger natürlich schon ein Begriff (für alle anderen: siehe Links am Schluss des Beitrages). Und unbekannt ist er in der Schweizer Weinszene ja ohnehin nicht mehr. Aber irgendwie scheint er mit seiner bescheidenen, nie marktschreierischen Art doch nicht ganz das Renommée zu erreichen, das er aufgrund der Qualität seiner Weine verdient hätte.

Der Ottenberg zwischen Ottoberg und Weinfelden, hoch über dem Thurtal. Ein hervorragendes Terroir. Bloss der Fotograf war etwas ungeschickt, denn der Hof von Michael Broger versteckt sich ausgerechnet hinter dem grossen Baum in der Bildmitte. Aber vielleicht ist das fast ein wenig sinnbildlich für Broger: Lieber im Stillen Hervorragendes schaffen als sich gross in den Vordergrund stellen.

Eigentlich hatte ich jetzt gar keinen Blogeintrag über Broger geplant, es gab ja schon diverse Beiträge über ihn. Aber dann habe ich gestern die zweite Flasche seines Pinots „Alte Rebe“ aus dem Jahr 2016 geöffnet. Schon vor rund einem Jahr zeigte er sich sehr schön, aber noch zu jung. Jetzt hat er seine erste Trinkreife erreicht – und ich bin so begeistert, dass ich gar nicht anders kann als darüber berichten. Seit einigen Jahren lese ich bei Schreiber-Kollegen und -kolleginnen immer mal wieder von „vibrierenden“ Weinen. Ich habe das nie richtig verstanden, aber dieser Broger-Wein gibt vielleicht einen kleinen Eindruck davon, was damit gemeint sein kann: Ein Wein, der nicht einfach stromlinienförmig über den Gaumen rollt aber – mag er noch so gut und meinetwegen 20 bzw. 100 Punkte wert sein – den Trinkenden letztlich nicht „herausfordert“. Nicht so bei Broger, ganz allgemein, aber sehr pointiert bei der „alten Rebe“ 2016 im aktuellen Stadium: Dieser hervorragende Wein wandelt sich im Mund, wirkt im Antrunk ganz anders als im Abgang, scheint sich ständig einer Metamorphose zu unterziehen, fordert Achtsamkeit und will keinesfalls einfach so beiläufig getrunken werden. Kurz: Ein lebendiger, extrem vielschichtiger Wein, über den man den ganzen Abend philosophieren kann. Oder soll ich jetzt einfach schreiben „ein vibrierender Wein“? Vielleicht ist es wirklich ein Paradebeispiel dafür!

Michael Broger, „alte Rebe“ 2016, Pinot noir
Mittleres Rubin; feine, vielschichtige Frucht (Brombeer, Johannisbeer, Zwetschge), leichter Anflug von Teer, Waldboden und etwas Grüntee; im Mund vorab unglaublich „saftig“ und „lebendig“, extreme Frische, passende, eher „weich“ wirkende Säure, viele, aber sehr feine Tannine, enorm fruchtig. Im Abgang zuerst ein kleines Loch von 1-2 Sekunden, dann aber plötzlich ein fein-feuriger, fruchtiger und fast nicht endend wollender Abgang. Ein Wurf von einem Wein, zum Ausflippen schön! 18,5 Punkte.

Weingut – Michael Broger – Weinbau (broger-weinbau.ch)

Und hier noch die versprochenen Links auf bereits publizierte Beiträge in diesem Blog:

Michael Broger – der Pinot-Magier – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)
Der Pinot-Magier zaubert auch ganz ohne Schwefel! – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)
Wildwest am Ottenberg: Broger’s PetNat-Abenteuer. Spannend wie die Weine selbst! – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)

Stabiles Azorenhoch: Grossartige Raritäten vom bekannt-unbekannten Archipel.

Azoren stand für mich bisher eher für den Wetterbericht, denn schon in der Kindheit verhiess ein stabiles Azorenhoch im Sommer lang anhaltend schönes Wetter. Zwei kürzlich degustierte Weine zeigen indessen, dass die Iselgruppe auch önologisch sehr beachtenswert ist.

Dabei ist der Ausdruck „beachtenswert“ eigentlich noch untertrieben. Was ich da aus einem Degustationspaket „Portugal“ ins Glas erhielt, ist schlicht grossartig. Und grandios ist auch die Kulturlandschaft, welche durch den Weinbau insbesondere auf der Insel Pico geschaffen wurde. Das Gebiet wurde deshalb auch von der Unesco als Weltkulturerbe aufgenommen.

Unesco Weltkulturerbe: Reblandschaft auf der Insel Pico, Azoren (Bild: Pixabay.com)

Bis in die 1980er-Jahre wurden auf den Azoren freilich vorwiegend Hybridreben angepflanzt, eine Folge der Reblausplage im 19. Jahrhundert. Erst ein Aufbauplan der Regierung, und darauf gestützt private Initiativen, brachten den Weinbau qualitativ wieder auf Vordermann. Heute sind rund 400 Hektar mit Reben bepflanzt.

Die Azores Wine Company
Eine der Triebfedern hinter der Wiederauferstehung qualitativ hochstehender und seltener Rebsorten ist António Maçanita, begnadeter Wein-Tausendsassa, der auch auf dem Festland von Portugal spannende Weinprojekte begonnen hat. Mit den Azoren verbunden ist er seit seiner Jugendzeit, da er oft Ferien auf den Inseln verbrachte. Und schon als ganz junger Mann versuchte er sich erstmals als Winzer auf Pico.

2010 begann er im Rahmen des Aufbauplans mit der Pflanzung der praktisch verschwundenen Sorte Terrantez do Pico. Wie es der Name sagt, dürfte die Sorte auf Pico entstanden sein, gemäss Rücketikette auf der Flasche soll es aber nur noch rund 100 Stöcke auf der Insel gegeben haben, als das Wiederanbauprojekt begann (es finden sich zudem Hinweise, dass es auf dem Festland in der Region Beira noch eine Pflanzung von rund einer Hektar geben soll. Hingegen gibt es nach heutigem Wissen keine Verwandtschaft mit der Terrantez-Traube, die auf Madeira vorkommt).

Rar und hervorragend: die „Rare Grapes Collection“.

Im Jahr 2014 gründete António Maçanita schliesslich zusammen mit Filipe Rocha und Paulo Machad die Azores Wine Company. Während im Gründungsjahr noch rund 10’000 Flaschen pro Jahr hergestellt wurden, sind es inzwischen, auch dank der Zusammenarbeit mit rund 20 Vertragswinzern, über 150’000 – auf der Homepage des Gutes zur Zeit übrigens alle ausverkauft! Ein besonderes Augenmerk wird aber mit der „Rare Grapes Collection“ immer noch auf rare Rebsorten gelegt, so auch auf die Arinto dos Açores, eine autochthone Sorte, die nach neueren Erkenntnissen von der Verdelho-Traube abstammen soll.

Und hier die ganzen Etiketten, inkl. Angaben zur Anzahl produzierter Flaschen

Terrantez do Pico, Antonio Maçanita, 2019
Relativ dunkles Gelb mit roten Reflexen; dezenter, unaufdringlicher Duft nach Aprikose, Papaya und Stachelbeere sowie Steinmehl; im Mund mineralisch, sehr dicht (fast wie zum Abbeissen), schöne Säure, wirkt leicht „salzig“, knochentrocken, aber fruchtbetont-süsslich im fast unendlich langen Abgang. Vielleicht nicht jedermann’s Sache, für mich ganz einfach ein grandioser Wein! 18 Punkte.

Arinto dos Açores, Antonio Maçanita, 2018
Mittleres Strohgelb; mineralisch-vulkanische Töne, Steinmehl, aber auch fruchtige Note, dezent nach Ananas und Apfel, grüne Töne nach nassem Gras; im Mund trocken mit spürbarer, schöner Säure, mineralisch, fruchtbetont und etwas „mostig“ im langen Abgang. Eigenwilliger, aber sehr schöner Wein. 16,5 Punkte.

Leider sind die Weine allerdings nicht gerade billig. Während sich der Arinto mit rund CHF 30.00 noch in einem Bereich befindet, im dem ich mich mit meinem Blog üblicherweise höchstens bewege (in der Regel unter CHF 40.00), liegt der Terrantez mit gegen CHF 60.00 schon in höheren Sphären. Aber man kann ja auch mal eine Ausnahme machen, und dieser hervorragende Wein ist auf jeden Fall eine Entdeckung wert.

Und von wegen Entdeckung: Eigentlich wollte ich seit den Wetterprognosen aus Kindertagen einmal die Azoren besuchen. Nun habe ich einen Grund mehr!

Empresa Azores Wine Company | Azores Wine Company – Vinhos dos Açores (antoniomacanita.com)

Landscape of the Pico Island Vineyard Culture – UNESCO World Heritage Centre

Weine der Azores Wine Company sind erhätlich in der Schweiz bei Gerstl,
http://www.gerstl.ch
und in Deutschland bei Lobenberg,
http://www.gute-weine.de
und, soweit nicht ausverkauft, auch beim Gut selbst oder bei Portugal Wineyard
http://www.portugalvineyards.com