Kommt der nächste Wein-Superstar Italiens aus dem Veltlin?

Das Veltlin mit seinen hervorragenden Nebbiolo-Weinen wird weiterhin massiv unterschätzt. Dass aber der amerikanische Weinkritiker Antonio Galloni der Region riesiges Potential zuspricht, zeigt sich schon länger in seinen Berichten. Und über den Winzer Marco Ferrari, der erst seit 7 Jahren ein eigenes Weingut betreibt, soll er sogar gesagt haben, «er etabliere sich rasch an der nächste Superstar unter Italiens Winzern»! Und mit Sandro Fay müsste es ein anderer Betrieb eigentlich schon längst sein.

Ich selbst hatte über das Gebiet schon früher Folgendes geschrieben: Das Veltlin entwickelt sich immer mehr zum Geheimtipp – was eigentlich falsch ist, denn die Weine hätten die grosse Bühne verdient. Dass das Gebiet international noch kaum bekannt ist, hat mit der vergleichsweise geringen Anbaufläche (knapp unter 1’000 Hektar, schwergewichtig Nebbiolo – hier „Chiavennasca“ genannt). Allerdings entspricht dies fast einem Fünftel der ganzen mit Nebbiolo bepflanzten Fläche in Italien und einem Sechstel weltweit. Oder auch etwa der Hälfte des Barolo-Gebietes. Das Potential für den grossen Auftritt wäre also da.

Marco Ferrari: Der geniale Newcomer.

Marco Ferrari – kommender Superstar? Bloss benimmt er sich nicht so, er wirkt sehr sympathisch und bescheiden.

Das oben erwähnte Zitat von Antonio Galloni findet sich zumindest auf der Homepage des amerikanischen Importeurs der Weine von Marco Ferrari, rarewinco.com. Ich hatte kürzlich die Gelegenheit, drei der Ferrari-Weine zu degustieren. Und ja, man kann sich eine solche Entwicklung sehr gut vorstellen, denn die Weine sind hervorragend!

Ferrari begann seine Karriere als Winzer in der Franciacorta. Prägend waren aber die drei Jahre in der nördlichen Rhône – zunächst bei Domaine Coursodon in Saint-Joseph und anschliessend in Cornas bei Franck Balthazar und Thierry Allemand. Hier lernte er nicht nur bei Spitzenwinzern, sondern auch, wie man in Steillagen Reben pflegt. (Quelle: naturalwineco.com). Geblieben sind auch Beziehungen in die Gegend, so bezieht Ferrari jeweils gebrauchte Fässer von seinen Kollegen. (Quelle: Vortrag REBwein).

Zurück in Italien arbeitete er bei ArPePe, einem etablierten Betrieb im Veltlin (Quelle: rebwein.ch) Für seinen ersten eigenen Jahrgang 2018 verfügte er über einen Hektar Rebfläche, 2020 bereits über 1,6 Hektar und 2021 über 2,5 Hektar, insbesondere in den beiden Lagen Inferno und Sassella. Dies ermöglichte ihm schliesslich, sich vollständig seinen eigenen Weinen zu widmen.

Ich kann mir nach dem Genuss seiner Weine tatsächlich vorstellen, dass Marco Ferrari zu einem Wein-Superstar werden könnte. Nach einem Gespräch mit ihm im Februar 2026 in Zürich kann ich freilich nicht glauben, dass er an einer solchen Rolle viel Gefallen finden würde, dafür wirkt er viel zu bodenständig und bescheiden!

Sandro Fay: Der trendsetzende Etablierte, der längst Superstar sein müsste.

Freilich gibt es im Veltlin schon länger Betriebe, welche hervorragende Weine herstellen und es qualitätsmässig eigentlich auch schon zum Superstar hätten schaffen müssen – wenn die Weinwelt bloss hingeschaut hätte. Sandro Fay ist so ein Name.

Tolle Weine, faszinierende Landschaft: Reben von Sandro Fay im Veltlin (Bild: ab Galerie der Homepage von Sandro Fay)

Schon 1973 wurde die Azienda Agricola Fay von Sandro Fay gegründet, wobei er bereits auf eine kleine familiäre Weingeschichte bauen konnte. In den folgenden Jahren erwarb oder pachtete die Familie weitere Parzellen und entwickelte daraus Schritt für Schritt das heutige Weingut. Speziell ist die Konzentration auf hochwertige Hanglagen im Gebiet Valgella, einer der fünf Unterzonen des Valtellina Superiore DOCG (heute besitzt die Familie allerdings auch Flächen in Sassella – und gesamthaft rund 15 Hektar Reben). (Quelle: negoziodelvino.it)

Seit Ende der 1990er-Jahre arbeiten die Kinder Marco und Elena Fay aktiv im Familienbetrieb mit und führen ihn heute. Marco Fay studierte Önologie im Trentino und sammelte zusätzliche Erfahrungen im Barolo-Gebiet. Nach seiner Rückkehr ins Veltlin begann er, die einzelnen Weinberge noch stärker in den Mittelpunkt zu stellen. Seine Philosophie orientiert sich teilweise am Burgund: Nicht die Rebsorte allein soll im Vordergrund stehen, sondern die Unterschiede der einzelnen Lagen. Jede Parzelle soll ihre eigene Identität behalten und möglichst präzise im Wein sichtbar werden. Elena Fay übernahm gleichzeitig wichtige Aufgaben in Vertrieb und Marketing und half dabei, die Weine international bekannt zu machen. (Quelle: regalwine.com).

Dass die Weine von Sandro Fay grosse Klasse aufweisen, habe ich in meinem Blog schon einmal aufgrund einer Blinddegustation beschrieben. Der Carteria, Valtellina Superiore Valgella, Riserva 2017, überzeugte damals unter neun bekannten Nebbiolos am meisten und überzeugte durch Frische und Eleganz (Link siehe unten). Kürzlich probierte ich den gleichen Wein aus dem Jahr 2019. Auch das ist erneut ein grossartiger Wein!

Weinfreunde, befasst euch endlich mit dem Veltlin! Da wächst Grossartiges!

Ob Superstars oder nicht – das Veltlin ist mehr als eine Entdeckung wert und ist meines Erachtens tatsächlich auf dem besten Weg, aus der Rolle des Geheimtipps herauszuwachsen und ein qualitatives Ausrufezeichen auf die Weinlandkarte Italiens zu setzen. Die alpine Lage des Gebietes und die Höhe der Rebberge (300 bis 700 m.ü.M) bringen im Gegensatz zu früher dem Veltlin auch Vorteile; so findet die Lese später als andernorts statt und der Alkoholgehalt der Weine liegt meistens deutlich unter den Weinen aus Barolo oder Barbaresco.

Degustationsnotizen

Marco Ferrari, Valtellina Superiore Inferno DOCG, 2021
Mittleres Rot; intensive Frucht, eher auf der roten Seite (Himbeere, Walderdbeere, helle Kirschen), auch etwas Würze; im Mund mit äusserst feinen Tanninen, fruchtbetont, schön angepasste Säure, frisch und mineralisch, sehr elegant. Toller Wein! 18 Punkte.

Sandro Fay, Carteria, Valtellina Superiore Valgella, Riserva 2019
Dunkles Rot mit ganz leichten Brauntönen; zuerst verhalten, mit etwas Luft sehr schöne, dezente Fruchtdüfte, sowohl rot (Erdbeere) als auch dunkel (Brombeere, Pflaume, Anflug von Cassis), auch würzige und florale Noten; im Mund von grosser Eleganz und Frische, spürbare, sehr schön stützende Säure, feine Tannine, das stimmt einfach alles zusammen, inkl. langem Abgang, in dem sich die Frucht nochmals schön bemerkbar macht. Grosser Nebbiolo! 18 Punkte.

Links:

Società Agricola Fay – vini Valtellina
(Marco Ferrari verfügt offenbar über keine eigene Homepage)

Bezugsquellen CH
Marco Ferrari, Viticoltore in Valtellina – REB Wein
Produkte – Markiert „Sandro Fay“– Donati Vini AG

Link zum erwähnten früheren Blogbeitrag:
Der „Alpen-Nebbiolo“ aus dem Veltlin trumpft ganz gross auf! – Victor’s Weinblog


Interessennachweis:
Der Inferno von Marco Ferrari wurde im Rahmen einer Veranstaltung von REBwein in Zürich verkostet (nebst zwei anderen, ebenfalls sehr überzeugenden Weinen vom gleichen Winzer). Der Carteria von Sandro Fay wurde käuflich erworben.

4 Gedanken zu “Kommt der nächste Wein-Superstar Italiens aus dem Veltlin?”

  1. Dem Geschriebenen stimmen wir uneingeschränkt zu. Wir haben das Valtellina ebenfalls für uns entdeckt und haben mit den Weinen von Pizzo Coca und Dirupi zwei kleinerer Bio-Produzenten gefunden, die ebenfalls außergewöhnliche Weine machen. Für das steigende Interesse an diesen Weinen Interessant sprechen auch die Menschentrauben an den Ständen der Weingüter aus dem Valtellina auf der FIVI-Messe Mercato dei Vini in Bologna.

  2. Marcel Lanz

    Lieber Victor
    Der Satz hat mich grad sehr geärgert: Zurück in Italien arbeitete er bei ArPePe, einem etablierten Betrieb im Veltlin (Quelle: rebwein.ch).
    ArPePe ist eine Legende, nicht irgendein etablierter Betrieb. Als wir den Sassella an die Berner Weinmesse mitnahmen wussten wir, dass dieser Wein keine Chance haben wird. Wir haben trotzdem eine Flasche karaffiert. Und dann am nächsten Tag ausgeschenkt. Und das ein paar Leuten erzählt. Die Leute kamen in Scharen. Und haben den Wein nicht begriffen. Zu leicht, zu unholzig etc. Grosses Kino für Kenner. Scheinbar ist der Betrieb aber von seinem konservativen Weinherstellungsprozess weggekommen und produziert nur noch wirklich gute Weine. Legenden waren früher.
    Schönen Abend
    Marcel Lanz

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