Bemerkenswert

Mutiger Gemeinderat als Geburtshelfer: 25 Jahre Markus Weber auf dem „Turmgut“!

Bürokratisch, stur und ohne Innovationskraft. Das sind so Attribute, mit welchen auch heute noch eine Gemeinde oft beurteilt wird. Völlig zu unrecht, und zwar schon seit einem Vierteljahrhundert, wie das Beispiel des Turmgutes in Erlenbach zeigt!

Das Turmgut mit seinen Reben in Erlenbach: einzigartig am Zürichsee!

Es war Ende der 1990er Jahre, und wir waren bei Freunden in Erlenbach am Zürichsee zu Gast. Das war die Zeit, als erste Schweizer Winzer auch tollen Pinot noir (oder eben Blauburgunder) produzierten – aber am „Zürisee“? Ich hatte zuvor während einem Jahrzehnt mit diesen Freunden zusammen die Firstclass-Weinkarte der Swissair produziert, und so war zu erwarten, dass sie einen guten Wein servierten. Er war auch gut – sehr gut sogar – aber er wurde blind serviert. Ich fand ihn toll, ein Pinot ohne Zweifel, aber woher nur? Sicher nicht vom „Zürisee“! Falsch: Der Wein stammte vom Turmgut in Erlenbach, produziert von dem mir damals völlig unbekannten Jungwinzer Markus Weber.

Inzwischen ist dieses Weingut eine „Institution“ und ein Betrieb, der seit nunmehr 20 Jahren zeigt, dass biologischer Weinbau auch in unseren Breitengraden erfolgreich betrieben werden kann.

Ich hatte kürzlich die Gelegenheit, an einer kleinen Degustation mit Markus Weber teilzunehmen – und ihm dabei erstmals überhaupt persönlich zu begegnen: Ein total spannender Gastgeber, extrovertiert, aber nie ein „Plauderi“; ein Mann, der weiss, wovon er in Sachen Wein spricht (das Thema war fast kein anderes, er wäre garantiert auch sonst ein spannender Gesprächspartner), und ein Mann, der weiss, was er kann – aber auch, was er nicht kann. Einfach rundum sympathisch!

Markus Weber, der engagierte Biowinzer des Turmgutes.

Und die Weine heute: Den Pinot noir „Valeria“ 2017 fand ich etwas holzgeprägt, aber das wird sich wohl nach wenigen Jahren noch geben. Der Wein ist ungemein ausdrucksvoll, mit einer – trotz Holz – schönen Frucht und mit einer Struktur, die eine schöne Zukunft prognostizieren lässt. Der Müller-Thurgau – bei Weber immer noch „Riesling Sylvaner“ genannt – weit über dem, was man von dieser Sorte so erwarten kann. Und der (anderweitig degustierte) Räuschling genau das, was diese Sorte vom Zürichsee so faszinierend macht. Absolut begeistert hat mich der Sauvignon blanc 2017: welch geniale Ausdrucksweise dieser Rebsorte! Dieser Wein scheint geradezu zu „fibrieren“, er vereint alle (auch, aber eben gerade nicht nur, vordergründigen) Düfte, die einen Sauvignon ausmachen, und er weist im Mund eine Fülle bei gleichzeitiger Frische aus, die wundervoll ist. Das ist Weltklasse, und ich stelle ihn in der Schweiz auf die höchste Stufe, zusammen mit den Sauvignons von Marco Casanova und Irene Grünenfelder! (Spannend: Weber und Casanova arbeiten biologisch, und Grünenfelder ist in Umstellung!)

Dem Raumplanungsgesetz sei Dank!

Die Geschichte ist aber mit einem kurzen Eingehen auf die heutigen Weine nicht zu Ende – im Gegenteil, sie beginnt im Jahr 1994 – oder eigentlich noch früher, 1986. Damals unterstellte der Kanton Zürich den Rebberg des Turmgutes in Erlenbach, das sich damals in Privatbesitz befand, einer „regionalen Freihaltezone“, was bedeutete, dass in diesem Bereich nicht gebaut werden durfte (sonst gäbe es heute an diesem Hang mit Sicherheit keine Reben mehr, sondern Villen – dem Raumplanungsgesetz des Bundes, welches diesen Eingriff erst möglich machte, sei Dank!). Das Bundesgericht urteilte Jahre später, dass dieser Entscheid keine „materielle Einteignung“ darstelle und somit nicht entschädigungspflichtig sei. Der Eigentümer pochte darauf auf dem sogenannten „Heimschlagsrecht“, was zur Folge hatte, dass der Rebberg zuerst, zum Schätzpreis als Rebland, an den Kanton Zürich fiel, welcher seinerseits das Land der Gemeinde Erlenbach übergab.

Pachtantritt am 15.11.1994: Diesen November feiert Markus Weber sein 25-jähriges Jubiläum

Der Gemeinderat Erlenbach suchte deshalb einen Pächter für die Reben und bewies sehr viel Mut – und aus heutiger Sicht Weitsicht! Die Turmgutreben wurden an den damals erst 26-jährigen Markus Weber verpachtet, der zuvor noch nie einen Betrieb geführt hatte und der zum Zeitpunkt der Ausschreibung erst noch in Australien weilte. Weber hatte aber das Glück, gleichzeitig noch weitere Rebanlagen übernehmen und die Weine vorerst bei einem anderen Weinbauern keltern zu dürfen.

Ausschnitt aus der Lokalzeitung von Mitte September 1994 – mit dem jungen Markus Weber als Newcomer.

Das Ganze war ein unglaubliches Wagnis. Nicht nur für die Gemeinde Erlenbach, deren Gemeinderat Innovationsgeist bewies, sondern auch für Markus Weber. Die NZZ berichtete am 19.1994 dazu Folgendes: „Markus Weber steht ein gerütteltes Mass an Arbeit bevor. Die Turmreben sind schlecht erschlossen, teilweise stark überaltert, die Hälfte der Weinstöcke sind immer noch an Stickeln befestigt, und der ganze Rebberg ist unterassiert und somit nur von Hand zu bearbeiten. Die rund 2,2 Hektar Rebfläche bieten eine insgesamt eher schmale Existenzgrundlage.“

Nun, die Reben wurden inzwischen (von der Gemeinde) terrassiert, und Markus Weber kann im November des laufenden Jahres als erfolgreicher Winzer sein Vierteljahrhundert-Jubiläum feiern!

Die Schaffenskraft von Weber hat zusammen mit der Weitsicht der Gemeindebehörden zu einem Vorzeige-Projekt im Rebbau geführt. Auch wenn es sachlich nicht ganz korrekt ist: Vielleicht wurde der Ausdruck „privat-public-partnership“ in Erlenbach erfunden!

http://www.turmgut.ch
Und der Link zur Gemeinde, die heute noch innovativ und sympathisch ist:
http://www.erlenbach.ch

Bemerkenswert

Michael Broger – der Pinot-Magier

michael Broger
Michael Broger in seinem kleinen und engen Weinkeller

Wenn ich meinen Weinblog vor einem Jahrzehnt begonnen hätte, wäre schon damals mein erster Beitrag Michael Broger gewidmet gewesen. Denn seit rund 10 Jahren verfolge ich nun sein Wirken. Und in all der Zeit ist meine Faszinaton für seine Weine nur noch gestiegen, deshalb beginnt mein Blog auch heute mit dem ruhigen, sympathischen Winzer.

Anfang der 2000er-Jahre wurde langsam einer grösseren Weinöffentlichkeit bewusst, dass auch in der Ostschweiz hervorragende Pinot’s (=Blauburgunder) hergestellt werden. Die bekannten Namen waren etwa Gantenbein (damals noch bezahlbar), Studach, Baumann, Meier, Pircher und Zahner (letzterer heute noch so preiswert wie damals). Daneben übte sich eine Vielzahl von Winzern darin, den Pinotsaft im Holz zu baden und am Schluss einen mehr oder weniger holzbetonten, häufig langweiligen Wein anzubieten (okay, viele davon haben inzwischen die Kurve auch gekriegt).

Ich degustierte mich damals also durch manche Enttäuschung, aber der erste Besuch bei Michael Broger in Ottoberg am Ottenberg bei Weinfelden (Thurgau, Schweiz) wurde zum Aha-Erlebnis. Bei den Blauburgundern (noch heute vermeidet er den Begriff Pinot noir, was entweder für seine Bescheidenheit oder aber Korrektheit steht, denn in seinen Rebbergen wachsen Schweizer Klone, etwa 2/45, 10/5 aber auch Mariafeld [Quelle: www.sutterweine.ch ]) arbeitete er ausschliesslich mit Barriquen, und trotzdem spürte man das Holz praktisch nicht. Im Gegenteil, seine Weine waren und sind bis heute in der Jugend in der Nase eher dezent, gar von Grüntönen unterlegt, alles andere als vordergründig fruchtig – und eigentlich wenig typisch für Pinot. Aber vor allem: Diese Weine hatten Tiefgang und hallten fast unendlich nach. Der Spitzenwein, „alte Rebe“, gewonnen aus rund 40-jährigen Stöcken, war ein geradezu meditativer, magischer Wein.

Ich war überzeugt, hier eine echte Trouvaille gefunden zu haben, und ich war mir ebenso sicher, dass diese „alte Rebe“ Zeit braucht. Bewiesen wurde das Jahre später in einer Blinddegustation, die ich 2012 mit Freunden durchführte, und in der 10 absolute Spitzenpinots des Jahrgangs 2006 aus der Schweiz sowie 2 „Piraten“ aus dem Burgund vertreten waren. Mein persönlicher Sieger war Broger; die „alte Rebe“ war immer noch absolut jugendlich, hatte sich aber geöffnet und wies nun die Fruchtaromen auf, die den so unverwechselbaren Pinot-Ton ausmachen. Und der Wein war elegant und hatte weiterhin Tiefe und Länge.

Inzwischen hat sich Broger zwar entwickelt, es gibt jetzt auch Rotweine mit weniger Holzkontakt, und das Sortiment ist breiter geworden, auch bei den Weissen. Geblieben ist der magische Stil und der Umstand, dass die Weine eine gewisse Reife brauchen. Seit etwa 8 Jahren dazugekommen ist auch ein bio-dynamisch hergestellter Wein, zu dem es eine schöne Geschichte gibt. Ich glaube mich zu erinnern, dass es sein erster Jahrgang war,  abgefüllt unter völligem Verzicht auf Schwefel. Broger warnte mich denn auch, er könne keine Haltbarkeitsgarantie geben, am besten trinke ich ihn innert Jahresfrist. 5 Jahre später habe ich die letzte Flasche verkostet: einwandfrei, wunderbar gereift und voller – eben – Magie!

http://www.broger-weinbau.ch

Bezugsquelle u.a.


http://www.sutterweine.ch (bemerkenswerte kleine Weinhandlung, die ausschliesslich Schweizer Spitzenweine führt)

Weitere Bezugsquellen und Restaurants sind auf der Homepage des Winzers ersichtlich

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Auch die Etiketten zeigen: kunstvoll statt marktschreierisch (Bild vl)

„Soyhisticated“ Sauvignon

Man verzeihe mir das Wortspiel: Die Rede ist von der Piwi-Rebsorte „Sauvignon Soyhières“. Und von einem Wein von Marco Casanova, der wirklich aussergewöhnlich gut ist!

Beim Sauvignon Soyhières handelt es sich um eine 1990 von Silvia und Valentin Blattner im Schweizer Jura gezüchtete Sorte – wenn Sie mögen, können Sie die Rebe auch einfach VB 32-7 (offenbar benannt nach der Mutterpflanze, dem 7. Stock in der 32 Reihe) nennen, oder Ravel blanc, so bezeichnet ihn Silvia Blattner auf ihrer Homepage. Gemäss dem neuen Standardwerk „Schweizer Rebsorten“ von José Vouillamoz – vgl. hier:
https://victorswein.blog/2018/09/04/schweizer-weinbuch-des-jahres-schweizer-rebsorten-von-jose-vouillamoz/
handelt es sich um eine Hybridsorte mit von den Züchtern nicht bekannt gegebenen Eltern. Der Name wird gebildet aus einer Elternsorte (Sauvignon, wobei aufgrund der Düfte mit hoher Sicherheit auf Sauvignon blanc geschlossen werden darf) und dem Ort der Erzeugung (Soyhières bei Délemont im Schweizer Jura, unweit der französischen Grenze).

In eben diesem Soyhières im Jura arbeitet Valentin Blattner zusammen mit seiner Frau Silvia. Die Lebensgeschichte von Valentin ist faszinierend und wurde schon im Jahr 2002 toll beschrieben (unbedingt lesenwert, auch wenn einiges in rechtlicher Hinsicht inzwischen überholt ist):
https://folio.nzz.ch/2002/oktober/valentin-blattner-kuppler
Das Ehepaar bewirtschaftet auch eigene Rebberge vor Ort – darunter den ersten, den es im Kanton Jura überhaupt gab – und stellt dort auch selbst einen sortenreinen VB 32-7, also Sauvignon Soyhières oder eben Ravel blanc, her. Die Sorte bedeckt heute in der Schweiz immerhin schon 3.24 ha, wird aber hauptsächlich als Bestandteil von Cuvées verwendet. Nebst Blattner’s selbst gibt es nur wenige, die ihn sortenrein ausbauen. Das ist sehr schade, wie die nachfolgende Schilderung zeigt:

Marco Casanova war in diesem Blog auch schon vertreten – beschrieben wurde schwergewichtig auch ein Sauvignon, aber eben der „blanc“ – vgl. hier https://victorswein.blog/2018/05/03/casanova-etwas-vom-allerbesten/

Casanova kann aber nicht nur mit dem „richtigen“ Sauvignon blanc wundervoll umgehen, sondern ebenso genial mit dem Sauvignon Soyhières – und sophisticated sind beide! Die Trauben für den Piwi-Sauvignon werden unterhalb der Burgruine Wynegg in Malans angebaut – nicht von Casanova selbst, aber ganz nach seinen Vorgaben und in seinem Sinn.

Blick auf Malans (Vordergrund) und die Bündner Herrschaft. Im Wald zwischen Malans und Jenins (rechts unterhalb des Waldes) versteckt liegt die Burgruine Wynegg.

Der 2017er, leider seit ein paar Tagen ausverkauft, ist toll:

Intensives Gelb; in der Nase Stachelbeeren, Rharbarber, exotische Früchte, aber auch – sehr dezent und schön – Anflüge von rauchigem, torfgeprägtem Whisky (das schreibt einer, der rauchige Whiskies absolut nicht mag!); im Mund ausserordentlich dicht, mit Schmelz und guter Säure: erfrischend aber auch komplex. Toller Wein, auch nach dem dritten Glas nicht langweilig – „soyhisticated“ halt!

Dieser Wein hat mich berührt, vor allem wohl, weil ich bisher Piwi-Wein eher reserviert gegenüberstand, da ich nur selten überzeugende Resultate im Glas hatte. Offensichtlich gibt es aber durchaus Potential, insbesondere wenn, wie hier Marco Casanova, ein Meister der Weinbereitung am Werk ist. Dieser Sauvignion Soyhières hat denn auch etwas in mir ausgelöst: Ich werde mich ab sofort vermehrt mit Piwi-Weinen beschäftigen! Und ganz sicher demnächst auch erstmals im Leben in Soyhières sein.

https://www.casanova-weinpur.ch/

Und der Link zu Blattner’s (es ist die einzige Homepage, die ich finden konnte, sie ist „nur“ einem der Rebberge gewidmet):
https://www.lesmergats.ch

Klima ausgleichendes Rinnsal – und wie aus 19 dann 20 Punkte werden.

Lassen Sie mich heute für einmal ein bisschen Lästermaul spielen:

Von den Tücken eines Imagewandels

Es gibt da ein renommiertes Weinhaus, das seit Jahrzehnten vor allem durch sein distinguiertes Auftreten und seine schon fast spröden Weinbeschreibungen bekannt – und bei vielen geschätzt – war. Ich selbst habe in jungen Jahren die „Hommage“ dieses Händlers sozusagen auswendig gelernt, und ohne dieses Haus wäre ich vielleicht gar nie zum „Weinfreak“ geworden.

Nun scheint ein Imagewandel angesagt zu sein – mir kommt es vor, als wäre eine neue Werbeagentur damit beauftragt worden, ein modernes Image zu kreieren, dank dem sich auch jüngere Weinfreunde angesprochen fühlen. Dann tönt es beim gediegenen Weinhaus zu einem weissen Rioja plötzlich so: „Frühling, wo bleibst du? Spargel trete näher und komm nicht ohne zerlassene Butter und weiteres Gemüse! Den Sommer erobern wir dann auch!

Dagegen ist ja nichts einzuwenden, auch wenn mir der Wechsel von altbacken zu hipp etwas gar schnell zu gehen scheint. So richtig lustig ist es aber schon beim Einstieg in den Flyer:
„Ist Ihnen der Fluss Oja ein Begriff? Wussten Sie, dass er die Rioja nicht nur durchfliesst, sondern gar ihr Namensgeber ist (Rio (der Fluss) und Oja.) Er wirkt ausgleichend auf das Klima der Region, was für den Weinbau sehr positiv ist.

Um Himmels Willen! Gibt es denn in diesem einst renommierten Weinhaus niemanden mehr, der solche Texte vor dem Erscheinen prüft – und ich rede jetzt nicht von der Doppelklammer? Dass diese Theorie der Namensherkunft der Rioja nur eine vor mehreren ist, lassen wir ja mal durchgehen. Aber: Der Rio Oja ist nur 65 Kilometer lang und ist ein Flüsschen, häufig aber auch nur ein besseres Rinnsal. Das ist verwegener, als würde man der Donau bei Donaueschingen eine klimaausgleichende Wirkung zusprechen! Der Rio Oja ist ein Nebenfluss eines Nebenflusses des Ebro. Und die ausgleichende Wirkung hat selbst dieser, der die Rioja wirklich auf der ganzen Länge durchfliesst, kaum, denn auch er ist, zumindest in den trockenen Jahreszeiten, nicht gerade mit Wasser verwöhnt.

Jeder, der schon einmal in der Rioja war, und da gehe ich einmal davon aus, dass es in der besagten Weinhandlung solche Leute gibt, könnte das sofort korrigieren!

19 Punkte blind, 20 mit Etikette – „de Maxli halt“

Szenenwechsel: Ein anderer Weinhändler, nennen wir ihn einmal Max Gerstl, hat fast gleichzeitig eine Broschüre zu den Burgundern des Jahrgangs 2017 versandt. Dabei gibt es einen kleinen Einschub mit den Resultaten einer Blindprobe mit einigen der allerbesten Crus des Jahres 2015. Bemerkenswert dabei ist sein Kommentar zum „Clos St. Jacques“ von Rousseau, der 20 Punkte erhielt: „Ich hatte ihn blind nur mit 19/20 bewertet, er erschien mir allzu geschliffen schön. Dass ich mit dieser Beurteilung völlig falsch lag, war mir klar, nachdem ich den Wein, im Wissen, welcher es ist, nochmals probieren konnte.“

Diese Aussage fand sich danach sofort auf sozialen Medien, und Gerstl wurde heftig kritisiert. Ein Kommentator feixte:

Einmal abgesehen davon, dass der fragliche Schreiber, auch wenn er zweifellos ein begnadeter Weinkenner ist, dem „Maxli“ in Sachen Wein dann das Wasser wohl doch nicht ganz zu reichen vermag (oder eben den Wein, meinetwegen): Ich schätze Max Gerstl gerade für solche ehrlichen Worte! Er hätte die 20 Punkte ja auch ohne entsprechenden Hinweis kommunizieren können.

Man könnte nun lange über Sinn und Unsinn von Blinddegustationen diskutieren. Ich selbst habe jedenfalls nur zu oft erlebt, dass Weine, die auf Anhieb in der Degustation gefielen, bei einem anschliessenden Essen langweilig waren – während „Blinddegu-Aschenbrödel“ umgekehrt plötzlich sehr gefielen. Und warum soll Max Gerstl, der den „Clos St. Jacques“ und sein Potential aus jahrzehntelanger Erfahrung kennt, sein Urteil nicht ändern dürfen, nachdem die Etikette enthüllt wurde? Vor allem dann, wenn er zu seinem Meinungswandel steht und diesen ehrlich kommuniziert?

Fazit: Max(li) Gerstl 19 oder, wenn man weiss, wer er ist, 20 Punkte! Die Werbeagentur mit dem Rio Oja: höchstens 10!

Glyphosat: für Winzer auch ein Imagerisiko!

Darüber, ob Glyphosat ein Gesundheitsrisiko darstellt, streitet sich die Wissenschaft. Ein Imagerisiko für Winzer ist es auf jeden Fall! Eine andere Annäherung an das Problem:

Es ist Frühling, und in viele Rebbergen hat unter den Rebstöcken bereits der Herbst begonnen. Während es – bestenfalls – in den Rebgassen grünt und vielleicht sogar blüht, wird direkt unter den Rebzeilen alles mit Unkrautvertiler, oft mit Glyphosat, totgespritzt.

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Braune, totgespritzte Streifen in grünem Rebberg.

Die ganze Glyphosat-Diskussion hier in gesundheitlicher Hinsicht umfassend aufzuwärmen, wäre gar nicht möglich, und es gibt genügend Fachleute, die davon mehr verstehen und dazu publiziert haben. Ein bisschen Recherchieren im Netz genügt, um auf unzählige Artikel zu stossen. An dieser Stelle deshalb nur so viel:
Die internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), eine Unterorganisaton der Weltgesundheitsorganisation (WHO), hat in einer Studie festgestellt, dass Glyphosat „wahrscheinlich krebserregend“ sei. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) wiederum ist aber zum Schluss gekommen, „dass bei sachgerechter Anwendung kein erhöhtes Krebsrisiko zu erwarten sei“. Zu ähnlichen Folgerungen kommen auch artverwandte Organisationen diverser anderer Länder.
Die Studien müssen sich nicht zwingend widersprechen. Während nämlich die IARC die Stoffe auf ihr Krebspotential hin untersucht, beurteilt das BfR, wie relevant dieses Potential ist – wie hoch also das effektive Risiko ist, dass Krebs ausgelöst wird. Und letzteres hat immer auch eine politische Kompenente, weil damit Empfehlungen abgegeben werden.

Laienhaft ausgedrückt: Wissenschaftlich gesehen ist Glyphosat nach IARC wahrscheinlich krebserregend, aber ob es in der Realität auch Krebs auslöst, ist gemäss BfR unwahrscheinlich.
(Wir klammern an dieser Stelle die sicher allgemein bekannten Gerichtsurteile aus den USA einmal aus).

Freilich sei dafür ergänzend erwähnt, dass die Diskussion im Netz noch weitere mögliche Probleme aufzeigt. So wird oft darauf hingewiesen – selbst die BfR erwähnt das – dass auch die Kombination des Mittels mit im Produkt verwendeten Hilfsstoffen problematisch sein könnte. Diese Hypothese ist offenbar noch reichlich unerforscht.

Bei den Recherchen bin ich noch auf einen weiteren, spannenden Punkt gestossen. In einem – durchaus seriös wirkenden – Blog eines Weinhändlers wird darauf hingewiesen, dass der ständige Einsatz von Glyphosat auch schlicht die Böden kaputt macht. Tönt ja zumindest nicht ganz unplausibel!
https://www.weinhalle.de/blog/2019/04/die-saison-hat-begonnen-sie-spritzen-wieder/

Und was lernen die Landwirte und Winzer daraus?

Nichts, möchte man auf den ersten Blick antworten. Selbst kurz vor der Ernte – nach gesundem Menschenverstand wirklich nicht mehr nötig – wird nämlich noch munter Glyphosat verspritzt:

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Offenbar bequemer als Gras schneiden: „abgespritzte“ Rebzeilen, sogar im trockenen Spätsommer 2018 (Bild aus der Schweiz, vl)

Natürlich ist das jetzt eine Verallgemeinerung. Und bei Winzern, die finanziell am Limit laufen, ist es auch nachvollziebar, dass sie in der Vergangenheit den Weg des geringsten Aufwandes gegangen sind. Schliesslich waren – und sind! – die Spritzmittel zugelassen und deren Anwendung wurde auch von landwirtschaftlichen Schulen und Organisationen als „state of the art“ empfohlen – von den Verheissungen der Industrie ganz zu schweigen. In Bezug auf vergangene Jahre wäre es also falsch, die Winzer pauschal als Sündenböcke hinzustellen, sie waren nur das letzte Rädchen im System!

Wer nicht blind ist, sieht die Imagerisiken!

Mir ist aber heute – in einer Einschätzung frei von Emotionen – einfach nicht mehr einleuchtend, warum Winzer (vor allem die Direktvermarkter) in einer Risikoabschätzung nicht selbst zum Schluss kommen, mit dem Einsatz dieses Herbizides aufzuhören! Wie auch immer die wissenschaftliche Diskussion enden mag, viele Konsumenten haben sich doch ihr Urteil schon gemacht. Und ich möchte nicht Winzer sein, dessen Wein plötzlich in der Presse als „glyphosatverseucht“ erscheint! Schreckensszenario? Nein, Realität:
http://winewaterwatch.org/2018/02/roundups-toxic-chemical-glyphosate-found-in-100-of-california-wines-tested/

https://www.greenpeace.de/sites/www.greenpeace.de/files/publications/glyphosat_wein_saft_20160512_.pdf

https://www.blick.ch/news/schweiz/duengemittel-unkrautvernichter-insektizide-gift-im-schweizer-wein-id5582578.html

Stellen wir uns einmal das Szenario vor: Die Boulevardpresse berichtet, dass die Weine des Winzers X aus Y Glyphosat aufweisen. Die Lokalpresse nimmt das sofort auf, die sozialen Medien ohnehin. Dieser Weinbauer ist doch einfach erledigt, da ein schöner Teil der Kunden wegbleibt! Und was heisst das für das Dorf Y? „Wein aus Y hat Glyphosat“! Das Imagerisiko geht auch über den einzelnen Betrieb hinaus!

Dazu kommt ein weiterer und wirtschaftlich wohl entscheidender Punkt. Totgespritze Rebgärten nerven inzwischen viele Weinfreunde! Ein Teil der Konsumenten ist einfach nicht mehr bereit, solche Weine zu kaufen (wenn sie es denn wissen …)!  In diesen Tagen hat ein renommierter Weinfachmann einen Post mit einem grossflächig braun gespritzten Weinberg veröffentlicht – mit harschen Reaktionen anderer User. Oder ein anderes Beispiel:

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Ein sehr besonderes, sympathisches Dorf in der Ostschweiz. Die Mehrheit der Rebzeilen braun gespritzt, was imagemässig auf das ganze Dorf abstrahlt!

Auf einer kürzlichen Wanderung an einem See: Der Hauptteil der Reben scheint dort einer einzigen, nicht ortsansässigen Firma zu gehören, die alles „totspritzen“ lässt. Kommentar einer Passantin: „Wein von hier trinke ich nie“. (Womit sie freilich, und das ist das Tragische daran, kaum die fragliche Firma, sondern die vernünftigen Winzer im Ort und das entwicklungsbedürftige Dorf als Ganzes trifft). Glyposat als Imageproblem!

Ein weiteres Beispiel dafür. Der verlinkte Beitrag erschien damals parallel zu Artikeln weiterer „Grännis“, auch in sozialen Medien, was mich schon fast an eine missglückte PR-Offensive von Monsanto denken liess 🙂
http://www.20min.ch/schweiz/news/story/Pestizide-13521948

Aber was sind die Alternativen?

Zuerst einmal: Rebbau gibt es schon einige Jahrhunderte länger als Unkrautvertilger!

Dass es auch anders geht, zeigt ein willkürlich herausgegriffenes Beispiel aus der Bündner Herrschaft: Luzi Jenny, ein durch und durch bodenständiger Winzer aus Jenins, schreibt auf seiner Homepage:

Verzicht von umstrittenem Glyphosat
Seit 2016 verzichten wir auf dem ganzen Betrieb auf den sehr umstrittenen Wirkstoff Glyphosat. Das heisst, wir spritzen unter den Reben nicht mehr chemisch ab, sondern mähen das Gras.
Kurz gesagt: ein Mehraufwand der Natur zuliebe.
https://www.luzijenny.ch/

(Wobei „willkürlich herausgegriffen“ nicht ganz stimmt, sein Pinot noir Barrique und sein Zweigelt haben mich jetzt schon seit mehreren Jahren sehr überzeugt und würden mehr Beachtung verdienen).

Das Gras mähen ist das Eine, und klar, das kostet – zumindest kurzfristig und monetär – mehr, als zweimal pro Jahr mit der Giftspritze ausfahren. Aber die Technik wird auch hier noch Fortschritte machen, siehe dazu unten den Hinweis zu Daniel Marugg.
Es gibt aber auch Winzer, die sich ängstigen, das Gras und „Unkraut“ wachsen zu lassen, weil sich im Stockbereich Schädlinge einnisten könnten – beispielsweise zwei „black rot“ (Pilzkrankheit Schwarzfäule) übertragende Zikadenarten. Und überhaupt gilt eine reine Grasfläche in den Reben – in dieser Form eine Art von Monokultur – inzwischen auch schon als überholt, für die Natur am besten wäre eine abwechslungsreiche Flora, welche teils auch bewusste Einsaaten bedingt.

Handabeit, wie hier auf diesem Bild, ist im Ertragsrebbau auch keine Lösung, aber ein Amateur wie ich darf es ja mal versuchen – viel Schweiss ist garantiert!

Kaum rentabel: Wie früher Handarbeit mit der Hacke


Aber auch in der Bodenarbeit ist ja die Zeit nicht stehen geblieben. Da gibt es inzwischen durchaus Maschinen:

So geht es auch: Mechanische Unkrautentfernung mit einem sehr einfachen Tast-Mechanismus, aufgenommen in Langenlois, Kamptal, AT.
Und das Konstrukt im Detail: Das Eisen, welches den Boden lockert und umpflügt, zieht sich dank dem oberen Führungsblech zurück, sobald ein Stock „ertastet“ wird. Mit modernen Sensoren ginge es noch viel präziser!

Und noch ein positives Beispiel, wieder aus der Bündner Herrschaft: Daniel Marugg, ein schon etablierter Winzer, der auch in meinem Keller vertreten ist, sucht auf einer Plattform nach einem passenden Fahrzeug/Gerät, welches das Gras unter seinen Reben zielgenau schneidet. Genau das ist doch die Art von Weinbauern, die dem Weinfreund Hoffnung macht! Und warum sollte das nicht möglich sein, das kann eigentlich schon jeder Rasenmäher-Roboter. Vielleicht schafft ja dann das ganze Weinbaugebiet einfach eine Maschine gemeinsam an?
https://about.swip.world/de/prazise-mahmaschine-fur-weinberge/

Fazit: Irgendwann wird vielleicht wissenschaftlich klar, ob Glyphosat nun tatsächlich krebserregend ist und wirkt oder nicht. Und so lange das Mittel nicht verboten ist, ist es juristisch auch kein Verbrechen, es anzuwenden. Trotzdem würde ich es als Winzer nicht verwenden. Dies nur schon aus Imagegründen, das Risiko wäre mir einfach zu hoch.

Die ganz persönliche Meinung

Ganz abgesehen davon darf man als Winzer oder Bauer aber auch aus weniger monetären Gründen zurück zur Natur finden: Kann es denn wirklich sein, dass wir auf die Länge unsere Böden mit Mitteln bespritzen, die irgendwo in einer hermetisch abgeriegelten Fabrik hergestellt werden, und zu deren Anwendung wir einen Mundschutz oder gar einen Vollkörper-Schutzanzug benötigen, um uns nicht selbst zu vergiften?

Wo es doch immer mehr Winzer – und vor allem auch immer mehr hochkarätige – vormachen, dass es auch (wieder) anders geht!


Ein Gütesiegel für Weinblogs? Und ein Gratis-Tipp.

„Und jeder schreibt über Wein“, so lautete im letzten Jahr der Titel unter „Klartext“ in Vinum. Was letztlich eine Seite Eigenwerbung war, hat doch einen wahren Kern.

Als ich den Text von Redaktorin Nicole Harreisser damals las, kam es mir vor, als würde jemand verzweifelt nach Gründen suchen, ein in stürmischem Wasser treibendes Print-Schiff gegen den Online-Sturm zu verteidigen. Bemerkungen wie „wir bei Vinum, wo Verkostungen für den Vinum-Weinguide verdeckt stattfinden, wissen, wie unterschiedlich Noten ausfallen können, wenn den Verkostern der vielleicht prominente Name des Produzenten bekannt ist oder eben nicht“ wirkten auf mich schon fast ein wenig verzweifelt.

Vorgeworfen wurde uns Bloggern und Online-Kommentatoren weiter, es fehle oft an Transparenz und Objektivität. Und vorgeschlagen wurde zu guter Letzt ein Gütesiegel für Weinakteure im Netz.

Nun hat Vinum ja nicht unrecht, tatsächlich ist es eine Herausforderung, ehrliche und transparente Information von clever verkappter Werbung zu unterscheiden. Natürlich nehme ich eine Degustationsnotiz in Vinum ernster als ein beliebiger Instagram-Eintrag. Dies vor allem auch, weil die Weinzeitschrift seit dem Besitzer- und Chefredaktionswechsel vor ein paar Jahren wieder richtig gut geworden ist.
(Wobei, am Rande vermerkt, gerade auch Vinum selbst mit dem „Club les Domaines“ eine nicht ganz koschere Strategie fährt).

Dass beides, Vinum-Degustationsnotizen und Blog-Beiträge, ihren Platz haben können und sollen – ja, sich vielleicht sogar gegenseitig helfen – zeigt das Beispiel eines Weinblogs aus der Schweiz. Niemals möchte ich auf die Beurteilungen von Rolf Bichsel in Vinum verzichten, zumal ich persönlich fast immer die gleiche Wahrnehmung habe. Aber das, was Adrian van Velsen in seinem Blog über die Primeurs 2018 aus Bordeaux schreibt, scheint mir ebenso seriös. Und wer möchte sich nicht aus verschiedenen Quellen informieren?
http://www.vvwine.ch/

Den Blog von Adrian van Velsen und seinen Kollegen, einer der ältesten in der Schweiz, halte ich auch sonst für sehr empfehlenswert, und er wäre ein sicherer Kandidat für ein „Blog-Gütesiegel“.

Und zurück zu Vinum: Warum führt ihr ein solches Qualitätssiegel nicht ein (wer, wenn nicht Vinum, wäre dazu prädestiniert)? Warum nutzt ihr nicht sogar die Chance, externe, aber von euch geprüfte Blogs, oder zumindest ausgewählte Beiträge, in euer Netzwerk einzuspannen? Das Spektrum von Vinum würde breiter, die Informationsdichte besser, der qualitative „Wettstreit“ unter den Korrespondenten befruchtend!

Das wäre doch eine Antwort auf den sich nur noch verstärkenden Online-Sturm im Weinglas! Mein Tipp ist, wie vieles in der Online-Welt, gratis, aber transparent und objektiv!

Ach ja: Auch Vinum ist online 🙂
http://www.vinum.eu

C’était impossible: Der „Pferdemann“ ist konkurs!

Der wohl „verrückteste“, konsequenteste und geniale Winzer Dominique Léandre-Chevalier ist – finanziell – gescheitert. Offenbar war sein riesiger Aufwand für Spitzenweine mit den erzielbaren Weinpreisen nicht zu decken.

Auf der Titelseite meines Blogs erwähne ich drei vorbildliche Winzer, deren Schaffen mich, stellvertretend, überhaupt zum Schreiben animiert – darunter der „homme cheval“, Dominique Léandre-Chavalier (DLC), welcher mit natürlicher Arbeitsweise auch ausserhalb der bekannten Terroirs wegweisende Bordeaux herstellt(e). Von einer Leserin wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass die Homepage der Domaine Léandre-Chevalier ausser Betrieb sei. Die Recherchen waren absolut frustrierend und traurig, es lässt sich aber leider offiziell nachlesen. Die Domaine ist konkurs! Wer es sich selbst antun will:
https://www.procedurecollective.fr/fr/liquidation-judiciaire/1392955/domaine-leandre-chevalier.asp

Traurig: „l’homme cheval“, Dominique Léandre-Chevalier – das gibt es so leider nicht mehr (Bild aus früherem Beitrag und ab seinerzeitiger Homepage)

Wie habe ich diese Domaine und diese Weine geschätzt! Der Joyau de Queyroux war ein wundervoller Bordeaux, der keinen Vergleich auch mit den Grossen zu scheuen brauchte. Den „Provocateur“ habe ich hier völlig fasziniert beschrieben, und auch sein Experiment mit 33’333 Stöcken pro Hektar suchte seinesgleichen!
https://victorswein.blog/2018/01/06/je-savais-que-cetait-impossible-alors-je-lai-fait/
https://victorswein.blog/2018/06/07/provokation-gelungen-zu-100-mit-petit-verdot/

Wie konnte es nur so weit kommen, dass ein so genialer Winzer, der wundervolle Weine herstellte, „faillierte“? DLC selbst konnte ich, trotz noch funktionierender Telefonnummer, leider nicht erreichen. Aber wen immer man fragt, wo immer man nachliest – es zeichnet sich das Bild eines Mannes, der, fast wie ein Künstler (wahrscheinlich ist er auch genau das), wusste, was er wollte, wusste, was richtig und wichtig ist, dabei aber nur zu oft die Finanzen ausblendete. Und der es letztlich auch nicht schaffte, auf dem Markt jene Preise durchzusetzen, die er für ein solches Projekt benötigt hätte.

Es finden sich, abgesehen von Leuten, die DLC schon immer für einen „Spinner“ hielten, nur Voten des Bedauerns – freilich auch eines Bedauerns über die vermutlich vorhandene „Beratungsresistenz“ von DLC. Es soll durchaus Leute gegeben haben, die ihn schon frühzeitig warnten.

Warum bloss musste eine spezielle Maschine entwickelt werden, welche den Boden noch weniger verdichtete, wenn sie eigentlich nicht zu bezahlen war? Warum mussten nach einem von DLC je nach Jahrgang selbst ausgeklügelten Muster jährlich viele neue Barriques angeschafft werden? Warum musste die Ernte akribisch und fast beerengenau handerlesen erfolgen? Und warum brauchte DLC eine engagierte Arbeitskraft pro Hektar – wo doch das Konkursamt einen Arbeiter pro 15 Hektar für genügend hält?
Dieser Absatz ist sinngemäss folgendem Artikel entnommen:
https://www.chassezlenaturel.net/rendezvous/2018/9/30/dominique-landre-chevalier-x-lhomme-cheval-la-fin

Warum – das ist einem Weinfreund schnell klar. Aber diese Beispiele scheinen eines zu zeigen: Dominique Léandre-Chavallier war ein Qualitätsfanatiker, was sich in seinen Weinen auch eindrücklich zeigte. Offenbar war er aber auch ein Besessener, der die Realitäten dieser finanzgesteuerten Welt ausser Acht liess.

Mein Frust über „Etikettensäufer“ und Nobeljournalisten
Was bleibt? Die Hoffnung, dass ein genialer Winzer wie DLC in irgend einer Form einen Neuanfang schafft (ich würde mich freuen, dereinst genau darüber berichten zu können).
Es bleibt aber auch eine gewisse Frustration über uns „Weinfreunde“. Warum sind wir (oder sind viele von uns) bereit, für „Etikettenweine“ ein Vielfaches dessen hinzublättern, was die allerbesten Weine von DLC gekostet haben?

Ich weiss, das ist jetzt polemisch, aber trotzdem: So bearbeitete Weine werden zu fast jedem Preis gekauft – wenn nur die Etikette stimmt. (Das Bild wurde im Médoc aufgenommen).

Warum gab es keine Bereitschaft auf dem Markt, seinen Weinen den Wert zuzugestehen, den sie im Vergleich qualitativ – und auch in Sachen Umwelt – doch offensichtich hatten? Und warum rennen die meisten Journalisten immer nur diesen bekannten Cru’s nach und schreiben nicht viel mehr über „Verrückte“ wie DLC?

Und von wegen „verrückt“: Im Nachhinein wirkt der oft zitierte Wahlspruch von DLC fast prophetisch: „Je savais que c’était impossible. Alors je l’ai fait“. Es ist himmeltraurig – aber offenbar blieb es eben doch unmöglich!


Auf Nachfrage teilte mir der wichtigste Schweizer Importeur Gerstl mit, dass die subskribierten Weine des Jahrgangs 2016 wie bestellt ausgeliefert werden. Zudem verfüge das Weinhaus über ein grosses Lager an Weinen von DLC, entsprechende Angebote werden in nächster Zeit folgen.
http://www.gerstl.ch

Schweizer Winzer besuchen – wann, wenn nicht jetzt!

Der 1. Mai ist seit vielen Jahren ein Fixdatum für Weinfreunde. In der ganzen Deutschschweiz öffnen an diesem Datum (und oft auch an den Wochenenden davor oder danach) die Winzer ihre Weinkeller. Es gibt keine bessere Gelegenheit, das hochstehende Niveau unserer lokalen Weine kennenzulernen!

Viel schreiben muss ich dazu nicht, das haben meine Freunde von der „Swiss Wine Connection“ schon alles perfekt vorbereitet. Hier finden Sie alles rund um die offenen Weinkeller:
https://www.offeneweinkeller.ch/home/

Lassen Sie sich inspirieren und nutzen Sie diese Tage für neue, spannende Entdeckungen, es lohnt sich!

Ich ganz persönlich werde in diesem Jahr zwar nicht so oft unterwegs sein wie auch schon, aber es gibt einige jahrzehntealte Traditionen, die ich beibehalten werde. So sieht man mich ganz sicher bei einem meiner Lieblingswinzer, Michael Broger, am Ottoberg (der übrigens schon am Samstag, 27.4. von 16.00 bis 20.00 und am Sonntag, 28.4. von 11.00 bis 17.00 geöffnet hat.
https://www.broger-weinbau.ch/

Ganz generell werde ich selbst in diesem Jahr vor allem Winzer (wie Broger) besuchen, die auf nachhaltigen Rebbau achten. Das sind natürlich Betriebe, die biologisch oder bio-dynamisch arbeiten, das können aber auch Winzer sein, die mit Piwi-Sorten versuchen, einen ökologischeren Fussabdruck zu produzieren. In für mich vernünftiger Distanz sind das sicher die Betriebe von Nadine und Cédric Besson-Strasser in Uhwiesen, Karin und Roland Lenz in Iselisberg sowie Markus Ruch in Hallau. Und wer näher wohnt als ich, muss unbedingt Marco Casanova in Walenstadt besuchen!
https://wein.ch/ (Besson-Strasser – die hatten schon bei der Registrierung der Domaine viel Weitsicht!)
https://www.weingut-lenz.ch/
http://www.weinbauruch.ch/
https://www.casanova-weinpur.ch/

Aber lassen Sie sich nicht von meiner kleinen Auswahl zu sehr beeinflussen: Besuchen Sie einfach einige Winzer, probieren Sie, diskutieren Sie, versuchen Sie auch einige der zumeist angebotenen kleineren und grösseren Speisen – und geniessen Sie einfach den Tag oder die Tage bei unseren hervorragenden Winzern! Es lohnt sich!

Utiel-Requena, Alpujarras – Reisen bildet auch weinmässig

Endlich Ferien! Vorsommer mit Sonne und Wärme in Südostspanien. Und solche Ferien sind immer auch eine Möglichkeit, Weine kennenzulernen, die man sonst nie im Glas gehabt hätte!

Fast wie im Wallis: Reben in den Alpujarras (almeriense) am Südfuss der Sierra Nevada.

Wann immer wir in Ländern mit Weinbau reisen, ist für mich klar, dass ich örtliche Weine probiere. Und fast immer mache ich gute Erfahrungen damit, den Kellner nach einem Tipp zu fragen. Wir waren soeben zwischen Valencia und Almeria unterwegs (und hätten uns, angesichts der unendlichen Plastik-Plantagen mit all dem Abfall am Strassenand im Einzugsgebiet von Almeria fast abgewöhnt, Gemüse zu essen).

Die Frage im Restaurant nach einem empfehlenswerten Wein aus der Region führte immer zu einem tollen Erlebnis – nebenbei zu einem immer sehr anständigen Preis. Nicht einer der empfohlenen Weine enttäuschte, es waren allesamt spannende, (wein-)horizonterweiternde Tipps. So etwa der überaus fruchtige, sehr sortentypische Monastrell „Tarima Hill“ der Bodegas Volver aus dem Hinterland von Alicante – aber eben nicht aus Jumilla oder Yecla, den Monastrell-Hochburgen, sondern aus dem benachbarten Pinoso (mit der DO Alicante).
https://bodegasvolver.com/

Oder der zwar kräftige, aber auch erstaunlich frische Sauvignon blanc der Bodegas Garcia Gil aus dem bereits in Andalusien, und eigentlich in einer Halbwüste, gelegenen Oria im Hinterland von Almeria.
http://www.bodegasgarciagil.es/

Utiel-Requena und Bobal – alles klar?

Eigenständiger Wein, ebensolche Etikette: Bobal der (sozusagen schweizerischen) Bodegas Murviedro aus Requena.

Absolut spannend war auch die (Wieder-)Entdeckung der Rebsorte Bobal. Haben Sie schon einmal von Utiel-Requena gehört? Dieses mit rund 40’000 ha recht grosse Weinbaugebiet liegt im Hinterland von Valencia auf einer Meereshöhe von rund 700 Metern, und ist lagemässig sehr vergleichbar mit den 100 km südlicher, auf gleicher Höhe und gleich weit vom Meer entfernt gelegenen Gebieten von Jumilla und Yecla. Hier aber kommt der Sorte Bobal eine wichtige Rolle zu. Bobal? Nie gehört? Aber fast sicher schon mal getrunken. Diese Rebsorte nimmt in Spanien nämlich die zweitgrösste Anbaufläche aller Sorten ein, wird aber oft nur als Färber- und Verschnittwein eingesetzt. Seit einigen Jahren wird nun auch das Potential der Bobal wieder erkannt, eigenständige Spitzenweine hervorzubringen.

Der empfohlene Bobal „Sercis 2015“ der Bodegas Murviedro erwies sich als so etwas wie eine wunderbare Mischung aus einem Beaujolais (herrliche Frucht) und einem Gigondas (Kraft, Farbe, Tannine, Wucht), dem auch der leise Holztouch sehr gut anstand. Im ersten Moment fast etwas frustrierend war dann freilich die Recherche zu diesem Wein und dieser Bodega: Da ist nichts von Entdeckung oder kleinem Familienbetrieb oder dergleichen; vielmehr gehört die Firma Murviedra zum Schweizer Schenk-Konzern. Dass gross (Schenk ist die grösste Weinfirma der Schweiz) aber durchaus auch gut bedeuten kann, zeigt nicht nur der beschriebene Bobal, sondern wurde in diesem Blog auch schon anhand eines Walliser Weines aufgezeigt:
https://victorswein.blog/2018/08/05/amigne-walliser-raritaet-mit-enormem-potential/
Für mich persönlich sehr speziell war dann auch, dass ich bei der Suche nach Bezugsquellen in der Schweiz nebst anderen auf die Weinhandlung Danieli in Wallisellen stiess: Mit Ottavio Danieli – nebenbei gesagt 1975 Skip des ersten Schweizer Curling-Weltmeisterteams – verbindet mich, in völlig anderem Zusammenhang, eine hochachtungsvolle, freundschaftliche Bekanntschaft. Man verzeihe mir deshalb, dass ich nur diese Quelle angebe:
http://shop.danieliweine.ch/pi/Cepas-Viejas-Bobal.html

„Bergwein“ vom Schönsten

Das eigentliche önologische Highlight dieser Reise waren aber zwei Weine aus dem Alpujarras. Dabei handelt es sich um eine landschaftlich extrem reizvolle Bergregion, die sich auf rund 100 Kilometern südlich der Sierra Nevada entlang erstreckt. Der bekanntere, westlich gelegene Teil, die Alpujarras granadina (von Granada abgeleitet – obwohl sich die Stadt auf der nördlichen Seite der Sierra befindet), liegt direkt unter den höchsten Gipfeln des über 3000 m hohen Gebirgszuges. Nicht weniger reizvoll sind aber auch die östlich und tiefer gelegenen Alpujarras almeriense (genannt nach Almeria), in denen auch in etwas grösserem Stil Wein angebaut wird.

Wunderschöne Berglandschaft in den Alpujarras almeriense. Im Hintergrund die noch leicht schneebedeckten Ausläufer der Sierra Nevada.

Am einen Abend genossen wir den Syrah „Cepa Bosquet“ 2017 der Bodegas y Vinedos Laujar, aus einem Gebiet, dass keine DO besitzt, sondern die Weine „nur“ unter dem Titel „Indication Geografico Protegida“ vermarkten darf. Der Wein stand für 18 Euro auf der Karte eines „Paradores“, wäre aber dank seiner sehr sortentypischen Art, seiner feinen Tannine, seiner Frucht und Eleganz ohne Weiteres als sehr guter St.-Joseph durchgegangen.

Fast noch spannender war am Abend danach ein Weisser der gleichen Bodega, ein Macabeo 2017. Diese Rebsorte spielt in Spanien eine sehr wichtige Rolle und ist im Norden, etwa in der Rioja und Rueda, aber auch im Penedes für die Herstellung von Schaumwein, unter dem Namen Viura die wichtigste weisse Sorte.
Während die Weine des Nordens immer sehr süffig, fruchbetont, aber oft auch etwas „schmalbrüstig“ ausfallen, zeigt dieser Macabeo nebst einer ebenfalls erstaunlichen Frische auch Kräuternoten und eine schöne Dichte – und vor allem eine wunderbar mineralische Note, welche den Macabeo zu einem wirklich aussergewöhnlichen Erlebnis werden liess: kein grosser Wein, aber einer, der das Herz erwärmt!
https://cepabosquet.es/

Klar, ich hätte während einer Ferienwoche in Spanien auch die grossen Weine des Landes trinken können – ein Valbuena etwa stand einmal auf einer Karte eines Restaurantes günstiger, als man ihn in der Schweiz kaufen kann. Aber ich möchte diese wunderbaren Entdeckungen nicht missen – es sind letztlich solche Erlebnisse, die den Weinhorizont wirklich erweitern und die eine Reise enorm bereichern!

Napa vs. Bordeaux Vol. 6: wieder gewinnt Napa!

Die Degustation im Jahr 1976 in Paris war eine Sensation, welche die Weinhierarchie neu aufmischte: Sowohl bei den Weissweinen (Chardonnay) als auch den Rotweinen (Cabernet) obsiegten in einer Blindprobe die Gewächse aus Kalifornien über die Franzosen! Die Resultate sind hier nachzulesen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Weinjury_von_Paris

Das Resultat wurde damals in Frankreich für schlicht unseriös und nicht zutreffend beurteilt oder dann totgeschwiegen, aber inzwischen wurden solche Proben mehrfach wiederholt, und jedes Mal schlugen sich die Weine aus Napa hervorragend. Zu einer Neuauflage lud vor einer Woche die NapaWine AG in Zürich. Zwar waren die ganz grossen Gewächse nicht dabei, Bordeaux stellte 6 klassierte Crus aus Pauillac und Napa war hauptsächlich mit Zweitweinen vertreten. Letzteres vor allem aus Gründen der Fairness, wurden doch preislich vergleichbare Weine gegenübergestellt. (Das allein spricht schon Bände, die Preise der USA-Weine sind ebenfalls sehr in die Höhe geschossen, so dass heute finanziell ein Zweitwein aus Napa einem Pontet Canet gleichgestellt ist).


2 x 6 Weine aus Pauillac und Napa: spannend und lehrreich.

Das Resultat war mehr als spannend. Massgebend waren die Bewertungen aller der rund 100 Teilnehmer – es handelte sich also um eine Publikumsbewertung.
Vorab: Die Napa-Weine belegen nicht nur das „Podest“, sie schwingen auch gesamthaft obenauf. Allerdings muss das Resultat auch gleich sehr relativiert werden, denn alle Weine liegen in der Bewertung zwischen 93 und 96 Punkten! Klar wird damit aber auf jeden Fall, das die Cabernets aus Kalifornien jenen aus Frankreich auf diesem Niveau ebenbürtig sind – und es sich bestimmt lohnt, sich näher damit zu befassen!

Hier das Resultat der Gesamtbewertungen (bei gleicher Durschnittspunktzahl ergaben die Gesamtpunkte aller Teilnehmer die Rangliste):

WeinPunkteRang
2015 Bulgheroni Lithology Cabernet Sauvignon 961
2015 Brand Napa Valley Brio 962
2015 Sinegal Estate Winery Estate 963
2015 Barbour St. Helena Cabernet Sauvignon 964
2015 Château Pichon-Baron-Longueville, Pauillac 965
2015 Arkenstone Wines Estate Red Wine 956
2015 Kelly Fleming Estate Cabernet Sauvignon 957
2015 Château Pichon-Comtesse-de-Lalande 958
2015 Château Pontet-Canet, Pauillac 959
2015 Château Lynch-Bages, Pauillac 9410
2015 Château Grand-Puy-Lacoste, Pauillac 9411
2015 Château Clerc-Milon, Pauillac 9312

Meine persönliche Rangliste sah völlig anders aus. Gesamthaft hatte Bordeaux, wenn auch nur mit einem einzigen Punkt, die Nase vorne. Doch auch bei mir steht ein Napa-Wein zuoberst. Bloss der Sieger beim Gesamtpublikum liegt bei mir erst an neunter Stelle, dafür kommt der „Verlierer“ schon auf Rang 3.

1) Barbour St. Helena Cabernet Sauvignon
2) Château Pichon-Baron-Longueville, Pauillac
3) Château Clerc-Milon, Pauillac
4) Sinegal Estate Winery Estate
5) Château Lynch-Bages, Pauillac
6) Brand Napa Valley Brio
7) Château Pontet-Canet, Pauillac
8) Château Grand-Puy-Lacoste, Pauillac
9) Bulgheroni Lithology Cabernet Sauvignon
10) Kelly Fleming Estate Cabernet Sauvignon
11) Château Pichon-Comtesse-de-Lalande
12) Arkenstone Wines Estate Red Wine

So spannend dieser Anlass war, so sehr hat er mir auch die eigene Unzulänglichkeit aufgezeigt. Zwar war ich beim Ratespiel „was ist Bordeaux, was ist Napa“ mit 10 Treffern bei 12 Weinen nicht so schlecht. (Ein rundes Dutzend der Teilnehmer lag immer richtig – châpeau!). Aber ich hätte schon erwartet, dass ich wenigstens die doch so eigenständigen Pontet Canet, Pichon-Comtesse und Grandy-Puy-Lacoste blind erkennen würde – leider Fehlanzeige. Allerdings zeigten sich auch alle drei in totaler Unterform. Bei der Arrivage vor einem Jahr waren sie noch offen und fruchtig,
Vgl. hier: https://victorswein.blog/2018/04/26/bordeaux-2015-trau-schau-wem-vor-allem-dir-selbst/
jetzt unzugänglich und teils gar spröd und fast dünn wirkend. Trotzdem hätte es durchaus Hinweise gegeben, sie zu erkennen, und im Nachhinein ist man ja immer klüger. So notierte ich beim GPL, den ich für einen Napawein hielt, u.a. „sehr verhalten, adstingierende Tannine; bin etwas ratlos, aber vielleicht wird er gross“ und beim Pichon-Comtesse schrieb ich gar „total zurückhaltend, spröde; enttäuschend – aber vielleicht ist es ein Langstreckenläufer“. Und definitv erkennbar wäre Pontet-Canet gewesen: „dunkle Töne, würzig, mit etwas Boskoop-Apfel fast etwas oxydativ wirkend, hat Potential“.

Das generelle Niveau der Weine ist, nicht nur, wenn man das Potential der drei beschriebenen Bordeaux „hochrechnet“, indessen grossartig – beidseits des Ozeans. Persönlich eher weniger gefallen hat mir der Arkenstone. Mit seinen Noten von grünen Peperoni und Schokolade und seiner eher tiefen Säure wirkte er für mich etwas „bluffig“, aber das ist natürlich Geschmacksache. Umgekehrt fand ich den von den Profis eher tiefer eingeschätzten Barbour St. Helena dank seiner Eleganz und Länge, verbunden mit einem spürbaren, aber nicht übertriebenen Süsskomplex, einfach grossartig. Und schliesslich breche ich gerne auch eine Lanze für den beim Gesamtpublikum letztplatzierten Clerc-Milon: Mir hat er mit seiner eleganten, filigranen Art und seinen feinen Tanninen mit guter Säure sehr behagt, auch wenn ich ihn – da noch in einer „fruchtigen Phase“ – vielleicht etwas zu generös beuteilt habe. Das Fazit ist aber: Auch der „Verlierer“ (ich hüte mich, „der schlechteste Wein“ zu schreiben), war noch ausseroderdentlich gut

Die Weine für die Degustation wurden von zwei ausgewiesenen „Profis“ ausgewählt, René Gabriel, der „Bordeaux-Papst“ war für die Europäer verantwortlich, während Baschi Schwander die USA-Fraktion bestimmte. Die Auswahl war hervorragend; schade nur, dass die beiden – in Tat und Wahrheit befreundet – in ihren Kommentaren vor allem kompetitiv auftraten, denn beide hätten fachlich viel mehr Interessantes zu sagen gehabt.

Zwei Koryphäen unter sich: René Gabriel, links (bxtotal.com) und Baschi Schwander (mybestwine.ch)

Anlässe dieser Art sind, selbst wenn sie etwas am eigenen Ego kratzen, extrem spannend. Ich würde mir wünschen, und mich heute gegen Vorzahlung schon anmelden, dass die gleiche Degustation in 10 Jahren wiederholt würde. Und ich werde mich jetzt hüten zu behaupten, dass dann Bordeaux die Nase vorne hätte. Selbst dann, wenn man das heute nicht ausgeschöpfte Potetial der Spitzen-Pauillacs berücksichtigt: Die Napa-Weine waren so gut, und scheinen so langlebig, dass ich keine Wetten über das Resultat in 10 Jahren abgeben würde.

Mindestens ebenso spannend, und hier würde ich schon fast auf einen Boredaux-Sieg wetten, wäre ein Vergleich von Weinen im Bereich von 15 – 25 Franken. Wenn ich da an Bordeaux wie Moulin Haut-Laroque oder Cambon-La-Pelouse denke …
Aber vielleicht irre ich mich auch da, vielleicht würde Napa auch in diesem Preissegment mithalten? Affaire à suivre!

Und wenn Sie jetzt Lust bekommen haben, die Berichte des Bordeaux- resp. Napa-Profis zu lesen, voilà:
Sebastion Schwander:
http://mybestwine.ch/napa-vs-pauillac-2015-blind-tasting-battle/
Und René Gabriel:
https://www.napawine.ch/wp-content/uploads/2019/04/Napa-Versus-Pauillac-.pdf

Und wenn Sie – wie ich – Lust auf Napa erhalten haben (die Bordeaux gibt’s ja „überall“):
https://www.napawine.ch/


Radio Lazarus verstummt

Traurig, aber wahr: Einer der besten Chenin blanc – wenn nicht gar der beste – den ich je trinken durfte, wird es nie mehr geben!

Erst seit 2012 produziert, ist 2017 leider schon der letzte Jahrgang: Eine Jahrhunderttrockenheit am Kap hat die alten Reben zuerstört.

Es ist schon sehr speziell, was Suzaan und Chris Alheit erreicht haben. Erst seit 2010 führen sie ihr Weingut in der kühlen Region Hermanus in Südafrika, und in wenigen Jahren haben sie sich an der absoluten Wein-Spitze des Landes etabliert. Der „Cartologie“ beispielsweise hat innert kürzester Zeit Kultstatus erlangt. Das selbst deklarierte „Rezept“ der Alheit’s: 99 % der Qualität eines Weines wird im Rebberg erarbeitet; 1 % im Keller!

Radio Lazarus – einzigartig
Tatsächlich überzeugt das ganze (zumindest das von mir probierte) Sortiment sehr. Absolut begeistert war ich aber vom „Radio Lazarus 2017“, der mich – auch wenn kein direkter Vergleich möglich war – so sehr berührte, dass ich ihn einem Coulée de Serrant oder einem Wein von Huet wohl noch vorziehe würde, weil er nicht nur viel Fülle und Kraft, sondern vor allem eine unglaubliche, unnachahmliche Finesse aufweist.

Radio Lazarus wird, oder vielmehr wurde, aus zwei verschiedenen (2012 war es erst eine) Einzellagen in für Südafrika mit 450 m sehr grosser Höhe liegenden Parzellen mit wurzelechten Chenin blanc produziert. Es gehört zu Alheit’s Absicht, herausragende Lagen zu gewinnen, um ebensolchen Wein produzieren zu können. Mit den etwas verwilderten Lagen Ribbokop (1978 gepflanzt) und Bottelaryberg (1971) konnten sie zwei unübertreffliche Parzellen, beide je knapp 20 Km vom warmen Indischen Ozean und vom kalten Altantik entfernt, übernehmen. Der Legende (resp. meiner Internet-Recherche) nach erhielt der Wein aufgrund eines Radio-Sendemasts überhalb der Ribbokop, und der Tatsache, dass die Reben zur Rodung vorgesehen waren, sich die Alheit’s aber ihrer erbarmten, den Namen „Radio Lazarus“. Ganz speziell war auch seine Herstellung, wurde doch ein Teil des Weines in Tongefässen ausgebaut.

Der Trockenheit und den Wildtieren zum Opfer gefallen
2018 war ein extremes Trockenjahr am Kap. Vielleicht erinnern Sie sich ja an die Nachrichten aus dem letzten Jahr, wonach in Kapstadt kaum mehr Wasser verfügbar war. Die Reben in den beiden Parzellen litten auch an fehlendem Wasser, aber den Todesstoss versetzten ihnen Wildtiere wie Antilopen, welche aufgrund der Trockenheit hungerten und deshalb die Triebe der Reben abfrassen. 2018 gab es so gut wie keinen Ertrag – und noch viel schlimmer, die Rebstöcke überlebten diesen Stress nicht.

So habe ich also einen der allerbesten Chenin blanc, und damit einen der besten Weine dieser Welt entdeckt – nur um feststellen zu müssen, dass es diesen Wein nie mehr geben wird! Das ist berührend.
Tröstlich daran ist einzig, dass die übrigen Weine der Alheit’s ebenfalls hervorragend sind und man hoffen darf, dass das Winzerpaar dank Pionier- und Entdeckergeist weitere herausragende Lagen finden wird.

Degustationsnotiz Jahrgang 2017:

Blasses Gelb; verhaltene Nase mit Anflug von Lindenblüten und Zitrusfrüchten, schon in der Nase mineralisch. Im Mund zuerst filigran und tänzersich, dann nach ein paar Sekunden auch kraftvoll, trotzdem voller Finesse, Harmonie und Eleganz, intensiv mineralisch; unendlich langer Abgang. Ein Gedicht von einem Wein! Jetzt schon wundervoll trinkbar, aber wohl jahrzentelang haltbar.

Viel mehr, als ich hier geschrieben habe, können Sie auf der Homepage der Alheit’s selbst zusätzlich lesen:

http://www.alheitvineyards.co.za/bottlings/radio-lazarus/

Kaufen kann man den Wein (vielleicht) noch an folgenden Orten:
https://www.gute-weine.de/produkt/35673h-radio-lazarus/
https://shop.weinamlimit.de/

https://shop.kapweine.ch/alheit-chenin-blanc-radio-lazarus-2015 (anderer Jahrgang)