Am Ende des Regenbogens: Loire oder Südafrika?

rainbows

Östlich von Stellenbosch, richtig auf dem Land, auf 540 m über Meer an der Grenze zum Jonkershoek Nature Reserve, einem langgezogenen, naturbelassenen Tal mit Wasserfällen gelegen, finden wir das Ende des Regenbogens! Oder, wenn man das Bild anschaut, beide Ende des Bogens! Vielleicht liegt aber ein Ende des Bogens auch in Südafrika und das andere an der Loire!

Das Weingut hier heisst denn auch „Rainbows‘ End“, ist seit 1978 in Besitz der Familie Malan, aber erst seit 2002 mit dem ersten eigenen Wein auf dem Markt. Jacques Malan, eigentlich Ingenieur, eignete sich sein Weinwissen zuvor in Frankreich (auf einem Gut in Montage St. Emilion) an, und erfüllte sich danach seinen Traum!

Den reinsortigen Cabernet Franc des Jahrgangs 2016 habe ich nur deshalb entdeckt, weil ich eines mittags in der Weinhandlung „Kap Weine“ in Wädenswil erschien und mich inspirieren liess. Oder besser gesagt, beraten. Dem Berater Sascha Hofmann stellte ich die Aufgabe, mir ein paar Rotweine unter oder um 30 Franken zu empfehlen. Weine, welche die Seele berühren.

Eine der Emfehlungen war der reinsortige Cabernet Franc von Rainbow’s End mit Jahrgang 2016. Und das ist wirklich eine ganz hervorragende Empfehlung. Dieser im Holz ausgebaute Wein bringt einfach alles mit, was einen gelungenen Cabernet Franc so grossartig macht.

„Dichtes Purpur; reife Peperoni, Vanille, dunkle Kirschen, Jostabeeren; sehr feine, elegante, noch leicht trocknende Tannine, prägnante aber nicht störende Säure, druckvoll und doch filigran. Ausgewogen, lang. Toller Wein“.

Ich kenne nur wenige Cabernet Franc’s von der Loire, die ich diesem Wein vorziehen würde. Allerdings ist er, so sortentypisch er daherkommt, doch irgendwie anders (es wäre spannend gewesen, diesen Wein blind in der Loire-Degu zu haben). Was aber wohl auch stimmt: es gibt viele Loire-Weine, die besser altern können. Der „Rainbow’s End“ wirkt nach zwei Jahren schon reif, dürfte zwar in den nächsten zwei bis drei Jahren noch dazugewinnen, aber lange lagerfähig, wie ein Spitzenwein von der Loire, dürfte er kaum sein (es sei denn, ich täusche mich, was bei diesem Wein möglich wäre).

Trotzdem: Der „Regenbogen-Cabernet-Franc“ ist ein traumhafter Wein der wunderbar  zeigt, was das Weinland Südafrika zu bieten hat!

PS: Den ersten Wein, den mir Sascha Hofmann vorgeschlagen hatte, habe ich schon vor einer Woche probiert, mit einem ähnlich positiven Ergebnis: „Savage Red“, ein „südfranzösischer“ Blend mit Syrah-Dominanz – hervorragend!

Fazit: Wenn eine Weinhandlung echte Weinkenner beschäftigt, lohnt es sich immer, sich vor Ort beraten zu lassen!

http://kapweine.ch/
http://rainbowsend.co.za/

 

 

 

 

 

Finca Torremilanos, Ribera del Duero: lange Vergangenheit – grosse Zukunft

Ricardo Peñalba: welt- und wortgewandt, aber tiefgründig erdverbunden – repräsentiert Vergangenheit und Zukunft des Anbaubebietes

ricardo

Man muss ihn einfach mögen, diesen Ricardo Peñalba, Leiter der Finca Torremilanos. Bescheiden und umgänglich, fast introvertiert wirkend, lernt man ihn kennen. Aber wenn er zu erzählen beginnt, ist er der von Energie sprühende, extravertierte Mann, der mit tiefer Ueberzeugung erklärt, warum er so sehr an seiner heimischen Erde hängt. Und hängen tut man auch als Zuhörer – zwei Stunden lang fasziniert an seinen Lippen, so mitreissend vermittelt er seine Botschaften.

Aber der Reihe nach: Das Weingut wurde bereits 1903 in Aranda del Duero gegründet und 1975 von Ricardos Vater gekauft. Dieser Kauf hatte Folgen: Er war zuvor der zweitwichtigste Traubenlieferant der örtlichen Genossenschaft, und weil diese fürchtete, Vater Peñalba Lopez würde mit der neuen Finca zur Konkurrenz heranwachsen, wurde er aus der Genossenschaft geschmissen. Die Finca Torremilanos entwickelte sich aber in der Folge zu einem eigentlichen Flaggschiff der Region. Nebst Vega Sizila hat kaum eine Bodega so viel für den Ruf von Ribera del Duero beigetragen wie Torremilanos.

Dazu muss man wissen, dass dieses Weinbaugebiet – obwohl wahrscheinlich eines der ältestes des Landes – damals in einem Dornröschenschlaf lag. Kaum jemand kannte die Region, was auch nicht verwundert, denn es gab auch kaum Wein von dort zu kaufen. Im Jahr 1982, als die „Denominacion de Origen“ (DO) eingeführt wurde, waren die Kellereien noch an zwei Händen abzuzählen. Heute sollen es um die 250 sein.

robleviejo
Dieser Ausschnitt aus der Etikette des „el roble viejo“ symbolisiert einen der fast hundertjährigen Rebstöcke der Lage.

Torremilanos hat also als eines der wenigen Güter der Region eine lange Geschichte. Und diese ist Ricardo Peñalba auch sehr wichtig. Immer wieder fällt das Wort „heritage“, dessen Bedeutung mit „Erbe“ nur ungenügend übersetzbar ist. Ricardo fühlt sich sichtbar verpflichtet, die bestehenden Banden der Geschichte zu wahren und weiterzutragen. Der beste Wein des Gutes, der „el roble viejo“, stammt denn als „single vineyard“ auch aus einer Lage, deren Rebstöcke noch vom Bodega-Gründer im Jahr 1923 gepflanzt wurden, und die nur deshalb heute noch bestehen, weil deren Erhalt eine der Bedingungen für Ricardos Eintritt in das Familienunternehmen war.

 

Vom Zweifler zum Überzeugten

Dass er je die Finca übernehmen würde (wobei er selbst sagt, seine vitale 76-jährige Mutter sei noch „der Boss“), war nicht vorgezeichnet. Gerade, weil er auf dem Rebgut aufwuchs, hatte er Zweifel. Nur zu gut kannte er die harte Arbeit und die langen Tage. Seine Aussage dazu: „sick of having land“ (und das kann so richtig wohl nur verstehen wer, wie der Schreibende, selbst Bauernsohn ist).

So studierte er zuerst in Bordeaux – aber eben gerade nicht Weinwissenschaft, arbeitete in anderen Branchen und lernte die Welt kennen. Später absolvierte er „Stages“, unter anderem war er 3 Monate in der Schweiz, weshalb man von ihm auch auf Deutsch empfangen wird. Die entscheidende Begegnung trug sich aber im französischsprechenden Landesteil zu. In der Waadt lernte er die Philosopie des bio-dynamischen Rebbaus kennen und war beeindruckt.

Beinahe hätte Ricardo Peñalba sich übrigens die theoretischen Weinbaukenntnisse in Changins (Weinfachhochschule nahe Lausanne) angeeignet. Schliesslich entschied er sich dann aber doch für Madrid, weil er, wie er lachend anfügte „ahnte, dass er dort die Frau seines Lebens kennenlernen würde“.

Die Idee liess ihn nicht mehr los, und als er wieder in die Finca eintrat war für ihn klar, dass dies der Weg sein müsste. Tatsächlich wurde Torremilanos im Jahr 2005 auf biologischen Rebbau umgestellt, seit 2011 auch offiziell anerkannt. Und ab dem Jahrgang 2015 dürfen sämtliche Weine der Finca stolz auch das Demeter-Logo, den Ausdruck für eine zerzifizierte bio-dynamische Arbeitsweise, tragen. Das Demeter-Label ist inzwischen übrigens nicht mehr „nur“ ein Ausweis für eine nachhaltige Bearbeitung der Reben, sondern auch ein Verkaufsargument – etwa in New York, so erzählt Ricardo, sei das sogar umsatzfördernd. Ricardo ist überzeugt, dass Bioweinbau die Zukunft darstellt; begeistert erwähnt er etwa das „organic-village“ Panzano in der Toscana oder das „Biodorf“ Correns in Südfrankreich (dort wo Angelina Jolie auch auf ihrem Weingut Miraval biologisch wirtschaften lässt) als erfolgreiche Vorreiter einer Weinzukunft in Einklang mit der Natur. Die Zahl der Biobetriebe nimmt überigens auch in Ribera del Duero zu, geschätzt seien es inzwischen 20 – 30 %. Und besonders gefreut hat Ricardo, dass am kürzlichen öffentlichen Produktionstag seiner bio-dynamischen Präparate (siehe anschliessend) auch mehrere Vertreter anderer Bodegas vorbeischauten.

Wenn Ricardo Peñalba von der Bio-Dynamie erzählt, verwendet es selbst, zwar ein bisschen augenzwinkernd, das Wort „Alchimie“. Wirklich erklärbar ist vieles nicht, aber dass es funktioniert, zeigt die Empirie. Selbst ein Verwandter, studierter Chemiker und Chemieunternehmer, liess sich davon überzeugen. Und natürlich erwähnt er auch noch renommiertere Vorzeigebetriebe, die erfolgreich bio-dynamisch arbeiten, etwa die Domaine de la Romanée Conti, Domaine Leflaive, Château Pontet Canet, Chapoutier oder Nicolas Joly auf der Coulée de Serrant.

Besonders wichtig sind die – auf der Finca selbst auf der Basis von Kompost hergestellten – Präparate zur Behandlung der Reben gegen Krankheiten, die unter diesem Link beschrieben sind:
https://www.torremilanos.com/en/biodynamic-vineyard-in-ribera-del-duero/

Dank dieser Präparate kann auf Torremilanos im Rebberg auf den Einsatz von Schwefel und Kupfer fast ganz verzichtet werden. Der Kupfereinsatz beschränkt sich auf die Hälfte der Fläche und beträgt nur 300 g/Hektar (zum Vergleich: erlaubt sind 3 Kg/ha). Hilfreich dabei ist freilich auch das Klima – tagsüber warm oder heiss, nachts kühl. Das mögen die Reben, nicht aber Pilzkrankheiten.

Überhaupt, das Klima: Aranda del Duero liegt auf rund 800 m Höhe, die Rebberge von Torremilanos erstrecken sich bis auf 900 m. Das fördert zwar die Qualität, hat aber auch seine Tücken. So sind immer mal wieder Frostschäden zu verzeichnen. Ricardo Peñalba sagt dazu: „wir sind das einzige Weinbaugebiet Europas, in dem man manchmal sogar im Juli Frost fürchten muss“.

Der Nimmermüde kann auch „vernünftig“ sein
Ricardo Peñalba sprüht vor Energie, und er hat, nicht nur für den eigenen Betrieb, viele Ideen oder schon fast Missionen. So ist er überzeugt, dass es der Gesellschaft als Ganzes besser ging, als noch mehr Wein getrunken wurde – ganz einfach deshalb, weil man das in geselliger Runde tat, während heute die Individualisierung zunimmt, was auch Vereinsamung heissen kann. Gerne möchte er, gerade in seinem Heimatland, mit dazu beitragen, den Weinkonsum wieder zu erhöhen. Trotz Rückgang des Konsums fürchtet er auch die Konkurrenz anderer Güter nicht – im Gegenteil, die tragen zur Pflege des Kulturgutes Wein bei.
Seine Frau, eine gelernte Apothekerin, scheint nicht weniger umtriebig zu sein, sie hat eine eigene Naturkosmetik-Linie geschaffen – „Cylco Viñaterapia“, auf der Basis von Reben und Trauben natürlich.
Der Ideen wären noch viele, die Familie Peñalba hat aber auch gemerkt, dass man nicht auf allen Hochzeiten tanzen kann, und dass die Familie (das Paar hat drei Kinder) nicht zu kurz kommen darf. Gewisse Ideen wurden deshalb auch verworfen oder zurückgestellt (etwa, auf der Finca wieder wie früher eigene Tiere zu halten).

Die Weine von Torremilanos

Wie aber schmecken sie nun, die Weine von Torremilanos? Ich beschreibe nachstehend die drei Weine, die Ricardo mitgebracht hatte. Auf der Finca werden freilich 17 verschiedene Typen hergestellt, darunter auch weisse und sogar ein Cava. Und gerade auf dem Heimmarkt sind auch süffige, preiswertere Tropfen gefragt. Denn natürlich ist Spanien selbst der wichtigste Absatzmarkt. Gleich dahinter kommt – nein, nicht die Schweiz (nur fast) – Sie würden es nie erraten: Mexiko!

Torremilanos Crianza, 2014
Aus 30-40-jährigen Reben, 95 % Tempranillo, 5 % Cabernet Sauvignon.
Dunkle Beeren, Wacholder, Vanille; gute Säure, feine Tannine, druckvoll, kräftig aber auch elegant.

Torre Albeniz, 2014 Reserva
Aus 60-jährigen Reben, hauptsächlich Tempranillo, dazu etwas Garnacha, Bobal und Tempranillo blanco. 29 Monate Holzreife.
Ebenfalls dunkle Beeren, prägnant Brombeere, etwas Schokolade, Thymian; Säure, feine Tannine und Süsskomplex in perfekter Ausgewogenheit – kräftig, fruchtig, aber kein „Dampfhammer“, sondern ein eleganter, sinnlicher, lang anhaltender Wein.

El roble viejo, 2014
Aus über 90-jährigen Reben in Einzellage, dem „Herzstück“ der Finca. Tempranillo und etwas Garnacha sowie Albillo major, 41 Monate Ausbau, nach der Crianza-Zeit teils weiter in Holz, teils in „Beton-Eiern“.
Extrem vielfältiges Bukett mit schwarzen Kirschen, Pflaumen, Gewürznelken, Schokolade; im Mund mit enormer Frische, feinen Tanninen, guter Säure. Auffallende Eleganz und unglaubliche Länge. Ein Traumwein (der allerdings auch seinen Preis hat …)

Echte Frische im Wein basiert nicht auf Säure, sondern auf Mineralität (Ricardo Peñalba)

Man hätte Ricardo noch lange zuhören mögen, zumal er auch auf Fragen immer sehr präzise antwortete. Nach dem Treffen ist mir nur eines aufgefallen: Er hat immer wieder von Boden und Terroir gesprochen, davon, dass er auf Qualität setzt und deshalb der Arbeit im Rebberg höchsten Wert beimisst. Bei der Umstellung auf Bio hat er selbst zuerst bei der Parzelle des „roble viejo“ begonnen, die Erde mit Pferden zu bearbeiten. Fast nie kam die Sprache auf die Kellerarbeit. Ich hätte nachfragen sollen, aber vermutlich ist das eben genau der Ausdruck dessen, dass guter Wein wirklich im Rebberg und nicht im Keller entsteht.

https://www.torremilanos.com/

https://www.moevenpick-wein.com/de/2014-torremilanos-crianza-ribera-del-duero-do-bio-finca-torremilanos-bodegas-penalba-lopez-bio.html
https://www.moevenpick-wein.com/de/2014-torre-albeniz-reserva-ribera-del-duero-do-bodegas-penalba-lopez-bio.html
https://www.moevenpick-wein.com/de/2014-el-roble-viejo-ribera-del-duero-do-finca-torremilanos-bodegas-penalba-lopez-bio.html


Hinweis:
Das Treffen mit Ricardo Peñalba fand auf Einladung von Mövenpick Weinkeller statt, vermutlich, weil ich schon früher über die Torremilanos-Crianza berichtet hatte.
https://victorswein.blog/2018/08/19/ribera-del-duero-auch-preiswert-kann-gut-sein/

Genau nach meinem Credo, „ich bin völlig unabhängig, schreibe nur zum Spass, und nur darüber, was  ich selbst gut finde“, vgl.
https://victorswein.blog/ueber/
wäre dieser Beitrag nicht entstanden, wenn mich Ricardo (und seine Weine) nicht so sehr begeistert hätte!

 

Aus dem „Dräckloch“ das Allerbeste!

Für einmal Käse statt Wein – oder besser: Käse und Wein

dräcklochkäse
Seléction Rolf Beeler – besser geht Käse vermutlich nicht

Man erlaube mir, dass ich für einmal einen Beitrag schreibe, der mit Wein nichts zu tun hat. „Unter dem Zaun durchfressen“ sagt man dem in der Schweiz, wenn jemand – und sei es eine Kuh, aus deren Milch Käse entsteht – die besten Kräuter ausserhalb des eingezäunten Gebietes (in meinem Fall des Weines) frisst.

Nichts zu tun? Das ist dann allerdings auch wieder falsch. Mein Beitrag handelt nämlich von Käse, und wie könnte man behaupten, Käse habe mit Wein nichts zu tun!

Aber der Reihe nach: Rolf Beeler, oft auch „Käse-Papst“ genannt, war mir zwar schon lange ein Begriff, und meine erste Begegnung vor vielen Jahren mit seinen Käsen in einem Luzerner Restaurant war eine Erleuchtung. Inzwischen freue ich mich an seinen Beiträgen auf Facebook, die so richtig Lust machen, erlesene Käse zu probieren.

Erstmals habe ich nun in Onlineshop von „maître fromager Rolf Beeler“ eine Bestellung aufgegeben, die gestern angekommen ist. Der Inhalt: einfach ganz grosse Klasse! Der „Greina Val Blenio Sélection Beeler“ etwa: ein Traum von einem Käse und so meilenweit entfernt von dem, was – auch als Alp- oder Bergkäse – in einem Grossverteiler erhältlich ist. Wenn man den ersten Bissen in den Mund nimmt, ist das Erlebnis nicht einmal so „explosiv“, aber beim Kauen zeigen sich vielfältige, tiefgründige Aromen – absolut vergleichbar mit einem Erlebnis bei einem vielschichtigen Wein!

Oder dann der „Alp Dräckloch“. Wer Marketing mit einem solchen Namen machen muss, braucht schon herausragende Qualität. Ich erinnere mich an eine Tour mit meinem Sohn in der „Silberen“ oberhalb des Muotathals, als ich auf der Karte erstmals diese Alp sah. Wie schrecklich! Später war ich im Spätherbst einmal auf dieser Alp – und fand, der Name sei eine Frechheit, denn es ist sehr, sehr schön da oben!

dräckloch
Alp Dräckloch – hier noch auf Glarner Gebiet: Schön, oder?

Der Käse jedenfalls ist grosse Klasse. Auch er ist nicht im ersten Moment aufdringlich, aber von unglaublicher Finesse, Aromatik und Länge (das tönt, als würde ich einen Wein besprechen, nicht?). Und spannend daran ist, dass er noch recht jung ist, was man an der Konsistent spürt, und trotzdem schon hoch aromatisch. Ein Meisterwerk!

Damit bin ich wieder beim Anfang: Käse hat so viele Parallelen zum Wein – Massenware ist langweilig, und nur qualitätsbewusste Produzenten bringen Produkte hervor, die berühren. So war es sicher zulässig, für einmal über Käse statt über Wein zu schreiben.

Ach ja: Zum „Greina Val Blenio“ würde ein guter Gigondas perfekt harmonieren, zum „Alp Dräckloch“ auch, aber hier wäre vielleicht ein fruchtiger Gamay aus dem Beaujolais oder noch besser aus dem Wallis fast noch besser! Sie sehen – Käse und Wein, das harmoniert!

http://www.rolfbeeler.ch/

 

Ein 28-jähriger Hermitage: chamäleonal!

Trotz Vorurteilen: „Monier de la Sizeranne“ 1990 phänomenal gut

Hermitage anfangs der 1990er-Jahre, das waren Jean-Louis Chave und die beiden Handelshäuser Jaboulet Aîné und Chapoutier. Vielleicht noch Sorrel und Faurie, aber die waren damals etwas unregelmässig. Und Ferraton, heute hoch gelobt, war im besten Fall Mittelmass. Allerdings hatte in jener Zeit auch das Haus Chapoutier nicht den allerbesten Ruf.

hermitage1
Am Hügel von Hermitage vor dreissig Jahren wie ein Sinnbild: Chapoutier damals weit unter Jaboulet Aîné. (Bild vl, 1991)

Ein bisschen zeigte sich das schon bei Besuchen der beiden Häuser: Bei Chapoutier in einem dunklen, alten Kontor – bei Jaboulet etwas ausserhalb von Tain in einem hellen, stolzen und modernen Neubau.

Die damalige Wertschätzung zeigte sich auch später: Frustriert davon, dass Weine, die ich für rund Fr. 30.– eingekauft hatte, plötzlich mehr als den zehnfachen Wert aufwiesen, und neue Jahrgänge weit über meinen finanziellen Möglickeiten kosteten, wollte ich vor etwa 10 Jahren einige Flaschen verkaufen. Während für den 90er „La Chapelle“ von Jaboulet ein Phantasiepreis bezahlt wurde, wollte der renommierte Ankäufer von Chapoutiers „Monier de la Sizeranne“ des gleichen Jahres schon gar nichts wissen. So lagerte diese Flasche eben weiterhin in meinem Keller, und jedes Mal, wenn ich mit dem Gedanken spielte ihn zu öffnen, verwarf ich die Idee, weil ich eine Enttäuschung erwartete.

hermitage4
Wunderschöne Landschaft, herrlicher Wein: Der Hermitagehügel über der Rhone, von unten und von oben. (Bilder vl, 1991)

Die qualitative Wiedergeburt des Hauses Chapoutier

Gerade im Jahr 1990 sollte aber auch in der langen Geschichte des Hauses Chapoutier (es wurde schon 1808 gegründet) ein neues, erfolgreiches Kapitel aufgeschlagen werden. Michel Chapoutier übernahm die Leitung von seinem Vater Max, und der Sohn war sich bewusst, dass sein Unternehmen nur mit Qualitätsarbeit eine Zukunft hat. Vor allem aber stellte er nach und nach auf biodynamische Produktion um. Heute geniesst das Haus Chapoutier zu recht wieder einen hervorragenden Ruf, und ich bin sicher, dass ein Raritätenhändler in 15 Jahren noch so gerne einen „Monier de la Sizeranne“ aus der aktuellen Zeit aufkaufen würde.

Und trotzdem: auch der 1990er war phänomenal gut

hermitag-chapoutirKürzlich obsiegte dann doch die Neugierde in Bezug auf den Zustand des Jahrgangs 1990. Schon die ersten Aromen in der Nase zeigten, dass der Wein sicher noch trinkbar war. Vorherrschend waren Liebstöckel und Thymian. Auch ein erster Schluck überzeugte, ein zwar eher filigraner Wein, aber noch jung wirkend, mit präsenten Tanninen und vor allem auch Säure. Auch die Farbe war noch erstaunlich jugendlich.

Nach etwa einer Stunde Luftkontakt hatte sich der Wein verändert, als wäre er ein Chamäleon. Nun duftete er auch wie ein junger Wein, und zwar eher wie ein Pinot als wie ein Syrah: helle Beeren und Anflug von Waldpilzen. Das Trinken des Weines war ein Hochgenuss, auch im Mund war er runder und ausgewogener geworden – einfach phänomenal gut! Und der Beweis, dass Chapoutier auch in den eher mageren Jahren sehr guten Wein machen konnte.

Das Finale folgte aber erst noch: Ich liess ganz bewusst etwas von dem Wein stehen und probierte ihn andertags nochmals: Erneut hatte er sich total verändert, jetzt überwogen dunkle Beerenaromen, Cassis und Lakritze. Vor allem aber war der Wein noch immer voll präsent und genussvoll zu trinken. Ich bin überzeugt, dass er auch in nochmals 10 Jahren noch Freude machen würde.

Also, liebe Raritätenhändler, wenn euch jemand eine solche Flasche anbietet: zugreifen! (Oder vielleicht auch besser nicht – der verhinderte Verkäufer soll ihn ruhig selber trinken, das macht richtig Spass!)

https://www.chapoutier.com/
https://www.delinat.com/chapoutier.html

http://www.jaboulet.com/Website/site/fra_prehome.htm

http://hermite.fr/domaine-jean-louis-chave/

http://www.marcsorrel.fr/

http://www.ferraton.fr/

Und hier noch der erwähnte Händler, ihn habe ich als sehr offen und fair erlebt:
http://www.cavebb.ch/de/

 

Das Jahr des Winzers (16): Der Saisonhöhepunkt, der „Wümmet“.

Abschluss und Krönung: der „Wümmet“ (die Weinlese)

Im Herbst, wenn die Weinlese (bei uns in Ostschweizer Mundart „Wümmet“), ansteht, hat der Hobbywinzer plötzlich ganz viele Freunde, die auch gerne bei der Weinlese mithelfen würden! Dabei sind unsere 4 Aren in der Regel sehr schnell geerntet, und dazu genügt das bewährte Team:

1a-generation
Drei Generationen am Werk: Grossmutter resp. Mutter (90), Sohn und Autor des Blogs (60) sowie Enkel (30)
1-a-werni
Werni, mein Rebberg-Compagnon seit 30 Jahren.
1a-frauen
Und die beiden für die Ernte unverzichtbaren „besseren Hälften“

 

Tatsächlich ist der „Wümmet“, also die Weinernte, ein Fest. Nach einem Rebjahr schöne und reife Trauben ernten zu können, entschädigt für alle Mühen im Verlauf des Jahres.

Allerdings ist auch die Weinlese in unseren Breitengraden nicht immer nur festlich. Wer reife Trauben will, riskiert oft auch Fäulnis. Und im Jahr 2018 waren die Wespen sehr aktiv, so dass jede einzelne Traube von den „Wümmerinnen und Wümmern“ sehr genau angesehen werden musste. Von Wespen angestochene Beeren sind gefährlich, da sie Essigbakterien in den Wein bringen können. Auch faule Beeren müssen einzeln entfernt werden. Um eine gute Qualität zu erreichen, werden bei uns alle Trauben beim Leeren der Kübel in grössere Behälter nochmals geprüft. (Profibetriebe lassen die Trauben bei der Anlieferung oft über ein Band laufen, wo erfahrene Personen schlechte Trauben und Beeren nochmals ausscheiden).

Am Abend, wenn alle Trauben im Fass sind – dann freilich stellt sich beim (Hobby-)Winzer eine grosse Zufriedenheit ein. Bei jenen, die von den Reben leben, sicher auch ein grosses Aufatmen!

Schluss der Serie „virtuelles Jahr des Winzers“

Mit diesem Beitrag endet „das virtuelle Jahr des Winzers“. Ich hoffe, die Serie hat einen kleinen Einblick in die tolle, aber oft auch harte Arbeit gegeben, die notwendig ist, um einen guten Wein zu erzeugen. Wer will, kann mit diesen Links alles nochmals nachlesen:
https://victorswein.blog/virtuelles-rebjahr/

Und im nächsten Februar startet glücklicherweise alles wieder von vorne: Wir beginnen mit dem Schneiden der Reben:
https://victorswein.blog/2018/02/11/virtuelles-weinjahr-folge-1-der-schnitt/

Und zum Schluss: 2018 war ein in jeder Hinsicht ver(-)rücktes Jahr. Noch nie haben wir in den 30 Jahren zuvor im September Pinot noir geerntet; es gab schon Jahre, da lag der „Wümmet“ im November – diesmal fand die Ernte schon am 22. September statt. Noch nie haben wir wie 2018 Trauben mit 106° Oechsle abgeliefert – und gleichzeitig (und dafür schäme ich mich eher) haben wir noch nie eine so grosse Menge geerntet (260 kg auf 4 Aren).

 

 

„Gewimmelt“, aber nicht abgewimmelt!

Peter Wegelin in Malans – resp. sein „Gehilfe“ Harri Kunz: perfekte Gastgeber, toller Winzer!

1111-wimmeln
„Wimmeln“ (Weinlese) im Scadena-Rebberg. Er liegt im Dorf Malans und ist von Mauern umgeben – „Clos Scadena“ sozusagen.

Gewisse Geschichten entstehen zufällig, sind dafür dann aber um so sympathischer. Ich war mit Freunden auf einer Mountainbiketour, und nach 600 rasanten Höhenmetern Abfahrt auf einem Trail waren wir in Malans. Zum Glück insistierte einer der Kollegen, dass sich hier eine Ortsbesichtigung geradezu aufdränge. So umrundeten wir auch den „Wingert“ des Scadenagutes von Peter Wegelin und kurvten auf dem Vorplatz des geradlinigen, architektonisch überzeugenden Kellergerbäudes herum (ein Hoch auf jene, die diesen modernen Bau trotz demkmalgeschütztem Umfeld erlaubt haben!).

Eigentlich wollten wir gar keinen Wein probieren, nur von Aussen etwas „schnuppern“, schliesslich hat sich Wegelin seit einigen Jahren an der Spitze der Bündern Weinbauern etabliert. Aber als wir schon wegfahren wollten, da griff Harri Kunz ein: Er war noch in der Küche beschäftigt (die oberste Etage des Gebäudes dient als Degustations- und Veranstaltungsraum). „Ob er uns etwas zeigen könne“? Wir fanden „nein“, da wir ja noch weiterfahren wollten. Aber nach einer kurzen Pause fand Kunz: „Kommt, einen Wein mindestens müsst ihr probieren“.

Eine extreme Überzeugungskraft brauchte er nicht, also fanden wir uns bald auf der Terrasse mit wunderschönem Blick auf den Scadena-Wingert und einem Glas Weissburgunder in der Hand wieder. Und dazu, als wäre es so bestellt gewesen, war auch gerade noch der Winzer Peter Wegelin selbst anwesend – er machte gerade eine kurze Pause vom „Wimmlen“ – so heisst in der Bündner Mundart die Weinlese. Eigentlich war Wegelin gerade am Aufbrechen, um wieder zu arbeiten – aber auch er liess es sich nicht nehmen, uns zu begrüssen.

1111-wegelin-kunz
Winzer Peter Weglin (links), vor dem Scadena-Wingert, und Gastgeber Harri Kunz (rechts)

Mit Harri Kunz hatten wir danach vergnügliche Minuten, und er bestand darauf, uns auch noch den eindrücklichen Keller zu zeigen, wo wir mitten durch Traubenanlieferungen und Pumpschläuche hindurch einen authentischen Einblick in den Weinbetrieb erhielten.

1111-keller-scadena
Zweites Untergeschoss des modernen Gebäudes: Die Barrique-Kunst-„Kathedrale“ von Wegelin

Fazit: Statt Abwimmeln beim „Wimmeln“ wurden wir empfangen, resp. sogar zu einem Besuch eingeladen. Verkauft haben Wegelin resp. Kunz kurzfristig nichts, das war auch kaum zu erwarten, wir waren ja per Moutainbike und mit kleinen Rucksäcken unterwegs (und ganz abgesehen davon ist bei Wegelin im Moment auch fast alles ausverkauft). Gewonnen haben sie extrem viel Goodwill von vier Weinfreunden, die – auch angesichts des tollen servierten Pinot blancs – sicher nicht zum letzten Mal in diesem Gebäude verkehrt haben.

Marketing ist manchmal ganz unvermittelt persönlich – und wirkt so wohl am Besten.

PS: Und so ganz am Rand: Ich verfolge das Wirken von Peter Wegelin schon seit vielen Jahren, und er machte schon immer gute Weine, hat sich aber in dieser Zeit mit seinem Schaffen mit an die absolute Spitze der Bündner Herrschaft gehievt. Insbesondere die jüngsten Jahrgänge sind, sowohl Rot als auch Weiss, sehr überzeugend – wohl kein Zufall, denn seit einigen Jahren arbeitet das Gut biologisch, ohne viel Aufhebens darum zu machen.

https://www.malanser-weine.ch/

PS. Und auch Harri Kunz ist kein Unbekannter. Als Freund des Hauses Wegelin war er vor Ort, um beim „Wimmeln“ zu helfen (oder aber, um weinaffine Biker zu empfangen; vielleicht hat er uns das ja angesehen… ) eigentlich ist er aber Eventmanager – bei Bedarf hilft „googeln“.

 

 

 

Das Jahr des Winzers (15): detailbesessene Qualitätspflege

111.qualität.wespe
Wespen lieben süsse Trauben. Manuelle Arbeit bei der Entfernung von angefressenen Beeren hilft, die Weinqualität zu steigern (Bilder vl)
111111111
Die von Wespen angefressene Beere (rechts, rot eingekreist) wird entfernt, damit wieder eine pefekte Traube zur Ernte bereit steht

Bald neigt sich das Weinjahr mit der Ernte dem Höhepunkt und Ende entgegen. Wie gut der Wein des Jahres dann wird, hängt weit gehend von den klimatischen Bedingungen, aber auch von der bisherigen Rebarbeit ab. Im Herbst kommt nun in qualitätsbewussten Betrieben noch das „Tüpfchen auf dem i“ dazu. Wer riesige Flächen zu bearbeiten hat, kann diese Detailarbeit nicht ausführen, aber wer wirkliche Spitzenweine herstellen will, kommt nicht um diese aufwändige Pflege umhin! Von Martha Gantenbein gibt es die – vermutlich wahre – Legende, dass sie im Herbst täglich alle Rebzeilen abschreitet und akribisch alle unerwünschten Trauben und Beeren entfernt.

Oben abgebildet ist die „Arbeit“ der frechen Wespen. Nicht entfernte, angefressene Beeren können die Bildung von Essigbakterien fördern, was zu Fehlgärungen, und im Extremfall zu ungeniessbarem Wein führen kann.

Es gibt aber auch Qualitätsarbeit im ganz kleinen Rahmen:

1-qualit
Ein keines Detail: Eine Beere, die noch völlig unreif ist (links, rot eingekreist). In einem Durchschnittswein macht das nichts aus – für einen Spitzenwein kann das sich negativ auswirken, vor allem, wenn es viele Trauben mit solchen Beeren gibt.
1-a-ccc
Ein anderes Beispiel einer in der Entwicklung zurückgebliebenen Beere. Solche Beeren beginnen häufig auch schneller zu faulen, das Entfernen dient also der Weinqualität gleich doppelt

 

Spitzenqualität beim Wein hat also immer auch mit – arbeitsintensiver – Detailpflege zu tun. Man wundere sich deshalb nicht, dass Qualität auch mehr kostet.

Es zieht sich wie ein roter Faden durch „das Jahr des Winzers“: Ohne Handarbeit geht wenig, und dort, wo eine Mechanisierung oder Automatisierung möglich ist, ersetzt sie trotzdem nur bedingt die qualitätsbewusste Handarbeit.

Das, was ich in diesem Beitrag schildere, wird nur von qualitätsbesessenen „Freaks“ wirklich ausgeführt – aber genau das macht u.a. den Unterschied zwischen einem nur guten und einem herausragenden Wein aus.

Es lebe die qualitätsbewusste Handarbeit!

 

 

 

Schweizer Weinbuch des Jahres?! Schweizer Rebsorten von José Vouillamoz

Einführungsangebot mit 20 % Rabatt

Ich bin ja alles andere als ein Schnäppchenjäger. Aber hier muss man einfach zugreifen, wenn man sich für die extrem vielfältigen Rebsorten der Schweiz interessiert. José Vouillamoz, einer der weltweit führenden Ampelographen, legt sein Buch über Schweizer Rebsorten nun bald auch in deutscher Sprache auf. Es kann vor dem offiziellen Erscheinen mit 20 % Rabatt bestellt werden (was ich soeben getan habe).

vouillamoz

https://www.haupt.ch/Verlag/Buecher/Natur/Pflanzen/Schweizer-Rebsorten.html

Auf die eigene Homepage von José Vouillamoz hatte ich schon einmal hingewiesen:

https://victorswein.blog/2018/08/05/amigne-walliser-raritaet-mit-enormem-potential/

sie lohnt einen Besuch allein schon aufgrund der wundervollen Bilder/Videos von Walliser Reblandschaften auf der Eingangsseite!

 

 

Bandol? Ferien am Mittelmeer. Aber vor allem toller Wein!

Me(h)er als ein Lichtblick: Château Pibarnon

bandol
Weinbaugebiet Bandol mit Blick auf Le Castellet: wenig bekannt, völlig unterschätzt! (Bild vl)

Bandol – das bedeutet für viele bestenfalls eine Feriendestination am Mittelmeer – Sonne und Strand, und sehr nahe des Calanques-Nationalparks, jener wundervollen Kalkstein-Küstenformation, welche Alpen-Feeling direkt am Meer ermöglicht.

Bandol – das ist aber auch ein Weinbaugebiet mit fast 1’500 Hektar Fläche – und eine Weingegend, die völlig abseits des Mainstreams wundervolle Weine hervorbringt. Zwar gibt es auch spannende Weissweine, und gute Rosés, aber wirklich charakteristisch sind die Roten, die zum Hauptteil aus der kapriziösen Rebsorte Mourvèdre erzeugt werden. Bandol, das ist ohne Zweifel die Mourvèdre-Hauptstadt der Welt.

Meine frühesten Erinnerungen an Bandol-Weine betreffen die heute noch mit zur Spitze gehörende Domaine Tempier, vor allem mit ihren Lageweinen La Tourtine und la Migoua. Die Mourvèdre neigt dazu, Weine mit etwas Kohlensäure hervorzubringen, was (nicht nur) bei einem Rotwein unerwünscht ist. Ich hatte vor 30 Jahren die Gelegenheit, einen Versuch des Gutes mit drei Varianten des gleichen Weines zu degustieren: einmal der Wein „pur“, einmal „chuté une fois“ und dazu „chuté deux fois“. Dabei wurde der gleiche Wein nach der Vinifikation einmal naturbelassen, für die beiden Varianten einmal oder zweimal aus rund 4m Höhe in einen Behälter gegossen. Das erzeugt die gleiche Wirkung, wie wenn ein kohlensäurehaltiges Mineralwasser umgeleert wird – die Kohlensäure entweicht. Mit Abstand am besten fanden alle Degustatoren damals den zweimal umgeleerten Wein, also mit möglichst wenig Kohlensäure.

Heute haben die Winzer in Bandol das Kohlensäure-Problem offensichtlich im Griff; kaum ein Rotwein ist mehr kohlensäurehaltig. Gebieben ist die charaktervolle Art eines Mourvèdre-Weins. In der Jugend sind die Weine „wild“ und unnahbar, mit etwas Reife werden sie, ohne an Charakter zu verlieren, sanft wie Samt und Seide.

Soeben, völlig begeistert, haben wir den 2012er von Château de Pibarnon probiert und genossen. Nun ist das Gut ja keine Entdeckung, es gilt allgemein als das beste in Bandol. Und trotzdem, der Wein ist bemerkenswert und einen Beitrag wert. Noch vor einem Jahr war er ziemlich wild und unzugänglich, ich notierte damals „nicht reif, aber viel Potential“. Heute, im Alter von sechs Jahren, zeigt er sich ganz anders:

Mittleres, glänzendes, immer noch jugendliches Bordeauxrot; in der Nase dunkle Früchte (schwarze Kirschen, Heidelbeeren, reife Trauben), würzig (Pfeffer, Oregano), leichter Vanilleton; im Mund schöne Säure, reife, feine Tannine, wie Samt und Seide, mit sehr langem Abgang. Toller Wein, den ich manchen höherkotierten Provenienzen, durchaus auch gutem Bordeaux, vorziehe.

(90 % Mourvèdre, 10 % Grenache)

Château Pibarnon umfasst rund 50 Hektar Reben, in wunderschöner, teils amphiteatherähnlicher Lage auf rund 300 m (schauen Sie selbst auf der Homepage, Link unten), und trotzdem in Meeresnähe. Das Gut gilt – augenscheinlich zu recht – als absolut führend in Bandol. Nebst dem hier beschriebenen „Flaggschiff“ werden auch tolle Rosés und Weissweine produziert.

https://www.pibarnon.com/en/
Bezugsquellen: Diverse, am besten „googlen“, sonst hier (jüngerer Jahrgang):
https://www.martel.ch/shop/chateau-de-pibarnon.html

Und im Artikel auch beschrieben:
https://www.domainetempier.com
Bezugsquellen; dito, sonst: www. divo.ch

Jahr des Winzers (14): Der Vogelschutz

Für den grösseren Teil der Reben in der Schweiz wird zwar kein Schutz vor Vogelfrass angebracht, und die paar hungrigen Kleinvögel, welche ein paar Trauben „stibiezen“, sind auch nicht das Problem. Aber ein Schwarm von Staren kann eine gewisse Fläche innert Minuten kahlfressen. Ich selbst hatte vor einigen Jahren bei der Ernte die Trauben an mehreren Stöcken hängen gelassen, um daraus Traubensaft herzustellen, den Vogelschutz aber schon abgestellt. Zwei Tage später war keine einzige Beere mehr am Stock!

11111-x
Ein solcher Vogelschwarm (es sind Staren) genügt, um erheblichen Schaden anzurichten.

Viele Winzer schützen ihre Reben deshalb auf veschiedenste Weise. Die gute alte Vogelscheuche hilft wenig, aber Netze und lärmende (oft Vogelstimmen imitierende oder „schiessende“) Maschinen halten gefrässige Vögel ab.

11111111
Verschiedene Arten von Vogelschutz: Netze (oben links gleichzeitig als Hagelschutz dienend) und lärmende Anlagen (unten links)

Wir haben mit unserem kleinen Rebberg das Glück, uns an dem aus meiner Sicht effizientesten Vogelschutz anhängen zu können: einer „Bächli-Anlage“ unseres Rebnachbars. Benannt nach dem Hersteller, handelt es sich um einen Apparat, der, mit einem Elektromotor betrieben, eine Stange in einstellbaren Intervallen um ca. 50 cm von links nach rechts bewegt. Daran befestigte Schnüre bewegen sich mit, und wiederum daran befestigte Bändel schwenken hin und her und vertreiben jeden gefrässigen Vogel.

1111-bächli-1
„Tanzende“ Bändel dank der Rotation der „Bächli-Anlage“. Da bleibt kein Vogel ruhig am Fressen.
111-bächli
Ein Detail der Anlage: Umlenkrolle für die an der Bächli-Anlage befestigte Schnur.

Wir haben dank dieser Vogelschutzanlage innert 30 Jahren bei laufender Anlage nie einen nennenswerten Ernteausfall aufgrund von Vogelfrass gehabt. Was der Weinfreund aber bedenken sollte: Egal wie Vogelschutz betrieben wird – er kostet Zeit und Geld, und das wirkt sich auf den Weinpreis aus! Ich brauche beispielsweise jährlich rund 3 Stunden (und viel Kraft beim Einschlagen der Pfähle), um die Anlage für unsere kleinen 4 Aaren Reben einzurichten.

http://www.baechli-endingen.ch/