Bemerkenswert

Michael Broger – der Pinot-Magier

michael Broger
Michael Broger in seinem kleinen und engen Weinkeller

Wenn ich meinen Weinblog vor einem Jahrzehnt begonnen hätte, wäre schon damals mein erster Beitrag Michael Broger gewidmet gewesen. Denn seit rund 10 Jahren verfolge ich nun sein Wirken. Und in all der Zeit ist meine Faszinaton für seine Weine nur noch gestiegen, deshalb beginnt mein Blog auch heute mit dem ruhigen, sympathischen Winzer.

Anfang der 2000er-Jahre wurde langsam einer grösseren Weinöffentlichkeit bewusst, dass auch in der Ostschweiz hervorragende Pinot’s (=Blauburgunder) hergestellt werden. Die bekannten Namen waren etwa Gantenbein (damals noch bezahlbar), Studach, Baumann, Meier, Pircher und Zahner (letzterer heute noch so preiswert wie damals). Daneben übte sich eine Vielzahl von Winzern darin, den Pinotsaft im Holz zu baden und am Schluss einen mehr oder weniger holzbetonten, häufig langweiligen Wein anzubieten (okay, viele davon haben inzwischen die Kurve auch gekriegt).

Ich degustierte mich damals also durch manche Enttäuschung, aber der erste Besuch bei Michael Broger in Ottoberg am Ottenberg bei Weinfelden (Thurgau, Schweiz) wurde zum Aha-Erlebnis. Bei den Blauburgundern (noch heute vermeidet er den Begriff Pinot noir, was entweder für seine Bescheidenheit oder aber Korrektheit steht, denn in seinen Rebbergen wachsen Schweizer Klone, etwa 2/45, 10/5 aber auch Mariafeld [Quelle: www.sutterweine.ch ]) arbeitete er ausschliesslich mit Barriquen, und trotzdem spürte man das Holz praktisch nicht. Im Gegenteil, seine Weine waren und sind bis heute in der Jugend in der Nase eher dezent, gar von Grüntönen unterlegt, alles andere als vordergründig fruchtig – und eigentlich wenig typisch für Pinot. Aber vor allem: Diese Weine hatten Tiefgang und hallten fast unendlich nach. Der Spitzenwein, „alte Rebe“, gewonnen aus rund 40-jährigen Stöcken, war ein geradezu meditativer, magischer Wein.

Ich war überzeugt, hier eine echte Trouvaille gefunden zu haben, und ich war mir ebenso sicher, dass diese „alte Rebe“ Zeit braucht. Bewiesen wurde das Jahre später in einer Blinddegustation, die ich 2012 mit Freunden durchführte, und in der 10 absolute Spitzenpinots des Jahrgangs 2006 aus der Schweiz sowie 2 „Piraten“ aus dem Burgund vertreten waren. Mein persönlicher Sieger war Broger; die „alte Rebe“ war immer noch absolut jugendlich, hatte sich aber geöffnet und wies nun die Fruchtaromen auf, die den so unverwechselbaren Pinot-Ton ausmachen. Und der Wein war elegant und hatte weiterhin Tiefe und Länge.

Inzwischen hat sich Broger zwar entwickelt, es gibt jetzt auch Rotweine mit weniger Holzkontakt, und das Sortiment ist breiter geworden, auch bei den Weissen. Geblieben ist der magische Stil und der Umstand, dass die Weine eine gewisse Reife brauchen. Seit etwa 8 Jahren dazugekommen ist auch ein bio-dynamisch hergestellter Wein, zu dem es eine schöne Geschichte gibt. Ich glaube mich zu erinnern, dass es sein erster Jahrgang war,  abgefüllt unter völligem Verzicht auf Schwefel. Broger warnte mich denn auch, er könne keine Haltbarkeitsgarantie geben, am besten trinke ich ihn innert Jahresfrist. 5 Jahre später habe ich die letzte Flasche verkostet: einwandfrei, wunderbar gereift und voller – eben – Magie!

http://www.broger-weinbau.ch

Bezugsquelle u.a.


http://www.sutterweine.ch (bemerkenswerte kleine Weinhandlung, die ausschliesslich Schweizer Spitzenweine führt)

Weitere Bezugsquellen und Restaurants sind auf der Homepage des Winzers ersichtlich

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Auch die Etiketten zeigen: kunstvoll statt marktschreierisch (Bild vl)

Weinsorte der Zukunft – mit wunderbaren Weinen in der Gegenwart!

Nizza. Bei diesem Stichwort muss jemand ein ziemlicher Weinfreak sein, um nicht zuerst an Meer und Sonne zu denken. Dem Weinfreund kann man aber nur den Blick auf das andere Nizza – Nizza Moferrato im Piemont – empfehlen. Hier werden herausragende Weine aus der Barbera erzeugt, einer Rebsorte, der eine grosse Zukunft prognostiziert werden kann. Eine kürzlich durchgeführte Degustation des Weinmagazins Vinum gab einen Einblick in grossartige Weine.

Barbera? Das war in meiner Jugend jener eigentlich ungeniessbare Tropfen, der in Pizzerias als Hauswein angeboten wurde und dem ich heute mit Sicherheit ein Glas Wasser vorziehen würde. Diese „Weine“ haben das Image der Traubensorte Barbera hierzulande ziemlich nachhaltig beschädigt. Es brauchte Leute wie Giacomo Bologna, der an die Sorte glaubte und mit dem Bricco dell’Uccellone auch einen wirklich herausragenden Wein produzierte, der zum Umdenken anregte – 2022 feiert dieser Wein gerade sein 40-Jahr-Jubiläum.

Bilderbuchlandschaft in der DOCG Nizza bei Nizza Monferrato (Bild am Homepage der Associazione)

Nochmals 20 Jahre später gründete eine Reihe von Barbera-Produzenten im Bereich von Nizza Monferrato die „Associazione Produttori del Nizza“ mit dem Ziel, das Anbaugebiet um die Stadt unter den Barbera-Produzenten als besonders herauszustreichen. Tatsächlich kann man angesichts der heutigen qualitativen Dichte von einer Art „Grand Cru“ der Barberas sprechen. Das wird auch belegt durch den Umstand, dass das früher zu Barbera d’Asti gehörende Gebiet im Jahr 2014 den Status einer DOCG erhielt. Nizza DOCG bedeutet, ohne dass es ersichtlich wäre, dass der Wein zu 100 % aus Barbera gekeltert sein muss – dies im Unterschied zu anderen Barbera-Appellationen, wo 10 – 15 % andere Sorten zugelassen sind.

Barbera: Hitzebeständig und säurebetont

Zwar ist die Barbera – deren Heimat übrigens im Monferrato vermutet wird – eine der weltweit am meisten angebauten Sorten, aber eben, ihr Image ist immer noch schlecht, siehe Einleitung. Dabei hat sie nicht nur ein an guten Lagen hervorragendes Qualitätspotential, sondern auch Eigenschaften, die sie wie geschaffen für den Anbau in Zeiten der Klimaerwärmung macht. Freilich schrieb Jancis Robinson schon 1986 in ihrem Buch „Reben – Trauben – Weine“: „… die Barbera über ein hochgezüchtetes Potential besitzt, allerdings nur in Gegenden, die kühler sind als die, wo sie so enthusiastisch gepfegt wird. Nordwestitalien sagt ihr am besten zu“. Mit der enthusiastischen Pflege waren vor allem heisse Gegenden im Süden gemeint.

Umgekehrt schrieb die Autorin schon damals, dass die Barbera als Sorte gilt, die auch in heissen Gegenden zuverlässig Weine mit erfreulich hohem Säuregehalt hervorbringt. Und genau diese Eigenschaft, gepaart mit mässigem Tanningehalt, macht sie heute so spannend. Was will man mehr: Eine Sorte, die bei guter Pflege und guten Böden qualitativ hervorragend ist, gleichzeitig aber auch hitzebeständig, die über eine hohe Säure verfügt, aber auch über Dichte und Struktur, so dass selbst ein guter gemachter Wein mit 14,5 Vol-% Alkohol absolut nicht plump oder alkoholisch wirkt. Da die Winzer gleichzeitig besser gelernt haben, mit heissen Sommern umzugehen – z.B. durch einen Verzicht auf das Auslauben der Traubenzone – kann auch in Hitzejahren die Qualität herausragend ausfallen.

Barolowinzer kaufen sich in Nizza ein

In den 20 Jahren seit der Gründung der Associazione Produttori del Nizza hat sich das Gebiet unglaublich entwickelt. Die Produzenten konnten zeigen, welch Potential die Barbera hier hat, und ein Teil der Weinwelt hat das auch schon gemerkt, was zu einem – aus Produzentensicht – erfreulichen Preisniveau geführt hat. Zumindest der produzierende Teil der Weinwelt wurde auf die Appellation ohnehin aufmerksam, und deshalb kauften auch immer mehr renommierte Güter wie Prunotto (= Antinori) oder Stefano Gagliardo auch Reben in der DOCG Nizza.

Die Karte für eine grosse Zukunft: Das Verständnis für die Terroirs soll zu noch besseren Weinen führen. Und vielleicht zu echten Crus.

Wie die nachfolgenden Degustationsnotizen zeigen, weisen die Weine aus Nizza schon heute eine tolle Qualität auf. Es könnte aber mit den Jahren an der Spitze sogar noch besser werden. Denn die einzelnen Lagen im Gebiet sind noch nicht gut erforscht. Stefano Chiarlo, Präsident der Associazione Produttori del Nizza, sagt denn auch, es sei noch zu früh, Lagen zu klassieren, es fehle an Erfahrung. Klar sei aber, dass es grosse Unterschiede gebe, und dass es wahrscheinlich sei, dass auch im Gebiet Nizza eines Tages „Crus“ entstehen. Ein erster Schritt dazu wurde im kürzlich mit einer Karte über das DOCG-Gebiet gelegt. Fachmann Alessandro Masnaghetti, der bereits Barolo und Barbaresco kartographiert hat, schuf eine Grundlage, die von grossem Wert sein dürfte. Dass es grosse Unterschiede gibt, die sich auch im Wein bemerkbar machen müssen, lässt sich allein aus der Tatsache ableiten, dass es im Gebiet unterschiedliche Böden mit Sand, Lehm und Schiefer gibt – von der Ausrichtung, dem Mikrokilma und der Meereshöhe einmal ganz abgesehen.

Sympathische Protagonisten der Degustation: Stefano Chiarlo, Präsident der Associazione Produttori de Nizza (und Inhaber des Gutes Michele Chiarlo, welches meinen Siegerwein stellte) und Christian Eder, Italien-Redaktor von Vinum.

Vinum lud zusammen mit der Associazione Produttori del Nizza in Zürich zu einer Deugstation mit 12 Weinen ein, davon 5 Riservas. Es war eine tolle Auswahl, verteilt auf die Jahrgänge 2020 – 2014. Vinums Italien-Redaktor Christian Eder führte stilsicher durch den Anlass und Stefano Chiarlo, Präsident der Associazione Produttori del Nizza gab spannende, ergänzende Hinweise aus erster Hand.

Hier meine Notizen:

Nizza DOCG Riserva la Court 2019, Michele Chiarlo
Mittleres Rot; feiner Duft nach sowohl hellen als auch dunklen Früchten, schwarze Kirschen und einem ganzen Strauss von Gewürzen; im Mund dicht, aber auch sehr elegant, hohe, aber wunderschöne Säure, für einen Barbera mit viel Tannin versehen, das sehr fein ausfällt. Langer Abgang. Inspirierender, grossartiger Wein. 18 Punkte

Nizza DOCG Riserva 2018, Tenuta Olim Bauda
Eher dunkles Rot mit leichten Reifetönen; sehr feine, vielschichtige Nase mit eher hellen Fruchttönen und würzigen Anflügen; im Mund hohe, aber sehr schöne, „saftige“ Säure, dichte Struktur. Im langen Abgang wieder fruchtbetont. Charaktervoller, im Stil „altmodischer“, aber wunderbarer Wein. 17,5 Punkte

Nizza DOCG Riserva Epico 2019, Pico Maccario
Mittleres Rot; feiner Duft nach Rosinen, würzig, Holznote; im Mund ebenfalls spürbar neues Holz, daneben sehr fruchtig, tolle, gut eingebundene Säure, feine Tanninstruktur, elegant, langer Abgang. Aufgrund des Einsatzes von neuem Holz etwas untypisch, aber ein sehr schöner, eleganter Wein. 17 Punkte.

Nizza DOCG Riserva Bricco Bonfante 2016, Marco Bonfante
Mittleres Rot; verhaltene, aber elegante Nase mit getrockneten, dunklen Früchten und dunklen Kirschen, balsamisch; im Mund erstaunlich fruchtig, dezenter Holztouch, saftige, schöne und straffe Säure, leicht trocknende Tannine, langer Abgang. Fruchtbetoner, schöner, vielleicht etwas gar „geschliffener“ Wein. Ist trotz seines Alters noch absolut frisch und deutet an, wie gut Barbera altern kann. 16,5 Punkte.

Erst beim Aufarbeiten der Notizen wird mir hier bewusst, dass ich vier der fünf Riservas an die Spitze gesetzt habe! Spannend – und offenbar ist da schon was dran an der noch eine Spur höheren Qualität!

Nizza DOCG Tre Secoli 2017, Tre Secoli
Mittleres Purpur; vor allem helle Frucht, daneben auch Anflüge von Dürrpflaumen und Gewürz; im Mund tolle Frische, schöne Säure, etwas trocknende Tannine, rund und ausgewogen, mittlerer Abgang. Schöner Wein, der alle Vorurteile gegen Genossenschaften widerlegt. 16,5 Punkte.

Nizza DOCG Viti Vecchie 2019, Gianni Dolgia
Mittleres Rot; etwas verhalten mit heller Frucht und roten Kirschen; eleganter, aber auch kraftvoller Wein, prägnante, saftige Säure, spürbares, aber sehr feines Tannin, mittlerer, sehr fruchtiger Abgang. Schöner, eleganter Wein. 16,5 Punkte.

Nizza DOCG RU 2014, Erede di Chiappone Armando
Mittleres Rot mit leichten braunen Reifetönen; getrocknete Aprikosen und Pflaumen, dazu auch helle Fruchttöne; im Mund sehr ausgewogen, sehr schön gereift und immer noch frisch, schöne, gut eingebundene Säure, leichter, aber schöner Bittertouch, langer Abgang. Macht jetzt richtig Spass, schöner Wein aus einem nicht ganz einfachen Jahr. Und ein Beweis für das grosse Reifepotential der Nizza-Weine! 16,5 Punkte

Nizza DOCG Riserva Neuvsent Gianola 2015, Cascina Garitina
Vorab: Das ist ein etwas polarisierender Wein, dem ich, trotz immer noch sehr guter Note, vielleicht etwas unrecht tue. Der Wein ist mit einem Drehverschluss versehen, und vielleicht hätte er einfach noch viel mehr Luft benötigt. Freilich kann es auch am Ausbau liegen, der Wein ruhte 3 Jahre im Holz.
Dunkles Rot, sehr starke reduktive Töne; dunkle, reife und getrocknete Früchte, erinnert ein wenig an einen gelungenen Zinfandel; im Mund gute Säure, fruchtig, aber fast etwas „überreif“, gewinnt aber mit der Zeit sowohl an Aromen als auch an Audruckskraft im Mund, langer Abgang. Spezieller, spannender Wein, der es lohnte, ihn weiter zu verfolgen. 16,5 Punkte.

Weitere degustierte und für gut befundene Weine:
Nizza DOCG Favã, 2020 Tenuta Garetto. Etwas rustikaler Wein, der dennoch eine gewisse Eleganz aufweist. 16 Punkte
Nizza DOCG Cala delle Mandrie 2018, La Giribaldina. Gut gemacht, getrockente Früchte vorherrschend, trocknende Tannine, mir fehlt ein wenig die Ausdruckskraft, 16 Punkte
Nizza DOCG Cremosina 2019, Bersano. Schöner, süffiger Wein, dem etwas die Ecken geschliffen wurden, 15,5 Punkte
Nizza DOCG Bric del Marchese 2018, Coppo. Ein wenig in Richtung „Fruchtbombe“ vinifiziert, aber gut gemacht, Geschmacksache. 15,5 Punkte

Mein persönliches Fazit, ganz im Ernst: Die besten Nizza DOCG können, obwohl die Weine eigentlich nicht vergleichbar sind, in Sachen Qualität mit Spitzenweinen aus Barolo und Barbaresco mithalten. Das Rennen um die „besten“ Weine des Piemont ist eröffnet.

Il Nizza – Associazione dei produttori del Nizza
VINUM – Magazin für Weinkultur | vinum.eu

Michele Chiarlo Winery – Experience the best crus in Piemonte
Barbera d’Asti e i migliori vini del Piemonte – Tenuta Olim Bauda
Pico Maccario |
== MARCO BONFANTE WINERY ==
Home | tresecoli.com
Home Page – Gianni Doglia
Erede di Chiappone Armando – Piemonte on wine
Cascina Garitina


Interessennachweis: Die Degustation in der Giesserei Oerlikon fand auf Einladung von Vinum ohne jegliche Verpflichtung statt.

Dem Tod von der Baggerschaufel gesprungen!

Der älteste in der Schweiz angebaute Pinot noir heisst heute Servagnin – und wäre, trotz 600 Jahren Geschichte, beinahe ausgestorben. Zum Glück blieb er uns erhalten. Hier die abenteuerliche Geschichte und ein toller Wein!

Um als unsichere Legende abgetan zu werden, sind die Geschehnisse noch zu jung. Dennoch sind bereits verschiedene, allerdings im Kern ähnliche Varianten im Umlauf. Besonders gut gefällt mir jene von Vinum (9/22) und die geht so: Der Salvagnin (bzw. Servagnin, siehe dazu später) galt im vorigen Jahrhundert als unzeitgemäss und kapriziös, also wurde er nach und nach durch andere Sorten bzw. Klone ersetzt. Als die letzte Rebfläche gerodet wurde, war das dem Baggerfahrer dann doch zu viel des Frevels. Also nahm er ein paar Stöcke nach Hause und pflanzte sie in seinem Garten. Dort überlebten je nach Quelle einer oder einige Stöcke, und aus diesen bzw. diesem gewann 1963 der Winzer Pierre-Alain Tardy die ersten Zweige, um die Sorte wieder neu zu lancieren.

Pinot aus dem Privatgarten

Als gesichert gilt jedenfalls, dass der Gartenbesitzer Werner Kaiser hiess und tatsächlich bei einem Bauunternehmen arbeitete. Da auch die Rodung der letzten Parzelle mit Salvagnin/Servagnin als wissentlicher Akt dargestellt wird, kann als sicher angenommen werden, dass es sich beim Rettungsversuch für die Sorte um eine bewusste Handlung des Werner Kaiser handelte. Er war sich denn später auch sicher, Pierre-Alain Tardy tatsächlich die von ihm gesuchte Sorte zur Verfügung stellen zu können.

Inzwischen bauen wieder 20 Winzer die Sorte auf rund sieben Hektar rund um Morges an, und die Qualitäten des fast ausgestorbenen Salvagnin/Servagnin werden heute wieder hoch geschätzt. Wenn man etwas weiter in der Geschichte zurückblättert, ist das auch gar nicht so verwunderlich:

Pest- oder Wirtschaftsflüchtende?

In die Schweiz gebracht, genauer nach Saint-Prex bei Morges, wurde die Sorte im Jahr 1420 durch Marie de Bourgogne, die Gemahlin eines Herzogs von Sayoyen. Je nach Quelle flüchtete sie vor der Pest – oder aber aus finanziellen Gründen. Jedenfalls wurde sie am Genfersee gut aufgenommen und als Dank für die Gastfreundschaft liess sei einige Setzlinge des Salvagnin aus dem Burgund nach Morges kommen. Salvagnin ist eine alte Bezeichnung für den Pinot noir – und damit gilt als gesichert, dass die Region Morges die erste in der (späteren) Schweiz war, in der Pinot noir angepflanzt wurde.

Die „Côte“ und der Genfersee vom Signal de Bougy aus gesehen. (St. Prex und Morges befinden sich links ausserhalb des Fotos)

Nun gilt es noch die Namensgebung aufzulösen: Die Rebe fand unter dem Namen Salvagnin de Morges oder Salvagnin de Saint-Prex, aber auch als Pinot Salvagnin und als Servagnin Verbreitung – bis zum Niedergang in den vorigen zwei Jahrhunderten. Nach der „Wiedergeburt“, welche gegen Ende des letzten Jahrhunderts speziell durch Raoul Cruchon (Domaine Henri Cruchon, Morges, heute einer der Top-Betriebe der Region) vorangetrieben wurde, konnte er nicht unter dem ursprünglich am meisten verwendeten Namen „Salvagnin“ auf dem Markt gebracht werden. Dieser Name wird nämlich inzwischen als Gattungsbezeichnung für einen in der Regel eher einfachen Wein aus dem Waadtland genutzt, welcher – als Pendant zum Dôle im Wallis – meist aus einer Mischung von Pinot noir und Gamay oder auch nur aus Pinot besteht. Mit etwas Graben im Archiv wurde aber schliesslich auch die frühere Bezeichnung Servagnin gefunden, und so heisst heute eben ein Salvagnin de Morges oder de Saint-Prex neu „Servagnin“.

Kürzlich bin ich im Keller auf eine jener „irgendwann zu Degustieren“-Flaschen gestossen, welche oft eher enttäuschen, hin und wieder aber auch ein echtes Highlight darstellen. Und beim Servagnin von Perey vins war es definitiv „hin und wieder“. Welch wunderschöner Pinot (sorry, Servagnin)!

Perey vignerons-encaveurs, sind eigentlich zwei Güter, die Domaine de la Balle in Vufflens-le-Château, und die Domaine des Abesses in Echandes, die allerdings nur etwa drei Kilometer auseinander domiziliert sind. Zusammen ergeben sich so rund 10,5 Hektar Reben. Der Servagnin wird aus Trauben beider Güter komponiert.

Die Etiketten erscheinen übrigens für alle Servagnin gleich, nur der Zusatz unterhalb gibt den Hinweis auf den jeweiligen Produzenten. Das ist meines Erachtens sehr gutes Marketing – wer sagt denn, Winzer könnten nicht gemeinsam etwas Tolles schaffen!?

Servagnin, Morges Crand Cru, 2019, Perey
Relativ dunkles Rot; eher verhaltene, aber sehr vielschichtige Nase mit fruchtigen Noten von Johannis- und Himbeeren, würzige Anflüge, aber auch Noten von Dörrpflaumen. Im Mund ausgesprochen dicht, schöne, feine Tannine, angepasste Säure, „saftig“ und mundfüllend, trotz Kraft auch mit einer gewissen Eleganz, langer Abgang. Würde man blind vielleicht durch seine Fülle nicht gleich als Pinot einschätzen, aber ein sehr schöner, erfreulicher Wein. 16,5 Punkte.

Accueil | Perey Vignerons-Encaveurs | Vufflens-le-Château | Vins vaudois la Côte (vins-perey.ch)

Es gibt auch die Möglichkeit, einen Degustationskarton mit Servagnin’s zu bestellen, allerdings weiss man nicht, welche Güter im Karton vertreten sind. Zum Kennenlernen ist das aber sicher eine sehr gute Möglichkeit:

Coffrets autour du Servagnin – Vins de Morges


Interessennachweis: Der Wein wurde im vorigen Jahr durch die Organisation „Vins de Morges“ im Rahmen der Lancierung des Projektes „Winify“ zu Degustationszwecken gratis zur Verfügung gestellt.

Das Projekt „Winify“ liess mich persönlich – auch augrund fehlender Informationen zum Zusammenspiel von Wein und Musik – etwas ratlos. Die Idee an sich finde ich cool, aber ich würde halt schon gerne wissen, weshalb jetzt gerade die ausgewählte Musik zum Wein besonders passen soll bzw., was sich der/die Person gedacht hat, als sie die Playlist zusammenstellte.

Sie können es aber gerne persönlich nachprobieren, hören kann man auch ohne Wein zu bestellen: WINIFY – Vins de Morges

Und übrigens: Im Paket zu Winify enthalten war auch ein Flasche Chasselas von der Domaine des Vaugues (Les Ecoussons 2020) in Chigny. Auch dieser Wein hat mich qualitativ überzeugt. Die Region westlich von Lausanne ist eine Entdeckung wert!

Ein herrlicher Riesling vom Schweizer Weingut des Jahres.

Vorgestern wurde das Weingut „Cave du Rhodan – Mounir Weine“ aus Salgesch zum Schweizer Weingut des Jahres 2022 gekürt. Das ist für Kenner natürlich keine Überraschung und hochverdient. Mir gibt es den perfekten Anlass, über einen schon vor einigen Monaten degustierten (Rhein-)Riesling des Gutes zu berichten, der den Vertretern vom Rhein das (Rhone-)Wasser absolut reichen kann.

Cave du Rhodan ist wohl jenes Weingut, über das ich schon am meisten geschrieben habe (Links siehe am Schluss des Artikels). Im Frühjahr konnte ich einen Riesling des Gutes probieren, dessen Qualität mich begeisterte. Die Degustationsnotizen liegen seither herum, ich habe sie bisher noch nicht gepostet, weil ich ja nicht immer „nur“ über die gleichen Produzenten schreiben will.

Dass das Weingut von Sandra und Olivier Mounir nun aber am Grand Prix des Vins Suisse, einem von Vinum und Vinea gemeinsam durchgeführten hochkarätigen Wettbewerb, zum „Weingut des Jahres 2022“ erkoren wurde, gibt sicher den perfekten Anlass, über den Riesling zu berichten, Denn die Qualität hat es in sich.

Riesling von der Rhone? Aber klar!

Riesling gehört an den Rhein und seine Nebenflüsse! Allenfalls noch an die Donau in Oesterreich. Aber an die Rhone? So abwegig ist das aber gar nicht, denn im Wallis gedeiht, klug angesetzt, bearbeitet und vinifiziert, ja fast das ganze Konzert der bekannten Rebsorten. Und das Gut Desfayes-Crettenand hat schon vor über drei Jahrzehnten gezeigt, dass man im Wallis sehr wohl honorigen Riesling produzieren kann.

Symbolbild: Walliser Weinlandschaft zwischen Salgesch und Sierre. Aufgenommen übrigens an der Rue de la Petite Arvine, unweit der Gemeindegrenze!

Die Reben für den Riesling „Diversitas“ wurden erst 2015 gepfanzt und werden biologisch bewirtschaftet. Ausgebaut wird der Wein je zu einem Drittel im Holzfass, in der Amphore und im Stahltank. Ich habe für die Degustation bewusst einen deutschen Rielsing des gleichen Jahrgangs aus dem Keller geholt. Die Wahl fiel auf den „Tonschiefer“ 2019 von Dönhoff. Dieser ist zwar nicht die alleroberste Klasse dieses Spitzenweingutes, aber ist immer ausgesprochen gelungen und stellte schon mal eine richtige Hürde dar.

Rhone vs. Nahe: 1 : 1 (oder 35 : 34,5)

Das Resultat dieses Vergleichs: Der Diversitas von der Rhone obsiegt klar! Natürlich hinken solche Vergleiche immer ein wenig, voeliegend um so mehr, als die Stilistik doch ziemlich verschieden ausfällt. Trotzden: Der Tonschiefer ist ein wunderschöner Wein, aber der Diversitas ist dichter und vielschichtiger.

Entsprechend wurde die Latte danach deutlich höher gelegt. Als Vergleich diente nun ein Grosses Gewächs aus dem Jahr 2018 (also ein Jahr gereifter als der Diversitas), der Goldloch von Diel. Wie schon bei Dönhoff bekam es die Cave du Rhodan also wieder mit einem der ganz grossen Namen zu tun.

Nun, in diesem Vergleich behielt Deutschland ganz knapp die Oberhand. Allerdings braucht sich der Diversitas selbst hier nicht zu verstecken, letzlich waren es Nuancen, welche in meiner Wertung den Ausschlag für Diel gaben. Auch in diesem Vergleich bringt der Diversitas mehr Dichte und Konzentration mit, aber das Grosse Gewächs von Diel war eine Spur finessreicher, komplexer, eleganter und wohl halt auch „Riesling-typischer“. Der Goldloch 2018 ist ein absolut grossartiges Gewächs (96 Punkte James Suckling), und wenn da ein – noch dazu günstigerer – Wein aus dem Wallis praktisch mithält, dann gibt es nur eines: Chapeau, Sandra und Olivier Mounir. Und herzliche Gratulation zu diesem Riesling und natürlich zum Schweizer Weingut des Jahres!

Die Degustationsnotizen:

Riesling Diversitas 2019, Caves du Rhodan
Helles Gelb, dezente, aber sehr vielschichtige Nase, Stachelbeere, neckische Anfüge von Ananas und Lychee, auch etwas grüne Noten, etwas Muskat; im Mund mit aussergewöhnlicher Frische, mineralisch, sehr dicht gewobener Körper, „saftg“, schön angepasste Söure, ganz leicht spürbares Holz, das aber sehr gut eingebunden ist, den relativ hohen Alkoholgehalt (13,5 %) spürt man überhaupt nicht. Langer Abgang. Eigenständiger aber nicht untypischer Riesling, toll gemacht! 17,5 Punkte.

Tonschiefer 2019, Dönhoff
Helles Gelb; gradlinie Nase, zuerst mit etwas Petrol, mit etwas Luft dann weisse Johannisbeeren, Stachelbeeren und Fliederduft; im Mund recht dicht mit enormer Fruchtigkeit und einem Touch von Fruchtsüsse, prägnante, aber schöne Säure. Mittlerer Abgang. Schöner, erfreulicher Wein. 16,5 Punkte.

Dorsheim Goldloch 2018, GG, Schlossgut Diel
Mittleres Gelb mit grünen Reflexen; feine Nase mit Stachelbeere, Aprikose und weissem Pfirsich, würzige Noten; im Mund mieralisch, dicht, finessereich und fruchtig, mundfüllend aber trotzdem nicht langweilig „rund“ wirkend, langer Abgang. Grossartiger Wein, 18 Punkte.

Link zum Weingut:
Walliser Weine aus Salgesch direkt beim Winzer kaufen | Cave du Rhodan

Und zum Grand Prix du Vin Suisse 2022:
https://www.vinum.eu/fileadmin/user_upload/Awards/GPVS/GPVS_2022/GPVS_2022_Pressemitteilung_Die_Gewinner_und_alle_Resultate.pdf

Hier die Links auf frühere Artikel:
Handeln statt jammern! Cave du Rhodan ist erneut innovativ. Und ein toller Pinot dazu. – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)
Domaine Trong der Cave du Rhodan: (bio-)dynamisch an die Spitze! – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)
Corona macht erfinderisch: spannende Online-Degustationen zum Mitmachen! – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)
Walliser Weine: Spitzenklasse! – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)


Interessennachweis:
Der Diversitas der Cave du Rhodan wurde mir als Dankesgeste nach meinem Artikel über den Pinot noir zusammen mit einer Flasche jenes Weines ohne jede Verpflichtung zugestellt. Die beiden deutschen Rieslinge wurden im Handel gekauft.

Bündner Herrschaft: geniale «Garagen-Weine» aus dem Profikeller.

Auch in einem eigentlich kleinräumigen, übersichtlichen Gebiet wie der Bündner Herrschaft kann man noch Unbekanntes entdecken. Und der Newcomer Fadri Itin etabliert sich qualitativ gleich in der Spitze.

Wunderbarer Wein aus herrlicher Gegend, die Bündner Herrschaft zwischen Maienfeld und Fläsch. (Symbolbild ohne direkten Bezug zum Winzer)

Wenn man Neues entdecken will, hält man sich am besten an Freunde und Bekannte in der entsprechenden Gegend. Oder an Sommeliers und Restaurantinhaber. Oder an Weinfreaks, die schon alles wissen. Und in der neuen Zeit genügt es manchmal auch, sich auf die Algorithmen der Social Media zu verlassen. Kürzlich erschien auf Instagram ein Beitrag eines Fadri Itin, der Wein präsentierte. Nach etwas Recherche bestellte ich je eine Flasche Chardonnay und Pinot noir – und war rundum begeistert. So macht Neues entdecken total Spass!

Fadri Itin an der Arbeit (Bild mit freundlicher Genehmigung ab seiner Homepage)

Aber der Reihe nach: Man sagt, dass hinter jeder Leistung eines erfolgreichen Mannes eine starke Frau steht. In Fadri’s Fall sind es eigentlich gleich zwei. Denn Winzer werden, das wäre ihm gar nicht in den Sinn gekommen – wie auch, wenn man in Trin bei Flims aufwächst, wo es Weiden und Steine, aber keine Reben gibt. Seine Mutter fand aber während der Berufswahl, «schnuppere doch mal bei einem Winzer». Obwohl seine erste Schnupperlehre – im Kanton Zürich! – ihn nicht begeisterte, folgten zwei weitere bei Hanspeter Lampert und Andrea Davaz, und danach war seine Berufswahl klar. Seine Lehre absolvierte er dann auch in diesen beiden Betrieben, womit eine qualitativ sehr gute Grundlage gelegt wurde. Allerdings hatte er da bereits Auslanderfahrung, er verbrachte vor der Lehre einige Zeit in Neuseeland und konnte da bei einem «kleinen» Betrieb mit 10 Hektar Reben mithelfen und erste Erfahrungen sammeln. Nach dieser Stage war für ihn erst recht klar, dass er den richtigen Beruf lernen würde.

Heute arbeitet Fadri Itin auf Schloss Salenegg in Maienfeld, gemäss Organigramm auf der Homepage als Winzer, gemäss Fadri aber auch als Helfer im Keller. Schloss Salenegg ist eine Referenz in der Herrschaft. Das Gut produzierte schon vor Jahrzehnten hervorragende Weine, welche sich vom damaligen schmalbrüstigen Einheitsbrei der Gegend wohltuend abhoben. Meiner Meinung nach hat das Gut dann aber einige Jahre ein wenig den Anschluss verpasst, plötzlich spielten Donatsch, Gantenbein, Studach und Co, die erste und bessere Geige. Inzwischen hat Schloss Salenegg aber nachgezogen und gehört wieder zu den qualitativ wichtigsten Adressen in der Herrschaft. Hier arbeiten zu können, ist also durchaus schon ein Privileg. (Und die Weine des Gutes probieren zu können übrigens auch!).

Schloss Salenegg in Maienfeld – das Wirkungsfeld von Fadri Itin. Die Weine des Gutes sind hervorragend und mehr als eine (Wieder-)Entdeckung wert.

Mit der Besitzerin von Schloss Salenegg, Helene von Gugelberg, kommt nun die zweite wichtige Frau ins Spiel. Fadri ist augenscheinlich voller Kraft und ehrgeizig, weshalb er auch seinen eigenen Wein herstellen wollte. Auf seine Bitte, etwas von den von ihm gepflegten Trauben von Schloss Salenegg kaufen zu dürfen, reagierte Helene von Gugelberg positiv. Und damit Fadri seine Barriques nicht in einer Garage aufstellen muss, darf er auch gleich noch den Keller des Weinschlosses mitbenutzen.

Der Jahrgang 2020 war sein Erstling, inzwischen gärt aber bereits der 2022-er. Auch wenn er auf Salenegg vinifizieren darf – seinen Wein macht er allein und so, wie er es gut findet. Wenn es um die Weine von Salenegg geht, ist der Kellermeister und Betriebsleiter Silas Hörler sein Chef, der befiehlt und entscheidet, bei seinen eigenen lässt er sich aber nicht dreinreden. Immerhin, fachlicher Austausch unter den beiden findet trotzdem statt, so holte Fadri sich u.a. bei Silas Rat als es darum ging, die besten Barriques anzuschaffen.

So gut, wie Fadris Weine gelungen sind, ist nicht auszuschliessen, dass sie in einer Blinddegustation einmal gar besser abschneiden könnten als jene von Schloss Salenegg. Auf die Frage, wie dann wohl der Kellermeister des Schlosses reagieren würde, sagt Fadri: «Ich weiss es natürlich nicht, aber ich denke er würde sagen, gut gemacht!» Die menschliche Chemie scheint auf Salenegg zu stimmen.

Allerdings dürften die Gelegenheiten zu Blinddegustationen ohnehin begrenzt sein. Fadri Itin ist sich bewusst, dass er nicht ständig bei Frau von Gugelberg stehen und um noch mehr Menge bitten kann. Und anderweitig Trauben oder gar Rebland in der Herrschaft zu erhalten, ist sehr schwierig. So ist Fadris Ziel, jedes Jahr je drei Barriques Chardonnay und Pinot noir herstellen zu können, was rund 900 Flaschen pro Sorte ergibt.

Die Weine des Fadri Itin werden also in einer Gegend der raren Weine wohl immer eine Super-Rarität bleiben. Trotzdem muss man als Neuling den Wein ja auch zuerst einmal verkaufen können. Zwar fragte er anfangs in einem ihm bekannten Restaurant erfolgreich nach, ob seine Weine ins Sortiment aufgenommen würden. Dann aber ging alles fast wie von selbst, und inzwischen verfügt Fadri von den aktuellen Jahrgängen (2020 bzw. 2021) nur noch über je rund 100 Flaschen. Wer also noch probieren will, muss sich beeilen!

Cool gemacht: Profil und Fingerabdruck kombiniert.

Fadri verfügt auch über eine professionell gestaltete, wenn auch informationsmässig noch etwas karge Homepage mit Webshop. Überhaupt ist der Auftritt sehr professionell und selbstbewusst. Die Etiketten zeigen sein Konterfei – in der Form eines Fingerabdruckes gestaltet-, als wollte er sagen: «Da bin ich, dafür signiere ich». Auch wenn das sehr selbstbewusst daher kommt, überheblich wirkt Fadri im Gespräch überhaupt nicht, eher bescheiden und geerdet.

Aber es war ihm wichtig, das Produkt und das Marketing hochwertig auszugestalten: «Wenn ich schon so etwas mache, dann richtig, und ich will mich auch optisch freuen können, wenn eine meiner Flaschen auf dem Tisch steht.“

Die Flasche überzeugt aber nicht nur optisch, sondern und vor allem auch durch ihren Inhalt. Es sind beides grossartige Weine, die auch einen eigenständigen Stil aufweisen und sich meiner Wahrnehmung nach eher an Burgund als an anderen Herrschäftlern orientieren.

Auf jeden Fall war da ein junger Mann am Werk, der augenscheinlich über enorm viel Feingefühl und Können in der Weinbereitung verfügt. Diese Raritäten muss man einfach weiterverfolgen!

Degustationsnotizen:

Polischet, Chardonnay Maienfeld, 2021

Helles Gelb ; in der Nase vielschichtig fruchtbetont (u.a. Aprikose, Lychee), auch würzige Anflüge, «mineralisch», spürbares neues Holz; im Mund tolle Frische, schöne Säure, eher filigran aber mit spürbarem Fruchtextrakt im Abgang, feine Tanninspuren spürbar, das Holz ist im Mund sehr gut eingebunden; langer Abgang. Rundum gelungener, toller Wein. (Wenn man, allerdings auf extrem hohem Niveau, etwas kritisieren wollte, dann vielleicht die ausgeprägte Frucht»süsse», die in einem sonst sehr «nördlichen Chardonnay» etwas an einen südlichen erinnert). 17-17,5 Punkte.

Sgraflin, Pinot noir Maienfeld, 2020

Mittleres, glänzendes Rot ; sowohl helle als auch dunkle Beerenaromen, etwas Gewürznelken; im Mund dicht und rund, viel Tannin, das aber sehr gut eingebunden ist, mittlere, harmonische Säure, ganz leichter, sehr schöner Bittertouch, fruchtbetont, burgundisches «Feuer» im sehr langen Abgang. Ein Wurf von einem Pinot, erinnert mich an einen Volnay, wobei es durchaus ein 1er-Cru sein könnte! 18 Punkte.

«Sgraflin» und «Politschet», Mauerläufer und Zaunkönig in romanisch, Fadris Muttersprache. Die Weinnamen stellen eine Hommage an seinen Arbeitsweg in der Lehrzeit dar, auf dem ihn das Vogelgezwischter jeweils begleitete.

FadriItin-Wein.ch

Schloss Salenegg Maienfeld: Weingut und Essigmanufaktur (schloss-salenegg.ch)


Interessennachweis: Die beiden Weine wurden vom Autor zu normalen Konditionen gekauft und degustiert/genossen. Das Gespräch mit Fadri Itin fand erst anschliessend statt.

Refosco von Castello di Buttrio: Toller Botschafter für das Friaul.

Das Friaul ist eine jener Weingegenden, die chronisch unterschätzt werden. Das Gebiet im Nordosten Italiens hat aber ganz viel zu bieten, vor allem auch hervorragende autochthone Sorten.

Mit rund 20’000 Hektar Fläche ist das Friaul zwar ein recht grosses Weinbaugebiet, bekannt sind die Weine hierzulande aber nicht besonders (zum Vergleich: Die Pfalz weist eine um rund 1’000 Hektar höhere Fläche auf, die bestockte Fläche im Wallis ist rund viermal kleiner). Am ehesten noch finden sich Pinot Grigio in den Gestellen hiesiger Weinhändler, oder dann andere internationale Sorten wie Sauvignon Blanc und Merlot, wobei letzterer in dieser Ecke Italiens schon seit rund 170 Jahren kultiviert wird.

Tolle Landschaft gleich hinter dem Castello: friulanische Weingärten mit Blick auf Udine und die Alpen.

So richtig entdeckenswert sind aber die wirklich einheimischen Sorten wie die Ribolla Gialla und Friulano (weiss), die Schiopettino und die Pignolo (rot) oder eben die Refosco (mit vollem Namen „Refosco dal Peduncolo Rosso“). Die meisten dieser Sorten lassen sich im Friaul bis ins 13. bzw. 14. Jahrhundert zurückverfolgen und sind, abgesehen von Pflanzungen im direkt angrenzenden Gebiet von Goriska Brda in Slowenien, autochthon.

Wir genossen kürzlich ein paar Tage Ferien auf dem Castello di Buttrio, welches nicht nur einen Weinbaubetrieb, sondern auch ein Hotel und eine Osteria betreibt (beide sehr empfehlenswert, wenn auch nicht gerade billig). So hatte ich die Möglichkeit, die meisten Weine des Gutes in Ruhe zu probieren, sei es zum Apéro oder zum Nachtessen. Spätestens am zweiten Abend, nach dem Genuss einer Flasche Refosco dal Peduncolo rosso 2018 war auch klar, dass ich über das Gut schreiben würde.

Ein Paradestück des Gutes: Das „Amphitheater“ direkt neben dem Castello.

Mit diesem Wein schloss sich für mich persönlich auch ein wenig ein Kreis. Meinen ersten Schluck Refosco genoss ich vor über 30 Jahren an einer Einkaufsdegustation bei Divo, und der Wein „elektrisierte“ mich: etwas wild, aber ungemein spannend und enorm ausdrucksstark! Und jener Wein stammte aus Buttrio, von Girolamo Dorigo, der damals als Nebenerwerbswinzer Massstäbe setzte (und dessen Gut heute von Sohn Alessio geführt wird).

Zurück zu den Weinen des Castello: Das Sortiment weist ein hohes und gleichmässiges Qualitätsniveau auf. Bei etwas näherer Betrachtung wurde dann auch klar, weshalb. Die Eigentümerin des Castello ist Alessandra Felluga, und sie ist die Tochter von Marco Felluga, einer Legende des Weinbaus im Friaul. Nebst seinen Betrieben Azienda Marco Felluga und Russiz Superiore kaufte er 1994 auch das damals heruntergekommende Castello di Buttrio (das inzwischen sehr stilvoll restauriert wurde). Seit 2007 führt Tochter Alessandra das Gut (während für die beiden anderen Betriebe heute Marco’s Enkelin Ilaria verantwortlich ist, da Sohn Roberto im letzten Jahr viel zu früh verstarb). Der Rebbauzweig des Castello di Buttrio ist heute 26 Hektar gross.

Refosco dal Puduncolo Rosso 2018, Castello di Buttrio (DOC Friuli Colli Orientali)
Dunkles Purpur; dunkle Frucht nach Brombeer und Dörrzwetschgen, Tabak, würzige Anflüge von Korianderfrucht; im Mund mineralisch-frisch, kräftige Tannine und angepasste Säure, Alkohol kaum spürbar. Wirkt im Mund enorm präsent, stürmisch-kraftvoll und trotzdem ausgewogen. Charakterwein der tollen Art. 17 Punkte.

Und hier noch ein paar Hinweise auf weiter schöne Weine des Gutes (aus der Erinnerung und ohne spezielle Degustationsnotiz, ich hatte schliesslich Ferien vor Ort …):

Ribolla Gialla:
Sehr verhalten, aber tolle, dichte Struktur mit stützender Säure und viel Mineralik. Dürfte in 1-2 Jahren noch zulegen. 16,5 Punkte.

Sauvignon blanc:
Enorm fruchtiger Wein, ohne irgendwelche exotischen Exzesse, schöner Trinkfluss; sehr sortentypisch. 16 Punkte

Friulano:
Schöne Frucht, im Mund ausgeprägt mineralisch und fast ein wenig asketisch. Nicht jedermann’s Sache, meine schon. 16,5 Punkte.

Chardonnay:
Aus dem Stahltank, aber lange auf der Feinhefe gelagert. Enorm fruchtbetont (u.a. mit Ananas, aber ohne exotisch zu wirken), sehr dicht, rund, schöne Säure. Toller Chardonnay; Man könnte sich diesen Wein auch gut vorstellen, wenn er in der Barrique gewesen wäre. 16,5 Punkte.

Ebenfalls gut sind der Pinot Grigio und der Merlot, wobei es hier spannendere Weine gibt. Nicht degustiert habe ich die Riservas des Hauses.

Homepage | Castello di Buttrio

Das Castello aus der Ebene. Tolles Anwesen. Leider beginnt gleich links des Fotos die Industriezone, die man optisch besser ausblendet, wenn man hier logiert und geniesst.

Hier noch Links auf frühere Beiträge zum Friaul und zu Slowenien:
Viva l’Italia! Pignolo – aber kein bisschen kleinlich! – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)
Brda in Slowenien: Sollte man sich merken! – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)


Interessennachweis:
Alle Weine wurden zu normalen Konditionen vor Ort bestellt und bezahlt.

Der „Alpen-Nebbiolo“ aus dem Veltlin trumpft ganz gross auf!

Nebbiolo delle Alpi: Diesen Ausdruck verwendet die Branchenorganisation der Veltliner Winzer auf ihren Werbemitteln. Und tatsächlich ist das Veltlin ein imposantes Alpental im Schatten des keine 40 Kilometer entfernten 4’000-er Piz Bernina im Norden und der Bergamasker Alpen im Süden. Und von wegen Schatten: In einer Blinddegustation stellten die besten Veltliner weit bekanntere Nebbiolo-Weine in denselbigen!

Das Veltlin entwickelt sich immer mehr zum Geheimtipp – was eigentlich falsch ist, denn die Weine hätten die grosse Bühne verdient. Dass das Gebiet international noch kaum bekannt ist, hat einerseits mit der vergleichsweise geringen Anbaufläche (knapp unter 1’000 Hektar, schwergewichtig Nebbiolo – hier „Chiavennasca“ genannt). Allerdings entspricht dies fast einem Fünftel der ganzen mit Nebbiolo bepflanzten Fläche in Italien und einem Sechstel weltweit. Oder auch etwa der Hälfte des Barolo-Gebietes. Das Potential für den grossen Auftritt wäre also da.

Das Bernina-Massiv mit dem 4000er Piz Bernina in der Bildmitte. Keine 40 Kilometer dahinter versteckt sich ein echter Geheimtipp für Nebbiolo-Liebhaber, das Alpental Veltlin! Mehr als nur eine (Wieder-)entdeckung wert!

Vielleicht spielt aber auch die Geschichte eine grosse Rolle. Während Jahrhunderten gehörte das Gebiet zu den Drei Bünden (Graubünden), und im Rahmen des Wiener Kongresses wären die Veltliner auch bereit gewesen, zur Schweiz geschlagen zu werden. Religiöser Eifer (die Bündner hatten Angst vor zu grossem Einfluss der Katholiken aus dem Veltlin) und eine undurchdachte Verhandlungsführung (scheint eine Schweizer Spezialität im Umgang mit Europa zu sein ….) führten aber dazu, dass das Veltlin der Lombardei zugeteilt wurde. Trotzdem spielten aber die Schweizer weintechnisch im italienischen Veltlin lange weiterhin eine dominierende Rolle. Grosse Teile der Reben gehörten (und gehören teils noch) Schweizern, und das führte dazu, dass der Umgang mit dem „Vetliner“ gar Eingang in die Handelsabkommen zwischen der Schweiz und Italien fanden und dass schliesslich im Jahr 1969 gar ein bilaterales „Abkommen zwischen der Schweiz und Italien betreffend einige Veltliner Weine“ abgeschlossen wurde, welches es den Schweizern erlaubte, italienischen Wein aus dem Veltlin im Schweizer Puschlav auszubauen und zu lagern.

Noch 1981 wurden 50’000 Hektoliter Veltliner Wein in die Schweiz eingeführt – 2011 waren es nur noch 4’300 hl. Diese Menge entsprach allerdings immer noch rund einem Zehntel der Gesamtproduktion – was, selbst unter der Annahme, dass die produzierten Mengen pro Hektar 1981 viel höher lagen, darauf schliessen lässt, dass noch vor 40 Jahren ein grosser Teil der Veltliner Weine in der Schweiz getrunken wurde. Der Veltiner war damals zumindest im östlichen Teil der Schweiz auch so etwas wie das Nationalgetränk.

Allerdings war früher die Qualität der Weine eher bescheiden, und es ist nicht verwunderlich, dass vielen Schweizern der Veltliner eigentlich nur in den Ferien im Bündnerland so richtig schmeckte. Bestellt wurde dort dafür um so öfter einen „Pfiff“, ein dünner Veltliner, serviert in einer Art Zahnglas („Pfiff“ abgeleitet von einem alten Mengenmass).

Der Veltliner leidet in der Schweiz auch heute noch unter diesem „Pfiff-Image“, obwohl führende Schweizer „Veltliner-Betriebe“ wie Triacca oder Plozza schon lange auf Qualität setzen. Fand man früher in einem Supermarkt etwa 10 verschiedene Veltliner, so muss man heute suchen, um überhaupt noch einen Vertreter aus diesem Alpental zu finden.

Dafür haben die italienischen Produzenten um so mehr zugelegt. Schon zu Zeiten des grossen „Veltinerbooms“ in der Schweiz gab es auch ernst zu nehmende Betriebe im Tal selbst, etwas das Traditionshaus Nino Negri. Und es gab damals auch Winzer wie Sandro Fay (dem Sieger dieser Degustation, siehe unten), die ganz neu mit der Weinherstellung begannen und schnell eine gewisse Beachtung fanden. Heute sind von 37 Weinproduzenten die meisten im „Consorzio di Tutela Vini Valtellina“ organisiert.

Ich habe in meinem Blog schon zweimal „Schweizer“ Weine aus dem Veltlin vorgestellt und gerühmt. Vgl. hier:
Veltliner – Italianità made in Switzerland, Wiederentdeckung empfohlen! – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)
Keller, Zündel und Triacca: Schöpfer dreier herrlicher Weinbotschafter aus dem Veltlin. – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)

Das Hauptgewicht auf einer kürzlich zusammen mit einem Weinfreund durchgeführten Blinddegustation mit Weinen aus den Jahren 2016 oder 2017 lag deshalb diesmal auf den Gewächsen italienischer Produzenten, wobei der von mir im vorstehenden Beitrag so gelobte „Sertola“ von Triacca quasi als Eichung diente. Zudem wurden drei „Piraten“ eingeschmuggelt, je ein guter Barolo, Barbaresco und Gattinara.

Die besten Vetliner sind absolute Spitzenklasse!

Das Resultat der Blinddegustation: Die Veltiner Weine sind umwerfend gut! An der Spitze der Rangliste stehen gleich drei Veltiner, bevor die drei Piraten folgen. Dass am Ende der Skala die drei anderen Vertreter aus dem Veltin stehen, kann den Erfolg der Alpen-Nebbioli nicht schmälern, handelt es sich doch auch bei diesen um gute Vertreter der Region, von denen einer auf die gleiche Punktzahl wie die Piraten kommt und selbst die beiden letzplatzierten sehr gute Ansätze zeigen, aber in der Vinifikation bzw. im Weinstil noch etwas zulegen können.

Wohl habe ich bei der eher zufälligen Auswahl der Weine aus anderen Nebbiolo-Regionen nicht gerade die Spitzencrus ausgesucht (was wohl sogar ein Fehler war, eine Wiederholung ist fast programmiert), aber mit dem Barolo von Pio Cesare stand auch kein Nowbody in der Degustation, im Gegenteil: Der degustierte Jahrgang 2016 hat bei Falstaff 95 Punkte erhalten! Das mag etwas gar hoch sein, aber es ist ein sehr guter Wein, und als Hinweis auf die grandiose Qualität der Veltliner ist es im Vergleich allemal bemerkenswert! Dass der Barolo dann auch noch über CHF 20.00 teurer ist als die Veltliner, ist nochmals eine andere Geschichte. Und auch der Barbaresco wurde sehr gut bewertet, Vinum gab dem Rabajà von Luisin 17 Punkte und schrieb von einem gelungenen Wein, was durchaus zutrifft.

Sandro Fay und Triacca – zweimal grandios

Mein persönlicher, wenn auch knapper Sieger ist der „Carteria“ von Sandro Fay. Der Wein hat alles, was ein hervorragender Nebbiolo haben muss, und als Extra noch eine Frische und Finesse, die überzeugt. Ganz knapp dahinter, mit der gleichen Punktzahl, folgt der „Schweizer“ Vertreter, der Sertola von Triacca (mehr dazu via Link „Keller, Zündel, Triacca“ oben), ein tiefgründiger und gleichzeitig eleganter, biodynamischer Wein, den mein Weinfreund übrigens an erster Stelle einstufte. Mein persönliches Erfolgserlebnis war, dass ich den diesmal blind degustierten Sertola 2016 mit der genau gleichen Punktezahl auszeichnete wie seinerzeit den Vorgängerjahrgang.

Und hier die Rangliste der Degustation (bei gleicher Punktzahl entspricht die Reihenfolge meinen Präferenzen, auch wenn es Nuancen sind):

Die Weine der Blinddegustation, der dritte und der erste von Links als Sieger, die – auch guten – Piraten rechts.

Sandro Fay, Carteria, Valtellina Superiore Valgella, Riserva 2017
Relativ dunkles Rot; zuerst sehr verhalten in der Nase, dann rote Früchte, Veilchen, Aprikose und weisser Pfirsich; im Mund sehr ausgewogen, spürbare Säure gepaart mit enorm feinen Tanninen, im Mund sehr fruchtbetont mit schöner Extrakt“süsse“, ausgesprochen frisch und elegant. Langer Abgang. Hervorragender, feiner Wein, 17,5 Punkte

Triacca, Sertola, Valtellina Superiore, 2016
Mittleres, noch jugendliches Rubin; verhaltene rote Frucht, etwas neues Holz (aber nicht negativ), Nelken und Anflug von Rosinen; im Mund voller sehr feiner Tannine, gute Säure, spürbares, etwas „süssliches“, aber sehr gut eingebundenes Holz, „feurig“ wie ein Burgunder, sehr eleganter Wein mit langem Abgang. Toll! 17.5 Punkte.

Nino Negri, Mazèr, Valtellina Superiore, 2017
Mittleres, gereiftes Rubin; sehr fruchtbetont (helle, rote Beeren sowie Rosinen), würzig (Anflüge von Thymian); äusserst feine Tannine, angepasste Säure, im Mund fruchtbetont mit etwas Fruchtsüsse, druckvoll, mittlerer Abgang. Stimmiger, schöner Wein, der allerdings jetzt schon seine schönste Trinkreife erreicht haben dürfte. 17 Punkte.

Barolo, Pio Cesare, 2016
Mittleres Rubin mit ersten Brauntönen; verhalten, feiner Sandelholzduft, etwas helle Frucht; sehr viele, etwas trocknende Tannine, mittlere Säure, leichter Bittertouch, viel Extraktsüsse, etwas Holz, etwas stark spürbarer Alkohol. Gesamthaft aber schöner Wein, elegant und ausgewogen, mittlerer Abgang. 16,5 Punkte.

Gattinara, Antoniolo, Riserva 2017
Mittleres, eher „dünnes“ Rubin; sehr fruchtbetont (Weichselkirschen, Johannisbeeren); erinnert in der Nase an einen schönen Chianti; fruchtetont auch im Mund, schöne Dichte, viel Tannin bei guter Säure, etwas Holz spürbar, langer Abgang. Schöner, fruchtiger, vielleicht etwas „altmodischer“ Wein. 16,5 Punkte.

Barbaresco Rabajà, Cascina Luisin, 2016
Mittleres Rot; sehr verhalten, etwas helle, „säuerliche“ und rote Frucht; im Mund mit eher tiefer Säure, etwas trocknende Tannine, daneben enorm fruchtig und „fruchtsüss“, langer Abgang. Eher etwas rustikaler, aber schöner Wein, der auf seinem Zenith stehen dürfte. 16,5 Punkte.

Tenuta Scerse, Essenza, Valtellina Superiore, 2017
Helles, leicht gereiftes Rot; leichter Hefe-/Brotrindenton, zuerst fast keine Frucht, später kommen Anflüge von Dörrzwetschge; im Mund elegant, Säure und Tannin in schöner Balance, Tannine allerdings etwas trocknend, eher kurzer Abgang. Sehr erfreulicher Wein, der aber nicht mehr zulegt und besser jetzt getrunken wird. 16,5 Punkte.
(Dem „nicht mehr Zulegen“ widerspricht allerdings mein Weinfreund, der diese Flasche nach Hause nahm und in den Tagen danach wieder probierte – der Wein habe sich noch geöffnet und verfüge über Reserven).

Luca Faccinelli, Tell, Valtellina Superiore Grumello, 2017
Mittleres jugendliches Rubin; zuerst etwas „muffig“ und „schweflig“, was aber mit Luftkontakt verschwindet (dekantieren!), dann etwas altes Holz und Frucht (Johannis- und Brombeere) sowie blumige Anflüge (Glyzinie); im Mund mit extrem viel Tannin und prägnanter, fast etwas zu dominanter Säure, eher elegant-filigran, mittlere Abgang. In der Nase zuerst etwas irritierend, aber nach Belüftung und im Mund sehr angenehm, Wein mit sehr guten Ansätzen. 16 Punkte.

Mamete Prevostini, Valtellina Superiore, Riserva 2017
Mittlereres, im Vergleich aber eher dunkles Rot; säuerlich-fruchtig, Eisbonbons, viel neues Holz; auch im Mund sehr holzbetont bzw. -dominiert, vom Holz auch leicht „süsslich“ wirkend, mässige Säure, viel Tannin, schlank mit kurzem Abgang. Eigentlich ein spannender Wein mit guten Ansätzen, der aber vom Holz erschlagen wird. Ev. zu verfolgen, ob sich das mit der Zeit noch gibt, ich glaube zwar eher nicht. Zudem wird es Konsumenten geben, welche diese Art von Wein lieben. 15,5 Punkte.

Fazit: Leute, immer nur den grossen Namen nachjagen und erst noch viel Geld ausgeben? Oder doch lieber auch mal etwas Neues entdecken, das erst noch herausragend sein kann? Ein Blick ins Veltlin lohnt sich!

Und aus Schweizer Sicht: Hätten unsere Vorfahren doch bloss in Wien besser verhandelt!

Valtellina il Nebbiolo delle Alpi | Consorzio di Tutela dei Vini di Valtellina

Società Agricola Fay – vini Valtellina (vinifay.it)
Casa Vinicola Fratelli Triacca – Weine der Zukunft
Cantina Nino Negri – Passione nel cuore della valtellina
Tenuta Scerscé – Vini di Valtellina (tenutascersce.it)
Luca Faccinelli | Valtellina Wines
Mamete Prevostini | Weine des Veltlins


Interessennachweis: Alle Weine wurden ohne das Wissen der Produzenten im Handel zu Listenpreisen eingekauft. Die Degustation erfolgte blind.

Franciacorta: Die heimliche Schweizer Liebe denkt an die Umwelt und das Klima.

Raten Sie mal: In welches Land werden am meisten Weine aus der Franciacorta exportiert? USA? Japan? Deutschland? Belgien? Grossbritannien? Alles falsch! Die Reihenfolge stimmt zwar, aber deutlich davor steht die Schweiz mit einem Anteil von fast jeder vierten Flasche! Vielleicht kann man da sagen: „Champagner predigen und Franciacorta trinken“? Wobei das angesichts des Qualitäts- und Preisniveaus auch ganz vernünftig wäre. Und erst recht aufgrund des weltrekordverdächtigen Bio-Anteils in der Franciacorta.

Vielleicht ist es ja aufgrund der Umsätze in der Schweiz unnötig, aber dennoch: Die Franciacorta liegt am Südufer des Iseosees nördlich von Brescia, dem zu Unrecht unbekanntesten der grossen oberitalienischen Seen. Und Nomen ist manchmal tatsächlich Omen: Das „Francia“ geht zurück auf die Zisterzienser-Mönche aus Cluny (südliches Burgund, unbedingt sehenswert!), die sich in der Gegend vor bald tausend Jahren niederliessen und von der Steuer befreit waren (Francea Curtes = steuerbefreite Hof-/Gerichtszone). Und der Bezug zu Frankeich passt natürlich auch heute: Hier wird hochstehender Schaumwein nach der gleiche Methode wie in der Champagne hergestellt, und auch die Sortenwahl ist fast identisch. Chardonnay und Pinot noir herrschen vor, nur als Nebensorte ist hier Pinot blanc und nicht Pinot meunier zugelassen.

Wunderschöne Gegend: Blick aus Norden auf den Iseosee und Iseo; am Südufer beginnt die Zone für den Franciacorta DOCG.

Im Gegensatz zum französischen Vorbild ist die Geschichte der Schaumweine aus der Franciacorta allerdings noch sehr jung. Die erste Flasche wurde nämlich erst vor rund 50 Jahren (1961) produziert. Schon sechs Jahre später erhielt das Gebiet aber die DOC, doch erst anfangs der 1990-er Jahre kam wirklich Schwung in das Gebiet: Der Name wurde urheberrechtlich geschützt und es wurden neue Produktionsvorschriften erlassen. 1995 wurde das Gebiet schliesslich in den DOCG-Status erhoben. Heute beträgt die Anbaufläche knapp 3’000 Hektar, und über hundert Betriebe verkaufen knapp 14 Millionen Flaschen im Jahr (1980 waren es noch 9 Betriebe mit rund 200’000 Flaschen!). Die Weine der Franciacorta brauchen sich heute im Durchschnitt durchaus nicht mehr vor jenen aus dem französischen Vorbild zu verstecken.

Bio – nicht die Zukunft, sondern die Gegenwart

Im biologischen Weinbau ist die Franciacorta vermutlich Weltmeister. Rund zwei Drittel der Rebflächen werden hier bereits zertifiziert biologisch bewirtschaftet oder sind in Umstellung. Zwar gibt es noch nicht so viele Flaschen mit dem Bio-Label auf dem Markt. Das liegt daran, dass es Weingüter gibt, die noch nicht die ganze Fläche umgestellt haben und die Biotrauben nicht separat verarbeiten wollen. Zudem lagert der Wein jahrelang, bevor er auf dem Markt kommt – der Markt hinkt deshalb der Realität im Rebberg hinterher.

Erbamat, die Sorte der Zukunft, die dem Klimawandel trotzen soll

Offensichtlich ist man sich am Iseosee, wo die Weine auf einer Meereshöhe von 200 bis 400 Meter wachsen (die Champagne liegt zwar noch tiefer, aber auch etwa 500 Kilometer nördlicher und hat keinen Mittelmeereinfluss) bewusst, dass der Klimawandel einen grossen Einfluss auf den Weinbau haben kann. Vermutlich kommt hier auch die fehlende Tradition zu Hilfe, wenn es um Neuerungen geht. Jedenfalls wurde eine neue Traubensorte zugelassen, die Erbamat. Während Chardonnay und Pinot noir heute schon im August geerntet werden müssen, braucht die Erbamat rund einen Monat länger bis zur Reife. Sie ist seit dem 15. Jahrhundert beurkundet, erlangte aber nie eine grosse Bedeutung und wurde bis vor Kurzem nur noch auf wenigen Hektar in Norditalien angebaut. Sie ist sehr säurebetont, weist einen tiefen Ph-Wert auf und ist relativ neutral im Aroma. Die Hoffnung ist deshalb, dass die Erbamat den Weinen Frische verleihen wird, ohne das aromatische Profil der Franciacorta-Weine deutlich zu verändern. Aktuell ist sie erst bis zu einem Anteil von 10 % erlaubt, womit ihr Potential langsam getestet werden soll. Bisher haben auch erst 10 Weingüter diese Sorte effektiv angepflanzt. Es gibt auch noch kaum Weine mit Erbamat-Anteilen auf dem Markt (siehe dazu weiter unten), aber es wird spannend zu beobachten sein, wie sich das entwickelt. Sieht man den rasanten Aufschwung in der Franciacorta der letzten 50 Jahren an, dürfte es nicht lange dauern, bis wir Schaumweine mit Erbamat-Anteil geniessen!

Verschiedene Schaumwein-Typen

Die Bezeichnung und die dafür zulässigen Rebsorten, die Lagerung, der Druck und die Dosage sind in der Franciacorta klar geregelt. Abgesehen von den Jahrgangsweinen und den Riservas gibt es drei Typen:

„Franciacorta“ steht für einen Grundwein aus Chardonnay, Pinot noir, Pinot blanc (höchstens 50 %) und Erbamat (höchstens 10 %), wobei sortenreine Weine aus Chardonnay oder Pinot noir möglich sind. Die Flaschen müssen nach der zweiten Gärung mindestens 18 Monate in der Flasche reifen und der Druck liegt zwischen 5 und 6 Atmosphären. Zudem kann dieser Wein in der Dosage mit Zero, Extra Brut, Brut, Extra Dry, Dry und Demi Sec hergestellt werden. Die möglichen Varianten aus Traubensorten und Dosage sind also fast unerschöpflich.

„Franciacorta Satèn“ ist eine Exklusivität der Gegend. Er darf nur aus Chardonnay (mind. 50 %) und Pinot blanc (höchstens 50 %) hergestellt werden, muss 2 Jahre in der Flasche lagern und darf nur als Brut auf den Markt kommen (wobei es durchaus tiefere Zuckerwerte gibt, die Bezeichnung lautet dann aber trotzdem Brut). Der entscheidende Unterschied liegt aber im Druck der Flasche; dieser muss unter 5 Atmosphären liegen – der Satèn sprudelt also etwas weniger und wirkt dadurch runder und „weiniger“.

„Franciacorta Rosé“ schliesslich kann wieder aus allen vier Traubensorten bestehen, vorgeschrieben sind aber mindestens 35 % Pinot noir. Die Flaschenlagerung muss 2 Jahre dauern. Die übrigen Vorschriften entsprechen jenen des „Franciacorta“.

Kleine Degustation in Zürich

Sehr sympathisch, professionell und unterhaltsam gleichzeitig: Sommelier Nicola Mattana.

Die allermeisten Betriebe der Region sind Mitglied im „Consortio per la tutela del Franciacorta“. Und dort ist man sich natürlich der Bedeutung des Schweizer Marktes bewusst. Kürzlich fand deshalb auf Einladung des Konsortiums eine kleine Präsentation und Degustation im „Signau House & Garden“ in Zürich statt (das „Signau“ ist übrigens ein Hotel in toller, aber ruhiger Lage mit einem wunderschönen Garten – eine echte Oase beim Kreuzplatz, relativ nahe des Stadtzentrums). Präsentiert wurden je ein Wein der drei Grundtypen, und die Präsentation lebte vor allem auch vom Charme und dem Fachwissen des beigezogenen Sommeliers Nicola Mattana.

Besonders gefallen hat mir dabei der Franciacorta „Golf 1927“ von Barone Pizzini:

Helles Gelb, zurückhaltende, feine Perlage; dezente, frische Frucht mit etwas Brioche und leichtem, schönem Hefeton; im Mund feingliedrig und elegant, trocken aber nicht knochentrocken wirkend (4 g RZ und 8 mg Säure). Schöner Schaumwein, der trotz Schwergewicht auf der Eleganz durchaus auch gehaltvoll ist. 16,5 Punkte.

Und wenn wir schon bei Barone Pizzini sind: Dieses Haus war nicht nur der erste Bio-Betrieb, sondern auch der erste, der im vergangenen Jahr mit dem „Animante“ einen Franciacorta mit einem Anteil der Rebsorte Erbamat auf dem Markt brachte (der Anteil beträgt noch bescheidene 3 %). Falls Sie danach suchen, achten Sie auf das Datum der Flaschenfüllung vom April 2019 oder später. Vorausgegangen waren die Pflanzung der Sorte auf rund einer Hektar im Jahr 2008 und viele Versuche in der Vinifikation. Daraus resultierten Weine, die leider nie auf dem Markt erscheinen durften, da ihr Erbamat-Anteil zu hoch war (erlaubt sind 10 %, siehe oben), aus denen aber sehr viel Wissen über das Verhalten der Erbamat gewonnen werden konnte.

Vorbildliche Information auf den Flaschen

Toll ist übrigens, dass auf fast allen Flaschen aus der Franciacorte die technischen Daten wie Säure und Zuckergehalt vor allem aber auch das Datum der Flaschenfüllung und des Dégorgements angegeben werden. Da könnten sich viele Francesi ein Vorbild nehmen!

Franciacorta: Nach uns die Zukunft! Das italienische „Qualitäts-Schaumweinzentrum“ auf dem Weg zur Nachhaltigkeit.

Ach ja, und übrigens gibt es aus der Franciacorta auch stille Weine, ein Beispiel siehe hier:
Ca‘ del Bosco – eine Perle mit mehr als nur Perlen – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)

Links:
Consorzio tutela del Franciacorta, Strada del Franciacorta
Barone Pizzini: Organic Winery in Franciacorta


Interessennachweis:
Dieser Artikel entstand aufgrund der Anregung im Rahmen der oben beschriebenen Einladung des Consortio per la tutela del Franciacorta, im Weiteren aber ohne jede Einflussnahmen oder Verpflichtungen des/gegenüber dem Konsortium oder einzelner Produzenten.

Grillo und Italien? Wenn es um Wein geht, kann das grossartig sein! 50 Anni Grillo von Massimo Maggio.

Wer heute Grillo hört, denkt vielleicht als erstes an die verkachelte italienische Politik. Es mag tröstlich sein: Politiker kommen und gehen, Reben bleiben, auch wenn sie Hochs und Tiefs erleben.

Der vorstehende Lead stammt aus einer Weinbeschreibung von Delinat zum „50 Anni Grillo“ von Massimo Maggio, dem Wein, um den es in diesem Beitrag geht. Dieser Weisswein aus der fast nur in Sizilien vorkommenden Traubensorte Grillo hat mich begeistert.

Ganz grundsätzlich beobachte ich Delinat und dessen Weine praktisch seit es die Firma gibt, also bereits Jahrzehnte. Und eigentlich gibt es keine sympathischere Weinhandlung, denn hier geht es nicht einfach um Weinhandel, sondern vor allem auch um biologischen Anbau und seit einiger Zeit ganz besonders auch um Nachhaltigkeit und Biodiversität. Das Gut von Massimo Maggio ist beispielsweise mit 3 „Schnecken“ ausgezeichnet, was bedeutet, dass es nicht nur die Richtlinien von Delinat zum biologischen Landbau und zur ökologischen Vielfalt einhalten muss, sondern auch 100 % des Energieverbrauchs aus regenerierbaren Quellen bezieht.

So gesehen, erfüllt eigentlich jeder Delinat-Wein die Prämisse meines Weinblogs: „alles ausser gewöhnlich“. Und Delinat verfügt auch über viele Weine, die rundum begeistern. Einige habe ich hier schon früher schon mal beschrieben:

Roches d’Aric: reinste biologische Medizin! – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)
Extrem lehrreich: „single variedad Rioja“ – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)

Ich verschweige allerdings auch nicht, dass mich degustativ längst nicht alle Weine von Delinat begeistern (auch wenn alle immer mindestens korrekt sind). Das liegt teilweise daran, dass viele Weine bewusst keine grossen Gewächse sind, dafür sehr preiswert und – im Gegensatz zu den Anfängen der Bioweine – in jedem Fall sauber und süffig. Das liegt aber auch daran, dass ein recht hoher Anteil der Weissweine mit Restsüsse ausgebaut sind. Das liegt ja durchaus im Trend und trifft den Geschmack vieler – meinen aber ganz einfach nicht, und deshalb habe ich bei aller Sympathie vor einigen Jahren auch die Degustationspakete abbestellt.

Nun habe ich aber kürzlich im Verkaufsladen in Winterthur ein paar Einzelflaschen gekauft, und die bisher probierten haben mich überzeugt. Geradezu begeistert war ich eben von diesem Grillo:

Das Weingut Maggiovini in der Nähe von Ragusa auf Sizilien. 100 % der nötigen Energie stammt aus erneuerbaren Quellen (Bild ab Homepag des Gutes).

50 Anni Grillo 2020, Massimo Maggio
Mittleres Gelb; sehr fruchtige, fast etwas süsslich wirkende Nase; Papaya, Aprikose, Reineclaude, leichter Holzton; im Mund frisch, dichte Struktur, schöne Säure, fruchtbetont, spürbares, aber sehr schön integriertes neues Holz, langer Abgang. Sehr überzeugender Wein. 16,5 Punkte.
PS: Und das zu einem Preis von CHF 11.30!

Alles Weitere zu diesem Wein und zum Betrieb brauche ich nicht abzuschreiben, das können Sie gut selbst direkt hier lesen:
50 Anni Grillo | Bio Weisswein | jetzt online bestellen | Delinat

Und hier noch der Link zum Weingut selbst:
Maggio Vini • azienda vitivinicola siciliana


Interessennachweis: Der Wein wurde direkt im Delinat-Laden zu normalen Konditionen gekauft.

„Alte Reben“ von Saalwächter – so grossartig kann Sylvaner sein!

Sylvaner – na ja, viel Positives wird dieser Sorte ja nicht zugeschrieben und „Weinkenner“ meiden sie eher. Ich finde, ganz grundsätzlich zu Unrecht, es gibt viele schöne Sylvaner. Aber was Carsten Saalwächter mit dem 2019er „alte Rebe“ in die Flasche gebracht hat, ist schlicht ergreifend!

Von Carsten Saalwächter war hier schon einmal die Rede:
„La Première“ von Carsten Saalwächter: Ein junger Mann macht Furore! – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)
Inzwischen konnte ich mir von Weinfreund Florian Bechtold einige Flaschen Nachschub besorgen, und ausgerechnet ein „Basiswein“ hat mich total begeistert. Natürlich konnte ich es auch nicht lassen, den Spätburgunder vom Assmannshäuser Höllenberg 2018 zu probieren, der rote Spitzenwein des Gutes. Dieser zeigt sich akuell ziemlich verschlossen. Aber der Reihe nach:

Es gibt Weine, die fahren ein wie ein Blitz, und genau das ist beim Sylvaner alte Reben 2019 der Fall. Selten habe ich im Mund eine derartige „Frische-Explosion“ erlebt, die den ganzen Mund füllt und nicht mehr abklingen will. Das ist ganz grosse Klasse – und ein Wein notabene, der unter 15 Euro kostet! Hier die ganze Degustationsnotiz:

Carsten Saalwächter, Sylvaner alte Reben, 2019
Mitteleres Gelb; in der Nase zuerst zurückhaltend, etwas Belüftung tut ihm gut, dann schöne Töne von Mirabellen, weissen Johannisbeeren, Rharbarber, leichter Anflug von Holz; im Mund wie beschrieben eine reine Explosion von Frische, total mundfüllend und fast unendlich nachklingend, rassige, aber sehr gut eingebundene Säure, dezente, schöne Bitternote, leicht adstringierend, enorm dicht, langer Abgang. Ein Wurf – begeisternd und berührend! 17,5 Punkte.

Der Höllenberg in Assmannshausen ist wohl die Pinot-Lage in Deutschland schlechthin. Aus dieser Steillage über den Dorf und dem Rhein kommt das rote „Flaggschiff“ von Saalwächter. Der 2018 springt einen in seiner aktuellen Verfassung nicht gerade an. Er ist eher verschlossen, etwas krautig wirkend und braucht viel Luft. Sein Potential zeigt er aber sehr gut. Mir fehlt zwar die Erfahrung mit Saalwächter’s Weinen, aber ich bin überzeugt, dass es sich lohnt, die restlichen Flaschen ein paar Jahre liegen zu lassen um dann einen reifen und begeisternden Wein im Glas zu haben. Was auf jeden Fall für eine hohes Alterungspotential spricht: Es gab einen kleinen Rest in der Flasche, den ich nach einer vollen Woche nochmals probierte – und da war der Wein zugänglicher und noch kein bisschen müde oder gar oxydativ.

Carsten Saalwächter, Assmannshäuser Höllenberg, Spätburgunder 2018
Mittleres Rubin; etwas krautig mit Schwergewicht auf Brennesseln duftend, daneben dezente Frucht nach Johannisbeeren und Brombeeren, leichter Hefe-Touch; im Mund schöne Säure, vollgepackt mit feinen Tanninen, dicht gewoben, sehr vielschichtig, sozusagen ein friedlliches Nebeneinander von Fülle und Wucht mit Eleganz und Filigranität, auch im Mund etwas kräuterig und dezent hefig, sehr langer Abgang. Von wegen Abgang: Da denkt man plötzlich, dass kein bisschen von störendem Alkohol zum Vorschein kommt, also dreht man die Flasche und liest, dass der Wein nur bekömmliche 12,5 % Alkohol ausweist. Für mich ein Wein mit grossartigem Potential, ich sehe ihn bei 18 Punkten oder gar mehr, bin mir aber – aufgrund fehlender Erfahrung – nicht absolut sicher.

Assmannshausen und der steile Höllenberg.

Weingut Saalwächter – Weingut in Familientradition seit 1872 (saalwaechter.de)


Interessennachweis:
Beide Weine wurden zu normalen Konditionen käuflich erworben bei:
florian.bechtold@bechtold-partner.de

Wohlmuth – erstklassige Weine aus der etwas ruhigeren Stei(l)ermark.

In Kitzeck im Sausal, einem von den grossen Touristenströmen noch etwas weniger berührten Teil der Südsteiermark, kreiert die Familie Wohlmuth hervorragende Weine in teils enormen Steillagen, die mehr als eine Entdeckung wert sind!

90 % Gefälle? Haben Sie schon einmal versucht, einen solchen Hang raufzukraxeln? So steil sind die extremsten Weinlagen des Weingutes Wohlmuth in der Steiermark. Wer das Gebiet schon einmal bereist hat, kann zumindest bezeugen, dass die meisten Reblagen hier sehr steil sind. Und er kann auch berichten, dass das Gebiet landschaftlich zu den schönsten in der ganzen Steiermark gehört – vielleicht gerade, weil die Reben hier keine Monokultur darstellen. Das Sausal liegt etwa 15 Kilometer nördlich der Grenze zu Slowenien, der entlang sich die meisten der grossen Namen des steirischen Weinbaus befinden und dementsprechend grosse Touristenströme auf den engen Strassen anziehen.

Wer das Sausal nicht bereist, verpasst etwas. Und er verpasst vor allem auch den Weinbaubetrieb Wohlmuth. Ich hatte die Gelegenheit, im Rahmen einer durch „Österreich Wein“ organisierten Online-Degustation, vgl. hier:
Die perfekte Online-Degustation? „Österreich Wein“ weiss wie! – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)

6 Weine des Gutes zu verkosten und mich bei der Degustation online von Gerhard Wohlmuth begleiten zu lassen. Und die Weine haben mich allesamt sehr überzeugt; die beiden aus dem Ried „Edelschuh“ sogar als aussergewöhnlich begeistert.

Typische Landschaft im Sausal, aufgenommen auf dem Weg zum Aussichtspunkt Demmerkogel, der mit 671 m höchsten Erhebung der Region (wo aber leider der Turm abgebrannt und somit keine Aussicht zu geniessen war, aber die ganze Landschaft wirkt auch so wunderschön)

Auf dem Gut Wohlmuth werden schon seit dem Jahr 1803 Weine hergestellt. Heute stehen 55 Hektar ausschliesslich eigene Reben im Ertrag. Die Schieferböden der Region bilden eine ideale Grundlage, und die akribische und händische Winzerarbeit vom Rebschnitt bis zur selektiven Handlese mit bis zu 1’200 Arbeitsstunden pro Hektar liefern bestes Traubengut, zumal keine Herbizide und Insektizide zum Einsatz kommen. Im Keller werden alle Weine spontan und ohne Schwefelzusatz vergoren und geniessen eine lange (teils bis zu 18 Monaten) Hefestandzeit.

Noch ein Beispiel für die schöne Landschaft und die steilen Lagen. Die Aufnahme entstand in Kitzeck, unweit der Ried „Dr. Wunsch“.

Im Rahmen unserer Reise durch das Sausal sind wir damals auch direkt am Weingut Wohlmuth vorbeigefahren, haben aber leider nicht angehalten. Diesen Fehler werde ich bei einer nächsten Reise nicht mehr machen!

Degustationsnotizen:

Sauvignon Blanc, Südsteiermark DAC, 2020
Typisch „steirische Sauvignon-Nase“ (vulkanisch, Stachelbeere); im Mund trocken, säurebetont, geradlinig, fruchtig. Schöner Einstiegswein. 15,5 Punkte

Riesling Ried Dr. Wunsch, Südsteiermark DAC, 2019
Zurückhaltend in der Nase, etwas Zitrus; im Mund frisch, mineralisch, ganz leicht, aber nicht störend bitter, langer Abgang. Klar und „spielerisch“, schöner Riesling, 16,5 Punkte.

Umwerfend gut sind beide Weine aus dem Ried Edelschuh, einer Lage, in der schon seit dem 12. Jahrhundert Weinbau dokumentiert ist. (Die Verkostungsnotiz des SB betrifft den Jahrgang 2019, nicht wie hier abgeblidet 2018)

Sauvignon Blanc Ried Hochsteinriegl, Südsteiermark DAC, 2019
Duft nach frischem Gras, Andenbeeren, etwas Caramel; im Mund dicht gewoben, prägnante Säure, wirkt fast etwas tanninhaltig, langer Abgang. 17 Punkte.

Gelber Muskateller Ried Steinriegl, Südsteiermark DAC, 2020
Feine, filigrane Nase mit Duft nach Muskat und Zitrus; im Mund extreme Eleganz, trocken, schöne Säure gepaart mit enormer Frische, zurückhaltender Muskatton. Grossartiger Muskateller. 17 Punkte.

Riesling Ried Edelschuh, Südsteiermark DAC, 2019
Zurückhaltend in der Nase, etwas Zitrus und Mirabelle; im Mund ungemein frisch, gute Säure, „saftig“ wirkend mit viel Fruchtsüsse, wirkt trotz 3,9 g RZ trocken, dichte Struktur, sehr langer Abgang. Ein Bilderbuch-Riesling! 18 Punkte.

Sauvignon Blanc Ried Edelschuh, Südsteiermark DAC, 2019
Duft nach Mango und Mirabelle; mineralisch-frisch, rassige Säure, „stoffig“ und fruchtig, fast nicht endend wollender Abgang. Ganz toller SB! 18 Punkte.

Weingut Wohlmuth – Herkunftsweine in Handarbeit seit 1803.

Bezugsquellen:
CH: Landolt Weine (landolt-weine.ch)
D: Diverse, siehe hier: Bezugsquellen – Weingut Wohlmuth


Interessennachweis: Die degustierten Weine wurden im Rahmen einer grösseren Online-Degustation im Herbst 2021 von Österreich Wein in Kleinstflaschen zur Verfügung gestellt.