Conte di Luna 1995 – sensationell jugendlich!

Durch Zufall bin ich in den Genuss eines alten Weins gekommen, der ein Beispiel mehr dafür ist, wie gut Schweizer Gewächse sind – und wie toll sie altern können!

Quizfrage: Wie alt ist dieser Wein? (Conte di Luna von Werner Stucky)? 5 Jahre? 8 Jahre? 10 Jahre? Gar 15 Jahre? Nun gut, im Titel steht es bereits – aber wären sie darauf gekommen?

Ich wollte ihn eigentlich gar nicht, diesen Wein. Ich habe über die Festtage wieder einmal etwas bei „Ricardo“ rumgestöbert und bin dabei auf ein Angebot für einen Conte di Luna von Werner Stucky aus dem Jahr 1995 gestossen. Stucky war, neben Huber und Zündel, einer der Deutschschweizer Neueinsteiger, die den Tessiner Rebbau positiv geprägt und nachhaltig verändert haben.
Vgl. auch hier zu Daniel Huber: https://victorswein.blog/2019/09/29/magischer-abschluss-fur-daniel-huber-mit-einem-merlot-der-weltspitze/

Ich habe auf den Conte di Luna 1995, ein Bordeaux-Blend mit Merlot und Cabernet Sauvignon, zu einem moderaten Preis geboten – und die Flasche blieb mir entgegen der Erwartungen (günstiger als ein junger Jahrgang). Beim Öffnen machte ich mich auf einen bestensfalls noch trinkbaren, aber müden Wein gefasst. Weit gefehlt, er zeigte sich noch in enorm toller Form:

Degustationsnotiz:
Mittleres, leicht gereiftes Rot ohne jeden Braunanteil; in der Nase zuerst sehr verschlossen, nach einigen Minuten an der Luft mit Duft von Lakritze, roten Johannisbeeren, roten Peperoni; im Mund noch voll präsent, etwas spitze Säure, viel sanftes Tannin, wirkt im Antrunk sehr frisch und jugendlich, fällt in der Mitte ein wenig in ein Loch, weist aber danach einen unglaublich langen Abgang aus. Toll gereifter Wein. Ich ziehe den Hut!

Und am Rande vermerkt: Der Conte di Luna 1995 bestand zum Essen problemlos neben Braten mit intensiver Weinsauce sowie Rotkraut! Und ich liess bewusst ein wenig in der Flasche – auch nach einem und zwei Tagen war er noch voll präsent und machte Freude! Genial – und einmal mehr, Schweizer (Spitzen-)Wein ist einfach unterschätzt!

Spezielle Etikette, grossartiger Wein, 25 Jahre jung!

https://cantinestuckyhuegin.ch/cms/de/

Le vin suisse existe – même après dix ans!

Vielleicht wäre der Titel ja treffender mit „le vin suisse n’existe pas“ – zumindest in den Köpfen immer noch vieler Schweizer „Weinfreunde“. Und ganz sicher mit einem Blick von ausserhalb der Schweiz. Aber das ist falsch! Der Schweizer Wein existiert – auf sehr hohem Niveau. Und er kann altern – und wie!

Das grosse Swiss Wine Tasting der besten Schweizer Weine von anfangs Dezember war mehr als einen Besuch wert (und auch mehr als nur einen Artikel hier – Fortsetzung folgt). Angesichts der unglaublichen Vielfalt an Spitzenweinen war der Eintritt von Fr. 20.00 schon fast läppisch tief. Dies vor allem auch, weil zusätzlich zur „normalen“ Ausstellung auch Weine des „Swiss Wine Vintage Award“ aus dem Jahrgang 2009 degustiert werden konnten.

Wer möchte sich da nicht einschenken lassen? Schweizer Spitzenweine aus dem Jahrgang 2009 in Reih und Glied!

In einer Sonderschau waren 57 Schweizer Weine aus dem Jahr 2009 vertreten, davon 19 weisse (inkl. 2 Süssweine) und 38 rote. Das Resultat mit einem Wort vorweg: beeindruckend! Nicht einer der präsentierten Weine war schon zu alt, kaum einer war unangenehm gereift und einige waren gar erst so richtig in Hochform!

Am meisten überraschten die Weissweine. Selbst die Chasselas machten noch alle Spass, einzelne wie der Dézaley Médinette von Bovard, der Clos de Mangold der Domaine Cornulus oder der Le Brez der Domaine de Colombe präsentierten sich sogar noch richtig jugendlich. Am meisten beeindruckt haben mich bei den Weissen aber der Completer von Donatsch (trotz leichter Restsüsse), der Petit Arvive Château Lichten von Rouvinez und – ganz besonders – die beiden senstationellen Räuschlinge vom Zürichsee von Lüthi (dicht und jugendlich) und noch mehr von Schwarzenbach (unglaubliche Frische).

Umwerfend war der mit Restsüsse gekelterte Petit Arvine Grain Noble Domaine des Claives von Marie-Thérèse Chappaz – diese Frische, diese Ausgewogenheit, diese Finesse, nichts Klebriges – das ist ganz einfach ein Wein zum Träumen!

Bei den Roten gefielen fast alle Tessiner Merlots, für mich persönlich allen voran der sanfte, würdevoll gereifte Orizzonte von Zündel und der Balin von Kopp von der Crone Visini sowie der mit Cabernet Franc gemischte Insieme von Weingartner.

Spannend bei den Spezialitäten, wenn auch schon spürbar gealtert, der Lemberger (=Blaufränkisch) von Schwarzenbach, der trotz Alterstönen noch sehr saftige Syrah L’Odalisque von Thierry Constantin, der enorm frische Cornalin der Domaine Cornulus und der noble, saftige Grand’Cour Cabernet Franc + Sauvignon von Pellegrin.

Und die Pinots, von denen gleich 15 Weine gezeigt wurden? Wenn es gesamthaft gesehen eine leise Enttäuschung – wenn auch auf hohem Niveau – gab, dann hier. Es scheint, dass die Vorschusslorbeeren dieses „Jahrhundertjahrgangs“ nicht immer gerechtfertigt waren. Die Pinot noir-Traube ist wenig überraschend wohl einfach nicht für so heisse Jahre gemacht und es brauchte viel Fingerspitzengefühl des Winzers (und kühle Lagen), um auch in solchen Jahren typische Pinots herzustellen. Weine wie der Aagne von Gysel, der mir schon in der Jugend mit seiner üppig-„süsslich“ Art nicht gefiel, wirken heute uninteressant, wenn auch durchaus noch trinkbar. Auch untypisch, aber interessant zeigte sich der „Hommage“ der Cave du Rhodan, der zweifellos mit mehr Säure heute noch spannender wäre, der aber dank einer ausgeprägten, jetzt ausgewogenen Tanninstruktur Freude macht. Trotz dieser Ausnahme, Pinots, bei denen Eleganz und Frische vorherrscht, können heute am meisten überzeugen, allen voran aus dem Kanton Baselland (!) der für mich beste Pinot der Serie, Clos Martha von Möhr-Niggli, aber auch Kloster Sion vom Weingut Sternen, Stadtberg von Pircher, Pinot noir Nr. 3 vom Schlossgut Bachtobel und der Churer Gian-Battista des Weingutes von Tscharner.

Alles in allem: Eine hervorragende Leistungschau der Schweizer Spitzenwinzer, die mit ihrer Arbeit schon vor 10 Jahren bewiesen haben, welch hervorragendes Potential die Schweizer Weine aufweisen! Le vin suisse existe – und sollte endlich auch auf der Weltbühne seinen berechtigten Platz finden!

https://www.swiss-wine-tasting.ch/?L=0
http://www.mdvs.ch/de/home.html

Swiss Wine Connection: Schon Mitglied?
Und übrigens: Wenn Sie für Fr. 50.00 pro Jahr Mitglied bei der „Swiss Wine Connection“ meiner Freunde Susi Scholl und Andreas Keller werden, geniessen Sie beim nächsten Event Gratiseintritt:
http://www.swiss-wine-connection.ch/friends/

Und hier die Links auf die erwähnten Weingüter:
http://www.domainebovard.com/de/home.php
https://cornulus.ch/de/
https://www.lacolombe.ch/de/
https://www.donatsch.info/
https://famillerouvinez.com/de/
https://www.luethiweinbau.ch/
https://www.schwarzenbach-weinbau.ch/
https://www.chappaz.ch/
http://www.zuendel.ch/ (nur Titelbild, offenbar sonst noch „off“)
http://www.cantinabarbengo.ch/ (Kopp von der Crone Visini)
https://www.weingartner.ch/
http://www.thierryconstantin.ch/2011/?page_id=14&lang=de
https://www.geneveterroir.ch/de/domaine-grandcour/4457 (Pellegrin, offenbar noch ohne eigene Homepage – hat er gar nicht nötig!)
https://aagne.ch/
https://rhodan.ch/
http://www.moehr-niggli.ch/
https://www.weingut-sternen.ch/
http://www.weingut-pircher.ch/data/index.php/de/
https://www.bachtobel.ch/de
https://www.reichenau.ch/weinbau/



Les Domaines – Provins überzeugt mit Marketing und Qualität.

Als ich als junger Mann in der Weinbranche arbeitete, galt die Provins als die beste Weingenossenschaft der Welt. Wo immer ich eine Genossenschaft besuchte, wann immer ich einen Cooperative-Wein im Glas hatte – immer war die Provins so etwas wie der „innere Massstab“. Vermutlich ist dieser Anspruch noch immer richtig, und falls nicht, dann nur, weil sich das Niveau der meisten „Genossenschaftsweine“ in der Zwischenzeit extrem verbessert hat und nicht, weil bei Provins die Qualität schlechter geworden wäre (ganz im Gegenteil).

Die Walliser Weinlandschaft als Inbegriff einer ergreifenden Kulturlandschaft: Hier ein Steilhang im Norden von Sion und der „Tourbillon“.

Die Provins wurde 1930 als „Bund der Walliser Genossenschaftskellereien“ gegründet, um die Winzer aus der damaligen Abhängigkeit von den Weinhändlern zu lösen. Seit 1934 heisst sie, auch wenn damals noch niemand von Marketing sprach, sehr eingänglich Provins, und sie hat sich innerhalb dieser Zeit zu einer der wichtigsten Institutionen im Schweizer Weinmarkt entwickelt. Provins verarbeitet heute aus etwas über 1’000 ha Rebfläche rund einen Fünftel aller Walliser Weintrauben, was wiederum knapp einem Zehntel der gesamten Schweizer Traubenproduktion entspricht! Sehr früh haben die Verantwortlichen bei Provins erkannt, dass nur Qualitätsproduktion zum Erfolg führen kann – und deshalb hatte und hat die Genossenschaft auch einen ausgezeichneten Ruf. Ganz offensichtlich hat bis heute immer auch das Zusammenspiel zwischen den Oenologen und der Marketingabteilung funktioniert. Schon 1945 wurde mit der „Capsule Dorée“ eine Art „Marke“ eingeführt, welche von den Traubenlieferanten gewisse Standards verlangte und die deshalb auf dem Markt bald für vorzügliche Weinqualität stand.

1973 wiederum wurde die Linie „Maître de Chais“ ins Leben gerufen, welche neu die Spitze der Provins-Qualitätshierarchie darstellte. Diese Weine stammen aus dem besten Parzellen der Traubenlieferanten und gehören auch heute noch mit zur Spitzenklasse der Walliser Weine.

Die neuen Flaggschiffe von Provins: „Les Domaines“

Im letzten Jahr nun setzte die Provins mit der Lancierung der Produktelinie „Les Domaines“ die Qualitätslatte noch höher – ein auch marketingmässig logischer Schritt. Unter diesem Etikett werden Weine aus absoluten Spitzenlagen hergestellt und vermarktet, welche sich teils in Besitz von Provins selbst befinden oder für die schon langjährige Zusammenarbeiten bestehen.

Der Heida Chapitre 2017 beispielsweise stammt vom Lentine-Hang nördlich von Sion, so genannt nach der Lentine-Suone, einer der vielen berühmten Walliser Bewässerungsleitungen, vgl. hier:
https://suone.ch/

Dieses Rebland – im Besitz der Chorherren der Kathedrale von Sion – ist eine sehr steile Südlage mit Terrassen und hohen Trockensteinmauern und wird schon sehr lange von Provins vinifiziert. Den ersten als Les Domaines hergestellten Jahrgang 2017 habe ich wie folgt degustiert:

Helles, strahlendes Gelb mit Grünreflexen; Duft nach Quitten, Mirabellen und Aprikosen; im Mund ausgeprägt mineralisch, sehr ausgewogen, mit gut eingebundenem Alkohol und erfrischender Säure bei gleichzeitig spürbarem „Süsskomplex“. Langer Abgang. Ein noch sehr junger, eleganter und finessereicher Wein von internationaler Klasse.

Ich habe diesen Heida (im Wallis auch Païen genannt, im französischen Jura Savagnin blanc) neben einem „Maître de Chais“ probiert. Letzterer ist ebenfalls sehr gut, der „Chapitre“ steht aber mit seiner Eleganz und Mineralität noch um eine ganze Klasse höher. Der Wein ist begeisternd, und man könnte ihm – mit viel bösem Willen – höchstens vorwerfen, mit seiner Finesse schon fast nicht mehr sortentypisch daherzukommen, sondern eher als hochklassiger Wein von internationalem Zuschnitt.

Blick von Pont-de-la-Morge in Richtung „Mont d’Orge“, einem kleinen Berg mit knapp 800 Höhenmetern mitten im Rhonetal, an dessen Südseite sich die Lage „Corbassières“ befindet.

Ebenfalls begeisternd ist der „Corbassières“ 2015. Dieser Wein wächst ebenfalls nahe der Stadt Sion. Wenn man von Pont-de-la-Morge nach Sion fährt, fallen an einem steilen Südhang auf der linken Seite die vielen gelb gestrichenen Häuschen auf. Diese sind sozusagen Werbeträger der Domaine Mont d’Or, welche ihre Weine – absolut bemerkenswert sind die Süssen – vor allem an diesem Hang anbaut. Es gibt aber in der Lage „Corbassières“ auch ein Stück von rund einer Hektar, welches der Provins gehört. Diese herausragende Südlage war sozusagen die „Spielwiese“ der grossen, inzwischen pensionierten Oenologin der Provins, Madeleine Gay. Ein sehr schönes Portrait über sie, mit einer Foto in „Corbassières“, gibt es hier:
https://www.letemps.ch/lifestyle/une-vie-apres-vin

Deshalb gibt es in Corbassières auch eine Vielzahl von Rebsorten, und daraus entsteht nun ein bemerkenswerter Wein:

Dunkles, sattes Rot; Holunderbeeren gepaart mit heller Frucht (v.a. Aprikose), würzig. Im Mund druckvoll mit viel sehr feinem Tannin, gute Säure, dicht aber gleichzeitig elegant, langer Abgang. Macht zwar schon viel Freude, ist aber eigentlich noch deutlich zu jung. Hervorragender Wein jenseits des „Mainstreams“.

Dieser Wein ist schon fast die Antithese zum Heida: Es handelt sich um eine Assemblage von Walliser Grössen (Humagne rouge, Cornalin) mit international bekannten Rebsorten (Syrah, Cabernet Sauvignon und -Franc, Merlot). In einem gewissen Sinn ist der Wein gewöhnungsbedüftig: Wer hatte denn schon einmal eine solche Assemblage im Glas resp. in der Nase? Wie soll man sich theoretisch eine Mischung aus Humagne und Cabernet vorstellen? Vor allem im Duft fällt dieses aussergewöhnliche Spannungsfeld von frischen Fruchtdüften und dunklen Tönen auf.

Wenn ich geschrieben habe, der Wein sei gewöhnungsbedürftig, dann kann ich gleich anfügen, dass man sich schnell und gerne an ihn gewöhnt! Die Assemblage ist wohl ziemlich einzigartig und wirkt deshalb beim ersten Kontakt sowohl in der Nase als auch im Mund etwas ungewohnt – nicht Syrah, nicht Humagne, aber irgend etwas Tolles dazwischen. Aber das ist einer jener Weine, die mit jedem Schluck noch mehr gefallen und bei denen man bedauert, dass die Flasche schon leer ist.

Auch den Corbassières finde ich deshalb begeisternd. Ich freue mich jedenfalls schon darauf, die übrigen Weine von „les Domaines“ zu entdecken! Es gibt aktuell noch einen Dilinoir (!), einen Pinot noir und einen Petite Arvine.

Bleibt noch die Frage des Preises: Der Heida kostet 34 und der Corbassières 50 Franken. Zuviel? Die Antwort darauf muss man natürlich für sich selbst finden. Auch wenn für mich persönlich Weine in dieser Preisklasse eher für Sonn- und Feiertage vorgesehen sind, so denke ich doch, dass beide Tropfen – verglichen mit qualitativ gleich guten Weinen aus anderen Ländern – diesen Preis fast mehr als „wert“ sind. Wer weiss, vielleicht ist die Provins für das Wallis einmal mehr die Lokomotive?

https://www.provins.ch/de/nos-vins/les-domaines-443

Napa vs. Bordeaux Vol. 6: wieder gewinnt Napa!

Die Degustation im Jahr 1976 in Paris war eine Sensation, welche die Weinhierarchie neu aufmischte: Sowohl bei den Weissweinen (Chardonnay) als auch den Rotweinen (Cabernet) obsiegten in einer Blindprobe die Gewächse aus Kalifornien über die Franzosen! Die Resultate sind hier nachzulesen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Weinjury_von_Paris

Das Resultat wurde damals in Frankreich für schlicht unseriös und nicht zutreffend beurteilt oder dann totgeschwiegen, aber inzwischen wurden solche Proben mehrfach wiederholt, und jedes Mal schlugen sich die Weine aus Napa hervorragend. Zu einer Neuauflage lud vor einer Woche die NapaWine AG in Zürich. Zwar waren die ganz grossen Gewächse nicht dabei, Bordeaux stellte 6 klassierte Crus aus Pauillac und Napa war hauptsächlich mit Zweitweinen vertreten. Letzteres vor allem aus Gründen der Fairness, wurden doch preislich vergleichbare Weine gegenübergestellt. (Das allein spricht schon Bände, die Preise der USA-Weine sind ebenfalls sehr in die Höhe geschossen, so dass heute finanziell ein Zweitwein aus Napa einem Pontet Canet gleichgestellt ist).


2 x 6 Weine aus Pauillac und Napa: spannend und lehrreich.

Das Resultat war mehr als spannend. Massgebend waren die Bewertungen aller der rund 100 Teilnehmer – es handelte sich also um eine Publikumsbewertung.
Vorab: Die Napa-Weine belegen nicht nur das „Podest“, sie schwingen auch gesamthaft obenauf. Allerdings muss das Resultat auch gleich sehr relativiert werden, denn alle Weine liegen in der Bewertung zwischen 93 und 96 Punkten! Klar wird damit aber auf jeden Fall, das die Cabernets aus Kalifornien jenen aus Frankreich auf diesem Niveau ebenbürtig sind – und es sich bestimmt lohnt, sich näher damit zu befassen!

Hier das Resultat der Gesamtbewertungen (bei gleicher Durschnittspunktzahl ergaben die Gesamtpunkte aller Teilnehmer die Rangliste):

WeinPunkteRang
2015 Bulgheroni Lithology Cabernet Sauvignon 961
2015 Brand Napa Valley Brio 962
2015 Sinegal Estate Winery Estate 963
2015 Barbour St. Helena Cabernet Sauvignon 964
2015 Château Pichon-Baron-Longueville, Pauillac 965
2015 Arkenstone Wines Estate Red Wine 956
2015 Kelly Fleming Estate Cabernet Sauvignon 957
2015 Château Pichon-Comtesse-de-Lalande 958
2015 Château Pontet-Canet, Pauillac 959
2015 Château Lynch-Bages, Pauillac 9410
2015 Château Grand-Puy-Lacoste, Pauillac 9411
2015 Château Clerc-Milon, Pauillac 9312

Meine persönliche Rangliste sah völlig anders aus. Gesamthaft hatte Bordeaux, wenn auch nur mit einem einzigen Punkt, die Nase vorne. Doch auch bei mir steht ein Napa-Wein zuoberst. Bloss der Sieger beim Gesamtpublikum liegt bei mir erst an neunter Stelle, dafür kommt der „Verlierer“ schon auf Rang 3.

1) Barbour St. Helena Cabernet Sauvignon
2) Château Pichon-Baron-Longueville, Pauillac
3) Château Clerc-Milon, Pauillac
4) Sinegal Estate Winery Estate
5) Château Lynch-Bages, Pauillac
6) Brand Napa Valley Brio
7) Château Pontet-Canet, Pauillac
8) Château Grand-Puy-Lacoste, Pauillac
9) Bulgheroni Lithology Cabernet Sauvignon
10) Kelly Fleming Estate Cabernet Sauvignon
11) Château Pichon-Comtesse-de-Lalande
12) Arkenstone Wines Estate Red Wine

So spannend dieser Anlass war, so sehr hat er mir auch die eigene Unzulänglichkeit aufgezeigt. Zwar war ich beim Ratespiel „was ist Bordeaux, was ist Napa“ mit 10 Treffern bei 12 Weinen nicht so schlecht. (Ein rundes Dutzend der Teilnehmer lag immer richtig – châpeau!). Aber ich hätte schon erwartet, dass ich wenigstens die doch so eigenständigen Pontet Canet, Pichon-Comtesse und Grandy-Puy-Lacoste blind erkennen würde – leider Fehlanzeige. Allerdings zeigten sich auch alle drei in totaler Unterform. Bei der Arrivage vor einem Jahr waren sie noch offen und fruchtig,
Vgl. hier: https://victorswein.blog/2018/04/26/bordeaux-2015-trau-schau-wem-vor-allem-dir-selbst/
jetzt unzugänglich und teils gar spröd und fast dünn wirkend. Trotzdem hätte es durchaus Hinweise gegeben, sie zu erkennen, und im Nachhinein ist man ja immer klüger. So notierte ich beim GPL, den ich für einen Napawein hielt, u.a. „sehr verhalten, adstingierende Tannine; bin etwas ratlos, aber vielleicht wird er gross“ und beim Pichon-Comtesse schrieb ich gar „total zurückhaltend, spröde; enttäuschend – aber vielleicht ist es ein Langstreckenläufer“. Und definitv erkennbar wäre Pontet-Canet gewesen: „dunkle Töne, würzig, mit etwas Boskoop-Apfel fast etwas oxydativ wirkend, hat Potential“.

Das generelle Niveau der Weine ist, nicht nur, wenn man das Potential der drei beschriebenen Bordeaux „hochrechnet“, indessen grossartig – beidseits des Ozeans. Persönlich eher weniger gefallen hat mir der Arkenstone. Mit seinen Noten von grünen Peperoni und Schokolade und seiner eher tiefen Säure wirkte er für mich etwas „bluffig“, aber das ist natürlich Geschmacksache. Umgekehrt fand ich den von den Profis eher tiefer eingeschätzten Barbour St. Helena dank seiner Eleganz und Länge, verbunden mit einem spürbaren, aber nicht übertriebenen Süsskomplex, einfach grossartig. Und schliesslich breche ich gerne auch eine Lanze für den beim Gesamtpublikum letztplatzierten Clerc-Milon: Mir hat er mit seiner eleganten, filigranen Art und seinen feinen Tanninen mit guter Säure sehr behagt, auch wenn ich ihn – da noch in einer „fruchtigen Phase“ – vielleicht etwas zu generös beuteilt habe. Das Fazit ist aber: Auch der „Verlierer“ (ich hüte mich, „der schlechteste Wein“ zu schreiben), war noch ausseroderdentlich gut

Die Weine für die Degustation wurden von zwei ausgewiesenen „Profis“ ausgewählt, René Gabriel, der „Bordeaux-Papst“ war für die Europäer verantwortlich, während Baschi Schwander die USA-Fraktion bestimmte. Die Auswahl war hervorragend; schade nur, dass die beiden – in Tat und Wahrheit befreundet – in ihren Kommentaren vor allem kompetitiv auftraten, denn beide hätten fachlich viel mehr Interessantes zu sagen gehabt.

Zwei Koryphäen unter sich: René Gabriel, links (bxtotal.com) und Baschi Schwander (mybestwine.ch)

Anlässe dieser Art sind, selbst wenn sie etwas am eigenen Ego kratzen, extrem spannend. Ich würde mir wünschen, und mich heute gegen Vorzahlung schon anmelden, dass die gleiche Degustation in 10 Jahren wiederholt würde. Und ich werde mich jetzt hüten zu behaupten, dass dann Bordeaux die Nase vorne hätte. Selbst dann, wenn man das heute nicht ausgeschöpfte Potetial der Spitzen-Pauillacs berücksichtigt: Die Napa-Weine waren so gut, und scheinen so langlebig, dass ich keine Wetten über das Resultat in 10 Jahren abgeben würde.

Mindestens ebenso spannend, und hier würde ich schon fast auf einen Boredaux-Sieg wetten, wäre ein Vergleich von Weinen im Bereich von 15 – 25 Franken. Wenn ich da an Bordeaux wie Moulin Haut-Laroque oder Cambon-La-Pelouse denke …
Aber vielleicht irre ich mich auch da, vielleicht würde Napa auch in diesem Preissegment mithalten? Affaire à suivre!

Und wenn Sie jetzt Lust bekommen haben, die Berichte des Bordeaux- resp. Napa-Profis zu lesen, voilà:
Sebastion Schwander:
http://mybestwine.ch/napa-vs-pauillac-2015-blind-tasting-battle/
Und René Gabriel:
https://www.napawine.ch/wp-content/uploads/2019/04/Napa-Versus-Pauillac-.pdf

Und wenn Sie – wie ich – Lust auf Napa erhalten haben (die Bordeaux gibt’s ja „überall“):
https://www.napawine.ch/