Schweizer Wein? Chasselas, Pinot Noir, Gamay und Müller Thurgau? Das war einmal! Inzwischen zeigen unsere Winzer, dass in der Schweiz (fast) jede Traubensorte erfolgreich angebaut wird. Und dass Schweizer Wein so gut wie jedes Menu perfekt begleiten kann.
Vor einigen Tagen erhielt ich Post von Martial Neyroud, Winzer in Blonay oberhalb Vevey am Genfersee. Für Deutschweizer Kunden vorbildlich in Deutsch abgefasst, informierte er über Neuigkeiten und darüber, dass er aufgrund von Bauarbeiten aktuell keinen Tag der offenen Türen organisieren kann. Dafür findet dann am 4. und 5. September 2026 eine Degustationsveranstaltung auf dem „neuen“ Betrieb von Neyroud statt.
Ich hatte über ihn schon einmal in meinem Blog geschrieben, da er – völlig untypisch für das Lavaux – einen bemerkenswerten Chenin Blanc keltert. Ich hatte den in einem Restaurant vor Ort genossenen Wein damals nachbestellt und dabei auch eine Flasche Cabernet Franc mitgekauft. Der Aussand von Neyroud erinnerte mich nun daran, dass ich diesen Wein schon lange probieren wollte.

Eher St. Emilion als Loire – aber da hält er mit!
Die Degustation und der Genuss des Weines zum Essen waren mehr als nur erfreulich! Welch gelungener Wein! Ich bin mir sicher, dass blind kein Weinkenner darauf kommen würde, dass dieser Cabernet Franc vom Genfersee stammt. Von der Loire – daran würde man allerdings auch kaum denken, aber St. Emilion durchaus, auch wenn dort der Merlot vorherrscht. Ich bin überzeugt, dass der Wein neben vielen Grands Crus und gar einigen Grands Crus Classés bestehen würde!

Es ist eher ein „Parker-Wein“, und also mehr ein Typ Wein, wie ihn von Michel Rolland beratene Güter herstellten als von solchen, die aktuell von Thomas Duclos begleitet werden. Ich persönlich bevorzuge den zweiten Typ, was mich aber nicht daran gehindert hat, den Cabernet Franc von Martial Neyroud richtig genossen zu haben!
Kraftvolle Stilistik bewusst gewählt.
Und diese Stilstik ist von Martial Neyroud ganz bewusst gewählt, er schreibt auf seiner Homepage selbst, dass er kräftige Rotweine produzieren will. Ich denke, dass das marketingmässig auch clever ist, denn elegante, filigrane Weine gibt es im Lavaux ja schon. Das, was Neyroud hier auf hohem Niveau macht, ist meines Erachtens ein Teil des Marketings, der in der Schweiz viel zu lange vergessen ging.
Export von Schweizer Wein – mit toller Marge für den Importeur!
Und zum Thema Marketing: Eine Recherche im Internet ergab, dass Neyroud seine Weine auch exportiert, und zwar ausgerechnet nach Frankreich! Dort wird der Cabernet Franc von einem Händler in der Normandie für sagenhafte 59 Euro verkauft (Preis in der Schweiz: 34 Franken, selbst „mehrwertsteuerbereinigt“ also immer noch unter 40 Franken)! Selbstverständlich mag das Zufall sein und man sollte nicht zuviel interpretieren – aber grundsätzlich dürfte Schweizer Wein im Ausland durchaus eine Chance haben, man müsste es nur versuchen!
Degustationsnotiz:

Cabernet Franc, Grand Cru Chardonne, 2020
Dunkles, undurchdringliches Purpur; dunkle Früchte (Brombeere, Cassis, getrocknete Pflaume), dazu viele würzige Noten (Lorbeer, Thymian, Liebstöckel), etwas Vanille; im Mund schöne, tragende Säure, viel feines, im Abgang sehr adstringierendes Tannin, kräftiger Körper, fruchtige Note im langen Abgang, üppiger, aber harmonischer Wein, da käme blind niemand auf die Idee, dass er aus der Schweiz stammt. 17 Punkte
Links:
Martial Neyroud • Artisan Vigneron, Lavaux
Und zu meinem Artikel, in dem u.a. der Chenin Blanc beschrieben ist:
Das Lavaux wird immer spannender – auch jenseits des Chasselas! – Victor’s Weinblog
Interessennachweis:
Der Wein wurde käuflich erworben.
Spannender Beitrag – gerade der Blick auf die Entwicklung neuer Rebsorten in der Schweiz ist sehr interessant.
Mir ist dazu ein kulinarisch-kultureller Anlass aus dem Jahr 2016 geblieben – ein Tango-Abend mit Essen, Wein und Musik: In diesem Rahmen habe ich einen Malbec vom Weingut Besson-Strasser (Zürcher Weinland) eingesetzt, der damals bereits über drei Jahre gereift war und sich im Pairing als echte Überraschung zeigte. Im Vergleich zu einem Überseewein hat er sogar deutlich überzeugender gewirkt.
Auch spannend finde ich in diesem Zusammenhang, dass selbst klassische Sorten aus wärmeren Regionen wie Syrah hierzulande zeigen, welches Potenzial vorhanden ist – gerade das Wallis hat an internationalen Degustationen bereits mehrfach ganz vorne mitgespielt.
Für mich zeigt das schön, wie viel sich oft schon im Stillen entwickelt hat.