Die jungen Wilden. Nur halb so wild, dafür total gut!

Junge Schweiz – neue Winzer. So heisst eine Vereinigung, der sich unter 40-jährige Winzerinnen und Winzer anschliessen können. Am „Swiss Wine Tasting“ traten sie kürzlich mit je zwei Weinen auf – und überzeugten auf der ganzen Linie.

„Die jungen Wilden“, so wurde der Gemeinschaftsstand im Katalog bezeichnet. Der Titel war nicht ganz richtig, genau wie die räumliche Platzierung der Gruppe in einer engen Nische – die acht teilnehmenden Weingüter hätten einen besseren Platz verdient.
Wobei acht eigentlich ohnehin die falsche Zahl ist, denn mit Johann-Baptista von Tscharner, Patrick Adank, Martin Wolfer, Robin Haug, Alain Schwarzenbach, Susi Steiger-Wehrli, Fabrice und Stéphane Simonet, Marylène und Louis Bovard-Chervet, Martin Porret sowie Jonas Huber waren zehn weitere Güter am Anlass vertreten – aber eben einfach nicht am Gemeinschaftsstand, sondern im grossen Saal und somit unter der Gilde der etablierten Güter (bzw. an prominenteren Sonderstand „Zürisee“ im Falle von Schwarzenbach).
Um auf den eigentlich verdienten besseren Platz zurückzukommen: Alle acht Jungwinzerinnen und -winzer am „Katzentisch“ halten qualitativ ohne Weiteres mit den grossen Weingütern mit. Deshalb stellt sich schon die Frage, ob sie künftig nicht einfach in die Ausstellung gehörten und dort allenfalls als Mitglied von „Junge Schweiz – neue Winzer“ gekennzeichnet werden könnten.

Dezent in der Beschriftung, gross im Auftritt: die jungen Winzerinnen und Winzer (hier das Eingangstor zur Cave Caloz in Miège).

Wie auch immer: Was die acht am Gemeinschaftsstand vertretenen Güter zeigten, ist Spitzenklasse:

Bechtel-Weine, Eglisau, Mathias Bechtel
Ein holzbetonter, aber schöner Chardonnay 2017 und ein herrlicher Pinot noir 2017, mit dem Bechtel zeigt, dass er während seiner Jahre als Kellermeister von Pircher viel Pinot-Klasse verinnerlicht, sich aber gleichzeitig auch mit einem etwas weniger filigranen Stil emanzipiert hat.

Schott-Weine, Twann, Anne-Claire Schott
Spannender, dichter, aber auch etwas gewöhnungsbedürftiger „Blanc orange“ 2018 aus vier Traubensorten und ein charaktervoller, kräftiger Pinot noir 2018 (Mon vieux Pinot noir) ohne Schwefelzugabe.

Javet + Javet, Lugnorre, Etienne Javet
Ein filigraner Pinot noir 2017 (aimetere de la Chamba) und ein unglaublich gehaltvoller und frischer „orange Chasselas“ 2018 (Or du temps) – orange wine vom Feinsten!

Cave de l’Orlaya, Fully, Mathilde Roux
Ein Bilderbuch-Gamay 2017 (vieilles vignes), fruchtig und mit Tiefe sowie ein schöner Petite Arvine 2018, der mir persönlich ohne die – freilich dezente – Restsüsse noch besser gemundet hätte.

Cave Corbassière, Saillon, Nicolas Cheseaux
Herausragender, frischer und fruchtiger Petite Arvine 2017 (Saillon Grand Cru) mit Tiefgang und der wohl beste Diolinoir (2016), den ich je gekostet habe und der zeigt, was in dieser Sorte steckt: dicht und gleichzeitig elegant, fruchtig, würzig und mit einer unglaubliche Frische (ohne Schwefelzusatz!).

Sélection Comby, Chamoson, Yann Comby
Ein sehr schöner, salzbenonter Petite Arvine 2018 (La Tsoume) und ein typischer Cornalin 2018 (La Crête) mit Potential.

Cave Caloz, Miège, Sandrine Caloz
Sehr schöner Marsanne Blanche 2018 (Vieilles Vignes Les Clives) mit Restsüsse und ein ungemein saftiger, fruchtiger, mit viel Tannin unterlegter, herrlicher Humagne Rouge 2018 (Les Bernunes).

Weingut Cipolla, Raron, Romain Cipolla
Ein saftiger, sortentypischer und für Walliser Verhältnisse sehr frischer Sauvignon blanc 2018 (Heidnischbiel) und ein schöner, zarter Pinot noir 2018 (Bieltin), der mit ein bisschen mehr Säure noch bemerkenswerter wäre.

16 präsentierte Weine, keine einzige Enttäuschung, sieben absolute Spitzenweine und ein ganz generell sehr hohes Niveau: Genial, was die Jungen hier zeigten. So wild, wie sie benannt wurden, sind sie aber nicht. Wohl suchen sie teils neue Wege – Anne-Claire Schott wäre da vorab zu nennen -, aber letztlich sind es einfach aussergewöhnliche Winzer(innen)-Talente, die beim nächsten Mal definitiv allesamt mit in die Präsentation der Etablierten gehören.

Nicolas Cheseaux – Primus inter pares?
Auch wenn es etwas unfair ist, dann hebe ich jetzt trotz allem einen Winzer besonders hervor: Nicolas Cheseaux von der Cave Corbassière. Die beiden präsentierten Weine waren eindrücklich, aber ich konnte bei ihm auch schon mal das ganze Sortiment probieren und empfehle Ihnen, sich diesen Namen speziell zu merken: hier zeigt sich das Talent eines Spitzenwinzers, der das Zeug hat, international für Furore zu sorgen.

Nicolas Cheseaux, Cave Corbassière, Saillon: Merken Sie sich alle Namen der jungen Winzer, und diesen ganz besonders!
http://www.corbassiere.ch/

Hier der Verweis auf die Homepage von „Junge Schweiz – neue Winzer“. Die Links zu den einzelnen Mitgliedern finden Sie auf dieser Seite unter „Winzer“.

https://www.jsnw.ch/home/

Le vin suisse existe – même après dix ans!

Vielleicht wäre der Titel ja treffender mit „le vin suisse n’existe pas“ – zumindest in den Köpfen immer noch vieler Schweizer „Weinfreunde“. Und ganz sicher mit einem Blick von ausserhalb der Schweiz. Aber das ist falsch! Der Schweizer Wein existiert – auf sehr hohem Niveau. Und er kann altern – und wie!

Das grosse Swiss Wine Tasting der besten Schweizer Weine von anfangs Dezember war mehr als einen Besuch wert (und auch mehr als nur einen Artikel hier – Fortsetzung folgt). Angesichts der unglaublichen Vielfalt an Spitzenweinen war der Eintritt von Fr. 20.00 schon fast läppisch tief. Dies vor allem auch, weil zusätzlich zur „normalen“ Ausstellung auch Weine des „Swiss Wine Vintage Award“ aus dem Jahrgang 2009 degustiert werden konnten.

Wer möchte sich da nicht einschenken lassen? Schweizer Spitzenweine aus dem Jahrgang 2009 in Reih und Glied!

In einer Sonderschau waren 57 Schweizer Weine aus dem Jahr 2009 vertreten, davon 19 weisse (inkl. 2 Süssweine) und 38 rote. Das Resultat mit einem Wort vorweg: beeindruckend! Nicht einer der präsentierten Weine war schon zu alt, kaum einer war unangenehm gereift und einige waren gar erst so richtig in Hochform!

Am meisten überraschten die Weissweine. Selbst die Chasselas machten noch alle Spass, einzelne wie der Dézaley Médinette von Bovard, der Clos de Mangold der Domaine Cornulus oder der Le Brez der Domaine de Colombe präsentierten sich sogar noch richtig jugendlich. Am meisten beeindruckt haben mich bei den Weissen aber der Completer von Donatsch (trotz leichter Restsüsse), der Petit Arvive Château Lichten von Rouvinez und – ganz besonders – die beiden senstationellen Räuschlinge vom Zürichsee von Lüthi (dicht und jugendlich) und noch mehr von Schwarzenbach (unglaubliche Frische).

Umwerfend war der mit Restsüsse gekelterte Petit Arvine Grain Noble Domaine des Claives von Marie-Thérèse Chappaz – diese Frische, diese Ausgewogenheit, diese Finesse, nichts Klebriges – das ist ganz einfach ein Wein zum Träumen!

Bei den Roten gefielen fast alle Tessiner Merlots, für mich persönlich allen voran der sanfte, würdevoll gereifte Orizzonte von Zündel und der Balin von Kopp von der Crone Visini sowie der mit Cabernet Franc gemischte Insieme von Weingartner.

Spannend bei den Spezialitäten, wenn auch schon spürbar gealtert, der Lemberger (=Blaufränkisch) von Schwarzenbach, der trotz Alterstönen noch sehr saftige Syrah L’Odalisque von Thierry Constantin, der enorm frische Cornalin der Domaine Cornulus und der noble, saftige Grand’Cour Cabernet Franc + Sauvignon von Pellegrin.

Und die Pinots, von denen gleich 15 Weine gezeigt wurden? Wenn es gesamthaft gesehen eine leise Enttäuschung – wenn auch auf hohem Niveau – gab, dann hier. Es scheint, dass die Vorschusslorbeeren dieses „Jahrhundertjahrgangs“ nicht immer gerechtfertigt waren. Die Pinot noir-Traube ist wenig überraschend wohl einfach nicht für so heisse Jahre gemacht und es brauchte viel Fingerspitzengefühl des Winzers (und kühle Lagen), um auch in solchen Jahren typische Pinots herzustellen. Weine wie der Aagne von Gysel, der mir schon in der Jugend mit seiner üppig-„süsslich“ Art nicht gefiel, wirken heute uninteressant, wenn auch durchaus noch trinkbar. Auch untypisch, aber interessant zeigte sich der „Hommage“ der Cave du Rhodan, der zweifellos mit mehr Säure heute noch spannender wäre, der aber dank einer ausgeprägten, jetzt ausgewogenen Tanninstruktur Freude macht. Trotz dieser Ausnahme, Pinots, bei denen Eleganz und Frische vorherrscht, können heute am meisten überzeugen, allen voran aus dem Kanton Baselland (!) der für mich beste Pinot der Serie, Clos Martha von Möhr-Niggli, aber auch Kloster Sion vom Weingut Sternen, Stadtberg von Pircher, Pinot noir Nr. 3 vom Schlossgut Bachtobel und der Churer Gian-Battista des Weingutes von Tscharner.

Alles in allem: Eine hervorragende Leistungschau der Schweizer Spitzenwinzer, die mit ihrer Arbeit schon vor 10 Jahren bewiesen haben, welch hervorragendes Potential die Schweizer Weine aufweisen! Le vin suisse existe – und sollte endlich auch auf der Weltbühne seinen berechtigten Platz finden!

https://www.swiss-wine-tasting.ch/?L=0
http://www.mdvs.ch/de/home.html

Swiss Wine Connection: Schon Mitglied?
Und übrigens: Wenn Sie für Fr. 50.00 pro Jahr Mitglied bei der „Swiss Wine Connection“ meiner Freunde Susi Scholl und Andreas Keller werden, geniessen Sie beim nächsten Event Gratiseintritt:
http://www.swiss-wine-connection.ch/friends/

Und hier die Links auf die erwähnten Weingüter:
http://www.domainebovard.com/de/home.php
https://cornulus.ch/de/
https://www.lacolombe.ch/de/
https://www.donatsch.info/
https://famillerouvinez.com/de/
https://www.luethiweinbau.ch/
https://www.schwarzenbach-weinbau.ch/
https://www.chappaz.ch/
http://www.zuendel.ch/ (nur Titelbild, offenbar sonst noch „off“)
http://www.cantinabarbengo.ch/ (Kopp von der Crone Visini)
https://www.weingartner.ch/
http://www.thierryconstantin.ch/2011/?page_id=14&lang=de
https://www.geneveterroir.ch/de/domaine-grandcour/4457 (Pellegrin, offenbar noch ohne eigene Homepage – hat er gar nicht nötig!)
https://aagne.ch/
https://rhodan.ch/
http://www.moehr-niggli.ch/
https://www.weingut-sternen.ch/
http://www.weingut-pircher.ch/data/index.php/de/
https://www.bachtobel.ch/de
https://www.reichenau.ch/weinbau/



Das Momentum liegt bei Jürg Marugg. Und auch die Zukunft!

Schon wieder Jürg Marugg! Dabei hatte ich ja eben erst über ihn geschrieben. Kürzlich wurde mir aber auf Schloss Wartenstein in Pfäfers überhalb Bad Ragaz der „Momentum“ empfohlen. Das war ein sehr passender Tipp und ein Grund für einen neuen Beitrag.

Jürg Marugg ist einer der bemerkenswersten Newcomer in der Bündner Herrschaft. Er hat für mich gerade das Momentum auf seiner Seite. Und eigentlich nicht nur das, die Zukunft gehört ihm sicher auch! Beschrieben habe ich das schon hier:
https://victorswein.blog/2019/07/27/weinbau-marugg-hoch-4-in-flasch-und-jurg-als-speziell-interessant/
Danke des Tipps im Restaurant kommt hier nun eine Forsetzung: Momentum – eine Assemblage aus Syrah und Merlot, empfohlen zu einem Wildteller.

Wunderschöne Reblandschaft: Blick auf Fläsch in der Bündner Herrschaft, dem Wohnort von Jürg Marugg (Foto von Schloss Wartenstein aus, von der anderen, der St. Galler, Rheinseite)

Ich war eher skeptisch, aber weil ich gerne Neues entdecke und mich auch je länger, je lieber auf Weinempfehlungen des Servicepersonals verlasse, habe ich also eine Flasche „Momentum 2016“ bestellt.

Natürlich kann man sich fragen, ob es Syrah und Merlot nördlich der Alpen wirklich braucht. Und man kann auch zu irgendwelchen Assemblagen ein Fragezeichen setzen, und ganz besonders zur Mischung von Syrah und Merlot. Aber das Resultat in Form des Momentums ist überzeugend!

Mittleres, glänzendes Purpur; dunkle und helle Beeren (Brombeere, Johannisbeere), Thymian; im Mund druckvoll, gut stützende Säure bei spürbaren Tanninen, enorme Frische, eleganter, langer Abgang mit einem dezenten Nachhall nach neuem Holz. Schöner, eigenständiger Wein!

Das Lustige daran: Ich hätte blind darauf getippt, dass in diesem Wein auch Pinot noir enthalten ist. Aber vielleicht hat das ja nur damit zu tun, dass der Momentum eben seine Herkunft nicht versteckt. Zwar kann man – jedenfalls, wenn man es weiss … – durchaus Syrah und Merlot herausspüren, und die Komplexität des Weines deutet auch eher auf eine südlichere Herkunft, aber diese enorme Frische, das ist dann eben schon wieder „Norden“! Der Wein lagert 18 Monate in Holzfässern, davon sind 2/3 neu. Aber dieser Holzeinsatz ist nur erstaunlich dezent spürbar; Merlot und Syrah kommen zusammen offenbar sehr gut mit dem Neuholz zurecht bzw. werden daduch gar geadelt!

Es bleibt dabei: Schweizer Weine sind, zumindest an der Spitze, hervorragend, und man kann inzwischen tatsächlich jede Speise mit einem absolut geeigneten Schweizer Wein begleiten. Das hat der „Momentum“ wunderbar bewiesen, selbst wenn ein Pinot aus der Herrschaft sicher auch passend gewesen wäre! Aufgrund des Momentums hätte es ja gut einer von Jürg Marugg sein können!

https://www.marugg-weingut.ch/

Sehr lesenwert: Beitrag bei vvWine zu Brogers ungeschwefeltem Pinot!

Broger’s Langzeit-„Experiment“ mit einem Pinot noir ohne schweflige Säure begeistert auch andere. Lesen Sie den Beitrag bei vvWine, es lohnt sich!

Anfangs November hatte Michael Broger zur Vertikale seiner broger-dynamischen Pinot noir eingeladen. Der Anlass bzw. das Resultat war faszinierend, ich habe darüber schon berichtet. Wer den Beitrag nicht gelesen hat, siehe hier:
https://victorswein.blog/2019/11/06/der-pinot-magier-zaubert-auch-ganz-ohne-schwefel/

Mit dabei war auch Adrian vanVelsen vom Weinblog vvWine. Er hat dazu nun einen Beitrag publiziert, der vor allem noch viel präzisere Weinbeschreibungen liefert. Absolut lesenswert:
https://vvwine.ch/2019/11/broger-10-jahre-ohne-schwefel-aber-mit-viel-dynamik/

Die grosse Show der Schweizer Weine!

Es hat nichts mit Chauvinismus zu tun: Viele Schweizer Weine sind Weltspitze. Und viele weitere sind zumindest sehr gut. Am Montag, 2. Dezember 2019 kann man sich davon selbst überzeugen!

Ob man noch ganz objektiv über Schweizer Wein schreiben kann, wenn man soeben die Hälfte einer Flasche Pinot noir 2009 von Gantenbein genossen hat? Von einem schlicht genialen Wein, der erst am Anfang seiner besten Trinkreife steht und der mit seiner Eleganz (auch im heissen Jahr 2009!), seiner Dichte, seiner noch immer enormen Fruchtigkeit, seiner Frische und seinem Feuer praktisch alle gleichpreisigen Burgunder in den Schatten stellt?

Ja, man kann! Denn, dass die Schweizer Winzer seit vielen Jahren, teils leider immer noch unbemerkt vom „Mainstream“, hervorragende Weine herstellen, wird ja nicht von ein bisschen Gantenbein vernebelt!

Da muss man einfach hin: Swiss wine at its best! 2.12.2019, ab 11.00 Uhr

Es genügt ein Blick auf die Liste der anwesenden Winzer um festzustellen, dass man sich diesen Tag einfach reservieren muss.
http://www.swiss-wine-tasting.ch/aussteller/?L=0

Also, nichts wie los am Montag, 2. Dezember 2019 in den Schiffbau. Es lohnt sich! Tickets zu bescheidenen Fr. 20.00 gibt es schon im Vorverkauf hier:
http://www.swiss-wine-tasting.ch/ticketing/?L=0

Der Pinot-Magier zaubert auch ganz ohne Schwefel!

Seit dem Jahrgang 2007 füllt Michael Broger auch einen Pinot noir ab, der ohne den Einsatz von schwefliger Säure vinifiziert wird. Eine Vertikaldegustation aller produzierter Jahrgänge bewies wunderbar, dass auch solche Weine lange perfekt haltbar sein können – wenn ein Magier wie Broger am Werk ist.

Ungeschwefelter Wein, 11 Jahrgänge, und alle noch ohne braune Töne und in bester Verfassung! Ein grossartiges Erlebnis.

Ich erinnere mich gut daran, mit welchen Worten Michael Broger mir seinen ersten Jahrang 2007 des „Broger-dynamisch“ verkaufte, nachdem ich mich über den Wein begeistert geäussert hatte: „Ich kann für die Haltbarkeit nicht garantieren, am besten wird er schnell getrunken“.

12 Jahre später begeistert mich der gleiche Wein weiterhin. Zwar hat er inzwischen seine allerschönste Trinkphase überschritten, lässt sein einstiges Potential wohl noch spüren, ist aber etwas „altersspröd“ geworden. Wer alte Weine mag, kann ihn aber auch heute noch sehr genussvoll trinken. Und vor allem: Er zeigt nicht die geringsten oxydativen Töne!

Auch alle anderen Jahrgänge bis zu den eben abgefüllten 2018ern zeigten sich noch in Form, und insbesondere die Jahrgänge 2013 sowie 2015 – 2018 befinden sich noch nicht auf ihrem Höhepunkt – und begeistern allesamt.
Grosse Klasse sind für mich:
2013: zwar etwas untypischer Pinot, sehr dicht, prägnante Tannine, hat noch Reserven, toller Wein
2015: helle, typische Pinot-Frucht und enorme Frische und Eleganz im Mund, ein Schmeichler im besten Sinn des Wortes
2016: dunkle Farbe, würzig, mit Holznoten, elegant, aber mehr als 2015 dicht und auch mit enormem „burgundischem Feuer“
2018 („Ottoberg“): vergleichsweise dunkle Farbe, trotz Himbeertönen eher untypischer Pinot, enorm dicht, viel Tannin. Wirkt im Moment etwas rustikal und „eckig“, hat aber viel Potential.
Alle andernen Jahrgänge überzeugen ebenfalls, wobei ich 2014 am Schluss separat behandle (der Jahrgang 2009 fiel infolge von Hagel leider aus):
2007: wie schon beschrieben, gehörte wohl einst in die Klasse der Besten, ist aber inzwischen etwas müde
2008: verhalten, frische Töne, trocknende Tannine, herrliche Frische
2010: zuerst sehr verhalten und mit einem leichten Luftton, öffnet sich aber zusehens und wirkt ebenfalls frisch. Die ausgeprägte Bitterkeit gefällt mir, ist aber kaum jedermann’s Sache
2011: der einzige, der mit einem leichten Aceton-Duft (der aber nach einigen Minuten verschwindet) die fehlende schweflige Säure vielleicht anzeigt. Dann aber auch fruchtig, dicht und mit üppig Tannin ausgestattet
2012: der einzige, der leicht trüb wirkt; schöne, fruchtige Pinot-Nase, leichte Röstaromen und Kaffee, wird mit zunehmendem Luftkontakt immer schöner; elegant
2017: blumige Nase, Veilchenduft, im Mund eher filigran trotz spürbarer Tannine, schöner Wein der eleganten, feingliedrigen Sorte.

Und dann die Geschichte zu 2014. Dieser Wein fällt in der Serie zwar etwas ab; helle Töne, prägnante Tannine und Säure, wirkt etwas spröd. Ein durchaus interessanter, eigener Weintyp, der vermutlich zu einem rustikalen Essen besser gefällt als in einer Degustation.
Die Erklärung zu diesem „Ausreisser: 2014 war das erste Jahr der Kirschessigfliege. Die Winzer wurden nervös und – so Broger süffisant – in ganz Europa waren alle Insektizide ausverkauft. Er mochte kein solches Mittel einsetzen, und deshalb erntete er den „Broger-dynamisch“ in diesem Jahr sehr früh, „eigentlich unreif“.

Keinem Trend folgend – aber Trend setzend!

Was 2007 „nicht einem Trend folgend, sondern aus persönlicher Neugier und etwas oenologischem Leichtsinn“ (Zitat Michael Broger) begann, darf heute ohne Weiteres als absolut gelungenes Vorzeigeprojekt bezeichnet werden, das in der Weinwelt zu reden geben muss. Auch wenn man Broger in den ersten Jahren an den Weinfachschulen noch auslachte und mitteilte, „das gehe nicht, das habe man schon dutzenfach ausprobiert“, so ist es ganz offensichtlich möglich, sehr gute und haltbare Weine auch ohne den Einsatz von schwefliger Säure herzustellen.

Michael Broger an der Degustation seiner „Broger-dynamisch“: Mit Neugierde und einer kleinen Portion önologischem Leichtsinn zu herausragenden „Naturweinen“

Ist es einfach Magie oder ist es Zauber des Michael Broger? Auch wenn ich ihn in meinem allerersten Blog-Beitrag als Magier bezeichnet hatte,
vgl. hier: https://victorswein.blog/2018/01/01/michael-broger-der-pinot-magier/
mit Zauber hat das alles nichts zu tun. Wohl wird die Wissenschaft noch viel dazulernen müssen, aber aus praktischer Sicht hält Broger folgende Rahmenbedinungen für notwendig:
– eine rechtzeitige Ernte ohne zu reifes Traubengut (um 90° Oechsle)
– ein tiefer pH-Wert (wobei man den immer erst nach der malolaktischen Gärung genau kennt). Ein Kennzeichen ist, dass alle seine „Broger-dynamisch“ unter 3,7 liegen
– aufgrund der Vinifikation – der Wein bleibt auf der Hefe bzw. Feinhefe, und es findet keine Batonnage statt – verfügen die Weine fast immer über etwas Kohlensäure, was vermutlich stabilisierend wirkt (man spürt, 2016 ausgenommen, das beim Degustieren übrigens praktisch nicht)
– die Weine werden absolut natürlich produziert, „viel weniger kann man nicht machen“. Dabei kommen sie durchaus auch mit Luft in Kontakt. Broger äussert sogar die Vermutung, dass die Weine etwas Luftkontakt brauchen und im Fass auch leicht oxydative Töne ertragen; diese verschwinden dann mit der malolaktischen Gärung wieder.

Nachdem die Degustation im Neumarkt in Zürich abgeschlossen war, brach Gastgeber René Zimmermann in Begeisterungsstürme aus und sprach von totaler Sensation und von Weltklasse. Relativ gesehen kann man über letzteres vielleicht streiten (da gehört Broger’s „alte Rebe“ hin) – aber tatsächlich habe ich noch nie eine so überzeugende Serie von Naturweinen im Glas gehabt (und ich hatte schon diverse sehr gute!) – so gesehen stimmt das Etikett mit der Weltklasse vom Ottenberg auf jeden Fall!

Châpeau, Michael Broger!

Nur, wer nicht mit der Masse heult, kommt weiter! Hut ab, Michael, für deinen Mut, deine Beharrlichkeit, deine Neugier …. und deinen „önologischen Leichtsinn“. Ein bisschen magisch ist das Ganze eben doch!

http://www.broger-weinbau.ch/

PS für alle Puristen: Ganz korrekt ist, dass Borger „erst“ ab dem Jahr 2013 absolut ohne schweflige Säure arbeitet. In den Jahren bis 2011 fügte er jeweils beim Abfüllen noch 10 mg bei, 2012 noch 5 mg – bei beiden Mengen kann man sich aus fachlicher Sicht fragen, ob diese minimale Beigabe überhaupt eine Wirkung hatte – vielleicht beruhigte sie mehr die Nerven …

Weltklasse aus der Schweiz: nächste Folge mit Irène Grünenfelder.

Meinen letzten Blog-Beitrag hatte ich auf Facebook mit der Einleitung gepostet: „Wann merkt endlich der letzte Weinfreund, dass Schweizer Weine Weltklasse sein können“? An den dort beschriebenen, famosen Montagna Magica von Hubervini schliesst heute nahtlos ein Sauvignon blanc 2015 an.

Auch eine sehr geschmackvolle Etikette. Die einzelnen Weine unterscheiden sich durch die Farbe. Grün wird für den Sauvignon blanc verwendet.

Die Produzentin Irène Grünenfelder aus Jenins in der Bündner Herrschaft näher vorzustellen, ist kaum notwendig, obgleich mir scheint, dass sie in Sachen Berichterstattung immer ein wenig im Schatten von Gantenbein (vor allem), Fromm, Studach und neuerdings auch Möhr-Niggli und wieder Donatsch steht. Dabei begegnen ihre Weine den vorgenannten absolut auf Augenhöhe! Ich erinnere mich an drei Degustationen mit mehr als einem Dutzend der führenden Schweizer Pinots der Jahrgänge 2006, 2009 und 2012 – immer war der „Eichholz“ von Irène Grünenfelder unter den ersten drei platziert. Sie hat – als Autodidaktin notabene – mit ihrem roten Spitzenwein auch einen absolut eigenständigen Stil gefunden. Immer wohltuend zurückhaltend im Holz, dicht und trotzdem elegant, fruchtbetont und irgendwie einfach sinnlich – nicht anbiedernd am Burgund, aber auch nicht bieder wie ein durchschnittlicher Schweizer Barrique-Pinot. Und das Schönste daran: Die Preise sind, im Gegensatz zu jenen der Pinots anderer Spitzenwinzer, auf freilich für Schweizer Verhältnisse hohem Niveau anständig stabil geblieben.

Aber auch die Weissweine von Irène Grünenfelder sind bemerkenswert. Den Chardonnay kann ich zu wenig beurteilen, ich habe da erst zwei Jahrgänge probiert, und da spürte man noch etwas das jugendliche Alter der Reben und ein Abtasten beim Holzeinsatz, aber der Stil lässt grundsätzlich Grosses erahnen. Beim Pinot blanc zeigt sie, welches Potential diese Rebsorte eigentlich hat – und mit dem Sauvignon blanc bewegt sie sich seit Jahren an der Schweizer Spitze. Mit dem 2015er hat sie meines Erachtens sogar einen Wein gekeltert, der auch im internationalen Vergleich ganz vorne steht. Da ist nichts von „billigen“, exotischen Aromen und von einfacher Süffigkeit. Vielmehr besticht der Wein durch eine dezente, zurückhaltende aber doch präsente Frucht und vor allem durch eine unglaubliche Frische und Mineralität. Dieser Sauvignon ist begeisternd und braucht keinen Vergleich mit den Weltbesten zu scheuen! Und mit 30 Franken ist er zwar nicht billig, aber der Qualität angemessen sehr anständig.


Helles Gelb; eher zurückhaltend mit Anflügen von Mandarine, Lychee und Mirabellen, schon in der Nase mineralisch wirkend; im Mund mit einer unglaublichen Frische trotz relativ mässiger Säure, obwohl wirklich trocken mit einem Anflug von „Süsse“, dicht gewoben, unglaubliche Mineralität, langer Abgang. Ein Traumwein!

Wann wohl merkt endlich der letzte Weinfreund, das Schweizer Weine Weltklasse sein können? Dieser Sauvignon gehört sicher zu den leuchtenden Beispielen. Schade nur, dass ich eben die letzte Flasche aus meinem Keller geholt habe – wie so oft, habe ich die anderen einfach zu früh geöffnet (wobei sie auch damals sehr gut waren).

Blick auf die Bündner Herrschaft, im Vordergrund Malans, in der Mitte rechts Jenins und rot eingezeichnet, unterhalb von Jenins, der Standort des Weingutes Eichholz.


https://www.eichholz-weine.ch/

Weinbau Marugg – hoch 4 in Fläsch. Und Jürg als speziell interessant!

In Fläsch, dem nördlichsten Weindorf der Bündner Herrschaft, gibt es gleich vier Weinbaubetriebe mit Namen Marugg. Alle sind gut, einer (Daniel im Weingut Bovel) auch schon lange bekannt, aber zur Zeit besonders interessant ist der jüngste der vier, Jürg.

Sympathisch und auf dem Sprung an die Spitze:
Jürg Marugg am Tag der offenen Weinkeller 2018.

Im Weingut „im Polnisch“, etwas versteckt am Rand des pittoresken Dorfes Fläsch, hat sich ein Generationenwechsel vollzogen. Vater Christian Marugg, der stets für ehrliche und solide Weine stand, hat das Szepter seinem Sohn Jürg übergeben. Vater Christian hilft immer noch tatkräftig mit, und er freut sich, dass Jürg den Betrieb nicht nur weiterführt, sondern auch weiterentwickelt.

Eine erste Probe seines Könnes und seiner Lust, Neues zu probieren, hat Jürg mit dem „Creation“ des Jahrgangs 2014 abgeliefert. Dieser Pinot hatte acht Wochen Maischekontakt und wurde nach einem Jahr in neuen Barriques schliesslich unfiltriert abgefüllt.

Als ich den Wein vor etwas mehr als einem Jahr erstmals probierte war klar, dass dieser Pinot Potential aufweist. Allerdings war er derart tanninbetont und rustikal, dass ich nicht sicher war, ob er dieses Potential je positiv würde ausspielen können. Eher als Experiment kaufte ich drei Flaschen mit dem Ziel, je eine in den Jahren 2019, 2022 und 2025 zu probieren, um die Entwicklung beurteilen zu können.

Die erste Flasche war heute fällig, und ich habe gestaunt: Der Wein war noch immer tanninbetont, hat sich aber schon geläutert und macht Spass:


Mittleres, glänzendes Rot; typische Pinot-Nase mit ersten Reifetönen (Johannisbeeren, Himbeeren, Waldpilze), stramme, aber gut eingebundene Säure, prägnante Tannine, „feurig“, wie nur ein Pinot sein kann; im Antrunk eher rustikal wirkend, wird er im Mund immer eleganter und zeigt Finessen. Ein schöner Wein mit viel Potential!
Und ganz speziell bemerkenswert ist, dass der Creation 12 Monate in neuen Barriques ausgebaut wurde – und man so gut wie nichts vom Holz spürt!

Was mir an diesem Wein besonders gefällt: Jürg Marugg versucht schon gar nicht, die grossen Namen der Herrschaft zu kopieren. Vielmehr geht er mit seiner Creation eigenständige Wege. Vergleichen sollte man ohnehin nicht zu sehr, und schon gar nicht mit dem ganz grossen Namen aus Fläsch. Wenn überhaupt, dann erinnert der Creation entfernt an den Stil der von Tscharner, deren Weine auch zuerst Zeit brauchen, bevor sie ihr Potential ausspielen können. Aber eben, Jürg Marugg scheint seinen eigenen Weg zu gehen, und das gefällt.

Nicht nur dieser Wein, sondern auch der Rest des Sortimetes zeigt: Als Weinkenner sollte man sich den Namen Jürg Marugg merken, dieser junge Mann hat das Zeug, in die Fussstapfen der ganz Grossen in der Herrschaft zu treten.

Die Einstiegsseite seiner Homepage zeigt einen wunderschön gelegenen Rebberg vor toller Bergkulisse, viel schöner kann man die Herrschaft kaum ins Bild setzen. Nur die brauen Streifen unter den Rebzeilen liessen verdächtig auf einen Glyphosat-Einsatz schliessen. Was ich davon halte, siehe hier:
https://victorswein.blog/2019/05/04/glyphosat-fur-winzer-auch-ein-imagerisiko/
Auf einer der Folgeseite seiner Homepage schreibt Jürg Marugg, dass ihm Oekologie wichtig sei. Folgerichtig konnte er mir auf meine Nachfrage hin auch mitteilen, dass es sich um ein altes Bild handelt, und dass er inzwischen ohne den Einsatz von Herbiziden arbeitet. Auch in dieser Hinsicht also vorbildlich und zukunftsgerichtet!

Also definitiv: Marugg – Jürg Marugg – ein Name mit Zukunft!
https://www.marugg-weingut.ch/

Und PS: Den Creation 2014 gibt es noch zu kaufen.

Ein Bild auf Fläsch, aufgenommen unweit der Kellerei von Jürg Marugg. Während die Reblagen südlich des Dorfes sanft abfallen (wie im Rest der Herrschaft), gibt es nördlich des Dorfes richtige Rebberge. Auch das macht Fläsch einzigartig.
Bemerkenswert

Mutiger Gemeinderat als Geburtshelfer: 25 Jahre Markus Weber auf dem „Turmgut“!

Bürokratisch, stur und ohne Innovationskraft. Das sind so Attribute, mit welchen auch heute noch eine Gemeinde oft beurteilt wird. Völlig zu unrecht, und zwar schon seit einem Vierteljahrhundert, wie das Beispiel des Turmgutes in Erlenbach zeigt!

Das Turmgut mit seinen Reben in Erlenbach: einzigartig am Zürichsee!

Es war Ende der 1990er Jahre, und wir waren bei Freunden in Erlenbach am Zürichsee zu Gast. Das war die Zeit, als erste Schweizer Winzer auch tollen Pinot noir (oder eben Blauburgunder) produzierten – aber am „Zürisee“? Ich hatte zuvor während einem Jahrzehnt mit diesen Freunden zusammen die Firstclass-Weinkarte der Swissair produziert, und so war zu erwarten, dass sie einen guten Wein servierten. Er war auch gut – sehr gut sogar – aber er wurde blind serviert. Ich fand ihn toll, ein Pinot ohne Zweifel, aber woher nur? Sicher nicht vom „Zürisee“! Falsch: Der Wein stammte vom Turmgut in Erlenbach, produziert von dem mir damals völlig unbekannten Jungwinzer Markus Weber.

Inzwischen ist dieses Weingut eine „Institution“ und ein Betrieb, der seit nunmehr 20 Jahren zeigt, dass biologischer Weinbau auch in unseren Breitengraden erfolgreich betrieben werden kann.

Ich hatte kürzlich die Gelegenheit, an einer kleinen Degustation mit Markus Weber teilzunehmen – und ihm dabei erstmals überhaupt persönlich zu begegnen: Ein total spannender Gastgeber, extrovertiert, aber nie ein „Plauderi“; ein Mann, der weiss, wovon er in Sachen Wein spricht (das Thema war fast kein anderes, er wäre garantiert auch sonst ein spannender Gesprächspartner), und ein Mann, der weiss, was er kann – aber auch, was er nicht kann. Einfach rundum sympathisch!

Markus Weber, der engagierte Biowinzer des Turmgutes.

Und die Weine heute: Den Pinot noir „Valeria“ 2017 fand ich etwas holzgeprägt, aber das wird sich wohl nach wenigen Jahren noch geben. Der Wein ist ungemein ausdrucksvoll, mit einer – trotz Holz – schönen Frucht und mit einer Struktur, die eine schöne Zukunft prognostizieren lässt. Der Müller-Thurgau – bei Weber immer noch „Riesling Sylvaner“ genannt – weit über dem, was man von dieser Sorte so erwarten kann. Und der (anderweitig degustierte) Räuschling genau das, was diese Sorte vom Zürichsee so faszinierend macht. Absolut begeistert hat mich der Sauvignon blanc 2017: welch geniale Ausdrucksweise dieser Rebsorte! Dieser Wein scheint geradezu zu „fibrieren“, er vereint alle (auch, aber eben gerade nicht nur, vordergründigen) Düfte, die einen Sauvignon ausmachen, und er weist im Mund eine Fülle bei gleichzeitiger Frische aus, die wundervoll ist. Das ist Weltklasse, und ich stelle ihn in der Schweiz auf die höchste Stufe, zusammen mit den Sauvignons von Marco Casanova und Irene Grünenfelder! (Spannend: Weber und Casanova arbeiten biologisch, und Grünenfelder ist in Umstellung!)

Dem Raumplanungsgesetz sei Dank!

Die Geschichte ist aber mit einem kurzen Eingehen auf die heutigen Weine nicht zu Ende – im Gegenteil, sie beginnt im Jahr 1994 – oder eigentlich noch früher, 1986. Damals unterstellte der Kanton Zürich den Rebberg des Turmgutes in Erlenbach, das sich damals in Privatbesitz befand, einer „regionalen Freihaltezone“, was bedeutete, dass in diesem Bereich nicht gebaut werden durfte (sonst gäbe es heute an diesem Hang mit Sicherheit keine Reben mehr, sondern Villen – dem Raumplanungsgesetz des Bundes, welches diesen Eingriff erst möglich machte, sei Dank!). Das Bundesgericht urteilte Jahre später, dass dieser Entscheid keine „materielle Einteignung“ darstelle und somit nicht entschädigungspflichtig sei. Der Eigentümer pochte darauf auf dem sogenannten „Heimschlagsrecht“, was zur Folge hatte, dass der Rebberg zuerst, zum Schätzpreis als Rebland, an den Kanton Zürich fiel, welcher seinerseits das Land der Gemeinde Erlenbach übergab.

Pachtantritt am 15.11.1994: Diesen November feiert Markus Weber sein 25-jähriges Jubiläum

Der Gemeinderat Erlenbach suchte deshalb einen Pächter für die Reben und bewies sehr viel Mut – und aus heutiger Sicht Weitsicht! Die Turmgutreben wurden an den damals erst 26-jährigen Markus Weber verpachtet, der zuvor noch nie einen Betrieb geführt hatte und der zum Zeitpunkt der Ausschreibung erst noch in Australien weilte. Weber hatte aber das Glück, gleichzeitig noch weitere Rebanlagen übernehmen und die Weine vorerst bei einem anderen Weinbauern keltern zu dürfen.

Ausschnitt aus der Lokalzeitung von Mitte September 1994 – mit dem jungen Markus Weber als Newcomer.

Das Ganze war ein unglaubliches Wagnis. Nicht nur für die Gemeinde Erlenbach, deren Gemeinderat Innovationsgeist bewies, sondern auch für Markus Weber. Die NZZ berichtete am 19.1994 dazu Folgendes: „Markus Weber steht ein gerütteltes Mass an Arbeit bevor. Die Turmreben sind schlecht erschlossen, teilweise stark überaltert, die Hälfte der Weinstöcke sind immer noch an Stickeln befestigt, und der ganze Rebberg ist unterassiert und somit nur von Hand zu bearbeiten. Die rund 2,2 Hektar Rebfläche bieten eine insgesamt eher schmale Existenzgrundlage.“

Nun, die Reben wurden inzwischen (von der Gemeinde) terrassiert, und Markus Weber kann im November des laufenden Jahres als erfolgreicher Winzer sein Vierteljahrhundert-Jubiläum feiern!

Die Schaffenskraft von Weber hat zusammen mit der Weitsicht der Gemeindebehörden zu einem Vorzeige-Projekt im Rebbau geführt. Auch wenn es sachlich nicht ganz korrekt ist: Vielleicht wurde der Ausdruck „privat-public-partnership“ in Erlenbach erfunden!

http://www.turmgut.ch
Und der Link zur Gemeinde, die heute noch innovativ und sympathisch ist:
http://www.erlenbach.ch

Markus Ruch: zum Glück Winzer und nicht Banker

Den Tipp verdanke ich Michael Broger. Er machte mich auf den Newcomer Markus Ruch aufmerksam, der im Klettgau eben erst mit Weinbau begonnen hatte. Wenn jemand, der so geniale Weine herstellen kann, wie Michael Broger – siehe :
https://victorswein.blog/2018/01/01/michael-broger-der-pinot-magier/
einen Winzer empfiehlt, dann muss er ja gut sein. Und deshalb bestellte ich blind den Jahrgang 2009 der „Hallauer Chölle“ von Ruch, und der wurde erst noch frei Haus geliefert – vom Winzer selbst. Eines Abends stand ein grossgewachsener, sympathischer junger Mann von der Türe und lieferte einen Karton seines Weines ab. Dank Michael Broger habe ich also das Privileg, einen Wein aus den Anfängen des Markus Ruch verkosten zu können.

Ein herrlicher Pinot der speziellen Art aus dem Kanton Schaffhausen. Ruch’s „Chölle“.

Eine dieser Flaschen habe ich heute getrunken, und eigentlich war es immer noch zu früh. Aber was für ein toller Wein! Ein Pinot fern des „Mainstreams“ zwar, und vermutlich deshalb auch nicht jedermann’s Sache – aber eben einer jener Weine, die Persönlichkeit und Charakter aufweisen, und die mir deshalb so sehr gefallen:

Für Pinot erstaunlich dunkles Rot mit ersten Reifetönen; Dörrzwetschgen, Thymian und ein leichter Cognac-Ton; im Mund mit Ecken und Kanten, aber ungemein spannend und auch ausgewogen zwischen Säure, Tannin und Alkohol, leichter Anflug von Vanille als einziger Hinweis auf den Holzeinsatz, langer Abgang. Eigenständiger, toller Charakterwein!

tMarkus Ruch war auf bestem Weg, eine Bank-Karriere einzuschlagen. Nach einer kaufmännischen Lehre arbeitete er noch einige Jahre im Bankwesen. Eigentlich bin ich sicher, er hätte auch dort Karriere gemacht. Aber ein Weinbaupraktikum am Strickhof in Wülflingen begeistere ihn so sehr, dass er nicht mehr vom Wein wegkam. Nach diversen Lernaufenhalten bei so renommierten Winzern und Winzerinnen wie Christian Zündel, Marie-Thères Chappaz und Hans-Ulrich Kesselring, aber auch im Burgund bei der Domain Derain, begann er 2007 in Hallau, im „Chlättgi“ (Klettgau, Schaffhausen), selbst Wein zu produzieren.

Seit der Lieferung des Jahrgangs 2009 verfolge ich das Wirken von Markus Ruch praktisch jährlich am traditionellen „Tag der offenen Weinkeller“ am 1. Mai. Allein das Hinuntersteigen in den antiken Keller in der „Zehntenscheune“ zu Hallau und der Keller selbst sind einen Besuch wert.
Sein Sortiment wurde breiter, und die Qualität nimmt von Jahr zu Jahr noch zu. Ruch arbeitet bio-dynamisch, und vielleicht deshalb sind seine Weine auch über all die Zeit eigenständig, aber ausdrucksstark und herzerwärmend geblieben.

Der einzige Wermuthstropfen: Ruch’s Weine sind nicht billig, und überhaupt welche zu erhalten, ist schwierig; sie sind immer schnell ausverkauft. Ich scheine nicht der einzige Weinfreund zu sein, der sie mag!

http://www.weinbauruch.ch/