Stephan Herter, der Winzer mit den richtigen Rezepten: Einsatz, Beharrlichkeit und Empathie!

Stephan Herter zeigt am Winterthurer „Taggenberg“, dass er als gelernter Koch auch in der Weinherstellung die richtigen Rezepte gefunden hat. Seine Weine sind hervorragend und gleichzeitig sowohl klassisch wie auch eigenständig.

Eigentlich ist er ja gelernter Koch, und dank einem sehr guten Lehrabschluss hatte er die Möglichkeit, sich in der absoluten Spitzengastronomie weiter zu entwickeln. Allerdings kam Stephan Herter da auch intensiv mit Wein in Kontakt, und das hat ihn nie mehr losgelassen. Nach einigen Jahren im Weinbusiness, zuerst als Weintechnologe, dann in fast jeder Position in einer führenden Schweizer Weinhandlung, wollte er sein eigenes Weingut gründen. Diverse Stages brachten ihm viele Impulse, ganz besonders beeindruckt hat ihn die Tätgigkeit auf der Domaine Leflaive, wo er in einem Team mit einer wundervollen Person (Zitat Herter) an der Spitze (die leider inzwischen verstorbene Anne-Claude Leflaive) auch die biodynamische Arbeitsweise kennenlernte.

Das Gute liegt so nah
Umgesehen hat er sich für ein Weingut dann weit in der Weinwelt. Südfrankreich wäre eine Option gewesen, aber eigentlich mag er den nördlichen Weinstil besser. Im Rheingau hätte er ein Gut übernehmen können – aber „nur“ Riesling, das war ihm zu wenig spannend. Schliesslich begann er auch in der Deutschschweiz zu suchen, wobei sein Vorgehen einzigartig war. Er ging nicht den Angeboten nach, sondern suchte zusammen mit einem Freund, der Geologe ist, nach einem bodentechnisch perfekten Ort. Gefunden hat er diesen dann in Winterthur, „seiner“ Stadt, in der er lange gelebt hat und die ihm ans Herz gewachsen ist (dem Schreibenden übrigens auch). Der Taggenberg, eine kleine Erhebung am westlichen Stadtrand, weist nämlich eine ganz aussergewöhnliche geologische Struktur auf. Er wurde geprägt vom Gletscher, aber anders als etwa der silex-geprägte benachbarten Hügelzug des Irchels gibt es hier Buntsandstein – und zwar nachweislich aus der Pfalz stammend und vom Gletscher hierhier transportiert. Aber damit nicht genug: Den Hügel durchzieht auch eine Kalkzunge, welche wiederum aus der Champagne stammt. Es gibt Lagen am Taggenberg, die nur rund 20 cm Humus aufweisen – darunter kommt direkt der Stein. Das zwingt zwar den Winzer zum Bohren, wenn er Pfähle einschlagen will, gleichzeitig aber auch die Rebe, ganz tief und weit durch den Kalk zu wurzeln. Kein Wunder also, dass hier vor rund 30 Jahren das Ehepaar Hans und Therese Herzog schon einmal absolute Spitzenweine produzierte, bevor es nach Neuseeland auswanderte.

Perfekte Weinlage am Rand der Stadt: Der geologisch einzigartige „Taggenberg“ in Winterthur.

Beharrlichkeit bringt Reben
Was aber tun mit diesem Wissen? Der Hang war weiterhin mit den von Herzog’s bepflanzten Reben bestockt, aber das Land ist auf etwa ein Dutzend Besitzer aufgeteilt und war zudem verpachtet. Es war immerhin ein schon über dem Pensionsalter stehender Landwirt, der die Reben pflegte. Und so änderte Herter seine Gewohnheiten: Statt ins obere Tösstal führten ihn seine Ausfahrten mit dem Moutainbike neu tössabwärts und in Richtung Irchel – und dabei fast jedes Mal vorbei am Hof des alten Bauern, um ihn zu überzeugen, die Reben doch abzugeben. Und tatächlich, irgendwann war er durch Herters Hartnäckigkeit „weichgeklopft“, ab dem Jahrgang 2012 konnte Herter die Reben am Taggenberg übernehmen. Wobei, ganz so einfach war auch das noch nicht, denn aufgrund seiner Ausbildung ging Herter amtlich nicht als Winzer durch. Also musste er sich noch im Schnellgang ausbilden. Auch diese „Lehre“ hat ihn geprägt, er konnte sie bei Michael Broger am Ottenberg absolvieren
vgl. hier: Michael Broger – der Pinot-Magier – Victor’s Weinblog
von dem er nicht nur weintechnisch, sondern auch menschlich („grandios“, Zitat Herter) viel profitieren konnte.

Beharrlichkeit musste Stephan Herter aber auch in andere Hinsicht beweisen. Er hat inzwischen 9 Jahrgänge gekeltert, und davon verliefen gerade deren zwei „normal“. Abgesehen von, wie Herter selbst einräumt, eigenen Fehlern, waren vor allem die beiden Frostjahre 2016 und 2017 schlimm und existentbedrohend. Aber Herter kaufte in diesen Jahren fremdes Traubenmaterial, und daraus entstand die Weinlinie „Väterchen Frost“. Handeln statt jammern – kein schlechtes Rezept!

Durchhaltewille zeigt er auch in der Bewirtschaftung. Er hat in all den Jahren nie eine „chemische“ Spritzung durchgeführt. Herter arbeitet nach biologisch bzw. bio-dynamischen Grundsätzen, ist aber nicht zertifiziert. Dies vor allem auch deshalb, weil er sich mit den Weltansichten des Rudolf Steiner schwertut und Bio-Suisse inzwischen als Instrument des Grosshandels empfindet – mit beidem will er nicht in Verbindung gebracht werden.

Aber auch ohne Zertifikat ist Herter beharrlich. Es kam auch im Jahr 2020, das durch den ständigen Wechsel von Nässe und Sonne in der Pilzabwehr problematisch war, mit nur 800 g Kupfer pro Hektar aus (erlaubt sind im Biorebbau 5 Kg), was auch nicht mehr signifikant höher liegt, als es für den anfälligeren Teil der Piwi-Sorten auch noch notwendig ist. Piwi ist für Herter ohnehin kein Ersatz; seiner Meinung nach kommen diese qualitativ vorerst einfach noch nicht an die Europäersorten heran, jedenfalls dann, wenn es darum geht, mineralische, trockene und ausdrucksstarke Terroirweine zu produzieren.

Herter tut aber auch so viel für die Natur. In mehreren Projekten zusammen mit der Naturschutzorganisation „Birdlife“ hat er Naturräume geschaffen, in denen sich Nützlinge ansiedeln und die Biodiversität verbessern können. Er ist überzeugt, dass er unter anderem auch deshalb noch nie wirkliche Probleme mit der Kirchessigfliege hatte. Zweifellos sind diese naturnahen Massnahmen der Weinqualität zuträglich. Ganz abgesehen davon ist er mit seinem Rebberg in einer privilegierten Lage: Er schneidet die Reben heute auf etwa 10 Augen zurück, und das ergibt dann aufgrund des Alters (ca. 45 Jahre) genau den bescheidenen Ertrag, den er für seine Weine anstrebt. Im Klartext: Herter muss keine „vendange verte“ ausführen, die Ertragsregulierung übernehmen die Pflanzen selbst.

Voller Einsatz bringt Infrastruktur
Mögen die Voraussetzung noch so gut sein, ein Newcomer ohne viel Geld kann nur bestehen, wenn er auch mit grossem Einsatz bei der Sache ist. Beim kontinuierlichen Ausbau seines Hofes legte und legt Herter immer selbst Hand an. Zurecht mit Stolz zeigt er den Barrique-Keller, ein Bauwerk, da er innert weniger Monate zu einem grossen Teil und selbst auf dem Bagger sitzend geschaffen hat.

Der mit den guten Rezepten und dem selbst geschaffenen Barrique-Keller: Stephan Herter.

Herausfordernd war auch die Corona-Sitation. Bedingt durch seine frühere Tätigkeit in der Gastronomie und dem Weinhandel war Herter im Absatz stark von Restaurants abhängig. Sozusagen von einem Tag auf den anderen blieben im Frühjahr 2020 die Bestellungen aus. Statt jammern suchte Herter sämtliche ihm bekannten Adressen von Kunden, Freunden und Bekannten zusammen und bot die Weine forciert im Direktverkauf an. Das Resultat: Bald stand Stephan statt im Rebberg tagelang im Keller und schnürte Pakete bzw. im Büro und schrieb Rechnungen!

Empathie für die Mitmenschen und für den Wein
Weil er deshalb während der arbeitsintensivsten Zeit im Rebberg fehlte, suchte der via soziale Medien nach Helfern – mit grossem Erfolg. Das war auch deshalb wichtig, weil aufgrund von Covid ein Teil seiner regelmässigen Helfer ausfiel. Seit Jahren bietet Herter nämlich Menschen, die eher auf der Schattenseite des Lebens stehen, die Möglichkeit, zeitweise bei ihm zu arbeiten und damit eine Aufgabe zu haben. In diesem sozialen Engagement habe er schon „Junkies“, „Knastis“ und „Alkis“ auf dem Betrieb gehabt und durchwegs gute Erfahrungen gemacht. Mit Abstand am schwierigsten, sagt ausgerechnet ein Winzer, sei der Umgang mit alkoholabhängigen Personen – das sei ein unvorstellbares Elend. Eine Warnung an uns alle, die wir den Wein so gerne haben, mit Mass und Vernunft zu geniessen!

Empathie, oder meinetwegen Fingerspitzengefühl, beweist Stephan aber vor allem auch bei der Weinproduktion. Natürlich profitiert er von einer hervorragenden Lage und alten Reben – und noch dazu davon, dass der erwähnte Hans Herzog „en fräche Siech“ gewesen ist, und damals nebst verbotenen Sorten auch spezielle Klone aus Frankreich gesetzt hat. Aber ganz offensichtlich hat Stephan Herter auch viel gelernt und dazu noch viel mehr Gefühl für den Wein entwickelt. Auf eigenen Hefen vergoren, so wenig Eingriffe wie möglich, ein trockener und eleganter Stil, der die Weine vor allem als Essensbegleiter aufblühen lässt und einen vielleicht nicht mit einem Bluffer-Stil sofort anspringen. Das Sortiment ist absolut überzeugend – der Koch findet auch als Winzer die feinsten Rezepte!

Aber lesen Sie selbst die nachstehenden Degustationsnotizen.

Sehr wichtig ist für Stephan Herter auch, dass die Weine ihre Herkunft zeigen – auf der Suche nach dem brühmten „Terroir“ sozusagen. Dass das nicht nur grosse Worte sind, zeigt er mit einem „Experiment“ mit dazugekauften Trauben aus Stein am Rhein. In diesem Fass lagert ein Pinot, der auf reinem Nagelfluh gewachsen ist, und mit dem Herter den Unterschied der verschiedenen Gesteins-Untergründe aufzeigen will.

Die Degustationsnotizen

Fabelhafte Parade der Fabelwesen: Herter’s tolles Sortiment (und es gibt noch mehr!)

„Väterchen Frost“, Schaumwein
Helles Gelb, zurückhaltende, feine Perlage; sehr fruchtbetont und „weinig“, Golden-Delicious-Apfel, Stachelbeeren, weisser Pfirsich, leichter, sehr feiner Hefeton; im Mund füllig, gut stützende Säure, kaum spürbarer Alkohol, neckische, dezente Süssnote, langer Abgang. Ein Masstab für Schweizer Schaumwein! 17 Punkte (= sehr gut).

Ferdinand, Räuschling 2019
(Degunotiz aus der Erinnerung, ich habe den Zettel verloren … aber der Eindruck ist sehr geblieben!)
Helles Gelb; Duft nach Orangen und Mirabellen, blumige Anflüge (u.a. etwas Flieder); im Mund mit knackiger Säure, filigran aber trotzdem für einen Räuschling erstaunlich dicht, langer Abgang. Toller Räuschling der eher traditionellen, aber doch etwas modern umgesetzten Art! 16 Punkte (= am oberen Ende gut).

Rufus, Sauvignon blanc, 2019
Mittleres Gelb, Stachelbeeren, Holunderblätter, nasses Gras; im Mund enorm frisch, sehr mineralisch, knackige Säure, sehr langer Abgang. Toller, mineralischer Sauvignon, den man blind in der Steiermark ziemlich weit vorne ansiedeln würde. 17 Punkte (= sehr gut).

Stix, Chardonnay 2019
Helles Strohgelb, Williams-Birne, Lychee, etwas neues Holz; im Mund rund mit ausgeprägter Fruchtsüsse, Holz und Toastung spürbar, gute Säure und gut eingebundener Alkohol. Schöner Wein, der als einziger stilistisch etwas aus dem Rahmen fällt. Mir ganz persönlich würde er etwas weniger „ausladend“ und dafür stählern noch besser gefallen. 16 Punkte (= am oberen Ende gut). Und Liebhaber dieses Stils würden ihn wohl noch höher bewerten.

Grimbart, Pinot noir 2019
Eher helles Rot; in der Nase zurückhaltend, rote Johannisbeeren, etwas Himbeer, würzig (Anflug von Lorbeer), leichter Holzton; im Mund filigran, herrlich ausgewogen mit spürbaren, feinen Tanninen und stützender, aber nicht aufdringlicher Säure, Alkohol erst im mittleren Abgang mit etwas „Feuer“ spürbar, leichter, schön eingebundener Holzton. Eleganter, frischer und charaktervoller Pinot der leichteren Art. 16,5 Punkte (= sehr gut).

Adelheid, Pinot noir/Cabernet, 2019
Recht dunkles Purpur; in der Nase Cassis und helle Fruchttöne, etwas Thymian; trotz spürbarer Säure und prägnanten Tanninen im Mund wie Samt und Seide, frisch und saftig, mittlerer Abgang. Eigentlich bin ich immer skeptisch gegenüber ausgefallenen Assemblagen, aber das hier ist eine schöne nördlich-frische Alternative, wenn eigentlich ein südlicher Wein passen würde (ich habe ihn zu Lamm sehr gut gefunden). 16,5 Punkte (= sehr gut).

Ruprecht, Pinot noir 2018
Für einen Pinot sehr dunkles Purpur; wunderschöne, pinot-typische Nase mit Himbeeren, Johannisbeeren, ganz dezent spürbares Holz; im Mund ein Feuerwerk: dicht, enorme Frische, gute Säure, trotz hohem Gehalt Alkohol kaum spürbar, langer und sehr „saftiger“ Abgang. Ein traumhaft guter, an das Burgund erinnernder Pinot, eine Referenz in der Schweiz. 18 Punkte (= hervorragend).
Leider ausverkauft.

HerterWein – Winterthur/Hettlingen

Und der Link zum „frechen“ Hans Herzog in Neuseeland:
Hans Herzog Marlborough Organic Winery

„La Première“ von Carsten Saalwächter: Ein junger Mann macht Furore!

Der Mann ist noch keine 30 Jahre jung. Und wollte eigentlich gar nicht wirklich Winzer werden – bis ihn lange Degustationsabende als Praktikant bei Hanspeter und Edeltraud Ziereisen so faszinierten, dass es kein Halten mehr gab. Den Namen muss man sich merken, seine Weine sind offenbar schon jetzt genial – und auch schon gesucht. Ich habe bisher nur einen verkostet – und der hat mich fasziniert, wohl fast so, wie Saalwächter bei Ziereisens verzaubert wurde!

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Der Ausspruch stimmt wohl, aber es geht auch anders: Wer lange genug wartet, der hat es einfacher. Diese Aussage trifft nicht auf Carsten Saalwächter zu, aber auch mich. Ich hatte von Weinfreund Florian Bechtold
vgl. hier: Ausnahmewinzer Ziereisen: hier ruht nur der Wein! – Victor’s Weinblog
als „Beilage“ zu einer damals bestellten Weinlieferung eine Musterflasche von Saalwächters „Assmannshauser Spätburgunder La Première 2018“ erhalten. Der Wein hat mich total fasziniert, die Degunotiz war erstellt, mein Bildarchiv erfolgreich nach Assmannshausen durchforstet, und ein Text im Kopf bereit gelegt. Tja, und dann kommt Blogger- und Weinfreund Adrian van Velsen und schreibt soeben über den gleichen Wein! Zufall ist das natürlich nicht, wir waren zusammen mit Florian Bechtold bei Ziereisen, und auch er hat eine Musterflasche zur Weinbestellung dazu erhalten.

Ich kann es mir deshalb ziemlich einfach machen und bloss einen Link setzen (siehe unten). Dies um so mehr, als mir Adrian mit seinem Text so richtig aus dem Herzen spricht. Viel mehr gibt es zum Wein gar nicht mehr zu sagen. Wer spät kommt, den belohnt das Leben ….

Carsten Saalwächter (Bild ab Website des Gutes)

Kein verglimmendes Sternchen!
Trotzdem noch dies: Carsten gilt schon als „shooting star“ – bei Vinum war er „Entdeckung des Jahres“. „Shooting star“ steht für eine Person, die plötzlich Erfolge verzeichnet und Aufmerksamkeit geniesst. Der Begriff ist insofern für Carsten Saalwächter also richtig, denn er hat schon hohe Aufmerksamkeit und seine Weine sind bereits sehr gesucht. Dem Ausdruck hängt aber auch ein wenig das Kurzfristige, Vergängliche an. Die Mehrheit der Stars verblasst bekanntlich sehr schnell. Nach allem, was ich über Carsten Saalwächter gelesen (und dem wenigen, das ich getrunken habe) wage ich aber die Prognose, dass uns dieser Name in den kommenden Jahrzehnten als Leuchtstern der deutschen Weinwirtschaft begleiten wird. Dies um so mehr, als er sich einem naturnahen Weinbau verschrieben hat.
„Mehr davon“ überschrieb Adrian van Velsen seinen Blogbeitrag. Für Weinfreunde heisst das vor allem: Mehr davon im eigenen Keller!

Spitzenlage Höllenberg in der deutschen „Rotweinhauptstadt“ Assmannshausen im Rheingau. Das Weingut Saalwächter liegt zwar auf der anderen Rheinseite in Ingelheim und damit in Rheinhessen, verfügt aber auch hier über Reben – der La Première stammt aus hoch gelegenen Lagen in Assmannshausen. Und einer der absoluten Spitzenweine des Gutes gedeiht hier am abgebildeten Höllenberg.

Degustationsnotiz: Spätburgunder Assmannshausen La Première, 2018
Mittleres Purpur; Duft nach roten Johannisbeeren und Walderdbeeren, grüne Töne (Grüntee!), etwas Zitrus, etwas Kaffee. Im Mund spürbare, sehr feine Tannine, schöne, aber dezente Fruchtsüsse in sehr harmonischem Spiel mit einer guten Säure, saftig, langer Abgang. Vielschichtiger, toller Wein! 18 Punkte.

Adrian van Velsen hat recht: Technisch betrachtet gibt er dem La Première 89 Punkte, „gefühlt“ aber 93. Mich hat dieser Wein an einen Ausdruck erinnert, den ich in letzter Zeit immer wieder lese, mir aber eigentlich nichts darunter vorerstellen kann: „vibrierender Wein“! Tatsächlich hat der La Première so etwas Lebendiges, Unergründliches an sich. Vielleicht ist ja das „vibrieren“? Wie auch immer, ich bin hin und weg von diesem Wein! Mehr davon!

Hier geht es zum Blog von Adrian van Velsen, unbedingt lesenswert v.a. auch seine präzise Degunotiz:
https://vvwine.ch/2021/01/bitte-mehr-davon/

Hier die Website des Gutes:
Weingut Saalwächter – Weingut in Familientradition seit 1872 (saalwaechter.de)

Und hier ein Kontakt zu Florian Bechtold, grossartiger Kenner der „vibrierendsten“ 🙂 Weinadressen in Deutschland. Vielleicht hat er noch Saalwächter – und sonst sicher ganz viele Alternativen:
florian.bechtold@bechtold-partner.de


Wein vom Fürstenhaus von Liechtenstein: sehr bemerkenswert, teils mit etwas Luft nach oben.

Das Fürstentum Liechtenstein, eine Monarchie mit einem Fürsten an der Spitze, ist auch ein Weinbaugebiet. Nicht zuletzt mit Weinen des Fürstenhauses selbst. Und weil die Familie österreichische Wurzeln hat, gibt es auch ein Weingut im Weinviertel. Die Beurteilung der drei degustierten Weine reicht von hervorragend bis gut. Also auch ein wenig durchzogen und nicht nur durchlaucht. Aber es ist ein Weingut, dass man beachten und noch viel mehr auf dem Radar behalten sollte!

Eigentlich ist es erstaunlich, dass die Weine des Fürstenhauses von Liechtenstein nicht bekannter sind. Denn an Geschichte mangelt es wahrlich nicht. Die Hofkellerei des Fürsten besteht aus zwei Domainen, wobei jene in Wilfersdorf im österreichischen Weinviertel mit 40 Hektar nicht nur rund zehnmal grösser ist als die Domaine Vaduz, sondern auch viel älter: Seit 1436 (!) befindet sich die Kellerei Wilfersdorf in Familienbesitz. Da nimmt sich die Besitzdauer der Liechtensteiner Domaine schon fast bescheiden aus. „Erst“ 1712 erwarb der damalige Fürst von Liechtenstein die Grafschaft Vaduz, und damit auch das heutige Rebland.

Ein bisschen weltmännisches Flair und einen Besuch absolut wert, aber auch symbolisch für das „Ländle“: Die Hauptstadt Vaduz, vorne der Regierungssitz, in der Bildmitte das moderne Parlamentsgebäude – aber über allem das Schloss des Fürsten.

Die Prinzessin im Weinbusiness
Ein gewichtiges Wort in den Kellereien, vor allem aber in Bezug auf das Marketing, gehört seit 2013 einer echten Prinzessin, gemäss Falstaff wohl der einzigen im Weinbusiness. Prinzessin Marie von und zu Liechtenstein, die Ehefrau von Prinz Constantin, dem drittgebohrenen Sohn des aktuellen Fürsten von Liechtenstein, ist ausgebildete Sommelière und bringt sich entsprechend professionell in den Betrieb ein. Die Weinherstellung wird freilich den Profis überlassen, wobei hier die Offenheit des Fürstenhauses in der Kommunikation positiv auffällt: In der Weingutsbroschüre wird dargelegt, dass man sich bei der Vinifikation der Liechtensteiner Weine auf die Beratung eines renommierten Unternehmens verlässt: Derenoncout Consultants, eine Beratungsfirma, die viele sehr renommierte Kunden hat, etwa Château Smith Haut-Lafitte.

Die qualitative Konkurrenz liegt wenige Kilometer rheinaufwärts
Ich habe in einer Vinothek vor Ort drei Weine gekauft, zwei davon aus Liechtenstein. Mein Eindruck kann damit nicht abschliessend sein, aber es scheint, dass die Weine aus Liechtenstein noch mehr Luft nach oben haben als jene aus dem Weinviertel. Der Grüne Veltliner der Domaine Wilfersdorf ist wirklich begeisternd und eine Referenz!

Als Schweizer Nachbar haben mich aber natürlich die Weine aus Liechtenstein mehr interessiert. Hier kann der Chardonnay durchaus gut gefallen, er biedert sich weder in der neuen, noch in der alten Welt an, sondern weist seinen eigenen, eleganten und frischen Stil auf – das hat Potential! Weniger überzeugt hat mich das Pinot-Aushängeschild „Bocker“, dieser Wein mit Jahrgang 2017 wirkt schon jetzt etwas ältlich. Es ist ein durchaus guter Pinot, den man geniessen kann, aber es wirkt ein wenig so, als hätte man hier beim Keltern fast etwas zuviel gewollt.

Somit bleibt in Bezug auf die beiden degustierten Liechtensteiner Weine das Fazit: Sie sind auch ohne „Monarchie-Bonus“ empfehlenswert, der Weisse ganz besonders, aber sie leben halt auch in Konkurrenz mit den Weinen aus der Bündner Herrschaft, nur wenige Kilometer weiter oben am Rhein. Dort gibt es diverse Betriebe, welche die fürstlichen Weine noch übertreffen. Die Ansätze der „Fürstenweine“ aus Liechtenstein sind aber bemerkenswert. Seit 2019 ist ein neuer, junger Leiter der Hofkellerei tätig – Stephan Tscheppe. Man darf annehmen, dass damit auch neuer Wind Einzug hält. Wenn es ihm gelingt, die schon bemerkenswerte Qualität noch zu steigern, dann wird auch die Arbeit der Prinzessin im Marketing bald noch schöner.

Der österreichische Wein des Hauses Liechtenstein aus dem Weinviertel steht qualitativ vorne und in der Mitte, aber die beiden flankierenden Weine aus Vaduz sind durchaus bemerkenswert.

Grüner Veltliner, Reserve 2019, Domaine Wilfersdorf, Weinviertel
Mittleres Gelb; Quitten, Mirabellen, Lindenblüte; dichter Körper, gute Säure, rund, sehr gut eingebundener Alkohol, ausgewogen, langer Abgang. Toller GV, vielleicht fehlen ein paar Ecken und Kanten, aber wirklich sehr gut gelungen. 17,5 Punkte (= sehr gut bis hervorragend).

Chardonnay 2018, Herawingert, Appellation Vaduz Contrôlée
Helles Strohgelb; Duft nach Aprikosen und Williams-Birnen, florale Töne; im Mund eher schlank, relativ tiefe Säure und trotzdem schöne Frische, ausgeprägter Süsskomplex, neues Holz spürbar, aber nicht dominant, langer Abgang. Feiner, eleganter, nicht aufdringlicher und gerade auch deshalb sehr schöner Chardonnay mit eigenem Stil; mit etwas mehr Körper wäre er noch besser. 16,5 Punkte (= sehr gut).

Pinot noir 2017, Bocker, Appellation Vaduz Contrôlée
Eher helles Rot mit Brauntönen, wirkt schon recht gereift; zurückhaltende Nase, würzig, leichte Holznote; gute Ansätze mit komplexer Struktur, druckvoll, ausgewogene Säure und Alkohol, daneben aber etwas bitter und sehr adstringierend, wirkt etwas spröd, mittlerer Abgang. Auf seine Art typisch Pinot, aber auch etwas ratlos lassend. 15,5 Punkt (= gut)

Die Hofkellerei des Fürsten von Liechtenstein – Hofkellerei Liechtenstein

Broger’s „alte Rebe“ – wunderbarer Pinot als Sinnbild für höchste Weinqualität aus „Mostindien“!

Regelmässigen Lesern meines Blogs ist bekannt, dass ich Michael Broger zu den absoluten Ausnahmewinzern der Schweiz zähle. Der neuste Beweis ist eine private Gegenüberstellung von zwei Jahrgängen seiner „alten Rebe“. Und die Gelegenheit ist gut, auch ein wenig über die enorme Qualitätsdichte am Ottenberg im Kanton Thurgau zu schreiben!

Der Weingeschmack meiner Frau entspricht nicht immer dem meinen, aber in einem sind wir uns einig: Die Weine von Michael Broger sind einfach immer grossartig und ausdrucksstark. Inzwischen ist insbesondere sein Spitzenwein, die „alte Rebe“, bei uns schon fast so etwas wie der „Hauswein“. Natürlich nicht im Sinne eines Alltagsweines, dafür ist er mit inzwischen gegen CHF 40.00 dann doch zu teuer. Aber wenn ein spezieller Moment ansteht, wie kürzlich der Geburtstag meiner Frau, und wenn zum Essen ein Pinot passt, dann muss es einfach eine „alte Rebe“ sein.

Dem Geschmack meiner Frau entsprechend, welche die jugendliche Frucht eines Pinots am meisten mag, holte ich zuerst eine Flasche des Jahres 2016 aus dem Keller. Nach dem Probieren war mir schnell klar, dass ihr im Falle von Broger ein gereifterer Wein besser gefallen würde. Deshalb öffnete ich auch einen 2012-er, und so wurde der Geburtstag auch zu einer kleinen, privaten Degustation.

Zwei tolle Jahrgänge – wie immer bei Broger!

Michael Broger, „alte Rebe“, 2012
Mittleres Rubin mit hellen Rändern; in der Nase noch sehr fruchtig, Brombeer, rote Kirschen, Anflug von Waldpilzen, dezenter, feiner Holzton. Im Mund „lebendig und fibrierend“, feine, spürbare Tannine, schön eingebundene Säure, elegant und eher der filigrane Typ, gleichzeitig aber auch druckvoll und „saftig“, leichter Bittertouch im sehr langen Abgang. Toller, frischer und noch immer jugendlich wirkender Wein! Erst jetzt so richtig in der ersten Trinkreife.

Michael Broger, „alte Rebe“, 2016
Dunkles Rubin; in der Nase etwas Pflaumen, florale und würzige Noten, dezenter Anflug von Caramel; im Mund noch wild, adstringierend (aber feine Tannine), prägnante Säure, extrem „saftig“ und sehr fruchtig, mittlerer Abgang. Wunderbarer, aber noch zu junger Wein (es sei denn, man mag – wie ich – diese wilde Ungezähmtheit. Mir hat er jetzt schon sehr gemundet!, aber der hat noch viel Reserve)

Beide Weine sind ganz weit weg vom heutigen Mainstream, aber sie sind gleichzeitig absolut unverkennbare Pinots, einfach mit einer eigenen „Sprache“ und mit Persönlichkeit. Und je älter sie werden, desto mehr erinnern die dann eben doch ans Burgund! Gerade der 2012-er zeigt, wie lange ein „Broger“ braucht, bis er sich öffnet – dafür dann um so schöner und sortentypischer!

Mein allererster Blogbeitrag vor fast drei Jahren handelte übrigens von Michael Broger, wer ihn nachlesen möchte:
https://victorswein.blog/2018/01/01/michael-broger-der-pinot-magier/

Der Ottenberg als Qualitäts-Hotspot: Bachtobel, Wolfer, Burkhart!

Gestern lag passend noch die neuste Ausgabe des „Falstaff“ im Briefkasten. Dort gibt es einen Artikel über Thurgauer Weine und auch diverse Verkostungsnotizen. Der am besten benotete Wein ist – Sie ahnen es – die „alte Rebe“ 2017 mit 94 Punkten! Aber auch Broger’s Müller Thurgau wurde mit 92 Punkten (!) benotet. Der lesenwerte Artikel zeigt aber auch auf, wie enorm die Qualitätsdichte im Thurgau, und vor allem am Ottenberg ob Weinfelden, inzwischen ist. Hier zeigte zwar schon vor 30 Jahren Hans Ulrich Kesselring auf dem nur ein paar hundert Meter von Broger’s Anwesen entfernten Schlossgut Bachtobel, dass im Thurgau Spitzenweine angebaut werden können – seine Weine waren damals schon eine Referenz, und die heutigen seines Neffen Johannes Meier sind es noch immer (Broger hat übrigens einige Zeit bei Kesselring gearbeitet). Inzwischen sind aber mit Martin Wolfer und Michael Burkhart auch weitere Produzenten hinzugekommen, welche den Ottenberg zu einem eigentlichen „Hotspot“ der Schweizer Weinszene werden lassen. Ich habe im letzten Jahr beide Sortimente degustiert und war gesamthaft begeistert. Wolfer überzeugte kürzlich auch mit seinem Sauvignon blanc und 94 Punkten in der internationalen „Sauvignon blanc-Trophy“, ebenfalls im Falstaff. Und Burkhart wiederum konnte für den „Duett“ (Pinot vom Ottenberg und Diolinoir aus Salgesch) eine Zusammenarbeit mit der Familie Mounir vom Walliser Spitzenbetrieb Cave du Rhodan eingehen, was letztere sicher nicht ohne ein hohes Qualitätsbewusstein beim Partner tun würden. Vgl. hier:
https://victorswein.blog/2020/03/07/domaine-trong-der-cave-du-rhodan-bio-dynamisch-an-die-spitze/

Der langgestreckte Hügelzug des Ottenberg im Thurtal bei Weinfelden. Qualität wird von den meisten Winzern gross geschrieben.

Der Ottenberg steht damit als Sinnbild und „Hotspot“ im Zentrum des Mostkantons Thurgau in der Ostschweiz (deshalb im Volksmund auch „Mostindien“ genannt) für einen enormen Qualitätsschub im Weinbau!

https://www.broger-weinbau.ch/
https://www.bachtobel.ch/de/
https://www.wolferwein.ch/de/
https://weingut-burkhart.ch/

Weinlese – „Wümmet“ – am 19.9.2020: Noch nie so früh im Jahr. Aber so schön, trotz Wespen.

Für einmal vor lauter Freude in eigener Sache: Seit 33 Jahren pflege ich nun meinen eigenen kleinen Rebberg. In den ersten Jahren war es üblich, die Trauben ab dem 20. Oktober lesen zu können, der späteste Termin unseres Wümmet war der 1. November bei 4°. Und nun kommt 2020 ein neuer Rekord nach vorne: Weinlese am 19. September bei 27°!

2020 war wirklich ein spezielles Jahr, und wer noch nicht an den Klimawandel glaubt, könnte sich so langsam mit dem Gedanken befassen! Dabei war der Austrieb der Reben nicht einmal so früh, und es war auch kein aussergewöhnliches Hitzejahr. Aber es war einfach immer warm, und, obwohl es sehr trocken war, auch immer im für die Reben gerade richtigen Moment doch wieder mal mit Regen gesegnet. Einzig nicht so passend war die Blüte, da regnete es oft, was zu einem leichten „Verrieseln“ der Trauben führte.

Es war auch das erste Jahr, in dem ich allein für die 4 Aaren Reben verantwortlich war. Ich schätzte die neue Freiheit sehr und nutzte sie, um eine seit Langem erwünschte rigorose Ertragsbeschränkung vorzunehmen. In fünf Durchgängen von Ende Juni bis Ende August entfernte ich zurückgebliebene Trauben, und schliesslich konnte ich einen Ertrag ernten, der nicht einmal halb so gross war wie früher – obwohl wir auch zuvor nach gängigen Massstäben nie hohe Mengen einfuhren.

Massiv reduzierter Ertrag für hohe Qualität.
Ich erntete 60 Kg auf 400 m2 bzw. ca. 330 g pro Stock.

Ich gehe davon aus und hoffe, dass sich dies auch in der Qualität des Weins niederschlagen wird, auch wenn ich in diesem Jahr aus den Blauburgunder-Trauben „nur“ einen Blanc de Noirs herstellen lasse. Eigenen Rotwein habe ich noch zur Genüge (man will ja nicht immer nur den gleichen Wein trinken ….)

Die Ernte war auch deshalb speziell, weil es an diesem 19. September 2020 27° warm wurde. Erstmals überhaupt begann ich deshalb schon am frühen Morgen mit der Ernte (normalerweise muss man die Sonne abwarten, damit sie die Feuchtigkeit des Nebels trocknet). Diesmal war es anders, denn zu hohe Temperaturen tun dem Traubengut nicht gut. Das Timing war perfekt, kurz nach Mittag war die Ernte beendet, und genau da schaffte es die Sonne durch den Hochnebel.

Das wunderbare Herbstwetter der letzten Wochen erlaubte es aber auch, absolut gesunde Trauben ohne jegliche Fäulnis zu ernten – ein Traum für unsere Breitengrade! Trotzdem war die Lese herausfordernd: Die Wespen hatten auch Freude am guten Wetter und leider auch an den Traubenbeeren. Es gab fast keine Traube, die nicht ein oder mehrere angefressene Beere(n) aufwies. Und so war die Lesearbeit doppelt sinnlich: Jede Traube musste begutachtet und angefressene Beeren entfernt werden, weil sonst unerwünsche Essig-Bakterien in den Wein gelangten könnten. Dabei spielt natürlich das Auge eine wichtige Rolle, aber ebenso die Finger, welche mit einem Abtasten der Trauben so manche ausgehöhlte Beere spüren, die von blossem Auge unentdeckt bliebe.

Ganze Arbeit der Wespen: Eine Beere ist völlig ausgehöhlt!

Kurzum: Die Ernte 2020: Friedlich, stresslos, sinnlich! Einfach ein tolles Erlebnis. Wenn da nur nicht die Frage wäre, was mit dem Klima und uns passiert.

Ziereisen bei vvwine: Adrians unbestechliche Degustationsnotizen.

Mein letzter Bericht über die genialen Weine von Ziereisen wird mit einem neuen Beitrag von Adrian van Velsen bei vvwine hervorragend bereichtert und ergänzt.

Ein Generationenproblem? Adrian mit dem Tablet, ich mit dem Notizbuch. Wie auch immer, wenn wir an der gleichen Veranstaltung sind, fallen seine Degustationsnotizen einfach ausführlicher und aussagekräftiger aus.

Allen Lesern, denen mein Beitrag über Zierseien :
https://victorswein.blog/2020/08/30/ausnahmewinzer-ziereisen-hier-ruht-nur-der-wein/

gefallen hat: Hier finden Sie noch die unbestechlich-präzisen Notizen von Adrian zu jedem Wein. Ich kann mich jedem Kommentar und jeder Note uneingeschränkt anschliessen. Immerhin hier „ticken“ wir gleich …

Absolut lesenswert:
https://vvwine.ch/2020/09/besuch-auf-dem-weingut-ziereisen/#comment-550

Und als kleiner Nachtrag: Ziereisen’s auf alte Stämme aufgepropften Jungreben.

Ausnahmewinzer Ziereisen: hier ruht nur der Wein!

Regio Basel. Markgräflerland. Spitzenwein? Ja, das passt zusammen! Rund 10 Kilometer nördlich von Basel herrschen Bodenverhältnisse ähnlich wie im Burgund. Und wenn hier ein Winzerpaar wie die Ziereisen’s tätig ist, dann resultieren eigenständige, grossartige Traumweine.

Blick von der Rebbergen auf Efringen-Kirchen (vorne) und Basel (Hintergund).

Rund 30 Jahre sind es her, seit Hanspeter Ziereisen seinen erlernten Beruf als Schreiner aufgab, um sich dem elterlichen Hof in Efringen-Kirchen zu widmen, einem Mischbetrieb (u.a. Spargel!), der auch etwas Reben besass. Hanspeter war überzeugt, dass man an den Hängen über dem Dorf, welche aufgrund einer geologischen Überwerfung schwergewichtig Jurakalk als Untergrund aufweisen, hervorragenden Wein herstellen könnte, der ganz anders sein müsste, als es die damaligen Tropfen der Region waren.

Der „Kalkfelsen“ zwischen Efringen und Istein: aussergewöhnliches Terroir (die Reben gehören nicht zu Ziereisen, das Bild zeigt aber schön die geologischen Verhältnisse)

Allerdings war die erste Hälfte von Ziereinsen’s Wirken nicht einfach. Zwar sagt seine Gattin Edeltraud (kurz: Edel) mit einem Augenzwinkern, sie selbst sei seit 1996 auf dem Hof, und seit 1997 werde hier guter Wein gemacht. Aber so richtig gesucht waren die den Beschriebungen nach schon damals authentischen, aber filigranen und vielleicht nicht auf den ersten Schluck verständlichen Weine nicht. Es war die Zeit, in welcher die Weinfreunde vor allem die Frucht-, Extrakt- und Alkoholbomben aus Australien, Spanien und Süditalien als Mass der Dinge sahen – und wenn ein einheimisches Gewächs, dann musste es wenigstens rund und fruchtig sein. Als Tribut an den Zeitgeist wurde deshalb in den Jahren 2000 – 2004 auch bei Ziereisen chaptalisiert, d.h. der Wein durch das Zufügen von Zucker während der Gärung alkoholreicher und runder gemacht.

Interessanterweise verdanken wir zum Teil gerade dieser damaligen Durststrecke im Absatz der Weine die heutige Aussergewöhnlichkeit von Ziereisen’s Sortiment: Das Weingut hinkt in der Vermarktung immer ein bis zwei Jahre hinterher, aktuell sind schwergewichtig noch die 2017er im Verkauf, die 2018er sind oder werden erst gerade abgefüllt. Der Wein darf also bei Ziereisen ruhen und reifen.

Der Wein braucht einfach seine Ruhe
Überhaupt: Der Wein bekommt bei Ziereisen viel Ruhe und darf sich sozusagen selbst entwickeln. Einen „flying winemaker“, wie ihn einige andere Winzer für Tagesgagen von bis zu 3’000 Euro verpflichten, braucht Ziereisen nicht. Und dass Weinlehranstalten heutzutage vor allem zum Vermeiden von Fehlern und nicht zum Kreieren grosser Weine ausbilden, möchte er lieber ausblenden. Ihm genügt seine Erfahrung und sein Gefühl – und der Wein macht das schon selbst richtig, wenn man ihn denn lässt und schonend begleitet. Vergoren wird auf der Wildhefe, und fast alle Weine bleiben danach im kleinen oder grossen Holzfass (Inox sucht man im Ausbau-Keller vergebens) eineinhalb bis zwei Jahre auf der Feinhefe liegen. Die grösseren Gewächse werden sogar unfiltiert abgefüllt. Böse Zungen sagen zwar, der Wein erhalte nur deshalb diese Ruhe, weil Hanspeter noch lieber im Rebberg als im Keller arbeite – aber wer ihn selbst über seine Weine reden hört, spürt seine Überzeugung zu seiner Kellerarbeit. „Slow wine“ sozusagen!

Holz, soweit das Auge reicht: Hier ruhen sich Ziereisen’s Weine aus, bevor sie abgefüllt werden.

Aber Arbeit haben Ziereisens ohnehin genug. Aus einem kleinen Rebgut ist inzwischen ein Betrieb mit 21 Hektar Rebfläche entstanden. Ein Blick auf die Besitzverhältnisse am Efringer Hang zeigt, dass heute rund die Hälfte des Rebberges Ziereisens gehört, darunter Land in den allerbesten Lagen. So viel Ruhe der Wein bekommt, so sehr ist das Ehepaar Ziereisen immer auf Achse. Bei unserem Besuch auf dem Hof zeigte sich Edel als nimmermüde Gastgeberin mit einem wachen Auge auf die Anliegen aller Besucher (man kann vor Ort Wein kaufen), während Hanspeter noch am späten Samstagabend eine defekte Maschine selbst reparierte, bevor er sich auch in unsere Runde gesellte. Ruhe scheint für Ziereisen’s ein Fremdwort zu sein, und man hat den Eindruck, es wäre ihnen auch nicht wohl, wenn sie nicht arbeiten könnten.

Gefühl und Kreativität im Rebberg
Zurück zum Rebberg: So, wie im Keller vor allem mit Erfahrung und Gefühl gearbeitet wird, so sehr ist Beobachtung und Erfahrung – und eben wieder Gefühl – der Schlüssel zu einer idealen Pflege der Reben. Die Unterschiede der Lagen, die Art der Erziehung, der ideale Zeitpunkt zur Lese, aber zuvor auch zur Entlaubung, die Menge der Blattmasse – alles ist bei Ziereisen durchdacht und mit Erfahrungen hinterlegt, die man doch in jedem Jahr wieder den Gegebenheiten anpassen muss – mit dem Gefühl für das Richtige halt!

Seit einigen Jahren bewirtschaften Ziereisen’s zusätzlich noch Reben in der Schweiz, direkt an der Grenze in Riehen (mit schönem Blick auf die Fondation Beyeler). Auch diese Weine gelingen bereits hervorragend, aber Hanspeter Ziereisen gibt offen zu, dass er überzeugt ist, die Qualität mit den Jahren noch steigern zu können, weil er – zusammen mit dem dort eingesetzten Betriebsleiter – mit jedem Jahr den Rebberg noch besser zu verstehen lerne. Die Reben in Riehen liegen nur rund 10 Kilometer entfernt und in ähnlicher Ausrichtung. Aber das Kleinklima ist völlig anders, hier ist es wärmer, da die kühlen Nachtwinde vom Schwarzwald weniger gut bis in diese Lage ziehen können und wohl auch, weil die nahe Stadt einfach wärmer ist.

Der Rebhang von Efringen-Kirchen: Idealer Boden, beste Ausrichtung und ideales Mikroklima. Rund die Hälfte davon wird von Ziereisen’s bewirtschaftet.

Die Rebberge der Ziereisen’s können auch schon fast als Lehrbuch dafür genutzt werden, wie man mit perfekter Arbeit und mit dem Mut zu Experimenten den Wein immer noch eine Nuance besser macht. Ein paar Beispiele: Eine Neupflanzung wurde in extrem hoher Stockdichte gesetzt, womit der Ertrag pro Stock reduziert werden kann, was die Reben auch zwingt, tiefer zu wurzeln. In Zeiten des Klimawandels ein unersetzlicher Vorteil. Oder die Laubarbeit: Um die Trauben trocken zu halten und damit der Fäulnis vorzubeugen, sollte man die Blätter in der Traubenzone möglichst entfernen. Umgekehrt bieten die Blätter den Beeren Schutz gegen zu viel Sonne, welche sie nicht nur „verbrennen“ kann, sondern den Trauben auch Frische entzieht. Ziereisen löst das Problem, indem die Blätter auf der sonnenabgewandten Ostseite entfernt, während sie auf der anderen Seite der Reihe am Stock belassen werden. Oder das Eingehen auf die Traubensorte: Während die Burgundersorten mit relativ wenig Blattmasse auskommen, muss die Syrah mit ihrer Wuchskraft sich „austoben“ können. Die Lösung: Die Triebe der Rhonetraube werden um den obersten Draht gewickelt und können somit länger belassen werden und mehr Blätter bilden. Oder Pinot-Stöcke, die im Zapfenschnitt erzogen werden? Ziereisen’s probieren das aus, weil dieser Schnitt ertragsregulierend und alkoholmindernd wirken soll. Und noch ein Unikum: In einer Parzelle wurden statt einer Neupflanzung von Reben die neuen Schösslinge auf das bestehende Holz aufgepfropft, womit die tief wurzenden Stöcke erhalten bleiben – und nebenbei erst noch im ersten Pflanzjahr schon ein Ertrag erzielt werden kann!

Neubestockung: Extreme Dichte für höchste Qualität!

Das ist Ziereisen: Immer aktiv, immer mit dem Ziel auf das noch etwas Bessere, immer beobachtend, immer suchend – immer auf Achse! Mit diesem Engagement, diesem Enthusiasums, dieser Begeisterung für die (Hand-)arbeit kann es nicht überraschen, dass das Weinsortiment der Ziereisen’s von aussergewöhnlicher Qualität ist.

Ich hatte das Vernügen, einen ganzen Nachmittag lang das ganze, grosse Sortiment degustieren zu dürfen, inkl. der Weine aus Riehen. Eingeladen hatte Florian Bechtold, und er erwies sich als Glücksfall. Einerseits bestach er – angehender Sommeliermeister – mit einem enorm breiten und tiefen Weinwissen, andererseits, und in diesem Fall vor allem, dadurch, dass er im Rahmen seiner Ausbildung als Praktikant bei Ziereisen gearbeitet hatte. Seine Erläuterungen zu den einzelnen Weinen waren deshalb unbezahlbar.

Die klare Handschrift durch das ganze Sortiment
Das Ziereisen-Sortiment umfasst 28 verschiedene Weine, vom „Heugumber“, dem Basis-Gutedel zu Euro 6.50, bis zum Jaspis Gutedel 104 zu Euro 125.00. Davon konnten wir 25 Weine verkosten – zusammen mit vier Weinen vom Weingut Riehen also 29 Proben. Und es gibt, vielleicht mit Ausnahme des duftmässig gewöhnungsbedürftigen trockenen Gewürztraminers, in jeder Preis- und Weinkategorie nur ein Prädikat: aussergewöhnlich. Nein, es gibt ein zweites: grossartig!

Allen Weinen, einfach oder Weltklasse, ist gemein, dass sie eine grosse mineralische Frische ausstrahlen, und das die Fruchtigkeit nicht vordergründig, sondern dezent spürbar eingebunden im Gesamtbild wirkt. Zudem ist kein einziger Wein, obwohl alle in Holz ausgebaut sind, jemals stark holzbetont. Zudem sind bzw. wirken alle Weine trocken, da gibt es nichts von „billiger Süsse-Fruchtigkeit“.
Wo nicht anders erwähnt, handelt es sich immer um den Jahrgang 2017:

Schon die Basisweine – „Rebsorten-Weine“ – sind allesamt alles andere als einfach, auch wenn sie natürlich mit den grossen Weinen nicht mithalten können. Die meisten davon werden – im Gegensatz zu den höherklassigen – filtriert abgefüllt. Ganz speziell gefallen hat mir hier der dichte, „fadengerade“ und zudem recht fruchtige Grauburgunder – für 9.80 Euro ein unglaublicher Gegenwert. Und auch der „Heugumber“ 2018, ein Gutedel für 6.50 Euro, steht mit seiner zwar noch etwas reduktiven, aber dichten und mineralischen Art weit über vielen teureren Chasselas aus der Schweiz.

Die nächste Qualitätsstufe, die „Premium-Weine“ spielen dann aber doch in einer anderen Liga. Bei den Weissen mag man sich fast nicht festlegen, ob man nun der Gutedel „Steingrüble“, den ich übrigens in einem anderen Jahrgang hier schon einmal fasziniert beschrieben hatte:
https://victorswein.blog/2018/02/03/gut-und-edel/,
den Weissburgunder „Lügle“, den Grauburgunder „Moosbrugger“ oder gar den Chardonnay „Hard“ bevorzugt.
Etwas einfacher wird die Wertung bei den Roten, vier verschiedene Blauburgunder und ein Syrah. Schon der „Tschuppen“ besticht durch seine eigenständige, würzige und florale Art. Der Talrain (17.80 Euro), der sechs Wochen an der Maische gelegen hat, weist im Moment noch etwas trocknende Tannine auf, hat aber eine tolle Struktur, duftet schon sehr typisch nach Pinot – und dürfte in 3-4 Jahren ganz toll sein. Das Highlight in dieser Kategorie ist aber der Rhini. In dieser Lage überdeckt eine dicke Löss-Lehmschicht den Kalkboden, und der Wein wirkt tatsächlich anders: fruchtbetont (aber nicht aufdringlich), sehr dicht, prägende Tannine, gleichzeitig sehr „saftig“. 34.00 Euro – aber jeden Cent wert!

Fast wäre nun der Syrah Gestad aus dieser Linie vergessen gegangen. Spannend, was aus dieser Sorte im Markgräflerland gemacht werden kann!

Bei anderen Winzern wäre das Sortiment damit abgeschlossen, bei Ziereisen beginnt es qualitativ hier erst so richtig (eine Aussage, die allerdings die bisher beschriebenen Weine ungerechtfertigt abwertet)! Jaspis heisst die Linie, die „Premium“ noch toppt. Jaspis ist ein Edelstein auf Quarz-Basis, der Name passt somit sehr gut zum überaus mineralischen und edlen Sortiment.
Der Grauburgunder hat viel reife Frucht, duftet nach Honig und ist, bei schöner Säure, dicht, und der Abgang fast unendlich. Ein unsüsses Elixier!
Im Gegensatz dazu ist der Chardonnay mit feiner Frucht unterlegt, feingliedrig und überaus elegant. Ein Wurf!
Aber die Krone – nach meiner Meinung im ganzen Sortiment – gehört einem Gutedel, dem 104: Unglaublich feine, zwar intensive, aber doch nicht aufdringliche Fruchtnote mit einem ganzen Bündel an Düften, im Mund zuerst filigran wirkend, dann enorm viel Druck aufbauend, total ausbalanciert, enorme Länge. Ein Traumwein – und ein Horror für alle Chasselas-Verächter. Aus dieser Rebsorte kann man ganz offensichtlich Weine herstellen, die man blind ins gehobene Burgund denken würde!

Gutedel (Chasselas) der unglaublichen Art: Ein feingliedriges, tiefgründiges Monument, das man locker gegen einen guten Burgunder stellen kann!


Bleiben die Roten der Jaspis-Linie, und auch da bleibt vor allem das Staunen: Schon der Blauburgunder mit seinem dunklen Kirschenduft und einer enormen Eleganz und Frische ist – auch im noch nicht reifen Zustand – ein genialer Wein. Schade nur für ihn, wenn danach der (2015-er) „alte Rebe“ serviert wird. Bereits etwas gereifte Frucht von Himbeere und Johannisbeere, etwas Pilz und Leder, im Mund ein Feuerwerk, dicht, „burgundisches Feuer“ ohne jede Brandigkeit, bereits etwas gereifte Tannine, wunderschön stützende Säure – ein Traumwein zum Meditieren!
Der Syrah hatte es nach diesem Wein etwas schwer, dabei ist er aber absolut überzeugend. Er ist in 50 % neuem Holz ausgebaut, aber Holz spürt man nur sehr dezent, es herrschen typische Sarah-Noten vor. Ein Syrah, der sich vor jenen aus der Rhone nicht verstecken muss.

Und dann wäre da ganz zum Schluss der Degustation noch dieser andere, überirdisch gute Wein, „Jaspis Unterirdisch“ 2016, ein in der vergrabenen Amphore vergärter und ausgebauter Gutedel ohne Schwefel – ein Naturwein: Orange Farbe, spürbare Hefenote, erstaunlich fruchtig (Johannisbeeren und Stachelbeeren), spürbare, etwas trocknende Tannine, langer Abgang. Gelungener, spannender Wein, der alle Vorurteile gegen Naturwein widerlegt.

Einmalig grossartig
Es verwundert natürlich nicht, dass auch die Grossen der Weinkritik das Gut längst entdeckt haben. Nur zwei Beispiele: Diverse Parker-Punkte von Stephan Reinhardt machen das Gut interessant und einige Weine noch rarer, und Gault Millau führt den Betrieb mit 5 Sternen = Weltklasse und gibt dem Jaspis Gutedel 104 die vollen 100 Punkte!

Und trotzdem sind Ziereisen’s bescheiden geblieben und nicht abgehoben (Na gut, sieht man einmal vom Preis des 104 ab, zu dem die FAZ schrieb, nicht einmal Hanspeter selbst glaube, dass das gerechtfertigt sei. Allerdings sind dann die Weinpreise vieler anderer Produzenten genau so wenig begründet).
Ziereisen – das ist die vermutlich fast einmalige Kombination zwischen Bescheidenheit, handwerklicher Bodenständigkeit und genialer Kreativität und Gefühlsbetontheit. Grossartig und einmalig!

http://www.weingut-ziereisen.de


Das Weingut in der Schweiz: Ullrich + Ziereisen, Weingut Riehen
Nur am Rand erwähnt habe ich die Weine (Le Petit und Le Grand, jeweils in weiss und rot) des „Weingutes Riehen“, das Ziereisens zusammen mit der Weinhandlung Paul Ullrich unter der Betriebsleitung des jungen, offenbar begnadeten Silas Weiss bewirtschaftet. Alle Weine des Gutes sind empfehlenswert, der Ziereisen-Stil zeigt sich auch hier. Besonders angetan bin ich von einem momumentalen Sauvignon blanc, der allerdings sehr sortenuntypisch daherkommt. Und ein Wermuthstropfen: Die Weine sind mit rund CHF 35.00 (Petit) und CHF 70.00 (Grand) auf der gehobenen Seite.
http://www.weingutriehen.ch


Florian Bechtold, begnadeter Weininsider mit Praktika bei Ziereisen’s
Der Organisator des Tages, Florian Bechtold, ist aktuell an einem äusserst spannenden Weinprojekt, das ich hier sicher noch verstellen werde, sobald die Zeit dafür reif ist. Vorerst kann ich Florian bestens empfehlen als sehr kompetenten Fachmann für Weinberatungen aller Art, Weinreisen, Weinabende oder als Sommelier:
http://www.facebook.com/flobechtold

Pét-Nat – zurück in die Zukunft mit Marco Casanova!

Als ich den Ausdruck PET-NAT vor ein paar Jahren zum ersten Mal las, dachte ich an eine Hauskatze, aber sicher nicht an einen Wein. Dabei handelt es sich nur um einen „hippen“ Ausdruck für eine uralte Form der Schaumweinbereitung! Heute kommen sie wieder gross in Mode: Wetten, dass „Petnaa“ – so spricht man es aus – nach der Wiedereröffnung von Bars und Restaurants zu einem In-Sommergetränkt werden!

Pét-Nat ist eine eingängliche Abkürzung von «Pétillant Naturel», also „natürlich sprudelnd“. Es handelt sich um die vermutlich älteste Art, Schaumwein herzustellen. Dabei wird der Wein zuerst ganz normal in Behältnissen angegärt, bis etwa die Hälfte des Zuckers vergoren ist. Zu diesem Zeitpunkt wird er dann in Flaschen abgefüllt, wo er fertig vergärt. Die bei der restlichen Gärung entstehende Kohlensäure bleibt dadurch in der Flasche, womit ein Schaumwein mit nur einer Gärung entsteht. Einzelne Winzer rütteln und degorgieren den Wein später noch, andere, und das sind jene, die das „Nat“ wirklich leben, bringen die Flasche naturtrüb auf den Markt.

Natur pur: Gut sichtbare Ablagerung von Hefe und Trübstoffen am Boden der Flasche. Etwas bewegen, und der Wein ist naturtrüb.


In Frankreich, vor allem im Languedoc, wurde diese Art der Weinbereitung unter dem Namen „méthode ancestrale“ schon lange, wahrscheinlich ohne Unterbruch seit es die Methode gibt, im Kleinen angewandt – praktisch unbemerkt von der Weinpresse. Erst der Trend zu Naturweinen brachte weitere Winzer, vorerst vor allem in Frankreich, dazu, solchen Wein zu erzeugen und unter dem eingänglichen Namen Pét-Nat zu vermarkten. Diese Weine wurden bald ein wenig „trendy“, und inzwischen stellen immer mehr Winzer auch einen solchen Wein her.

Ganz so einfach wie geschildert, ist die Herstellung eines Pét-Nat freilich nicht. Es braucht viel Fingerspitzengefühl (vor allem beim richtigen Zeitpunkt für das Umfüllen in die Flasche) und ein sehr sauberes Arbeiten, damit der Naturwein wirklich gelingt. Zu früh abgefüllt, explodiert die Flasche (das soll in der Probephase schon so manchem Winzer passiert sein – die Recherche ergab einen Fall, in dem die Nachbarn besorgt vor der Türe standen, weil sie an eine Schiesserei glaubten!), zu spät bildet sich zu wenig Kohlensäure. Vor allem aber darf man diese Weine nicht aus minderwertigen Trauben produzieren, sonst hilft alles „hippig“ nichts. Und dann wäre auch der Trend schnell wieder vorbei – mich jedenfalls hatte kaum einer der bisher probierten „Petnaa“ wirklich überzeugt.

Marco Casanova – feinfühliger Winzer mit Soforterfolg!

Ich hatte nun die Gelegenheit, die beiden Pét-Nat zu probieren, die Marco Casanova, der bio-dynamisch arbeitende Spitzenwinzer aus Walenstadt, neu auf dem Markt gebracht hat. Und es erstaunt kaum, dass ein Winzer, der gefühlvoll mit naturnahem Weinen umzugehen gelernt hat und der auch offen für neue Ideen ist, auf Anhieb hervorragende Pét-Nat’s gekeltert hat!

Pinot noir „Saignée“ 2019:
Mittleres Lachsrot, trüb und undurchsichtig; feine, eher zurückhaltende Pinot-Nase, Himbeeren, Flieder, erinnert an einen „Federweiss“; im Mund erfrischend, schöne, aber nicht übertriebene Säure, obwohl Pét-Nat’s als trocken gelten, scheint eine ganz, ganz leichte, „neckische“ Restsüsse vorhanden, spürbare, aber zurückhaltende Kohlensäure, erfrischender Bitterton im Abgang. Spannend!

Seyval blanc 2019 (Piwi-Sorte)
Milchiges, blasses Gelb; Charontais-Melone, Mirabelle, Bergamotte; im Mund spritzig mit recht kräftiger, eher „gröberer“ Perlage als von Schaumweinen gewohnt, spürbare Säure, mittlerer Abgang. Süffiger, erfrischender Schaumwein.

Pinot noir (links) und Seyval blanc (rechts). Zwei sehr gelungene, aber völlig unterschiedliche Pet-Nat’s. Die Flaschen haben übrigens meiner Frau so gut gefallen, dass sie jetzt als Wasserflaschen für Mahlzeiten im Garten im Einsatz sind!

Ich kenne einige ernst zu nehmende Weinfreunde, die über Pét-Nat’s die Hände verwerfen und diese als „Nicht-Wein“ bezeichnen. Sicher werden so hergestellt Weine nie in die Analen der grossen Tropfen dieser Welt eingehen. Aber als Abwechslung, als spannendes Getränk, das auch mal ein Bier oder einen Cocktail (oder einen Soft-Drink!) ersetzen kann, sind – gut gemachte – Pét-Nat’s meines Erachtens eine Bereicherung. In Zeiten des schleppenden Weinabsatzes können sie auch diesbezüglich ein wenig zur Entspannung beitragen, und als eigenständige Produkte haben sie einen Platz auf den Weinkarten verdient – sei es zum Apéro, sei es zu einem einfachen Gericht. Den Pinot von Casanova kann ich mir zum Beispiel wunderbar vorstellen zu einem Sommer-Abendessen mit vielen Salaten und einer Wurst vom Grill!

Ein Pét-Nat schäumt nun mal!

Das einzige Problem, das ich selbst noch nicht gelöst habe, ist das Öffnen der Flaschen. Am Tisch würde ich mich das nicht getrauen, und im tropfsicheren Refugium der Küche habe ich es auch nicht ohne übertretenden Schaum geschafft. Der Trick liegt wohl wie bei einem Schaumwein darin, sofort nach dem Öffnen einzuschenken. Bloss ist das beim Handling mit einem Kronkorken (damit sind fast alle Pét-Nat’s verschlossen) schwieriger als bei einem Korken. Nach einigen Flaschen würde ich das wohl auch beherrschen – und ein paar Pét-Nats von Casanova wird es künftig auch bei mir im Keller vorrätig haben – für besondere Momente mit Gästen, die weintechnisch offen sind und noch nicht alles kennen.

https://www.casanova-weinpur.ch/

Hier noch zwei Links auf frühere Beiträge über Weine von Casanova:
https://victorswein.blog/2018/05/03/casanova-etwas-vom-allerbesten/
https://victorswein.blog/2019/05/19/soyhisticated-sauvignon/

Und ein Link zu einer Seite, die sehr viel Wissen über Pét-Nat’s vermittelt und auch weitere Bezugsadressen bereit hält:
https://petnat.ch/

Faszination pur: Guter Wein aus der ältesten benannten Rebsorte der Welt!

Chardonnay, Riesling, Blaufränkisch, Gamay. Alle diese und über hundert weitere Sorten gäbe es nicht ohne die Ursorte Gwäss bzw. Heunisch, die auch heute noch einen erstaunlichen Wein hervorbringt.

Würden Sie einen Wein „von geringer Qualität, wässrig und sauer“ trinken wollen? Genau das wird dieser „Ursorte“ nämlich nachgesagt, aber sie hat diese Eigenschaften weder ihren Kindern und Kindeskindern vererbt, noch passt das Urteil auf einen heutigen Wein aus der Sorte, den ich hier beschreibe!

Woher die Heunisch oder Gwäss (was man fast gleich ausspricht wie das französische Gouais [blanc]), wirklich stammt, wird wohl nie erforscht werden können. Als sicher gilt, dass sie aus dem Osten kommt und vor vielen Jahrhunderten nach Mitteleuropa gelangte. Nach einer von mehreren Theorien wurde sie schon unter dem Hunnenkönig Attila nach dem Jahr 400 herum eingeführt.

Mit DNA-Analysen bewiesen ist hingegen, dass die Gwäss sozusagen die Mutter/Grossmutter/Urgrossmutter von mehr als hundert heute gängigen Weinsorten ist. Aus unbekannten Kreuzungen hervorgegangen sind zum Beispiel so weltbekannte Rebsorten wie Blaufränkisch und Riesling, aber auch regionale Spezialitäten wie der Räuschling, während Kreuzungen mit Pinot (vermutlich Pinot noir) zu Chardonnay, Alioté, Gamay und Muscadet geführt haben. Auf jeden Fall scheint die Gewäss/Heunisch die älteste namentlich bekannte Rebsorte der Welt zu sein1!

Alpine Reblandschaft im Oberwallis, wo die Gwäss noch angepflanzt wird (Symbolbild, es zeigt nicht den Rebberg von Chanton).

Die Sorte reift spät und ist deshalb auf Frühlingsfrost kaum anfällig. Dazu bringt sie ohne Eingriffe enorme Erträge. Es ist deshalb verständlich, dass sie einst weit verbreitet war. Aber schon im 18. Jahrhundert wurde sie als minderwertig nicht mehr empfohlen. Das Prädikat „dünn“ wurde der Sorte freilich schon im 12. Jahrhundert durch Hildegard von Bingen „verliehen“. Von ihr soll der Ausspruch stammen: „Der fränkische Wein sei ein starker Wein, der mit Wasser vermischt werden müsse, hingegen sei der hunnische (also der von den Hunnen gebrachte Heunisch/Gwäss) von Natur aus wässrig und müsse nicht verdünnt werden“.2

Den Gegenbeweis zu These der Hildegard von Bingen erbringt ein Betrieb im Oberwallis, Chanton Weine in Visp, der sich schon in dritter Generation um die Pflege alter Rebsorten verdient macht. Schon der Grossvater des heutigen Betriebsinhabers Mario Chanton pflanzte die Lafnetscha wieder an, und der Vater zog mit der Himbertscha und eben der Gwäss in den 1980er-Jahren nach. Bemerkenswert ist dabei, dass die Gwäss damals ohne das Wissen um ihre ampelographische Wichtigkeit wieder angebaut wurde. Die ersten Weine aus dieser Sorte waren längst wieder auf dem Markt, als die Forscher den Nachweis der Verwandtschaft erbringen konnten! Gutes Gespür, könnte man dem wohl sagen!

So völlig falsch sind die erwähnten Eigenschaften der Sorte – dünn und sauer – natürlich nicht. Aber Chanton zeigt mit seinem Gwäss, dass mit strikter Ertragsregulierung auch ein völlig anderer Wein entstehen kann:


Gwäss 2017, Chanton Weine
Helles Gelb mit orangen Reflexen; dezente Nase mit floralen Tönen, Anflug von Williams-Birne und -Schnaps, etwas Kiwi; erstaunlich rund, ausgeprägter „Süsskomplex“ (nicht süss!), spürbare, aber gezügelte Säure, mittlerer Abgang mit merkbarem Alkohol.

Wohlverstanden, ein wirklich grosses Gewächs ist auch dieser Gwäss nicht. Aber es ist ein schöner Wein, der Spass macht und der auch kulinarisch sehr breit eingesetzt werden kann (Apéro, zu Fisch, hellem Käse und auch zu nicht sehr scharfen exotischen Gerichten. Und nach drei Tagen habe ich einen kleinen Rest noch zu Spargel genossen – selbst das geht).

Aber zu einem richtig erhabenen Gefühl und fast ein wenig Gänsehaut beim Genuss führt natürlich das Wissen, sozusagen einen Schluck Weingeschichte zu trinken und daran zu denken, was uns ohne die Gwäss/Heunisch – oder meinetwegen den Hunnenkönig, wenn diese Geschichte denn stimmt – an Weingenüssen alles verwehrt geblieben wäre! Wer Riesling, Chardonnay und Blaufränkisch und Co. liebt, müsste eigentlich zumindest einmal einen Gwäss genossen haben!

http://www.chanton.ch/

1 Siehe u.a.:
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2880041/
https://edoc.sub.uni-hamburg.de/haw/volltexte/2011/1438/pdf/ern_y_569.pdf (Seite 46)

sowie Arbeiten von Dr. José Vouillamoz (unveröffentlicht, beim Weingut Chanton eingesehen).
2 Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Heunisch_(Rebsorte
)

Mathias Jalits, Eisenberg: Blaufränkisch vom Feinsten!

Eisenberg, dieses kleine und unbekannte Weinbaugebiet im südlichen Burgenland, hält noch manche Entdeckung bereit. Die Sorte Blaufränkisch fühlt sich hier besonders wohl und bringt Spitzenweine.

Der Eisenberg, schöne Landschaft, tolle Weine! (Bild: EisenbergDAC ┬® Manfred Klimek)

Viele meiner Blog-Beiträge trage ich jeweils schon jahre- oder monatelang im Kopf mit herum, etwa weil ich einen Wein oder Winzer schon lange schätze oder endlich genauer kennenlernen wollte. Weil ich in Sachen Wein sehr neugierig bin, versuche ich aber auch immer, Neues zu entdecken, am liebsten aus unbekannten Gebieten und Sorten – oder von aufstrebenden Winzerinnen und Winzern. Wahrscheinlich seufzen einige Weinhändler zuweilen über mich, weil ich oft einfach Einzelflaschen bestelle. Der einfachste Weg zu Entdeckungen sind aber natürlich Degustationen, und auf eine solche geht mein heutiger Beitrag zurück. Ich hatte kürzlich schon darüber, bzw. über die DAC Eisenberg geschrieben:
https://victorswein.blog/2020/01/18/blaufrankisch-aus-eisenberg-zur-entdeckung-warmstens-empfohlen/
Von einem Schweizer Importeur, Daniel Ruoss von „Weinzeit“, erhielt ich einen Dank per Mail, mit der augenzwinkernen Bemerkung, ich hätte aber in meiner Aufzählung empfehlenswerter Güter jenes von Mathias Jalits vergessen. Diese Reaktion veranlasste mich, einen Querschnitt durch das Sortiment von Jalits zu kaufen und zu probieren. Denn vergessen hatte ich das Gut nicht, in der „Masterclass-Degustation“ des Anlasses hatte ich dem Blaufränkisch von Jalits 2017 vom Ried Szapary nämlich sogar die höchste Note aller sechs degustierten Weine vergeben. Leider aber waren die Österreicher beim Ende der Veranstaltung so schweizerisch pünktlich, dass ich es nicht mehr schaffte, die Weine aller Aussteller degustieren zu können, unter anderem auch jene von Jalits. Und nur aufgrund eines einzigen Beispiels mochte ich keine Empfehlung für ein ganzes Gut abgeben.

Das hole ich aber hiermit sehr gerne und mit Überzeugung nach. Während die beiden Basisweine, ein Welschriesling 2018 und der Blaufränkisch Eisenberg DAC 2017 zwar einfache Weine, aber solche mit hohem Spassfaktor sind, glänzt bereits die Rarität, ein Pinot noir aus dem Jahr 2016, mit einer eigenständigen Auslegung dieser Traubensorte: sehr filigran und „puristisch“, aber doch sortentypisch und vor allem bis zum letzten Schluck spannend und anregend – das absolute Gegenteil eines „Bluffers“. Definitiv grossartig wird das Sortiment aber mit den drei degustierten Lagen-Blaufränkisch, alle Eisenberg DAC Reserve, jene aus den Rieden (= Lagen) Fasching und Szapary sowie der „Diabas“, das Flaggschiff des Gutes mit Trauben aus drei verschiedenen Lagen.

Szapary? Das tönt so ungarisch, und tatsächlich liegt dieser steilste Teil des Eisenbergs nur einige hundert Meter von der ungarischen Grenze entfernt (die direkt an Szapary anschliessende Lage Saybritz erstreckt sich bis zur Grenze).

Begnadeter Winzer und Weinmacher: Mathias Jalits in seinem Weinkeller (Bild: Homepage Jalits)

Zurück zu den drei Weinen. Das ist Blaufränkisch in Vollendung! So unterschiedlich sie ausfallen, so sehr zeigen sie eine verbindende Handschrift: unglaublich kraftvoll, aber trotzdem von tänzerischer Eleganz und enormer mineralischer Frische. Ganz einfach drei tolle Spitzenweine – jetzt trinkbar, aber mit viel Alterungspotential!

Ried Fasching 2016:
Dunkles Rubin; Cassis, Brombeeren, dunkle Kirschen, leichter Holzton. Kräftig, spürbare, feine Tannine, gut eingebundene Säure, langer Abgang.

Ried Szapary 2016:
Mittleres Rot; noch sehr primäre Aromen, fast, als hätte er eben erst die „Malo“ hinter sich, daneben Kaffee und helle Beeren; im Mund druckvoll, im Antrunk zwar eher filigran wirkend, dann aber dicht und wuchtig, schöne Säure, fast nicht endender Abgang. Trotz viel Kraft ein feingliedriger, eleganter Wein.

„Diabas“ 2015 (aus den Lagen Saybritz, Fasching und Reihburg)
Dichtes, glänzendes Purpur; Duft nach Cassis, Leder, Tabak und Thymian; enorm viele, aber sehr feine Tannine, schöne Säure, gut eingebundener Alkohol, wirkt aber trotzdem auf positive Art „feurig“, mittlerer Abgang.

Der „Diabas“ ist sicher der grösste der drei Weine und dürfte sehr lange altern können. Trotzdem, jetzt und wohl auch bis auf Weiteres, macht der „Szapary“ am meisten Spass: So viel hochklassigen Trinkgenuss zu einem solchen Preis (Fr. 20.00) muss man weit suchen!

http://www.jalits.at
http://www.weinzeit.ch
Weitere Bezugsquellen auch für andere Länder sind auf der Homepage von Jalits ersichtlich.