Erst belächelt, dann bekämpft, dann kopiert. Die badische Landweinszene ist im Trend.

Der badische Landweinmarkt von Ende April hat es bewiesen: Die Winzer der Region, welche sich vom Korsett der starren Vorschriften befreit haben und „nur“ noch Landwein produzieren, haben bei den Konsumenten einen Nerv getroffen. Und bei den Weinkritikern auch!

Sagenhafte 256 Weine von 27 Weingütern standen am 7. Badischen Landweinmarkt in Eimeldingen, ganz im Süden des Landes, zur Degustation bereit. Entstanden ist der Anlass eigentlich aus der Not heraus, denn vor 10 Jahren durften die Landwein-Winzer ihre Weine an den etablierten Messen gar nicht zeigen – also schuf man einen eigenen Anlass!

Tolle Badische Weinlandschaft, hier am Kaiserstuhl.

Der Landweinmarkt hat inzwischen schon Tradition – ohne die Corona-Pause wäre heuer gar schon ein Jubiläum angestanden -, und zog auch sehr viele Besucher an. Das „Design“ des Anlasses ist auch genial. Man bewegt sich nicht wie sonst üblich von Winzer zu Winzer, sondern von Rebsorte zu Rebsorte bzw. Weintyp zu Weintyp. Besser kann man die verschiedenen Weine und Stilistiken nicht vergleichen.

Die Weinstile der Winzer und der Weine waren in der Tat sehr unterschiedlich. Aber genau deshalb war der Anlass so spannend, und die Freiheit des Landweins lässt das ja eben gerade zu. Einerseits reichte der Bogen der Stilistik von der puristischen, klaren Art der Ziereisen-Weine bis hin zu sehr kräftigen Weinen anderer Anbieter, aber auch zum erdigen Spätburgundertyp, wie wir ihn von früher kennen. Und hin und wieder zum Naturweintyp, aber davon später.

Spätburgunder – vielfältiger Stil. Und einige Weine mit sensationellem Preis-/Leistungsverhältnis.

Um beim Pinot Noir/Spätburgunder zu bleiben: Die Vielfalt der Weine war aussergewöhnlich. Vom klassischen Burgunder-Typ wie etwa dem 24°SUD von La Boussole oder dem Pinot Noir der Shelter Winery über die acht (!) verschiedenen Spätburgunder-Weine von Ziereisen mit ihrem eigenständigen Stil, der immer erst mit einer gewissen Reife ebenfalls an das Burgund erinnert, über die filiranen Pinots von Greiner (mit den 2023 Vulkan und Venus als Höhepunkte), die eigenständigen, sehr floralen Spätburgunder von Wasenhaus (der Stil erinnerte mich sehr an die seinerzeiten Weine von Thomas Mattmann aus Zizers) über den eher rustikalen aber schön gemachten SR von Röschard bis hin zum saftigen Spätburgunder von Seywald Wein, der zu 14 Euro ein echter Preis-/Leistungstipp ist. Geschlagen wird er diesbezüglich nur noch von zwei besonders tollen Werten: dem Pinot Noir von Shelter Winery zu 12 Euro und dem TAL -Talrain Spätburgunder von Ziereisen zu 17.80 Euro.

Gutedel-Hochburg, und wie gut!

Nicht weniger vielfältig zeigten sich die präsentierten Weine beim Gutedel (Baden, und insbesondere das Markgräflerland, sind Hochburgen dieser Rebsorte). Es waren Weine vertreten wie der Premium trocken von Willi Berner, den man blind sofort ins Lavaux verortet hätte, der Steinkreuz von Greiner, ein toller Wein, der mir persönlich allerdings etwas zu sehr „naturweinig“ daherkommt, den unytischen, aber spannenden König Ludwig von Missbach mit 4 Jahren Fasslagerung, den eleganten, holzbetonten Heaven von Sommerhalter (der mit der Alten Rebe auch einen preiswerteren, dichten und mineralischen Typ im Angebot hat), bis hin zu Ziereisen, der von der Basis (Heugümper) über den „Modell-Gutedel“ ST-Steinkrügle, den qualitativen Überflieger Jaspis 10hoch4 bis hin zum Jaspis unterirdisch (einem in der Amphore ausgebauten Orangewein „ohne alles“) total überzeugt.

Bald eine Schaumwein-Hochburg?

Das Spektrum war auch bei den anderen Traubensorten, den Cuvées und den Sekten gross. Und überall gibt es ganz grossartige Weine, wobei der qualitative Quantensprung bei den Schaumweinen besonders erwähnenswert ist – da kann man teilweise für wenig Geld grossartige Schäumer kaufen.

Die einzige leise Kritik an einzelnen Weinen betrifft Anbieter, deren Produkte man wohl als „interessant“ bezeichnen kann, die für meinen Geschmack aber das „Naturwein“ klar übertreiben (sorry, aber mich erinnert das im Duft immer ein wenig an eine Kombination von Pferdepisse und essigsaurer Tonerde – und ich mag das einfach nicht, auch wenn die Weine im Mund dann durchaus überzeugen). Aber das zeigt nur, dass die alte Weisheit immer noch gilt, wonach man einen Wein probieren muss und nur grössere Mengen kauft, wenn er den eigenen Geschmack tritt. Wobei, auch diese Weisheit gilt nicht universal – es waren durchaus Winzerinnen und Winzer vertreten, deren Weine man blind kaufen könnte.

Ziereisen – what else?

Man verzeihe mir, wenn ich bei der Aufzählung solcher Produzenten bei Hanspeter und Edeltraud Ziereisen beginne. Sie sind ohne Zweifel die Wegbereiter der ganzen badischen Szene (und auch des Landweinmarktes), und dass hier ganz grosse Gewächse entstehen, hätten die Messebetreiber eigentlich auch schon im Jahr 2017 wissen können. Was auf diesem Gut, auf dem inzwischen auch Sohn und Tochter mitarbeiten, immer wieder auf die Flasche gebracht wird, ist einfach grossartig. Nebst den bereits erwähnten Weinen haben mir die beiden Chardonnays und die drei Syrahs ganz besonders gefallen – letztere zwar nicht sehr sortentypisch, wenn man die Rhône als Massstab nimmt, aber grandios.

Blick aus den Rebhängen auf Efringen-Kirchen, der Wirkstätte der Ziereisens.

… those, for example: La Boussole, Shelter Winery, Wasenhaus, Greiner.

Eine echte Entdeckung war das Gut La Boussole, hinter dem der schon länger in Deutschland wohnhafte französische Staatsbürger Maxence Lecat steht. Er verfolgt Projekte im Burgund und in Orgeon, und wohl deshalb hat er sich auf je einen Chardonnay und einen Pinot Noir aus Ettenheim beschränkt. Der Chardonnay 24°NORD ist ganz toll, sehr burgundisch, und den Pinot Noir habe ich oben schon erwähnt.

Wenig überraschend zeigten sich auch alle Weine der Shelter Winery (auch hier „nur“ Spätburgunder und Chardonnay) und von Wasenhaus (hier zusätzlich mit einem spannenden Weissburgunder) auf sehr hohem Niveau, ebenso waren fast alle der 18 (!) Weine von Maximilian Greiner überzeugend.

Mit die spannendsten Weine des Anlasses!

Enorme Vielfalt – und schöne Entdeckungen.

Abgesehen von diesen bekannten Grössen gab der Anlass aber auch die Möglichkeit, Weine von mir bisher unbekannten Winzerinnen und Winzer kennenzulernen. Einige habe ich vorstehend erwähnt und meine nachstehende Aufzählung ist wohl auch nicht ganz fair, weil es keinen einzigen Produzenten gab, der nicht schöne Weine im Sortiment hatte.

Das von mir schon in der Vorschau erwähnte Weingut Kuhn war eine Entdeckung wert. Alle drei Sekte gefielen sehr, und der „Bruno“, ein holzbetonter, aber dennoch fruchtiger und sehr dichter Müller-Thurgau zeigt, was in dieser Sorte eigentlich steckt. Einige andere Weine des Gutes zeigten eine deutliche Hefenote, sind nicht unbedingt mein Stil, aber brauchen wohl auch noch etwas Geduld.

Röschard und Ruser – viel Wein für wenig Geld!

Spannend ist auch das Weingut Röschard. Bei durch das ganze Sortiment vergleichsweise bescheidenen Preisen gefielen beide eher traditionellen Spätburgunder (vgl. auch oben) sowie der Sauvignon Blanc. Besonders erwähnenswert sind aber auch die beiden Spezialitäten Auxerrois und Alvarinho (letzterer mit etwas RZ), die Röschard zauberhaft hinbringt.

In einem ähnlich gutem Preis-/Leistungssegment bewegt sich das Weingut Ruser (in Lörrach zuhause und damit – wie auch Röschard in Weil am Rhein – direkt an der Schweizer Grenze). Bemerkenswert sind beispielsweise der Lemberger, der Müller-Thurgau (6 Euro!), der Weissburgunder und der Chardonnay (10 Euro) und auch beide Spätburgunder.

Noch ein paar Namen – aber entdecken Sie doch nächstes Jahr einfach selbst!

Weitere Namen mit teils wirklich überzeugenden Weinen waren auch Brenneisen, Au Terroir und Sommerhalter – aber jetzt muss ich stoppen, sonst habe ich am Schluss einfach alle 27 Ausstellerinnen und Aussteller genannt. Verdient hätten es aber tatsächlich alle. Ich hatte rund 200 Weine im Glas – schlecht war keiner. Die Einschränkung in Bezug auf das allzu Natürliche habe ich vorstehend schon gemacht, aber das ist eben auch Geschmacksache. Besuchen Sie den Anlass doch im nächsten Jahr einfach selbst – voraussichtlich wieder im April 2027 im Gasthof Löwen in Eimeldingen!

Jedenfalls hat der Anlass wunderbar gezeigt, dass es nichts zu belächeln gibt, hoffentlich auch nichts mehr zu bekämpfen – aber sehr wohl zu kopieren.

Links:
Herzlich willkommen beim Weingut Ziereisen
La Boussole – Vins d’une ode à l’esprit d’aventure
Shelter Winery – Hans-Bert Espe und Silke Wolf – shelter winery
Wasenhaus – Weingut, Staufen im Breisgau (hat nur eine Startseite)
Weingut GREINER
Weingut Seywald | Weingut, Brennerei & Ferienwohnungen
Weingut Berner
Bioweingut Mißbach – Herzlich Willkommen
KUHN WEINGUT – kuhn-weines Webseite!
Home | Weingut Röschard
Weinbau Ruser – BADISCHES LANDWEINGUT
Weingut Brenneisen, Brennerei, Hofladen, Egringen
AuTerroir – Neue Qualitätsweine aus Südbaden – Weingut AuTerroir
Weingut Sommerhalter – Weingut Sommerhalter

Für weitere Infos, auch über die anderen Teilnehmenden:
Willkommen zum 7. Landweinmarkt Baden


Interessennachweis:
Die Weine wurden auf Einladung der Familie Ziereisen am Landweinmarkt Baden degustiert.



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