Der Tag bzw. die Tage der offenen Weinkeller in der Deutschschweiz hat wiederum Tausende von Weinfreunden angezogen. Der Schweizer Wein und der Schweizer Weinmarkt sind nicht am Boden – ganz im Gegenteil, die Winzerinnen und Winzer sind gastfreundlicher und innovativer denn je. Und ein paar Besuche zeigten, wie grossartig die hiesigen Weine sind!
Grosse Schweizer Weine – entgegen aller Miesepeter!
Alle, die etwa anderes behaupten, sind – sorry – Miesepeter! Ich weiss, dass Vorurteile länger leben. Und diese waren vor drei, ja teils sogar zwei Jahrzehnten durchaus nicht nur falsch. Aber inzwischen zeigen die Schweizer Weine schon in der Mittelklasse – eben – Klasse. Und an der Spitze sind viele schlicht Weltklasse. Ich mag Chauvinismus eigentlich nicht, aber beim Wein wäre er durchaus angebracht!
In diesem Jahr waren meine persönlichen Besuche bei Weinbaubetrieben mengenmässig zwar zurückhaltend, aber das Gesamtbild blieb das gleiche wie in den letzten Jahren immer: Schweizer Weine sind grossartig. Und Krisengeschreibe hin oder her – der Anlass war überall, wo ich hinkam, sehr gut besucht.
6 Betriebe – 5 x bio!
So zufällig die Wahl der von mir besuchten Güter auch war – den Beweis, wie gut die Schweiz qualitativ auch im internationalen Vergleich dahsteht, haben alle erbracht. Interessanterweise fällt mir das erst im Nachhinein auf: Ich habe sechs Betriebe für einen Besuch ausgewählt, und fünf davon betreiben Bio-Rebbau! Auch das ist eine spannende Entwicklung.
Nur nebenbei: Wenn man auf Bio umstellt, muss man auch im Kopf umstellen. In der Bündner Herrschaft sind viele Rebgärten von Mauern umfasst. Luzi Jenny in Jenins hat deshalb nach der Umstellung auf Bio die jeweils äussersten Reihen durch Piwi-Reben ersetzt (die heute einen schönen Schaumwein ergeben), weil Bio-Mittel nicht systemisch wirken und man mit Kontakt-Spritzmitteln an den Mauern nur eine Seite der Pflanzen benetzen kann. Dieser Luzi Jenny (der Sohn heisst wie der Vater) bringt Jahr für Jahr sehr feine Rotweine, z.B. auch einen saftigen, fruchtbetonten Zweigelt hervor. Ziemlich neu ist bei den Weissen ein Completer, welcher zeigt, welch Potential diese Sorte in der Bündner Herrschaft hat.

Ebenfalls in Jenins, aber ausserhalb des Dorfes, hat – meines Wissens erstmals – erfreulicherweise auch das Weingut Eichholz von Irene Grünenfelder und Johannes Hunger am Tag der offenen Weinkeller teilgenommen. Wie seit Jahrzehnten grandios ist der Pinot Noir „Eichholz“ und bei den Weissen ist der Pinot Blanc ganz toll.
Das Weingut Fromm in Malans wiederum zeigt zuerst einmal auf, dass man auch in Zeiten wie diesen an die Zukunft des Weinbaus glauben darf. Der im letzten Jahr fertiggestellte Neubau des Kellergebäudes etwas ausserhalb des Dorfes zeigt, dass man in Wein investieren kann, wenn man Qualität liefert (dass der Neubau zuerst im Dorf Malans selbst geplant war und am Widerstand eines Nachbarn nach 12 (!) Jahren scheiterte, ist eine andere Geschichte). Hervorstechend im präsentierten Sortiment war der Pinot Noir aus der Lage „Küng“ – ein Ausbund an Finesse und Eleganz.

Newcomer am Zürcher Rhein.
Zurück im Kanton Zürich zeigte ein Besuch bei Matthias Bechtel in Eglisau ebenso, dass Weinbau Zukunft hat. Der Jungwinzer hat ebenfalls neu gebaut. Und überhaupt hat man hier sozusagen von Null auf Sechs zugelegt. Noch vor wenigen Jahren besass Bechtel keine Reben (sondern arbeitete gleichenorts beim Weingut Pircher), heute gehören ihm rund 6 Hektar im Stadtberg des Städtchens am Rhein. Das Sortiment ist überzeugend, wenn vielleicht auch ohne den qualitativ ganz grossen Ausschlag nach oben. Aber da lohnt es sich, einen Jungwinzer auf seinem Weg zu verfolgen. Speziell hebe ich hier den Räuschling hervor. Diese klassische Zürcher Rebe wird bei Bechtel im Akazienholz ausgebaut und ist speziell, aber auch einfach toll.
Der Wein, der die Franzosen schon vor 40 Jahren begeistert hat.
Und schliesslich ein Traditionsbetrieb, das Weingut Sternen in Würenlingen, Kanton Aargau. Schon dem Vater des jetzigen Besitzers Andreas Meier (ein Tausensassa im positiven Sinn, der auch eine Rebschule betreibt und zudem Nationalrat ist) gelang es vor mehr als 40 Jahren, mit dem Pinot Noir „Kloster Sion“ (der Name hat nichts mit der Walliser Hauptstadt zu tun; die Lage befindet sich vielmehr in Klingnau, wo bis 1810 ein Kloster dieses Namens bestand), an einer Degustation in Paris alle Burgunder Weine auszustechen. Das Sortiment im „Sternen“ umfasst inzwischen fast 30 Weine – und es überzeugt! Interessant für mich war, dass ich sowohl beim Chardonnay als auch beim Spitzen-Pinot (eben, Kloster Sion), die nicht im Holz ausgebaute Variante eher bevorzugte – beides (aber auch die Barrique-Varianten) sind ganz tolle Weine!
Und der Überflieger des Wochendendes: eine Poesie von Liesch!
Für das Tüpfchen auf dem i gehen wir aber zurück in die Bündner Herrschaft. Ich hatte den „Prezius“ 2021 von Liesch Weine in Malans in einem früheren Beitrag schon einmal als ganz aussergewöhnlich gut beschrieben und mit 18,5 Punkten versehen. Es gibt aber noch eine Steigerung, und die ist jetzt auf dem Markt und war zu degustieren: Der Pinot Noir „Poesia“ 2021 ist eine Selektion der besten Barriques des „Prezius“, lagerte dann aber ganze zwei Jahr im Fass und weitere zwei Jahre auf der Flasche. Das Resulat ist schlicht grandios! Die gleiche Finesse wie der „Prezius“ 2021 (vgl. Bericht im Link unten), aber das Ganze noch mit mehr Druck und Dichte. Das ist Weltklasse aus der Schweiz! Für mich 19 Punkte!
Und zum Schluss noch ein Wort über die Organisation und die Gastfreundschaft an den Tagen der offenen Weinkller. Letztere war überall zu spüren, ja mehr als das, nämlich Herzlichkeit, ausser:
Wieso denn ins Ausland, und wenn es nur Lichtenstein wäre? Frust in Eschen.
Die einzige Ausnahme war ein Betrieb im Fürstentum Lichteinstein, der ebenfalls auf den Seiten der offenen Weinkeller präsent war, und der mich interessierte. Bloss konnte man da nicht degustieren, sondern man hätte jeden Wein glasweise zu CHF 6.00 und mehr kaufen müssen. Ich habe das Gut unverrichteter Dinge wieder verlassen. Nicht etwa, weil ich grundsätzlich nicht bereit wäre, für eine Leistung zu bezahlen. Und ich hätte durchaus die Kreditkarte gezückt, wenn man mir gesagt hätte, Degustationsschlücke des Sortiments würden einen gewissen Betrag kosten. Aber ich hätte ja eben gerne einen grossen Teil des Sortimentes probiert, und das kann ich nicht, wenn ich für jeden Wein ein ganzes Glas kaufen muss. Lichtenstein, bzw. der Betrieb in Eschen, hat da defintiv einen schlechten Eindruck hinterlassen.
Gediegen bei Liesch und Fromm …
Umgekehrt haben sich Liesch und Fromm dadurch ausgezeichnet, dass man auch als „Nur-Degustator“ an einem Tisch Platz nehmen konnte und zuerst einmal ein Glas Wasser und etwas Brot gereicht erhielt. Auf diesen Betrieben dauerte zwar die Degustation etwas länger, dafür war sie auch sehr entspannt. Gastfreundlich eben!
… und mit dem Teilnehmerfreundlichkeitspreis im Sternen bei Meier.
Aber die Auszeichnung der besten Degustations-Anlage gehört dem Weingut Sternen von Andreas Meier. Hier führte ein Parcours durch den ganzen Keller. Man durfte sich selbst bedienen, und zu jedem Wein lag eine ausführliche Beschreibung vor. Zudem standen Mitarbeitende des Gutes für Fragen zur Verfügung, drängten sich aber nie auf. So konnte man seinen ganz eigenen Rhythmus einschlagen und die Degustation wirklich geniessen. So muss der Tag der offenen Keller sein, Châpeau, Andreas Meier!

Und zum Schluss einfach das: Hut ab vor den Schweizer Weinmacherinnen und -machern!
Und ganz generell: Châpeau, Schweizer Winzerinnen und Winzer, eure Weine sind grossartig. Wenn es nur endlich auch die Schweizer Bevölkerung merken würde!
Links:
Biologischer Weinbau aus Liebe zur Natur – Luzi Jenny
Weingut Eichholz | Wein aus Bündner Herrschaft | Eichholz 2, 7307 Jenins, Switzerland
Weingut Fromm Malans | Ein Pinot Familienbetrieb seit 1866
Startseite – Liesch Weine
Und mein früherer Beitrag zum „Prezius“:
Prezius – eine wertvolle Entdeckung! Die Vertikale über 20 Jahre zeigt, dass Liesch Weine in der Herrschaft längst auf den Radar gehört. – Victor’s Weinblog
Home | Bechtel Weine
Weingut zum Sternen
Und als Tipp – in den anderen Weinregionen der Schweiz finden die gleichen Veranstaltungen noch statt, alle im Mai 2026!
OFFENE WEINKELLER NEUENBURG – Offene Weinkeller
Willkommen zu den Offenen Weinkellern im Wallis
OFFENE WEINKELLER WAADT / 23. und 24. Mai
Offene Weinkeller Genf 2026 | Genève Terroir
Offene Weinkeller – Ticinowine
Interessennachweis:
Alle Weine und Weingügter wurden im Rahmen der Tage der offenen Weinkeller degustiert bzw. besucht.
Ich habe auch zwei Weinkeller am 01.05. besucht. Dabei ist mir besonders aufgefallen, dass sehr viele junge Leute anwesend waren. Also entgegen dem was man immer hört, dass sich die Jungen weniger für Wein interessieren.