Chasselas (Gutedel) forever!

Chasselas – bzw. Gutedel – eine grossartige Traubensorte für langlebige Weine? Für eine solche Aussage wäre man noch vor wenigen Jahren ausgelacht worden. Inzwischen hat sich gezeigt, was gute Winzer schon immer wussten: Chasselas ist eine Spitzensorte, welche auch Weine fast für die Ewigkeit liefert, wenn man mit ihr umzugehen weiss!

Gleich zweimal hatte ich in den vergangenen Wochen die Gelegenheit, mich einmal mehr selbst zu überzeugen, welch grosses Potential in dieser Traubensorte steckt. Sie wird schwergewichtig in der Westschweiz angebaut, insbesondere in der Waadt und im Wallis (hier als Fendant). Daneben ist das Markgräflerland in Baden-Württemberg ein Hotspot, und hier heisst die Rebe Gutedel.

Spektakuläre Landschaft und Unesco-Welterbe: Das Lavaux am Genfersee, Hochburg der Chasselas!

Bester Weisswein im Jahr 2020 bei Vinum? Ein Gutedel von Ziereisen!

Die Chasselas stand lange in Verruf und galt als minderwertig, zumal sie in Frankreich vor allem als Tafeltraube Verwendung fand. Aus heutiger Sicht war damals allerdings vor allem die Arbeit der Winzer minderwertig, weil viel zu hohe Erträge zu dünnem, nichtssagendem Wein führten. Inzwischen wissen echte Kenner wieder, dass die Sorte zu qualitativen Höchstleistungen fähig ist, es sei an dieser Stelle nur an die 19,5 Vinum-Punkte erinnert, mit welchen der „Jaspis 10 hoch 4“ des Jahres 2016 von Ziereisen ge(gut)edelt wurde!

Woher die Traubensorte stammt, bleibt möglicherweise für immer ein Geheimnis. Bis heute ist es nicht gelungen, belastbare Aussagen über ihre Abstammung zu machen. Sehr alt ist sie sicher, aber von der lange vertretenen These, sie stamme aus Aegypten und sei dort schon vor 5’000 Jahren angebaut worden, ist man inzwischen wieder abgekommen, auch wenn man die Urahnen der Chasselas immer noch im Mittleren Osten vermutet (Quelle: Wikipedia).

Dézaley Médinette: (fast) für die Ewigkeit gemacht.

Mehr als eindrücklich: 15 Jahre Dézaley Médinette, bis zurück ins Jahr 2000 – und alle Weine noch voll in Form!

An einer kürzlich von Weinfreund Philipp Uehlinger veranstalteten Vertikalen des Vorzeige-Chasselas „Dézalay Médinette“ der Domaine Louis Bovard wurden die Jahrgänge von 2015 bis zurück ins Jahr 2000 praktisch lückenlos degustiert. Das Resultat: Sämtliche Jahrgänge sind noch voll präsent und machen uneingeschränkt Freude! Wirklich alle Weine zeigen noch eine schöne Frische und Frucht. Selbst der problematische Jahrgang 2004 (16,5 Punkte) weist noch fruchtige und florale Töne auf und ist, obwohl sehr filigran, uneingeschränkt genussvoll zu trinken.

Médinette braucht Reife.

Obwohl ich auch jüngere Jahrgänge stets genossen habe, braucht die Médinette augenscheinlich geradezu eine gewisse Reife. Die „jüngeren“ Jahrgänge wie 2014 und 2015 (17 bzw. 17,5 Punkte) zeigen sich in der Nase noch sehr verhalten, während mein persönlicher Favorit, der 2009er, schon etwas offener ist und im Mund mit seiner Frische bei gleichzeitiger Dichte und Kraft schlicht grandios daherkommt (18 Punkte). Das bedeutet, dass man bei Louis Bovard auch mit sehr warmen Jahrgängen umgehen kann. Umgekehrt hat man aber auch in etwas kleineren Jahren wie eben 2004, 2014 und auch 2007 alles richtig gemacht. Letzterer wurde aus einer Magnum serviert und zeigte sich vielschichtig fruchtig, filigran, süffig aber nicht anspruchslos – und macht total Freude (17 Punkte).

Bovard stielt Bovard ein wenig die Show!

Der „andere“ Bovard – hält mehr als nur mit!

Bekanntlich gibt es im Lavaux noch einen zweiten Betrieb namens Bovard, die Domaine Antoine Bovard in Treytorrens/Cully. Diese Kellerei wird heute biologisch bewirtschaftet von Denis Bovard – der ein Neffe von Louis Bovard ist. Wir haben von dieser Domaine einen Dézalay aus dem Jahr 2013 in die Médinette-Degustation geschmuggelt – und das Resultat war verbüffend! Auch dieser bereits elfjähige Chasselas zeigte sich voll präsent, ja vermutlich heute schöner denn je. Der Stil des Weines ist etwas anders als jener der Médinette, er wirkt fruchtbetonter und weniger opulent – sprich etwas filigraner, ohne dass es an Körper fehlt – , fasziniert durch eine enorme Frische und überzeugt auch mit einem langen Abgang. Bei einigen Teilnehmern war der „andere Bovard“ gar der Favorit des Abends, ich selbst habe ihn mit 17,5 Punkten ebenfalls sehr hoch bewertet. Antoine Bovard ist eine Entdeckung wert!

Es geht für Chasselas durchaus auch noch älter!

An der gleichen Veranstaltung wurde zum Schluss, und zum Beweis des Potentials der Chasselas, noch eine Flasche aus dem Jahr 1984 geöffnet – ein St. Saphorin von der Domaine de Burignon, ein Gut der Ville de Lausanne. Selbst dieser 40-jährige Wein aus einem eher kleinen Jahrgang zeigte sich noch mit einer gewissen Frucht und recht frisch, man spürt zwar das Alter, aber er macht noch Freude – ein eindrückliches Erlebnis!

Links:

Domaine Louis Bovard
Domaine Antoine Bovard
(Hinweis zu Antoine Bovard: Die Domaine führt noch diverse ältere Weine, u.a. auch den degustierten Dézalay 2013, im Angebot. Nachfragen lohnt sich).


Szenenwechsel: Top of Chasselas 2024 – aber zuerst auch zwei alte Weine.

Vinum lud in die alte Giesserei in Zürich-Oerlikon zur „Mondial du Chasselas“

Schon kurz zuvor hatte Vinum zur Präsentation der Siegerweine der „Mondial du Chasselas“ eingeladen. Und auch hier wurden ein paar ältere Jahrgänge gezeigt, welche faszinierten. Dies gilt vor allem für einen 1995er Dézalay Es Embleyres von Jean-François & Benjamin Chevalley, der sich zwar farblich schon recht gereift zeigt und auch schon etwas „ältere“ Töne in der Nase aufwies (nebst der klassichen Lindenblüte vor allem Rosinen und Rosenblüten), der aber bei schöner Säure in guter Balance ist. Toller Wein! (17 Punkte). Und ebenso überzeugte der Fendant Les Terrasses 2011 von Jean-René Germanier, zwar etwas exotisch in der Nase, aber noch in voller Frische.

Top-Chasselas: Ein Teil der Degustation der besten Weine der „Mondial“ 2024 (Foto: Vinum, zvg)

Da war es für die präsentierten jungen Weine der Mondial du Chasselas aus den Jahren 2022 und 2023 mit ihrem jugendlichen Erscheinen schon fast ein wenig schwierig. Dabei war auch hier das Qualitätsniveau erfreulich hoch. Meine Punkte lagen allesamt zwischen 16 und 17, interessanterweise in der gleichen Höhe wie bei Vinum, das ich erst nach der Veranstaltung studierte. Meine persönlichen Favoriten deckten sich freilich nicht immer genau mit jenen von Vinum; einzig den Fendant 2023 von Claudy Clavien aus Miège bewerteten wir beide mit 17 Punkten – ein ganz toller Wein aus dem Wallis! Ebenfalls bei 17 Punkten, und damit um je eine halbe Note höher als Vinum, lagen bei mir der Chardonne Clos d’Oron 2023 der Commune d’Oron, der Réserve du Prieuré 2023 La Côte Etoy von Claude und Jacques Lapalud sowie der Nyon Vieilles Vignes Esprit Terroir 2023 der Cave de la Côte.

Deutschland bei den Süssen vorne – und wohl noch etwas untervertreten.

Etwas schade an der Mondial ist nur, dass es sich noch zu sehr um eine Schweizer Meisterschaft handelt. Zwar ist die Tendenz der Teilnahme von deutschen Winzern steigend (129 von 740 eingerichten Weinen), aber ganz an die Spitze schaffte es bei den trockenen Weinen keiner. Daraus kann ich nur schliessen, dass einige der badischen Spitzenbetriebe leider gar nicht teilgenommen haben. Immerhin retteten das Weingut Löffler aus Stauffen-Wettelbrunn und die Erste Markgräfler Winzergenossenschaft aus Schliengen die deutsche Ehre mit den höchsten Noten überhaupt für ihre TBA bzw. ihren Eiswein. Mich persönlich hat insbesondere die TBA von Löffler fasziniert – letztlich nur ein Beweis mehr für die hohe Qualität der Chasselas (sorry, des Gutedel)!

https://www.vinum.eu/ch/weinwissen/news/2024/vinum-tasting-mondial-du-chasselas-2024/

MDC-24-Brochure-Palmares_2024-light_compressed.pdf


Interessennachweis:
An der Degustation der „Médinette“ nahm ich zu den fair kalkulierten Selbstkosten von Philipp Uehlinger teil. Zur Präsentation der Weine der Mondial du Chasselas war ich von Vinum eingeladen.

2 Gedanken zu “Chasselas (Gutedel) forever!

  1. Pingback: Das Lavaux wird immer spannender – auch jenseits des Chasselas! – Victor's Weinblog

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