Die Kellerei Cantina Kaltern feiert in diesem Jahr ihr 125-jähriges Jubiläum. Die Genossenschaft beweist mit ihren Weinen und insbesondere ihrer Paradelinie „Quintessenz“ beispielhaft, dass sich Grösse und sehr hohe Qualität nicht ausschliessen. Und dass beim Festakt ein grandioser Wein aus der verkannten Sorte Vernatsch gereicht wurde, zeigt auch das geschichtliche Selbstverständnis der grössten Genossenschaft Südtirols.
125 Jahre! Welch ein Jubiläum für eine Weinbaugenossenschaft. Die älteste ihrer Art ist sie zwar nicht, diese Ehre kommt der Winzergenossenschaft Fellbach (D) zu, welche schon 1858 gegründet wurde (Quelle: Rudolf Knoll) *. Und auch im Südtirol gibt es ältere Gründungen, die Kellereigenossenschaft Andrian war sieben Jahre früher als die Erste von Kaltern (Quelle: Falstaff). Dafür ist die Kellerei Kaltern heute die grösste im Südtirol. Und dass das nicht zu Lasten der Qualität gehen muss, zeigt die Paradlinine „Quintessenz“ auf’s Schönste.
Erste, Neue – und nun einfach Kellerei Cantina Kaltern.
Der Name der in Kaltern im Jahr 1900 gegründeten Genossenschaft war Programm: Erste Kellereigenossenschaft Kaltern. Vor genau 100 Jahren wurde dann gleichenorts eine zweite Genossenschaft gegründet, und die hiess, damals ebenso programmgemäss Neue Kellereigenossenschaft Kaltern. Dieses Neben- oder auch Gegeneinander dauerte bis ins Jahr 1991. Damals schlossen sich die beiden Genossenschaften (unter Einschluss der Genossenschaft Baron di Pauli) zur Erste+Neue Kellereigenossenschaft Kaltern zusammen. So kurios der Name anmutete – aus dem Gedächtnis brachte man diese Bezeichnung nicht mehr. Qualitativ – oder zumindest bekanntheitsmässig – liefen der zusammengeschlossenen Kellerei allerdings andere Genossenschaften, allen voran die Schreckbichl im benachbarten Eppan, damals etwas den Rang ab – zumindest nach meiner seinerzeitigen Wahrnehmung.
Die Entwicklung ging aber weiter, denn 2016 schlossen sich die Erste+Neue mit der bisherigen (1992 ebenfalls aus einer Fusion hervorgegangenen) Genossenschaft Kaltern zur heutigen Kellerei Cantina Kaltern zusammen. Heute werden in der Kellerei die Trauben von rund 700 Winzern und 450 Hektar verarbeitet. Und die Qualität ist sehr hoch.

Tolle Weine: Höchste Zeit, das alte Image von Genossenschaften abzustreifen!
Inzwischen ist es klar geworden, dass das alte Genossenschaftsbild längst nicht mehr stimmt. Tatsächlich waren noch vor 30 Jahren die Weine von Genossenschaften oft eher mässig, auch wenn es damals schon Ausnahmen gab. Heute finden sich, von absoluten Weltspitzengütern vielleicht einmal abgesehen, kaum mehr qualitative Unterschiede. Das hat mit Technologie und Ausbildung zu tun, aber vor allem damit, dass die Genossenschaften schon länger damit begonnen haben, ihre Mitglieder auf Qualitätsweinbau einzuschwören.
Fair’n Green – mehr als einfach nur ein weiteres Label. Dönhoff und Günter Jauch haben es. Und die grösste Genossenschaft Südtirols auch!
Das Beispiel der Kellerei Kaltern ist dabei besonders eindrücklich. Als erste Kellerei Italiens überhaupt hat man das Siegel „Fair’n Green“ erlangt. Man mag dieses Label auf den ersten Blick als eines von Vielen abtun, aber der Ansatzpunkt ist mehr als bedenkenswert. Es geht hier nicht „nur“ um Ökologie (aber durchaus auch, z.B. keine synthetische Stickstoffdüngung, keine chemische Unterstockpflege, keine konventionellen Insektizide), sondern zusätzlich um die Erstellung einer Ökobilanz, die Einhaltung anständiger Anstellungsbedingungen für die Mitarbeitenden (z.B. Verzicht auf Leiharbeitende, Einhaltung des Mindestlohns und angemessene Unterkünfte [ein aktueller Blick in die Champagne zeigt, dass das wichtig ist!]) sowie von Förderungsmassnahmen zur Biodiversität. In Deutschland arbeiten so berühmte Betriebe wie Dönhoff, Meyer-Näkel, Maximin Grünhaus, Schloss Lieser, Nik Weis und auch von Othegraven (das Weingut von Günther Jauch) nach den Regeln von Fair’n Green, in der Schweiz sind es etwa Möhr Niggli, am Steinig Tisch und Weinbau Sternen. Dass die grösste Kellerei Südtirols mit diesem Label vorausgeht, ist schon sehr bemerkenswert! Ganz abgesehen davon gibt es auch Bioweine im Sortiment der Kellerei Cantina Kaltern.

Vernatsch – die Unterschätzte und Verkannte.
Ich selbst bin noch nicht lange Vernatsch-Fan. Zu sehr hatten die jämmerlichen „Kalterersee“ aus meinen Jugendjahren ein schlechtes Image dieser Rebsorte zementiert. Es brauchte den Zuspruch des genialen Sommeliers und Hotelbesitzers Thomas Schuler (das Hotel ist ein Muss für Weinfreunde, vgl. Link unten). Er belehrte mich, dass Vernatsch eine grandiose Rebsorte sei – und er zeigte mir Beispiele, die mich schnell umstimmten.
Man mag selbst bei einem Spitzenwein aus der Vernatsch im ersten Moment nur einen leichten, frischen, fruchtigen und eher dünnen Wein erkennen. Je länger der Wein aber im Mund ist, desto mehr kommt diese filigrane Kraft, diese Eleganz und tänzerische Lebendigkeit zum Tragen. Wer auf süssliche Kraftprotze steht, wird Vernatsch wohl nicht schätzen, wer hingegen feingliedrige Pinot Noir mag, wird sich fast sicher auch in Vernatsch verlieben.
Toller und vielseitiger Essensbegleiter.
Auch als kulinarische Begleitung können die Vernatsch-Weine auftrumpfen. Das mögliche Einsatzspektrum ist sehr breit und reicht vom Vesperplättchen über Pizza bis hin zu weissem Fleisch und vor allem auch Fisch. Ich habe den Quitessenz-Vernatsch nach der Degustation zu einem Zander an einer Weisswein-Buttersauce mit etwas frischem Koriander und Kartoffeln genossen: eine grossartige Kombination!
Und offensichtlich der richtige Festwein!
Dass die Kellerei Kaltern für den Festakt zum 125-Jahr-Jubiläum einen Vernatsch ausschenken liesst, überrascht deshalb nicht. Freilich erreicht diese Sorte inzwischen nur noch rund 13 % der gesamten Rebfläche – aber die Geschichte des Südtiroler Weinbaus basiert sehr stark auf der Vernatsch. Am Anfang der Geschichte der Kellerei waren rund 90 % damit bestockt.

Aber natürlich werden heute auch viele weitere Rebsorten an- und ausgebaut. Nebst dem zweiten roten Südtiroler „Original“ Lagrein sind es auch viele internationale Sorten. Eine Ausnahmeerscheinung ist im Südtirol allerdings auch der Weissburgunder, der hier aussergewöhnliche Qualitäten hervorbringt und beweist, dass Pinot Blanc/Pinot Bianco eine grossartige Sorte ist, wenn sie auf die richtigen Böden und das passende Klima trifft.
Die Quintessenz von 125 Jahren. Und Tre Bicchieri!
Die Paradeline der Kellerei Kaltern heisst Quintessenz. Natürlich ist das eine marketingmässig sehr gute Bezeichnung – sie ist aber auch richtig. Was die Kellerei hier an Qualität hervorbringt, ist bemerkenswert, und auch wenn diese Linie nicht mehr ganz billig ist, so bleibt sie unter Berücksichtigung der Güte doch sehr vernünftig im Preis. Und in diesen Weinen zeigt sich auch, dass „Genossenschaft“ nichts mit Altertümlich oder Verkalkt zu tun hat. So wird ein Teil dieser Weinlinie mit den Naturhefen vergoren und lange auf der Feinhefe liegen gelassen (teils mit Batonnage). Diesen Mut bringen noch längst nicht alle Privatbetriebe auf. Aber das Resultat gibt den Verantwortlichen der Kellerei Kaltern recht. Und die Tre Bicchieri von Gambero Rosso, die dem Vernatsch (Kalterersee Classico Superiore) im Jahrgang 2023 schon zum fünften Mal vergeben wurden, ebenso! Und das für rund 15 Euro!
Die Weissen: Eigenständig, hochklassig und fürs Altern geeignet.
Etwas teurer sind die ebenfalls degustierten Pinot Bianco und Sauvignon. Beides sind Klasseweine; der Weissburgunder beweist, dass das Südtirol eine ideale Gegend für diese Sorte ist, und der Sauvignon schafft es mit seiner eigenständigen Spielart, sich nirgends anzubiedern – die Spontanvergärung bewährt sich. Beide Weine befinden sich zwar in der ersten Trinkreife, weisen aber meines Erachtens ein sehr hohes Lagerpotential auf – es wäre spannend, sie in 10 Jahren nochmals zu probieren!
Degustationsnotizen

Pinot Bianco Quintessenz, Südtirol/Alto Adige DOC, 2022
Helles Zitronengelb; zurückhaltende, aber sehr feine Nase mit fruchtigen Tönen (Apfel, Melone, Stachelbeere) sowie floralen (Kamille, Lindenblüte) und auch kräutrigen Düften, auch mineralische Note; dichter Körper, sehr rund fliessend, frisch und sehr mineralisch, aber auch saftig-fruchtige Komponente, angepasste Säure, eine kleine Prise von sehr feinem Tannin, langer Abgang. Dürfte nach einem oder zwei Jahren sogar noch zulegen. (Hinweis: Der Wein hat eine minimale Spur CO2; ich habe ihn deshalb nach einem Probeglas heftig dekantiert und danach gefiel er mir noch viel besser). 17,5 Punkte.
Sauvignon Quintessenz, Südtirol/Alto Adige DOC, 2022
Helles Gelb; üppige, aber feine Nase (ohne jeden exotischen Einfluss), intensiv Stachelbeere, Holunderblätter und dezent auch -blüten, Brennessel, dazu Feuerstein; im Mund für einen SB sehr kräftig, ausgeprägt mineralisch, frisch, schöne, gut eingebundene, knackige Säure, sehr langer und ganz hinten plötzlich auch noch sehr fruchtiger Abgang. Interessanter, sehr schöner SB, stilistisch irgendwo zwischen Steiermark und Sancerre. 17 Punkte.
Kalterersee Classico Superiore, Südtirol/Alto Adige DOC, 2023 (Vernatsch)
Helles bis mittleres Rubin; unaufdringliche, aber sehr fruchtige Nase nach Erdbeeren, Himbeeren und ausgeprägt Weichselkrischen, dezente florale Noten; im Mund weich und sehr rund fliessend (erinnert an die Konsistenz von Glyzerin), filigran (ohne „dünn“ zu sein), zurückhaltende, sehr feine Tannine, mittlere Säure, sehr langer und ausgeprägt fruchtiger Abgang. Genialer Vernatsch, wer die Feinheit und Filigranität dieser Traubensorte mag, wird diesen Wein lieben. 17,5 Punkte.
Links:
Kellerei Kaltern
(Mit Onlineshop- Es gibt aber auch diverse weitere Bezugsquellen, im Internet problemlos zu finden)
Den Link zum Label Fair’n Green kann ich aus unklaren technischen Gründen nicht direkt einfügen. fairandgreen.com
Und hier der oben erwähnte Link auf das Hotel von Thomas Schuler sowie auf einen früheren Beitrag in meinem Blog:
4 Sterne Hotel in Naturns – Schulerhof
Weine zum Verna(t)schen und eine Weinkarte zum Verlieben! – Victor’s Weinblog
Hinweis auf Korrektur im Beitrag:
* In einer ersten Version stand hier, die WG Mayschoß-Altenahr sei die älteste der Welt. Mein lieber Kollege Rudolf Knoll hat mich indessen darauf aufmerksam gemacht, dass die WG Fellbach bereits 10 Jahre früher gegründet wurde, das aber nicht an die grosse Glocke hängt, weshalb eine Internetsuche zu Mayschoß-Altenahr führt.
Interessennachweis:
Je eine Flasche der drei Weine wurden von der Kellerei Cantina Kaltern zu Degustationszwecken zur Verfügung gestellt.
Richtig ist, dass die Cantina Kaltern – und auch viele andere Weingüter und Genossenschsften Weine von hoher Qualität erzeugen. Richtig ist aber auch dass italienische Weine vielfach überteuert sind. Wenn ich z.B. 40€ für einen Chardonnay zahlen muss erwarte ich auch einen guten Wein! Dafür bekomme ich auch un Burgund einen 1er Cru oder einen hervorragenden Village. Viele südtiroler oder italienische Weibe sind einfach nur überteuert.