Chasse-Spleen: weiss vor rot? Zumindest spannender!

Château Chasse-Spleen, ein bekannter Cru Bourgeois, stellt auch einen weissen Bordeaux her, der sehr gefällt und der durchaus mehr als nur rund 3 % der Produktionsmenge ausmachen dürfte.

Chasse-Spleen – Verteiber der Schwermut*! In meinem Fall könnte man auch sagen, „der Weisse von Chasse-Spleen, Vertreiber des Vorurteils“. Früher, und das heisst in meinem Fall vor 30 Jahren, gehörte das damals von Bernadette Villars geführte Gut zu meinen Lieblingsweinen, von den ganz Grossen einmal abgesehen. Irgendwann fand ich aber, das Château sei im Vergleich mit anderen ein wenig stehen geblieben, und der Wein fand seit dem Jahrgang 2004 keinen Eingang mehr in meinen Keller.

Kürzlich habe ich – einfach aus Neugierde, weil ich den Wein nicht kannte – nun den Weisswein des Châteaux probiert – und ich war begeistert!

Mittleres Gelb, Duft nach weissem Pfirsich, Quitten und Verveine, frisch gemähtes Gras, dezenter, feiner Holzton. Im Mund sehr ausgeglichen, gut eingebundene Säure, frisch, leicher Bitter- und Holzton, kaum spürbarer Alkohol. Sehr langer Abgang. Toller Wein, der auch noch gut reifen dürfte.

Weisswein wird auf Chasse-Spleen schon seit anfangs der 1990-er Jahren produziert, damals wurden rund 2 Hektar mit 65 % Semillon und 35 % Sauvignon blanc bepflanzt. Das Château schreibt selbst auf der Homepage, dass keine Erfahrung mit Weisswein vorhanden war, und dass es Mut brauchte, auf einem „roten“ Terroir, das roter gar nicht sein könnte, auch Weisswein anzubauen. Noch heute sind im Médoc die Weissen äusserst rar (aber fast immer sehr gut, ich denke da nicht nur an Pavillon blanc oder Cos, sondern auch an bezahlbare Gewächse wie etwa Cygne de Fonréaux, vgl. hier:
https://victorswein.blog/2020/02/22/mein-lieber-schwan-le-cygne-weisser-bordeaux-vom-feinsten/
oder du Retout).
Anfangs wurde der Wein nicht vermarktet, sondern auschliesslich in der Familie und von Angestellten genossen. 1995 wurde er erstmals kommerzialisiert, aber noch heute stehen 15’000 produzierte Flaschen rund 500’000 rotem Chasse-Spleen gegenüber. Bloss: Der Weisse kann wirklich überzeugen, das Gut schreibt dazu selbst:
Puis, notre travail et la signature Chasse-Spleen persuadèrent, peu à peu, un nombre croissant d’aficionados. Aujourd’hui, nous affirmons nos techniques, nos aptitudes à la dégustation le long du processus de la plante au vin, et Blanc de Chasse-Spleen tutoie de plus en plus les meilleurs vins blancs bordelais.
Dem ist nichts beizufügen!

Blanc ou rouge? Der Weisse hebt sich zumindest mehr von allen anderen ab!

Das schöne Erlebnis mit dem Weissen hat mich dazu bewogen, noch am gleichen Abend eine der letzten Flaschen an rotem Chasse-Spleen aus dem Keller zu holen, die mir noch bleiben. 2004 war kein Ausnahmejahr, aber der Wein gefiel mir auch, ja, ich war positiv überrascht:

Gereiftes, aber noch präsentes Purpur mit leichten Braunreflexen; in der Nase Leder, Tabak und Dörrpflaumen sowie immer noch etwas Brombeer; im Mund an sich ausgeglichen und rund, allerdings mit einigen Grüntönen und ein klein wenig spröd wirkend. Trotzdem, ein schöner Wein und ein echter Trinkgenuss!

Rot oder Weiss? Die Frage ist aufgrund der beiden verkosteten Jahrgänge natürlich nicht seriös zu beantworten. Trotzdem: Der Weisse von Chasse-Spleen steht bei mir in Zukunft definitiv auf der Einkaufsliste, den Roten werde ich wieder besser verfolgen.

http://www.chasse-spleen.com/#!/home
Der weisse Chasse-Spleen ist trotz kleiner Produktion bei diversen Händlern erhältlich, ich selbst habe ihn ausgerechnet beim „Italiener“ als Einzelflasche zu einer „italienischen“ Bestellung dazu gekauft: https://www.bindella.ch/de/p/weissweine/france/bordeaux/blanc-de-chasse-spleen-16840.html

* nach „Hubrecht Duijker, die guten Weine von Bordeaux“, Müller Verlag, 1980, erhielt das Gut demnach seinen Namen von Lord Byron, der den Aufenthalt 1821 so angenehm fand, dass seine Schwermut vertrieben wurde.
Se non e vero, e ben trovato.

Weedenborn – Weltklasse-Sauvignon blanc aus Rheinhessen!

Sauvignon blanc-Queen! Wer über Gesine Roll vom Weingut Weedenborn recherchiert, stösst sehr schnell auf diesen „Titel“. Und wer ihre Weine probiert spürt schnell, dass er auch verdient ist. Besser kann man Sauvignon blanc – nicht nur in Deutschland – kaum produzieren.

Rheinhessen ist zwar flächenmässig das grösste Weinbaugebiet Deutschlands, galt aber lange Zeit nicht gerade als Qualitätsleader des deutschen Weins, wobei wohl vor allem die unselige „Liebfrauenmilch“ ein schlechtes Image geprägt hat. Diese Zeiten sind längst vorbei. Winzer wie Keller und Wittmann stehen ganz an der Spitze der deutschen Elite, und in Nierstein gibt es herausragende Weinbetriebe gleich im „Multipack“.

Es gibt da aber auch noch das Weingut Weedenborn im rheinhessischen Bergland. Aus Schweizer Sicht löst dieser Ausdruck zwar zuerst eher ein Lächeln aus, liegen doch die höchsten Lagen auf etwas über 300 m über Meer. Und doch liegt dieses Gebiet um 100 bis 200 m höher aus der Rest, was nicht nur eine tolle Weitsicht, sondern auch ein etwas kühleres Klima ergibt. Dass genau diese zusätzliche Frische einer Sorte wie der Sauvignon blanc gut bekommt, veranlasste schon den Vater von Gesine Roll dazu, diese Sorte anzupflanzen, kaum war sie offiziell zugelassen. Zum offensichtlich grossen Talent der heutigen Leiterin des Familienbetriebes kommt also auch Traubenmaterial von Reben in gutem Alter.

Viel mehr über den Betrieb brauche ich hier nicht zu schreiben, das können Sie gerne bei meiner geschätzten Blogger-Kollegin Nicole Korzonnek (Bottled Grapes) nachlesen, es lohnt sich! Den Link finden Sie unten.

Gerne unterstreiche ich bloss noch, dass eine Reduktion des Talentes von Gesine Roll auf den Sauvignon blanc ein Fehler wäre. Ich konnte aus einem Degustationspaket auch einen Chardonnay, einen Weiss- und einen Grauburgunder probieren. Alle drei überzeugen sehr – der Chardonnay (Westhofen 2018) für knapp 13 Euro würde z.B. in jeder Degustation der besten Weine aus dem Mâconnais locker ganz vorne mithalten. Es gäbe noch viel zu entdecken, u.a. Riesling und auch Rotweine – bei meiner nächsten Reise in die Gegend werde ich mich um einen Besuch auf dem Gut bemühen – wetten, dass daraus ein zweiter Beitrag entstehen wird!

Die Weine der „Sauvignon blanc-Queen“:

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Puristische Etiketten, aber mit einer Aussage: Die Linien zeigen das Gelände!

Sauvignon blanc 2019
Helles gelb mit leicht orangen Reflexen; typische Sauvignon-Nase auf der mineralischen Seite, etwas Stachelbeere, Holunderblüte, Feuerstein und sehr dezent tropische Früchte; im Mund sehr fruchtig, schöne, aber nicht übertriebene Säure, aufgrund der Mineralität dicht wirkend. Süffiger, frischer, aber alles andere als harmloser Sauvignon blanc. Ein Gutswein, der andernorts die Spitze darstellte.

Sauvignon blanc Terra Rossa 2018
Mittleres Gelb mit grünem Einschlag; in der Nase elegant-verhalten, Mirabelle, weisser Pfirsich, Steinmehl; im Mund enorm dicht, Mineralität ohne Ende, frisch, Säure und Alkohol in perfektem Gleichgewicht, sehr langer Abgang. Toller, eigenständiger Sauvignon blanc!

Sauvignon blanc Réserve 2017
Mittleres Gelb; in der Nase zwar eher dezent, aber enorm vielschichtig mit Duft nach Aprikosen, Mandeln, Orangen, frischem Bergheu, leichter Holzton; im Mund sehr mineralisch und trotzdem fruchtig, enorme Dichte, elegant, ausgewogen mit fast nicht endendem Abgang. Umwerfend schöner Wein – fast habe ich das Gefühl, eine gelungene Mischung zwischen einem grossen weissen Bordeaux und einem Burgunder im Glas zu haben!

Zum erwähnten Beitrag bei „Bottled Grapes“:

Weingut Weedenborn: Winzerin Gesine Roll aus Monzernheim

Zum Weingut, bestellen kann man hier „nur“ zwei Degustationspakete:
https://www.weedenborn.de/

Dafür sind viele der Weine hier erhältlich (Lieferung nur in Deutschland):
https://wirwinzer.de/weinregionen/rheinhessen/weingut-weedenborn

Cantina Barbengo: Grossartige Weissweine aus dem Tessin!

Was die Cantina Barbengo an Weissweinen zu vernünftigen Preisen auf dem Markt bringt, ist ganz einfach sensationell! Klare Handschrift, total sortentypisch – Freude pur!

Eigentlich hatte ich „nur“ vor, den neuen Piwi-Wein „INK“ der Cantina Barbengo zu bestellen, um ihn beurteilen zu können – und der war vorzüglich, vgl. hier:
https://victorswein.blog/2020/04/18/91-26-26-ein-piwi-wein-wie-ein-6-er-im-lotto/

Aber ein Weinfreund tut sich ja immer schwer damit, beim Bestellen Zurückhaltung zu üben. Und weil ich die Weissen des Gutes nicht kannte, habe ich je eine Flasche dazubestellt. Eigentlich hatte ich nicht die Absicht, einen Blogbeitrag daraus zu machen, und deshalb habe ich von den ersten beiden geöffneten Flaschen auch keine Degustationsnotiz erstellt. Ich habe sie einfach nur sehr gerne getrunken! Nach dem Genuss aller vier Weine war für mich aber klar, dass das einen Beitrag geben muss – die sind einfach zu gut!

Nicht nur die Etiketten haben eine klare Handschrift. Auch, und vor allem, der Inhalt zeigt, dass die Cantina Barbengo unglaublich gute Weisse herstellt!

Das Tessin war ja nicht gerade als Weisswein-Paradies bekannt. Allerdings haben gerade führende Weingüter schon länger auch versucht, in dieser Hinsicht aufzuholen, und es gibt inzwischen einige sehr bemerkenswerte Gewächse (schon fast ein Klasssiker ist zum Beispiel der Chardonnay „Velabona“ von Zündel, um, etwas unfair, einfach einen Wein dazu zu nennen).

Das Gesamtsortiment der Cantina Barbengo von Anna Barbara von der Crone und Paolo Visini toppt aber nach meiner Meinung nun alles was ich kenne: Ein so ausgewogenes, hochklassiges „Weinpaket“ zu Preisen, die noch bezahlbar sind (zwischen Fr. 21.00 und 24.00) muss man weit suchen.

Klare Handschrift, enorme Sortentypizität: Weissweinland Tessin?!

Was vor allem auffällt ist, dass die Weine zwar mit einer klaren Handschrift der Cantina daherkommen: Es dominiert die Finesse, Opulenz gibt es in keinem der Weine, vielmehr wirken alle, so dicht und kräftig sie teils auch daherkommen, als trinke man reines Quellwasser (und das ist jetzt nur als Kompliment gemeint, die Weine sind keinesfalls dünn wie Wasser, im Gegenteil, aber sie haben alle eine Frische, die unwillkürlich an Wasser direkt ab Bergquelle denken lässt).

Und trotzdem gelingt der Cantina Barbengo sozusagen die „Quadratur des Kreises“. Trotz klarer Handschrift der Winzerin bzw. des Winzers habe ich selten ein Sortiment degustiert, das so sehr die Sorte in ihrer Eigenart leben lässt. Alle vier Weine könnten ohne Weiteres in einer „Sortendegustation“ als sehr typisches Beispiel für ihre jeweilige Rebsorte dienen.

Kerner 2019:
Ausgeprägte Fruchtigkeit und Frische, knackige Säure, schöne Struktur. Der Wein wird aufgrund seiner knochentrockenen Art und der spürbaren Säure vermutlich nicht jedermann gefallen; für mich ist es ein Prototyp eines hervorragenden Kerner, vielleicht der beste, den ich je im Glas hatte!

Matto 2019 (Sauvignon blanc)
„Matto regiert“, kommt einem da unwillkürlich positiv in den Sinn: Typische grüne Sauvignon-Aromen, ohne den geringsten exotischen Einschlag, klar, direkt, aber auch dicht und kraftvoll: ein Wurf!

Meridio 2018 (Chardonnay)
Ein Chardonnay wie aus dem Bilderbuch, irgendwo zwischen Côte d’Or und Chablis, mit enormer Frische, aber auch mit Struktur und Länge! Zu diesem Preis kenne ich keinen besseren Chardonnay! (Ich ganz persönlich würde mir einzig eine um Nuancen zurückhaltendere Toastung des Holzes wünschen, aber vermutlich wirkt das in zwei bis drei Jahren ohnehin ganz anders, und das ist nur mein persönlicher Geschmack, die Toastung ist nicht übertrieben). Eigentlich nur logisch, dass dieser Wein 91 Parker-Punkte erhalten hat!

Viognier 2018
Dass es möglich ist, in der Schweiz einen Viognier dieser Qualität herzustellen, hätte ich nicht geglaubt. Das ist Rhonetal pur, die klassischen Düfte (Aprikosen etc.) in der Nase, die gleiche Dichte bei gleichzeitiger Frische und Säure, und alles abgerundet mit einem sehr zurückhaltenden, genialen Touch an Restsüsse. Diesen Wein würde kein Kenner degustieren, ohne ihn als Rhonewein zu deklarieren. Grosse Klasse!

Die „Bordeaux-Weine“ der Cantina kannte ich seit Langem, und die habe ich immer hoch geschätzt. Die Weissen habe ich eben erst kennengelernt – das könnte so etwas wie eine neue Weinliebe werden!

http://www.cantinabarbengo.ch/

Mein lieber Schwan! „Le Cygne“, weisser Bordeaux vom Feinsten!

Weisse Bordeaux sind entweder gut und sündhaft teuer oder dünn und nichtssagend! Diese bösartige Aussage eines Freundes hat etwas für sich – aber es gibt Ausnahmen, welche die Regel bestätigen. Eine besonders schöne: „Le Cygne“ von Château Fonréaud!

Natürlich war mir Château Fonréaud ein Begriff. Dieses Gut, ein Cru Bourgeois aus Listrac, etwas im Landesinnern und abseits der berühmten Châteaux des Bordelais in Listrac gelegen, kannte ich als verlässliches, aber auch selten grosses Gut für rote Bordeaux (was sich übrigens in den letzten Jahren auch geändert hat, die Roten von Fonréaud haben enorm zugelegt!).

Was mir aber vor bald einem Jahrzehnt im „Relais de Margaux“, einem sehr guten Hotel-Restaurant mit Blick auf Château Margaux empfohlen wurde, war ein bezahlbarer weisser Wein von Fonréaud, genannt „Le Cygne“. Es war sozusagen Liebe auf den ersten Blick, und seither kaufe ich diesen Wein regelmässig. Es ist ein begeisternd frischer, fruchtiger und dichter weisser Bordeaux zu einem vernünftigen Preis. Als Unterschied zu den ganz grossen Weinen war ich immer überzeugt, dass der „Cygne“ früh getrunken werden sollte, weil er vor allem von seiner Frische lebt.

Heute nun habe ich die letzte Flasche des Jahrgangs 2015 geöffnet: Und plötzlich bin ich nicht mehr sicher, ob dieser tolle Wein nicht auch ganz viel Alterungspotential hat. Zu früh getrunken habe ich die anderen Flaschen auf jeden Fall!

Toller weisser Bordeaux zu bezahlbarem Preis (ca. Fr. 25.00): eine wirkliche Trouvaille!

Helles Gelb mit Grünreflexen; in der Nase frisch geschnittenes Gras, Gewürznelken und Korianderkörner, dezenter Anflug von Ananas, Mango und Limetten, ohne exotisch zu wirken, ebenso dezenter Anflug von Holz in Form von Vanille; enorme Frische, spürbarer Süsskomplex (nicht zu verwechseln mit süss!) ohne jede Opulenz, enorm langer Abgang! Grandioser Wein!

Der weisse Schwan – sorry, der weisse Fonréaud – wird aus 60 % Sauvignon blanc, 25 % Semillon und 15 % Muscadelle komponiert. Immerhin 3 Hektar des Gutes sind mit diesen weissen Sorten bepflanzt. Eine echte Trouvaille aus dem Bordelais!

vignobles-chanfreau.com

Die jungen Wilden. Nur halb so wild, dafür total gut!

Junge Schweiz – neue Winzer. So heisst eine Vereinigung, der sich unter 40-jährige Winzerinnen und Winzer anschliessen können. Am „Swiss Wine Tasting“ traten sie kürzlich mit je zwei Weinen auf – und überzeugten auf der ganzen Linie.

„Die jungen Wilden“, so wurde der Gemeinschaftsstand im Katalog bezeichnet. Der Titel war nicht ganz richtig, genau wie die räumliche Platzierung der Gruppe in einer engen Nische – die acht teilnehmenden Weingüter hätten einen besseren Platz verdient.
Wobei acht eigentlich ohnehin die falsche Zahl ist, denn mit Johann-Baptista von Tscharner, Patrick Adank, Martin Wolfer, Robin Haug, Alain Schwarzenbach, Susi Steiger-Wehrli, Fabrice und Stéphane Simonet, Marylène und Louis Bovard-Chervet, Martin Porret sowie Jonas Huber waren zehn weitere Güter am Anlass vertreten – aber eben einfach nicht am Gemeinschaftsstand, sondern im grossen Saal und somit unter der Gilde der etablierten Güter (bzw. an prominenteren Sonderstand „Zürisee“ im Falle von Schwarzenbach).
Um auf den eigentlich verdienten besseren Platz zurückzukommen: Alle acht Jungwinzerinnen und -winzer am „Katzentisch“ halten qualitativ ohne Weiteres mit den grossen Weingütern mit. Deshalb stellt sich schon die Frage, ob sie künftig nicht einfach in die Ausstellung gehörten und dort allenfalls als Mitglied von „Junge Schweiz – neue Winzer“ gekennzeichnet werden könnten.

Dezent in der Beschriftung, gross im Auftritt: die jungen Winzerinnen und Winzer (hier das Eingangstor zur Cave Caloz in Miège).

Wie auch immer: Was die acht am Gemeinschaftsstand vertretenen Güter zeigten, ist Spitzenklasse:

Bechtel-Weine, Eglisau, Mathias Bechtel
Ein holzbetonter, aber schöner Chardonnay 2017 und ein herrlicher Pinot noir 2017, mit dem Bechtel zeigt, dass er während seiner Jahre als Kellermeister von Pircher viel Pinot-Klasse verinnerlicht, sich aber gleichzeitig auch mit einem etwas weniger filigranen Stil emanzipiert hat.

Schott-Weine, Twann, Anne-Claire Schott
Spannender, dichter, aber auch etwas gewöhnungsbedürftiger „Blanc orange“ 2018 aus vier Traubensorten und ein charaktervoller, kräftiger Pinot noir 2018 (Mon vieux Pinot noir) ohne Schwefelzugabe.

Javet + Javet, Lugnorre, Etienne Javet
Ein filigraner Pinot noir 2017 (aimetere de la Chamba) und ein unglaublich gehaltvoller und frischer „orange Chasselas“ 2018 (Or du temps) – orange wine vom Feinsten!

Cave de l’Orlaya, Fully, Mathilde Roux
Ein Bilderbuch-Gamay 2017 (vieilles vignes), fruchtig und mit Tiefe sowie ein schöner Petite Arvine 2018, der mir persönlich ohne die – freilich dezente – Restsüsse noch besser gemundet hätte.

Cave Corbassière, Saillon, Nicolas Cheseaux
Herausragender, frischer und fruchtiger Petite Arvine 2017 (Saillon Grand Cru) mit Tiefgang und der wohl beste Diolinoir (2016), den ich je gekostet habe und der zeigt, was in dieser Sorte steckt: dicht und gleichzeitig elegant, fruchtig, würzig und mit einer unglaubliche Frische (ohne Schwefelzusatz!).

Sélection Comby, Chamoson, Yann Comby
Ein sehr schöner, salzbenonter Petite Arvine 2018 (La Tsoume) und ein typischer Cornalin 2018 (La Crête) mit Potential.

Cave Caloz, Miège, Sandrine Caloz
Sehr schöner Marsanne Blanche 2018 (Vieilles Vignes Les Clives) mit Restsüsse und ein ungemein saftiger, fruchtiger, mit viel Tannin unterlegter, herrlicher Humagne Rouge 2018 (Les Bernunes).

Weingut Cipolla, Raron, Romain Cipolla
Ein saftiger, sortentypischer und für Walliser Verhältnisse sehr frischer Sauvignon blanc 2018 (Heidnischbiel) und ein schöner, zarter Pinot noir 2018 (Bieltin), der mit ein bisschen mehr Säure noch bemerkenswerter wäre.

16 präsentierte Weine, keine einzige Enttäuschung, sieben absolute Spitzenweine und ein ganz generell sehr hohes Niveau: Genial, was die Jungen hier zeigten. So wild, wie sie benannt wurden, sind sie aber nicht. Wohl suchen sie teils neue Wege – Anne-Claire Schott wäre da vorab zu nennen -, aber letztlich sind es einfach aussergewöhnliche Winzer(innen)-Talente, die beim nächsten Mal definitiv allesamt mit in die Präsentation der Etablierten gehören.

Nicolas Cheseaux – Primus inter pares?
Auch wenn es etwas unfair ist, dann hebe ich jetzt trotz allem einen Winzer besonders hervor: Nicolas Cheseaux von der Cave Corbassière. Die beiden präsentierten Weine waren eindrücklich, aber ich konnte bei ihm auch schon mal das ganze Sortiment probieren und empfehle Ihnen, sich diesen Namen speziell zu merken: hier zeigt sich das Talent eines Spitzenwinzers, der das Zeug hat, international für Furore zu sorgen.

Nicolas Cheseaux, Cave Corbassière, Saillon: Merken Sie sich alle Namen der jungen Winzer, und diesen ganz besonders!
http://www.corbassiere.ch/

Hier der Verweis auf die Homepage von „Junge Schweiz – neue Winzer“. Die Links zu den einzelnen Mitgliedern finden Sie auf dieser Seite unter „Winzer“.

https://www.jsnw.ch/home/

Sauvignon blanc mit Wiener Schmäh: hervorragend!

Ein total frischer Sauvignon blanc mit Jahrgang 2012 aus der Thermenregion hat mich begeistert. Georg und Helene Nigl schaffen am Südrand von Wien natürlich, unkonventionell – und hervorragend.

Es geht nichts über das Entdecken neuer Weine! Deshalb kaufe ich immer wieder Einzelflaschen von mir unbekannten Winzern, was den eigenen Weinhorizont erweitert. Und manchmal ergeben sich daraus auch echte Entdeckungen – so dass ich dann mehr als nur Einzelflaschen nachbestelle.

Ein aktuelles Beispiel ist der Sauvignon blanc „Haspel“ vom Weingut Nigl aus Perchtoldsdorf in der Thermenregion/Wienerwald, am Stadtrand von Wien. Ich hatte den Wein online eher zufällig und unachtsam bestellt. Ich leiste uns eine Flasche „Bollinger RD“ zu Weihnachten (man gönnt sich ja sonst nichts), und um das 6er-Paket voll zu machen, fehlte am Schluss noch eine Flasche. Da fand ich, einen Sauvignon blanc aus der Thermenregion zu probieren, wäre ja interessant.

Spannend war das dann tatsächlich. Denn ich hatte peinlicherweise übersehen, dass es sich um einen älteren Wein aus dem Jahrgang 2012 handelt. Schliesslich entpuppte sich das aber als Glücksfall: Der Sauvignon blanc Haspel ist heute noch unglaublich frisch und jugendlich, ausser Kennern dieses Weines dürfte blind niemand auf einen 7-jährigen Wein tippen. Aber er ist nicht nur frisch, er ist einfach wunderbar:

Mittleres Gelb; intensive und vielschichtige Nase, Kräuter, Brennesseln, Aprikosen, Steinmehl, leichter Rauchton. Im Mund mit schöner Säure und unglaublicher Frische, leichter, schöner Bitterton, trocken aber rund wirkend, langer Abgang. Wunderschöner, ausdrucksstarker und eigenständiger Wein!

Ich wusste beim Probieren, dass es sich um einen Sauvignon blanc handelt, und auf der Flasche ist auch vermerkt, dass er mit Wildhefen vergoren wurde. Totzdem war ich überrascht: Dieser Wein hat nebst der schon fast unglaublichen Jugendlichkeit auch einen ganz eigenen Ausdruck, er ist weit entfernt von den vordergründigen, exotischen Sauvignons dieser Welt. Er hat Charakter, Tiefe und Eigenständigkeit. Und ich dachte: Das müsste eigentlich ein Wein aus biodynamischem Anbau sein. Je länger, je mehr bilde ich mir ein, dass solche Weine anders, vielleicht weniger geschliffen, rustikaler, dafür um so tiefgründiger auftreten.

Und diesmal lag ich auch richtig. Auf der Flasche ist absolut nichts vermerkt, aber ein Besuch auf der Homepage des Gutes bestätigt den Eindruck. Aber lesen Sie selbst:

http://www.nigl.com

https://www.selection-schwander.ch/online-shop/gesamtes-sortiment/sauvignon-blanc-haspel-weingut-georg-nigl-weiss-2012.html?bfilter=f1:1;f2:52,82;

Weltklasse aus der Schweiz: nächste Folge mit Irène Grünenfelder.

Meinen letzten Blog-Beitrag hatte ich auf Facebook mit der Einleitung gepostet: „Wann merkt endlich der letzte Weinfreund, dass Schweizer Weine Weltklasse sein können“? An den dort beschriebenen, famosen Montagna Magica von Hubervini schliesst heute nahtlos ein Sauvignon blanc 2015 an.

Auch eine sehr geschmackvolle Etikette. Die einzelnen Weine unterscheiden sich durch die Farbe. Grün wird für den Sauvignon blanc verwendet.

Die Produzentin Irène Grünenfelder aus Jenins in der Bündner Herrschaft näher vorzustellen, ist kaum notwendig, obgleich mir scheint, dass sie in Sachen Berichterstattung immer ein wenig im Schatten von Gantenbein (vor allem), Fromm, Studach und neuerdings auch Möhr-Niggli und wieder Donatsch steht. Dabei begegnen ihre Weine den vorgenannten absolut auf Augenhöhe! Ich erinnere mich an drei Degustationen mit mehr als einem Dutzend der führenden Schweizer Pinots der Jahrgänge 2006, 2009 und 2012 – immer war der „Eichholz“ von Irène Grünenfelder unter den ersten drei platziert. Sie hat – als Autodidaktin notabene – mit ihrem roten Spitzenwein auch einen absolut eigenständigen Stil gefunden. Immer wohltuend zurückhaltend im Holz, dicht und trotzdem elegant, fruchtbetont und irgendwie einfach sinnlich – nicht anbiedernd am Burgund, aber auch nicht bieder wie ein durchschnittlicher Schweizer Barrique-Pinot. Und das Schönste daran: Die Preise sind, im Gegensatz zu jenen der Pinots anderer Spitzenwinzer, auf freilich für Schweizer Verhältnisse hohem Niveau anständig stabil geblieben.

Aber auch die Weissweine von Irène Grünenfelder sind bemerkenswert. Den Chardonnay kann ich zu wenig beurteilen, ich habe da erst zwei Jahrgänge probiert, und da spürte man noch etwas das jugendliche Alter der Reben und ein Abtasten beim Holzeinsatz, aber der Stil lässt grundsätzlich Grosses erahnen. Beim Pinot blanc zeigt sie, welches Potential diese Rebsorte eigentlich hat – und mit dem Sauvignon blanc bewegt sie sich seit Jahren an der Schweizer Spitze. Mit dem 2015er hat sie meines Erachtens sogar einen Wein gekeltert, der auch im internationalen Vergleich ganz vorne steht. Da ist nichts von „billigen“, exotischen Aromen und von einfacher Süffigkeit. Vielmehr besticht der Wein durch eine dezente, zurückhaltende aber doch präsente Frucht und vor allem durch eine unglaubliche Frische und Mineralität. Dieser Sauvignon ist begeisternd und braucht keinen Vergleich mit den Weltbesten zu scheuen! Und mit 30 Franken ist er zwar nicht billig, aber der Qualität angemessen sehr anständig.


Helles Gelb; eher zurückhaltend mit Anflügen von Mandarine, Lychee und Mirabellen, schon in der Nase mineralisch wirkend; im Mund mit einer unglaublichen Frische trotz relativ mässiger Säure, obwohl wirklich trocken mit einem Anflug von „Süsse“, dicht gewoben, unglaubliche Mineralität, langer Abgang. Ein Traumwein!

Wann wohl merkt endlich der letzte Weinfreund, das Schweizer Weine Weltklasse sein können? Dieser Sauvignon gehört sicher zu den leuchtenden Beispielen. Schade nur, dass ich eben die letzte Flasche aus meinem Keller geholt habe – wie so oft, habe ich die anderen einfach zu früh geöffnet (wobei sie auch damals sehr gut waren).

Blick auf die Bündner Herrschaft, im Vordergrund Malans, in der Mitte rechts Jenins und rot eingezeichnet, unterhalb von Jenins, der Standort des Weingutes Eichholz.


https://www.eichholz-weine.ch/

Reiner Duft nach Holunderblüten – aus dem Supermarkt!

Nein, die Rede ist nicht vom neusten Waschmittel. Holunderblüten passen zu einem Sauvignon blanc – und der beschriebene Wein stammt aus Sancerre.

Ich hatte mich in diesem Blog auch schon über das Weinbuch „Weinseller“ mokiert, in dem Weine aus dem Supermarkt bewertet werden. Meine Kritik galt vor allem den unseriös hohen Punktezahlen. Vgl. hier:
https://victorswein.blog/2018/03/18/wenn-ein-15-punkte-wein-ploetzlich-1825-erreicht/

Aber auch ich kaufe durchaus Weine beim Grossverteiler. So kürzlich bei Coop einen Dézalay von Bovard, der alle Vorurteile gegenüber Chasselas-Weinen widerlegt. Oder eben seit mehreren Jahren in der Migros immer wieder den Sancerre Cuvée Prestige der Domaine Raimbault-Pineau. (Sorry, der Wein stammt natürlich nicht aus der Migros, die keinen Alkohol verkauft, sondern von der „alkoholhaltigen“ Tochter Denner).

Dieser Wein, der sich auf der Homepage des Gutes nicht findet und offenbar speziell für Denner abgefüllt wird, stammt von der Domaine Raimbault-Pineau aus Sury-en-Vaux, rund 5 Kilometer von Sancerre entfernt. Sancerre ist (abgesehen von den roten Pinots, die eine immer beachtlichere Qualität erreichen) schon fast ein Synonym für Sauvignon blanc. Und wer an Sauvignon denkt, erinnert sich automatisch an Holunderduft. Dieser Sancerre ist aber diesbezüglich absolut aussergewöhnlich: Noch nie habe ich einen so intensiven, reintönigen Duft nach Holunderblüten erlebt wie hier:

Blasses Gelb; aussergewöhnlich intensiver Holunderblütenduft, etwas Quitten und grünes Gras; Bestätigung der Aromen von Holunderblüte und Quitte im Mund, schöne, erfrischende Säure, leichte, schöne Bitternote, dicht, spürbarer „Süsskomplex“ (nicht Süsse!), der für eine schöne Ausgewogenheit sorgt. Erfreulicher, süffiger Wein, der durchaus auch Tiefgang hat und es mit sehr vielen der renommierten Sancerres ohne Weiteres aufnimmt!

Wunderschöne Weinlandschaft, tolle Weine: Sancerre.
Oder auch so: An den Hängen Sauvignon-Trauben (und etwas Pinot noir), in der Ebene Korn.

Wie erwähnt, ich kaufe diesen Sancerre seit Jahren, und er macht in jedem Jahr Freude, auch wenn die verschiedenen Jahrgänge, was ich bei einem „Supermarktwein“ besonders positiv werte, durchaus verschieden ausfallen (generell mag ich die nicht so opulenten fast lieber). Nimmt man den Preis – rund Fr. 15.00 – als Massstab dazu, dann wird der Wein noch erfreulicher.

Wirklich erstaunlich ist aber, dass dieser Sancerre im eingangs erwähnten Weinseller keinen Eingang gefunden hat. Wer immer für die Auswahl verantwortlich war – ob Denner selbst oder Chandra Kurt – hat einen groben Fehler begangen: Dieser Sancerre wäre ein Kandidat für mindestens 19 Punkte! Nur im Weinseller, wohlverstanden! (Ich verteile hier bisher ja bewusst keine Punkte, würde ihm aber deren 16 vergeben, was „sehr guter Wein“ bedeutete).

https://www.raimbault-pineau-sancerre.fr/
In fast allen Denner-Filialen oder:
https://www.denner.ch/de/shop/wein/sancerre-aoc-cuvee-prestige-raimbault-pineau-75-050522.html

Bemerkenswert

Mutiger Gemeinderat als Geburtshelfer: 25 Jahre Markus Weber auf dem „Turmgut“!

Bürokratisch, stur und ohne Innovationskraft. Das sind so Attribute, mit welchen auch heute noch eine Gemeinde oft beurteilt wird. Völlig zu unrecht, und zwar schon seit einem Vierteljahrhundert, wie das Beispiel des Turmgutes in Erlenbach zeigt!

Das Turmgut mit seinen Reben in Erlenbach: einzigartig am Zürichsee!

Es war Ende der 1990er Jahre, und wir waren bei Freunden in Erlenbach am Zürichsee zu Gast. Das war die Zeit, als erste Schweizer Winzer auch tollen Pinot noir (oder eben Blauburgunder) produzierten – aber am „Zürisee“? Ich hatte zuvor während einem Jahrzehnt mit diesen Freunden zusammen die Firstclass-Weinkarte der Swissair produziert, und so war zu erwarten, dass sie einen guten Wein servierten. Er war auch gut – sehr gut sogar – aber er wurde blind serviert. Ich fand ihn toll, ein Pinot ohne Zweifel, aber woher nur? Sicher nicht vom „Zürisee“! Falsch: Der Wein stammte vom Turmgut in Erlenbach, produziert von dem mir damals völlig unbekannten Jungwinzer Markus Weber.

Inzwischen ist dieses Weingut eine „Institution“ und ein Betrieb, der seit nunmehr 20 Jahren zeigt, dass biologischer Weinbau auch in unseren Breitengraden erfolgreich betrieben werden kann.

Ich hatte kürzlich die Gelegenheit, an einer kleinen Degustation mit Markus Weber teilzunehmen – und ihm dabei erstmals überhaupt persönlich zu begegnen: Ein total spannender Gastgeber, extrovertiert, aber nie ein „Plauderi“; ein Mann, der weiss, wovon er in Sachen Wein spricht (das Thema war fast kein anderes, er wäre garantiert auch sonst ein spannender Gesprächspartner), und ein Mann, der weiss, was er kann – aber auch, was er nicht kann. Einfach rundum sympathisch!

Markus Weber, der engagierte Biowinzer des Turmgutes.

Und die Weine heute: Den Pinot noir „Valeria“ 2017 fand ich etwas holzgeprägt, aber das wird sich wohl nach wenigen Jahren noch geben. Der Wein ist ungemein ausdrucksvoll, mit einer – trotz Holz – schönen Frucht und mit einer Struktur, die eine schöne Zukunft prognostizieren lässt. Der Müller-Thurgau – bei Weber immer noch „Riesling Sylvaner“ genannt – weit über dem, was man von dieser Sorte so erwarten kann. Und der (anderweitig degustierte) Räuschling genau das, was diese Sorte vom Zürichsee so faszinierend macht. Absolut begeistert hat mich der Sauvignon blanc 2017: welch geniale Ausdrucksweise dieser Rebsorte! Dieser Wein scheint geradezu zu „fibrieren“, er vereint alle (auch, aber eben gerade nicht nur, vordergründigen) Düfte, die einen Sauvignon ausmachen, und er weist im Mund eine Fülle bei gleichzeitiger Frische aus, die wundervoll ist. Das ist Weltklasse, und ich stelle ihn in der Schweiz auf die höchste Stufe, zusammen mit den Sauvignons von Marco Casanova und Irene Grünenfelder! (Spannend: Weber und Casanova arbeiten biologisch, und Grünenfelder ist in Umstellung!)

Dem Raumplanungsgesetz sei Dank!

Die Geschichte ist aber mit einem kurzen Eingehen auf die heutigen Weine nicht zu Ende – im Gegenteil, sie beginnt im Jahr 1994 – oder eigentlich noch früher, 1986. Damals unterstellte der Kanton Zürich den Rebberg des Turmgutes in Erlenbach, das sich damals in Privatbesitz befand, einer „regionalen Freihaltezone“, was bedeutete, dass in diesem Bereich nicht gebaut werden durfte (sonst gäbe es heute an diesem Hang mit Sicherheit keine Reben mehr, sondern Villen – dem Raumplanungsgesetz des Bundes, welches diesen Eingriff erst möglich machte, sei Dank!). Das Bundesgericht urteilte Jahre später, dass dieser Entscheid keine „materielle Einteignung“ darstelle und somit nicht entschädigungspflichtig sei. Der Eigentümer pochte darauf auf dem sogenannten „Heimschlagsrecht“, was zur Folge hatte, dass der Rebberg zuerst, zum Schätzpreis als Rebland, an den Kanton Zürich fiel, welcher seinerseits das Land der Gemeinde Erlenbach übergab.

Pachtantritt am 15.11.1994: Diesen November feiert Markus Weber sein 25-jähriges Jubiläum

Der Gemeinderat Erlenbach suchte deshalb einen Pächter für die Reben und bewies sehr viel Mut – und aus heutiger Sicht Weitsicht! Die Turmgutreben wurden an den damals erst 26-jährigen Markus Weber verpachtet, der zuvor noch nie einen Betrieb geführt hatte und der zum Zeitpunkt der Ausschreibung erst noch in Australien weilte. Weber hatte aber das Glück, gleichzeitig noch weitere Rebanlagen übernehmen und die Weine vorerst bei einem anderen Weinbauern keltern zu dürfen.

Ausschnitt aus der Lokalzeitung von Mitte September 1994 – mit dem jungen Markus Weber als Newcomer.

Das Ganze war ein unglaubliches Wagnis. Nicht nur für die Gemeinde Erlenbach, deren Gemeinderat Innovationsgeist bewies, sondern auch für Markus Weber. Die NZZ berichtete am 19.1994 dazu Folgendes: „Markus Weber steht ein gerütteltes Mass an Arbeit bevor. Die Turmreben sind schlecht erschlossen, teilweise stark überaltert, die Hälfte der Weinstöcke sind immer noch an Stickeln befestigt, und der ganze Rebberg ist unterassiert und somit nur von Hand zu bearbeiten. Die rund 2,2 Hektar Rebfläche bieten eine insgesamt eher schmale Existenzgrundlage.“

Nun, die Reben wurden inzwischen (von der Gemeinde) terrassiert, und Markus Weber kann im November des laufenden Jahres als erfolgreicher Winzer sein Vierteljahrhundert-Jubiläum feiern!

Die Schaffenskraft von Weber hat zusammen mit der Weitsicht der Gemeindebehörden zu einem Vorzeige-Projekt im Rebbau geführt. Auch wenn es sachlich nicht ganz korrekt ist: Vielleicht wurde der Ausdruck „privat-public-partnership“ in Erlenbach erfunden!

http://www.turmgut.ch
Und der Link zur Gemeinde, die heute noch innovativ und sympathisch ist:
http://www.erlenbach.ch