Domaine Léandre-Chevalier: Die letzten Weine von der Insel. Und ein herrlicher Weisswein voller Rätsel.

Kürzlich durfte ich einen Weisswein der Domaine Léandre-Chevalier geniessen, von dem ich behaupte, dass ein Weingenie ist wer errät, aus welcher Traubensorte er gekeltert wurde (und blind, woher er kommt). Der Wein ist noch erhältlich, genau wie die letzten Rotweine des „Insel-Abenteuers“ des Dominique Léandre-Chevalier!

Das Gut liegt mir, seit ich vor ein paar Jahren die ersten Weine probiert und „Pferdemann“ Dominique kennengelernt habe, am Herzen. Mehrfach habe ich in meinem Blog schon über die Domaine Léandre-Chevalier geschrieben, zuletzt über die wundersame Wiederauferstehung dank des Kaufs durch den Schweizer „Pferdemann“ Reto Erdin:
Domaine Léandre Chevalier: Die märchenhafte Rettung eines Ausnahmegutes in Bordeaux! – Victor’s Weinblog

Aus der „Vor-Konkurs-Phase“ gibt es auf dem Markt noch einige Weine, u.a. bei der Weinhandlung Gerstl. Der neue Besitzer des Gutes, Reto Erdin, hat aber mit dem Kauf auch noch einige spannende Weine übernehmen können, die nun auf der Website des Gutes angeboten werden. Zwei davon wird es leider nie mehr geben, denn auf die Herstellung der „Insel-Weine“ (vgl. Infos unter dem Link oben) muss aufgrund des ungewöhnlichen Aufwandes künftig verzichtet werden. Es gibt aber noch ein paar Flaschen aus den Jahrgängen 2014 und 2016, die als echte Raritäten jetzt erhältlich sind. Beide Weine, sowohl die im Holz ausgebaute Variante „Bois flotté“ als auch der im Stahltank produzierte „Equinoxe“ sind zwar keine wirklich grossen Bordeaux. Aber beide sind auf ihre Art aussergewöhnlich, vielschichtig und spannend, und angesichts des bescheidenen Preises auf jeden Fall eine Empfehlung wert. Beide sind trinkreif, werden sich aver noch lange halten, und während der „Bois flotté“ eher auf der filigranen Seite punktet, überrascht der „Equinoxe“ mit mit seiner druckvollen, an einen Rhônewein erinnernden Art:

Das schwarze Schaf des Bordelais. Diese Rücketikette der „Inselweine“ brachte DCL nicht nur Freunde ein – und sogar eine juristische Auseinandersetzung … (mit wem auch immer 🙂 )

Bois flotté, AOC Bordeaux, 2014 (angebaut auf der Gironde-Insel Patiras)
Dunkles, fast ins Violett kippendes Rot; dunkle Früchte (Heidelbeer, Brombeer), würzig, etwas Kaffee. Im Mund schöne Säure, feine, aber zurückhaltende Tannine, kaum spürbarer Alkohol, eher schlanker, filigraner Wein, mittlerer Abgang. 16 Punkte (= am oberen Ende gut).

Equinoxe, AOC Bordeaux, 2016, (angebaut auf der Gironde-Insel Patiras)
Dunkles Rubin; Duft nach Casssis und Brombeeren, aber auch helle Fruchtnoten, würzig mit Thymian und Oregano; im Mund rund und „saftig“, spürbare Säure und Tannine, enorme Frische, im mittleren Abgang etwas Alkohol merkbar. Spannender Wein, den ich blind für einen gelungenen Grenache aus Gigondas gehalten hätte (dabei besteht er aus 90 % Merlot)! 16 Punkte, und je länger ich den Wein genossen habe, wohl sogar mehr. Unglaublich viel Wein für nicht einmal CHF 15.00.

Ein Weisswein zum Rätseln
Nebst den „Inselweinen“ finden sich auch noch einige wenige weitere Tropfen von der eigentlichen, und nun erfreulicherweise geretteten Domaine Léandre Chevalier aus den Côtes de Blaye selbst im Angebot. Dabei ein rätselhafter Weisswein, der nur die Herkunft „Vin de France“ tragen darf. Was denken Sie, wenn Sie die nachfolgende Degustationsnotiz lesen? Um welche Traubensorte handelt es sich?

Parole à mon père, („Vin de France“), 2015
Mittleres Gelb, dezenter Duft nach Birne, weissem Pfirsich und Quitte, leichter Holzton mit Vanille-Touch; im Mund äusserst elegant und gleichzeit sehr dicht, Alkohol kaum spürbar, dafür ein wenig Tannin, eher tiefe Säure, aber trotzdem sehr frisch wirkend, sehr langer Abgang. Toller, spannungsvoller Wein, der entfernt an einen weissen Burgunder erinnert. 17 Punkte (= sehr gut).

Sauvignon blanc kann es nicht sein, dafür hat er zu wenig Säure und die „falschen“ Düfte. Semillon erst recht nicht, da sind die Düfte und Aromen viel zu weit weg. Was dann? Hat ja jemand im Bordelais Chardonnay angepflanzt? Oder vielleicht gar Marsanne? Oder? Oder?

Reto Erdin hatte mir bei unserem Treffen den Wein zur Begrüssung gereicht. Ich hatte absolut keine Ahnung, auf was ich tippen soll, ich wusste nur, dass das ein toller Wein ist. Und die Auflösung ist schon sehr aussergewöhnlich, ja – mit etwas Enthusiasmus – sogar sensationell: Es handelt sich um einen weiss gekelterten Cabernet-Sauvignon, der den biologischen Säureabbau gemacht hat!

Hommage an den viel zu früh gestorbenen Vater: DLC lässt ihn durch einen genialen und ganz speziellen Weisswein nochmals sprechen!

Dominique Léandre-Chevalier nannte diesen weissen Cabernet „Parole à mon père“. Dazu muss man wissen, dass sein Vater 1986 im Weinkeller aufgrund einer Kohlendioxid-Vergiftung ums Leben gekommen ist, was Dominique damals zwang, in jungen Jahren das Weingut zu übernehmen. Wenn er nun einen Wein so benannt hat, dann muss dieser ja etwas Spezielles sein. Kommt dazu, dass Léandre-Chevalier ein Bewunderer der Weine aus dem Burgund ist. Da ist es auch nicht erstaunlich, dass er einen Wein keltert, der blind durchaus für einen solchen gehalten werden könnte!

Der „Parole à mon père“ zeigt aber vor allem eines: Der Schöpfergeist und der Drang, Neues und Spannendes auszuprobieren, liegt sozusagen in den Genen von Dominique Léandre-Chevalier. Wir dürfen uns auf die Weine freuen, die in den nächsten Jahren entstehen werden!

Die Weine können hier bestellt werden:
Unsere Weine – Hommecheval

Ferner sind einige andere ältere Weine der DCL auch noch bei der Weinhandlung Gerstl und in Deutschland bei Lobenberg vorrätig:
Domaine Léandre-Chevalier – Weingüter (gerstl.ch)
Le Queyroux Dominique Leandre-Chevalier – Lobenbergs Gute Weine (gute-weine.de)

„La Première“ von Carsten Saalwächter: Ein junger Mann macht Furore!

Der Mann ist noch keine 30 Jahre jung. Und wollte eigentlich gar nicht wirklich Winzer werden – bis ihn lange Degustationsabende als Praktikant bei Hanspeter und Edeltraud Ziereisen so faszinierten, dass es kein Halten mehr gab. Den Namen muss man sich merken, seine Weine sind offenbar schon jetzt genial – und auch schon gesucht. Ich habe bisher nur einen verkostet – und der hat mich fasziniert, wohl fast so, wie Saalwächter bei Ziereisens verzaubert wurde!

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Der Ausspruch stimmt wohl, aber es geht auch anders: Wer lange genug wartet, der hat es einfacher. Diese Aussage trifft nicht auf Carsten Saalwächter zu, aber auch mich. Ich hatte von Weinfreund Florian Bechtold
vgl. hier: Ausnahmewinzer Ziereisen: hier ruht nur der Wein! – Victor’s Weinblog
als „Beilage“ zu einer damals bestellten Weinlieferung eine Musterflasche von Saalwächters „Assmannshauser Spätburgunder La Première 2018“ erhalten. Der Wein hat mich total fasziniert, die Degunotiz war erstellt, mein Bildarchiv erfolgreich nach Assmannshausen durchforstet, und ein Text im Kopf bereit gelegt. Tja, und dann kommt Blogger- und Weinfreund Adrian van Velsen und schreibt soeben über den gleichen Wein! Zufall ist das natürlich nicht, wir waren zusammen mit Florian Bechtold bei Ziereisen, und auch er hat eine Musterflasche zur Weinbestellung dazu erhalten.

Ich kann es mir deshalb ziemlich einfach machen und bloss einen Link setzen (siehe unten). Dies um so mehr, als mir Adrian mit seinem Text so richtig aus dem Herzen spricht. Viel mehr gibt es zum Wein gar nicht mehr zu sagen. Wer spät kommt, den belohnt das Leben ….

Carsten Saalwächter (Bild ab Website des Gutes)

Kein verglimmendes Sternchen!
Trotzdem noch dies: Carsten gilt schon als „shooting star“ – bei Vinum war er „Entdeckung des Jahres“. „Shooting star“ steht für eine Person, die plötzlich Erfolge verzeichnet und Aufmerksamkeit geniesst. Der Begriff ist insofern für Carsten Saalwächter also richtig, denn er hat schon hohe Aufmerksamkeit und seine Weine sind bereits sehr gesucht. Dem Ausdruck hängt aber auch ein wenig das Kurzfristige, Vergängliche an. Die Mehrheit der Stars verblasst bekanntlich sehr schnell. Nach allem, was ich über Carsten Saalwächter gelesen (und dem wenigen, das ich getrunken habe) wage ich aber die Prognose, dass uns dieser Name in den kommenden Jahrzehnten als Leuchtstern der deutschen Weinwirtschaft begleiten wird. Dies um so mehr, als er sich einem naturnahen Weinbau verschrieben hat.
„Mehr davon“ überschrieb Adrian van Velsen seinen Blogbeitrag. Für Weinfreunde heisst das vor allem: Mehr davon im eigenen Keller!

Spitzenlage Höllenberg in der deutschen „Rotweinhauptstadt“ Assmannshausen im Rheingau. Das Weingut Saalwächter liegt zwar auf der anderen Rheinseite in Ingelheim und damit in Rheinhessen, verfügt aber auch hier über Reben – der La Première stammt aus hoch gelegenen Lagen in Assmannshausen. Und einer der absoluten Spitzenweine des Gutes gedeiht hier am abgebildeten Höllenberg.

Degustationsnotiz: Spätburgunder Assmannshausen La Première, 2018
Mittleres Purpur; Duft nach roten Johannisbeeren und Walderdbeeren, grüne Töne (Grüntee!), etwas Zitrus, etwas Kaffee. Im Mund spürbare, sehr feine Tannine, schöne, aber dezente Fruchtsüsse in sehr harmonischem Spiel mit einer guten Säure, saftig, langer Abgang. Vielschichtiger, toller Wein! 18 Punkte.

Adrian van Velsen hat recht: Technisch betrachtet gibt er dem La Première 89 Punkte, „gefühlt“ aber 93. Mich hat dieser Wein an einen Ausdruck erinnert, den ich in letzter Zeit immer wieder lese, mir aber eigentlich nichts darunter vorerstellen kann: „vibrierender Wein“! Tatsächlich hat der La Première so etwas Lebendiges, Unergründliches an sich. Vielleicht ist ja das „vibrieren“? Wie auch immer, ich bin hin und weg von diesem Wein! Mehr davon!

Hier geht es zum Blog von Adrian van Velsen, unbedingt lesenswert v.a. auch seine präzise Degunotiz:
https://vvwine.ch/2021/01/bitte-mehr-davon/

Hier die Website des Gutes:
Weingut Saalwächter – Weingut in Familientradition seit 1872 (saalwaechter.de)

Und hier ein Kontakt zu Florian Bechtold, grossartiger Kenner der „vibrierendsten“ 🙂 Weinadressen in Deutschland. Vielleicht hat er noch Saalwächter – und sonst sicher ganz viele Alternativen:
florian.bechtold@bechtold-partner.de


Toujours le Gamay! Château Thivin lässt das „jamais“ alt aussehen!

„Toujours“ reimt sich nicht, ich weiss. Aber „jamais“ sollte man beim Gamay in der heutigen Zeit nicht mehr sagen. Man würde Tolles verpassen! Das gilt ganz generell, gerade auch für viele Schweizer Weine. Aber heute ist die Rede von Château Thivin am Bouilly-Hügel, der schönsten Gegend im Beaujolais, dessen Weine jeden Gamay-Verachter zum Schweigen bringen müssen.

Im Jahr 1877 kauften Zaccharie und Marguerite Geoffray Château Thivin zusammen mit den damals 2 Hektar Reben gleich beim Gut. Seither entstand eine Familientradition, heute sind die fünfte und die sechste Generation am Werk – und wie! Die sechste Generation hat wichtige Verbindungen in die Schweiz. Claude-Eduard studierte zuerst in Beaune, beendete sein Studium aber schliesslich in Changins. Nebst Stages bei der Domaine Chaves in Mauves (Hermitage) und der Fromm Winery in Neuseeland sowie dem Geyerhof im Kremstal war er auch in der Schweiz tätig, so bei der Domaine La Colombe in Féchy und den Fils de Charles Favre in Sion. Und eben auch bei der Domaine Diroso von Hanspeter Baumann in Turtmann. Dessen Tochter Sonja ist heute Frau Geoffray und spielt auf Château Thivin eine wichtige Rolle im Rebberg, aber auch im Marketing und Verkauf. Auch sie studierte in Changins und weist – nebst vielen anderen – Erfahrungen in der Fromm Winery auf (in Neuseeland und Graubünden). Noch heute steht sie ihren Brüdern im Wallis, welche die Domaine Diroso nach naturnahen Grundsätzen führen, bei Bedarf beratend zur Seite.

Aber zurück ins Beaujolais: Auch auf Château Thivin arbeitet man sehr naturnah, ein Teil der Reben befindet sich in der Umstellung auf biologischen Rebbau (u.a. jene, die für den unten beschriebenen „les sept vignes“ verwendet werden) oder trägt schon das Bio-Label. Und auf einer Parzelle, sinnigerweise „Utopia“ genannt, baut man auch Piwi-Sorten an.

Alles Weitere kann auf der Website des Gutes nachgelesen werden. Besonders fasziniert hat mich die vorbildliche Information über Herkunft und Vinifikation jedes Weines, aber auch eine Lokalisation der Parzellen. So macht sich informieren Spass!
(Alle Angaben in diesem Beitrag, ausser den Degunotizen natürlich, sind auch ausschliesslich online recherchiert).

Vorbildliche Konsumenteninformation, hier als Beispiel zur Lage Godefroy, welche einen Teil der Trauben zur hervorragenden Cuvéee Zaccharie liefert. (Bilder ab Website des Gutes)

Château Thivin, Cuvée Zaccharie, Côte de Brouilly, 2018
Mittleres Rubin; verhaltener Duft nach Brombeer und Weichselkirsche, Rosenblüten, leicht spürbares neues Holz; im Mund enorm ausgewogen, Säure, Alkohol und Tannine in schönem Gleichgewicht (letztere mit ganz wenig grünem Touch), wunderbare Eleganz, vor allem im langen Abgang druckvoll. Toller Wein. Wer hier blind auf Gamay tippt, ist Klasse. Ich bin nicht einmal sicher, ob dieser Wein in einer Degustation von Gemeinde-Pinots aus der Côte d’Or auf- bzw. abfallen würde! Schöner, berührender Wein, der dem Gründer der Familiendynastie, Zaccharie, alle Ehre macht! 17,5 Punkte.
(Gleichberechtigung: Es gibt auch einen Weisswein – ein Chardonnay – der den Namen Marguerite trägt).

Château Thivin, Les sept vignes, Côte de Brouilly, 2019
Mittleres Rubin; fruchtige Aromen von roten und dunklen Früchten (Himbeer, Brombeer, schwarze Johannisbeeren), leicht pfeffrig; gute Säure, feines, aber eher zurückhaltendes Tannin, filigran, saftig und süffig, mitterer Abgang mit leichtem, schönem Bittertouch. Schöner, fröhlicher, aber doch gehaltvoller Gamay. 16 Punkte.

L’amour du vignoble et son terroir – Château Thivin (chateau-thivin.com)

Schweiz:
Kaufen Cuvée Zaccharie | Côte de Brouilly AOC – Château Thivin | 2018 | DIVO.

Deutschland, diverse, siehe:
https://www.chateau-thivin.com/point-vente/export.php

Einfach nur wundervoll: Dominque Léandre-Chavalier ist zurück!

Es wirkt fast wie eine vorgezogene Weihnachtsgeschichte, die Max Gerstl eben auf Instragram gepostet hat: Das Weingut von Dominique Léandre-Chevalier wurde vom Schweizer Reto Erdin erworben – und Dominique produziert auf „seiner“ Domaine wieder Weine!

„l’homme cheval“ – Dominique Léandre-Chevalier ist zurück!

Welche Freude! Und welche Vorfreude auf kommende Weine!

Aber lesen Sie selbst direkt auf der Homepage von Gerstl:
https://www.gerstl.ch/de/news.html

Und für alle, die etwas in Vorfreude über kommende Weine schwelgen möchten, hier die Verweise zu Beiträgen, die ich über Dominique Léandre-Chavalier geschrieben hatte:
https://victorswein.blog/2018/01/06/je-savais-que-cetait-impossible-alors-je-lai-fait/
https://victorswein.blog/2018/06/07/provokation-gelungen-zu-100-mit-petit-verdot/

Und hier der damals betrübliche Artikel über das – vermeintliche – Ende:
https://victorswein.blog/2019/04/27/cetait-impossible-der-pferdemann-ist-konkurs/

Wie schön, dass es einen Neubeginn gibt! Freude herrscht!

Eine absolute Rarität von hervorragender Qualität. Und keiner merkt es!

Lafnetscha. Vielleicht liegt es ja daran, dass die Sortenbezeichnung ein Zungenbrecher ist? Vielleicht auch, dass sie nur im Wallis angebaut wird – einem Weinbaubebiet, das meiner Meinung nach zu den am meisten unterschätzten von ganz Europa zählt?

Ein Gedankenspiel für einen Titel dieses Beitrages war auch ganz kurz „Weltdegustation Lafnetscha mit vierfachem Schweizer Sieg“. Das wäre dann freilich etwas zu viel Boulevard gewesen, denn es gibt diesen Wein nur in der Schweiz (genauer, in der „Üsserschweiz“, also dem Wallis), und es gibt nur vier Produzenten dieser Rebsorte, welche eine ganz spannende Verwandtschaft hat.

Completer? In Graubünden als extrem gesuchte, qualitativ hochstehende Spezialität und gerade dabei, wieder so richtig abzuheben. Humagne Blanche? Der Wein, den man im Wallis traditionell den Wöchnerinnen reichte, damit sie schnell wieder zu Kraft kamen. Und ein Wein, der als qualitativ hoch stehende Spezialität wieder Beachtung findet.

Dann muss ja Lafnetscha auch grosse Qualitäten haben! Aber der Reihe nach: Humagne blanche ist eine der ältesten Rebsorten der Schweiz, sie wurde schon im 14. Jahrhundert erwähnt. Auch die ersten Spuren des Completer gehen auf die gleiche Zeit zurück. Während letztere als „Waisenkind“ gilt – seine Eltern können nicht eruiert werden und sind vermutlich ausgestorben -, geht die Humagne Blanche (nicht zu verwechseln mit der Humagne Rouge, zu der keine Verbindung besteht) elterlicherseits auf die Colombaud aus Südfrankreich zurück. Die Lafnetscha wiederum ist nachweislich eine natürliche Kreuzung zwischen der Humagne Blanche und der Completer 1. Ideale Voraussetzungen also, um einen wunderbaren Wein zu erzeugen!

Allerdings: Die Sorte wird nur im Oberwallis auf, je nach Quelle, 1,0 bis 1,5 Hektar angepflanzt. Es handelt sich also um eine absolute Rarität. Aber ich bin überzeugt, dass die Rebsorte das Potential hätte, in grösserem Stil sehr erfolgreich zu werden. Es gibt auch nur vier Produzenten von Wein dieser Rebsorte, aber alle stellen wirklich guten Wein her, drei davon sogar hervorragenden. Ich habe die Weine blind degustiert, hier die Notizen, zum ersten (aber nicht letzten) Mal in meinem Blog mit Noten. Zur meiner Notenskala werde ich demnächst etwas mehr schreiben, hier nur so viel: 16 Punkte sind wirklich gut, 17 und 17,5 Punkte sehr gut bis ausgezeichnet.

Spektakuläre Weinbau-Szenerie im Wallis (Eingang zum Val d’Hérens, ohne direkten Bezug zu Lafnetscha)

Zwei der Lafnetschas bewertete ich mit je 17,5 Punkten, und ich kann mich beim besten Willen nicht entscheiden, welchen der beiden ich nun auf den ersten Platz setzen soll. Somit gibt es zwei Sieger (Auflistung in alphabetischer Reihenfolge).

  1. Platz (ex aequo)

Chanton Weine, Visp, 2018:
Mittleres Gelb, wirkt optisch wie leicht CO2-haltig, was sich aber im Mund nicht bestätigt; zurückhaltende Nase, etwas Lindenblüte, weisser Pfirsich; im Mund sehr ausgewogen, rund und fliessend, spürbarer (aber nicht störender) Alkohol, mittlere Säure, leichter, schöner Bitterton im mittlerer Abgang. Sehr schöner, „stoffiger“ und runder Wein.
17,5 Punkte

Gregor Kuonen, Salgesch, 2018:
Mittleres bis helles Strohgelb; zurückhaltend, etwas Mirabelle und Zitrusfrucht; im Mund ausgeprägter „Süsskomplex“ (aber knochentrocken), mittlere Säure, leichter Bittertouch, schlank aber nicht dünn, sehr gut eingebundener Alkohol, mittlerer Abgang. Sehr schöner, eleganter und ausdrucksstarker Wein.
17,5 Punkte

3. Platz (Und damit eigentlich viel zu schlecht bedient, denn es ist ein sehr schöner Lafnetscha)

Cave Papillon, Salgesch, 2018
Helles Gelb mit grünen Reflexen; fruchtige Nase mit Bergamotte, Quitte, grünem Apfel; im Mund spürbarer (schöner) Bitterton, schöne Säure, ein ganz leichter Touch von Süssigkeit (? – gemäss Charly Wenger ist er trocken) , schlank, aber auf seine Art rund und ausgewogen, mittlerer Abgang.
Sehr schöner Wein, gegenüber den beiden vorstehenden fehlt es einzig ein wenig an Dichte, aber gerade das macht diesen Lafnetscha auch sehr interessant und kulinarisch gut einsetzbar.
17,0 Punkte

4. Platz

Raoul und Simone Stupf, 2016
Mittleres Gelb; intensive Nase, Aprikose, Mirabelle, leicht milchig; im Mund ein Touch von Kohlensäure, spürbare Säure, eher filigran, langer, alkoholgeprägter Abgang. Der rustikalste Wein von allen, aber vielleicht etwas unter Wert geschlagen, da er um zwei Jahre älter ist als die anderen.
16,0 Punkte

Fazit: Lafnetscha kann man blind kaufen, er ist immer gut!

Von links nach rechts: Cave Papillon (17,0), Gregor Kuonen (17,5), Chanton (17.5) und Stupf (16)

Lafnetscha – viva la Diva!

Charly Wenger von der Cave Papillon, der diesen wunderschön filigranen Typ der Lafnetscha keltert, charakterisiert die Sorte folgendermassen: „Sie ist sehr arbeitsintensiv, allein die immerwährende Läubelarbeiten und das Entfernen der grossen Geiztriebe braucht viel Aufwand. Es braucht viele Jahre Erfahrung, um diese Rebe ( eine wahre Diva!) richtig zu verstehen und eine optimale Qualität zu erreichen. Wenn aber reifes, schönes Traubengut geerntet werden kann, wird man belohnt mit einem langlebigen, feinfruchtigen Weisswein der wirklich Freude macht“.
Dabei müsste man diese Rebsorte in seinem Betrieb schon fast als Hobby bezeichnen, er bewirtschaftet in Raron rund 0,1 Hektar einer alten Parzelle, die er 1995 bereits bestockt übernehmen konnte.
Auch wenn der Wein von Charly Wenger „nur“ den dritten Platz erreicht hat, ist er absolut empfehlenswert – er ist auch der am wenigsten nach „Wallis“ schmeckende aller vier Lanfnetschas – und zeigt damit vielleicht auch an, wie die Sorte durchaus auch international Furore machen könnte.

Gregor Kuonen, ein renommierter Familienbetrieb, verfügt über keine eigenen Lafnetscha-Reben, sondern bezieht sie seit langer Zeit von verlässlichen Zulieferanten.

Ein Teil der Reben wächst unter einer speziellen Erziehungsart. Lafnetscha, bereit zur Ernte (Bild zfg: Gregor Kuonen)

Chanton Weine in Visp ist es vermutlich zu verdanken, dass die Sorte heute überhaupt noch angebaut wird. Anfangs der 1980er Jahren war es Josy Chanton, der die Lafnetscha in leicht grösserem Stil als Erster wieder anbaute. Joseph-Marie („Josy“) Chanton, der Vater des heutigen Inhabers Mario Chanton, hat überhaupt enorme Verdienste mit dem Wieder-Anbau von fast vergessenen Sorten. Chanton galt und gilt zu recht als eigentlicher Reb-Archäologe. Er war führend beteiligt, dass die Heida im Wallis wieder angebaut wird, und das Sortiment von Chanton beinhaltet heute auch Sorten wie Himbertscha (eine Halbschwester zur Lafnetscha, die ich persönlich sehr mag), Eyholzer Roter (ein fast rosé-artiger, feingliedriger, schlanker, aber charaktervoller Rotwein) oder Gwäss (vgl. hier: https://victorswein.blog/2020/04/28/faszination-pur-guter-wein-aus-der-altesten-benannten-rebsorte-der-welt/
Mit Lafnetscha bestockt ist bei Chanton rund eine halbe Hektare, im Vispertal und in Varen.

Eine völlige Unbekannte bleibt leider die Domaine Stupf in Niouc: Zwar hat sie sich ziemlich unbescheiden (vor allem, wenn man an die Verdienste von Chanton denkt) die Site lafnetscha.ch gesichert, aber sie kommt der damit eigentlich verbundenen Verpflichtung leider nicht nach. So wurden mehrere, über ein Jahr verteilte E-Mail-Anfragen, nicht beantwortet und auch ein Schreiben blieb ohne Reaktion. Schade – und eines Besitzers einer solchen „generellen“ Domaine unwürdig! Es wäre wohl besser, alle Lafnetscha-Produzenten würden die Site gemeinsam betreiben.
Somit kann ich leider über diesen Produzenten nichts aussagen. Ich bin auch nur durch reinen Zufall überhaupt darauf gestossen – im Dorfladen von Zinal (im Val d’Anniviers, zu dem auch Niouc gehört). Laut José Vouillamoz’s Buch 1 aus dem Jahr 2018 gäbe es als vierte Produzenten nebst Chanton, Kuonen und Cave Papillon nämlich nur Horst und Silvia Schärer aus Grindelwald. Ein Kontakt mit dem Sohn brachte indessen die Nachricht, dass Horst leider verstorben ist und die Lafnetschas in Eggerberg bei Visp deshalb nicht mehr von der Familie gepflegt werden. Es liegt somit nahe, muss aber trotzdem Vermutung bleiben, dass die Familie Stupf nun diese Reben übernommen hat. Etwas mehr Kommunikationsverständnis stünde den Inhabern der Homepage aber auf jeden Fall gut an!

Lange Geschichte – grosse Zukunft?
Im Kirchenarchiv von Niedergesteln (kleines Dorf bei Visp) wurde eine Notiz von 1627 gefunden in welcher steht, dass zwei Brüder der Kirche Trauben schuldig waren. Sie lieferten von den besten: Lafnetscha. Zumindest so lange ist die Sorte also dokumentiert.

Sie ist zwar offenbar eine Diva im Anbau, aber aufgrund ihrer Qualität und der komplexen Art der Weine wäre ihr sicher Besseres vergönnt als ein Mauerblümchendasein auf keinster Fläche im Oberwallis. Dies um so mehr, als sie spätreifend und säurebetont ist, was in Zeiten des Klimawandels entscheidend sein kann. Zudem können die Weine sehr gut altern, der Name soll von der mundartlichen Wendung „laff es nit scho“ (trinke ihn nicht schon) herkommen.

Eine Rarität die noch ganz ohne Raritätenzuschlag erhältlich ist
Das Erstaunlichste aber ist, dass noch kaum jemand entdeckt zu haben scheint, welches Potential hier schlummert. Während der Completer im Bündnerland immer häufiger angebaut wird, und trotzdem für Normalsterbliche kaum erhältlich und teuer ist, kann man bei den drei Erstplatzierten der Degustation bisher problemlos Lafnetscha’s erwerben, und das erst noch zu vernünftigen Preisen. So gesehen ist es vielleicht sogar falsch, hier darüber zu schreiben – aber die Weine von Chanton, Kuonen und Cave Papillon sind einfach zu faszinierend, um sie nicht etwas bekannter zu machen!

Infos zur Traubensorte:

1 Quellen:

Nationale Datenbank Schweiz zu Erhaltung der pflanzengenetischen Ressourcen: https://www.bdn.ch/media/files/pdf/Variety-22901-0.pdf

José Vouillamoz, Schweizer Rebsorten, Haupt Verlag, ISBN 978-3-258-08087-1  http://www.haupt.ch

Zu den beschriebenen Weinen:

http://www.chanton.ch/unsere-weine/raritaeten/lafnetscha.php
https://shop.gregor-kuonen.ch
https://www.cave-papillon.ch/default.asp
http://lafnetscha.ch/ (Raoul & Simone Stupf)

Und noch eine Art Würdigung von Josy Chanton, der weiterhin Gutes tut:
https://www.hotellerie-gastronomie.ch/de/artikel/josef-marie-chanton-hat-immer-heida-im-gepaeck/

Broger’s „alte Rebe“ – wunderbarer Pinot als Sinnbild für höchste Weinqualität aus „Mostindien“!

Regelmässigen Lesern meines Blogs ist bekannt, dass ich Michael Broger zu den absoluten Ausnahmewinzern der Schweiz zähle. Der neuste Beweis ist eine private Gegenüberstellung von zwei Jahrgängen seiner „alten Rebe“. Und die Gelegenheit ist gut, auch ein wenig über die enorme Qualitätsdichte am Ottenberg im Kanton Thurgau zu schreiben!

Der Weingeschmack meiner Frau entspricht nicht immer dem meinen, aber in einem sind wir uns einig: Die Weine von Michael Broger sind einfach immer grossartig und ausdrucksstark. Inzwischen ist insbesondere sein Spitzenwein, die „alte Rebe“, bei uns schon fast so etwas wie der „Hauswein“. Natürlich nicht im Sinne eines Alltagsweines, dafür ist er mit inzwischen gegen CHF 40.00 dann doch zu teuer. Aber wenn ein spezieller Moment ansteht, wie kürzlich der Geburtstag meiner Frau, und wenn zum Essen ein Pinot passt, dann muss es einfach eine „alte Rebe“ sein.

Dem Geschmack meiner Frau entsprechend, welche die jugendliche Frucht eines Pinots am meisten mag, holte ich zuerst eine Flasche des Jahres 2016 aus dem Keller. Nach dem Probieren war mir schnell klar, dass ihr im Falle von Broger ein gereifterer Wein besser gefallen würde. Deshalb öffnete ich auch einen 2012-er, und so wurde der Geburtstag auch zu einer kleinen, privaten Degustation.

Zwei tolle Jahrgänge – wie immer bei Broger!

Michael Broger, „alte Rebe“, 2012
Mittleres Rubin mit hellen Rändern; in der Nase noch sehr fruchtig, Brombeer, rote Kirschen, Anflug von Waldpilzen, dezenter, feiner Holzton. Im Mund „lebendig und fibrierend“, feine, spürbare Tannine, schön eingebundene Säure, elegant und eher der filigrane Typ, gleichzeitig aber auch druckvoll und „saftig“, leichter Bittertouch im sehr langen Abgang. Toller, frischer und noch immer jugendlich wirkender Wein! Erst jetzt so richtig in der ersten Trinkreife.

Michael Broger, „alte Rebe“, 2016
Dunkles Rubin; in der Nase etwas Pflaumen, florale und würzige Noten, dezenter Anflug von Caramel; im Mund noch wild, adstringierend (aber feine Tannine), prägnante Säure, extrem „saftig“ und sehr fruchtig, mittlerer Abgang. Wunderbarer, aber noch zu junger Wein (es sei denn, man mag – wie ich – diese wilde Ungezähmtheit. Mir hat er jetzt schon sehr gemundet!, aber der hat noch viel Reserve)

Beide Weine sind ganz weit weg vom heutigen Mainstream, aber sie sind gleichzeitig absolut unverkennbare Pinots, einfach mit einer eigenen „Sprache“ und mit Persönlichkeit. Und je älter sie werden, desto mehr erinnern die dann eben doch ans Burgund! Gerade der 2012-er zeigt, wie lange ein „Broger“ braucht, bis er sich öffnet – dafür dann um so schöner und sortentypischer!

Mein allererster Blogbeitrag vor fast drei Jahren handelte übrigens von Michael Broger, wer ihn nachlesen möchte:
https://victorswein.blog/2018/01/01/michael-broger-der-pinot-magier/

Der Ottenberg als Qualitäts-Hotspot: Bachtobel, Wolfer, Burkhart!

Gestern lag passend noch die neuste Ausgabe des „Falstaff“ im Briefkasten. Dort gibt es einen Artikel über Thurgauer Weine und auch diverse Verkostungsnotizen. Der am besten benotete Wein ist – Sie ahnen es – die „alte Rebe“ 2017 mit 94 Punkten! Aber auch Broger’s Müller Thurgau wurde mit 92 Punkten (!) benotet. Der lesenwerte Artikel zeigt aber auch auf, wie enorm die Qualitätsdichte im Thurgau, und vor allem am Ottenberg ob Weinfelden, inzwischen ist. Hier zeigte zwar schon vor 30 Jahren Hans Ulrich Kesselring auf dem nur ein paar hundert Meter von Broger’s Anwesen entfernten Schlossgut Bachtobel, dass im Thurgau Spitzenweine angebaut werden können – seine Weine waren damals schon eine Referenz, und die heutigen seines Neffen Johannes Meier sind es noch immer (Broger hat übrigens einige Zeit bei Kesselring gearbeitet). Inzwischen sind aber mit Martin Wolfer und Michael Burkhart auch weitere Produzenten hinzugekommen, welche den Ottenberg zu einem eigentlichen „Hotspot“ der Schweizer Weinszene werden lassen. Ich habe im letzten Jahr beide Sortimente degustiert und war gesamthaft begeistert. Wolfer überzeugte kürzlich auch mit seinem Sauvignon blanc und 94 Punkten in der internationalen „Sauvignon blanc-Trophy“, ebenfalls im Falstaff. Und Burkhart wiederum konnte für den „Duett“ (Pinot vom Ottenberg und Diolinoir aus Salgesch) eine Zusammenarbeit mit der Familie Mounir vom Walliser Spitzenbetrieb Cave du Rhodan eingehen, was letztere sicher nicht ohne ein hohes Qualitätsbewusstein beim Partner tun würden. Vgl. hier:
https://victorswein.blog/2020/03/07/domaine-trong-der-cave-du-rhodan-bio-dynamisch-an-die-spitze/

Der langgestreckte Hügelzug des Ottenberg im Thurtal bei Weinfelden. Qualität wird von den meisten Winzern gross geschrieben.

Der Ottenberg steht damit als Sinnbild und „Hotspot“ im Zentrum des Mostkantons Thurgau in der Ostschweiz (deshalb im Volksmund auch „Mostindien“ genannt) für einen enormen Qualitätsschub im Weinbau!

https://www.broger-weinbau.ch/
https://www.bachtobel.ch/de/
https://www.wolferwein.ch/de/
https://weingut-burkhart.ch/

Tement macht „Terroir“ spürbar: drei Mal gleich, drei Mal ganz anders!

Welcher Winzer wirbt nicht damit, „Terroirweine“ anzubieten? Nur zu oft freilich ist das vor allem eine Marktingmassnahme. Tement aus Berghausen in der Südsteiermark hingegen lebt es und macht das auch direkt erlebbar. Ein spannendes Probierpaket!

Mit einem Paket von drei Sauvignon blancs aus verschiedenen Orten mit jeweils sehr variierenden Böden bietet sich die Chance, Weine mit der gleichen Tement-Handschrift, aber mit den unterschiedlichen Charakteren ihrer Herkunft nebeneinander zu probieren. Schmeckt Wein vom Schiefer wirklich anders als solcher vom Korallenkalk oder vom Sandstein? Ja, und wie! Wer immer noch glaubt, dass Wein im Keller gemacht wird, kann sich mit drei preiswerten, aber feinen Flaschen eines Besseren belehren lassen. Und für alle anderen lohnt sich der Vergleich natürlich erst recht!

Kitzeck-Sausal 2018 (Ortswein, Schiefergestein)
Mittleres Gelb; in der Nase mineralisch nach Steinmehl duftend, dazu verhaltene Frucht von Quitte und Mirabelle; im Mund eher schlank, sehr mineralisch, schön eingebundene Säure, kaum spürbarer Alkohol, erstaunlich langer Abgang. Der „ausgewogenste“ Wein der Drei.

Ehrenhausen 2018 (Ortswein, Korallenkalk)
Eher helles Gelb; verhalten, Steinmehl, grüner Apfel, Orange; ausgeprägte aber nicht störende Säure, knochentrocken, aber mit spürbarer Frucht“süsse“, filigran und fein gewoben, leichter mineralischer Touch, langer Abgang. Der „knackigste“ und eleganteste aus dem Trio.

Gamlitz 2018 (Ortswein, Sandstein)
Mittleres Gelb; mineralische Düfte, erinnert fast ein wenig an die vulkanischen, leicht schwefligen (hier nicht negativ gemeint) Düfte auf der Insel Vulcano, verhaltender Duft von Aprikose; im Mund recht üppig, trocken, sehr ausgewogen mit guter Balance zwischen Säure und Alkohol, mittlerer Abgang. Vielleicht der spannendste Wein von allen – aber auch der rustikalste.

Es handelt sich um drei sehr interessante Weine, die sich hervorragend dazu eignen, den Unterschied von Lagen und Böden zu demonstrieren. Sie stellen aber freilich noch längst nicht die Spitze des südsteirischen Weinbaus dar. Da spielt, nebst einigen anderen, auch Tement mit seinen „Rieden“ – Spitzenlagen wie Zieregg, Grassnitzberg und Sulz – in der ersten Liga. Und das weltweit.

Dreimal mineralisches Terroir pur!

Obwohl es sich „nur“ um Ortsweine, und damit die zweite Stufe in der Qualitätspyramide der Südsteiermark handelt, sind die drei hier vorgestellten Sauvignons aber auch weit mehr als einfache Weine. Mit ihrer eigenständigen, mineralischen Art können sie durchaus höhere Ansprüche erfüllen. Nur nicht solche von Sauvignon-Trinkern, die nach üppiger, exotischer Frucht suchen. Da sind denn die Weine von Tement (wie fast alle aus der Steiermark) doch aus besserem Holz geschnitzt.

Und so ganz nebenbei: Es verblieb noch ziemlich viel Wein in den Flaschen, den ich später immer mal wieder probierte. Nach einer Woche, ja nach 10 Tagen präsentierten sich alle drei Sauvignons noch in bester Form und absoluter Frische. Und selbst nach 2 Wochen war der kleine Rest Gamlitz noch trinkbar, er hatte nur etwas Spannung verloren.

Und nicht ganz nebenbei: Tement arbeitet seit längerer Zeit biologisch, seit 2018 auch zertifiziert. Ein Beispiel mehr dafür, dass die Produktion von Spitzenweinen und Bio sich nicht ausschliessen, sondern sich im Gegenteil wohl gar bedingen!

https://www.tement.at/de/weinshop/ortsweinpaket-sauvignon-blanc-klein-3x075lt.html
(Dieses Angebot betrifft den Jahrgang 2019, oben beschrieben sind die 2018er)

Ungerberg 2012 von Paul Achs: Blaufränkisch vom Feinsten!

Eigentlich ist es erstaunlich, dass die wunderbare Sorte Blaufränkisch nicht viel weiter verbreitet ist. Der Vergleich mag gewagt sein, aber diese Rebsorte vereint die Eleganz eines Pinot noir mit der Tiefe eines Cabernet Sauvignon. Und wenn der Wein vom Ungerberg kommt und vom bio-dynamisch arbeitenden Winzer Paul Achs stammt, dann wird er fast unwiderstehlich!

Der Ungerberg, wobei „Berg“ eigentlich masslos übertrieben ist. Aber aufgrund der Bodenbeschaffenheit ist es eine der besten Lagen am Neusiedlersee (im Hintergrund). Foto: Download ab Homepage von Paul Achs.

Paul Achs leitet sein Weingut seit fast 30 Jahren, und er hat es in dieser Zeit geschafft, den Familienbetrieb zu einem der besten in ganz Oesterreich zu wandeln. Zweifellos spielt dabei eine wichtige Rolle, dass er seit 2006 (zertifiziert) nach bio-dynamischen Grundsätzen arbeitet. „Leben und leben lassen“ steht dazu auf seiner Homepage, und besser kann man das Prinzip in ein paar wenigen Worten wohl kaum ausdrücken.

Auf rund 25 Hektar Land rund um Gols im Burgenland produziert Paul Achs eine Vielzahl von Weinen – auch einfache Alltagsweine, wobei ich noch nie einen im Glas hatte, der nicht auf seine Art fasziniert hätte. Die allerbesten Weine für mich sind aber seine Lagen-Blaufränkisch, und hier als „primus inter pares“ der Ungerberg. Wie auf der Foto ersichtlich, handelt es sich eher um eine leicht nach Süd-Südwest geneigte, perfekte Lage mit sanfter Steigung, die mit Kalk und im Untergrund einer Eisenschicht den idealen Boden bietet.

Eigentlich kann man diesen Wein schon in der Jugend genussvoll trinken, aber er ist dann noch recht ungehobelt tanninbetont und auch ein bisschen unausgewogen stürmisch. Nun habe ich einen 8-jährigen Wein (2012) aus dem Keller geholt. Dieser befindet sich in der ersten wirklich genussvollen Trinkreife, dürfte aber in 3-4 Jahren sogar noch ausgewogener sein:

Dunkles Rubin mit violetten Tönen, noch sehr jugendlich wirkend. In der Nase dunkle Beerenfrucht, Pflaumen, Sultaninen, Thymian. Im Mund saftig, enorm viele, äusserst feine Tannine, spürbare, aber gut integrierte Säure, Alkohol trotz 13,5 % kaum spürbar, enorme Finesse und Eleganz, langer Abgang, wirkt noch jugendlich und hat Potential für die nächsten Jahre. Klassewein!

Ich habe Paul Achs nun schon an mehreren Anlässen persönlich angetroffen. Was auffällt: Er ist eher zurückhaltend, bescheiden, aber wenn man mit ihm spricht ist er enorm präsent und überzeugend. Und fast immer hat er dieses sympathische, positive Lachen auf dem Gesicht. Es gibt auf seiner Homepage diverse Bilder von ihm zum Herunterladen, aber dieses hier scheint mir Paul Achs am besten zu zeigen:

Paul Achs: Dieses ansteckende, fröhliche und offene Lachen! (Foto Roland Unger, Download ab Homepage von Paul Achs.

http://www.paul-achs.com

Bezugsquellen jüngerer Weine:
http://www.gerstl.ch
http://www.ritter-weine.li
Weitere Bezugsquellen, insbesondere auch in Deutschland, siehe auf der Homepage von Paul Achs


Weinlese – „Wümmet“ – am 19.9.2020: Noch nie so früh im Jahr. Aber so schön, trotz Wespen.

Für einmal vor lauter Freude in eigener Sache: Seit 33 Jahren pflege ich nun meinen eigenen kleinen Rebberg. In den ersten Jahren war es üblich, die Trauben ab dem 20. Oktober lesen zu können, der späteste Termin unseres Wümmet war der 1. November bei 4°. Und nun kommt 2020 ein neuer Rekord nach vorne: Weinlese am 19. September bei 27°!

2020 war wirklich ein spezielles Jahr, und wer noch nicht an den Klimawandel glaubt, könnte sich so langsam mit dem Gedanken befassen! Dabei war der Austrieb der Reben nicht einmal so früh, und es war auch kein aussergewöhnliches Hitzejahr. Aber es war einfach immer warm, und, obwohl es sehr trocken war, auch immer im für die Reben gerade richtigen Moment doch wieder mal mit Regen gesegnet. Einzig nicht so passend war die Blüte, da regnete es oft, was zu einem leichten „Verrieseln“ der Trauben führte.

Es war auch das erste Jahr, in dem ich allein für die 4 Aaren Reben verantwortlich war. Ich schätzte die neue Freiheit sehr und nutzte sie, um eine seit Langem erwünschte rigorose Ertragsbeschränkung vorzunehmen. In fünf Durchgängen von Ende Juni bis Ende August entfernte ich zurückgebliebene Trauben, und schliesslich konnte ich einen Ertrag ernten, der nicht einmal halb so gross war wie früher – obwohl wir auch zuvor nach gängigen Massstäben nie hohe Mengen einfuhren.

Massiv reduzierter Ertrag für hohe Qualität.
Ich erntete 60 Kg auf 400 m2 bzw. ca. 330 g pro Stock.

Ich gehe davon aus und hoffe, dass sich dies auch in der Qualität des Weins niederschlagen wird, auch wenn ich in diesem Jahr aus den Blauburgunder-Trauben „nur“ einen Blanc de Noirs herstellen lasse. Eigenen Rotwein habe ich noch zur Genüge (man will ja nicht immer nur den gleichen Wein trinken ….)

Die Ernte war auch deshalb speziell, weil es an diesem 19. September 2020 27° warm wurde. Erstmals überhaupt begann ich deshalb schon am frühen Morgen mit der Ernte (normalerweise muss man die Sonne abwarten, damit sie die Feuchtigkeit des Nebels trocknet). Diesmal war es anders, denn zu hohe Temperaturen tun dem Traubengut nicht gut. Das Timing war perfekt, kurz nach Mittag war die Ernte beendet, und genau da schaffte es die Sonne durch den Hochnebel.

Das wunderbare Herbstwetter der letzten Wochen erlaubte es aber auch, absolut gesunde Trauben ohne jegliche Fäulnis zu ernten – ein Traum für unsere Breitengrade! Trotzdem war die Lese herausfordernd: Die Wespen hatten auch Freude am guten Wetter und leider auch an den Traubenbeeren. Es gab fast keine Traube, die nicht ein oder mehrere angefressene Beere(n) aufwies. Und so war die Lesearbeit doppelt sinnlich: Jede Traube musste begutachtet und angefressene Beeren entfernt werden, weil sonst unerwünsche Essig-Bakterien in den Wein gelangten könnten. Dabei spielt natürlich das Auge eine wichtige Rolle, aber ebenso die Finger, welche mit einem Abtasten der Trauben so manche ausgehöhlte Beere spüren, die von blossem Auge unentdeckt bliebe.

Ganze Arbeit der Wespen: Eine Beere ist völlig ausgehöhlt!

Kurzum: Die Ernte 2020: Friedlich, stresslos, sinnlich! Einfach ein tolles Erlebnis. Wenn da nur nicht die Frage wäre, was mit dem Klima und uns passiert.

Chasse-Spleen: weiss vor rot? Zumindest spannender!

Château Chasse-Spleen, ein bekannter Cru Bourgeois, stellt auch einen weissen Bordeaux her, der sehr gefällt und der durchaus mehr als nur rund 3 % der Produktionsmenge ausmachen dürfte.

Chasse-Spleen – Verteiber der Schwermut*! In meinem Fall könnte man auch sagen, „der Weisse von Chasse-Spleen, Vertreiber des Vorurteils“. Früher, und das heisst in meinem Fall vor 30 Jahren, gehörte das damals von Bernadette Villars geführte Gut zu meinen Lieblingsweinen, von den ganz Grossen einmal abgesehen. Irgendwann fand ich aber, das Château sei im Vergleich mit anderen ein wenig stehen geblieben, und der Wein fand seit dem Jahrgang 2004 keinen Eingang mehr in meinen Keller.

Kürzlich habe ich – einfach aus Neugierde, weil ich den Wein nicht kannte – nun den Weisswein des Châteaux probiert – und ich war begeistert!

Mittleres Gelb, Duft nach weissem Pfirsich, Quitten und Verveine, frisch gemähtes Gras, dezenter, feiner Holzton. Im Mund sehr ausgeglichen, gut eingebundene Säure, frisch, leicher Bitter- und Holzton, kaum spürbarer Alkohol. Sehr langer Abgang. Toller Wein, der auch noch gut reifen dürfte.

Weisswein wird auf Chasse-Spleen schon seit anfangs der 1990-er Jahren produziert, damals wurden rund 2 Hektar mit 65 % Semillon und 35 % Sauvignon blanc bepflanzt. Das Château schreibt selbst auf der Homepage, dass keine Erfahrung mit Weisswein vorhanden war, und dass es Mut brauchte, auf einem „roten“ Terroir, das roter gar nicht sein könnte, auch Weisswein anzubauen. Noch heute sind im Médoc die Weissen äusserst rar (aber fast immer sehr gut, ich denke da nicht nur an Pavillon blanc oder Cos, sondern auch an bezahlbare Gewächse wie etwa Cygne de Fonréaux, vgl. hier:
https://victorswein.blog/2020/02/22/mein-lieber-schwan-le-cygne-weisser-bordeaux-vom-feinsten/
oder du Retout).
Anfangs wurde der Wein nicht vermarktet, sondern auschliesslich in der Familie und von Angestellten genossen. 1995 wurde er erstmals kommerzialisiert, aber noch heute stehen 15’000 produzierte Flaschen rund 500’000 rotem Chasse-Spleen gegenüber. Bloss: Der Weisse kann wirklich überzeugen, das Gut schreibt dazu selbst:
Puis, notre travail et la signature Chasse-Spleen persuadèrent, peu à peu, un nombre croissant d’aficionados. Aujourd’hui, nous affirmons nos techniques, nos aptitudes à la dégustation le long du processus de la plante au vin, et Blanc de Chasse-Spleen tutoie de plus en plus les meilleurs vins blancs bordelais.
Dem ist nichts beizufügen!

Blanc ou rouge? Der Weisse hebt sich zumindest mehr von allen anderen ab!

Das schöne Erlebnis mit dem Weissen hat mich dazu bewogen, noch am gleichen Abend eine der letzten Flaschen an rotem Chasse-Spleen aus dem Keller zu holen, die mir noch bleiben. 2004 war kein Ausnahmejahr, aber der Wein gefiel mir auch, ja, ich war positiv überrascht:

Gereiftes, aber noch präsentes Purpur mit leichten Braunreflexen; in der Nase Leder, Tabak und Dörrpflaumen sowie immer noch etwas Brombeer; im Mund an sich ausgeglichen und rund, allerdings mit einigen Grüntönen und ein klein wenig spröd wirkend. Trotzdem, ein schöner Wein und ein echter Trinkgenuss!

Rot oder Weiss? Die Frage ist aufgrund der beiden verkosteten Jahrgänge natürlich nicht seriös zu beantworten. Trotzdem: Der Weisse von Chasse-Spleen steht bei mir in Zukunft definitiv auf der Einkaufsliste, den Roten werde ich wieder besser verfolgen.

http://www.chasse-spleen.com/#!/home
Der weisse Chasse-Spleen ist trotz kleiner Produktion bei diversen Händlern erhältlich, ich selbst habe ihn ausgerechnet beim „Italiener“ als Einzelflasche zu einer „italienischen“ Bestellung dazu gekauft: https://www.bindella.ch/de/p/weissweine/france/bordeaux/blanc-de-chasse-spleen-16840.html

* nach „Hubrecht Duijker, die guten Weine von Bordeaux“, Müller Verlag, 1980, erhielt das Gut demnach seinen Namen von Lord Byron, der den Aufenthalt 1821 so angenehm fand, dass seine Schwermut vertrieben wurde.
Se non e vero, e ben trovato.