Ungerberg 2012 von Paul Achs: Blaufränkisch vom Feinsten!

Eigentlich ist es erstaunlich, dass die wunderbare Sorte Blaufränkisch nicht viel weiter verbreitet ist. Der Vergleich mag gewagt sein, aber diese Rebsorte vereint die Eleganz eines Pinot noir mit der Tiefe eines Cabernet Sauvignon. Und wenn der Wein vom Ungerberg kommt und vom bio-dynamisch arbeitenden Winzer Paul Achs stammt, dann wird er fast unwiderstehlich!

Der Ungerberg, wobei „Berg“ eigentlich masslos übertrieben ist. Aber aufgrund der Bodenbeschaffenheit ist es eine der besten Lagen am Neusiedlersee (im Hintergrund). Foto: Download ab Homepage von Paul Achs.

Paul Achs leitet sein Weingut seit fast 30 Jahren, und er hat es in dieser Zeit geschafft, den Familienbetrieb zu einem der besten in ganz Oesterreich zu wandeln. Zweifellos spielt dabei eine wichtige Rolle, dass er seit 2006 (zertifiziert) nach bio-dynamischen Grundsätzen arbeitet. „Leben und leben lassen“ steht dazu auf seiner Homepage, und besser kann man das Prinzip in ein paar wenigen Worten wohl kaum ausdrücken.

Auf rund 25 Hektar Land rund um Gols im Burgenland produziert Paul Achs eine Vielzahl von Weinen – auch einfache Alltagsweine, wobei ich noch nie einen im Glas hatte, der nicht auf seine Art fasziniert hätte. Die allerbesten Weine für mich sind aber seine Lagen-Blaufränkisch, und hier als „primus inter pares“ der Ungerberg. Wie auf der Foto ersichtlich, handelt es sich eher um eine leicht nach Süd-Südwest geneigte, perfekte Lage mit sanfter Steigung, die mit Kalk und im Untergrund einer Eisenschicht den idealen Boden bietet.

Eigentlich kann man diesen Wein schon in der Jugend genussvoll trinken, aber er ist dann noch recht ungehobelt tanninbetont und auch ein bisschen unausgewogen stürmisch. Nun habe ich einen 8-jährigen Wein (2012) aus dem Keller geholt. Dieser befindet sich in der ersten wirklich genussvollen Trinkreife, dürfte aber in 3-4 Jahren sogar noch ausgewogener sein:

Dunkles Rubin mit violetten Tönen, noch sehr jugendlich wirkend. In der Nase dunkle Beerenfrucht, Pflaumen, Sultaninen, Thymian. Im Mund saftig, enorm viele, äusserst feine Tannine, spürbare, aber gut integrierte Säure, Alkohol trotz 13,5 % kaum spürbar, enorme Finesse und Eleganz, langer Abgang, wirkt noch jugendlich und hat Potential für die nächsten Jahre. Klassewein!

Ich habe Paul Achs nun schon an mehreren Anlässen persönlich angetroffen. Was auffällt: Er ist eher zurückhaltend, bescheiden, aber wenn man mit ihm spricht ist er enorm präsent und überzeugend. Und fast immer hat er dieses sympathische, positive Lachen auf dem Gesicht. Es gibt auf seiner Homepage diverse Bilder von ihm zum Herunterladen, aber dieses hier scheint mir Paul Achs am besten zu zeigen:

Paul Achs: Dieses ansteckende, fröhliche und offene Lachen! (Foto Roland Unger, Download ab Homepage von Paul Achs.

http://www.paul-achs.com

Bezugsquellen jüngerer Weine:
http://www.gerstl.ch
http://www.ritter-weine.li
Weitere Bezugsquellen, insbesondere auch in Deutschland, siehe auf der Homepage von Paul Achs


Weinlese – „Wümmet“ – am 19.9.2020: Noch nie so früh im Jahr. Aber so schön, trotz Wespen.

Für einmal vor lauter Freude in eigener Sache: Seit 33 Jahren pflege ich nun meinen eigenen kleinen Rebberg. In den ersten Jahren war es üblich, die Trauben ab dem 20. Oktober lesen zu können, der späteste Termin unseres Wümmet war der 1. November bei 4°. Und nun kommt 2020 ein neuer Rekord nach vorne: Weinlese am 19. September bei 27°!

2020 war wirklich ein spezielles Jahr, und wer noch nicht an den Klimawandel glaubt, könnte sich so langsam mit dem Gedanken befassen! Dabei war der Austrieb der Reben nicht einmal so früh, und es war auch kein aussergewöhnliches Hitzejahr. Aber es war einfach immer warm, und, obwohl es sehr trocken war, auch immer im für die Reben gerade richtigen Moment doch wieder mal mit Regen gesegnet. Einzig nicht so passend war die Blüte, da regnete es oft, was zu einem leichten „Verrieseln“ der Trauben führte.

Es war auch das erste Jahr, in dem ich allein für die 4 Aaren Reben verantwortlich war. Ich schätzte die neue Freiheit sehr und nutzte sie, um eine seit Langem erwünschte rigorose Ertragsbeschränkung vorzunehmen. In fünf Durchgängen von Ende Juni bis Ende August entfernte ich zurückgebliebene Trauben, und schliesslich konnte ich einen Ertrag ernten, der nicht einmal halb so gross war wie früher – obwohl wir auch zuvor nach gängigen Massstäben nie hohe Mengen einfuhren.

Massiv reduzierter Ertrag für hohe Qualität.
Ich erntete 60 Kg auf 400 m2 bzw. ca. 330 g pro Stock.

Ich gehe davon aus und hoffe, dass sich dies auch in der Qualität des Weins niederschlagen wird, auch wenn ich in diesem Jahr aus den Blauburgunder-Trauben „nur“ einen Blanc de Noirs herstellen lasse. Eigenen Rotwein habe ich noch zur Genüge (man will ja nicht immer nur den gleichen Wein trinken ….)

Die Ernte war auch deshalb speziell, weil es an diesem 19. September 2020 27° warm wurde. Erstmals überhaupt begann ich deshalb schon am frühen Morgen mit der Ernte (normalerweise muss man die Sonne abwarten, damit sie die Feuchtigkeit des Nebels trocknet). Diesmal war es anders, denn zu hohe Temperaturen tun dem Traubengut nicht gut. Das Timing war perfekt, kurz nach Mittag war die Ernte beendet, und genau da schaffte es die Sonne durch den Hochnebel.

Das wunderbare Herbstwetter der letzten Wochen erlaubte es aber auch, absolut gesunde Trauben ohne jegliche Fäulnis zu ernten – ein Traum für unsere Breitengrade! Trotzdem war die Lese herausfordernd: Die Wespen hatten auch Freude am guten Wetter und leider auch an den Traubenbeeren. Es gab fast keine Traube, die nicht ein oder mehrere angefressene Beere(n) aufwies. Und so war die Lesearbeit doppelt sinnlich: Jede Traube musste begutachtet und angefressene Beeren entfernt werden, weil sonst unerwünsche Essig-Bakterien in den Wein gelangten könnten. Dabei spielt natürlich das Auge eine wichtige Rolle, aber ebenso die Finger, welche mit einem Abtasten der Trauben so manche ausgehöhlte Beere spüren, die von blossem Auge unentdeckt bliebe.

Ganze Arbeit der Wespen: Eine Beere ist völlig ausgehöhlt!

Kurzum: Die Ernte 2020: Friedlich, stresslos, sinnlich! Einfach ein tolles Erlebnis. Wenn da nur nicht die Frage wäre, was mit dem Klima und uns passiert.

Chasse-Spleen: weiss vor rot? Zumindest spannender!

Château Chasse-Spleen, ein bekannter Cru Bourgeois, stellt auch einen weissen Bordeaux her, der sehr gefällt und der durchaus mehr als nur rund 3 % der Produktionsmenge ausmachen dürfte.

Chasse-Spleen – Verteiber der Schwermut*! In meinem Fall könnte man auch sagen, „der Weisse von Chasse-Spleen, Vertreiber des Vorurteils“. Früher, und das heisst in meinem Fall vor 30 Jahren, gehörte das damals von Bernadette Villars geführte Gut zu meinen Lieblingsweinen, von den ganz Grossen einmal abgesehen. Irgendwann fand ich aber, das Château sei im Vergleich mit anderen ein wenig stehen geblieben, und der Wein fand seit dem Jahrgang 2004 keinen Eingang mehr in meinen Keller.

Kürzlich habe ich – einfach aus Neugierde, weil ich den Wein nicht kannte – nun den Weisswein des Châteaux probiert – und ich war begeistert!

Mittleres Gelb, Duft nach weissem Pfirsich, Quitten und Verveine, frisch gemähtes Gras, dezenter, feiner Holzton. Im Mund sehr ausgeglichen, gut eingebundene Säure, frisch, leicher Bitter- und Holzton, kaum spürbarer Alkohol. Sehr langer Abgang. Toller Wein, der auch noch gut reifen dürfte.

Weisswein wird auf Chasse-Spleen schon seit anfangs der 1990-er Jahren produziert, damals wurden rund 2 Hektar mit 65 % Semillon und 35 % Sauvignon blanc bepflanzt. Das Château schreibt selbst auf der Homepage, dass keine Erfahrung mit Weisswein vorhanden war, und dass es Mut brauchte, auf einem „roten“ Terroir, das roter gar nicht sein könnte, auch Weisswein anzubauen. Noch heute sind im Médoc die Weissen äusserst rar (aber fast immer sehr gut, ich denke da nicht nur an Pavillon blanc oder Cos, sondern auch an bezahlbare Gewächse wie etwa Cygne de Fonréaux, vgl. hier:
https://victorswein.blog/2020/02/22/mein-lieber-schwan-le-cygne-weisser-bordeaux-vom-feinsten/
oder du Retout).
Anfangs wurde der Wein nicht vermarktet, sondern auschliesslich in der Familie und von Angestellten genossen. 1995 wurde er erstmals kommerzialisiert, aber noch heute stehen 15’000 produzierte Flaschen rund 500’000 rotem Chasse-Spleen gegenüber. Bloss: Der Weisse kann wirklich überzeugen, das Gut schreibt dazu selbst:
Puis, notre travail et la signature Chasse-Spleen persuadèrent, peu à peu, un nombre croissant d’aficionados. Aujourd’hui, nous affirmons nos techniques, nos aptitudes à la dégustation le long du processus de la plante au vin, et Blanc de Chasse-Spleen tutoie de plus en plus les meilleurs vins blancs bordelais.
Dem ist nichts beizufügen!

Blanc ou rouge? Der Weisse hebt sich zumindest mehr von allen anderen ab!

Das schöne Erlebnis mit dem Weissen hat mich dazu bewogen, noch am gleichen Abend eine der letzten Flaschen an rotem Chasse-Spleen aus dem Keller zu holen, die mir noch bleiben. 2004 war kein Ausnahmejahr, aber der Wein gefiel mir auch, ja, ich war positiv überrascht:

Gereiftes, aber noch präsentes Purpur mit leichten Braunreflexen; in der Nase Leder, Tabak und Dörrpflaumen sowie immer noch etwas Brombeer; im Mund an sich ausgeglichen und rund, allerdings mit einigen Grüntönen und ein klein wenig spröd wirkend. Trotzdem, ein schöner Wein und ein echter Trinkgenuss!

Rot oder Weiss? Die Frage ist aufgrund der beiden verkosteten Jahrgänge natürlich nicht seriös zu beantworten. Trotzdem: Der Weisse von Chasse-Spleen steht bei mir in Zukunft definitiv auf der Einkaufsliste, den Roten werde ich wieder besser verfolgen.

http://www.chasse-spleen.com/#!/home
Der weisse Chasse-Spleen ist trotz kleiner Produktion bei diversen Händlern erhältlich, ich selbst habe ihn ausgerechnet beim „Italiener“ als Einzelflasche zu einer „italienischen“ Bestellung dazu gekauft: https://www.bindella.ch/de/p/weissweine/france/bordeaux/blanc-de-chasse-spleen-16840.html

* nach „Hubrecht Duijker, die guten Weine von Bordeaux“, Müller Verlag, 1980, erhielt das Gut demnach seinen Namen von Lord Byron, der den Aufenthalt 1821 so angenehm fand, dass seine Schwermut vertrieben wurde.
Se non e vero, e ben trovato.

Wenn ein Nebbiolo del Langhe mehr Freude macht als …

Das Piemont hat abseits von Barolo und Barbaresco immer wieder wunderschöne Entdeckungen bereit. Ein tolles Beispiel ist der Nebbiolo del Langhe Roccardo von Rocche Costamagna, ein Wein, der zwar nicht zu den Grossen zählt, aber in seiner unkapriziösen Art ungemein gefällt.

Klar, man kann wie ich kürzlich, auch mal im Supermarkt dem Irrtum verfallen, ein grosser Produzenten-Name und die Aufschrift „Barolo“ garantiere für ein schönes Trinkerlebnis, auch wenn der Preis mit knapp über CHF 30.00 „tief“ erscheint. Oder man kann, wie ebenfalls ich kürzlich, sich von einem seriösen Weinhändler beraten lassen und mit einem einfachen Nebbiolo für CHF 22.00 aus dem Piemont nach Hause kommen.

Das erste erwähnte Weingut, das wir hier aber gleich wieder vergessen, hat ein grosses Renommée und steht mit Baroli’s aus der Lage Bussia oder mit einem Barbaresco Bric Turot recht weit oben auf der Hitliste der besten Weine aus der Langhe. Leider ist aber der einfache Barolo doch wirklich nur einfach und enttäuschend und wohl eher ein Marketing-Produkt.

Ebenfalls „einfach“, aber alles andere als enttäuschend ist demgegenüber der 2017 Rocche Costamagna Langhe Nebbiolo Roccardo. Der Wein will nichts Grosses sein, aber er ist ein ehrlicher Kumpel, ein Freund mit Ecken und Kanten, aber ein mehr als nur gefälliger Begleiter für eine ganze Mahlzeit und einen ganzen Abend.

Mittleres Purpur; Sandelholz, weisse Sultaninen, rote Jahannisbeeren, Brombeeren, leichter Rauchton; prägnante, aber sehr feine Tannine, gut eingebundene Säure, eher schlanker Körper, mittlerer Abgang, in dem sich erstmals auch der moderate Alkohol etwas bemerkbar macht. „Burgundisch“-eleganter, schöner Nebbiolo.

Das Weingut selbst befindet sich mitten in La Morra. Die Trauben für diesen Wein stammen aus zusammen rund 1,5 Hektar Reben (das Gut verfügt gesamthaft über rund 14 Hektar), hauptsächlich aus Verduno, teils auch aus La Morra selbst – beides also eigentlich Barolo-Lagen. Nach einer relativ kurzen Maischestandzeit von 8 Tagen ruhen sie danach zu einem kleinen Teil in Barriques, vor allem aber in Fudern aus slowenischer Eiche.

Alessandro Locatelli, der das Gut leitet und entwickelt.

Auch wenn das Gut von der internationalen Presse nicht gerade zu den „In-Weingütern“ des Piemont gezählt wird, erzielt das Flaggschiff des Gutes, der Barolo Roche dell’Annunziata doch regelmässig 2,5 von 3 möglichen Punkten im Gambero Rosso. Aber eigentlich spielt das gar keine Rolle, der Nebbiolo Roccardo will auch gar keinen bestbenoteten Barolo konkurrenzieren, sondern einfach ein einfacher Piemonteser sein, der nie langweilig, aber doch unendlich trinkfreudig ist, der kein Ausbund an Konzentration und Dichte, aber doch nicht oberflächlich sein will. Kurzum: Ein Nebbiolo, der den ganzen Abend Freude macht! (Sofern denn eine Flasche für den ganzen Abend genügt, denn verleiden tut einem der Wein nicht).

Das ist ein Wein in der Art, die ich mag: Genussvoll und, trotz Einfachheit, mit einer gewissen Komplexität und Ausstrahlung. Und – Entschuldigung, das muss jetzt sein – besser als gewisse Baroli aus gutem Hause! Damit steht der Roccardo vor allem auch als Beispiel dafür, dass es sich auch im Piemont lohnt, nach Weinen abseits der grossen Namen zu suchen!

http://www.rocchecostamagna.it/RoccheCostamagna/index.asp
Man kann auf dem Gut auch übernachten, ich kenne es nicht, aber die Zimmer machen einen sehr guten Eindruck.

Bezugsquelle in der CH: http://www.vinotti.ch (zu diesem Wein einfach nachfragen, vielleicht hat es noch ein paar Flaschen, er ist nicht im Shop aufgeschaltet).
Vinotti führt aktuell auch noch den Barolo Rocche dell’Annunziata, den Barolo Bricco Francesco und den Barbera d’Alba Superiore Rocche delle Rocche.

Ziereisen bei vvwine: Adrians unbestechliche Degustationsnotizen.

Mein letzter Bericht über die genialen Weine von Ziereisen wird mit einem neuen Beitrag von Adrian van Velsen bei vvwine hervorragend bereichtert und ergänzt.

Ein Generationenproblem? Adrian mit dem Tablet, ich mit dem Notizbuch. Wie auch immer, wenn wir an der gleichen Veranstaltung sind, fallen seine Degustationsnotizen einfach ausführlicher und aussagekräftiger aus.

Allen Lesern, denen mein Beitrag über Zierseien :
https://victorswein.blog/2020/08/30/ausnahmewinzer-ziereisen-hier-ruht-nur-der-wein/

gefallen hat: Hier finden Sie noch die unbestechlich-präzisen Notizen von Adrian zu jedem Wein. Ich kann mich jedem Kommentar und jeder Note uneingeschränkt anschliessen. Immerhin hier „ticken“ wir gleich …

Absolut lesenswert:
https://vvwine.ch/2020/09/besuch-auf-dem-weingut-ziereisen/#comment-550

Und als kleiner Nachtrag: Ziereisen’s auf alte Stämme aufgepropften Jungreben.

Wildwest am Ottenberg: Broger’s PetNat-Abenteuer. Spannend wie die Weine selbst!

Wer Neues wagt, muss manchmal auch Rückschläge in Kauf nehmen. In einem Beitrag zu PetNat’s schrieb ich schon mal, dass es offenbar Fälle gab, in denen die Flaschen explodierten. Dass das nicht einfach angelesenes „Winzerlatein“ war, bestätigt Michael Broger mit seiner Erfahrung und seiner offenen Kommunikation.

Ein heisser Tag im Frühsommer 2018. High noon: Plötzlich tönt es auf dem Hof von Michael Broger, als würde geschossen. Und wenig später rinnt rote Flüssigkeit über den Hofplatz. Ein Bild wie aus einem Western! Aber es ist nicht Blut, nur einige PetNat’s hatten zuviel Druck und waren explodiert (ab 10 bar bersten die Flaschen).

Dabei hatte alles so gut angefangen: Broger’s Partnerin stammt aus dem Beaujolais, und auf einer Reise in dieses Gebiet lernte Michael die in Teilen Frankreich’s schon lange bekannten PetNat’s kennen. Interessiert wie er ist, wollte er mehr erfahren und das dann auch daheim probieren. Das Prinzip ist eigentlich einfach, vgl. hier
https://victorswein.blog/2020/05/13/pet-nat-zuruck-in-die-zukunft-mit-marco-casanova/)
aber es kommt auf den richtigen Moment des Abfüllens in Flaschen an. Zu spät fehlt es an Perlage, zu früh und mit Hitze kombiniert … siehe oben.

Der Erstling 2016 von Broger war aber ein voller Erfolg, qualitativ und auch verkaufsmässig. Aber dann kam eben das Hitzejahr 2018 und der Druck in den frisch gefüllten 17er-Flaschen wurde zu hoch. Nun, Broger stürtzte sich in sichere Kleidung und schützte sich mit einem Forsthelm, drang in den Lagerraum ein und sicherte die Flaschen mit Schrumpffolie. Danach wurden diese „Pakete“ mit dem Hubstapler in den Kühraum transportiert, wonach die intakten Flaschen geöffnet und der Inhalt gerettet werden konnten. Ein Western mit Happy-End.

Auch der Nachfolgejahrgang war nicht vom Glück begleitet, der PetNat genügte Brogers eigenen qualitativen Ansprüchen nicht, weshalb er nicht unter seinem Namen auf dem Markt kam. Ein Gastronom sah das aber ganz anders, fand den Wein sehr interessant und verkaufte ihn ohne Hinweis auf den Produzenten offenbar bestens. Damit dürften sich nun alle „PetNat-Lästerer“ bestätigt sehen, offenbar trinken die Leute alles, wenn es nur „In“ ist …

Broger wäre aber nicht Broger, wenn er sich von zwei Rückschlägen hätte entmutigen lassen! Als er mir die obigen Geschichten erzählte, war der Jahrgang 2019 längst auf der Flasche und auch längst ausverkauft. Aber ich hatte das Privileg, eine Flasche aus seinem „Archiv“ probieren zu dürfen. Und nun, alle „PetNat-Lästerer“ aufgepasst: Der Wein schmeckt herrlich, da war ein Könner am Werk – und einer, der aus den Vorjahren gelernt hat!

Es stimmt alles, was auf der Etikette steht: einfach frisch, prickelnd, naturbelassen, lebendig, frech und unbeschwert! Ein PetNat zum Umdenken.

Nun, natürlich ist auch dieser PetNat kein grosser Wein. Eben, Broger schreibt es gar auf die Etikette, er ist „einfach“. Aber halt einfach frisch, prickelnd usw. … – siehe Etikette.

Im Gegensatz zu vielen anderen PetNat’s, auch jenen von Casanova, wirkt Brogers 2019er kühl genossen überhaupt nicht hefig, sondern sehr fruchtbetont, äusserst „weinig“ und einfach süffig. Es spricht für Michael, dass er selbst mich „anwies“, den Wein stehen und warm werden zu lassen. Also stellte ich das Glas an die Sonne, und vor lauter spannender Gespräche mit ihm und seiner Partnerin vergass ich es fast. Mit wohl gegen 30 Grad zeigte sich dann der PetNat durchaus in einem anderen Bild: Sehr hefebetont, erdige bis leicht muffige Töne – aber trotzdem noch immer sauber und spannend – und mit Genuss trinkbar – abgesehen von der Temperatur natürlich.

Ich bleibe dabei, PetNat’s sind, wenn sie mit so viel Können gemacht werden wie der 2019er von Broger, eine spassige, spannende und erfrischende Alternative – und einem mittelmässigen Prosecco ziehe ich den Broger PetNat 2019 jederzeit vor.

https://www.broger-weinbau.ch/
(Der PetNat 2019 ist wie erwähnt ausverkauft).


Keine Angst vor dem Öffnen!
Immer wieder liest man, dass PetNat’s beim Öffnen zwangsläufig überschäumen. Ich selbst habe dieses Vorurteil in meinem verlinkten Blogbeitrag weiterverbreitet, weil ich offenbar viel zu ängstlich ans Entfernen des Kronkorkens gegangen bin.
Michael Broger machte es mir vor: Einfach mutig, aber sorgfältig den Korken entfernen und abwarten – der Wein überschiesst nicht. Und wenn doch, dann muss man einfach ein Glas griffbereit haben. Es ist fast wie beim Bier!

Löwengang – faszinierender Chardonnay aus dem Südtirol.

Der Name Lageder steht bekannterweise für herausragende Weinqualität aus dem Südtirol. Der Chardonnay aus dem Ansitz „Löwengang“ wird inzwischen seit 36 Jahren angebaut, und man spürt die lange Erfahrung: Der Jahrgang 2016 ist ein bewegender, vibrierender, begeisternder Wein. Vielleicht auch, weil der bio-dynamisch produziert wird.

Eigentlich steht der weisse Löwengang (es gibt auch den roten Cabernet) für fast alles, was ich in meinem Blog normalerweise nicht beschreibe: Er ist teuer (rund CHF 50.00), er ist keine Entdeckung (welcher Weinfreund kennt Lageder nicht), er ist nicht rar (es werden rund 38’000 Liter hergestellt) und es handelt sich auch nicht um einen Wein aus einer unbekannten Rebsorte (hier erübrigt sich der Klammertext). Aber er hat etwas Besonderes an sich, und er hat mich mit seiner zurückhaltend-edlen Art fasziniert – sozusagen meine Seele berührt! Ich habe schon noch edlere Chardonnays im Glas gehabt, aber eher selten einen, bei dem einfach alles in einem perfekten Gleichgewicht ist: löwengang flasche

Er ist fruchtig, sogar etwas exotisch fruchtig, aber nicht zu sehr, er verfügt über eine perfekt eingebundene und stützende Säure, er wirkt frisch wie Quellwasser und ist trotzdem dicht und „füllig“, das Holz ist spürbar, aber nur dezent begleitend, sein Abgang will nicht enden. Ein Ausbund an Frucht, Eleganz, Finesse und Harmonie und ein Wein, der diese Spannung bis zum letzten Schluck beibehält!

 

Die Familie Lageder kaufte den Ansitz Löwengang in Margreid im Süden des Südtirols, nahe an der Sprachgrenze, im Jahr 1934. Schon damals wurden hier „internationale Sorten“ angepflanzt, so auch Chardonnay. Trotzdem galt Lageder im Jahr 1984 als Exot, als er den ersten Jahrgang des „Löwengang Chardonnay“ produzierte und auch noch in Barriques ausbaute. Dabei hatte er dafür einen berühmten Mentor: Alois Lageder sagt dazu selbst, dass Robert Mondavi 1981 den Impuls gab, indem er anregte, traditionelle Wege zu verlassen und Neues zu wagen – und unter anderem auch, den Wein auf der Hefe zu lagern. Mit dem Einsatz von Eichenholz und noch dazu unter Reduktion des Ertrages machte Lageder damals so ziemlich das, was zu jener Zeit als verrückt galt!

löwengang
Der Eingang ins „Weinparadies“ Löwengang. (Bild: Download Lageder, Foto Gianni Bodini)

Neue Wege verfolgt Lageder auch in der Bewirtschaftung der Reben. Seit 2004 wird der Familienbetrieb nach biodynamischen Grundsätzen geführt – Demeter-zertifiziert. Es ist immer wieder faszinierend, dass diese Methode ganz spezielle, faszinierende und irgendwie „vibrierende“ Weine hervorbringt.

Es lohnt sich übrigens, den Instragram-Account von Lageder zu abonnieren. Hier werden immer wieder tolle Bilder gezeigt, etwa, wie Kühe und Schafe im Rebberg weiden oder wie sich ein Fasan zwischen den Rebzeilen wohl fühlt!

https://aloislageder.eu/
https://www.instagram.com/alois.lageder/

In der CH u.a. erhältlich bei Bindella, http://www.bindella.ch

 

 

 

Weedenborn – Weltklasse-Sauvignon blanc aus Rheinhessen!

Sauvignon blanc-Queen! Wer über Gesine Roll vom Weingut Weedenborn recherchiert, stösst sehr schnell auf diesen „Titel“. Und wer ihre Weine probiert spürt schnell, dass er auch verdient ist. Besser kann man Sauvignon blanc – nicht nur in Deutschland – kaum produzieren.

Rheinhessen ist zwar flächenmässig das grösste Weinbaugebiet Deutschlands, galt aber lange Zeit nicht gerade als Qualitätsleader des deutschen Weins, wobei wohl vor allem die unselige „Liebfrauenmilch“ ein schlechtes Image geprägt hat. Diese Zeiten sind längst vorbei. Winzer wie Keller und Wittmann stehen ganz an der Spitze der deutschen Elite, und in Nierstein gibt es herausragende Weinbetriebe gleich im „Multipack“.

Es gibt da aber auch noch das Weingut Weedenborn im rheinhessischen Bergland. Aus Schweizer Sicht löst dieser Ausdruck zwar zuerst eher ein Lächeln aus, liegen doch die höchsten Lagen auf etwas über 300 m über Meer. Und doch liegt dieses Gebiet um 100 bis 200 m höher aus der Rest, was nicht nur eine tolle Weitsicht, sondern auch ein etwas kühleres Klima ergibt. Dass genau diese zusätzliche Frische einer Sorte wie der Sauvignon blanc gut bekommt, veranlasste schon den Vater von Gesine Roll dazu, diese Sorte anzupflanzen, kaum war sie offiziell zugelassen. Zum offensichtlich grossen Talent der heutigen Leiterin des Familienbetriebes kommt also auch Traubenmaterial von Reben in gutem Alter.

Viel mehr über den Betrieb brauche ich hier nicht zu schreiben, das können Sie gerne bei meiner geschätzten Blogger-Kollegin Nicole Korzonnek (Bottled Grapes) nachlesen, es lohnt sich! Den Link finden Sie unten.

Gerne unterstreiche ich bloss noch, dass eine Reduktion des Talentes von Gesine Roll auf den Sauvignon blanc ein Fehler wäre. Ich konnte aus einem Degustationspaket auch einen Chardonnay, einen Weiss- und einen Grauburgunder probieren. Alle drei überzeugen sehr – der Chardonnay (Westhofen 2018) für knapp 13 Euro würde z.B. in jeder Degustation der besten Weine aus dem Mâconnais locker ganz vorne mithalten. Es gäbe noch viel zu entdecken, u.a. Riesling und auch Rotweine – bei meiner nächsten Reise in die Gegend werde ich mich um einen Besuch auf dem Gut bemühen – wetten, dass daraus ein zweiter Beitrag entstehen wird!

Die Weine der „Sauvignon blanc-Queen“:

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Puristische Etiketten, aber mit einer Aussage: Die Linien zeigen das Gelände!

Sauvignon blanc 2019
Helles gelb mit leicht orangen Reflexen; typische Sauvignon-Nase auf der mineralischen Seite, etwas Stachelbeere, Holunderblüte, Feuerstein und sehr dezent tropische Früchte; im Mund sehr fruchtig, schöne, aber nicht übertriebene Säure, aufgrund der Mineralität dicht wirkend. Süffiger, frischer, aber alles andere als harmloser Sauvignon blanc. Ein Gutswein, der andernorts die Spitze darstellte.

Sauvignon blanc Terra Rossa 2018
Mittleres Gelb mit grünem Einschlag; in der Nase elegant-verhalten, Mirabelle, weisser Pfirsich, Steinmehl; im Mund enorm dicht, Mineralität ohne Ende, frisch, Säure und Alkohol in perfektem Gleichgewicht, sehr langer Abgang. Toller, eigenständiger Sauvignon blanc!

Sauvignon blanc Réserve 2017
Mittleres Gelb; in der Nase zwar eher dezent, aber enorm vielschichtig mit Duft nach Aprikosen, Mandeln, Orangen, frischem Bergheu, leichter Holzton; im Mund sehr mineralisch und trotzdem fruchtig, enorme Dichte, elegant, ausgewogen mit fast nicht endendem Abgang. Umwerfend schöner Wein – fast habe ich das Gefühl, eine gelungene Mischung zwischen einem grossen weissen Bordeaux und einem Burgunder im Glas zu haben!

Zum erwähnten Beitrag bei „Bottled Grapes“:

Weingut Weedenborn: Winzerin Gesine Roll aus Monzernheim

Zum Weingut, bestellen kann man hier „nur“ zwei Degustationspakete:
https://www.weedenborn.de/

Dafür sind viele der Weine hier erhältlich (Lieferung nur in Deutschland):
https://wirwinzer.de/weinregionen/rheinhessen/weingut-weedenborn

Lacrima di Morro d’Alba. Würzig-fruchtige Unikate abseits des Mainstreams!

Mainstream – also Cabernet, Merlot und Chardonnay aus irgendwo – war gestern! Gefragt sind authentische, einzigartige Weine, die es nicht an jeder Ecke zu kaufen gibt und welche die Geschichte eines Fleckens Erde zu erzählen haben. So wie der Lacrima di Morro d’Alba, der in den Marken, unweit der Hafenstadt Ancona wächst.

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Blick über einen Teil des Weinbaugebietes auf Morro d’Alba.

Lacrima? Alba? Nein, die Rede ist weder von Kampanien (Lacrimea Christi) noch vom Piemont. Morro d’Alba ist eine kleine Gemeinde in den Marken, wenige Kilometer von der umtriebigen Hafenstadt Ancona entfernt  – mit freiem Blick aufs Mittelmeer. Hier gedeiht auf nur rund 400 Hektar Fläche die Traubensorte Lacrima – was den Lacrima di Morro d’Alba (oder Lacrima di Morro) ergibt.

Wenn Ihnen das jetzt gerade nichts sagt, dann bin ich beruhigt. Ich kannte den Wein nämlich bis vor einem Jahr auch nicht. Im Juni 2019 – das war damals, als man noch unbeschwert reisen konnte – haben wir unbekannte Gebiete der Emilia-Romagna und der Marken bereist. Noch in der Emilia empfahl uns ein Hotelier auf meine Bitte, mir einen unbekannten Wein aus der Gegend zu servieren, eine Flasche von der er behauptete, das hätte ich sicher noch nie getrunken. Er sollte recht behalten, und ich machte die erste schöne Bekanntschaft mit der Lacrima di Morro d’Alba. (Zum Hotel siehe ganz am Schluss).

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Reben, Oliven, Korn: Wunderschöne Landschaft bei Morro d’Alba

Zwei Tage, und zwei Flaschen Lacrima di Morro d’Alba später besuchten wir dann das Herkunftsgebiet dieses Weines. Morro d’Alba ist ein für italienische Verhältnisse kleines, typisches Städtchen, schön auf einer kleinen Anhöhe gelegten und von sanften, reben- oliven- und kornbewachsenen Hügelzügen umgeben – mit herrlichem Blick auf die azurblaue Adria.

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Sanfte Hügel, markante Kirche von Morro d’Alba in der Bildmitte – und freier Blick aufs Mittelmeer!

Seit 1985 geniesst Lacrima di Morro d’Alba den DOC-Status, wobei dem Vernehmen nach damals nicht nur die Qualität zu diesem Status beigetragen haben soll, sondern auch die Absicht, diese Rebsorte vor dem Aussterben zu bewahren. Heute werden in der DOC rund 400 Hektar angepflanzt, was etwa 85 % der welt- oder besser italienweiten Anbaufläche entspricht.

Die Herkunft der Traube scheint noch weit gehend unerforscht, immerhin wird eine Verwandtschaft mit der Aleatico-Traube (vermutlich eine Mutation des Gelben Muskatellers) angenommen, aus der hauptsächlich Passito-Weine hergestellt werden, und die dafür auf Elba sogar eine DOCG besitzt. Diese These würde gut dazu passen, dass auch aus der Lacrima in Morro d’Alba Passito’s hergestellt werden, und auch die würzig-florale Art der Lacrima würde passen. Zum Namen gibt es zwei Theorien: Die eine nimmt die tränenartige Form der Trauben als Basis, die andere die Tatsache, dass die Traube in vollreifem Zustand gerne aufplatzt und „tränt“.

Wie schmeckt denn ein Lacrima? Würzig-floral ist das Schlüsselwort. Fast alle Lacrima sind in der Nase auffällig intensiv, ein ganzer Gewürzschwall kombiniert mit einem Früchtekorb kommt einem entgegen. Diese Eigenschaft wirkt aber in keinem der degustierten Weine aufgesetzt, sondern immer harmonisch und trotz Intensität nicht übertrieben. Im Mund sind die Weine eher leicht, in der Art durchaus vergleichbar mit einem Beaujolais, aber für die südliche Herkunft erstaunlich frisch. Ein Lacrima ist deshalb auch kulinarisch breit einsetzbar, vom kräftigen Fisch bis hin zu hellerem Fleisch oder einfach zu Gemüse, und selbst zu exotischen Speisen würden viele passen.

Es sind zwar keine grossen Weine, aber es sind Gewächse mit Charakter und mit einer spannenden Eigenständigkeit, die ich einem banalen Wein aus einer der eingangs erwähnten Weltsorten jederzeit vorziehe. Eine Entdeckung waren und sind die Lacrima di Morro d’Alba auf jeden Fall wert!

Degustationsnotizen (und ausnahmsweise auch Punkte, es geht ja um einen Vergleich):

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Die Flaschen in der Reihenfolge meiner Wertungen (von rechts nach links)

Orgioli, Lacrima superiore 2016, Marotti Campi, Morro d’Alba
Intensives, dichtes Rubin; dunkle Kirschen, Brombeeren, Gewürznelken, kleiner Anflug von altem Holz; im Mund sehr rund und ausgewogen, Säure, Tannine und Alkohol in gutem Gleichgewicht, im erstaunlich langen Abgang leicht „trocknende“ Tannine. Schöner, fruchtiger Wein, der aber auch ersstaunlich viel Tiefgang hat. 17 Punkte.

Paucca, Lacrima superiore, 2017, F.lli Badiali, Morro d’Alba
Mittleres bis dunkles Rubin; fruchtig (Himbeeren, Brombeeren), würzig, Noten von Tabak und Garrique; frische Säure, hoher, aber gut eingebundener Alkoholgehalt, leicht trocknende Tannine, druckvoll und erstaunlich dicht. Süffiger, fruchtiger aber nicht harmloser Wein, der mit etwas weniger Alkohol noch besser gefallen würde. 16,5 Punkte.

Lacrima superiore 2015, Stefano Mancinelli, Morro d’Alba
Mittleres Purpur mit leichten orangen Reflexen; würzig-pfeffrig, Maiglöckchen, Brombeeren, Pflaumen; Im Mund viel Tannin, schöne Struktur mit guter Säure, leichter, für mich schöner Bitterton, erstaunlich langer Abgang. 16,5 Punkte.

Lacrima 2018, F.lli Badiali, Morro d’Alba
Mittleres, glänzendes Rot, Durf nach Pflaumen und Johannisbeeren; sehr harmomische Säure, Tannin und Alkohol gut eingebunden, recht dicht, fruchtbetont. Mach Spass. 16 Punkte.

„Querci Antica“, 2015, Velenosi s.r.l., Ascoli Piceno
Mittleres Purpur; Duft nach frischem Tabak, Trüffel, Gewürznelken, Brombeeren; spürbare Tannine, mittlere Säure, mittlerer Körper, marginal spürbare Süsse im Abgang. Süffiger, sympathischer Wein. 15,5 Punkte.

„Le Cantarelle“, Lacrima 2014, Podere Santa Lucia, Monte San Vito
Dunkles Rot; Rauchton, Weichselkirschen, Brombeeren; knackige Säure, spürbarer Alkohol, schlank. Süffiger, fruchtiger Wein, der aber auch etwas harmlos ist. Wäre vermutlich jünger genussvoller zu geniessen gewesen. 15 Punkte.

Lacrima 2016, Luigi Giusti, Piersio Vanni, Montignano
Mittleres Rot; Himbeeren, Johannisbeeren, Waldpilze; markante, etwas „spitzige“ Säure, wenig Tannin, spürbarer Alkohol, schlank. Fruchtig-harmloser Wein. 15 Punkte.

Lacrima 2017, Stefano Mancinelli, Morro d’Alba
Dunkles Violett-Rot; Fehlton in der Nase (Lack), daneben fruchtig mit Tönen von dunklen Kirschen und Weichselkirschen, Anflug von Lebkuchen; im Mund bestätigt sich der Fehlton, ansonsten fruchtbetont mit schöner Struktur, Säure, Tannin und Alkohol in schönem Gleichgewicht. Schade für den Fehler, wäre sonst bei den Allerbesten. 14 Punkte.

http://www.marotticampi.it/
http://www.comune.morrodalba.an.it/index.php?option=com_contact&view=contact&id=50:az-agricola-fratelli-badiali&catid=32&Itemid=143
http://mancinellivini.it/
https://www.velenosivini.com/querciantica-lacrima-doc-superiore/
http://www.poderesantalucia.com/
https://www.lacrimagiusti.it/scheda.php?idpagina=11

Und falls sich jemand für die genauen DOC-Vorschriften interessiert:
http://www.ismeamercati.it/flex/AppData/Redational/pdf/Lacrima%20di%20Morro%20o%20Lacrima%20di%20Morro%20dAlba.pdf


Das Hotel mit dem guten Weintipp: Auch sonst einen Aufenthalt wert!
Hier ausnahmsweise wieder einmal ein touristischer Tipp: In diesem Hotel empfahl mir der deutsche Hotelier, der den Betrieb schon seit einem Vierteljahrhundert führt und der es geschafft hat, dass auch sehr viele Einheimische sein Restaurant besuchen, den ersten Lacrima. Übrigens jenen, den ich in der Degustation am besten bewertet habe. Das Hotel liegt sehr ruhig in freier Natur in den „Bergen“, rund 45 Fahrminuten ab Rimini. Es ist als Ausgangslage für Wanderungen, Biketouren und Ausflügen nach San Marino, San Leo, Urbania und eben Rimini ideal gelegen. Die Anfahrt ist kurvig, was gerade auch für Motorradfahrer spannend ist. Wenn Sie in der Gegend sind, ein Besuch lohnt sich!
http://www.piandelbosco.com/de/index.html

 

 

Cooperation Dirk Niepoort – Jan Schwarzenbach: Da ist das Marketing besser als der Wein.

Wenn sich zwei Wein-Koryphäen zusammentun um einen Wein zu lancieren, dann dürfte man ja Grosses erwarten. Gut, der Preis von rund CHF 21.00 lässt die Erwartungen dann schon etwas dämpfen. Und nach dem Probieren bleibt das Fazit: Das Marketing ist top, der Wein … nein, nicht gerade flop, aber auch nicht „shop“.

Ich schreibe ja sehr selten negativ über Weine. Jedem Winzer kann einmal ein Missgeschick passieren, und da mag ich dann lieber den Schleier des Vergessens darüber legen. Mein Weinblog soll ja vor allem Spass am Wein vermitteln. Aber hin und wieder sticht mich das Teufelchen, vor allem, wenn uns das Marketing ein X für ein U verkaufen will. So etwas hat meines Erachtens in der Welt der Weinfreunde nichts verloren (naiv, ich weiss!).

Dirk Niepoort, der sympathische, umtriebige Tausendassa (u.a. Inhaber der renommierten Portweinfirma gleichen Namens) und Jan Schwarzenbach, einer von nur 4 „Master of Wine“ der Schweiz, haben zusammen einen Wein lanciert. Schwarzenbach arbeitet bei Coop (auch nachdem er seinen MW erworben hat ist er seinem Arbeitgeber treu geblieben), und so war es naheliegend, dass der Grossverteiler den Wein unter seiner Reihe „Cooperation Wine“ lanciert.

Niepoort/Schwarzenbach und Coop beherrschen offensichtlich das Marketing aufs Beste. Der Wein bekommt zusätzlich eine schöne Halskrause mit einem kleinen Prospekt. Dessen Inhalt ist zwar völlig nichtssagend (eben, wohl Marketing unserer Zeit), aber er gibt dem Produkt gleich nochmals einen höheren Anspruch. Ich bin mir sicher, dass viele Weinfreunde den Wein allein aufgrund des Marketings ganz einfach toll finden „müssen“.

Prospekt zum Wein an jeder Flasche, man erwartet einen Spitzenwein.

Dass Niepoort selbst das Marketing beherrscht, beweist auch sein „Fabelhaft“. Bei diesem trockenen Wein mit deutschem Namen aus dem Douro-Tal soll es sich inzwischen um den meistverkauften Wein aus Portugal handeln.

Man darf den „Niepoort-Schwarzenbach-Cooperation“ durchaus als gut bezeichnen. Ich würde ihm 16 Punkte verteilen, was nach meinem Massstab tatsächlich „gut“ heisst. Aber er ist auch nicht mehr als das, gar etwas sehr harmlos, und letztlich ist man, angesichts der Erwartungshaltung die das Marketing geschürt hat, dann halt wirklich enttäuscht. Man kann den Wein kaufen und man kann ihn durchaus geniessen. Aber in dieser Preiskategorie gibt es hunderte von Weinen, die mehr Eindruck hinterlassen und Spass machen. Und man kann eigentlich auch gleich den deutlich günstigeren „Fabelhaft“ kaufen. Ich habe beide Weine des Jahrgangs 2016 nebeneinander degustiert, und die Ähnlichkeit ist frappant. Der Cooperation ist etwas dichter, dafür hat der Fabelhaft etwas mehr Säure – aber der Weintyp ist letztlich der gleiche!

Cooperation Niepoort/Schwarzenbach 2016:
Mittleres Rot; in der Nase helle Fruchtarmen, Nelken, schwarzer Pfeffer, Boskoop-Apfel; im Mund schlank, rund und durchaus harmonisch. Eher kurzer Abgang.

Auf der Coop-Homepage schreibt jemand zu diesem Wein in einem Kommentar: „… und dass MW Jan Schwarzenbach seinem selbst „gebrauten“ Wein 5 Sterne gibt, disqualifiziert ihn meines Erachtens als ernstzunehmenden Weinkritiker.“ Man kann sich der Kritik bezüglich der 5 Punkte absolut anschliessen (und immerhin anerkennend zur Kenntnis nehmen, dass der Kommentar nicht gelöscht wurde), allerdings nicht unbedingt in Bezug auf die Würdigung Schwarzenbach’s als Weinkritiker, sonst wäre er nicht MW. Aber hier tritt er halt vor allem als Verkäufer auf – eigentlich schade, dass er nichts Besseres zu bieten hat. Und dass Dirk Niepoort bessere Weine herstellt, steht ohnehin ausser Zweifel.