Markus Ruch: zum Glück Winzer und nicht Banker

Den Tipp verdanke ich Michael Broger. Er machte mich auf den Newcomer Markus Ruch aufmerksam, der im Klettgau eben erst mit Weinbau begonnen hatte. Wenn jemand, der so geniale Weine herstellen kann, wie Michael Broger – siehe :
https://victorswein.blog/2018/01/01/michael-broger-der-pinot-magier/
einen Winzer empfiehlt, dann muss er ja gut sein. Und deshalb bestellte ich blind den Jahrgang 2009 der „Hallauer Chölle“ von Ruch, und der wurde erst noch frei Haus geliefert – vom Winzer selbst. Eines Abends stand ein grossgewachsener, sympathischer junger Mann von der Türe und lieferte einen Karton seines Weines ab. Dank Michael Broger habe ich also das Privileg, einen Wein aus den Anfängen des Markus Ruch verkosten zu können.

Ein herrlicher Pinot der speziellen Art aus dem Kanton Schaffhausen. Ruch’s „Chölle“.

Eine dieser Flaschen habe ich heute getrunken, und eigentlich war es immer noch zu früh. Aber was für ein toller Wein! Ein Pinot fern des „Mainstreams“ zwar, und vermutlich deshalb auch nicht jedermann’s Sache – aber eben einer jener Weine, die Persönlichkeit und Charakter aufweisen, und die mir deshalb so sehr gefallen:

Für Pinot erstaunlich dunkles Rot mit ersten Reifetönen; Dörrzwetschgen, Thymian und ein leichter Cognac-Ton; im Mund mit Ecken und Kanten, aber ungemein spannend und auch ausgewogen zwischen Säure, Tannin und Alkohol, leichter Anflug von Vanille als einziger Hinweis auf den Holzeinsatz, langer Abgang. Eigenständiger, toller Charakterwein!

tMarkus Ruch war auf bestem Weg, eine Bank-Karriere einzuschlagen. Nach einer kaufmännischen Lehre arbeitete er noch einige Jahre im Bankwesen. Eigentlich bin ich sicher, er hätte auch dort Karriere gemacht. Aber ein Weinbaupraktikum am Strickhof in Wülflingen begeistere ihn so sehr, dass er nicht mehr vom Wein wegkam. Nach diversen Lernaufenhalten bei so renommierten Winzern und Winzerinnen wie Christian Zündel, Marie-Thères Chappaz und Hans-Ulrich Kesselring, aber auch im Burgund bei der Domain Derain, begann er 2007 in Hallau, im „Chlättgi“ (Klettgau, Schaffhausen), selbst Wein zu produzieren.

Seit der Lieferung des Jahrgangs 2009 verfolge ich das Wirken von Markus Ruch praktisch jährlich am traditionellen „Tag der offenen Weinkeller“ am 1. Mai. Allein das Hinuntersteigen in den antiken Keller in der „Zehntenscheune“ zu Hallau und der Keller selbst sind einen Besuch wert.
Sein Sortiment wurde breiter, und die Qualität nimmt von Jahr zu Jahr noch zu. Ruch arbeitet bio-dynamisch, und vielleicht deshalb sind seine Weine auch über all die Zeit eigenständig, aber ausdrucksstark und herzerwärmend geblieben.

Der einzige Wermuthstropfen: Ruch’s Weine sind nicht billig, und überhaupt welche zu erhalten, ist schwierig; sie sind immer schnell ausverkauft. Ich scheine nicht der einzige Weinfreund zu sein, der sie mag!

http://www.weinbauruch.ch/

1. Mai – auf zu den Winzern!

Ein absolutes Muss für jeden Weinfreund: Tag der offenen Weinkeller!  Und meine Vorpremière bei Broger und Haug

Wenn es diesen Anlass nicht gäbe, man müsste ihn erfinden! Am 1. Mai (und in diesem Jahr oft auch am 5. und/oder 6. Mai) öffnen selbstkelternde Winzer der Deutschschweiz ihre Weinkeller:

https://www.offeneweinkeller.ch/home/

Verpassen Sie diese Anlässe nicht, besser können Sie nie Einblick in die qualitativ meist hochstehende Weinschweiz erhalten!

Ich selbst habe heute schon begonnen; es gab einige wenige Betriebe, die schon an diesem Sonntag geöffnet hatten. So war ich bei meinem persönlichen Favoriten, Michael Broger am Ottenberg im Thurgau (siehe weiter unten). Davor besuchte ich aber auch ein mir bisher unbekanntes Weingut in Weiningen (Nomen est Omen), und dieser Besuch gab sozusagen die Richtung vor – der 1. Mai dient dazu, Neues, und oft Tolles, zu entdecken!

Wein und Kultur – und herausragende Weisse

haug
Robin Haug im Keller des Weingutes in Weinigen, das im Moment auch eine Kunstausstellung ist. (Bild vl)

Der Besuch im Weingut Haug zeigte exemplarisch, was an Entdeckungen am Tag der offen Weinkeller in positivem Sinne möglich ist. Eine mir bis anhin (abgesehen vom „Gubrist-Stau“) völlig ungekannte Weinortschaft, ein unbekannter Winzer – eigentlich nur gewählt, weil er schon heute offen hatte. Und dann: Ein wunderschönes Weissweinsortiment und zumindest gute Rotweine! Also eine Entdeckung und ein Ort, an dem man mich wieder sehen wird!

Während die Roten – vielleicht mit Ausnahme des Pinot Barrique, der Liebhbaber finden wird, mir aber zu untypisch, zu üppig und zu holzbetont vorkam – einfach gut waren, verdienen die Weissen allesamt das Prädikat sehr gut. In einem tollen Sortiment besonders aufgefallen sind ein Räuschling, der sortentypisch ist, aber gleichzeitig viel mehr Körper hat, als allgemein üblich (Zürichseewinzer: aufgepasst vor dem Limmattal!), ein dichter Pinot gris und ganz speziell ein Gewürztraminer des Jahres 2013, der auch fast ohne Restsüsse ganz wundervoll diese Rebsorte ausdrückt. Ganz generell gefiel mir, dass keiner der Weine eine übertriebene Restsäure aufwies und trotzdem alle auch für den Durschnittskonsumenten süffig erschienen. Solche Winzer sollte es mehr geben.

Also, am 1. Mai ausfahren und solche oder ähnliche Erlebnisse und Entdeckungen mit Schweizer Winzern machen! Es lohnt sich.

Der Pinot-Magier kann auch weiss

Dass ich ein bekennender Fan von Michael Broger am Ottenberg bei Weinfelden bin, ist Lesern meines Blogs bekannt.
https://victorswein.blog/2018/01/01/michael-broger-der-pinot-magier/

Auch die Roten des Jahrgangs 2016 zeigten einmal mehr das aussergewöhnliche Niveau dieser Weine: Die „alte Rebe“, das „Flaggschiff“ von Broger, ist umwerfend, von unglaublicher Klarheit, Finesse und Kraft – einzigartig! (Zur Feier des Tages habe ich am Abend eine „alte Rebe“ 2011 geöffnet: erste Trinkreife, feinste Pinot-Frucht, die erst jetzt richtig zum Vorschein kommt, kräftig und trotzdem eleganz und unendlich lang. Klasse!). Kaum weniger interessant der „Schnellberg“, der „nur“ in einjährigem Holz ausgebaut ist und deshalb schon etwas nahbarer und eigentlich schon genussvoll trinkbar ist; auch dieser Wein berührt die Seele!

ottoberg
Frühling am Ottenberg: rechts das Schlossgut Bachtobel (das leider am Tag der offenen Weinkeller nicht teilnimmt), links, etwas verdeckt, das Weingut von Michael Broger.

Broger kann aber auch tolle Weisseine machen: Der 2017 Müller Thurgau ist für einmal fast ohne Restsüsse ausgebaut und steht für mich als Prototyp für den Wein, mit dem die Winzer uns Kosumenten wieder für diese Rebsorte gewinnen könnten: fruchtig, muskatbetont, mit frischer Säure, kombiniert mit einer nur marginalen Süsse, süffig, aber auch mit einer gewissen Dichte, einfach toll.
(Und, das passt jetzt so gut zum Tag der offenen Weinkeller: praktisch allen in der Schweiz angebotenen ausländischen Weinen in diesem Preissegment ganz einfach überlegen!).

Und schliesslich: Broger produziert seit Kurzem auch einen reinsortigen Riesling! Ich habe ihn toll gefunden, sehr sortentypisch (ich wäre blind nie auf einen Schweizer Wein gekommen), mit knackiger Säure, kombiniert mit einer kaum spürbaren, aber schön ergänzenden Restsüsse. Vielleicht mangelt es noch etwas an Körper, aber es sind ja auch noch junge Reben. Diesen Wein würde ich gerne einmal einem guten deutschen Riesling gegenüberstellen, eigentlich bin ich sicher, dass er nicht abfallen würde.

Ein Grund mehr, am 1. Mai die Vielfalt der Schweizer Weinlandschaft zu entdecken!