Fredi Strasser’s Lebenswerk: Ein Buch als „Muss“ für wirklich alle Weinfreunde!

Wenn Sie noch ein tolles und sinnvolles Weihnachtsgeschenk für einen Weinfreund suchen: voilà! Ein Schweizer Pionier im biologischen Rebbau hat ein Buch herausgegeben, das faszinierend ist. Und es passt eben wirklich für alle. Für ökologisch eingestellte Weintrinker, weil es bestätigt und Wissen ergänzt. Aber noch viel mehr für alle anderen, weil es völlig undogmatisch eine neue Sicht auf Reben und Umwelt vermittelt – und zum Denken anregt!

Das Buch heisst „Pilz-resistente Traubensorten“ – und der Titel ist eigentlich das am wenigsten Präzise daran. Es ist zwar gemäss Verlag eines der ersten „Piwi-Bücher“ überhaupt. Aber eigentlich ist es viel, viel mehr, nämlich ein Vermächtnis eines der grossen Bio-Pioniere im Rebbau, und eine faszinierende Beschreibung, wie ein Winzer mit umweltgerechten Methoden die Reben und den Boden ohne Gift ins Gleichgewicht bringen kann.

Fredi Strasser in seinem Element: So spannend wie er erzählt, liest sich sein Buch.

Aber vor allem: Das Buch ist nie dogmatisch, Fredi Strasser schildert einfach sein enormes Wissen, das er sich als „Studierter“ (Ing. Agr. ETH) vor allem auch empirisch im Alltag angeeignet hat. Eigentlich ist es auch ein geniales Lehrbuch. Fredi Strasser schafft es zusammen mit der Mitautorin Franziska Löpfe, auf knapp 250 Seiten einen hervorragenden Überblick über die Wunderpflanze „Rebe“ und ihre Kultivierung sowie die Weinherstellung zu geben. Und ebenso wird auf sehr gut verständliche Art ein grosses Wissen über die Problematik des Rebbaus in Bezug auf Krankheiten und Schädlinge vermittelt – und die verschiedenen Arten, wie man dem als Winzer begegnen kann. Ein ganz wichtiger Teil des Buches widmet sich zudem der Bodenfruchtbarkeit und dem schonenden Umgang mit unserer Lebensgrundlage.

Ich werde nie vergessen, wie Fredi Strasser an einem Rebumgang an beliebigen Stellen eine Sonde in seinen Rebberg gesteckt hat, mit dem Hinweis, dass ein durchlässiger, lockerer und bewachsener Boden nicht nur fruchtbarer ist, sondern bei Niederschlägen auch das Wasser zurückhält und speichert. Er musste deshalb seine Neupflanzungen auch in trockenen Jahre nicht bewässern. Keine zwei Wochen später ergoss sich ein Unwetter mit kurzen, aber sehr heftigen Regenfällen über das Stammertal. Ein Augenschein ergab, dass im Rebberg von Fredi Strasser alles Wasser problemlos versickerte, während es sich ein paar Meter entfernt in einer konventionell bewirtschafteten Parzelle in Sturzbächen auf die unterliegende Strasse ergoss.

Rechts demonstriert Fredi Strasser die Durchlässigkeit seiner Böden. Hier gab es auch nach dem Umwetter keine Schwemmschäden. Links eine herkömmlich bewirtschaftete Parzelle eines anderen Winzers in der Nachbarschaft – wertvoller Boden ist weggeschwemmt.

Ein kleinerer Teil des Buchs widmet sich dem Autor und Biopionier selbst. Und diese Passagen haben es auch in sich. Hier erfährt man einiges über den inneren Antrieb des Autors, aber noch viel mehr über all die Steine und Knebel, die einem Visionär wie Fredi Strasser von der „offiziellen Schweiz“ in den Weg gelegt wurden. Ein bisschen Glück und „Vitamin B“ gehört manchmal auch dazu, wenn man die Steine wegräumen will. Fredi Strasser wurde in sehr jugendlichem Alter der erste Bio-Landwirtschaftslehrer an der Zürcher landwirtschaftlichen Schule Strickhof. Und ebenda besuchte anfangs der 1980er-Jahr ein gewisser Andrea Hämmerle, Biohof-Quereinsteiger und später Nationalrat, die Vorlesungen von Strasser. Es entwickelte sich eine Freundschaft, und dank dieser brachte Hämmerle in der Wirtschaftskommission des Nationalrates den Antrag ein, dass auch neue Rebsorten, und eben auch Piwi, in der Schweiz zugelassen werden. Gegen den Willen des damals zuständigen Bundesrates, und gegen den Widerstand von zwei Westschweizer Winzern in der Kommission („les hybrides – on ne peut pas les boire“) setzte sich Hämmerle schliesslich durch. Damit war der Weg frei, Piwi-Sorten auch in der Schweiz anzupflanzen.

Zwei Freunde veränderten die Schweizer Reblandschaft: Fredi Strasser und alt NR Andrea Hämmerle.

Zurück zum Buch: Es ist ungemein spannend und auch sehr flüssig und lesefreundlich geschrieben, ohne dabei an Substanz zu verlieren. Etwas speziell ist die Kombination aus wissenschaftlichen Erkenntnissen, welche der Ing. Agr. ETH Strasser einbringt, und empirischen Erfahrungen, welche der Naturbeobachter Strasser beisteuert. Ich habe die wichtigsten Passagen einem in Oxford forschenden Mikrobiologen vorgelegt. Er kritisiert als Wissenschaftler zu recht, dass der Unterschied zwischen etablierten Fakten, mit denen ein Abschnitt meistens beginnt, und eigenen Hypothesen nicht klar gekennzeichnet wird. Als wissenschaftliches Buch kann es deshalb nicht durchgehen, aber das war ja wohl auch nicht die Absicht. Trotzdem hält auch der Biologe das Buch als Übersicht für den Laien für durchaus gewinnbringend. Wenig begeistert ist er freilich über den Schlussteil zu Knöllchenbakterien und Mykorrhizen, aber das ist halt ausgerechnet sein eigenes Forschungsgebiet.

Auch über Zucht und Eigenschaften von Piwi-Reben erfährt man einiges, vor allem über die auf Strasser’s Betrieb angepflanzten. Und wem das jetzt immer noch nicht genügt, der sei noch darauf hingewiesen, dass auch die Tiere nicht zu kurz kommen – die gesamte Fauna im Sinne der Biodiversität mit Schädlingen und vor allem auch Nützlingen, aber auch die Haus- und Nutztiere, welche Strasser’s halten und die auch aus dem Rebberg nicht wegzudenken sind.

Pferde (und andernorts Schafe) im Rebberg – ersetzen den Mäher!

Quintessenz: Ich habe kaum je ein Weinbuch derart „verschlungen“ wie dieses. Es schafft den Spagat zwischen moderner Kommunikation und ernsthafter Wissensvermittlung in hervorragender Art. Und es ist wirklich für jeden Weinfreund geeignet:

  • Der Weinfreund, der nur wenig darüber weiss, wie Reben gepflegt werden und wie Wein entsteht, bekommt hier in geraffter Form einen sehr guten Einstieg und Überblick.
  • Der Umweltbewusste wird aus diesem Buch noch lernen können (ich selbst bewirtschafte einen kleinen Rebberg, mehrere Jahre war ich auch biologisch unterwegs, aber ich hatte beim Lesen und beim Rundgang mit Fredi Strasser unzählige „Aha-Erlebnisse“).
  • Der neugierige Weinkenner wird entdecken, dass es sich lohnt, sich mit neuen Sorten auseinanderzusetzen.
  • Vor allem aber für Skeptiker eignet sich das Buch ganz besonders: Wer es liest, und nicht völlig mit Scheuklappen durch’s Leben geht, wird im Minimum den einen oder anderen Denkanstoss erhalten.

Damit würde dann das Buch nicht nur zur Zusammenfassung des Lebenswerks des Fredi Strasser, sondern auch zur Basis für einen schonenderen Umgang mit der Umwelt werden. Was könnte sich der Bio-Pionier Schöneres wünschen?

Fredi Strasser, Franziska Loepfe: Pilzresistente Traubensorten (Reben biologisch pflegen, naturreinen Wein geniessen – das Piwi-Buch), Haupt-Verlag, Bern, ISBN 978-3-258-08187-8. CHF 39.00.
https://www.haupt.ch/buecher/natur-garten/pilzresistente-traubensorten.html


Fredi Strasser und seine Weine:
Fredi Strasser hat Jahrgang 1958 und wuchs in Nussbaumen im Kanton Thurgau als Bauernsohn auf. Strasser lebt heute mit seiner Frau Maria in Stammheim im Kanton Zürich, wo er sein eigenes Weingut betreibt. Wie er zu diesem Gut gekommen ist, kann sehr spannend erzählt im Buch nachgelesen werden.
Er studierte in Zürich an der ETH Agrarwissenschaft, war während Jahrzehnten Lehrer für Biolandbau an der landwirtschaftlichen Schule Strickhof, ist Gründungsmitglied der Stiftung Fintan, eines bio-dynamisch arbeitenden Vorzeige-Betriebes in Rheinau und war auch in der Hauptrolle bei der Neuanlage der imposanten Weinlage „Chorb“, hoch über dem Rhein. Seit rund 10 Jahren besitzt er nun bestes Rebland in Stammheim, welches er nach und nach auf Piwi-Sorten umstellte.

Und wie schmecken seine Weine? Gut! Hier zwei Beispiele:

Soleil d’Or, weiss, 2018
(Cuvée aus Excelsior und Seyval Blanc)
Helles Gelb, intensive in der Nase, florale Töne nach Lindenblüte und Rebenblüte (!), intensiver Lychee-Duft; im Mund recht dicht, spürbare Fruchtsüsse, dezente, aber gut stützende Säure, leichter, erfrischender Bitterton, mittlerer Abgang. Schöner Wein, kaum ein Hinweis auf Piwi! 16,0 Punkte (=gut bis sehr gut).

Maréchal Foch, rot, 2017
Mittleres Rot; sehr fruchtige Nase, Himbeeren und sehr ausgeprägt Walderdbeeren, etwas Kiwi; im Mund wenig Tannin, Säure und Alkohol sehr gut ausgewogen, schlank. Erst ganz am Schluss im mittleren Abgang ganz leicht „foxig“. Gelungener Wein, 15,5 Punkte (= gut).

https://www.stammerberg.ch/ueberuns/betrieb


Und schliesslich noch für alle, die immer noch glauben, „les hybrides – on ne peut pas les boire“:

„Piwi-Weine sind untrinkbar“. Umdenken ist angesagt – hier ein Spitzenwein als Beweis! – Victor’s Weinblog

91-26-26 – ein Piwi-Wein wie ein 6-er im Lotto! – Victor’s Weinblog

Trinken Sie sich mal einen Kater! Und bauen Sie dabei schmerzlos Vorurteile ab. – Victor’s Weinblog

Online-Degustationen sind mehr als nur ein Lückenfüller! Und die Weinzeitschriften pennen.

Die zwei Online-Degustationen, auf die ich hier hingewiesen hatte, sind inzwischen schon vorbei. So unterschiedlich sie waren – das ist ein Kanal, der meines Erachtens auch nach Corona nicht mehr wegzudenken sein wird!

Bevor ich in meinem nächsten Beitrag wieder sozusagen auf „Normalmodus“ schalten und über einen begeisternden Piwi-Wein schreiben werde, blicke ich kurz zurück auf zwei digitale Degustationen:

Die Cave du Rhodan aus Salgesch und das Weingut Schwarz aus Freienstein waren die ersten – oder gehörten zumindest zu den ersten – die reagiert haben, und welche die Degustationen vor Ort mit einer virtuellen Veranstaltung zu ersetzen versuchten. Siehe hier:
https://victorswein.blog/2020/03/23/corona-macht-erfinderisch-spannende-online-degustationen-zum-mitmachen/

Vorweg: Beide Veranstaltungen sind ausserordentlich gut gelungen! Dabei hätten sie unterschiedlicher kaum sein können. Am 2. April die Degustation der Cave du Rhodan mit dem Ehepaar Mounir, das im „Studio“ (vor dem Barriquekeller) medial und vinologisch so professionell auftrat, dass man sie problemlos gleich dem TV empfehlen könnte.

Das „Studio Rhodan“ vor dem Barriques-Keller in Salgesch …
… das Ehepaar Sandra und Olivier Mounir live …

Am 3. April das Ehepaar Schwarz, das jugendlich-unbekümmert und frisch präsentierte und dabei auch durch die Rebberge streifte und nicht nur Wein, sondern auch ihre Tiere vorstellte (das Büsi [Katze] ist mir ans Herz gewachsen!). Beide brauchten rund 75 Minuten, die Mounir’s für sechs, die Schwarz‘ für drei Weine. Gratulieren darf man beiden, so „aus dem Boden gestampft“ waren das ganz hervorragende Produktionen!

… und das Freiluft-Studio des Ehepaars Priska und Andreas Schwarz, Schwarz Weingut, in Freienstein.

Beide Degustationen waren naheliegenderweise so gestaltet, dass sie sich an ein interessiertes, aber nicht professionelles Publikum wandten. Also sozusagen an den Durchschnitt der Besucher, die normalerweise an die Tage der offenen Weinkeller strömen. Gratulation an beide Paare, sehr gut gemacht!

Persönlich bin ich überzeugt, dass das digitale Format Corona überdauern wird. Natürlich ist der persönliche Kontakt eigentlich unersetzbar. Aber ich persönlich würde nur sehr selten für eine Degustation ins Wallis fahren, aber online teilnehmen, das geht – und man kann erst noch hin und wieder einen feinen Tropfen schlucken, da man danach nicht mehr fahren muss! Ich kann mir das Format auch für Profis vorstellen, dann allerdings nicht „eindimensional“ auf dem Youtube- oder Facebook-Kanal, sondern als interaktive Vidoekonferenz. Wetten, dass wir uns dereinst erinnern und sagen „während Corona haben findige Winzerinnen und Winzer damit begonnen“?

Beide Weingüter bieten weitere, teils auch spezialisierte und für kleinere Gruppen „designte“ digitale Degustationen an, für welche man noch Weine bestellen kann. Inzwischen gibt es aber auch schon weitere Güter und teils auch Weinhandlungen, welche diesen neuen Kanal ausprobieren, wie etwa – ebenfalls aus Salgesch, das zu digitalen Hochburg wird – das Haus Albert Mathier et Fils:
https://rhodan.ch/pages/live-weindegustation
https://weingutschwarz.ch/eventsver/live-weindegustation/
https://mathier.ch/events-ausfluege/virtual-winetasting/

Weinzeitschriften pennen

Bestimmt gibt es weitere Güter, welche diesen neuen Weg beschreiten. Es wäre wohl die Chance für Weinzeitschriften, sich nun mit einem täglich aktuellen „Onlineführer“ zu positionieren. Ein Check bei Vinum, Falstaff, Revue du Vin de France und Decanter ergab leider keinerlei Hinweise, dafür sieht der Veranstaltungskalender von Vinum trostlos aus, das Wort „abgesagt“ ist angesagt. Alle Homepages präsentieren sich so, als wäre nichts geschehen, bei Decanter findet man immerhin den für die Allgemeinheit so wichtigen Hinweis, dass die Prüfungen für den MW-Titel verschoben wurden.

Bitte verstehen Sie mich nun nicht falsch: Ich schätze alle erwähnten Titel sehr, und gerade Vinum ist in den letzten Jahren wieder eine richtig gute Informationsquelle geworden. Aber es passt so überhaupt nicht zusammen, über die virtuelle Konkurrenz zu jammern (ich habe mich darüber schon einmal ausgelassen):
https://victorswein.blog/2019/04/28/ein-gutesiegel-fur-weinblogs-und-ein-gratis-tipp/
und dann in einer solchen Zeit einfach auf die nächste Print-Ausgabe zu warten, sofern dann dazu überhaupt etwas zu diesen digitalen Degustationen geschrieben wird.

Sorry liebe Weinjournalisten, ihr verpasst gerade einen Zug, der voll am Anfahren ist!

Corona macht erfinderisch: spannende Online-Degustationen zum Mitmachen!

Die einen stecken den Kopf in den Sand, die anderen handeln. Hier zwei Beispiele innovativer Winzerinnen und Winzer, welche das Beste aus der Situation machen. Und wer weiss, vielleicht ist das bis in ein paar Jahren gar die Normalität?

Als Weinblogger fragt man sich natürlich in diesen Zeiten, ob man überhaupt noch Beiträge schreiben soll, darf, kann oder gar muss. Es gibt in diesen Tagen wahrlich Wichtigeres als Wein – und ist es nicht schon fast peinlich, Texte über die wichtigste Nebensache der Welt zu schreiben (die bisher wichtigste liegt ja inzwischen ganz auf Eis)? Ich für mich habe vorerst entschieden, weiter zu bloggen, behalte mir aber vor, in ein paar Wochen je nach Entwicklung anders zu denken. Der Hauptgedanke: Etwas Schönes muss der Mensch ja auch noch haben!

Der heutige Beitrag fällt mir da um so leichter, als er lediglich einen Hinweis auf Leistungen anderer darstellt. Wenn Degustationen vor Ort verboten sind (ausgerechnet im Frühling, wenn die neuen Weine auf den Markt kommen und üblicherweise die höchsten Umsätze erzielt werden), haben sich zwei Winzer unabhängig voneinander zu einer speziellen Aktion entschlossen: online degustieren!

Schwarz Wein aus Freienstein: Wine goes online!

SchwarzWein in Freienstein (ZH) schreibt dazu: „So was haben wir noch nie gemacht. Jetzt ist ja die Zeit um etwas Neues auszuprobieren.“
Und die Cave du Rhodan (VS), über die ich eben erst hier berichtet habe,
https://victorswein.blog/2020/03/07/domaine-trong-der-cave-du-rhodan-bio-dynamisch-an-die-spitze/
notiert: Bleiben Sie Zuhause, bleiben Sie gesund – wir kommen zu Ihnen. Das Projekt #WalliserSonnenschein geht in die nächste Runde und bietet Ihnen die Möglichkeit interaktiv und Live online Weine zu degustieren.

Und die gleiche Idee der Cave du Rhodan. Die Daten passen sogar, man kann am 2.4. Weine aus dem Wallis und am 3.4. (sowie weiteren Daten) aus dem Zürcher Unterland degustieren!

Soll man in diesen Zeiten noch bloggen? Wenn man so innovativen Winzern damit vielleicht ein wenig zusätzlich helfen kann, dann ist die Antwort ohnehin ja. Aber wie ausgeführt, es werden auch weitere, „normale“ Beiträge folgen!

Anzumerken ist noch dies: Beide Weingüter haben sich schon länger durch eine ausgeprägt moderne Art und Weise auch Online und in den sozialen Medien präsentiert. Und sicher nur deshalb waren beide auch in der Lage, sofort zu reagieren und die Weindegustation online anzubieten. Erfolg kommt also nur sehr selten zufällig, sondern ist erarbeitet – damit es auch in Krisenzeiten noch läuft!

Zu Priska und Andreas Schwarz wollte ich übrigens schon lange auch schreiben, nicht nur, weil ich deren Weine toll (und Teile davon manchmal auch „genial-verrückt“ modern) finde, sondern auch, weil sie selbst einen „Video-Weinblog“ betreiben, in dem mit gut gemachten Filmen auf wunderbare Art und Weise vermittelt wird, was auf dem Gut gerade abgeht). http://winzerblog.ch/.

https://rhodan.ch/blogs/news/live-weindegustation-so-funktionierts
https://weingutschwarz.ch/eventsver/live-weindegustation/

Die jungen Wilden. Nur halb so wild, dafür total gut!

Junge Schweiz – neue Winzer. So heisst eine Vereinigung, der sich unter 40-jährige Winzerinnen und Winzer anschliessen können. Am „Swiss Wine Tasting“ traten sie kürzlich mit je zwei Weinen auf – und überzeugten auf der ganzen Linie.

„Die jungen Wilden“, so wurde der Gemeinschaftsstand im Katalog bezeichnet. Der Titel war nicht ganz richtig, genau wie die räumliche Platzierung der Gruppe in einer engen Nische – die acht teilnehmenden Weingüter hätten einen besseren Platz verdient.
Wobei acht eigentlich ohnehin die falsche Zahl ist, denn mit Johann-Baptista von Tscharner, Patrick Adank, Martin Wolfer, Robin Haug, Alain Schwarzenbach, Susi Steiger-Wehrli, Fabrice und Stéphane Simonet, Marylène und Louis Bovard-Chervet, Martin Porret sowie Jonas Huber waren zehn weitere Güter am Anlass vertreten – aber eben einfach nicht am Gemeinschaftsstand, sondern im grossen Saal und somit unter der Gilde der etablierten Güter (bzw. an prominenteren Sonderstand „Zürisee“ im Falle von Schwarzenbach).
Um auf den eigentlich verdienten besseren Platz zurückzukommen: Alle acht Jungwinzerinnen und -winzer am „Katzentisch“ halten qualitativ ohne Weiteres mit den grossen Weingütern mit. Deshalb stellt sich schon die Frage, ob sie künftig nicht einfach in die Ausstellung gehörten und dort allenfalls als Mitglied von „Junge Schweiz – neue Winzer“ gekennzeichnet werden könnten.

Dezent in der Beschriftung, gross im Auftritt: die jungen Winzerinnen und Winzer (hier das Eingangstor zur Cave Caloz in Miège).

Wie auch immer: Was die acht am Gemeinschaftsstand vertretenen Güter zeigten, ist Spitzenklasse:

Bechtel-Weine, Eglisau, Mathias Bechtel
Ein holzbetonter, aber schöner Chardonnay 2017 und ein herrlicher Pinot noir 2017, mit dem Bechtel zeigt, dass er während seiner Jahre als Kellermeister von Pircher viel Pinot-Klasse verinnerlicht, sich aber gleichzeitig auch mit einem etwas weniger filigranen Stil emanzipiert hat.

Schott-Weine, Twann, Anne-Claire Schott
Spannender, dichter, aber auch etwas gewöhnungsbedürftiger „Blanc orange“ 2018 aus vier Traubensorten und ein charaktervoller, kräftiger Pinot noir 2018 (Mon vieux Pinot noir) ohne Schwefelzugabe.

Javet + Javet, Lugnorre, Etienne Javet
Ein filigraner Pinot noir 2017 (aimetere de la Chamba) und ein unglaublich gehaltvoller und frischer „orange Chasselas“ 2018 (Or du temps) – orange wine vom Feinsten!

Cave de l’Orlaya, Fully, Mathilde Roux
Ein Bilderbuch-Gamay 2017 (vieilles vignes), fruchtig und mit Tiefe sowie ein schöner Petite Arvine 2018, der mir persönlich ohne die – freilich dezente – Restsüsse noch besser gemundet hätte.

Cave Corbassière, Saillon, Nicolas Cheseaux
Herausragender, frischer und fruchtiger Petite Arvine 2017 (Saillon Grand Cru) mit Tiefgang und der wohl beste Diolinoir (2016), den ich je gekostet habe und der zeigt, was in dieser Sorte steckt: dicht und gleichzeitig elegant, fruchtig, würzig und mit einer unglaubliche Frische (ohne Schwefelzusatz!).

Sélection Comby, Chamoson, Yann Comby
Ein sehr schöner, salzbenonter Petite Arvine 2018 (La Tsoume) und ein typischer Cornalin 2018 (La Crête) mit Potential.

Cave Caloz, Miège, Sandrine Caloz
Sehr schöner Marsanne Blanche 2018 (Vieilles Vignes Les Clives) mit Restsüsse und ein ungemein saftiger, fruchtiger, mit viel Tannin unterlegter, herrlicher Humagne Rouge 2018 (Les Bernunes).

Weingut Cipolla, Raron, Romain Cipolla
Ein saftiger, sortentypischer und für Walliser Verhältnisse sehr frischer Sauvignon blanc 2018 (Heidnischbiel) und ein schöner, zarter Pinot noir 2018 (Bieltin), der mit ein bisschen mehr Säure noch bemerkenswerter wäre.

16 präsentierte Weine, keine einzige Enttäuschung, sieben absolute Spitzenweine und ein ganz generell sehr hohes Niveau: Genial, was die Jungen hier zeigten. So wild, wie sie benannt wurden, sind sie aber nicht. Wohl suchen sie teils neue Wege – Anne-Claire Schott wäre da vorab zu nennen -, aber letztlich sind es einfach aussergewöhnliche Winzer(innen)-Talente, die beim nächsten Mal definitiv allesamt mit in die Präsentation der Etablierten gehören.

Nicolas Cheseaux – Primus inter pares?
Auch wenn es etwas unfair ist, dann hebe ich jetzt trotz allem einen Winzer besonders hervor: Nicolas Cheseaux von der Cave Corbassière. Die beiden präsentierten Weine waren eindrücklich, aber ich konnte bei ihm auch schon mal das ganze Sortiment probieren und empfehle Ihnen, sich diesen Namen speziell zu merken: hier zeigt sich das Talent eines Spitzenwinzers, der das Zeug hat, international für Furore zu sorgen.

Nicolas Cheseaux, Cave Corbassière, Saillon: Merken Sie sich alle Namen der jungen Winzer, und diesen ganz besonders!
http://www.corbassiere.ch/

Hier der Verweis auf die Homepage von „Junge Schweiz – neue Winzer“. Die Links zu den einzelnen Mitgliedern finden Sie auf dieser Seite unter „Winzer“.

https://www.jsnw.ch/home/

Le vin suisse existe – même après dix ans!

Vielleicht wäre der Titel ja treffender mit „le vin suisse n’existe pas“ – zumindest in den Köpfen immer noch vieler Schweizer „Weinfreunde“. Und ganz sicher mit einem Blick von ausserhalb der Schweiz. Aber das ist falsch! Der Schweizer Wein existiert – auf sehr hohem Niveau. Und er kann altern – und wie!

Das grosse Swiss Wine Tasting der besten Schweizer Weine von anfangs Dezember war mehr als einen Besuch wert (und auch mehr als nur einen Artikel hier – Fortsetzung folgt). Angesichts der unglaublichen Vielfalt an Spitzenweinen war der Eintritt von Fr. 20.00 schon fast läppisch tief. Dies vor allem auch, weil zusätzlich zur „normalen“ Ausstellung auch Weine des „Swiss Wine Vintage Award“ aus dem Jahrgang 2009 degustiert werden konnten.

Wer möchte sich da nicht einschenken lassen? Schweizer Spitzenweine aus dem Jahrgang 2009 in Reih und Glied!

In einer Sonderschau waren 57 Schweizer Weine aus dem Jahr 2009 vertreten, davon 19 weisse (inkl. 2 Süssweine) und 38 rote. Das Resultat mit einem Wort vorweg: beeindruckend! Nicht einer der präsentierten Weine war schon zu alt, kaum einer war unangenehm gereift und einige waren gar erst so richtig in Hochform!

Am meisten überraschten die Weissweine. Selbst die Chasselas machten noch alle Spass, einzelne wie der Dézaley Médinette von Bovard, der Clos de Mangold der Domaine Cornulus oder der Le Brez der Domaine de Colombe präsentierten sich sogar noch richtig jugendlich. Am meisten beeindruckt haben mich bei den Weissen aber der Completer von Donatsch (trotz leichter Restsüsse), der Petit Arvive Château Lichten von Rouvinez und – ganz besonders – die beiden senstationellen Räuschlinge vom Zürichsee von Lüthi (dicht und jugendlich) und noch mehr von Schwarzenbach (unglaubliche Frische).

Umwerfend war der mit Restsüsse gekelterte Petit Arvine Grain Noble Domaine des Claives von Marie-Thérèse Chappaz – diese Frische, diese Ausgewogenheit, diese Finesse, nichts Klebriges – das ist ganz einfach ein Wein zum Träumen!

Bei den Roten gefielen fast alle Tessiner Merlots, für mich persönlich allen voran der sanfte, würdevoll gereifte Orizzonte von Zündel und der Balin von Kopp von der Crone Visini sowie der mit Cabernet Franc gemischte Insieme von Weingartner.

Spannend bei den Spezialitäten, wenn auch schon spürbar gealtert, der Lemberger (=Blaufränkisch) von Schwarzenbach, der trotz Alterstönen noch sehr saftige Syrah L’Odalisque von Thierry Constantin, der enorm frische Cornalin der Domaine Cornulus und der noble, saftige Grand’Cour Cabernet Franc + Sauvignon von Pellegrin.

Und die Pinots, von denen gleich 15 Weine gezeigt wurden? Wenn es gesamthaft gesehen eine leise Enttäuschung – wenn auch auf hohem Niveau – gab, dann hier. Es scheint, dass die Vorschusslorbeeren dieses „Jahrhundertjahrgangs“ nicht immer gerechtfertigt waren. Die Pinot noir-Traube ist wenig überraschend wohl einfach nicht für so heisse Jahre gemacht und es brauchte viel Fingerspitzengefühl des Winzers (und kühle Lagen), um auch in solchen Jahren typische Pinots herzustellen. Weine wie der Aagne von Gysel, der mir schon in der Jugend mit seiner üppig-„süsslich“ Art nicht gefiel, wirken heute uninteressant, wenn auch durchaus noch trinkbar. Auch untypisch, aber interessant zeigte sich der „Hommage“ der Cave du Rhodan, der zweifellos mit mehr Säure heute noch spannender wäre, der aber dank einer ausgeprägten, jetzt ausgewogenen Tanninstruktur Freude macht. Trotz dieser Ausnahme, Pinots, bei denen Eleganz und Frische vorherrscht, können heute am meisten überzeugen, allen voran aus dem Kanton Baselland (!) der für mich beste Pinot der Serie, Clos Martha von Möhr-Niggli, aber auch Kloster Sion vom Weingut Sternen, Stadtberg von Pircher, Pinot noir Nr. 3 vom Schlossgut Bachtobel und der Churer Gian-Battista des Weingutes von Tscharner.

Alles in allem: Eine hervorragende Leistungschau der Schweizer Spitzenwinzer, die mit ihrer Arbeit schon vor 10 Jahren bewiesen haben, welch hervorragendes Potential die Schweizer Weine aufweisen! Le vin suisse existe – und sollte endlich auch auf der Weltbühne seinen berechtigten Platz finden!

https://www.swiss-wine-tasting.ch/?L=0
http://www.mdvs.ch/de/home.html

Swiss Wine Connection: Schon Mitglied?
Und übrigens: Wenn Sie für Fr. 50.00 pro Jahr Mitglied bei der „Swiss Wine Connection“ meiner Freunde Susi Scholl und Andreas Keller werden, geniessen Sie beim nächsten Event Gratiseintritt:
http://www.swiss-wine-connection.ch/friends/

Und hier die Links auf die erwähnten Weingüter:
http://www.domainebovard.com/de/home.php
https://cornulus.ch/de/
https://www.lacolombe.ch/de/
https://www.donatsch.info/
https://famillerouvinez.com/de/
https://www.luethiweinbau.ch/
https://www.schwarzenbach-weinbau.ch/
https://www.chappaz.ch/
http://www.zuendel.ch/ (nur Titelbild, offenbar sonst noch „off“)
http://www.cantinabarbengo.ch/ (Kopp von der Crone Visini)
https://www.weingartner.ch/
http://www.thierryconstantin.ch/2011/?page_id=14&lang=de
https://www.geneveterroir.ch/de/domaine-grandcour/4457 (Pellegrin, offenbar noch ohne eigene Homepage – hat er gar nicht nötig!)
https://aagne.ch/
https://rhodan.ch/
http://www.moehr-niggli.ch/
https://www.weingut-sternen.ch/
http://www.weingut-pircher.ch/data/index.php/de/
https://www.bachtobel.ch/de
https://www.reichenau.ch/weinbau/



Die grosse Show der Schweizer Weine!

Es hat nichts mit Chauvinismus zu tun: Viele Schweizer Weine sind Weltspitze. Und viele weitere sind zumindest sehr gut. Am Montag, 2. Dezember 2019 kann man sich davon selbst überzeugen!

Ob man noch ganz objektiv über Schweizer Wein schreiben kann, wenn man soeben die Hälfte einer Flasche Pinot noir 2009 von Gantenbein genossen hat? Von einem schlicht genialen Wein, der erst am Anfang seiner besten Trinkreife steht und der mit seiner Eleganz (auch im heissen Jahr 2009!), seiner Dichte, seiner noch immer enormen Fruchtigkeit, seiner Frische und seinem Feuer praktisch alle gleichpreisigen Burgunder in den Schatten stellt?

Ja, man kann! Denn, dass die Schweizer Winzer seit vielen Jahren, teils leider immer noch unbemerkt vom „Mainstream“, hervorragende Weine herstellen, wird ja nicht von ein bisschen Gantenbein vernebelt!

Da muss man einfach hin: Swiss wine at its best! 2.12.2019, ab 11.00 Uhr

Es genügt ein Blick auf die Liste der anwesenden Winzer um festzustellen, dass man sich diesen Tag einfach reservieren muss.
http://www.swiss-wine-tasting.ch/aussteller/?L=0

Also, nichts wie los am Montag, 2. Dezember 2019 in den Schiffbau. Es lohnt sich! Tickets zu bescheidenen Fr. 20.00 gibt es schon im Vorverkauf hier:
http://www.swiss-wine-tasting.ch/ticketing/?L=0

Der Pinot-Magier zaubert auch ganz ohne Schwefel!

Seit dem Jahrgang 2007 füllt Michael Broger auch einen Pinot noir ab, der ohne den Einsatz von schwefliger Säure vinifiziert wird. Eine Vertikaldegustation aller produzierter Jahrgänge bewies wunderbar, dass auch solche Weine lange perfekt haltbar sein können – wenn ein Magier wie Broger am Werk ist.

Ungeschwefelter Wein, 11 Jahrgänge, und alle noch ohne braune Töne und in bester Verfassung! Ein grossartiges Erlebnis.

Ich erinnere mich gut daran, mit welchen Worten Michael Broger mir seinen ersten Jahrang 2007 des „Broger-dynamisch“ verkaufte, nachdem ich mich über den Wein begeistert geäussert hatte: „Ich kann für die Haltbarkeit nicht garantieren, am besten wird er schnell getrunken“.

12 Jahre später begeistert mich der gleiche Wein weiterhin. Zwar hat er inzwischen seine allerschönste Trinkphase überschritten, lässt sein einstiges Potential wohl noch spüren, ist aber etwas „altersspröd“ geworden. Wer alte Weine mag, kann ihn aber auch heute noch sehr genussvoll trinken. Und vor allem: Er zeigt nicht die geringsten oxydativen Töne!

Auch alle anderen Jahrgänge bis zu den eben abgefüllten 2018ern zeigten sich noch in Form, und insbesondere die Jahrgänge 2013 sowie 2015 – 2018 befinden sich noch nicht auf ihrem Höhepunkt – und begeistern allesamt.
Grosse Klasse sind für mich:
2013: zwar etwas untypischer Pinot, sehr dicht, prägnante Tannine, hat noch Reserven, toller Wein
2015: helle, typische Pinot-Frucht und enorme Frische und Eleganz im Mund, ein Schmeichler im besten Sinn des Wortes
2016: dunkle Farbe, würzig, mit Holznoten, elegant, aber mehr als 2015 dicht und auch mit enormem „burgundischem Feuer“
2018 („Ottoberg“): vergleichsweise dunkle Farbe, trotz Himbeertönen eher untypischer Pinot, enorm dicht, viel Tannin. Wirkt im Moment etwas rustikal und „eckig“, hat aber viel Potential.
Alle andernen Jahrgänge überzeugen ebenfalls, wobei ich 2014 am Schluss separat behandle (der Jahrgang 2009 fiel infolge von Hagel leider aus):
2007: wie schon beschrieben, gehörte wohl einst in die Klasse der Besten, ist aber inzwischen etwas müde
2008: verhalten, frische Töne, trocknende Tannine, herrliche Frische
2010: zuerst sehr verhalten und mit einem leichten Luftton, öffnet sich aber zusehens und wirkt ebenfalls frisch. Die ausgeprägte Bitterkeit gefällt mir, ist aber kaum jedermann’s Sache
2011: der einzige, der mit einem leichten Aceton-Duft (der aber nach einigen Minuten verschwindet) die fehlende schweflige Säure vielleicht anzeigt. Dann aber auch fruchtig, dicht und mit üppig Tannin ausgestattet
2012: der einzige, der leicht trüb wirkt; schöne, fruchtige Pinot-Nase, leichte Röstaromen und Kaffee, wird mit zunehmendem Luftkontakt immer schöner; elegant
2017: blumige Nase, Veilchenduft, im Mund eher filigran trotz spürbarer Tannine, schöner Wein der eleganten, feingliedrigen Sorte.

Und dann die Geschichte zu 2014. Dieser Wein fällt in der Serie zwar etwas ab; helle Töne, prägnante Tannine und Säure, wirkt etwas spröd. Ein durchaus interessanter, eigener Weintyp, der vermutlich zu einem rustikalen Essen besser gefällt als in einer Degustation.
Die Erklärung zu diesem „Ausreisser: 2014 war das erste Jahr der Kirschessigfliege. Die Winzer wurden nervös und – so Broger süffisant – in ganz Europa waren alle Insektizide ausverkauft. Er mochte kein solches Mittel einsetzen, und deshalb erntete er den „Broger-dynamisch“ in diesem Jahr sehr früh, „eigentlich unreif“.

Keinem Trend folgend – aber Trend setzend!

Was 2007 „nicht einem Trend folgend, sondern aus persönlicher Neugier und etwas oenologischem Leichtsinn“ (Zitat Michael Broger) begann, darf heute ohne Weiteres als absolut gelungenes Vorzeigeprojekt bezeichnet werden, das in der Weinwelt zu reden geben muss. Auch wenn man Broger in den ersten Jahren an den Weinfachschulen noch auslachte und mitteilte, „das gehe nicht, das habe man schon dutzenfach ausprobiert“, so ist es ganz offensichtlich möglich, sehr gute und haltbare Weine auch ohne den Einsatz von schwefliger Säure herzustellen.

Michael Broger an der Degustation seiner „Broger-dynamisch“: Mit Neugierde und einer kleinen Portion önologischem Leichtsinn zu herausragenden „Naturweinen“

Ist es einfach Magie oder ist es Zauber des Michael Broger? Auch wenn ich ihn in meinem allerersten Blog-Beitrag als Magier bezeichnet hatte,
vgl. hier: https://victorswein.blog/2018/01/01/michael-broger-der-pinot-magier/
mit Zauber hat das alles nichts zu tun. Wohl wird die Wissenschaft noch viel dazulernen müssen, aber aus praktischer Sicht hält Broger folgende Rahmenbedinungen für notwendig:
– eine rechtzeitige Ernte ohne zu reifes Traubengut (um 90° Oechsle)
– ein tiefer pH-Wert (wobei man den immer erst nach der malolaktischen Gärung genau kennt). Ein Kennzeichen ist, dass alle seine „Broger-dynamisch“ unter 3,7 liegen
– aufgrund der Vinifikation – der Wein bleibt auf der Hefe bzw. Feinhefe, und es findet keine Batonnage statt – verfügen die Weine fast immer über etwas Kohlensäure, was vermutlich stabilisierend wirkt (man spürt, 2016 ausgenommen, das beim Degustieren übrigens praktisch nicht)
– die Weine werden absolut natürlich produziert, „viel weniger kann man nicht machen“. Dabei kommen sie durchaus auch mit Luft in Kontakt. Broger äussert sogar die Vermutung, dass die Weine etwas Luftkontakt brauchen und im Fass auch leicht oxydative Töne ertragen; diese verschwinden dann mit der malolaktischen Gärung wieder.

Nachdem die Degustation im Neumarkt in Zürich abgeschlossen war, brach Gastgeber René Zimmermann in Begeisterungsstürme aus und sprach von totaler Sensation und von Weltklasse. Relativ gesehen kann man über letzteres vielleicht streiten (da gehört Broger’s „alte Rebe“ hin) – aber tatsächlich habe ich noch nie eine so überzeugende Serie von Naturweinen im Glas gehabt (und ich hatte schon diverse sehr gute!) – so gesehen stimmt das Etikett mit der Weltklasse vom Ottenberg auf jeden Fall!

Châpeau, Michael Broger!

Nur, wer nicht mit der Masse heult, kommt weiter! Hut ab, Michael, für deinen Mut, deine Beharrlichkeit, deine Neugier …. und deinen „önologischen Leichtsinn“. Ein bisschen magisch ist das Ganze eben doch!

http://www.broger-weinbau.ch/

PS für alle Puristen: Ganz korrekt ist, dass Borger „erst“ ab dem Jahr 2013 absolut ohne schweflige Säure arbeitet. In den Jahren bis 2011 fügte er jeweils beim Abfüllen noch 10 mg bei, 2012 noch 5 mg – bei beiden Mengen kann man sich aus fachlicher Sicht fragen, ob diese minimale Beigabe überhaupt eine Wirkung hatte – vielleicht beruhigte sie mehr die Nerven …

Magischer Abschluss für Daniel Huber mit einem Merlot der Weltspitze!

Montagna Magica 2015: Ein magischer Traumwein zum Abschluss einer ebenso magischen Winzerkarriere. Daniel Huber gelingt mit dem letzten Jahrgang unter seiner Verantwortung nochmals ein ganz grosser Wurf!

In der Vinum-Ausgabe 7/8 des Jahres 1986 schrieb der damals wie heute wohl profundeste Kenner der Tessiner Weinszene, Martin Kilchmann, prophetische Worte: „Er liebäugelt auch mit der Barrique, doch überstürzt wird nichts. Die Entwicklung (hin zur Spitze) vollzieht sich bei ihm allmählich, doch wohl unaufhaltsam“.
Die Rede war von Daniel Huber, der damals eben seine beiden ersten Jahrgänge Merlot del Ticino gekeltert hatte (den ersten noch im Keller von Werner Stucky). Huber, Forstingenieur mit ETH-Abschluss, hatte in den Jahren zuvor in Monteggio, im äussersten Zipfel des Malcantone, überhalb des Flüsschens Tresa an der italienischen Grenze, den Hang des „Ronco del Persico“ gerodet und auf 2,6 Hektar Reben gepflanzt. Heute ist der Betrieb rund 7 Hektar gross, und inzwischen hat auch ein Generationenwechsel stattgefunden – seit dem Jahrgang 2016 zeichnet Sohn Jonas für die qualitativ unverändert hochklassigen Weine verantwortlich.

Martin Kilchmann sollte recht behalten: Daniel Huber schaffte es wirklich bis ganz an die Spitze. Schon 1988 belegte eine Riserva von Huber an einer Welt-Merlot-Degustation den zweiten Platz – ex aequo mit Château Pétrus! Dabei wurde der Spitzenwein des Gutes, der „Montagna Magica“, damals noch gar nicht produziert. Diesen Wein gibt es seit 1990, und verwendet werden dafür die jeweils besten Trauben des ganzen Gutes. Ein Anteil Cabernet Franc rundet den Merlot ab – das Libournais lässt grüssen.

Jedes Jahr eine Etikette eines/einer anderen Kunstschaffenden. Auch das erinnert an einen Spitzenwein aus Bordeaux!

Obwohl Daniel Huber nicht völlig in Pension geht, sondern seinem Sohn Jonas im Betrieb erhalten bleibt, war 2015 also der letzte Jahrgang, für den er „verantwortlich“ zeichnete. Was für ein Finale:
Fruchtbetone Nase mit Anflügen von Heidelbeeren, Brombeeren und Thymian; unglaublich finessenreich und elegant, sehr feine, aber präsente Tannine, gute Säure, enorm langer Abgang. Ein Traum von einem Wein für alle, welche Finesse und Frische mögen und mit „Fruchtbomben“ nicht so viel anfangen können.

Besser kann man einen Merlot (mit etwas Cabernet Franc) im Tessin kaum herstellen, höchstens noch anders. Und nur zu gerne würde ich diesen Wein in einer neuen „Welt-Merlot-Degustation“ sehen. Ich bin überzeugt, dass er es ganz an die Spitze schaffen würde. Mit Fr. 52.00 ist der Wein alles andere als billig – aber verglichen mit seinen hochklassigen – eben nicht Vor-, sondern Ebenbildern aus St. Emilion oder Pomerol, ist er immer noch preiswert.

Schöner als mit einem solchen Wein kann man eigentlich als Weinkreateur nicht abtreten! Daniel Huber: Ein rodenden „Krampfer“ und gleichzeitig ein feinfühliger, genialer Weinmacher, was für eine schöne Geschichte. Und noch schöner, dass sein Sohn augenscheinlich mehr als nur in seine Fussstapfen tritt.

Lassen Sie mich etwas euphorisch mit einem Zitat aus Martin Kilchmanns Buch „Merlot del Ticino“ aus dem Jahr 1989 enden:
„Meine Bitte um eine Selbsteinschätzung hat er bezeichnenderweise wie folgt erwidert: <Mein eigentliches Interesse gehört nicht dem Wein, sondern der Verfassung (körperlich, geistig, seelisch). Wenn die stimmt, kann der Wein nicht anders als gut herauskommen>“.
Augenscheinlich hat seine Verfassung hervorragend gepasst und uns einen mehr als nur würdevollen Abschied Daniel Huber’s geschenkt!

http://www.hubervini.ch

Matin Kilchmann’s Buch „Merlot del Ticino“ ist mit etwas googlen noch erhältlich und auch heute noch lesenwert:
ISBN-13: 978-3275009701

Diolle: Die Auferstehung…

… einer Rebsorte!
Diolle? Nie gehört? Kein Wunder, denn sie galt seit 1903 als verschwunden. Hier die wunderbare Geschichte einer Auferstehung!

Auferstanden (hier aus weisser Gruft): die Rebsorte Diolle!

Diolle, das war eine Traubensorte aus dem Wallis, die 1654 erstmals unter dem Dialektnamen „Jiolaz“ in der Region Sion erwähnt wurde. Sie galt als sehr säurebetont, mit eher neutralem Charakter und fäulnisanfällig. Wohl deshalb verschwand diese Sorte – 1903 gilt als ihr Sterbedatum. Eigentlich.

Bloss: 2005 meldete sich der inzwischen verstorbene Winzer Germain Héritier aus Granois beim „Weinsortenprofessor“ José Vouillamoz: Er hatte zwei unbekannte Rebstöcke in seinem Rebberg entdeckt und wollte wissen, um welche Sorte es sich handeln könnte. Das DNA-Profil passte zu keiner bekannten Rebsorte. Ein „Vaterschaftstest“ hat dann ergeben, dass es sich um ein Kind der „Rèze“ handelt. Weitere Forschungen von José Vouillamoz haben dann zweifelsfrei ergeben, dass diese beiden Reben die ausgestorben geglaubte Sorte „Diolle“ darstellen. Mehr dazu siehe im Standardwerk von José Vouillamoz über Schweizer Rebsorten, vgl. hier: https://victorswein.blog/2018/09/04/schweizer-weinbuch-des-jahres-schweizer-rebsorten-von-jose-vouillamoz/

So richtig spannend wird die Geschichte aber erst jetzt. José Vouillamoz war vom Potential der wiederentdeckten Sorte überzeugt und konnte mit Didier Joris eine Referenz im Walliser Weinbau für eine Zusammenarbeit gewinnen. 2013 wurde in Chamoson auf 3 Aren eine Anlage mit Diolle neu angelegt. Allein – die erste Auferstehung der Diolle misslang: Die Wahl der Unterlage erwies sich als schlecht, und alle Pflanzen verendeten.


(Zur Unterlage: Seit dem Einschleppen der Reblaus in Europa im vorletzten Jahrhundert können europäische Reben nur noch gedeihen, indem sie auf amerikanische Unterlagen (Wurzelstock) aufgepfropft werden, weil diese gegen die Reblaus resistent sind. Die Wahl der richtigen Unterlage ist eine inzwischen ziemlich bekannte Wissenschaft; es geht darum, die für eine bestimmte Rebsorte ideale Unterlage in Verbindung mit dem jeweiligen Boden zu finden. Bei der Diolle fehlte aber natürlich diese Erfahrung.)


Im zweiten Anlauf, einer Neupflanzung 2015, wurde die Auferstehung aber Tatsache. 2017 konnten 8 Kg Trauben geerntet werden, welche 6 Flaschen Wein ergaben. Und 2018 folgte die erste richtige Ernte – 144 Flaschen der auferstandenen Rebsorte wurden produziert.

Ich hatte das Glück, eine dieser Flaschen erwerben zu können. Und rechtzeitig zu Pfingsten habe ich diesen „Auferstehungswein“ nun degustiert:

Helles Gelb mit leichten Orangereflexen; in der Nase verhalten, leichte Aromen von Stachelbeeren, Lychees und Südfrüchten; im Mund mit prägnanter Säure, feingliedrig bei gleichzeitig erstaunlicher Dichte, mineralisch, mit einem überaus langen Abgang. Ein erfrischender, noch zu junger Wein mit – vermutlich – sehr viel Alterungspotential.

Vom Glück, eine von 144 Flaschen des ersten Jahrgangs probieren zu dürfen!

Dieser Wein hat mich begeistert. Und es war auch richtig berührend. Wer hat schon die Chance, den ersten „richtigen“ Jahrgang eines eigentlich verschollenen Weines probieren zu können! Wir haben ihn anschliessend fast ehrfürchtig zu Fisch und Spargel genossen. Ein grossartiges Erlebnis! Ich weiss nicht, ob ich blind wirklich darauf gekommen wäre. Aber im Wissen darum, was ich im Glas habe, erinnerte mich die Diolle an andere Walliser Spezialitäten, Rèze (logisch!), Himbertscha, Gwäss, Petite Arvine.

Wie soll man diese Diolle denn nun einordnen? Persönlich glaube ich, dass diese auferstandene Rebsorte von sich reden machen wird. Gerade ihre Säure wird sie in Zeiten der Klimaerwärmung spannend machen, und ihre zurückhaltende, aber doch klare Aromatik lässt sie ein Terroir genial ausdrücken. Meine Prognose: Diolle wird mit den Jahren zu einer Walliser Spezialität, die geschätzt und gesucht sein wird!

Den drei hauptsächlich an dieser Auferstehung beteiligten Personen, Germain Héritier (der die Sorte entdeckt hat), José Vouillamoz (der sie analysiert und bestimmt hat) und Didier Joris ( der sie an- und ausgebaut hat) gilt jedenfalls meine Hochachtung.

Zwei der drei Protagnonisten der Diolle im Comic: Didier Joris, Winzer (links) und José Vouillamoz, „Rebsortenprofessor“ (rechts)

Die Lancierung des „neuen“ Weins wurde auch marketingmässig begleitet. Die Diolle wurde in einer weiss gestrichenen Holzbox geliefert (den Duft nach Farbe habe ich nicht so geschätzt, und zudem wäre schwarz, als Symbol für die Gruft, aus der die Diolle entstiegen ist, wohl naheliegender gewesen), und es wurden gar zwei gut gemachte Comics mitgeliefert, welche die Entstehung dieses Weins illustrieren. Man mag von diesen Marketinggags und vom Preis des Weines in dreistelliger Höhe halten was man will – die neue Diolle ist jedenfalls grossartig gelungen und ein Versprechen für die Zukunft!

http://www.didierjoris.ch/website/nos-vins/diolle/
http://www.josevouillamoz.com/

Sollten wir uns merken: die auferstandene Diolle!

Noch nichts vor an Auffahrt? Dann ab ins Wallis!

An Auffahrt, 30.5.2019, und meist auch noch am Freitag und Samstag danach, öffnen die Walliser Weinkeller ihre Türen. Das ist eine ganz tolle Gelegenheit, die hohe Qualität der Walliser Weine zu entdecken! Wer sich etwas inspirieren lassen will, kann hier meinen Beitrag aus dem letzten Jahr nachlesen. Die erwähnten Weingüter sind alle uneingeschränkt einen Besuch wert.
https://victorswein.blog/2018/05/13/walliser-weine-spitzenklasse/

Aber entdecken Sie auch einfach Neues! Es lohnt sich wirklich, einen oder auch mehrere Tage bei den Winzern im Rhonetal zu verbringen!
Alles Weitere erfahren Sie hier:
https://www.lesvinsduvalais.ch/de/offeneweinkeller/