Die Beiträge zu den neu geplanten Importvorschriften für Wein, in der Presse und in meinem Blog, haben in der Westschweiz hohe Wellen geworfen. Der Deutschweiz wird vorgeworfen, die Probleme der Winzer in der Westschweiz nicht zu verstehen oder zu verniedlichen. Und den Wein aus diesen Kantonen schlechtzuschreiben. Ich habe sehr viel Verständnis für die Probleme der Winzer – aber bezüglich der geplanten Importregelung liegen sie falsch! Deshalb werde ich eine Petition gegen die geplante Regelung lancieren.
Bei aller Kritik: Anstand ist für Winzerinnen und Winzer kein Fremdwort!
Noch nie in den mehr als acht Jahren hat ein Beitrag in meinem Blog zu so vielen Reaktionen geführt. In persönlichen Zuschriften und auf Social Media wurde ich (und auch grosse Medien wie z.B. die NZZ) angegriffen, den Westschweizer Wein schlecht zu schreiben und kein Verständnis für die Probleme der Weinbranche zu haben. Immerhin: Es sprachen Sorge, Angst, Verzweiflung und Frustration aus den Reaktionen. Aber alle blieben sachlich und im Ton mehrheitlich zurückhaltend. Das macht die betroffenen Winzerinnen und Winzer schon mal sympathisch; offenbar entspringt aus Bodenhaftung auch Anstand.

Bei aller ehrlicher Sympathie für die Traubenproduzierenden: In der Sache selbst kann ich die Reaktionen nicht nachvollziehen! Dass ein grosses Problem besteht, ist unbestritten, aber dass sich dieses durch das geplante neue Zollregime lösen lässt, ist meiner Meinung nach eine Illusion.
Unsäglicher Vorschlag zur „Inlandleistung“.
Nochmals kurz zur Situation: Aktuell können Schweizer Weinhändlerinnen und Weinhändler gemäss Verträgen der Schweiz mit der WTO pro Jahr 170 Mio. Liter Wein zu einem vergünstigten Zoll einführen, wobei diese Menge noch nie erreicht wurde. Neu schlägt nun das Departement Parmelin in einer Vernehmlassung vor, dass eine sogenannte „Inlandleistung“ für die Zuteilung dieses Kontingentes gelten soll. Darunter versteht das Bundesamt, dass nur noch ein Import-Kontingent erhält, wer Schweizer Trauben kauft und auch selbst keltert (kumulative Voraussetzung!).
Das zuständige Bundesamt hat zur geplanten Neuerung Vernehmlassungsunterlagen veröffentlicht. Selten bis nie habe ich von einer öffentlichen Verwaltung eine derart lausig begründete Erläuterung gelesen, in der insbesondere die effektiven Auswirkungen auf den Weinhandel und die Weinproduzenten völlig weggelassen werden (Link unten). „Immerhin“ weist das Bundesamt in seinen Erwägungen schon selbst auf den grössten Unfug hin:
Im Hinblick auf die Verteilmethode nach Massgabe der Inlandproduktion muss ein Verfahren zur Meldung der Leistung, zur Kontrolle und zur Zuteilung von Kontingentsanteilen eingeführt werden. Im Jahr 2024 waren 1524 Einkellerinnen und Einkellerer für die Weinlesekontrolle gemeldet. Rund 1000 Einkellerinnen und Einkellerer kaufen jedoch so gut wie keine Trauben für die Kelterung zu; sie keltern einen Teil der oder alle Trauben, die sie selbst produzieren.
Selbstkelterer oder Weinhändler mit eigener Produktion wären die Dummen! Die neuen „Sofahändler“ gewinnen.
Daraus folgt, dass bei der Verteilung der künftigen Weinkontingente alle reinen Selbstkelterer leer ausgehen würden, während 524 Kellereien, die Trauben zukaufen, zu einem Kontingent kämen. Somit würden diese Kellereien zu den neuen „Sofahändlern“, die wir mit der Liberalisierung anfangs der 1990er-Jahren endlich abgeschafft glaubten. Denn es ist davon auszugehen, dass viele Kellereien gar nicht selbst importieren würden, aber ihre Rechte für teures Geld weiterverkaufen. Und Weinhändler, die selbst eigenen Schweizer Wein produzieren, wären ebenfalls ausgeschlossen, zumindest für Trauben aus eigenem Besitz. Der einzige Ausweg für sie wäre wohl, für den Kellereiteil eine eigene Gesellschaft zu gründen und quasi sich selbst Trauben abzukaufen. So ein Irrsinn!
Ich verstehe ja die Winzerinnen und Winzer, die sich Sorgen um ihre Zukunft machen. Und ich mag Schweizer Wein sehr, sicher liegt mein Konsumanteil an einheimischem Wein deutlich höher als beim Durchschnitt. Aber löst eine solche Zollvariante die Probleme? Sicher nicht, denn man wird Weintrinker nicht dazu zwingen können, Weine zu kaufen, die sie nicht wollen. Oder überhaupt Wein zu trinken!
Das Bundesamt liefert die Statsitik gleich selbst:
Von 2014 bis 2024 sank der Weinkonsum in der Schweiz von 266,4 auf 218,4 Millionen Liter (−18 %). Im selben Zeitraum schrumpfte der Konsum von Schweizer Wein um 21,1 Prozent von 98,1 auf 77,4 Millionen Liter. Im Jahr 2024 verzeichnete der Konsum von Schweizer Wein trotz des reichlichen Angebots an Schweizer Weinen aus der Vorjahresernte eine weitere signifikante Abnahme um 14,7 Millionen Liter gegenüber 2023 (−16 %). Aufgrund des rückläufigen Konsums von ausländischen Weinen ging auch der Weinimport zurück. So beliefen sich die Einfuhren innerhalb des Zollkontingents 2025 noch auf rund 126 Millionen Liter, was einer Ausschöpfung von 74,3 Prozent entspricht. Das ist der tiefste Stand seit 2001.
Sorry, aber die Weinverbände haben es verpennt!
Die Gründe für diesen Rückgang muss ich nicht mehr aufzählen, die sind hinlänglich bekannt. Und die Baisse kam auch nicht von einem Jahr auf das andere. Was allerdings im Schweizer Kontext auffällt ist, dass die Schweizer Weinwirtschaft während Jahrzehnten nicht in der Lage war, etwa den Export anzukurbeln (Schweizer Käse ist im Ausland auch teurer, aber verkauft sich trotzdem), und vor allem, dass es nicht gelang, den Schweizerinnen und Schweizern den Schweizer Wein nahe zu bringen. Eigentlich ist es nur peinlich, dass der bekannteste und beste Anlass für Schweizer Wein, die „Mémoire des Vins Suisse“ aus einer privaten Initiative hervorging (siehe Link unten). Ebenso scheint ein der Zeit angepasstes Marketing für einige Winzerinnen und Winzer noch ein Fremdwort zu sein. Diese Versäumnisse rächen sich nun.
Ein kleiner aber feiner Betrieb macht es vor!
Offenbar braucht es auch für eine gute Kampagne die private Initiative einer Winzerfamilie. Diesen Flyer, versehen mit „Weindeckeln“ mit dem gleichen Sujet, habe ich diese Woche erhalten. Familie Jenny sollte ihre Idee den Schweizer Wein-Werbetreibenden verkaufen!

Chasselas forever – kaum das richtige Rezept.
Ein weiteres Versäumnis, und ich weiss, dass nach diesen Zeilen der Genfersee wieder höher wellt, ist das Beharren auf der Chasselas in der Westschweiz. Ich halte diese Traubensorte für eine der spannendsten und besten der Welt, die Westschweiz hat da ein grosses, erst teilweise genutztes Portential! Aber gute Weine daraus ergeben sich nur, wenn die Reben auf einem guten Terroir stehen, die Winzerin oder der Winzer mit der Sorte umgehen kann und der Ertrag niedrig bleibt. So sehr der Chasselas mit seiner zurückhaltenden Aromatik fähig ist, das Terroir perfekt zum Ausdruck zu bringen, so sehr wird diese neutrale Art zum Nachteil, wenn es sich um weniger grosse Weine handelt. Ein kuranter Chardonnay oder Sauvignon Blanc bringt beispielsweise wenigstens noch viel Frucht mit und gefällt deshalb wohl einfach besser.
Zurück zum geplanten Zollregime: Viele der Rückmeldungen stammen ausgerechnet von Selbstkelterern aus der Waadt, welche die neue Regelung vehement befürworten. Mit Verlaub: Was denken sie sich dabei? Denn die Selbstkelterer sind ja eben gerade vom System ausgeschlossen, da sie keine Trauben kaufen! Und die neue Regelung könnte sehr wohl zum Bumerang für sie werden:
Ein Szenario – unschön, aber ziemlich realistisch.
Man hätte sich solche Überlegungen ja gerne vom Bundesamt in den Vernehmlassungsunterlagen gewünscht. Da diese fehlen, machen wir mal selbst ein kleines Gedankenexperiment: Wenn das neue Regime eingeführt wird, müssen Importeure, die nicht den hohen Importzoll bezahlen wollen, entweder selbst Trauben kaufen und keltern (was in den meisten Fällen völlig unrealistisch ist), ober aber ein Zertifikat bei einer Kellerei kaufen. Das bedeutet, dass die rund 500 Kellereien, die Trauben zukaufen, zu einem Zusatzeinkommen kommen und eine höhere Marktmacht erhalten. Mehr Schweizer Wein wird deshalb aber noch nicht verkauft! Und der Preiskampf gegen ausländische Billigware wird ohnehin nicht gewonnen werden können, denn die Grossverteiler werden aufgrund ihrer Marktmacht Wege finden, zu günstigen Importzertifikaten zu kommen.
Zweifellos werden die Kellereien deshalb den Preisdruck auf ihre Zulieferanten, die Winzer, welche ihre Trauben verkaufen, weitergeben. Der Erlös pro Kilogramm Trauben wird sicher nicht steigen. Denn Mindestabnahmepreise, welche den Winzern Sicherheit geben würden, sind in der neuen Verordnung nicht vorgesehen. Und wie reagiert dann ein solcher Winzer? Er kann sich mit dem neuen Regime ziemlich sicher sein, seine Trauben absetzen zu können, wenn auch zu tiefen Preisen. Da ist es doch nur verständlich, dass er (mindestens …) ans Maximum der erlaubten Menge geht, was der Qualität wiederum nicht zuträglich ist.
Umgekehrt werden dadurch noch mehr billige Weine auf den Markt kommen, die im besten Fall gut, im wahrscheinlichen Fall dünn und nichtssagend ausfallen. Trotzdem werden genau diese Weine den Marktpreis bestimmen – mit dem Resultat, dass ein durchschnittlicher, nicht berühmter Selbstkelterer in seiner Preisgestaltung selbst unter Druck kommt. Wie nur kann man ein solches System befürworten?
Weinkultur ist wichtig – auf lange Frist profitieren auch die Schweizer Weine!
Und zum Schluss: Wir sollten davon abkommen, ausländische Weine gegen einheimische auszuspielen! Wein und Weingenuss hat sehr viel mit Lebensfreude und Entdeckergeist zu tun. Ich bin überzeugt, dass Weinkenner und -käufer sich nicht auf Schweizer Weine reduzieren lassen wollen. Genau die Erfahrungen mit Weinen aus bei uns nicht so bekannten Sorten und aus anderen Gegenden wecken aber doch das Interesse. Und dann sind plötzlich auch Schweizer Weine interessant, zuerst zum Vergleich, und dann, weil sie diesen bestehen, zum regelmässigen Konsum. So ist es zumindest mir in jungen Jahren ergangen.
Ich behaupte in meinem Blog ja schon seit einiger Zeit, dass die Schweizer Weine so gut und so vielfältig sind, dass man jedes Menu probemlos „nur“ mit Schweizer Weinen begleiten kann. Um so etwas festzustellen und dann auch zu leben, braucht es aber zwingend auch die Erfahrungen mit ausländischen Weinen.
Wütende Kommentare und Imageschaden
Mit ihrem Einsatz für das neue Zollregime setzen die Westschweizer Winzerinnen und Winzer meines Erachtens auch ihr Image aufs Spiel: Es gab im Tages-Anzeiger ein Interview mit Philibert Frick, einem Winzer vom Genfersee. Den Titel kann man vorbehaltslos unterzeichnen: „Die Verunglimpfung von Schweizer Wein muss endlich aufhören“.
Die Aussagen von Frick sind durchaus sachlich, realistisch und nachvollziehbar. Aber man muss davon ausgehen, dass die neue Importidee zu einem (noch grösseren) Imageproblem führt. Denn die Kommentare der Leserschaft auf das Interview waren teils bedrückend – viele Wortmeldungen waren unsensibel, wütend gegen die (Westschweizer) Weinwirtschaft, mit Vorwürfen versehen. Als Weinbautreibender würde mich das mehr beängstigen als die Importe ausländischer Weine. Der Einsatz der Winzer für die neuen Zollregeln führt offensichtlich erst recht zu Verunglimpfungen.
Aber um zum Anfang des Beitrages zurückzukommen: Nachdem ich die teils schon bösartigen Kommentare gelesen hatte, lobte ich mir den Anstand der Westschweizer Winzer!
Eine Lösung ist nötig – die Schweizer Weinwelt sollte sie gemeinsam suchen.
Selbst Philibert Frick sagt im Interview, dass eine Reduktion der Rebfläche unumgänglich sein wird. Dass wir aber unsere Weinkultur retten müssen, dürfte in Weinkreisen unbestritten sein. Oder können Sie sich das Lavaux, Unesco-Welterbe, ohne Reben vorstellen? Vielleicht muss ja tatsächlich sogar der Staat mithelfen – für die „Rettung“ von unter Schutz gestellten, hässlichen Betonbauten aus den 1970er Jahren fliesst ja auch Geld. Seitens des Weinhändlerverbandes liegt die Idee eines Weinmarktfonds der ganzen Weinbranche auf dem Tisch. Das scheint mir auf den ersten Blick kein schlechter Ansatz zur Selbsthilfe. Und vielleicht hilft ja temporär gar der Bund mit?
Petition gegen die „Zoll-Schnapsidee zum Weinen“.
Ich werde weiterhin – und aufgrund der Probleme gar noch mehr – über tolle Schweizer Weine berichten – weil sie die Verunglimpfungen tatsächlich nicht verdient haben. Aber ich werde mich ebenso dafür einsetzen, dass diese unsägliche Idee mit der geplanten Zollregelung nicht umgesetzt wird. Aus diesem Grund werde ich in der kommenden Woche eine Petition lancieren – zuerst auf diesem Blog. Bleiben Sie dran und unterschreiben Sie auch!
Links:
Unterlagen des VSW zum geplanten Zollregime (wenn Sie einen der lausigsten und lückenhaftesten Erläuternden Berichte der Eidgenossenschaft lesen wollen, müssen Sie dieses Dokument ansehen! )
Vernehmlassungsunterlagen_-_Zusätzliche_Änderung_der_Weinverordnung.pdf
Interwiew mit Philibert Frick (aktuell ohne Paywall). Vor allem auch die Kommentare dazu sind beachtenswert.
https://www.tagesanzeiger.ch/schweizer-winzer-ueber-50-prozent-vor-dem-konkurs-835938793568
Und der erwähnte Beitrag über Luzi Jenny:
Da tut sich was … die Bündner Herrschaft wird grün! – Victor’s Weinblog
Sowie ein Link auf Mémoire des Vins Suisses, hier kann man über deren Entstehung nachlesen und den drei Gründern und der Gründern, die ich alle zu meinen Freunden zähle, nur gratulieren. Sie waren der Zeit um 25 Jahre voraus, dienen aber heute noch als Vorbild!
Mémoire | Mémoire des Vins Suisses
Und schliesslich, um mich vom Vorwurf, Chasselas nicht zu mögen, freizuschreiben:
Chasselas (Gutedel) forever! – Victor’s Weinblog
Interessennachweis:
Ich bin weder Weinhändler noch Winzer (nur Hobbywinzer) und habe keinerlei kommerziellen Interessen. Die neue Regelung könnte mir somit egal sein. Aber ich halte die „Schapsidee zum Weinen“ der neuen Importregelung für so absurd, dass es sich lohnt, dagegen zu kämpfen.
sali Victor; danke für deinen „Kampf gegen so eine kommunistische“ Idee, ich dachte diese Art von „Marktwirtschaft“ haben wir längstens hinter uns! Ein Hoch auf Schweizer Weine und seine Klein- und Kleinstproduzenten die Ihren Job machen, und Ihren Kundenkreis auch haben, wie z.b. Jenny-Jenins, bei dem ich übrigens auch seit Jahren aufkreuze. Meine Unterstützung hast du auf sicher!
beste Grüsse Alex Gähwiler WSET-4/Weinakademiker
Vielen Dank Victor für deine gute Analyse. Ich kann sie noch aus der Sicht eines Klein-Weinhändlers ergänzen. Wir kleinen Händler importieren Weine von Kleinstweingütern meistens aus Europa und beleben somit die Vielfalt der Weine! Diese Weingüter von meist inoviativen Jungwinzern, die mit wenig Geld grosses leisten können von den grossen Importeuren und Abfüller wie Coop, Denner, Mövenpick u.a. gar nicht importiert werden, da sonst in jeder Filiale nur 2 Flaschen stehen würde und sich deshalb die Administration gar nicht lohnt. Das heisst, dieses Zollregime tötet auch die kleinen Weinläden um die Ecke und die Vielfalt der besonderen Weine! Gruss vom kleinen Laden, der von 12 Kleinwinzern aus der EU importiert und rund 40 schweizer Weine mit Freude im Sortiment führt – davon viele aus der Waadt! VINOTTI, Otto Hintermeister
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