Völlig unterschätzt im Bordelais: Moulin Haut-Laroque und Fronsac!

Gewisse Erlebnisse vergisst man nie: Auf der Bordeaux-Primeur-Degustationsreise für den Jahrgang 1990 nahm mich Rolf Bichsel, der damals eben erst bei Vinum begonnen hatte, im Auto von St. Emilion mit zurück nach Bordeaux. Allerdings bestand er auf einem Umweg. Er hielt grosse Stücke auf einem Château in der Appellation Fronsac, und so lernte ich dieses damals völlig unbekannte Gut und seinen Besitzer Jean-Noel Hervé schon vor fast 30 Jahren kennen: Château Moulin Haut-Laroque!

Fronsac? Diese Appellation kannte ich gerade mal aus den Weinatlanten. Ich hatte keine Ahnung davon, dass das Gebiet nicht nur historisch bemerkenswert ist (Karl der Grosse liess um 770 n. Ch. hier eine Festung erbauen, welche die Strassen (und den Fluss Dordogne) nach Bordeaux und ins Périgord überwachen konnte). Vor allem aber wusste ich nicht, dass die Weine von Fronsac bis ins 18. Jahrhundert höher geschätzt wurden als jene aus St. Emilion.

Wo Fronsac liegt, lässt sich schön aus dieser Grafik, die auf der Homepage des Gutes heruntergeladen werden kann, herauslesen.

Das Gebiet von Fronsac, das nur durch das der Dordogne zustrebende Flüsschen L’Isle von Pomerol getrennt wird, ist landschaftlich sehr reizvoll. Hier erhebt sich eine für südwestfranzösische Verhältnisse schon fast erwähnenswerte Hügellandschaft gegen 100 Höhenmeter über das sonst eher flache Land. Diese Hügellandschaft wiederspiegelt sich auch im Untergrund: Die „Molasse du Fransadais“, ein weiches, fossiles Felsgestein aus Ton, Sand und Kalk (Quelle: Hachette Weinatlas Frankreich, 1989) bringt die Reben zu Höchstleistungen.

Den Weinen aus Fronsac wird deshalb eine besondere Finesse, Tiefgründigkeit und Langlebigkeit nachgesagt. Diese Aussagen tönen, als hätte man hier den Wein von Moulin Haut Laroque beschrieben! Zwar besteht der Wein, analog zu den benachbarten Gewächsen von Pomerol und St. Emilion, hauptsächlich aus Merlot (rund 2/3, daneben ca. 20 % Cabernet Franc, etwas Cabernet Sauvignon und wenig Malbec). Aber er hat nichts von dieser oft gespürten „Merlot-Üppigkeit“; der Moulin Haut-Laroque zeichnet sich vielmehr durch Finesse und Gradlinigkeit aus. Und zum Thema Langlebigkeit: Obwohl ich diesen Wein seit Jahren immer wieder kaufe – vermutlich habe ich von keinem Gut mehr Flaschen im Keller als von diesem – habe ich noch fast alle Weine bisher zu jung getrunken.

Max Gerstl, ein absoluter Bordeaux-Kenner, hat dazu auch mehrmals schöne Erlebnisse beschrieben – so von jüngst verkosteten Jahrängen 1925, 1900 und 1893, die allesamt nicht nur noch trinkbar gewesen seien, sondern ein absolut sinnliches Erlebnis.

Schon fast mit schlechtem Gewissen habe ich eben je eine Flasche der Jahrgänge 2010 und 2011 geöffnet. Während der 2011er den Erfahrungen gerecht blieb und noch völlig verschlossen und krautig wirkte (sich aber nach 2 Stunden in der Karaffe erstaunlich schön entwickelte, aber immer noch etwas spröde war) hat sich der 2010er ziemlich untypisch schnell geöffnet.
Dunkle Früchte, Leder, Vanille (ohne holzbetont zu wirken!), würzig; im Mund elegant und dennoch druckvoll, aber noch von sehr präsenten feinen Tanninen geprägt, gut eingebundene Säure; eine Traumwein für Freunde junger Bordeaux, und gleichzeitig ein Wein mit sehr viel Potential!

Diesen Wein konnte man seinerzeit für unter Fr. 20.– als Primeur kaufen. Parker gibt ihm 90+ Punkte, und eigentlich bin ich überzeugt, dass die Note höher liegen würde, wenn das Gut in Pomerol und nicht in Fronsac läge. So oder so: einen so genialen Wein zu diesem Preis anderswo zu finden, dürfte schwierig sein!

Besonders erfreulich ist, dass die Zukunft des Châteaux in gute Hände zu liegen kommt.

Jean-Noël Hervé und seine Frau Dominique dürfen sich freuen, dass ihr jüngerer Sohn Thomas in ihre Fussstapfen treten wird. (Bilder: Homepage des Châteaux)
Sohn Thomas bringt die gleiche Begeisterung für das Weingut mit, ist weltoffen und eloquent: ein perfekter Botschafter für das Gut und die Appellation Fronsac!

Ich habe Thomas kürzlich an einer Veranstaltung kennen gelernt. Er wirkt so, als würde er das Château qualitativ ganz im Sinne seines Vaters weiterführen (nicht zuletzt hatte er ältere, ausschliesslich von Jean-Noël gekelterte Jahrgänge dabei, von denen er – zurecht – total schwärmte, etwa vom 2001, der noch völlig jugendlich wirkt), aber mit seiner Art auch für eine behutsame Weiterentwicklung zu stehen scheint. Château Moulin-Haut-Laroque wird jedenfalls auch in den kommenden Jahren bei mir ganz weit oben auf der Liste der zu degustierenden, hervorragenden, aber bezahlbaren Bordeaux stehen!

http://www.moulinhautlaroque.com/


Provokation gelungen! Zu 100 %. Mit Petit Verdot.

Nach so vielen Weinen aus der Schweiz und aus Österreich wieder einmal ein Abstecher nach Frankreich. Ich komme auf die beiden Alpenländer zurück, versprochen, denn es lohnt sich!

Dass ich die Weine von Dominique Léandre-Chevalier mag, kann man schon der Startseite meines Blogs entnehmen. Oder dem Beitrag über den Merlot aus einer Bestockung mit 33’000 Rebstöcken pro Hektar.
https://victorswein.blog/2018/01/06/je-savais-que-cetait-impossible-alors-je-lai-fait/

Diesen Merlot, diesmal vom Jahrgang 2015, konnte ich kürzlich an einer Veranstaltung Arrivage Bordeaux 2015, vgl.
https://victorswein.blog/2018/04/26/bordeaux-2015-trau-schau-wem-vor-allem-dir-selbst/
erneut probieren, und mein Urteil ist auch für diesen Jahrgang: überwältigend! Und so viel filigraner und präziser als einige hochgelobte „Merlot-Fruchtbomben“ aus dem Libournais!

100%Fast noch eine Nuance faszinierender fand ich aber den gleichen Jahrgang des „100 % Provocateur“: Ein Wein, fast ausschliesslich aus der Rebsorte Petit Verdot, welche zwar zum Bordeaux-Blend gehören kann, aber, wenn überhaupt, fast immer ein Mauerblümchendasein fristet.

Dominique Léandre-Chevalier hingegen provoziert auch damit. Nicht genug, dass er an den „Côtes de Blaye“, also auf der nördlichen, „falschen“ Seite der Gironde Spitzenweine herstellt. Nein, er bringt auch noch einen Petit Verdot von wurzelechten Reben auf die Flasche. Und wie!

Es gibt nur rund 600 Flaschen pro Jahr von diesem Wein, der aus 0,3 Hektar stammt, die zum Teil auch mit 33’000 Stücken, also extrem dicht, bepflanzt sind. Wenn der erwähnte Merlot trotz Finesse eher „rund“ auftritt, dann bietet der Petit Verdot sozusagen das Gegenstück: elegant, gleichzeitig frisch und saftig, aber auch wild und ungestüm; in dieser Hinsicht fast wie ein Syrah. Und bei allem hat auch dieser Wein eine unglaubliche Länge, der Abgang will fast nicht enden!

Angesichts dieses Weines fragt man sich nur, warum Petit Verdot eine so marginale Bedeutung aufweist? Vielleicht braucht es halt eine Provokation, damit das ändert?

Wenig erstaunlich ist, dass der Wein des Jahrgangs 2015 angesichts der bescheidenen Gesamtproduktion bereits ausverkauft ist. (Erfeulich hingegen, dass ich dank rechtzeitiger Bestellung demnächst ein Prozent der Produktion zugestellt erhalte!).

Fazit: Möge Léandre-Chevalier noch lange provozieren!

http://www.lhommecheval.com/images/FichesTechniquesD/13%20%20petit%20Verdot%20Allemand.pdf

https://www.gerstl.ch/de/rotwein/frankreich/bordeaux/vin-francais/leandre-chevalier-le-queyroux-petit-vin-francais-product-1256.html
(Vom Jahrgang 2014, den ich aber nicht probiert habe, gibt es Stand heute Abend noch genau 5 Flaschen ……)

 

 

 

Das grosse Geheimnis aus Cahors.

Nach einem langen, spannenden Tag am Lot, dem Fluss, der das ganze Weinbaugebiet von Cahors in vielen Schlaufen durchzieht, wollten wir, ausgerüstet mit einem Tipp aus dem „Guide Hachette“, noch etwas Wein kaufen. Wir fuhren also mit unserem Kleinstwagen auf Chateau La Gineste vor und klingelten. Zu unserem Erstaunen wurden wir an einen Herrn verwiesen, der gerade in kurzen Hosen und mit Gras in den Haaren auf einem fahrbaren Rasenmäher tätig war, und den wir eigentlich als Gärtner identifiziert hatten.

la gineste
Blick auf die Reben und – im Hintergrund – das Schloss von La Gineste im Gebiet von Cahors. Das Gut arbeitet biologisch – aber eigentlich sieht man das ja schon fast anhand des Bildes! (Foto vl)

Trotz der Störung wurden wir sehr herzlich vom rasenmähenden Schlossbesitzer, Gérard Dega, empfangen. Unser Wagen sah ja sicher nicht nach grossem Volumen und damit Verkaufschancen aus (man kann nicht ahnen, dass das Auto nebst Koffern locker noch 120 Flaschen aufnimmt; mehrfach belegt …). Eigentlich wollten wir ja nur degustieren, wenn positiv, kaufen und gehen. Geblieben sind wir schliesslich 90 Minuten, inklusive einer Führung, vielen Erklärungen und einer Degustation mit allen verfügbaren Weinen, und das waren viele, weil von jedem Typ verschiedene Jahrgänge zur Verfügung standen. Um es vorweg zu nehmen: Unser Kleinwagen war nach dem Besuch ziemlich beladen.

Das Gut ist etikettenmässig voller Geheimnisse: Nebst einem Rosé, dem Basiswein „La Gineste“ und einem „black wine“, gibt es die Linien „Petits Secrets“, „Secrets“ und vor allem den „Grand Secret“. Dass letzterer in der Einzahl geschrieben ist, kommt nicht von ungefähr, er ist nämlich der wirklich begeisternde Wein dieses Gutes. Die anderen Gewächse werden in einem Mischsatz hergestellt (Mehrheit Malbec, Minderheit Merlot) und sind schöne und preiswerte Weine (nur beim Petits Secrets störte mich bei einigen Jahrgängen ein spürbares altes Holz).

Der Grand Secret hingegen ist aus 100 % Malbec hergestellt und 2 Jahre in neuen Barriques ausgebaut. Es gibt auch nur etwa 3000 Flaschen jährlich, bei einer Gutsgrösse von 9 Hektar also eine wirkliche Rarität.

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Was für ein begeisternder Wein von enormer Länge und gleichzeitig grosser Finesse! Das ist Cahors von der allerbesten Seite, und das ist Cahors, wie es von keinem argentinischen Malbec „kopiert“ werden kann. Dieser Wein hat Charakter und ja, ich wage den Ausdruck, Seele!

Degustationsnotiz Jahrgang 2011:

Dichte, dunkle Farbe, noch jugendlich, fast violett; Aromen von dunklen Kirschen, Nelken, Zedernholz, Anflug von Armagnac; gute, stützende Säure in perfekter Harmonie mit feinen Tanninen, dicht und fast zum Abbeissen, dabei druckvoll aber auch elegant. Ein Klassewein!

(Bemerkung am Rand: Wir haben ihn neben einem preislich ähnlichen, durchaus guten Cru Bourgeois 2006 aus dem Haut-Médoc probiert. Der Cahors wurde einhellig und sehr klar vorgezogen).

Nachstehend ein Link auf die Homepage des Gutes. Man möchte Herrn Dega wünschen, etwas weniger Zeit auf dem Rasenmäher zu verbringen, um Zeit zu haben, seine Site auf Vordermann zu bringen. Aber am besten arbeitet er ohnehin in den Reben und im Keller, auf dass es noch viele Jahrgänge des Grand Secret gibt!

http://chateaulagineste.free.fr/

Korrigenda: Ich bin darauf aufmerksam gemacht worden, dass das Gut durchaus eine aktuelle Homepage hat:

http://chateaulagineste.fr/accueil/

siehe zudem:

http://www.vigneron-independant-lot.com/vignerons/chateau-la-gineste/


Cahors – zurück zu altem Glanz?

Das Weinbaugebiet von Cahors zählte einmal zu den bekanntesten von ganz Frankreich; die Weine wurden bis nach England verschifft und namen dabei den Weg über das rund 200 Km westlich liegende Bordeaux. Im 14. Jh. stammte rund die Hälfte des dort verschifften Weins aus Cahors. Danach verblasst die Reputation.

Heute hat das Weinbaugebiet seinen Ruf wieder verbessert, trotzdem wird auch jetzt noch vergleichsweise wenig exportiert, 80 % des Weines wird in Frankreich abgesetzt. Das ist schade, denn hier werden teils wunderbare Gewächse angebaut. Malbec ist die Hauptsorte (vor Ort eher Côt oder gar Auxerrois genannt), und was „Cahors“ heissen will, muss mindestens 70 % dieser Rebsorte enthalten. Ergänzend werden Merlot und Tannat verwendet.

Das Hauptanbaugebiet befindet sich westlich der Stadt Cahors, in einem Bereich, in dem der Lot, ein Nebenfluss der Garonne, richtig mäandert. Die Gegend ist sehr reizvoll – nicht nur für Weinfreunde!

lot
Auch landschaftlich reizvoll, das Tal des Lot, etwas oberhalb von Cahors.

Mehr zum Anbaugebiet von Cahors:

https://www.inao.gouv.fr/produit/8230

Je savais que c’était impossible … alors je l’ai fait!

dlc
„l’homme cheval“ – Dominique Léandre-Chevalier und sein Pferd (Bild: http://www.lhommecheval.com)

33’333 x 3 = das Maximum!

Quizfrage: Wie viele Stöcke Reben stehen in einem üblichen, modernen Weingarten? 5’000? Oder gar 7’000? Die Reben der Domaine Léandre-Chevalier (kurz: DLC) stehen viel dichter, rund 10’000 Stöcke pro Hektar. Das bedeutet, dass für den gleichen Ertrag pro Stock nur rund die Hälfte der Trauben am Stock hängen muss. Dichter setzen ist generell wieder aktuell geworden, und mit 10’000 Stöcken steht die DLR längst nicht mehr allein da. Aber Dominique Léandre-Chevalier setzte noch einen drauf: 33’333 Stöcke pro Hektar! Auf seiner Homepage wird man empfangen mit den im Titel zitierten Worten: „Ich wusste, dass es unmöglich war … also habe ich es gemacht“!

Das Weinhaus Gerstl machte es vor ein paar Monaten im Rahmen der Bordeaux-Arrivage möglich, den so gewonnenen Wein im Beisein von Dominique Léandre-Chevalier in der Schweiz zu probieren. Gegenübergestellt (und so auch zum Verkauf angeboten) wurden zwei sortenreine Merlots des Jahrgangs 2014, die unter völlig identischen Bedingungen gewachsen waren und vinifiziert wurden. Der einzige Unterschied: Im ersten Fall stammten die Trauben aus einer Pflanzung mit einer Dichte von 11’111 Stöcken, im zweiten mit 33’333 (mit nur noch etwa drei Trauben an jedem Stock). Die Degustation war ein Erlebnis: Während schon der 11’111 sehr überzeugte, zeigte sich der 33’333 schlicht umwerfend: Konzentrierte Aromen von dunklen Früchten, und im Mund fein und gleichzeitig unendlich kraftvoll, dicht und lang; eigentlich fast ein Wein zum Abbeissen! Für mich, selbst aus dem – freilich unterschätzten – Jahrgang 2014, einer der besten Merlots der Welt. Und vor allem ein Wein zum Meditieren.

Das Verrückte daran: Der 11’111 ist ebenfalls ein ganz toller Merlot auf Augenhöhe mit vielen höherpreisigen Weinen aus der gleichen Sorte. Aber neben dem 33’333 fällt er geradezu ab. Der Beweis scheint erbracht: Dicht pflanzen und dabei den Ertrag pro Stock reduzieren ist der Schlüssel zu grossen Weinen.

Noch ein paar Worte zum Weingut und dessen Inhaber: Letzterer scheint vor Kraft zu strotzen, und seine Ausstrahlung und Überzeugungskraft beeindruckten; bestimmt, engagiert und trotzdem bescheiden im Auftreten. Presse und Weinhandel pflegen gerne das Image des „homme cheval“, der seine Reben in Persona mit dem Pferd bewirtschaftet.

Auch er selbst wirbt auf diese Weise (vgl. Foto ganz oben), ist aber ehrlich genug, auf seiner Homepage darauf hinzuweisen, dass er durchaus auch moderne Technik und Fahrzeuge einsetzt, aber mit Augenmass und Erfindergeist. Das Sortiment der Domaine (AOC Blaye Côtes de Bordeaux) ist reichhaltig und umfasst auch weisse Weine. In der Schweiz und Deutschland erhältlich sind allerdings vom Normalsortiment in der Regel „nur“ der Le Joyau de Château le Queyroux und der 100% ProVocateur, ein sortenreiner Petit Verdot . Beide sind eine Entdeckung wert, auch – oder gerade – weil sie vom „falschen“ Ufer der Gironde stammen!

http://www.lhommecheval.com

Bezugsquelle Schweiz:
http://www.gerstl.ch

Bezugsquelle Deutschland:
http://www.gute-weine.de

pauillac
Welches ist die falsche Seite der Gironde? Die grossen Massen strömen ins Médoc (hier bei Pauillac). Dabei hat die andere, die „falsche“, Seite in der Nähe von Blaye Spannendes zu bieten. (Bild vl)