Toscana-Weingut Vignamaggio: schön wie Mona Lisa.

Man hätte auch den Titel schreiben können: vielfältig wie Babylonstoren, klassisch wie Prieurée d’Orsan und zeitgemäss wie Newt. Denn der Besitzer von Vignamaggio im Herzen des Chianti-Gebietes hat grossartige Gärten geschaffen. Mit Vignamaggio hat er aber vor allem eines der ältesten Güter der Toscana zu neuem Glanz geführt. Das Weingut besteht seit dem Mittelalter, und aus der langjährigen Besitzerfamilie soll sogar Mona Lisa stammen. Geschichte hin oder her: Die heutigen Weine sind grossartig und das Gut wird auf nachhaltige Weise bewirtschaftet!

Dante Alighieri und Leonardo da Vinci! 

Die Gründerfamilie, welche das Gut nachweislich seit 1404 geführt hat, heisst Gherardini und soll sogar in den Werken von Dante Alighieri vorkommen (Quelle: superiore.de). Und noch nachhaltiger soll eine Dame aus der Familie, Lisa Gherardini, in die Kunstgeschichte eingegangen sein, denn es soll sich um die berühmte Mona Lisa (in Italien Monna Lisa) von Leonardo da Vinci handeln.

Vignamaggio, Villa aus dem 15. Jahrhundert. (Bild ab Homepage vignamaggio.com)

Vignamaggio gehörte auch zu den Gründungsmitgliedern des Consorzio del Vino Chianti. In qualitativer Hinsicht konnte das Gut aber zu jener Zeit nicht mehr so richtig mithalten. In den 1980er Jahren ging es deshalb, nach fast 600 Jahren Familie Gherardini, in anderen Besitz über.

Patrice Taravella – Landschaftsarchitekt von Weltruf.

Seit 2014 ist das Gut nun in den Händen von Patrice Taravella, einem französischen Landschaftsarchitekten mit italienischen Wurzeln, der auf seinem Gebiet ein Star ist. So gestaltete er verschiedene berühmte Gärten wie etwa Babylonstoren in Südafrika und The Newt in Somerset, zudem besass und gestaltete er selbst Prieurée d´Orsan im Berry (F) , ein Garten rund um eine alte Abtei, ganz im Stil der mittelalterlicher Klostergärten.

Vignamaggio – zurück zu neuen Höhen!

Patrice Taravella hat seit der Übernahme von Vignamaggio viel bewegt und ist auf dem besten Weg, auch im Weinbereich zu einem Star zu werden (obwohl er sich nirgends in den Vordergrund stellt; man muss ziemlich intensiv recherchieren, um etwas über ihn zu erfahren). Dabei hatte er mit dem Betrieb eine Herkulesaufgabe übernommen. Rund 400 Hektar gehören zum Anwesen, viele alte, teils renovationsbedürftene Gebäude (wobei schon der Vorbesitzer vieles renoviert hatte) und rund 70 Hektar Reben.

Sehr schnell (Zertifizierung 2018) wurde Vignamaggio auf biodynamischen Anbau umgestellt, und der ganze Betrieb wurde auf Biodiversität ausgelegt. Olivenbäume, Wälder und Felder bilden einen eigenen kleinen Kosmos, in dem auch Schweine und Schafe ihren Platz finden. Patrice Taravella spricht von „einer kleinen Oase der Biodiversität“. Auf den Feldern gedeiht auch Weizen, der Mehl für das eigene Brot ergibt. Und der Mist der Schweine ist für die Düngung eine ideale Bereicherung zum Kompost.

Und natürlich ein Garten!

Und es gibt – fast schon selbstverständlich – mit dem Viridarium auch einen sehenswerten Garten, der Einblick in die römische Gartenbaukunst gibt.

Luxus ist genau zu wissen, was man auf dem Teller hat!

Ebenso kann man auf dem Gut stilvoll übernachten und fein essen, aktuell allerdings gerade nicht in der Villa Vignamaggio selbst. Die Preise liegen nicht im Luxussegment, und das passt zu einer Aussage von Patrice Taravella: “ Luxus ist weder Geld noch Silber und Gold. Wahrer Luxus besteht darin, genau zu wissen, was man auf dem Teller hat.“

Eine Arche Noah für den Rebbau.

Dass das mehr als leere Worte sind, beweist das Gut auch durch den Anbau von eigenem Gemüse. Und im Weinbau geht Tavarella einen Schritt zurück in die Zukunft. Um nicht mehr die handelsüblichen, uniformen Klone pflanzen zu müssen, werden aus hochwertigen alten Rebstöcken hofeigene Ruten für die Pfropfung selektioniert. Man ist überzeugt, mit dieser massalen Selektion mehr Vielfalt in die Weine bringen zu können. Inzwischen sind rund 6000 m2 Weinberge mit Jungpflanzen bestockt, die von diesen alten Reben abstammen. Damit werden in Mikrovinifikationen Tests durchgeführt, um das qualitative Potenitial zu ermitteln. Gepflanzt wurde selbstverständlich Sangiovese, aber auch Canaiolo, Malvasia, Trebbiano, Ciliegiolo, Colombana, Mammolo und Occhiorosso (Quelle: chateaumony.com/vignamaggio).

Die Reblagen von Vignamaggio, das Gut selbst liegt oben rechts unter Prenzano (Bild ab Homepage des Gutes)

Entdeckung an einer Masterclass von Vinum.

Ich hatte zuerst die Gelegenheit, einige der Weine in einer Masterclass auf Einladung von Vinum zu besuchen. Claudia Stern führte souverän durch diese Degustation, und die Qualität der Weine weckte mein Interesse. Ich erhielt anschliessend vom Gut selbst sechs Flaschen zur Degustation zugestellt, was mir ermöglichte, die Weine in aller Ruhe nochmals zu verkosten und auch noch den Vin Santo kennenzulernen.

Ein rundum begeisterndes Sortiment.

Ich bin rundum begeistert, da ist ein traditionsreiches Gut „neu“ entstanden, das es inner kürzester Zeit geschafft hat, sich wieder mit an die Spitze des Chianti-Gebietes zu arbeiten. Vom Chianti Classico gibt es drei charaktervolle Varianten, eine brilliante Annata, eine kraftvolle, aber auch elegante Riserva, die nach der Gründerfamilie genannt wird sowie die Monna Lisa, die Gran Selezione und Chianti-Flaggschiff des Gutes, welche nur in besten Jahren hergestellt wird. Erfreulich ist, dass die Preise der Annata und der Riserva angesichts der Qualität moderat ausfallen (ca. Euro 18.00 bzw. 23.00).

Nicht zu vergessen sind aber auch die anderen Weine des Gutes. Der Merlot ist sehr fein und typisch. Geradezu umwerfend finde ich den Cabernet Franc. Es ist zwar fraglich, ob man blind auf diese Sorte kommen würde – es gibt nur wenige Anklänge an die Weine von der Loire. Aber der Wein ist eine Wucht, allerdings eine sehr samtene. Da hat man ganz offensichtlich ein Terroir, welches dem CF sehr behagt. Und auch der Vin Santo: wunderbar!

Degustationsnotizen:

Terre di Prenzano, Chianti Classico DOCG, Vignamaggio, 2022 (100 % Sangiovese)
Eher dunkles Purpur; auffallend würzig, auch feine Noten nach Pinien, Frucht verhalten, aber enorm vielschichtig von rot bis dunkel; äusserst frisch, sehr viel, aber feines Tannin, saftige Säure, im langen Abgang fruchtbetont. Begeisternde, charaktervolle Annata. 17 Punkte.

Gherardino, Chianti Classico DOCG, Riserva, Vignamaggio, 2021
Mittleres, glänzendes Rubin; anfangs sehr verhalten mit Anflügen von Pflaume und Weichselkirsche,
im Mund sehr elegant und „feurig“, schöne Säure und viel enorm feine Tannine, je länger der Wein im Mund verharrt, desto druckvoller wird er, langer Abgang und sehr langer Nachhall im Mund. Sehr gelungene Riserva. 18 Punkte.

Monna Lisa, Chianti Classico DOCG, Gran Selezione, Vignamaggio, 2018
Mittleres, schon etwas gereiftes Rubin; ausgeprägter Duft nach Weichselkrischen und auch schwarzen Kirschen, Brombeeren, etwas Cassis, Veilchenduft, etwas Vanille; sehr feine Tannine, präsente Säure, elegant und eher filigran, dabei auch feurig, etwas Holz spürbar. Sehr gelungen, hat noch viel Reserve und braucht noch etwas Zeit. 18 Punkte.

Merlot di Santa Maria, Toscana IGT, Vignamaggio, 2017
Relativ dunkles, fast ins Violett tendierende Rot; Brombeeren, Heidelbeeren, Wacholderbeeren, nobler Zedernton, leiser Anflug von Cognac; im Mund mit sehr feinen, gereiften Tanninen, viel Frische, angepasst Säure, feiner, sehr lang anhaltender Abgang. Jetzt in einem ganz tollen Trinkfenster. 17,5 Punkte.

Cabernet Franc di Vignamaggio, Toscana IGT, 2019
Dunkles, fast undurchdringliches Purpur; dunkelfruchtig (Cassis, Brombeer, Pflaume) dazu balsamische Noten; unglaublich druckvoll, dabei aber auch von äusserster Eleganz, sehr viel, überaus feines Tannin, schöne, saftige Säure, dichter Körper, dunkle Frucht im sehr langen Abgang. So etwas wie eine Eisenfaust in Samthandschuhen, grosser Wein! 18,5 Punkte.

Vin Santo del Chianti Classico DOC, Vignamaggio, 2016
Relativ hell orange-braun; vielschichtige Düfte nach Orangen und Orangenzesten, Mango, sehr reifen Aprikosen, Sultaninen, ganz leichter Anflug von essigsaurer Tonerde; im Mund mit eher zurückhaltender Süsse, die durch eine schöne Säure abgefedert wird, viel Frische, fruchtbetont, enorm langer Abgang, in welchem sich die Süsse immer mehr bemerkbar macht. Ganz toller Wein, ich verzichte aber auf eine Benotung, weil ich mich mit Vin Santo einfach zu wenig auskenne.

Home Page | Vignamaggio

Die Bezugsquellen sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland sind vielfältig, bitte selbst nach dem geeigneten Händler suchen.

Und wer sich für Mona Lisa aus der Familie Gherardini interessiert:
Lisa del Giocondo – Wikipedia


Interessennachweis:
Die Weine wurden zuerst auf Einladung der Weinzeitschrift Vinum

https://www.vinum.eu/de

an einer Masterclass in Zürich degustiert; die vorstehenden Degustationsnotizen entstanden in einer Nachdegustation zuhause, für welche mir das Weingut dank Vermittlung von wellcomonline.com je eine Flasche zur Verfügung stellte.

Kommentar verfassen