Weingut Kerschbaum – grosse Weine und ein X-Faktor.

Schon im Jahr 2007 wurde Paul Kerschbaum mit dem Weingut Kerschbaum aus Horitschon im Burgenland vom Magazin Falstaff zum Winzer des Jahres erkoren. In Österreich gehört das Gut denn auch zu den grossen Namen. Tatsächlich sind die Weine grossartig. Und das mit dem X-Faktor? Da geht es in diesem Fall um etwas Bekanntes – nämlich um einen ganz speziellen Wein.

Paul Kerschbaum legte schon in den 1990er-Jahren den Grundstein für den Erfolg des Weingutes und gilt bis heute als einer der wichtigen Pioniere in der Rotweinwelt Österreichs – die Wahl zum Winzer des Jahres unterstreicht dies. Er startete 1989 mit nur 3 Hektar Fläche, erkannte aber schon damals das Potential der Sorte Blaufränkisch. Als einer der ersten erstellte er einen Barrique-Keller und begann auch Cuvées zu produzieren.

Eigenständiger Stil auf der vom Vater geschaffenen Grundlage.

2010 übernahm der Sohn Michael Kerschbaum das Weingut und führt es zusammen mit seiner Frau Stephanie. Das Gut weist heute eine Fläche von rund 40 Hektar auf. Michael entwickelte auf der von seinem Vater gelegten Basis mit den Jahren seinen persönlichen Stil der Weinherstellung. Dass dieser Stil auch seinem Vater gefällt, wird dadurch bewiesen, dass Paul und auch die Mutter Gabriele weiterhin im Betrieb mithelfen.

Michael und Stephanie Kerschbaum, die heute treibenden Kräfte des erfolgreichen Weingutes (Foto Elke Mayr, zvg Weingut Kerschbaum)

Die Weine, von sehr gut und preiswert …

Es sind sehr gute bis grandiose Weine, welche Michael Kerschbaum heute präsentiert. Der inzwischen auch im Sortiment stehende Chardonnay Reserve (aus Trauben einer befreundeten Familie aus Leithaberg) hat Klasse und dürfte vor allem jenen Weinfreunden gefallen, die einen etwas üppigeren, aber nicht überladenen Chardonnay-Stil mögen. Der Blaufränkisch Ried Hochäcker mit einem Preis ab Gut von 13.50 Euro ist zwar ein etwas einfacherer, aber sehr guter Wein – in Sachen Preis/Qualität geradezu ein Schnäppchen.

Nicht nur die Anbaufläche des Gutes stieg an, es wurde auch ein neues Gebäude mit Shop und Lagerkeller gebaut – auch hier sehr eigenständig – Kunst mit Trauben. (Bild zvg Weingut Kerschbaum).

… zu grossartig und preislich vernünftig!

Mehr als nur überzeugend sind die beiden Cuvées (die dritte, Cuvée Paul Kerschbaum, habe ich nicht degustiert). Erst seit dem Jahr 2019 wird der Opera hergestellt (und übrigens auch einmal am Opernball ausgeschenkt), der aus rund 60 % Blaufränkisch und 40 % Merlot besteht. Mich hat dieser Wein (2022) total überzeugt, das stimmt einfach alles zusammen – das ist für 16.90 Euro sensationell gut! Gleich noch eine Schippe darauf legt in qualitativer Hinsicht die schon seit den 1990-Jahren produzierte Cuvée Impresario. Auch hier (Jahrgang 2023) gibt Blaufränkisch mit 60 % den Ton an, abgerundet wird der Wein aber mit 20 % Zweigelt, 15 % Merlot und 5 % Cabernet Sauvignon. Das ist schlicht ein grandioser Wein, den man in einigen Jahren gerne blind einigen sehr guten Bordeaux gegenüberstellen würde, auch wenn der Weinstil des Impresario heute noch sehr eigenständig wirkt.

In den Rebgärten der Kerschbaum’s. Charakteristisch für die Gegend sind die eher sanften Hänge (Bild zvg Weingut Kerschbaum)

Grosser Blaufränkisch aus den Rieden Dürrau.

Anders, aber qualitativ gleichfalls auf sehr hohen Niveau sehe ich den reinen Blaufränkisch Ried Dürrau (2023). Im Moment ist dieser Wein ein eigentlicher Kraftprotz. Er lässt aber bereits viel Eleganz durchblicken und wird in einigen Jahren ein Hochgenus sein. Das ist Blaufränkisch vom Feinsten!

Bemerkenswert sind auch die Preise dieser beiden erstklassigen Weine. Natürlich sind 26.90 Euro (BF Dürrau) und 34.90 (Impresario) grundsätzlich schon viel Geld. Angesichts der grossartigen Qualität der Weine, und insbesondere im Vergleich mit vielen anderen Produzenten, handelt es sich aber um eine durchaus vernünftige Preispolitik.


Ein Herzensprojekt von Michael Kerschbaum:
Aussergewöhnlich und wunderbar tinkreif – der Blaufränkisch X aus dem Jahr 2015.

Nun aber zum X-Faktor. Vorweg: Hier bewegen wir uns dann auf einem ganz anderen Preisniveau von über 100 Euro, aber der Wein ist auch etwas Besonderes. Still und heimlich hat Michael Kerschbaum im Jahr 2015 begonnen, ein Herzensprojekt umzusetzen. Er war und ist der Meinung, dass viele grosse Weine, und ganz besonders eben auch Blaufränkisch, viel zu früh getrunken werden. Mit ausgewählten Blaufränkisch-Trauben aus der Riede Dürrau wurde deshalb eine Sonderedition produziert, die 18 Monaten im kleinen Eichenfass, sechs Monate im großen 2400-Liter-Fass und acht Jahre in der Flasche reifte. Im letzten Jahr kamen dann die 3000 Flaschen des Blaufränkisch X 2015 auf den deutschsprachigen Markt.

Das X steht für die römische Zehn, da der Wein zehn Jahre gereift ist. Als Besonderheit wird jede Flasche mit einem goldenen X handbemalt – allein die Flasche kann so zum Sammlerobjekt werden. Der Wein ist ebenfalls grossartig und jetzt in einem schönen Stadium zum Trinken – er hält aber auch noch viel länger. Dass 2015 ein warmes Jahr war, kann der X nicht verbergen, er hat aber in den zehn Jahren Lagerung viel an Sanftheit gewonnen.

Man kann trotz hoher Lagerkosten über den Preis dieses Weines streiten. Sicher ist aber, dass Michael Kerschbaum mit diesem Projekt Pioniergeist und Geduld bewiesen hat. Auch wenn weltweit „late releases“ zunehmen, so bleibt der X aus der Sorte Blaufränkisch doch etwas Spezielles. Und gerade in Zeiten, in denen tatsächlich die meisten Weine zu früh getrunken werden und in denen viele Keller nicht unbedingt für eine lange Lagerung geeignet sind, kann ein Wein wie der X eine gesuchte Rarität sein oder werden.

Nobler Wein, noble Ausstattung: Der X, ein Herzensprojekt von Michael Kerschbaum (Bild Tibor Rauch, zvg Weingut Kerschbaum)

X 2016 ist mit Lieblingsnummer bestellbar.

Der X aus dem Jahr 2016 steht bereit, ab Oktober beim Weingut und im Weinfachhandel. Die Flaschen sind nummeriert, und wer will, darf sich jetzt schon beim Weingut seine Lieblingsnummer reservieren lassen.


Degustationsnotizen:

Chardonnay Reserve 2023, Weingut Kerschbaum
Mittleres Strohgelb; sehr fruchtbetonte Nase mit Nuancen von Aprikose, weissem Pfirsich und – ohne exotisch zu wirken – Mango, Papaya und Lychee, dazu sehr dezent Duft nach frisch genittenem Gras und eine Nuance neues Holz; im Mund sehr dicht, fast üppig, was aber durch eine schöne Frische und eine saftige Säure ausgeglichen wird, sehr fruchtbetont mit spürbarer Frucht“süsse“, leichter, erfrischender Bittertouch im sehr langen Abgang. 17 Punkte.

Blaufränkisch Ried Hochäcker 2023, Weingut Kerschbaum
Mittleres Rot; fruchtbetonte Nase mit Duft nach Heidelbeeren, Preiselbeeren, Brombeeren, Pflaume, dahinter auch würzige Noten, im Mund eher schlank, spürbare, aber gut stützende Säure, feine Tannine, druckvoll im langen Abgang. Schöner Blaufränkisch ohne höhere Ansprüche, aber perfekt zu einfacheren Gerichten. 16,5 Punkte.

Opéra 2022, Weingut Kerschbaum
Recht dunkes Rot; in der Nase eher zurückhaltend, aber sehr vielschichtig, der ganze Bogen von dunkler Frucht über Würzigkeit, Zedernholz bis hin zu grünlichen Düften (Holunderblätter); im Mund enrom dicht, viel, aber fein geschliffenes Tannin, spürbare, gut stützende Säure, schöner „Süss“komplex, sehr langer, fruchtiger Abgang. Noch zu jung, zeigt aber grosses Klasse und ist trotzdem heute schon sehr genussvoll zu trinken, 18 Punkte.

Impresario 2023, Weingut Kerschbaum
Dunkles, fast undurchdringliches Purpur; sehr fruchtbetonte Nase (Jostabeere, Brombeere, Pflaume), balsamische Noten, etwas Leder, auch würzige Noten (Lorbeer, trockene Korianderkörner), etwas Vanille; im Mund gleichzeitig elegant und kraftvoll, sehr viel, ausgesprochen „feinkörniges“ Tannin, aktuell noch ziemlich adstringierend, tolle Frische bei mittlerer Säure, auch im sehr langen Abgang sowohl kraftvoll als auch elegant wirkend. Ist noch viel zu jung. 19 Punkte.

Blaufränkisch Ried Dürrau 2023, Weingut Kerschbaum
Mittleres bis dunkles, gänzendes Purpur; dunkle Frucht (Cassis, Pflaume, Dörrzwetschge) kombiniert mit würzigen (Thymian) Düften, etwas grüner Tabak, noch leichte Gäraromen; im Mund ungemein zupackend, sehr viel sehr feines Tannin, dichter Körper, dabei aber auch eine elegante Seite erkennbar, schöne Frische, gut angepasste Säure, fast nicht endender Abgang. Ein grosser Wein mit riesigem Potential, heute wie ein Kraftprotz wirkend, morgen wohl ein sanfter und eleganter Wein. 18,5 – 19 Punkte.

Blaufränkisch X 2015, Weingut Kerschbaum
Mittleres Purpur-Rot, noch jugendlich wirkend; verhalten, die würzige Note überwiegt anfangs (Thymian, Lorbeer, getrockneter Rosmarin, etwas Liebstöckel), dahinter helle Frucht, auch etwas Aprikose und Boskoop-Apfel; im Mund von unglaublicher Sanftheit, dabei aber auch mit Kraft, schöne Frische, schöne, saftige Säure, enorm feine Tannine, wirkt sehr „beerig“, im sehr langen Abgang aber auch mit Power und „Feurigkeit“. Grandioser Wein, meines Erachtens noch nicht einmal auf seinem Höhepunkt. 19 Punkte.

Links:

Weingut Kerschbaum Horitschon – Weingut Kerschbaum
(mit Onlineshop)

In der Schweiz werden die Weine gemäss Homepage des Gutes von Artus Weine, Ittigen, vertrieben. Deren Homepage ist aber aktuell nicht aktiv bzw. es wird darauf verwiesen, sie gehe nach einer Neugestaltung demnächst wieder online. Mehrere Weine von Kerschbaum sind aber auch bei der Vinothek Brancaia erhältlich:
Suche: 16 Ergebnisse gefunden für „kerschbaum“ – Vinothek Brancaia
In Detuschland gibt es einige Anbieter, u.a. auch Wir Winzer und 9weine.


Interessennachweis
Die Weine wurden zu Degustationszwecken vom Weingut zur Verfügung gestellt.

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