Das Waadtland als Rotweinhochburg! Und der beste Wein kommt aus einer unbekannten Ecke.

Der aktuell beste Rotwein aus dem Kanton Waadt ist ein Merlot von Château de Valeyres. Er wurde in einem dreistufigen Verfahren als Gewinner der „Lauriers de Platine“ erkoren. Dass der Sieg verdient ist, zeigt der zweite Platz, denn da rangiert das Gut – ex aequo – gleich nochmals. Aber damit nicht genug: Unter den 16 Finalisten stellte Château de Valeyres vier Vertreter. Zufälle gehen anders!

Côtes de l’Orbe: wiederholt ganz oben!

Das Spannende daran: Der Siegerwein stammt nicht etwa aus dem Weltkulturerbe Lavaux oder aus der ebenfalls bekannten La Côte, und auch nicht aus dem Chablais. Nein, Château de Valeyres befindet sich in der kleinen Appellation Côtes de l’Orbe, welche eigentlich „nur“ die Verlängerung des Neuenburger Rebbaugebiets sowie der Waadtländer Rebberge bei Bonvillars über dem Neuenburgersee darstellt (allerdings mit etwa 15 Kilometer Distanz zum See).

Die Vertreter der vier besten Weine präsentieren stolz ihre Auszeichnungen. (Bild zvg, Terravin)

Die Waadt neu denken.

Überhaupt muss man dringend umdenken, wenn man den Waadtländer Weinbau vor Augen hat. Nicht, dass der weisse Chasselas (Gutedel) keine Rolle mehr spielt, im Gegenteil, viele dieser Weine erreichen inzwischen ungeahnte Qualität und zeigen, dass diese Sorte ein grosses Potential hat. Und doch haben inzwischen andere Rebsorten, und ganz besonders die roten, das Image des Weinkantons grundlegend verändert.

Super-Vauds!

Rotweine aus Pinot Noir und Gamay (sowie deren Klone Servagnin bzw. Plant Robert; Links zu Beiträgen dazu siehe unten) gab es zwar schon lange. Aber heute könnte man schon fast sagen „Vaud sur Dordogne“ oder „Vaud sur Rhône“, wobei letzeres mit dem Genfersee ja sogar stimmt (das Wasser aus der Region Orbe fliesst aber in den Rhein). Denn der Siegerwein ist ein Merlot und einer der zweitplatzierten ein Syrah. Dazu gibt es auch Kritik nach dem Motto „warum müssen die jetzt auch noch solche im Holz ausgebauten Weine produzieren?“. Aber warum sollte, gerade vor dem Hintergrund der Klimaerwärmung, welche diese Anpassung ja erst möglich macht, der Waadt verwehrt bleiben, was andere, etwa Bolgheri, schon länger mit Erfolg machen? Jedenfalls überzeugten die „neuen“ Weine sehr; vielleicht müsste man also den Ausdruck „Super-Vauds“ einführen?

Zum Lokalkolorit passt dann allerdings, dass die beiden anderen Finalisten aus Sorten bestehen, die an der Weinfachschule Changins in der Waadt gezüchtet wurden, nämlich Gamaret, sowie in einem Fall zusätzlich Garanoir und Mara, wobei alle drei Sorten aus der gleichen Züchtung hervorgingen.

Terravin – ein echtes Qualitätslabel.

Ein Label anders als fast alle anderen: Terravin steht für systematisch geprüfte Qualität. (Bild ab Homepage Terravin)

Das Label Terravin gibt es seit 1963, und heute hat sich die Organisation ein hohes Ansehen erworben, weil die Weine nicht nur kritisch, sondern nach messbaren Qualitätskriterien bewertet werden. Um die begehrte Auszeichung „Label Or“ zu erhalten, darf ein Wein in keinem der 25 Beurteilungskriterien ungenügend abschneiden. Die an wissenschaftlichen Kriterien angelehnten Beurteilungspunkte sind sehr spannend und können meines Erachtens als Vorbild für alle Degustationen stehen. Ich werde das weiterverfolgen und zu einem späteren Zeitpunkt vertieft darauf zurückkommen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Labels hat man als Kosument beim Kauf eines mit dem Goldlabel ausgezeichneten Weins also die Gewissheit, einen guten und in jeder Hinsicht einwandfreien Wein zu erhalten. Dies zeigte sich auch an der Degustation zum „Laurier Platine Terravin“, der Kür des besten Rotweins des Kantons Waadt im Jahr 2025 (aus den Weinjahrgängen 2022, 2023 oder 2024), an der ich als Jurymitglied teilnehmen durfte. Alle 16 Weine, die es in den Final geschafft hatten, waren schlicht und einfach sehr gut!

Aus 60 mach 16, mach 8, mach 4.

Das Vorgehen bei der Wahl des besten Waadtländer Rotweins trägt aber auch allen Aspekten Rechnung. In Betracht kamen nur Weine, welche das Goldlabel erhielten, also nach rationalen Kriterien für gut befunden wurden. Aus 60 dieser Weine trafen Fachleute danach eine Auswahl von 16 Weinen, welche damit quasi in den Viertelfinal einzogen. Und aus diesen wurden dann im Cup-System von der Fachjury die acht Halbfinalisten und danach die vier Finalisten erkoren.

Natürlich bleiben – bei aller Ratio – dann noch die persönlichen Präferenzen und nicht jede und jeder mag alle Weinstile. Das zeigte sich auch an den Beurteilungen durch die 21 Jurymitglieder, die nicht selten divergierend waren. Wer eher auf Eleganz setzt, hat einen Wein anders eingestuft, als wer kräftige Weine bevorzugt. Und wer Säure mag, hat anders geurteilt, als jemand, der diese lieber dezent antrifft. Und wer einen holzbetonten Ausbau mag, hat anders bewertet als Puristen, die Holz eher meiden. Aber am Schluss entschied der rangmässig Durchschnitt aller Degustatorinnen und Degustatoren. Ich kann für mich selbst immerhin sagen, dass ich alle, wirklich alle der 16 Finalisten mit Freude geniessen würde – das Niveau der roten Waadtländer ist extrem hoch!

Die Finesse des Pinots hat keine Chance gegen die Kraft der „Super-Vauds“.

Schade ist eigentlich nur, dass es kein einziger reinsortiger Pinot Noir in die Auswahl der Finalisten geschafft hat. Die Vorauswahl aus den Gold-Label-Weinen wurde wie erwähnt bereits von einem speziellen Jury-Gremium getroffen, und offensichtlich hatten dort die finessenreichen Pinots (und die gibt es im Kanton Waadt!) keine Chance gegen die kräftigen Merlots, Syrahs und Gamarets. Immerhin schafften es zwei Gamays in den Final, wo sie ihrerseits aber wieder keine Chance hatten (obwohl ich persönlich den Côtes de l’Orbe von der Domaine du Manoir La Bassin trotz etwas viel Holz sehr hoch bewertet habe). Pierre Monachon, Präsident von Terravin und Spitzenwinzer in Rivaz, erwähnte denn auch, dass die Organisation darüber nachdenkt, ein Instrument zu schaffen, das auch dem „feinfühligen“ Pinot gerecht werden kann.

Pierre Monachon, Präsident von Terravin, mit dem Siegerwein der „Lauriers de Platine rouge“.

Gewonnen hat schliesslich also ein Wein aus den Côtes de l’Orbe. Auch das ist augenscheinlich kein Zufall, denn wenn man etwas zurückschaut waren auch in den Vorjahren immer wieder Weine aus diesem Gebiet unter den ersten vier Weinen bzw. haben zweimal bereits gewonnen. Ganz offensichtlich ist dieses unter dem Radar der Weinkenner fliegende Weingebiet eine Entdeckung wert!

Die Siegerweine:

Und hier die vier Etiketten der Finalweine, mit dem Sieger als zweite von links. (Bild zvg Terravin).

Nachstehend meine Degustationsnotizen zu den vier bestplatzierten Weinen (die Zeit war sehr knapp, so dass die Notizen etwas mager ausfallen):

1. Platz: Château de Valeyres, Merlot „Confidentiel“, 2023, Côtes de l’Orbe AOC
Recht üppige, südlich anmutende Nase mit dunklen Beeren und etwas Würze; rund, schöne Säure, recht dicht, sehr feine Tannine, viel Fruchtsüsse oder vielleicht gar ganz leichte Restsüsse. (17 Punkte von mir).

Hat gut lachen: Frédéric Hostettler, Rebbau-Meister, freut sich als Vertreter von Château de Valeyres über den ersten und zweiten Platz.

2. Platz (ex aequo): Château de Valeyres, Gamaret-Garanoir-Mara „De Gallera“, 2023, Côtes de l’Orbe AOC
In der Nase einerseits üppig wirkend (Cassis, Brombeere, etwas Holz), aber irgendwie auch zurückhaltend und fein; rund, mässige Säure, sehr dichter Körper, viel, aber feines Tannin. (17,5 Punkte von mir)

2. Platz (ex aequo): Cave des Rois, Syrah, 2023, Lavaux AOC (St. Saphorin)
Intensiver Duft nach Cassis, Pflaume und Zwetsche; sehr füllig mit viel Tannin und mittlerer Säure, schöner Wein für Liebhaber von Kraft und Fülle. (17,5 Punkte von mir)

4. Platz: Bolle & Cie SA, La Licorne Gamaret de Novembre, 2023, Vaud AOC
Verhaltene Nase mit fruchtigen Anflügen; im Mund elegant, eher tiefe Säure, sehr feine, aber auch etwas trocknende Tannine, nobler, runder und feiner Wein. (17,5 Punkte von mir).

Zusätzlich: Zwei persönliche Lieblinge.

Und schliesslich noch ein kleiner Verweis auf zwei weitere Weine, die mir sehr gefallen haben, verbunden mit dem Hinweis, dass ich keinen Wein tiefer als mit 16,5 Punkten bewertet habe – also sämtliche 16 Finalisten mit sehr gut bis ausgezeichnet!
– Gauthey Bernard, Merlot 2023, Côtes de l’Orbe (etwas viel Holz aber sehr elegant, 17,5). Das Gut war übrigens 2-facher Sieger in Vorjahren.
– Cave des Viticulteurs de Bonvillars, Merlot „Gourmand“ 2023, Bonvillars AOC Grand Cru (, dicht, saftig, elegant, viel Tannin und auch etwas viel Holz, 17,5)

Links:

Le label Terravin est une garantie de qualité des vins suisses – Terravin
(Hier kann man auch Weine bestellen. Es gibt gar ein Degustationspaket „Laurier Platine Terravin rouge 2025“, allerdings ist aktuell nicht vermerkt, welche Weine enthalten sind).

Accueil – Château de Valeyres
ACCUEIL | Cave des Rois
Bolle & Cie – La Licorne – Boutique de vin, acheter du vin suisse – Bolle & Cie SA – bolle.ch

Und hier einige Links auf frühere Artikel in meinem Blog, die bereits zeigten, was das Waadtland drauf hat:

Das Lavaux wird immer spannender – auch jenseits des Chasselas! – Victor’s Weinblog
Plant Robez von Blaise Duboux. Ein grandioser Wein – fast der Autobahn zum Opfer gefallen! – Victor’s Weinblog
Dem Tod von der Baggerschaufel gesprungen! – Victor’s Weinblog
Rot zum 1. Mai: Noch eine rote Trouvaille aus der Weissweinhochburg Lavaux. – Victor’s Weinblog
Merlot, Syrah, Cabernet Sauvignon = Dézaley? (!) – Victor’s Weinblog (Dieser Wein war übrigens auch unter den 16 Finalisten und hat mir ebenfalls sehr gut gefallen, äusserst elegant, vielleicht etwas viel Holz)
Chasselas (Gutedel) forever! – Victor’s Weinblog

Die Jury für die Lauriers de Platine rouge am 12. Juni 2025 in Solothurn am Werk (Bild zgv Terravin)

Interessennachweis:
Die Weine wurden von mir als Jurymitglied an der Final-Degustation vom 12. Juni 2025 in Solothurn auf Einladung von Terravin degustiert.

Kommentar verfassen