Zum Nationalfeiertag: Schweizer Wein, Malaise oder Wohlergehen?

Zum Schweizer Nationalfeiertag bietet sich natürlich immer ein Bericht über Schweizer Wein an. Ganz am Schluss stelle ich auch zwei ausserordentlich gelungene Gewächse vor. Wer sich für Importzoll-Politik nicht interessiert, scrollt also einfach nach unten!

Vor allem aber komme ich nochmals auf das geplante neue Zoll-Regime für den Import von Wein zurück.
Und es gibt eine Neuigkeit in meinem Blog – zum ersten Mal hat nämlich auch KI mitgearbeitet.

Petition der „raisins de la colère“

Kürzlich sah ich mit Erstaunen einen FB-Beitrag eines von mir hoch geschätzten Waadtländer Bio-Selbstkelterers, der empfahl, eine laufende Petition der Winzervereinigung „les raisins de la colère“ zu unterzeichnen. Die Petition verlangt im Wesentlichen:

wirksame Massnahmen zur Unterstützung der Schweizer Weinproduktion,
– faire Wettbewerbsbedingungen gegenüber importierten Weinen, wobei für Importe vergleichbare Anforderungen gelten sollen,
– eine stärkere Förderung des Konsums von Schweizer Wein
.

Zur Begründung führen die Initianten an, dass die Schweizer Weinwirtschaft für die regionale Wirtschaft, die Kulturlandschaft und das kulturelle Erbe von grosser Bedeutung sei. Zudem betonen sie die Vorteile kurzer Transportwege, den Beitrag zur Biodiversität sowie die Bedeutung eines lebendigen lokalen Landwirtschaftssektors. Die Petition versteht sich deshalb als Unterstützung der Schweizer Winzerinnen und Winzer und ruft die Bevölkerung auf, sich für deren Zukunft einzusetzen.
(Zusammenfassung: Chat-GPT, den vollen Text können Sie auf der Homepage für die Petition nachlesen, Link ganz unten)

Die Leute hinter der Petition führen also aus, dass eine Förderung des Schweizer Weinbaus und somit Massnahmen zur Unterstützung der nationalen Weinproduktion den hohen Standard im Land in Bezug auf die Biodiversität belohne und eine regionale Wirtschaft, die mit einer kurzen Wertschöpfungskette, welche den CO₂-Fussabdruck reduziert, fördere. Zudem sei der Erhalt eines kulturellen Erbes und einzigartiger Landschaften sicherzustellen. (Zusammenfassung des Autors).

Lokale/regionale Wertschöpfung

Vorbehaltslos positiv zu beurteilen sind selbstverständlich die lokale Wertschöpfung und die kurzen Wege, das ist zweifelsfrei förderungswürdig – nicht nur im Weinbau. Auch, dass es Landschaften gibt, die man sich ohne Reben fast nicht vorstellen könnte (gerade in der Waadt, siehe direkt vorstehendes Foto, und im Wallis) ist auch eine Tatsache.

Der Weinbau als Vorbild für Biodiversität?

Etwas heuchlerisch wird es, wenn postuliert wird, der Weinbau stehe für Biodiversität. Zwar gibt es tatsächlich extrem vorbildliche Betriebe (z.B. Lenz in Iselisberg), aber gesamthaft ist das sicher übertrieben. Dazu Chat-GPT: „Der Schweizer Weinbau gehört zu denjenigen Bereichen der Landwirtschaft, in denen einzelne Betriebe sehr vorbildlich handeln – die gesamte Branche ist aber noch nicht ein Biodiversitäts-Vorreiter.“
Und tatsächlich liegt die Schweiz nur schon beim Anteil der Bio-Betriebe sehr deutlich hinter Italien, Frankreich, Spanien und auch Oesterreich, und etwa gleichauf mit Deutschland (Quelle: oiv.int, via Suche Chat-GPT).

Biodiversität? Das ist zugegebenermassen ein Extrembeispiel, aber ich hätte schon noch zusätzliche (Foto aus dem Lavaux, Frühjahr 2021) …
… immerhin: das gute Beispiel gibt es nur etwas unterhalb, die Flächen eines Bio-Winzers. (Ebenfalls Frühling 2021)

Die Petition – schöne formulierte Ziele, aber eigentlich geht es um die Zollvorschriften!

Weshalb aber sollte man meines Erachtens diese Petition nicht unterschreiben? Ganz einfach, weil sie fast ausschliesslich deshalb lanciert wurde, um den geplanten neuen Zollmassnahmen des Departements Parmelin zum Durchbruch zu verhelfen. Sie ist damit auch so etwas wie eine Gegenreaktion auf meine im Rahmen der formellen Vernehmlassung eingereichte Petition gegen die „Schnapsidee zum Weinen“ (NZZ). Nicht von ungefähr haben die „raisins de la colère“ in einem Post ihren Erfolg mit meinem verglichen (trotz viel kürzerer Sammelzeit liegt meine Petition aktuell noch mit etwa 3000 Unterschriften voraus).

Ich muss zu meiner Petition hier nicht mehr viel schreiben, die Argumente können Sie bei Bedarf gerne im Petitionstext und in zwei Blogbeiträgen nachlesen (Links ganz unten). Immerhin sei wiederholt: Profitieren würden vor allem die grossen Player der Weinproduzenten, und ob reine Traubenlieferanten wirklich besser gestellt wären, erscheint mir mehr als fraglich. Und insbesondere die Selbstkelterer hätten nicht den geringsten Vorteil. Deshalb verstehe ich auch nicht, wie ein solcher diese Petition unterstützen kann.

Was KI dazu meint ist spannend:

Interessant ist allerdings zusätzlich, was Chat-GPT zum Vorhaben des Departementes Parmelin und insbesondere zur Datenlage über die möglichen Auswirkungen geliefert hat – übrigens, ohne konkret danach gefragt worden zu sein:

Wo ist der belastbare Nachweis, dass die geplante Kontingentsregelung den Absatz von Schweizer Wein tatsächlich erhöht?

Der Punkt mit der fehlenden Evidenz ist aus meiner Sicht tatsächlich einer der stärksten Kritikpunkte. Nicht, weil die Massnahme deshalb automatisch ungeeignet wäre, sondern weil sie eine klassische Frage der Regulierungsfolgenabschätzung aufwirft.
Wenn der Bund einen Mechanismus einführt, der Marktanreize verändert, stellen sich mindestens vier Fragen:
– Wirkung: Wie stark wird der Absatz von Schweizer Wein voraussichtlich steigen?
– Kausalität: Weshalb ist zu erwarten, dass die Inlandleistung tatsächlich zu mehr Verkäufen führt und nicht lediglich zu einer Umstrukturierung der Unternehmen?
– Nebenwirkungen: Welche Auswirkungen hat die Regelung auf Wettbewerb, Marktstruktur, Preise und administrative Kosten?
– Alternativen: Gibt es Massnahmen mit vergleichbarer oder besserer Wirkung und geringeren Eingriffen?

Gerade in der schweizerischen Verwaltung ist man sonst oft stolz auf eine solide Folgenabschätzung. Deshalb wäre es durchaus naheliegend zu erwarten gewesen, dass das BLW zumindest ein Wirkungsmodell oder Szenarien präsentiert.

Ein weiterer Punkt, der mir beim Nachdenken gekommen ist: Die Massnahme enthält implizit eine Annahme über das Verhalten der Unternehmen. Sie unterstellt, dass Importeure ihre Einkaufs- und Vermarktungsstrategie anpassen, um an günstige Kontingente zu gelangen. Das ist plausibel. Weniger klar ist aber die nächste Kette der Annahmen:
Mehr Inlandleistung → mehr Schweizer Wein im Sortiment → mehr Verkauf von Schweizer Wein.
Gerade dieser letzte Schritt hängt letztlich vom Konsumenten ab. Ein Händler kann sein Sortiment ändern; ob die Flaschen dann tatsächlich gekauft werden, entscheidet der Markt. Das ist wahrscheinlich die empirisch unsicherste Stelle der gesamten Argumentation.

(Kurisver Text: Chat-GPT)

Bei allem Respekt: Man konnte als Winzer die Malaise kommen sehen und früher handeln.

Ich habe selbst immer wieder darauf hingewiesen und mit vielen Beiträgen auch bewiesen, dass mir der Schweizer Wein am Herzen liegt. Allerdings erlaube ich mir aber gerade deshalb den Hinweis, dass viele Betriebe sich schon länger auf die neuen Gegebenheiten eingestellt haben und heute auch nicht nach dem Staat rufen müssen. Die Entwicklung, und insbesondere der massiv sinkende Weinkonsum, war schliesslich schon lange absehbar. Grundsätzlich hätte man als Winzer also durchaus Zeit gehabt, um zu reagieren.

Weltweite Weinproduktion und Weinkonsum. Man beachte insbesondere, dass seit ca. 1960 immer eine Überproduktion vorlag, und dass der Konsum seit rund 1985 stark fiel, obwohl zwischenzeitlich neue Märkte wie etwa China dazukamen. (Quelle: American Association of Wine Economists (AAWE))

Und in der Schweiz präsentiert sich die Situation kaum anders:

Aus den Daten des Bundesamtes für Landwirtschaft ergibt sich, dass der Weinkonsum auch hierzulande deutlich abgenommen hat, und dass davon der Schweizer Wein nicht stärker betroffen ist als der ausländische! (Tabelle aufgrund der BLW-Daten zusammengestellt von Chat-GPT)

Röstgraben? Oder Chasselas-Graben?

Kürzlich hat mich ein innovativer Winzer darauf aufmerksam gemacht, dass er sich in der ganzen Problematik Sorgen um den Zusammenhalt der Weinbranche und der Winzerinnen und Winzer mache. Insbesondere fürchte er, dass die Deutschschweizer sich gegen die Welschen „ausspielen“ könnten.

Tatsächlich ist es natürlich so, dass die Produktion in der deutschsprachigen Schweiz deutlich kleiner ist als im Welschland, der lokale Absatz kann daher die produzierten Mengen eher abnehmen, wobei es allerdings durchaus auch hier Probleme gibt. Und nun den französischsprechenden Produzenten, wie offenbar geschehen, Faulheit vorzuwerfen, ist verwerflich – und falsch. Auch das Bashing des Schweizer Weins und insbesondere des Chasselas muss endlich aufhören! Leider leben Vorurteile aber offensichtlich länger.

Bloss: Was wurde von Produzenten (einzelne Vorbilder ausgenommen) und Verbänden in den letzten Jahrzehnten wirklich dagegen unternommen, insbesondere bezüglich Kommunikation in der Deutschschweiz? Und halt schon auch: Wer jahrlang nur auf kulturelles Erbe und auf Tradition gesetzt und das immer Gleiche produziert hat, der steht heute vor Problemen, die auch der Staat nicht vollumfänglich würde lösen können, schon gar nicht in einem Land wie der Schweiz, welches wirtschaftlich so stark auf den Export angewiesen ist.

Und jetzt zum Erfeulichen: Zwei tolle Chardonnays (aus der Deutschschweiz … sorry)

Damit komme ich nun zum erbaulichen Teil des Bundesfeier-Beitrags. Und ab jetzt auch ganz frei von KI.
Chardonnay ist so eine Geschichte. Zwar ist es eine „Welttraube“, und ob die Schweiz diese nun auch noch anbauen muss, könnte man sich ja fragen. Aber sie ist halt auch eine Weltklassetraube, und daher macht hierzulande der Anbau auch Sinn, zumal es augenscheinlich Terroirs und Klimas gibt, in denen diese Sorte zu absoluten Höchstleistungen fähig ist.

Nicht nur Pinot-Land, sondern auch tolles Chardonnay-Terroir: Bündner Herrschaft.

Fast aller Anfang war schwer.

Bloss: Erinnern Sie sich auch noch an die ersten Chardonnays aus unserem Land? Von Ausnahmen wie Gantenbein oder Donatsch einmal abgesehen, waren die Weine noch vor 25 Jahren oft an der Grenze des Zumutbaren. Viel zu viel Holz, viel zu exotisch, viel zu plump oder alternativ auch zu dünn. Die allermeisten Winzer, die schon vor vielen Jahren mit dem Anbau von Chardonnay begonnen haben, stellen aber heute tolle Weine her, ganz einfach, weil sie die notwendige Erfahrung gesammelt haben.

Zwei Paradebeispiele aus der heutigen Zeit!

Ich weise nachfolgend auf zwei tolle Exemplare aus der Bündner Herrschaft hin. Die Auswahl ist zufällig, weil ich von einem mir bisher nur dem Namen nach bekannten Winzer Probeflaschen erhalten habe. Soviel vorweg, die Weine von Uwe Schneider aus Zizers sind toll und es gibt sogar ein absolutes Highlight. Ein Bericht folgt in einigen Wochen.

Seinem Wein wollte ich aber einen eines mir bekannten und geschätzten Betriebes gegenüberstellen, Liesch Weine aus Malans, über den ich auch schon berichtet habe. Das „Duell“ Schneider gegen Liesch Weine ging nicht etwa unentschieden aus, sondern zeigte ganz klar zwei Sieger: Beide Weine sind grossartig, zwar nicht billig, aber für diese Qualität im internationalen Vergleich noch bezahlbar. Und beide zeigen einmal mehr, dass die Bündner Herrschaft ganz offensichtlich ein hervorragendes Chardonnay-Gebiet ist.

Und natürlich beweisen die beiden Beispiele, wie man als Weinbaubetrieb mit Qualität erfolgreich sein kann! Und damit auch, dass Wohlergehen oder Malaise im Weingeschäft nicht einfach nur Zufall sind.

Zwei vorbildliche Chardonnays.

Schneider, Zizers, Chardonnay 2023
Mittleres Gelb; Zitrus, Birne, ein Hauch von Aprikose, weisser Pfirsich, weisser Pfeffer, leiser Touch von neuem Holz; im Mund frisch und mineralisch, schöne, saftige Säure, Holz kaum spürbar, dafür eine minimale, schöne Spur Tannin, elegant und präzise, fast ein wenig „cool-climat“, schön!. 17,5 Punkte.

Liesch Weine, Malans, Chardonnay 2024
Eher blasses Gelb; ausgeprägter Duft nach Thiriot-Birne, dazu Zitrus, etwas Reinclaude und sehr dezent Mango sowie minimal neues Holz; im Mund dicht, rund mit viel Frucht“süsse“, schöne, spürbare aber unaufdringliche Säure, langer, fruchtiger Abgang. Feiner Chardonnay. 17,5 Punkte.

Links:

Zur Petition der „raisons de la colère“ mit dem genauen Text:
Petition zum Schwiizer Wiibau rette – Petitionen.com

Zu meiner eigenen, mit dem Ende der Vernehmlassung abgeschlossenen Petition mit Erläuterungen sowei zu zwei entsprechenden eigenen Blogartikeln:
Nein zum neu geplanten, absurden Zollregime für Weinimporte. Eine Schnapsidee zum Weinen! – Online-Petition
Unterschreiben auch Sie die Petition! Nein zu den geplanten, weltfremden Importregeln für Wein. – Victor’s Weinblog
Par malheur: Bundesrats-Winzer Parmelin bereitet den Weinskandal der anderen Art vor! – Victor’s Weinblog

Zu den beiden Weingütern:
Schneiderwein | Wein aus der Schweiz (enthält nur Kontaktangaben, Bezugsquelle: Chardonnay AOC Graubünden – Uwe Schneider – 2023 – feiniwy.ch

Startseite – Liesch Weine


Interessennachweis:
Bezüglich Import-Regelung vertrete ich keinerlei Interessen (ausser meinen eigenen als Weinfreund).
Der Wein von Schneider wurde zu Degustationszwecken zur Verfügung gestellt, jeder von Liesch Weine käuflich erworben.

KI-Hinweis:
Ein Teil des Artikels wurde mit KI erstellt, die entsprechenden Passagen sind kursiv und mit Hinweis auf Chat-GPT gekennzeichnet.

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