Ein vermeintlicher Merlot, der eigentlich Carménère ist und einst in Bordeaux das hohe Image mit begründet hatte – und Weine zum Verlieben. Grossartiges aus Chile, einem ernst zu nehmendem Qualitäts-Weinland! Und warum bloss hat Bordeaux die Qualität der Carménère noch nicht wiederentdeckt?
Zufälle gibt es manchmal: Wir waren seit ein paar Tagen zurück von einer Chile-Rundreise, und ich hatte eben begonnen, einen Beitrag über die Carménère zu schreiben, als Vinum ins Haus flatterte – mit einem spannenden Beitrag von Miguel Zamorano über ebendiese Sorte. (Link siehe unten, leider hinter Paywall).
Carménère: Eine der wichtigsten Sorten im Bordelais.
Die Carménère war in Bordeaux einst eine der wichtigen Rebsorten, und sie ist auch heute in der Gironde noch formell zugelassen. Nach den Reblaus- und Mehltau-Katastrophen verschwand die Sorte aber weitgehend aus Bordeaux. Jancis Robinson schreibt dazu in ihrem Standardwerk „Reben, Trauben, Weine“ (Hallwag, 1987): „Die Winzer nahmen die Gelegenheit als Fingerzeig der Natur, dass sie nämlich die ertragsarme und für Verrieseln anfällige Sorte besser aufgeben sollten“.

Dass die Sorte indessen qualitativ hochstehend ist, bestätigt nicht nur Jancis Robinson („feine Weine“), sondern auch Pierre Galet in seinem Führer „Cépages et Vignobles de France“ (Pierre Galet, L’Ampélographie Française, Tome II, 1990). Er hält fest, dass die Carménère aufgrund ihrer aussergewöhnlichen Weinqualität zusammen mit der Cabernet Franc die weltweite Reputation von Bordeaux begründet habe.
Unter falschem Namen in Chile versteckt.
In Chile freilich wird die Sorte seit etwa 1850 angebaut, und ihre Anfälligkeit auf Verrieseln bei Nässe spielt hier aufgrund des Klimas kaum eine Rolle. Allerdings ging der Name irgendwann verloren, und man hielt sie fortan für eine Varietät der Merlot! Das ist einerseits erklärbar, da sich die beiden Sorten äusserlich sehr ähnlich sind – andererseits aber auch sehr erstaunlich, da die Carménère mehrere Wochen später reift. Erst 1994 bewies der französische Ampelograph Jean-Michel Boursiquot mittels DNA-Analyse, dass es sich bei der vermeintlichen Merlot-Spezialität effektiv um die Carménère handelt.

Wiederauferstanden, und wie!
Einzelne Winzer erkannten die Chance, sich mit einer eigenständigen Rebsorte vom Rest der Welt abheben zu können, und heute sind rund 8000 Hektar in Chile mit der Sorte bepflanzt. Die Carménère ist in diesen rund 30 Jahren aber vor allem auch zu einem Art Nationalwein herangewachsen, vergleichbar mit dem Malbec in Argentinien. In jedem besuchten Restaurant hat man mir auf die Frage nach Wein stets zuerst einen Carménère empfohlen, und zwar praktisch unabhängig von der bestellten Speise (wie praktisch, dass die fruchtige, eher tanninarme Sorte auch zu Fisch gut passt!).

Warum nur nicht auch in Bordeaux? Aber Chile freut es!
Tatsächlich hat mich die Carménère auf unserer Reise fasziniert. Während einfachere Qualitäten durch eine grosse Fruchtigkeit auffallen (und mit moderatem Tannin ein wenig an Barbera erinnern), sind die Spitzenqualitäten schlicht umwerfend gut. Ich habe mich richtig in diese Weinsorte verliebt. Auffällig ist immerhin, dass fast alle der Spitzenweine nicht sortenrein daherkommen (wobei meine „Stichprobe“ natürlich nicht repräsentativ ist). Trotzdem stellt sich die Frage: Warum nicht auch in Bordeaux? Laut dem erwähnten Vinum-Artikel enthalten nur gerade die Weine von Clerc Milon und Mouton Rothschild auch etwas Carménère. Meine kleine, aber nicht vollständige Recherche ergab allerdings, dass auch folgende Güter Carménère in ihre Assemblage aufnehmen: Château Valandraud (Virgine de Valandraud), Château de Pressac, Château St.-Aubin, Château Trianon und Château Deyrem-Valentin. Vermutlich gibt es aber noch weitere Güter die Carménère verwenden, die Seite vignes-vins.fr nennt nämlich eine aktuell bestockte Fläche von immerhin 40 Hektar.
Wann kommt die verlorene Tochter nach Bordeaux zurück?
Aber wie auch immer das genau ist: Die qualitativ hoch stgehende Carménère hätte in Bordeaux eine viel herzlichere Wiederaufnahme verdient!
Degustationsnotizen
(in Restaurants in Chile auf Empfehlung des Servicepersonals genossen)

Und wenn man sich noch vor Augen bzw. Gaumen hält, dass es sich bei den meisten der Weine nicht um die Spitzencuvées der Güter handelt (insbes. bei Lapostolle und Montes), dann kann man erst recht ermessen, welches Potential im chilenischen Weinbau steckt!)
Viña Koyle, Cerro Basalto Cuartel G2, Los Lingues Colchagua
(ca. 75 % Carménère, 25 % Cabernet Franc), Bio-dynamisch, Demeter-zertifiziert.
Dunkles Purpur; sehr vielschichtige, feine Frucht mit sowohl roten als auch dunklen Tönen, mineralischer Touch, balsamische Anflüge; im Mund bei aller Kraft äusserst elegant, extrem feines Tannin, fast wie Seide, dunkle Fruchttöne, mineralisch, mundfüllend, fast nicht endender Abgang. Grandioser Wein, 18,5 Punkte.
VIK A, Carmenère 2022
(85 % Carménère, 10 % Cabernet Sauvignon, 5 % Syrah)
Dunkles Rubin; schwarze Frucht (Cassis, Dörrpflaume), Leder, dunkle Schokolade, auch würzige Töne; im Mund – auch wenn das jetzt komisch tönt – von enormer Kraft, die aber wie in Samthandschuhen daherkommt, viel, aber sehr feines Tannin, angepasste Säure, enorm expressiv im Mund, aber eher mittlerer Abgang. Toller Wein, 18 Punkte
Carmenère Lapostolle Grand Selection 2021
(85% Carmenère, 6% Cabernet Franc, 5% Syrah, 4% Grenache=
Mittleres Rot, Duft nach schwarzem Pfeffer und roten Früchten (insbes. Johannisbeere), auch etwas dunklere Töne nach Brombeere; im Mund mit sehr feiner Struktur, schöne, saftige Säure, feine, reife Tannine, elegant und trotzdem auch druckvoll, dezenter, aber langer Abgang. Ein Grandseigneur. 17,5 Punkte.
Carmenère Montes Alpha, 2021
(100 % Carmenère)
Dunkles Purpur; zurückhaltende, aber feine Frucht (schwarze Kirschen, Brombeere, Pflaume), Zedernduft, leichter Holzton; im Mund sehr frisch, gut integrierte Säure, feinmaschiges Tannin, im Mund fruchtig und mit balsamischer Note, mittlerer Abgang. Eleganter, feiner Wein. 17 Punkte.
Links:
Viña Koyle – Viñedos Orgánicos pioneros de Los Lingues, Alto Colchagua
VIK – The holistic way
Lapostolle Wines – Tienda Le Club – Le Club Lapostolle Wines, un espacio privilegiado, creado especialmente para todos quienes disfrutan de vinos y espirituosos.
Viña Montes | Chile | Valle de Colchagua: Monteswines.com
Alle Weine sind gemäss meiner kurzen Recherche sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland erhätlich, teils allerdings mit anderem Jahrgang. Die Suche im Internet hilft. Ansonsten: Kurze Anfrage an mich.
Und hier der Link zum erwähnten Vinum-Artikel. Er ist spannend, auch weil es in Italien und Deutschland spannende Carménère gibt und die Sorte auch in Italien lange für Merlot gehalten wurde:
Carménère – 30 Jahre nach der Wiederentdeckung | Reportage | VINUM
Epilog
Zurück in der Schweiz, kaufte ich im Supermarkt eine – mit CHF 17.00 doch schon in einer leicht gehobeneren Preisklasse – Flasche Carménère aus Chile, immerhin von einem Betrieb eines Baron de R….
Hier zeigt sich nun, dass prüfen sollte, bevor man sich heftig bindet. Der Wein war zwar korrekt, aber auf Carménère wäre ich nie gekommen, eher auf einen unreif geernteten Cabernet Sauvignon. Allerdings, die sehr grünen Töne können offenbar sehr wohl auch beim Carménère typisch sein, wenn er unreif oder mit zu hohem Ertrag geerntet wird. Ich habe in ganz Chile auch bei „Hausweinen“ immer Besseres erhalten als diesen Wein!
Das Erlebnis zeigt jedenfalls einmal mehr: Zuerst degustieren und erst dann in grösseren Mengen kaufen, wenn er gefällt.
Interessennachweis:
Alle Weine wurden auf der Reise (bzw. in der Schweiz im Handel) käuflich erworben.
Im Chateau Carmenere hats immerhin 16% Carmenere… Wär hätte das gedacht!? 🤔
Zum Jahrgang 2017 wurde folgende Lobeshymne von Gerstl und Lobenberg geschrieben:
„Wunderschöner, ausgeprägt würziger, feinfruchtiger Duft, schwarze
Beeren, feine florale Komponenten. Das ist wieder dieser Carmenère
mit seinem herzerwärmenden Charme, wirkt sehr leichtfüssig und
verspielt. Saftiger, fülliger, schmackhafter Wein, Massen von sehr feinen
Tanninen, viel köstlich süsses Extrakt, eine sehr schlanke, aber
superelegante Variante von Carmenère, gehört einmal mehr
zu den schönsten Erfolgen von Bordeaux.
Lobenberg: 2017 Carmènere ist einer der Top-Werte des
Médoc und Haut-Medoc, weil er so schön reif, so puristisch und
rotfruchtig Cabernet ist, und dabei doch diese Fülle und
Cremigkeit aufweist, die man von so einem Wein gerne hätte. Und
in diesem Preisbereich so selten findet.“
Danke für den Hinweis, darauf hätte ich ja selbst kommen können (nomen est omen). Allerdings ging es mir auch mehr darum aufzuzeigen, dass – anders als in Vinum erwähnt – nicht nur zwei Châteaux noch oder wieder Carménère verwenden. Noch dazu stosse ich bei Mouton Rothschild bei keinem Jahrgang auf einen Anteil Carménère. Aber auch das ist nur Kurz-Recherche
Bei den Bordeaux die Carménère verwenden haben Sie das Château mit dessen Name vergessen: Château Carmenère (Médoc); normalerweise ca 16 % Carménère!
Vielen Dank für den Hinweis. Siehe mehr in der Antwort zum Kommentar von Markus Feer.
sehr interessanter Bericht, aber es gibt immer noch einige Weingüter in Bordeaux, die mit der Rebsorte Carménère arbeitet….
So haben wir in der April-Auktion (26.4.2025) 7 Lots von Château Carménère 2016, dh. 84 Flaschen in 6er OHK. Es gibt vor der Auktion eine Degustation (gratis, aber nur auf Voranmeldung). Der Wein ist hochinteressant und preisgünstig. Katalog erscheint am 10. April auf http://www.franzwermuth.ch.
Vielen Dank für den Hinweis. Siehe mehr in der Antwort zum Kommentar von Markus Feer. Viel Erfolg in der Auktion – mit oder ohne Carménère 🙂
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