Bordeaux – Homme-Cheval 2023: Der „Lehrling“ Reto Erdin übertrifft sogar seinen Lehrmeister Dominique Léandre-Chevalier! Und begeistert auch René Gabriel.

Mit dem Jahrgang 2023 präsentiert Reto Erdin ein total überzeugendes Sortiment von Homme-Cheval, der Domaine Léandre-Chevalier. Es sind die ersten Weine, die ganz ohne den früheren Besitzer Dominique Léandre-Chevalier gekeltert wurden. Und trotzdem ist es für mich der bisher beste Jahrgang überhaupt! Selbst der Bordeaux-Papst René Gabriel ist vom Gut begeistert!

Die Arrivage der Bordeaux des Jahrgangs 2023 beginnt – höchste Zeit, über die tollen Weine von Homme-Cheval zu schreiben. Die Geschichte des Gutes liest sich fast wie eine Ansammlung von Verrücktheiten. Die Domaine wurde seit 1985 von Dominique Léandre-Chevalier geführt, einem Visionär und Tüftler, man könnte auch sagen einem im guten Sinne Verrückten. Seine Grundsätze, etwa biologischer Rebbau, Einsatz von Pferden statt Traktoren in der Bodenbearbeitung, strikte Ertragsregulierung, kompromissloses Qualitätsstreben und die Herstellung von Charakterweinen hat dem Gut unter Kennern so etwas wie Kultstatus eingebracht, zumal es auf der „falschen“ Seite der Gironde liegt, also nicht im Médoc sondern an den Côtes de Blaye. Und legendär ist auch seine Verrücktheit, eine Parzelle mit einer Rebendichte von 33’333 Stöcken zu bepflanzen (der Standard liegt bei etwa 5’000 Pflanzen). Eigentlich erstaunlich, dass der Bordeaux-Papst René Gabriel das Gut erst kürzlich so richtig entdeckt hat – aber wie! (siehe Link unten)

Ein graues Pferd, das in einem Weinberg steht, mit Reihen von Weinreben im Hintergrund und klarem blauen Himmel.
Das Bild gibt einen guten Eindruck der Pflanzung mit 33’333 Stöcken pro Hektar. Kaum Platz zwischen den Pflanzen und eine Gasse, in der nur gerade ein Pferd durchgehen kann. (Bild: zvg DLC)

Trauriges Ende und strahlender Neubeginn!

Leider ging im Streben nach Qualität aber der ökonomische Blick verloren, so dass die Domaine in Konkurs ging. Gerettet wurde das Gut schliesslich vom Schweizer Reto Erdin, der seinerseits die Verrücktheit hatte, die Domaine 2020 zu kaufen und weiterzubetreiben. Er konnte dabei anfangs auf die Hilfe von Dominique Léandre-Chevalier zählen, der sein Wissen als Angestellter weiter zur Verfügung stellte. Lesen sie zur Geschichte der Domaine meine früheren Beiträge, es lohnt sich! Links siehe unten.

Ein Pferd mit rotem Geschirr steht in einem Weinberg vor grünen Reben.
Le Cheval du „l‘homme cheval“: Viel mehr als nur Marketing. Ausser Pfanzenschutz werden alle nicht händischen Arbeiten im Rebberg mit dem Pferd verreichtet. (Bild: zvg DLC)

Die Jahrgänge 2020 – 2022 wurden denn auch noch unter der Regie von Dominique Léandre Chevalier gekeltert. Reto Erdin, von Beruf Notar und weinmässig nur durch einen kurzen Reb- und Kelterungskurs im Kanton Aargau „ausgebildet“, war in den entscheidenden Phasen aber immer dabei und sog das Wissen des Lehrmeisters wie ein Schwamm in sich hinein. Eine glückliche Fügung war dabei auch, dass in der Person von Franck Favereaux ein ebenfalls wissbegieriger Mitarbeiter auf dem Gut im Einsatz war. Auch Favereaux verfügt über keine Ausbildung im Weinbereich, er ist gelernter Pflegefachmann und bewarb sich ursprünglich „nur“ für die Stelle als Pferdeführer in den Reben. Auch er lernte aber schnell und viel, so dass er heute das Gut vor Ort leiten kann und auch in der Weinbereitung für Reto Erdin ein wichtiger Partner ist.

Verrückt: Ein Notar und ein Pfleger liefern die besten DLC-Weine ever!

Inzwischen ist Dominique Léandre-Chevalier pensioniert, und das Gespann Erdin/Faveraux kelterte mit dem Jahrgang 2023 den ersten Wein allein. Zwar hat man auch einen Oenologen zur Seite, dieser ist aber nur in kritischen Situationen mit Rat zur Seite, die wichtigen önologischen Entscheide werden auf dem Gut selbst getroffen.

Eine Person steht in einem Weinberg mit herbstlichen Weinreben und trägt eine schwarze Jacke und eine Mütze.
L’homme cheval Vol. 2: Reto Erdin in den Reben der Domaine. (Bild zvg DLC)

Das Resultat, das die beiden „Amateure“ mit dem Jahrgang 2023 liefern, ist grandios! Für mich ist es gesamthaft der beste Jahrgang der Domaine überhaupt. Vielleicht hat sich der Stil ein klein wenig geändert, die Weine mögen etwas geschliffener und weniger „wild“ daherkommen, sind aber immer noch meilenweit vom Mainstream entfernt. Hut ab vor der Leistung von Reto Erdin und Franck Favereaux – ein Notar und ein Pfleger bringen geniale Bordeaux-Weine hervor! Als ich übrigens Reto meine Meinung zu diesem Jahrgang mitteilte, umarmte er mich spontan und ich glaube, eine kleine Träne in seinen Augen gesehen zu haben.

Ein Mann in einem Weinberg, der Trauben erntet. Er sitzt auf dem Boden und sammelt die Trauben in einem Behälter.
Der Besitzer himself legt Hand an: Manuelle Ernte auf DLC durch Reto Erdin (Bild: zvg DLC)

Qualität über alles – und Umweltschutz als Erfolgsrezept.

Denn – so sehr er diesen Erfolg verdient hat – einfach war der Weg nicht. Er legt in Bezug auf die Qualität die gleiche Verrücktheit wie sein Vorgänger an den Tag. Reto Erdin, mehrfacher Europameister im Westernreiten – American Quarter Horses – (und deshalb trifft der Name Pferdemann eben auch auf Erdin zu!), setzt beispielsweise weiterhin auf den Einsatz von Pferden im Rebgarten (einzig die Spritzungen erfolgen zum Schutz der Tiere nicht per Pferdegespann), der biologische Anbau wird konsequent, aber weiterhin unzertifiziert, weitergeführt, für Neupflanzungen führt man eine eigene Rebschule, die Setzlinge werden nach der „sélection massale“ produziert. Die Lese erfolgt immer in mehreren Durchgängen und vor der Vinifikation gelangen die Trauben zwei Tage in den Kühlraum, danach werden die ganzen Beeren in offenen Barriques vergoren, wobei aufgrund der heissen Tage, die inzwischen im Bordelais bei der Ernte in der Regel herrschen, ein „Geheimrezept“ zur Anwendung kommt, nämlich die Kühlung der Maische mit Trockeneis.

Ein historisches Gebäude im Hintergrund, umgeben von grünen Bäumen und bunten Blumen im Vordergrund.
Auch optisch ein Bijou: Warum bloss heisst es hier „Domaine“ und nicht „Château“? (Bild: zvg DLC)

Zudem wird hoher Wert auf Nachhaltigkeit gelegt. Das sagen zwar inzwischen fast alle Winzer, aber auf Léandre-Chevalier heisst das zum Beispiel, dass man Weinflaschen mit einem hohen Recycling-Anteil verwendet, dass der Karton zu 100 % aus rezykliertem Material besteht oder auch, dass die Flaschen nicht mit Kappen aus Blei, sondern mit Wachs verschlossen sind, was CO2-freundlicher ist – überhaupt wird der ganze CO2-Ausstoss via myclimate kompensiert.

Verrückt darf man sein – aber nicht naiv. Reto Erdin stellt die Weichen.

Aber auch Reto Erdin kann in Bezug auf die Wirtschaftlichkeit nicht zaubern. Dafür kann er rechnen, und deshalb musste die Rebfläche deutlich verkleinert werden. Auch das Ausreissen von Stöcken hat wohl etwas Augenwasser verursacht, dafür kann der Ertrag von heute noch rund 2,5 Hektar auch abgesetzt werden.

Ein Pferd mit roter Ausrüstung steht zwischen Weinreben in einem sonnigen Weinberg.
Das treue Arbeitspferd „Corps de Loup“: Wichtiger Bestandteil eines schonenden Rebbaus. (Bild: zvg DLC)

Geniale Bordeaux der anderen Art: Ein Muss für echte Weinkenner!

Wer also nach etwas Aussergewöhlichem sucht, nach Bordeaux-Weinen, hinter denen eine tolle Geschichte und leidenschaftlicher Einsatz stehen, der sollte bei der kommenden Arrivage nach Homme-Cheval Ausschau halten oder, für Reto Erdin wirtschaftlich noch interessanter, den Wein direkt bei ihm bestellen!
http://www.hommecheval.com

Degustationsnotizen:

Vin d’Amphore 2022 (Sauvignon Blanc, kurze Maischegärung)
Typisch Sauvignon Blanc, aber ohne exotische Düfte, eher in Richtung Zitrus; dicht, frisch, angepasste Säure, leichter, aber schöner Bittertouch, langer Abgang. Schöner und spannender Wein. 17 Punkte.

Le Rosé 2024 (100 % Merlot)
Mittleres Lachsrot, feine, rote Frucht, auch würzige Anflüge; sehr frisch, schöne Säure, recht dichte Struktur, minimal wahrnehmbare, schöne Restsüsse (3,9 g, was ja noch als trocken gilt). Sehr süffiger, aber nicht anspruchsloser, schöner Rosé. 16,5 Punkte.

Le Gentilhomme 2023
(80 % Merlot, 20 % Cabernet Sauvignon, ohne Barrique)
Mittleres Rot; schöne Frucht mit sowohl dunklen wie auch roten Beerenaromen sowie etwas Würze; kräftig, aber auch schön rund, gut angepasste Säure, eher wenig, aber feines Tannin, sehr fruchtbetont auch im Mund, schöner Trinkfluss. Wie schon früher bei einem anderen Jahrgang geschrieben: Toller „einfacher“ Bordeaux und ein idealer Wein für den Offenausschank in der Gastronomie (und natürlich auch zuhause)! 16,5 Punkte.

Le Petit Joyau 2023
(Von jungen Reben)
Mittleres Rubin; sehr elegante Nase mit roter Frucht und auch Anfügen von Pflaume und schwarzer Kirsche, etwas Holz und auch Würze; filigraner Wein mit schönen, feinen Tanninen, saftige Säure, schöne Frucht; mittlerer Abgang. Schöner Wein, mehr als nur eine sehr preiswerte Alternative zum „Joyau“, 16,5 Punkte.

Le Joyau 2023
Mittleres Rubin; sehr feine, vielschichtige, eher helle Fruchttöne; zuerst eher filigran-elegant, dann aber auch mit zupackender Kraft, frisch, viel, aber äusserst feines Tannin, saftige Säure, schöner Anflug von Fruchtsüsse; grandioser, feiner und eleganter Wein! 18,5 Punkte.

Wir haben übrigens auch die Jahrgänge 2020 – 2022 degustiert, der 2020 ist der Klassiker, der 2021 der Elegant-Filigrane und 2022 der Kräftig-Balsamische. Alle empfehlenswert.

Le Long Bec 2023
(100 % alte Malbec-Reben)
Mittleres Rubin; feine, fruchtige Nase, spürbares neues Holz, sehr würzig; sehr feiner Wein mit ausgesprochen schönem, feinem Tannin, mittelere Säure, saftig. Wirkt im Antrunk intensiv, scheint dann in der MItte etwas abzubauen, bloss um im langen Abgang nochmals aufzutrumpfen. Eleganter, schöner und spannender Malbec. Er ist schon jetzt sehr „trinkig“. Mir fehlt dazu die Erfahrung, aber ich würde ihn eher jung, d.h. in den nächsten 5-8 Jahren trinken, 17,5 Punkte.

33’333, 2023
(100 % Merlot aus Dichtpflanzung)
Mitteldunkles Rubin; enorm feine, vleischichtige, klare helle Frucht, auch würzige Anflüge; sehr kräftig und trotzdem äusserst elegant, frisch und saftig, wirkt „lebendig“ und brilliant, fast unendlich langer Abgang. Gelungener Spagat zwischen hoher Konzentriertheit und gleichzeitiger eleganter Sanftheit. Ein ganz grosser Merlot! 19 Punkte.

100% ProVocateur 2023
(100 % Petit Verdot)
Mittleres, glänzendes Purpur; äusserst feiner Duft nach dunklen Kirschen und Brombeere; enorme Dichte, dabei aber auch mit Eleganz, viel sehr feines Tannin, angepasste Säure. Aktuell zugänglicher als der Tricolore. Mehr als nur spannender Wein, mit das Beste, was man aus Petit Verdot erhalten kann? 19 Punkte.

Tricolore 2023
(100 % Petit Verdot, spezielle Klone aus „sélection massale“, aus uralten (ca. 1850), wurzelechten Reben)
Dunkles Purpur; eher verhaltene, aber extrem feine Frucht (Himbeere, Johannisbeere), enorm dicht, sehr viel, aber feines Tannin, kräftig und trotzdem auch irgendwie verspielt-leicht. Aktuell allerdings eher „fordernder“ Wein, aber mit unglaublich viel Potential! Ein Meisterwerk. 19,5 Punkte.

Links:

Link auf das Weingut:

https://www.hommecheval.com

Und ein gewisser René Gabriel, Bordeaux-Papst, schreibt über das Gut:
https://www.facebook.com/search/top/?q=ren%C3%A9%20gabriel%20L%C3%A9andre

Links zu früheren Artikeln über das Weingut (von neu nach alt, wer alles in „geschichtlicher“ Reihenfolge lesen möchte, beginnt unten:

Die 2020-er der Domaine Léandre-Chevalier: Ein genialer Neustart! – Victor’s Weinblog
Domaine Léandre Chevalier: Die märchenhafte Rettung eines Ausnahmegutes in Bordeaux! – Victor’s Weinblog
C’était impossible: Der „Pferdemann“ ist konkurs! – Victor’s Weinblog
Provokation gelungen! Zu 100 %. Mit Petit Verdot. – Victor’s Weinblog
Je savais que c’était impossible … alors je l’ai fait! – Victor’s Weinblog


Interessennachweis:
Die Weine wurden im Rahmen einer Degustation für eine kleine Gruppe von Weinfreunden auf Einladung von Reto Erdin an seinem Wohnsitz in der Schweiz verkostet bzw. genossen.

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