Im Rahmen des „Swiss Wine Tasting“ in Zürich stellte der Genfer Winzer Jean-Pierre Pellegrin heute 16 Jahrgänge seiner Assemblage von Cabernet Franc und Cabernet Sauvignon vor. Die Degustation war begeisternd, schlicht Schweizer Wein von höchster internationaler Qualität. Das ist dem genialen Winzer zu verdanken, aber auch den Böden, die jenen in Pomerol sehr ähnlich sind.
Um es allerdings gleich vorweg zu nehmen: Es liegt Jean-Pierre Pellegrin von der Domaine Grand Cour in Satigny (Kanton Genf) fern, seinen Wein mit jenen aus Bordeaux zu vergleichen. Und der Vergleich mit Pomerol hinkt auch aufgrund des (meist) fehlenden Merlot-Anteils. Pellegrin will aber auch gar nicht einen Bordeaux-Abklatsch herstellen, was auch gar nicht möglich wäre, da allein schon die Meereshöhe seiner Reben im Kanton Genf mit 500 m massiv höher liegt als die (Fast-)Meereshöhe in Bordeaux. Doch Pellegrin schafft es, einen wunderbaren Weltklasse-Wein zu kreieren, der aus rund 70 % Cabernet Franc und 30 % Cabernet Sauvignon (und manchmal auch ein wenig Merlot) besteht, der grossartig ist, aber auch eigenständig und nicht mit Bordeaux anbiedernd. Obwohl: Ich würde wetten, dass der Grand Cour sich in vielen Bordeaux-Degustationen mehr als nur sehr gut machen würde.
Molasse, mit etwas Lehm überdeckt – wie Pomerol.
Aber blenden wir zuerst etwas zurück: Als Pellegrin in den 1980er-Jahren seine Oenologen-Ausbildung in Changins absolvierte, waren die Böden schlicht kein Thema. Genf und Terroir? Gibt es nicht! Heute weiss man, dass die Böden in Satigny einen Molasse-Untergrund aufweisen und mit Lehm überdeckt sind, was für den Wasserhaushalt perfekt ist – genau wie in Pomerol.
Und Cabernet? Gedeiht in Genf nicht, war die Meinung. Allerdings stimmte das nicht ganz, der „Rebsorten-Professor“ José Vouillamoz wies an der gleichen Veranstaltung nämlich darauf hin, dass Cabernet Franc nachweislich schon 1844 in vier Genfer Gemeinden angebaut wurde. Und das mit dem Cabernet Sauvignon ist so eine Sache – diese Sorte wurde in Genf von der Domaine des Balisiers erstmals 1984 gepflanzt, allerdings verbotenerweise, weil es sie in den zugelassenen Sorten nicht gab.
Pioniergeist und eine gute Nase.
In den 1990er Jahren war Jean-Pierre Pellegrin überzeugt, dass die Cabernet in Genf heimisch werden könnten. Nebst dem inzwischen bekannten Terroir spielte dabei auch die geographische Lage zwischen dem Mont Salève und dem Jura und der nach Südwesten offenen Schneise des Rhonetals eine Rolle. Diese sorgt am Tag für hohe Temperaturen, nachts aber für massive Abkühlung, was bekannterweise für die Aromatik der Trauben vorteilhaft ist. Dazu kommt die Tatsache, dass der Genfersee eine ausgleichende Wirkung entfaltet. Genf liegt somit quasi – wie Bordeaux – ebenfalls „au bord de l’eau“.
Heute reifen die Cabernet auch in Genf gut aus, und für einen Weinbaubetrieb sind sie insofern gar ein Segen, als sie später als die herkömmlichen Sorten geerntet werden, womit sich der Stress bei der Lese etwas vermindert.

Dass seine Cabernet-Assemblage auch sehr gut altern kann, konnte sich Jean-Pierre anfangs gar nicht vorstellen. Die frühen Jahrgänge wurden deshalb auch „nur“ mit einfachen, kurzen Korken verschlossen. Erst mit der Zeit wurde klar, dass in Genf auch Weine wachsen können, die ein hohes Alterungspotential aufweisen.
16 Jahrgänge Hochgenuss!
Dass dem so ist, wurde in der Masterclass bewiesen. Es standen die Jahrgänge 2006 bis 2023 zur Degustation (ausser 2011 und 2012, von denen es keinen Wein mehr gibt). Und kein Jahr, ob „gross“ oder „klein“, fiel ab oder war gar über dem Zenit, 2009 beispielsweise zeigte sich noch enorm saftig, fruchtig und voll in Form. Ein Freund, der an der Vorbereitung des Anlasses beteiligt war, erzählte mir zudem, dass dort auch noch eine Einzelfalsche 1999 geöffnet wurde – und dass sich auch dieser Wein in bester Form zeigte!
Jean-Pierre Pellegrin: Feingeist, Vordenker, Schaffer!
Die Degustation war auch deshalb so spannend, weil man Jean-Pierre Pellegrin’s Philosophie kennenlernen konnte. Das ist eine absolut faszinierende Persönlichkeit, augenscheinlich auch heute noch voller Tatendrang, stets auf der Suche nach dem Quäntchen mehr Qualität, nach neuen Ideen und nach der idealen Art, in Genf Reben zu pflegen und Wein herzustellen. Dass ein so feinfühliger Mensch schon länger auf biologischen Rebbau umgestellt hat, versteht sich schon fast von selbst. (Zitat: Man muss Vertrauen in die Pflanzen haben).

Selten so wunderbar feine Tannine in jedem Jahrgang probiert.
Dazu zwei Beispiele: Pellegrin liegt es daran, feine Weine mit ebensolchen Tanninen herzustellen. Deshalb wird darauf geachtet, dass die Beeren möglichst intakt in den Gärtank kommen, damit die Kerne nicht bzw. erst spät mazeriert werden. Zudem wird nur wenig Remontage vorgenommen, die Aromen sollen eher wie beim einem Tee herausgezogen werden und nicht massiv extrahiert. Oder die Frage, ob Stiele mit mazeriert werden können und sollen: Die löst Pellegrin (beim Merlot) auf seine Art: Ein Teil wird im Ofen getrocknet, und erst dann der Maische beigegeben. Auf diese Weise können grüne Töne vermieden werden.
Wie Bordeaux – und doch ganz anders!
Wie aber schmecken denn nun die Cabernet-Weine der Domaine Grand Cour? Salopp gesagt wie ein Bordeaux, aber mit einer ganz eigenen, herausragenden Handschrift. Pellegrin sagt auch selbst, dass er die Cabernet eher wie einen Pinot keltert als wie einen Bordeaux. Durch alle Jahrgänge hindurch ziehen sich zwei rote Fäden: eine enorme Frische und viele, aber unglaublich feine, „geschliffene“ Tannine. Dazu eine Fruchtigkeit, die sich sowohl in der Nase als auch im Mund manifestiert. Für mich sind fast alle gezeigten Jahrgänge Traumweine, man glaubt kaum, dass sie aus der Schweiz kommen.
Auch in *kleinen“ Jahren gross – und mehrere geniale Würfe.
Mit Ausnahme des Jahrgangs 2007 mit 16 Punkten, den ich früher aber sicher auch höher eingestuft hätte, und dem eigentlich noch erstaunlich schönen 2014 mit 17 Punkten, habe ich keinen Jahrgang unter 17,5 eingestuft. Für mich absolut genial sind die Jahrgänge 2023, 2019 und 2010 und 2009 (je 18,5, wobei 2023 vielleicht auch 19 verdient hätte). Auf ihre Art herausragend waren aber auch der Problemjahrgang 2021, der mich mit seiner Finesse und Eleganz überzeugte und 2016, auch kein einfaches Jahr, das aber mit toller Frische und Frucht aufwartete sowie 2015, der am meisten an Bordeaux denken lässt.
Alles in Allem: Die Cabernet der Domaine Grand Cour sind ganz grosse Klasse, auch mit internationalem Massstab gemessen. Und der Preis des Weines ist – unter Berücksichtigung der Weltklasse des Weins – mit CHF 49.00 durchaus noch im Rahmen.
So geht Schweizer Wein erfolgreich!
Jean-Pierre Pellegrin zeigt jedenfalls aut’s Schönste, wie man Schweizer Wein erfolgreich macht und dass man mit Neugierde, Phantasie, Austausch mit andernen, auch ausländischen Winzern und mit grossem Einsatz Erfolg haben kann. Zur Nachahmung wärmstens empfohlen.
Schweizer Weine degustieren: Morgen Montag, 31. August in Zürich:
Wer es noch nicht weiss und kurzfristig verfügbar ist (es lohnt sich auch, einen Halbtag frei zu nehmen). Morgen findet in Zürich der zweite Teil des Swiss Wine Tasting statt. Rund 150 führende Schweizer Winzerinnen und Winzer zeigen ihre Weine, auch Jean-Pierre Pellegrin. Da muss man einfach hin!
Swiss Wine Tasting
Links:
Leider keine, eine Homepage der Domaine gibt es offenbar nicht. Via Google + Co. findet man aber den Weg zu Pellegrin, und ansonsten sind seine Weine bei verschiedenen Schweizer Händlern erhätlich, u.a. Gerstl, Terravigna, Divo.
Interessennachweis:
Die öffentliche Degustation in Zürich fand auf Einladung der Swiss Wine Connection statt.
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