Napa vs. Bordeaux Vol. 6: wieder gewinnt Napa!

Die Degustation im Jahr 1976 in Paris war eine Sensation, welche die Weinhierarchie neu aufmischte: Sowohl bei den Weissweinen (Chardonnay) als auch den Rotweinen (Cabernet) obsiegten in einer Blindprobe die Gewächse aus Kalifornien über die Franzosen! Die Resultate sind hier nachzulesen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Weinjury_von_Paris

Das Resultat wurde damals in Frankreich für schlicht unseriös und nicht zutreffend beurteilt oder dann totgeschwiegen, aber inzwischen wurden solche Proben mehrfach wiederholt, und jedes Mal schlugen sich die Weine aus Napa hervorragend. Zu einer Neuauflage lud vor einer Woche die NapaWine AG in Zürich. Zwar waren die ganz grossen Gewächse nicht dabei, Bordeaux stellte 6 klassierte Crus aus Pauillac und Napa war hauptsächlich mit Zweitweinen vertreten. Letzteres vor allem aus Gründen der Fairness, wurden doch preislich vergleichbare Weine gegenübergestellt. (Das allein spricht schon Bände, die Preise der USA-Weine sind ebenfalls sehr in die Höhe geschossen, so dass heute finanziell ein Zweitwein aus Napa einem Pontet Canet gleichgestellt ist).


2 x 6 Weine aus Pauillac und Napa: spannend und lehrreich.

Das Resultat war mehr als spannend. Massgebend waren die Bewertungen aller der rund 100 Teilnehmer – es handelte sich also um eine Publikumsbewertung.
Vorab: Die Napa-Weine belegen nicht nur das „Podest“, sie schwingen auch gesamthaft obenauf. Allerdings muss das Resultat auch gleich sehr relativiert werden, denn alle Weine liegen in der Bewertung zwischen 93 und 96 Punkten! Klar wird damit aber auf jeden Fall, das die Cabernets aus Kalifornien jenen aus Frankreich auf diesem Niveau ebenbürtig sind – und es sich bestimmt lohnt, sich näher damit zu befassen!

Hier das Resultat der Gesamtbewertungen (bei gleicher Durschnittspunktzahl ergaben die Gesamtpunkte aller Teilnehmer die Rangliste):

WeinPunkteRang
2015 Bulgheroni Lithology Cabernet Sauvignon 961
2015 Brand Napa Valley Brio 962
2015 Sinegal Estate Winery Estate 963
2015 Barbour St. Helena Cabernet Sauvignon 964
2015 Château Pichon-Baron-Longueville, Pauillac 965
2015 Arkenstone Wines Estate Red Wine 956
2015 Kelly Fleming Estate Cabernet Sauvignon 957
2015 Château Pichon-Comtesse-de-Lalande 958
2015 Château Pontet-Canet, Pauillac 959
2015 Château Lynch-Bages, Pauillac 9410
2015 Château Grand-Puy-Lacoste, Pauillac 9411
2015 Château Clerc-Milon, Pauillac 9312

Meine persönliche Rangliste sah völlig anders aus. Gesamthaft hatte Bordeaux, wenn auch nur mit einem einzigen Punkt, die Nase vorne. Doch auch bei mir steht ein Napa-Wein zuoberst. Bloss der Sieger beim Gesamtpublikum liegt bei mir erst an neunter Stelle, dafür kommt der „Verlierer“ schon auf Rang 3.

1) Barbour St. Helena Cabernet Sauvignon
2) Château Pichon-Baron-Longueville, Pauillac
3) Château Clerc-Milon, Pauillac
4) Sinegal Estate Winery Estate
5) Château Lynch-Bages, Pauillac
6) Brand Napa Valley Brio
7) Château Pontet-Canet, Pauillac
8) Château Grand-Puy-Lacoste, Pauillac
9) Bulgheroni Lithology Cabernet Sauvignon
10) Kelly Fleming Estate Cabernet Sauvignon
11) Château Pichon-Comtesse-de-Lalande
12) Arkenstone Wines Estate Red Wine

So spannend dieser Anlass war, so sehr hat er mir auch die eigene Unzulänglichkeit aufgezeigt. Zwar war ich beim Ratespiel „was ist Bordeaux, was ist Napa“ mit 10 Treffern bei 12 Weinen nicht so schlecht. (Ein rundes Dutzend der Teilnehmer lag immer richtig – châpeau!). Aber ich hätte schon erwartet, dass ich wenigstens die doch so eigenständigen Pontet Canet, Pichon-Comtesse und Grandy-Puy-Lacoste blind erkennen würde – leider Fehlanzeige. Allerdings zeigten sich auch alle drei in totaler Unterform. Bei der Arrivage vor einem Jahr waren sie noch offen und fruchtig,
Vgl. hier: https://victorswein.blog/2018/04/26/bordeaux-2015-trau-schau-wem-vor-allem-dir-selbst/
jetzt unzugänglich und teils gar spröd und fast dünn wirkend. Trotzdem hätte es durchaus Hinweise gegeben, sie zu erkennen, und im Nachhinein ist man ja immer klüger. So notierte ich beim GPL, den ich für einen Napawein hielt, u.a. „sehr verhalten, adstingierende Tannine; bin etwas ratlos, aber vielleicht wird er gross“ und beim Pichon-Comtesse schrieb ich gar „total zurückhaltend, spröde; enttäuschend – aber vielleicht ist es ein Langstreckenläufer“. Und definitv erkennbar wäre Pontet-Canet gewesen: „dunkle Töne, würzig, mit etwas Boskoop-Apfel fast etwas oxydativ wirkend, hat Potential“.

Das generelle Niveau der Weine ist, nicht nur, wenn man das Potential der drei beschriebenen Bordeaux „hochrechnet“, indessen grossartig – beidseits des Ozeans. Persönlich eher weniger gefallen hat mir der Arkenstone. Mit seinen Noten von grünen Peperoni und Schokolade und seiner eher tiefen Säure wirkte er für mich etwas „bluffig“, aber das ist natürlich Geschmacksache. Umgekehrt fand ich den von den Profis eher tiefer eingeschätzten Barbour St. Helena dank seiner Eleganz und Länge, verbunden mit einem spürbaren, aber nicht übertriebenen Süsskomplex, einfach grossartig. Und schliesslich breche ich gerne auch eine Lanze für den beim Gesamtpublikum letztplatzierten Clerc-Milon: Mir hat er mit seiner eleganten, filigranen Art und seinen feinen Tanninen mit guter Säure sehr behagt, auch wenn ich ihn – da noch in einer „fruchtigen Phase“ – vielleicht etwas zu generös beuteilt habe. Das Fazit ist aber: Auch der „Verlierer“ (ich hüte mich, „der schlechteste Wein“ zu schreiben), war noch ausseroderdentlich gut

Die Weine für die Degustation wurden von zwei ausgewiesenen „Profis“ ausgewählt, René Gabriel, der „Bordeaux-Papst“ war für die Europäer verantwortlich, während Baschi Schwander die USA-Fraktion bestimmte. Die Auswahl war hervorragend; schade nur, dass die beiden – in Tat und Wahrheit befreundet – in ihren Kommentaren vor allem kompetitiv auftraten, denn beide hätten fachlich viel mehr Interessantes zu sagen gehabt.

Zwei Koryphäen unter sich: René Gabriel, links (bxtotal.com) und Baschi Schwander (mybestwine.ch)

Anlässe dieser Art sind, selbst wenn sie etwas am eigenen Ego kratzen, extrem spannend. Ich würde mir wünschen, und mich heute gegen Vorzahlung schon anmelden, dass die gleiche Degustation in 10 Jahren wiederholt würde. Und ich werde mich jetzt hüten zu behaupten, dass dann Bordeaux die Nase vorne hätte. Selbst dann, wenn man das heute nicht ausgeschöpfte Potetial der Spitzen-Pauillacs berücksichtigt: Die Napa-Weine waren so gut, und scheinen so langlebig, dass ich keine Wetten über das Resultat in 10 Jahren abgeben würde.

Mindestens ebenso spannend, und hier würde ich schon fast auf einen Boredaux-Sieg wetten, wäre ein Vergleich von Weinen im Bereich von 15 – 25 Franken. Wenn ich da an Bordeaux wie Moulin Haut-Laroque oder Cambon-La-Pelouse denke …
Aber vielleicht irre ich mich auch da, vielleicht würde Napa auch in diesem Preissegment mithalten? Affaire à suivre!

Und wenn Sie jetzt Lust bekommen haben, die Berichte des Bordeaux- resp. Napa-Profis zu lesen, voilà:
Sebastion Schwander:
http://mybestwine.ch/napa-vs-pauillac-2015-blind-tasting-battle/
Und René Gabriel:
https://www.napawine.ch/wp-content/uploads/2019/04/Napa-Versus-Pauillac-.pdf

Und wenn Sie – wie ich – Lust auf Napa erhalten haben (die Bordeaux gibt’s ja „überall“):
https://www.napawine.ch/


Völlig unterschätzt im Bordelais: Moulin Haut-Laroque und Fronsac!

Gewisse Erlebnisse vergisst man nie: Auf der Bordeaux-Primeur-Degustationsreise für den Jahrgang 1990 nahm mich Rolf Bichsel, der damals eben erst bei Vinum begonnen hatte, im Auto von St. Emilion mit zurück nach Bordeaux. Allerdings bestand er auf einem Umweg. Er hielt grosse Stücke auf einem Château in der Appellation Fronsac, und so lernte ich dieses damals völlig unbekannte Gut und seinen Besitzer Jean-Noel Hervé schon vor fast 30 Jahren kennen: Château Moulin Haut-Laroque!

Fronsac? Diese Appellation kannte ich gerade mal aus den Weinatlanten. Ich hatte keine Ahnung davon, dass das Gebiet nicht nur historisch bemerkenswert ist (Karl der Grosse liess um 770 n. Ch. hier eine Festung erbauen, welche die Strassen (und den Fluss Dordogne) nach Bordeaux und ins Périgord überwachen konnte). Vor allem aber wusste ich nicht, dass die Weine von Fronsac bis ins 18. Jahrhundert höher geschätzt wurden als jene aus St. Emilion.

Wo Fronsac liegt, lässt sich schön aus dieser Grafik, die auf der Homepage des Gutes heruntergeladen werden kann, herauslesen.

Das Gebiet von Fronsac, das nur durch das der Dordogne zustrebende Flüsschen L’Isle von Pomerol getrennt wird, ist landschaftlich sehr reizvoll. Hier erhebt sich eine für südwestfranzösische Verhältnisse schon fast erwähnenswerte Hügellandschaft gegen 100 Höhenmeter über das sonst eher flache Land. Diese Hügellandschaft wiederspiegelt sich auch im Untergrund: Die „Molasse du Fransadais“, ein weiches, fossiles Felsgestein aus Ton, Sand und Kalk (Quelle: Hachette Weinatlas Frankreich, 1989) bringt die Reben zu Höchstleistungen.

Den Weinen aus Fronsac wird deshalb eine besondere Finesse, Tiefgründigkeit und Langlebigkeit nachgesagt. Diese Aussagen tönen, als hätte man hier den Wein von Moulin Haut Laroque beschrieben! Zwar besteht der Wein, analog zu den benachbarten Gewächsen von Pomerol und St. Emilion, hauptsächlich aus Merlot (rund 2/3, daneben ca. 20 % Cabernet Franc, etwas Cabernet Sauvignon und wenig Malbec). Aber er hat nichts von dieser oft gespürten „Merlot-Üppigkeit“; der Moulin Haut-Laroque zeichnet sich vielmehr durch Finesse und Gradlinigkeit aus. Und zum Thema Langlebigkeit: Obwohl ich diesen Wein seit Jahren immer wieder kaufe – vermutlich habe ich von keinem Gut mehr Flaschen im Keller als von diesem – habe ich noch fast alle Weine bisher zu jung getrunken.

Max Gerstl, ein absoluter Bordeaux-Kenner, hat dazu auch mehrmals schöne Erlebnisse beschrieben – so von jüngst verkosteten Jahrängen 1925, 1900 und 1893, die allesamt nicht nur noch trinkbar gewesen seien, sondern ein absolut sinnliches Erlebnis.

Schon fast mit schlechtem Gewissen habe ich eben je eine Flasche der Jahrgänge 2010 und 2011 geöffnet. Während der 2011er den Erfahrungen gerecht blieb und noch völlig verschlossen und krautig wirkte (sich aber nach 2 Stunden in der Karaffe erstaunlich schön entwickelte, aber immer noch etwas spröde war) hat sich der 2010er ziemlich untypisch schnell geöffnet.
Dunkle Früchte, Leder, Vanille (ohne holzbetont zu wirken!), würzig; im Mund elegant und dennoch druckvoll, aber noch von sehr präsenten feinen Tanninen geprägt, gut eingebundene Säure; eine Traumwein für Freunde junger Bordeaux, und gleichzeitig ein Wein mit sehr viel Potential!

Diesen Wein konnte man seinerzeit für unter Fr. 20.– als Primeur kaufen. Parker gibt ihm 90+ Punkte, und eigentlich bin ich überzeugt, dass die Note höher liegen würde, wenn das Gut in Pomerol und nicht in Fronsac läge. So oder so: einen so genialen Wein zu diesem Preis anderswo zu finden, dürfte schwierig sein!

Besonders erfreulich ist, dass die Zukunft des Châteaux in gute Hände zu liegen kommt.

Jean-Noël Hervé und seine Frau Dominique dürfen sich freuen, dass ihr jüngerer Sohn Thomas in ihre Fussstapfen treten wird. (Bilder: Homepage des Châteaux)
Sohn Thomas bringt die gleiche Begeisterung für das Weingut mit, ist weltoffen und eloquent: ein perfekter Botschafter für das Gut und die Appellation Fronsac!

Ich habe Thomas kürzlich an einer Veranstaltung kennen gelernt. Er wirkt so, als würde er das Château qualitativ ganz im Sinne seines Vaters weiterführen (nicht zuletzt hatte er ältere, ausschliesslich von Jean-Noël gekelterte Jahrgänge dabei, von denen er – zurecht – total schwärmte, etwa vom 2001, der noch völlig jugendlich wirkt), aber mit seiner Art auch für eine behutsame Weiterentwicklung zu stehen scheint. Château Moulin-Haut-Laroque wird jedenfalls auch in den kommenden Jahren bei mir ganz weit oben auf der Liste der zu degustierenden, hervorragenden, aber bezahlbaren Bordeaux stehen!

http://www.moulinhautlaroque.com/


Ein Tag auf Erden nur – aber dafür in Cahors!

Da war im Jahr 2000 ein Paar mit abgeschlossenem Studium – er Architektur, sie Kunstgeschichte – aus dem Raum Paris, das beschloss, Weinbau im Südwesten Frankreichs zu betreiben. Sie übernahmen in der Appellation Cahors, die „Domaine du port“ (das Gut liegt im „lieu dit“ le Port) und tauften sie kurzerhand um in „Clos d’un jour“.

Die „Pont valentré“, die in Cahors den Lot überspannt. Sie stammt aus dem 14. Jahrhundert!

Der namensgebende Hauptort des Gebietes, Cahors, liegt im Osten der Appellation. Die Domaine „Le clos d’un jour“ hingegen befindet sich gefühlte 50 Flusswindungen abwärts, bei Duravel, im Westen des Gebietes. (Gezählt sind es übrigens 15 Schlaufen, aber der Verlauf des Lot ist hier ganz speziell, und weil die Windungen auch auf den Strassen nachvollziehbar sind, bekommt man das Gefühl, der Fluss schlängle sich fast ewig durch die Landschaft). Die ganze Gegend hier im Südwesten Frankreichs ist überhaupt eine Augenweide, es erstaunt daher nicht, dass sich das Winzerpaar Véronique & Stéphane Azémar hier niederliess, und es würde auch nicht verwundern, wenn man für einen einzigen Tag auf Erden diese Landschaft wählen würde!

Zum heute beschriebenen Wein bin ich freilich nicht bei einem Besuch vor Ort gestossen, obwohl ich einst nur etwa 2 Km vom Gut entfernt war und darüber auch schon einen Blog-Beitrag geschrieben habe:
https://victorswein.blog/2018/04/22/das-grosse-geheimnis-aus-cahors/

Den „Un jour sur terre“ habe ich von einem Kollegen, einem Weinkenner mit speziellem Bezug zum Süden Frankreichs, als Geschenk erhalten.
Siehe zu seinen Tipps auch:
https://victorswein.blog/2018/02/16/cest-bon-ta-gueule/

Und der Wein hat es in sich:

Angesichts der ursprünglichen Studien des Winzerpaars ist es nicht überraschend, dass (auch) die Etikette kunstvoll ist.

Sehr dunkle Farbe, intensive würzige und beerige Noten, und eine unglaubliche Dichte – aber trotzdem ungemein elegant mit sehr langem Abgang.

Das Spezielle an diesem zu 100 % aus Malbec (örtlich auch Auxerrois oder Côt genannt) bestehendem Wein: Er wird nicht nur nach biologischen Grundsätzen produziert, sondern auch zum Hauptteil in 140-Liter-Tongefässen ausgebaut. Dieses Prinzip lässt den Wein sanft und langsam „schnaufen“ (ich benutze bewusst nicht das Wort „oxydieren“, weil es negativ besetzt ist), ohne ihm Holztöne mit auf den Weg zu geben. Ein absolut gelungenes „Experiment“, das freilich wohl auch deshalb einen so tollen Wein ergibt, als auch der Ertrag schon sehr früh mittels „grüner Ernte“ auf 5-6 Trauben pro Stock, entsprechend ca. 25 hl/ha, reduziert wird.

Ein spannender, und im vorliegenden Fall extrem gut gelungener Ansatz eines neuen-alten Ausbauprinzips! Ich mag diesen Wein sehr! Die „Revue du vin de France“ gibt dem 2015 er übrigens auch 16,5 – 17 Punkte.


http://www.leclosdunjour.fr/

Erhältlich in der Schweiz bei:
https://www.vogel-vins.ch/
(Keine Bezugsquelle in D/A gefunden; vielleicht sind Sie besser im „Googlen“ als ich)

Weine von der „bösen Frau“ – eindrückliche Chablis!

Das Weinbaugebiet von Chablis – so toll wie die Weine von hier!


Wenig erfreuliche persönliche Begegnung – aber geniale Weine!

Kürzlich sagte ein Kollege zu mir: „Der einzige Chardonnay, den ich trinke ist der, bei dem Chablis darauf steht“. Das mag, angesichts wundervoller Chardonnays aus dem südöstlicheren Burgund und teils auch aus anderen Weltgegenden, etwas gar puritisch sein – so ganz falsch liegt er nicht!

Nirgends auf der Welt ist Chardonnay so frisch, so tänzerisch finessenreich, so elegant, so mineralisch wie in Chablis. Und nirgends wird das Holz, wenn überhaupt, so dezent eingesetzt wie hier. Mir scheint fast, als wäre Chardonnay aus Chablis etwas anderes als von überall sonst!

Natürlich waren mir Namen wie Raveneau, Moreau-Nodet, William Fèvre oder Alain Geoffroy geläufig, und gerade Fèvre ist auch in der Schweiz gut und zu bezahlbaren Preisen erhältlich. Aber wenn ich schon mal in der Gegend bin, dass möchte ich lieber Neues kennen lernen.

Ich habe deshalb auch eine Entdeckung gemacht – und damit eine mehr oder weniger lustige Geschichte erlebt. Im Herbst 2012 war ich zum ersten Mal überhaupt in Chablis, und natürlich wollte ich auch einige Weingüter kennen lernen und Wein kaufen. „Bewaffnet“ war ich damals mit dem „Guide Hachette 2011“, einem, sofern man die Beschreibungen und nicht nur die Bewertungen liest, sehr verlässlichen Führer, der mir auch andernorts in Frankreich immer wieder gute Dienste geleistet hat und leistet. Ein „coup de coeur“ war in diesem Buch einer der Weine der Gebrüder Jean-Paul et Benoît Droin. Also stattete ich diesem Gut einen Besuch ab, und ich wurde von einem der Brüder sehr herzlich empfangen, freilich mit den Worten „il n’y a plus grand chose“. Plus grand chose hiess aber immerhin, dass zwei Grands Crus (Vaudésir und Valmur), zwei Prèmiers Crus (Fourchaume und Montmains) sowie ein Chablis verfügbar waren. Es war eine wunderbare Degustation, in der mich alle Weine, jeder auf seine Art, überzeugten. Entsprechend beladen war dann auch mein Auto, und in meinem Keller glänzten plötzlich ganz viele der chatakteristischen orange-gelbe Flaschenhälse von Droin.

Oft wohl zu jung getrunken, überzeugten mich die Weine auch daheim, und so besuchte ich das Gut zwei Jahre später wieder. Aber welche Enttäuschung: Ich wurde von einer Frau empfangen, wobei dieser Ausdruck falsch ist, willkommen war ich nämlich nicht. „Avez vous reçu notre courrier?“, wurde ich gefragt; und auf die Antwort „non“, wurde mir barsch beschieden „on ne prends pas de nouveaux clients“! „Mais Madame“, versuchte ich zu erklären; und ich erzählte ihr von meinem erst zwei Jahre zurückliegenden Besuch, dem herzlichen Empfang und den vielen gelb-orangen Kapseln in meinem Keller. Es nützte nichts, „on ne prends pas de nouveaux clients“!

Mais Madame, versuchte ich es erneut, „j’ai achêté une quarantaine de bouteilles chez vous il n’y a que deux ans“. „On ne prends pas de nouveaux clients!“ war die einzige, gebetsmühlenartige Antwort, die ich auf alle Argumente erhielt!

Alle vernünftigen Begründungen wie „wir sind leider ausverkauft“ oder „wir verkaufen aufgrund grosser Nachfrage nur noch an langjährige Kunden“ hätte ich verstanden und akzeptiert. Aber, „wir nehmen keine neuen Kunden mehr“, nachdem ich sehr ausführlich von meinem letzten Besuch und Kauf erzählt hatte und sogar ein Foto aus meinem Weinkeller mit den orange-gelben Kapseln hätte zeigen wollen, das war schon etwas schwer verständlich. Nun gut, ich zog leicht frustriert von dannen, und jedes Mal, wenn wir danach einen Droin-Wein aus dem Keller holten sagten wir spassig und nicht ganz ernst gemeint: „Das ist jetzt der Wein von der bösen Frau“.

Verrückt ist nur, dass die „Weine von der bösen Frau“ so unglaublich gut sind! Wir haben kürzlich die letzte Flasche 2009 des Grand Crus Valmur getrunken – ein schlichtweg umwerfender, genialer Wein:
„Immer noch helles Gelb; feine, zitrusbetonte Nase, Mandeln und Mirabellen; im Mund mit einer präsenten, erfrischenden, tollen Säure, körperreich und mineralisch, mit einem „salzigen“ Anflug; klar wirkend wie Quellwasser, unendlich langer Abgang. Einfach ein fantastischer Wein!

Grand Cru-Lage Valmur mit Blick auf Chablis

Jean-Marc Brocard – viel mehr als ein Lückenbüsser

Einen guten Effekt hatte das Erlebnis bei der „bösen Frau“ immerhin auch: Ich zitierte den – immer noch gleichen 2011er  – Guide Hachette und entschied mich für einen alternativen Besuch auf der Domaine Brocard in Préhy, ein paar Kilometer ausserhalb von Chablis. Dieses Gut ist deutlich grösser als Droin  – und war deshalb auch bereit, einem „Neukunden“ Wein zu verkaufen 🙂 – es stellt aber Weine von ähnliche Güte her. Das einzige, was man kritisieren könnte ist, dass der Stil noch etwas uneinheitlich ausfällt, degustieren lohnt sich also. Auch hier sind die Grands Crus – gekauft Le Clos und Valmur – grossartig, und die Prémiers nur wenig nachstehend (gekauft Fourchaume und Montée de Tonnerre). Absolut empfehlenswert und in Sachen Preis-/Leistung unschlagbar ist aber der „Vielles Vignes“, ein hochkonzentrierter und trotzdem eleganter, erfrischender Wein – in allem auf der Höhe eines Prèmiers ausser dem Preis! Und das Schönste an Brocard: er arbeitet bereits auf einem grossen Teil der Domaine nach biologischen Grundsätzen!

Wer braucht da noch die Weine einer „bösen Frau“? Ernsthaft, es lohnt sich allemal, und ich habe deshalb auch Bezugsquellen für Droin in der Schweiz und in Deutschland recherchiert. Hoffentlich nehmen die noch neue Kunden …

Links zu Droin:
https://www.jeanpaulbenoit-droin.fr/fr/
https://ruli-vins.com/weine/?filter_produzent=domaine-jean-paul-droin
https://shop.weinhandlung-drexler.de/

Und Links zu Brocard:
http://brocard.fr/
https://de.millesima.ch/produzent-jean-marc-brocard.html
https://www.belvini.de/jean-marc-brocard

Ein 28-jähriger Hermitage: chamäleonal!

Trotz Vorurteilen: „Monier de la Sizeranne“ 1990 phänomenal gut

Hermitage anfangs der 1990er-Jahre, das waren Jean-Louis Chave und die beiden Handelshäuser Jaboulet Aîné und Chapoutier. Vielleicht noch Sorrel und Faurie, aber die waren damals etwas unregelmässig. Und Ferraton, heute hoch gelobt, war im besten Fall Mittelmass. Allerdings hatte in jener Zeit auch das Haus Chapoutier nicht den allerbesten Ruf.

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Am Hügel von Hermitage vor dreissig Jahren wie ein Sinnbild: Chapoutier damals weit unter Jaboulet Aîné. (Bild vl, 1991)

Ein bisschen zeigte sich das schon bei Besuchen der beiden Häuser: Bei Chapoutier in einem dunklen, alten Kontor – bei Jaboulet etwas ausserhalb von Tain in einem hellen, stolzen und modernen Neubau.

Die damalige Wertschätzung zeigte sich auch später: Frustriert davon, dass Weine, die ich für rund Fr. 30.– eingekauft hatte, plötzlich mehr als den zehnfachen Wert aufwiesen, und neue Jahrgänge weit über meinen finanziellen Möglickeiten kosteten, wollte ich vor etwa 10 Jahren einige Flaschen verkaufen. Während für den 90er „La Chapelle“ von Jaboulet ein Phantasiepreis bezahlt wurde, wollte der renommierte Ankäufer von Chapoutiers „Monier de la Sizeranne“ des gleichen Jahres schon gar nichts wissen. So lagerte diese Flasche eben weiterhin in meinem Keller, und jedes Mal, wenn ich mit dem Gedanken spielte ihn zu öffnen, verwarf ich die Idee, weil ich eine Enttäuschung erwartete.

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Wunderschöne Landschaft, herrlicher Wein: Der Hermitagehügel über der Rhone, von unten und von oben. (Bilder vl, 1991)

Die qualitative Wiedergeburt des Hauses Chapoutier

Gerade im Jahr 1990 sollte aber auch in der langen Geschichte des Hauses Chapoutier (es wurde schon 1808 gegründet) ein neues, erfolgreiches Kapitel aufgeschlagen werden. Michel Chapoutier übernahm die Leitung von seinem Vater Max, und der Sohn war sich bewusst, dass sein Unternehmen nur mit Qualitätsarbeit eine Zukunft hat. Vor allem aber stellte er nach und nach auf biodynamische Produktion um. Heute geniesst das Haus Chapoutier zu recht wieder einen hervorragenden Ruf, und ich bin sicher, dass ein Raritätenhändler in 15 Jahren noch so gerne einen „Monier de la Sizeranne“ aus der aktuellen Zeit aufkaufen würde.

Und trotzdem: auch der 1990er war phänomenal gut

hermitag-chapoutirKürzlich obsiegte dann doch die Neugierde in Bezug auf den Zustand des Jahrgangs 1990. Schon die ersten Aromen in der Nase zeigten, dass der Wein sicher noch trinkbar war. Vorherrschend waren Liebstöckel und Thymian. Auch ein erster Schluck überzeugte, ein zwar eher filigraner Wein, aber noch jung wirkend, mit präsenten Tanninen und vor allem auch Säure. Auch die Farbe war noch erstaunlich jugendlich.

Nach etwa einer Stunde Luftkontakt hatte sich der Wein verändert, als wäre er ein Chamäleon. Nun duftete er auch wie ein junger Wein, und zwar eher wie ein Pinot als wie ein Syrah: helle Beeren und Anflug von Waldpilzen. Das Trinken des Weines war ein Hochgenuss, auch im Mund war er runder und ausgewogener geworden – einfach phänomenal gut! Und der Beweis, dass Chapoutier auch in den eher mageren Jahren sehr guten Wein machen konnte.

Das Finale folgte aber erst noch: Ich liess ganz bewusst etwas von dem Wein stehen und probierte ihn andertags nochmals: Erneut hatte er sich total verändert, jetzt überwogen dunkle Beerenaromen, Cassis und Lakritze. Vor allem aber war der Wein noch immer voll präsent und genussvoll zu trinken. Ich bin überzeugt, dass er auch in nochmals 10 Jahren noch Freude machen würde.

Also, liebe Raritätenhändler, wenn euch jemand eine solche Flasche anbietet: zugreifen! (Oder vielleicht auch besser nicht – der verhinderte Verkäufer soll ihn ruhig selber trinken, das macht richtig Spass!)

https://www.chapoutier.com/

https://www.delinat.com/chapoutier.html

http://www.jaboulet.com/Website/site/fra_prehome.htm

http://hermite.fr/domaine-jean-louis-chave/

http://www.marcsorrel.fr/

http://www.ferraton.fr/

Und hier noch der erwähnte Händler, ihn habe ich als sehr offen und fair erlebt:

http://www.cavebb.ch/de/

Das grosse Geheimnis aus Cahors.

Nach einem langen, spannenden Tag am Lot, dem Fluss, der das ganze Weinbaugebiet von Cahors in vielen Schlaufen durchzieht, wollten wir, ausgerüstet mit einem Tipp aus dem „Guide Hachette“, noch etwas Wein kaufen. Wir fuhren also mit unserem Kleinstwagen auf Chateau La Gineste vor und klingelten. Zu unserem Erstaunen wurden wir an einen Herrn verwiesen, der gerade in kurzen Hosen und mit Gras in den Haaren auf einem fahrbaren Rasenmäher tätig war, und den wir eigentlich als Gärtner identifiziert hatten.

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Blick auf die Reben und – im Hintergrund – das Schloss von La Gineste im Gebiet von Cahors. Das Gut arbeitet biologisch – aber eigentlich sieht man das ja schon fast anhand des Bildes! (Foto vl)

Trotz der Störung wurden wir sehr herzlich vom rasenmähenden Schlossbesitzer, Gérard Dega, empfangen. Unser Wagen sah ja sicher nicht nach grossem Volumen und damit Verkaufschancen aus (man kann nicht ahnen, dass das Auto nebst Koffern locker noch 120 Flaschen aufnimmt; mehrfach belegt …). Eigentlich wollten wir ja nur degustieren, wenn positiv, kaufen und gehen. Geblieben sind wir schliesslich 90 Minuten, inklusive einer Führung, vielen Erklärungen und einer Degustation mit allen verfügbaren Weinen, und das waren viele, weil von jedem Typ verschiedene Jahrgänge zur Verfügung standen. Um es vorweg zu nehmen: Unser Kleinwagen war nach dem Besuch ziemlich beladen.

Das Gut ist etikettenmässig voller Geheimnisse: Nebst einem Rosé, dem Basiswein „La Gineste“ und einem „black wine“, gibt es die Linien „Petits Secrets“, „Secrets“ und vor allem den „Grand Secret“. Dass letzterer in der Einzahl geschrieben ist, kommt nicht von ungefähr, er ist nämlich der wirklich begeisternde Wein dieses Gutes. Die anderen Gewächse werden in einem Mischsatz hergestellt (Mehrheit Malbec, Minderheit Merlot) und sind schöne und preiswerte Weine (nur beim Petits Secrets störte mich bei einigen Jahrgängen ein spürbares altes Holz).

Der Grand Secret hingegen ist aus 100 % Malbec hergestellt und 2 Jahre in neuen Barriques ausgebaut. Es gibt auch nur etwa 3000 Flaschen jährlich, bei einer Gutsgrösse von 9 Hektar also eine wirkliche Rarität.

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Was für ein begeisternder Wein von enormer Länge und gleichzeitig grosser Finesse! Das ist Cahors von der allerbesten Seite, und das ist Cahors, wie es von keinem argentinischen Malbec „kopiert“ werden kann. Dieser Wein hat Charakter und ja, ich wage den Ausdruck, Seele!

Degustationsnotiz Jahrgang 2011:

Dichte, dunkle Farbe, noch jugendlich, fast violett; Aromen von dunklen Kirschen, Nelken, Zedernholz, Anflug von Armagnac; gute, stützende Säure in perfekter Harmonie mit feinen Tanninen, dicht und fast zum Abbeissen, dabei druckvoll aber auch elegant. Ein Klassewein!

(Bemerkung am Rand: Wir haben ihn neben einem preislich ähnlichen, durchaus guten Cru Bourgeois 2006 aus dem Haut-Médoc probiert. Der Cahors wurde einhellig und sehr klar vorgezogen).

Nachstehend ein Link auf die Homepage des Gutes. Man möchte Herrn Dega wünschen, etwas weniger Zeit auf dem Rasenmäher zu verbringen, um Zeit zu haben, seine Site auf Vordermann zu bringen. Aber am besten arbeitet er ohnehin in den Reben und im Keller, auf dass es noch viele Jahrgänge des Grand Secret gibt!

http://chateaulagineste.free.fr/

Korrigenda: Ich bin darauf aufmerksam gemacht worden, dass das Gut durchaus eine aktuelle Homepage hat:

http://chateaulagineste.fr/accueil/

siehe zudem:

http://www.vigneron-independant-lot.com/vignerons/chateau-la-gineste/


Cahors – zurück zu altem Glanz?

Das Weinbaugebiet von Cahors zählte einmal zu den bekanntesten von ganz Frankreich; die Weine wurden bis nach England verschifft und namen dabei den Weg über das rund 200 Km westlich liegende Bordeaux. Im 14. Jh. stammte rund die Hälfte des dort verschifften Weins aus Cahors. Danach verblasst die Reputation.

Heute hat das Weinbaugebiet seinen Ruf wieder verbessert, trotzdem wird auch jetzt noch vergleichsweise wenig exportiert, 80 % des Weines wird in Frankreich abgesetzt. Das ist schade, denn hier werden teils wunderbare Gewächse angebaut. Malbec ist die Hauptsorte (vor Ort eher Côt oder gar Auxerrois genannt), und was „Cahors“ heissen will, muss mindestens 70 % dieser Rebsorte enthalten. Ergänzend werden Merlot und Tannat verwendet.

Das Hauptanbaugebiet befindet sich westlich der Stadt Cahors, in einem Bereich, in dem der Lot, ein Nebenfluss der Garonne, richtig mäandert. Die Gegend ist sehr reizvoll – nicht nur für Weinfreunde!

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Auch landschaftlich reizvoll, das Tal des Lot, etwas oberhalb von Cahors.

Mehr zum Anbaugebiet von Cahors:

https://www.inao.gouv.fr/produit/8230