Wein ohne Alkohol – aber mit viel Geschmack! Auf der Spur eines gesellschaftlichen Trends.

Alkoholfreier Wein? Ich weiss, da rümpfen Weinfreunde schon mal vorsorglich die Nase. Und so, wie die Qualitäten früher waren, ist das auch nicht verwunderlich. Aber Umdenken ist angesagt, zumal der Trend zu weniger Alkoholkonsum eindeutig erscheint.

Das Timing hätte nicht besser sein können: Ich war angefragt worden, ob ich ein paar alkoholfreie Weine probieren würde und fand das Thema spannend, zumal ich schon in einem früheren Beitrag über zwei erstaunliche Schaumweine berichtet hatte (Link siehe unten). Das Paket mit vier Flaschen traf genau dann ein, als ich für fünf Tage ein Medikament einnehmen musste, das sich mit Alkohol nicht verträgt. Es war also eine perfekte Gelegenheit, die Weine gleich zu probieren. Um es vorwegzunehmen, ich habe sie nicht nur probiert, sondern auch bis zum letzten Schluck genussvoll getrunken!

In vier Jahrzehnten von untrinkbar zu geschmackvoll

Rückblende: Vor etwa 40 Jahren brachte ein Schweizer Grossverteiler, der keinen Alkohol anbietet, drei alkoholfreie Weine auf dem Markt. Ich habe diese probiert und als untrinkbar, ja scheusslich weggeschüttet. Das ging offenbar nicht nur mir so, denn die Weine waren rasch wieder aus dem Sortiment verschwunden. Alkoholfreies Bier fand ich schon damals halbwegs trinkbar, und heute stehen die besten Exemplare davon meines Erachtens den „richtigen“ Bieren nur noch wenig nach. Der Marktanteil der alkoholfreien Variante liegt denn auch schon bei rund 7 %.

Marktanteil steigend, bei Schäumern schon 5 %

Beim Wein geht die Entwicklung etwas langsamer, aber offensichtlich gab es auch hier einen Qualitätsschub. Und auch mengenmässig holen die Alkoholfreien auf. Bei stillem Wein liegt der Marktanteil zwar noch unter 1 % – was freilich in effektiven Litern doch nicht ganz unerheblich ist -, beim Schaumwein aber sind es bereits rund 5 % (Quelle: eaton.com zu Nielson Haushaltpanel). Das Potential liegt wohl deutlich höher, weil gemäss der zitierten Quelle nur 10 – 15 % der Befragten überhaupt alkoholfreien Wein kannten.

Sehr „weinig“ – und endlich ein überzeugender Roter

Eigentlich ist bei diesen alkoholfreien Weinen alles da, die Düfte stimmen und unterscheiden sich kaum von alkoholhaltigem Wein, im Mund sind Aromen, Säure und – beim Roten – Tannin vorhanden. Wenn man trinkt, dann ist es keine Frage, dass es sich hier um Wein handelt, und – bei den nachstehend beschriebenen – nicht um den Schlechtesten.

Ich hatte schon früher immer mal wieder einige gute weisse Weine ohne Alkohol im Glas, aber noch nie einen wirklich überzeugenden Roten. Der Leonis Blend hat mich diesbezüglich nun sehr positiv überrascht. Der Grundwein ist der „In Signo Leonis“ von Heribert Bayer, und das merkt man am Duft, in der Fülle und auch an der leichten Holzprägung. Wenig überraschend ergeben sich also aus gutem Grundmaterial auch die besseren Alkoholfreien. Gut möglich, dass diesem Umstand früher zu wenig Beachtung geschenkt wurde, nach dem Motto „es gibt ja nur alkoholfreien Wein daraus“.

Gesellschaftlicher Trend

Für mich ist jedenfalls klar, dass die alkoholfreien Weine eine echte Alternative sind, ich bin überzeugt, dass der Trend weiter hin zu solchen Weinen geht. Wer Auto fährt, wer aus gesundheitlichen Gründen auf Alkohol verzichten will bzw. muss oder wer, wie ich, einen alkoholfreien Januar einschaltet, bekommt mit Weinen wie nachstehend beschrieben eine tolle Variante. Es schmeckt rundum nach Wein, es ist gut – einfach nicht ganz so vollendet wie ein Wein mit Alkohol. Meines Erachtens sollte sich jede Winzerin und jeder Winzer die Frage stellen, ob sie/er nicht auf diesen Trend aufspringen müsste. Ich jedenfalls werde mir im Hinblick auf den Januar einen genügenden Vorrat in den Keller legen; einem Softdrink und selbst einem Bier ziehe ich einen guten alkoholfreien Wein vor!

Eine Komponente fehlt halt doch

Trotz dieser Lobesworte hier auch eine „Warnung“. Die Erwartungshaltung sollte trotz allem nicht allzu hoch sein, denn es fehlt mit dem Alkohol halt doch eine wichtige Komponente. Bei vielen Alkoholfreien wird dieses Manko durch eine hohe Süsse ausgeglichen. Wer das mag, ist sicher gut bedient; wer trockene Weine liebt, muss etwas mehr suchen. Die von mir probierten Weine sind alle trocken – und gut. Ich verzichte bei den Degustationsnotizen dennoch bewusst auf eine Benotung, weil der Vergleich einfach noch hinkt. Was ich freilich sagen kann: Im unteren Bereich von „gut“ würde ich die degustierten Weine schon einstufen – und damit jedenfalls vielen Billigweinen mit Alkohol vorziehen.

Aber nochmals: Im Gegensatz zum Bier merkt man durchaus, dass der Alkohol fehlt. Das hat sicher einen Zusammenhang damit, dass Bier weniger Alkohol aufweist als Wein, aber wohl auch, dass die Geschmackskomponenten beim Wein einfach vielfältiger sind, was sich beim Fehlen des Geschmackträgers Alkohol halt stärker auswirkt. Damit wäre dann auch bewiesen – sorry liebe Bierfreunde – dass Wein einfach ein komplexeres Getränk ist.

Degustationsnotizen

Blanc pur, Strauch Sektmanufaktur (alkoholfreier Bio-Wein aus Riesling), Deutschland
Wirkt in der Nase fast wie Traubensaft, sehr fruchtig-süsslich, dezent und (nicht negativ) essigsaure Tonerde, im Mund feine Perlage, fruchtig und saftig, frische Säure, ganz leicht süsslich. Wirkt eher wie Traubensaft als wie Wein, ist aber sehr süffig und gelungen.

Phénomène, SAS Ollivier-Cottenceau (entalkoholisierter Wein), Frankreich
Helles Gelb; eher zurückhaltende Nase, etwas weisser Pfirsich, Zitrus und Veilchen; im Mund sehr fruchtbetont, schöne, saftige Säure, im Antrunk trocken wirkend, dann sehr dezente Restsüsse, rund, fällt lediglich im Abgang etwas schnell zusammen. Fruchtbetonter Tropfen.

Sauvignon blanc, Bergdolt-Reif & Nett (entalkoholisierter Wein), Deutschland
Sehr helles Gelb, dezente Nase nach Mirabellen und Aprikosen, etwas grüner Apfel, dazu auch grüne Töne (Brennessel); dichter Körper, rund, eher zurückhaltende Säure, fruchtig wirkend, mit erstaunlich langem Abgang. Sehr süffig.

Zeronimo, Leonis blend, Heribert Bayer (entalkoholisierter Wein), Österreich
Mittleres Rubin; Cassis, Hagebutten, etwas Boskoop-Apfel, würzig; auch im Mund fruchtig, spürbare, schöne Säure, feines Tannin, relativ kurzer Abgang. Überzeugender Rotwein.

Informationen und Bezugsquelle:

Startseite – ZENOTHEQUE.COM (allgemeine Startseite)
Weine ohne Alkohol: Alkoholfrei-vom-Winzer.de (Startseite Shop)

Und der Link auf den erwähnten früheren Beitrag:
Alkoholfreier Schaumwein von Thomson & Scott: Nüchtern betrachtet erstaunlich gut! – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)


Wie wird alkoholfreier bzw. entalkoholisierter Wein hergestellt?

Am Anfang eines alkoholfreien Weines steht ein fertig vergorener, alkoholhaltiger Wein. Der Alkoholentzug kann grundsätzlich mit verschiedenen Techniken erfolgen. Die meisten, und nach allgemeiner Einschätzung auch die besten, entalkoholisierten Weine werden indessen mittels Vakuumdestillation hergestellt. Unter Vakuum verdampft Alkohol schon bei rund 27 Grad, so dass keine Erhitzung des Weines mit unerwünschten Nebenwirkung durch hohe Temperatur notwendig ist. Weil mit der Verdampfung trotzdem auch Aromen entweichen, kann eine Aromenrückgewinnung erfolgen (die natürlichen Aromen werden aufgefangen und dem Wein wieder zugefügt). Das ursprüngliche Aromenspektrum eines Weins bleibt bei diesem Verfahren weit gehend erhalten. Um den Geschmack abzurunden, darf – aber muss nicht, um eine gutes Produkt zu erhalten – entalkoholisierten Weinen anschliessend Süsse in Form von Traubensaft/-konzentrat oder Sacharose sowie allenfalls Kohlensäure beigefügt werden. (Aus vielen Quellen zusammengetragen, u.a. Zenotheque, Kolonne 0, Edeka, Prowein, Merkur).

Nur die Gesetzgebung ist noch komplexer als Wein – aber keinesfalls besser

Der guten Ordnung halber sei auch noch darauf hingewiesen, dass „alkoholfrei“ und auch „entalkoholisiert“ in den meisten Fällen nur juristisch korrekt ist. Das Verfahren zur Entfernung von Alkohol bringt es mit sich, dass fast immer ein kleiner Alkoholanteil erhalten bleibt. Der Gehalt muss aber auf jeden Fall unter 0,5 % vol. liegen. In der EU gibt es seit Kurzem eine neue (dem deutschen Gesetz noch widersprechende) Regelung, gemäss der solcher Wein nicht mehr als alkoholfrei bezeichnet werden darf, sondern entalkoholisiert. Demgegenüber darf Bier mit gleich viel Alkohol weiterhin alkoholfrei genannt werden (Quelle: meiniger.de). Nicht nur Wein, sondern auch die Gesetzgebung ist komplex! Und weniger überzeugend.


Interessennachweis:
Die vier degustierten Weine wurden von Frédéric Chouquet-Stringer von der Zenotheque, Karlsruhe, ohne jede Verpflichtung zur Verfügung gestellt. Auf meinen Wunsch hin handelte es sich um weitgehend trockene Weine.

3 Gedanken zu “Wein ohne Alkohol – aber mit viel Geschmack! Auf der Spur eines gesellschaftlichen Trends.”

  1. Pingback: Alkohol trinken ist schä(n)dlich! Sagt die NZZ. – Victor's Weinblog

  2. Lieber Victor. Wie schön, dass ich deinen Artikel über alkoholfreie Weine gefunden habe. Da hat Frédéric dir eine schöne Auswahl zusammengestellt. Ich selbst habe auch schon Rotweine der 3 von 4 hier genannten Marken probiert. Jetzt würde mich natürlich schon interessieren, ob du seither neue Erkenntnisse gesammelt hast?

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