Weinsorte der Zukunft – mit wunderbaren Weinen in der Gegenwart!

Nizza. Bei diesem Stichwort muss jemand ein ziemlicher Weinfreak sein, um nicht zuerst an Meer und Sonne zu denken. Dem Weinfreund kann man aber nur den Blick auf das andere Nizza – Nizza Moferrato im Piemont – empfehlen. Hier werden herausragende Weine aus der Barbera erzeugt, einer Rebsorte, der eine grosse Zukunft prognostiziert werden kann. Eine kürzlich durchgeführte Degustation des Weinmagazins Vinum gab einen Einblick in grossartige Weine.

Barbera? Das war in meiner Jugend jener eigentlich ungeniessbare Tropfen, der in Pizzerias als Hauswein angeboten wurde und dem ich heute mit Sicherheit ein Glas Wasser vorziehen würde. Diese „Weine“ haben das Image der Traubensorte Barbera hierzulande ziemlich nachhaltig beschädigt. Es brauchte Leute wie Giacomo Bologna, der an die Sorte glaubte und mit dem Bricco dell’Uccellone auch einen wirklich herausragenden Wein produzierte, der zum Umdenken anregte – 2022 feiert dieser Wein gerade sein 40-Jahr-Jubiläum.

Bilderbuchlandschaft in der DOCG Nizza bei Nizza Monferrato (Bild am Homepage der Associazione)

Nochmals 20 Jahre später gründete eine Reihe von Barbera-Produzenten im Bereich von Nizza Monferrato die „Associazione Produttori del Nizza“ mit dem Ziel, das Anbaugebiet um die Stadt unter den Barbera-Produzenten als besonders herauszustreichen. Tatsächlich kann man angesichts der heutigen qualitativen Dichte von einer Art „Grand Cru“ der Barberas sprechen. Das wird auch belegt durch den Umstand, dass das früher zu Barbera d’Asti gehörende Gebiet im Jahr 2014 den Status einer DOCG erhielt. Nizza DOCG bedeutet, ohne dass es ersichtlich wäre, dass der Wein zu 100 % aus Barbera gekeltert sein muss – dies im Unterschied zu anderen Barbera-Appellationen, wo 10 – 15 % andere Sorten zugelassen sind.

Barbera: Hitzebeständig und säurebetont

Zwar ist die Barbera – deren Heimat übrigens im Monferrato vermutet wird – eine der weltweit am meisten angebauten Sorten, aber eben, ihr Image ist immer noch schlecht, siehe Einleitung. Dabei hat sie nicht nur ein an guten Lagen hervorragendes Qualitätspotential, sondern auch Eigenschaften, die sie wie geschaffen für den Anbau in Zeiten der Klimaerwärmung macht. Freilich schrieb Jancis Robinson schon 1986 in ihrem Buch „Reben – Trauben – Weine“: „… die Barbera über ein hochgezüchtetes Potential besitzt, allerdings nur in Gegenden, die kühler sind als die, wo sie so enthusiastisch gepfegt wird. Nordwestitalien sagt ihr am besten zu“. Mit der enthusiastischen Pflege waren vor allem heisse Gegenden im Süden gemeint.

Umgekehrt schrieb die Autorin schon damals, dass die Barbera als Sorte gilt, die auch in heissen Gegenden zuverlässig Weine mit erfreulich hohem Säuregehalt hervorbringt. Und genau diese Eigenschaft, gepaart mit mässigem Tanningehalt, macht sie heute so spannend. Was will man mehr: Eine Sorte, die bei guter Pflege und guten Böden qualitativ hervorragend ist, gleichzeitig aber auch hitzebeständig, die über eine hohe Säure verfügt, aber auch über Dichte und Struktur, so dass selbst ein guter gemachter Wein mit 14,5 Vol-% Alkohol absolut nicht plump oder alkoholisch wirkt. Da die Winzer gleichzeitig besser gelernt haben, mit heissen Sommern umzugehen – z.B. durch einen Verzicht auf das Auslauben der Traubenzone – kann auch in Hitzejahren die Qualität herausragend ausfallen.

Barolowinzer kaufen sich in Nizza ein

In den 20 Jahren seit der Gründung der Associazione Produttori del Nizza hat sich das Gebiet unglaublich entwickelt. Die Produzenten konnten zeigen, welch Potential die Barbera hier hat, und ein Teil der Weinwelt hat das auch schon gemerkt, was zu einem – aus Produzentensicht – erfreulichen Preisniveau geführt hat. Zumindest der produzierende Teil der Weinwelt wurde auf die Appellation ohnehin aufmerksam, und deshalb kauften auch immer mehr renommierte Güter wie Prunotto (= Antinori) oder Stefano Gagliardo auch Reben in der DOCG Nizza.

Die Karte für eine grosse Zukunft: Das Verständnis für die Terroirs soll zu noch besseren Weinen führen. Und vielleicht zu echten Crus.

Wie die nachfolgenden Degustationsnotizen zeigen, weisen die Weine aus Nizza schon heute eine tolle Qualität auf. Es könnte aber mit den Jahren an der Spitze sogar noch besser werden. Denn die einzelnen Lagen im Gebiet sind noch nicht gut erforscht. Stefano Chiarlo, Präsident der Associazione Produttori del Nizza, sagt denn auch, es sei noch zu früh, Lagen zu klassieren, es fehle an Erfahrung. Klar sei aber, dass es grosse Unterschiede gebe, und dass es wahrscheinlich sei, dass auch im Gebiet Nizza eines Tages „Crus“ entstehen. Ein erster Schritt dazu wurde im kürzlich mit einer Karte über das DOCG-Gebiet gelegt. Fachmann Alessandro Masnaghetti, der bereits Barolo und Barbaresco kartographiert hat, schuf eine Grundlage, die von grossem Wert sein dürfte. Dass es grosse Unterschiede gibt, die sich auch im Wein bemerkbar machen müssen, lässt sich allein aus der Tatsache ableiten, dass es im Gebiet unterschiedliche Böden mit Sand, Lehm und Schiefer gibt – von der Ausrichtung, dem Mikrokilma und der Meereshöhe einmal ganz abgesehen.

Sympathische Protagonisten der Degustation: Stefano Chiarlo, Präsident der Associazione Produttori de Nizza (und Inhaber des Gutes Michele Chiarlo, welches meinen Siegerwein stellte) und Christian Eder, Italien-Redaktor von Vinum.

Vinum lud zusammen mit der Associazione Produttori del Nizza in Zürich zu einer Deugstation mit 12 Weinen ein, davon 5 Riservas. Es war eine tolle Auswahl, verteilt auf die Jahrgänge 2020 – 2014. Vinums Italien-Redaktor Christian Eder führte stilsicher durch den Anlass und Stefano Chiarlo, Präsident der Associazione Produttori del Nizza gab spannende, ergänzende Hinweise aus erster Hand.

Hier meine Notizen:

Nizza DOCG Riserva la Court 2019, Michele Chiarlo
Mittleres Rot; feiner Duft nach sowohl hellen als auch dunklen Früchten, schwarze Kirschen und einem ganzen Strauss von Gewürzen; im Mund dicht, aber auch sehr elegant, hohe, aber wunderschöne Säure, für einen Barbera mit viel Tannin versehen, das sehr fein ausfällt. Langer Abgang. Inspirierender, grossartiger Wein. 18 Punkte

Nizza DOCG Riserva 2018, Tenuta Olim Bauda
Eher dunkles Rot mit leichten Reifetönen; sehr feine, vielschichtige Nase mit eher hellen Fruchttönen und würzigen Anflügen; im Mund hohe, aber sehr schöne, „saftige“ Säure, dichte Struktur. Im langen Abgang wieder fruchtbetont. Charaktervoller, im Stil „altmodischer“, aber wunderbarer Wein. 17,5 Punkte

Nizza DOCG Riserva Epico 2019, Pico Maccario
Mittleres Rot; feiner Duft nach Rosinen, würzig, Holznote; im Mund ebenfalls spürbar neues Holz, daneben sehr fruchtig, tolle, gut eingebundene Säure, feine Tanninstruktur, elegant, langer Abgang. Aufgrund des Einsatzes von neuem Holz etwas untypisch, aber ein sehr schöner, eleganter Wein. 17 Punkte.

Nizza DOCG Riserva Bricco Bonfante 2016, Marco Bonfante
Mittleres Rot; verhaltene, aber elegante Nase mit getrockneten, dunklen Früchten und dunklen Kirschen, balsamisch; im Mund erstaunlich fruchtig, dezenter Holztouch, saftige, schöne und straffe Säure, leicht trocknende Tannine, langer Abgang. Fruchtbetoner, schöner, vielleicht etwas gar „geschliffener“ Wein. Ist trotz seines Alters noch absolut frisch und deutet an, wie gut Barbera altern kann. 16,5 Punkte.

Erst beim Aufarbeiten der Notizen wird mir hier bewusst, dass ich vier der fünf Riservas an die Spitze gesetzt habe! Spannend – und offenbar ist da schon was dran an der noch eine Spur höheren Qualität!

Nizza DOCG Tre Secoli 2017, Tre Secoli
Mittleres Purpur; vor allem helle Frucht, daneben auch Anflüge von Dürrpflaumen und Gewürz; im Mund tolle Frische, schöne Säure, etwas trocknende Tannine, rund und ausgewogen, mittlerer Abgang. Schöner Wein, der alle Vorurteile gegen Genossenschaften widerlegt. 16,5 Punkte.

Nizza DOCG Viti Vecchie 2019, Gianni Dolgia
Mittleres Rot; etwas verhalten mit heller Frucht und roten Kirschen; eleganter, aber auch kraftvoller Wein, prägnante, saftige Säure, spürbares, aber sehr feines Tannin, mittlerer, sehr fruchtiger Abgang. Schöner, eleganter Wein. 16,5 Punkte.

Nizza DOCG RU 2014, Erede di Chiappone Armando
Mittleres Rot mit leichten braunen Reifetönen; getrocknete Aprikosen und Pflaumen, dazu auch helle Fruchttöne; im Mund sehr ausgewogen, sehr schön gereift und immer noch frisch, schöne, gut eingebundene Säure, leichter, aber schöner Bittertouch, langer Abgang. Macht jetzt richtig Spass, schöner Wein aus einem nicht ganz einfachen Jahr. Und ein Beweis für das grosse Reifepotential der Nizza-Weine! 16,5 Punkte

Nizza DOCG Riserva Neuvsent Gianola 2015, Cascina Garitina
Vorab: Das ist ein etwas polarisierender Wein, dem ich, trotz immer noch sehr guter Note, vielleicht etwas unrecht tue. Der Wein ist mit einem Drehverschluss versehen, und vielleicht hätte er einfach noch viel mehr Luft benötigt. Freilich kann es auch am Ausbau liegen, der Wein ruhte 3 Jahre im Holz.
Dunkles Rot, sehr starke reduktive Töne; dunkle, reife und getrocknete Früchte, erinnert ein wenig an einen gelungenen Zinfandel; im Mund gute Säure, fruchtig, aber fast etwas „überreif“, gewinnt aber mit der Zeit sowohl an Aromen als auch an Audruckskraft im Mund, langer Abgang. Spezieller, spannender Wein, der es lohnte, ihn weiter zu verfolgen. 16,5 Punkte.

Weitere degustierte und für gut befundene Weine:
Nizza DOCG Favã, 2020 Tenuta Garetto. Etwas rustikaler Wein, der dennoch eine gewisse Eleganz aufweist. 16 Punkte
Nizza DOCG Cala delle Mandrie 2018, La Giribaldina. Gut gemacht, getrockente Früchte vorherrschend, trocknende Tannine, mir fehlt ein wenig die Ausdruckskraft, 16 Punkte
Nizza DOCG Cremosina 2019, Bersano. Schöner, süffiger Wein, dem etwas die Ecken geschliffen wurden, 15,5 Punkte
Nizza DOCG Bric del Marchese 2018, Coppo. Ein wenig in Richtung „Fruchtbombe“ vinifiziert, aber gut gemacht, Geschmacksache. 15,5 Punkte

Mein persönliches Fazit, ganz im Ernst: Die besten Nizza DOCG können, obwohl die Weine eigentlich nicht vergleichbar sind, in Sachen Qualität mit Spitzenweinen aus Barolo und Barbaresco mithalten. Das Rennen um die „besten“ Weine des Piemont ist eröffnet.

Il Nizza – Associazione dei produttori del Nizza
VINUM – Magazin für Weinkultur | vinum.eu

Michele Chiarlo Winery – Experience the best crus in Piemonte
Barbera d’Asti e i migliori vini del Piemonte – Tenuta Olim Bauda
Pico Maccario |
== MARCO BONFANTE WINERY ==
Home | tresecoli.com
Home Page – Gianni Doglia
Erede di Chiappone Armando – Piemonte on wine
Cascina Garitina


Interessennachweis: Die Degustation in der Giesserei Oerlikon fand auf Einladung von Vinum ohne jegliche Verpflichtung statt.

Wenn ein Nebbiolo del Langhe mehr Freude macht als …

Das Piemont hat abseits von Barolo und Barbaresco immer wieder wunderschöne Entdeckungen bereit. Ein tolles Beispiel ist der Nebbiolo del Langhe Roccardo von Rocche Costamagna, ein Wein, der zwar nicht zu den Grossen zählt, aber in seiner unkapriziösen Art ungemein gefällt.

Klar, man kann wie ich kürzlich, auch mal im Supermarkt dem Irrtum verfallen, ein grosser Produzenten-Name und die Aufschrift „Barolo“ garantiere für ein schönes Trinkerlebnis, auch wenn der Preis mit knapp über CHF 30.00 „tief“ erscheint. Oder man kann, wie ebenfalls ich kürzlich, sich von einem seriösen Weinhändler beraten lassen und mit einem einfachen Nebbiolo für CHF 22.00 aus dem Piemont nach Hause kommen.

Das erste erwähnte Weingut, das wir hier aber gleich wieder vergessen, hat ein grosses Renommée und steht mit Baroli’s aus der Lage Bussia oder mit einem Barbaresco Bric Turot recht weit oben auf der Hitliste der besten Weine aus der Langhe. Leider ist aber der einfache Barolo doch wirklich nur einfach und enttäuschend und wohl eher ein Marketing-Produkt.

Ebenfalls „einfach“, aber alles andere als enttäuschend ist demgegenüber der 2017 Rocche Costamagna Langhe Nebbiolo Roccardo. Der Wein will nichts Grosses sein, aber er ist ein ehrlicher Kumpel, ein Freund mit Ecken und Kanten, aber ein mehr als nur gefälliger Begleiter für eine ganze Mahlzeit und einen ganzen Abend.

Mittleres Purpur; Sandelholz, weisse Sultaninen, rote Jahannisbeeren, Brombeeren, leichter Rauchton; prägnante, aber sehr feine Tannine, gut eingebundene Säure, eher schlanker Körper, mittlerer Abgang, in dem sich erstmals auch der moderate Alkohol etwas bemerkbar macht. „Burgundisch“-eleganter, schöner Nebbiolo.

Das Weingut selbst befindet sich mitten in La Morra. Die Trauben für diesen Wein stammen aus zusammen rund 1,5 Hektar Reben (das Gut verfügt gesamthaft über rund 14 Hektar), hauptsächlich aus Verduno, teils auch aus La Morra selbst – beides also eigentlich Barolo-Lagen. Nach einer relativ kurzen Maischestandzeit von 8 Tagen ruhen sie danach zu einem kleinen Teil in Barriques, vor allem aber in Fudern aus slowenischer Eiche.

Alessandro Locatelli, der das Gut leitet und entwickelt.

Auch wenn das Gut von der internationalen Presse nicht gerade zu den „In-Weingütern“ des Piemont gezählt wird, erzielt das Flaggschiff des Gutes, der Barolo Roche dell’Annunziata doch regelmässig 2,5 von 3 möglichen Punkten im Gambero Rosso. Aber eigentlich spielt das gar keine Rolle, der Nebbiolo Roccardo will auch gar keinen bestbenoteten Barolo konkurrenzieren, sondern einfach ein einfacher Piemonteser sein, der nie langweilig, aber doch unendlich trinkfreudig ist, der kein Ausbund an Konzentration und Dichte, aber doch nicht oberflächlich sein will. Kurzum: Ein Nebbiolo, der den ganzen Abend Freude macht! (Sofern denn eine Flasche für den ganzen Abend genügt, denn verleiden tut einem der Wein nicht).

Das ist ein Wein in der Art, die ich mag: Genussvoll und, trotz Einfachheit, mit einer gewissen Komplexität und Ausstrahlung. Und – Entschuldigung, das muss jetzt sein – besser als gewisse Baroli aus gutem Hause! Damit steht der Roccardo vor allem auch als Beispiel dafür, dass es sich auch im Piemont lohnt, nach Weinen abseits der grossen Namen zu suchen!

http://www.rocchecostamagna.it/RoccheCostamagna/index.asp
Man kann auf dem Gut auch übernachten, ich kenne es nicht, aber die Zimmer machen einen sehr guten Eindruck.

Bezugsquelle in der CH: http://www.vinotti.ch (zu diesem Wein einfach nachfragen, vielleicht hat es noch ein paar Flaschen, er ist nicht im Shop aufgeschaltet).
Vinotti führt aktuell auch noch den Barolo Rocche dell’Annunziata, den Barolo Bricco Francesco und den Barbera d’Alba Superiore Rocche delle Rocche.