Südliche Rhône in Bio und Subskription: La Bastide Saint Dominique überzeugt in rot und weiss!

Einen Steinwurf ausserhalb der Appellation Châteauneuf-du-Pape gelegen, überzeugt ein Bio-Weingut seit einiger Zeit mit hervorragender Qualität – gerade auch beim Châteuneuf. Und trotzdem kennt es hierzulande kaum jemand. Noch wenige Tage gibt es die Weine bei einer kleinen Weinhandlung in „Subskription“ zu spannenden Preisen.

Ich hatte in meinem Blog schon einmal zur Bastide Saint-Dominique berichtet: über den hervorragenden „Pignan“, den es – weil es eine Lagebezeichnung ist – eben nicht nur von Château Rayas gibt.
Pignan ≠ Pignan – in jedem Fall aber eine Spitzenlage in Châteauneuf-du-Pape! – Victor’s Weinblog

In der Zwischenzeit habe ich auch den 2017-er gekauft und verkostet, und für mindestens ebenso begeisternd empfunden. Da gibt es – wenn auch nicht mehr „billig“ – ein echtes, unbekanntes Bijou in Châteauneuf! Gleiches gilt, eine Qualitäts-, aber drei Preisklassen darunter, auch wieder für den tollen roten Cairanne!

Ich weise aber heute, getreu meinem Motto „alles ausser gewöhnlich“, speziell auf die Weissen des Gutes hin. Ich mag den Ausdruck „Preis-/Leistungsverhältnis“ für Wein eigentlich überhaupt nicht, aber wenn ein Wein so speziell gut und gleichzeitig preiswert ist wie der weisse Côtes du Rhône 2019 von Bastide Saint Dominique, dann darf man diese Formulierung mit gutem Gewissen einmal verwenden:

Côtes-du-Rhône blanc, 2019 (Viognier mit Grenache blanc und Clairette)
Mittleres Gelb mit leicht rötlichen Reflexen; intensive, spannende, aber nicht aufdringliche Fruchtnoten nach Quitten, Bananen, MIrabellen und Aprikosen; im Mund kräftig und dicht, gleichzeitig aber mit schöner Säure und leichtem Bittertouch sehr ausgewogen, sehr mineralisch. langer Abgang; kräftiger, feuriger Wein, der aber auch eine für einen südlichen Wein unglaubliche Frische mitbringt. 16,5 Punkte (und das bei CHF 12.50!). (= sehr gut)

Châteauneuf-du-Pape blanc 2019 (Grenache blanc, Clairette, Roussanne)
Ziemlich blasses Gelb; Quitten, grüner Apfel, Lindenblüte, sehr würzige Töne; voluminös, spürbarer Alkohol, aber absolut nicht brandig, eher mässige Säure, aber mit ausgeprägter mineralischer Frische. Sehr langer Abgang. Braucht noch etwas Reifezeit. 17 Punkte (= sehr gut).

Stimmungsbild aus der südlichen Rhône. Reben im Winter, „nostalgische“ Aufnahme aus dem Jahr 1989.

Diverse Wein, auch die beschriebenen, sind aktuell, aber nur noch bis am 6. April 2021, in Subskription erhätlich bei:
Suchergebnisse für „vorverkauf“ – VINOTTI

La Bastide Saint Dominique (bastide-st-dominique.com)

Anmerkung zum Thema „Bio“: Die Weine sind ab Jahrgang 2019 nicht mehr mit dem Label versehen. Grund dafür ist, dass der Winzer im „Pilzjahr“ 2018 zusehen musste, wie die Trauben und Reben leiden. Er möchte sich deshalb für solche Jahre vorerst eine Hintertüre offen halten. Somit sind die Weine vorerst zwar weiterhin naturnah und in normalen Jahren auch nach den Bio-Prinzipien produziert, nicht aber zertifiziert.

Merlot, Syrah, Cabernet Sauvignon = Dézaley? (!)

Dézalay, die schönste und beste Weinlage im Weltkulturerbe Lavaux, wird meistens „nur“ mit der Traubensorte Chasselas verbunden. Doch es geht auch anders – und es lohnt sich, diese verblüffende Andersartigkeit zu entdecken! Die verkannten Chasselas-Weine übrigens auch, aber das folgt später.

Wer mit dem Zug von Bern nach Lausanne fährt, dem kann es nach einem kurzen Tunnel wirklich die Sprache verschlagen: Der plötzlich freie Blick über die Reben des Lavaux und den Genfersee hin zu den Savoyer Alpen gehört zu den eindrücklichsten Bahnerlebnissen überhaupt! Der Zug fährt am westlichen Ende oberhalb der Appellation Dézaley aus dem Tunnel, unweit des höchsten Punktes beim Tour de Marsens auf 550 m über Meer. Dézaley – inzwischen offiziell als einer von zwei Waadländer Grand Crus deklariert – erstreckt sich aber über rund 54 ha bis hinunter an den Genfersee auf 375 m. ü. M.

Die Schönheit der Gegend kann eigentlich gar nicht in Worte gefasst werden. An dieser Stelle mag der Hinweis genügen, dass das Lavaux – etwas ungenau ausgedrückt zwischen Lausanne und Vevey – 2007 unter dem Titel „Weinterrassen von Lavaux mit Blick auf den See und die Alpen“ in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufgenommen wurde. Und vielleicht noch das: Fast das ganze Gebiet wird auf teils kleinen Terassen bewirtschaftet – anders ginge es gar nicht bei einem natürlichen Gefälle von teils über 100 %!

„Weinterrassen mit Blick auf den See und die Alpen:“ Fast wie irgendwo zwischen Himmel und Erde: das Lavaux.

Aber nun genug der Tourismusförderung – Kenner der Gegend mögen mir diese Ausschweifung verzeihen. Bekannt ist Dézaley praktisch nur durch seinen Weisswein – rund 90 % der Fläche sind hauptsächlich mit der Chasselas-Traube (Gutedel) bestockt. Diese lange als minderwertig angsehene Sorte bringt es hier zu ungeahnten qualitativen Höhenflügen und verblüfft überdies durch ein enormes Altersungpotential. Aber das ist eine Geschichte für sich, welche in diesem Blog noch folgen wird.

Auf den nun zu beschreibenden Wein bin ich offen gesagt nur durch Zufall gestossen. Da Degustationen aufgrund von Corona nicht möglich sind, wurde auf sozialen Medien ein Degupaket mit sechs mit dem Terravin-Goldlabel ausgezeichneten Weinen zum Versand angeboten. Neugierig wie ich bin, habe ich bestellt. Das Paket enthielt verschiedene Chasselas aus dem Lavaux, von respektabel bis sehr gut. Vor allem aber gab es da auch einen Rotwein, einen Dézaley 2019 der Domaine Antoine Bovard. Ich degustierte den Wein in der Erwartung, einen reinen Pinot noir oder eine Assemblage mit Gamay im Glas zu haben. Völlig verblüfft begann dann mit der nachfolgenden Degustationsnotiz die Suche nach den enthaltenen Rebsorten:

Dézaley Grand Cru, 2018, Domaine Antoine Bovard
Dunkles Prupur; rote Pflaumen, Rosinen, auch einige rote Fruchttöne, Anflug von Lorbeer und Thymian; auch im Mund sehr fruchtbetont, geschmeidig, schöne Balance von Säure, Süsskomplex und leicht trocknenden Tanninen, leichter, aber sehr fein eingewobener Bittertouch, langer Abgang. Schöner, spannender Wein! 17 Punkte (= sehr gut).

Der Wein wirkt wie nicht in der Schweiz gewachsen, spannend, elegant, aber doch eher südlich anmutend. Keine Ahnung, welche Sorte(n) ich da im Glas hatte. Die Etikette half nicht weiter, aber immerhin das www. Der Wein besteht aus 40 % Merlot, 40 % Syrah, 10 % Cabernet Sauvignon und 10 % Pinot noir!

Von der Ausnahme zum Normalfall – das Klima machts
Bloss – darf ein Winzer das überhaupt? Sind diese Sorten in einem Dézaley Grand Cru zugelassen? Recherchieren und Nachfragen bringt die Klärung: Ja, bzw. früher nein! Heute ist der Wein mit diesen Sorten hochoffiziell zugelassen, alle stehen auf der waadtländischen Sortenliste und dürfen deshalb auch in einem Grand Cru-Gebiet angebaut werden. Allerdings war dem noch nicht so, als Antoine Bovard die Reben pflanzte. Er merkte, dass die Pinot noir-Trauben vor allem entlang der wärmenden Mauern aufgrund der Klimaveränderung immer früher reiften und brandig zu werden drohten. Er setzte deshalb auf südlichere Sorten und erhielt schliesslich eine Ausnahmebewilligung dafür. Deshalb dürfen wir heute einen wunderschönen „Rhone-Bordeaux-Burgund-Blend“ aus dem Lavaux geniessen.

Eine kleine Geschichte am Rand: Die Ausnahmebewilligung war freilich nicht umsonst zu haben! Antoine Bovard musste während Jahren immer Muster der geernteten Trauben und des gekelterten Weins an die Forschungsanstalt Changins (heute Agroscope) senden. Wetten, dass die sich über den aussergewöhnlichen Wein jeweils sehr gefreut haben?

Bovard: Eine Familie auf der Qualitäts-Schiene
Domaine Bovard? Antoine Bovard und Sohn Denis Bovard, der die Domaine seit 2011 führt? Auf die Gefahr hin, peinlich zu sein, stellt man hier einfach die Frage nach der allfälligen Verwandtschaft mit der bekannteren Domaine Louis Bovard. Und für einmal führt eine peinliche Frage zu einem Volltreffer!

Denis und Antoine Bovard: Sohn und Vater auf gleicher Wellenlänge!

Bovard ist ein alteingesessenes, traditionelles Weingut im Lavaux. Anfangs der 1960er Jahre hätte Louis-Philippe Bovard das elterliche Gut übernehmen sollen. Allerdings passte ihm das nicht so ins Konzept, als Jurist konnte er sich auch einen anderen Werdegang vorstellen. 1964 übernahm er deshalb die Leitung des „Office des Vins Vaudois“. Aus diesem Grund wurde sein Bruder Antoine, der an der ETH Zürich Physik studierte, auf das elterliche Gut zurückgebeten. Nachdem aber Louis-Philippe doch auch einsteigen wollte, wurde die Besitzung geteilt, und Antoine gründete 1983 sein eigenes Weingut. Eine Frage der Farbe sozusagen. Während Antoine das „gelbe Haus“ in Treytorrons-en-Dézaley übernahm, bekam Louis-Philippe das „rosa Haus“ in Cully.

Beste Lagen – mit ökologischer Handschrift
Allerdings ist das Gut von Antoine Bovard kleiner. Heute umfasst es etwas über 7 Hektar, fast ausschliesslich in allerbesten Lagen in Epesses und Dézaley – dazu mit kleinen Flächen in St.-Saphorin und Calamin, dem zweiten Grand Cru im Waadtland. Während Louis-Philippe in der Weinwelt sehr bekannt wurde und heute oft als „Grandseignieur“ des Lavaux beschrieben wird, blieb es um Antoine eher stiller. Beide gingen aber sehr konsequent und schon, als im Waadtland Quantität noch vor Qualität stand, ihren Weg hin zu hochklassigen Weinen. Antoine führte dabei sogar früher die zukunftsgerichtete, ökologische Klinge. Schon unmittelbar nach der Gründung im Jahr 1983 verzichtete er auf jeglichen Einsatz von synthetischem Dünger. Schon früh experimentierte er auch mit bio-dynamischem Weinbau. Sein Sohn Denis, der die Domaine – wie er selbst sagt, sehr im Geist seines Vaters – führt, treibt das Gut nun definitiv zum Bioweinbau voran.

Denis Bovard freute sich, als ich ihn im Hinblick auf diesen Artikel kontaktierte, war aber gleichzeitig fast ein wenig enttäuscht, dass ich „nur“ über den roten Dézaley schreiben wollte. Ihm ist es ein ausserordentliches Anliegen, auf die hohe Qualität und auf die Langlebigkeit der Chasselas-Weine aus dem Lavaux hinzuweisen. Chasselas – diese verrufene Rebsorte ist eben zu allem fähig. Dass das Paradepferd seines Onkels Louis-Philippe, die Médinette, sehr gut altert, ja eigentlich zur vollen Entfaltung schon ein paar Jahre Lagerung braucht, ist inzwischen bekannt. Offenbar sind aber die Spitzen-Chasselas des Gutes Antoine Bovard ebenso langlebig. Da gibt es nur eines zu sagen: affaire à suivre!

Domaine Antoine Bovard (domaine-antoine-bovard.ch)

Zur Gegend bzw. der Einsufung als Unesco Weltkultgurerbe:
Lavaux, Vineyard Terraces – UNESCO World Heritage Centre

Und einer meiner früheren Artikel zur Médinette der Domaine Louis Bovard:
Dézaley Médinette: ein hochaktueller Klassiker! – Victor’s Weinblog


Und noch den Hinweis auf die Herkunft des beschriebenen 6er-Pakets (nicht mehr genau in der von mir erhaltenen Form angeboten, aber wohl vergleichbar):

coffret connaisseur Terravin (provino.ch)

Merkel? Oder lieber gleich ein Engel? Beim Wein am besten beides!

Der Titel bot sich einfach an, auch wenn er wenig einfallsreich ist. Ein Leser hatte mir zwei Weinbaubetriebe aus Rheinhessen empfohlen: Merkel und Engel. Der Tipp war gut, fasziniert haben mich vor allem die etwas „ausgefalleneren“ Weine wie Schwarzriesling, Portugieser, Cabernet Mitos, Scheurebe oder auch Sémillon!

Rheinhessen, das grösste Weinbaugebiet Deutschlands, ist auch ein fast unerschöpfliches Reservoir für Entdeckungen. Auf die beiden Betriebe Merkel und Engel wäre ich wohl kaum gekommen ohne den Hinweis eines Weinfreundes. Aufgrund des Tipps habe ich dann aber pro Betrieb je 6 assortierte Flaschen Wein gekauft und ennet der Grenze abgeholt, als Corona das gerade noch zuliess. Nach und nach habe ich die Weine nun genossen – und ja, sie sind einen Bericht absolut wert. Begeistert haben mich vor allem die „Spezialitäten“ – das sind eigentliche Entdeckungen.

Das Weingut Burgunderhof Merkel befindet sich mitten in Rheinhessen in Gundersheim, das Weingut Engel im Nachbarort Flösheim-Dalsheim, welches durch das Spitzenweingut von Klaus Peter Keller in Weinkreisen bekannt ist.

Auf dem Burgunderhof Merkel werden schon in vierter Generation etwas über 4 Hektar Reben seit 2004 nach biologischen Grundsätzen bewirtschaftet und 17 verschiedene Weine hergestellt. Seit 2016 sind die Geschwister Carmen und Martin im Betrieb tätig. Die Rebfläche wurde übrigens hier ganz bewusst reduziert, damit die Rebarbeit durch Familienmitglieder möglich wurde, was der Qualität zuträglich ist.

Eine Familienangelegenheit – schon seit 1673 – ist auch das Weingut Engel. Auf rund 11 Hektar werden hier durch die Familie Engel (Eltern und zwei Söhne) über 50 verschiedene Weintypen hergestellt. Im Keller zuständig ist seit einigen Jahren Albrecht Engel, welcher bei so renommierten Betrieben wie Wittmann und Christmann Erfahrungen gesammelt hat.

Ich beschränke mich nachstehend auf die Beschreibung der etwas spezielleren Weine, was ja dem Prinzip meines Blogs entspricht. Zu den anderen immerhin so viel: Mit Genuss getrunken habe ich alle der gekauften Weine, es sind zwar keine grossen Gewächse, aber allesamt mit der Note gut – und Spass machend.

Spezielles aus Rheinhessen: Spannende Weine abseits des Mainstreams. Schön, dass es solche Weine gibt!

Merkel, Schwarzriesling 2019, Gundersheimer Königstuhl
Mittleres Rot, zurückhaltend, Johannisbeeren, grüne Töne, an Traubenstiele erinnernd, etwas Vanille (?). Eher schlanker Körper, sehr gut eingebundener Alholhol und Säure, spürbare Tannine, leichter, erfrischender Bitterton. Langer Abgang. Filigraner, spannender und eigenständger Wein! 16 Punkte (= am oberen Ende der Skala gut).
Schwarzriesling ist ein irreführender Name, denn es handelt sich um eine Sorte aus der Pinot-Familie, vermutlich um eine Mutation des Pinot noir (oder umgekehrt). Unter dem Namen Pinot meunier ist sie vor allem in der Champagne als dritte Sorte nebst Pinot noir und Chardonnay bekannt. Auch im deutschsprachigen Raum wird der Ausdruck „Müllertraube“ zuweilen verwendet.

Merkel, Portugieser 2019, Gundersheimer Königstuhl (alte Reben, wurzelecht)
Mittleres, glänzendes Rot; fruchtbetont mit hellen und dunklen Beeren (Brombeere, Heidelbeere, Johannisbeere), würzig-erdig; im Mund rund mit spürbarer Süsse bei gut stützender Säure, sehr feine, etwas grünliche Tannine, mittlerer Abgang. Spannender Wein, würde ich blind als Mischung aus Pinot noir und Gamay einschätzen. 16 Punkte.
Sowohl gemäss „Pierre Galet: Cépages et Vignobles de France, 1990“ als auch „Jancis Robinson, Reben, Trauben, Weine, 1987“ soll der Portugieser gerade nicht aus Portugal stammen, sondern seinen Ursprung in Österreich oder Ungarn haben. Glaubt man indessen neueren Erkenntnissen und Einträgen in Wikipedia, handelt es sich aber um eine Kreuzung der Blauen Zimmttraube und dem Grünen Sylvaner, und sie soll um 1770 von – eben Portugal – nach Österreich gebracht worden sein.

Merkel, Mythos 2018, Cabernet Mitos, Gundersheimer Höllenbrand
Dunkles Purpur, fast undurchsichtig; kräftige Fruchtaromen nach dunklen Kirschen, Brombeeren und Pflaumen, etwas Vanille; im Mund dicht, rund, mit kräftigen Tanninen und guter Säure, wirkt wie ein Wein aus dem Süden, hat aber auch eine gewisse Eleganz. Mittlerer Abgang. Wirklich spannend und sehr gelungen! 16,5 Punkte (= sehr gut).
So richtig spannend ist auch bei dieser Sorte die Verwandtschaft. Obwohl sie erst 1970 gezüchtet wurde, ist die Namensgebung irreführend! Sie galt zwar tatsächlich als Kreuzung zwischen Blaufränkisch und Cabernet Sauvignon, DNA-Analysen haben aber später ergeben, dass es sich bei den richtigen Eltern um Blaufränkisch und Teinturier du Cher handelt (Quelle: Wikipedia bzw. Deutsches Weinjahrbuch 2013).

Engel, Sémillon 2019
Helles Gelb; intensive Frutcharomen nach Stachelbeeren, Aprikosen und Quitten; im Mund dicht, gute Säure, mit einem kleinen Anflug von Süsse und einem erfrischenden Bittertouch, langer Abgang. Herrlicher Sémillon aus Deutschland! 16,5 Punkte.
Die Rebsorte hat ihren Ursprung in Bordeaux und ist nah mit der Sauvignon blanc verwandt. Sie ist denn auch vor allem als Bestandteil weisser Bordeaux und Sauternes bekannt. Allerdings stimmt wohl, was Jancis Robinson in „Reben, Trauben, Wein“ darüber schreibt: „Sie ist wahrhaft eine eigenartige Traube. Sie ist auf der Welt weit verbreitet, bringt aber meist nur übertrieben dickliche oder ausgesprochen langweilige Weine hervor. An manchen Stellen aber verwandet sie sich in eine bezaubernde Schönheit, als habe eine Fee sie angerührt“. Da hat die Fee offensichtlich eben mal in Flörsheim-Dalsheim vorbeigeschaut!

Engel, Scheurebe, 2013
Helles Gelb; fruchtige Nase nach Aprikosen, Stachelbeeren und Papaya; im Mund noch total jugendlich, knochentrocken mit knackiger, aber nicht übertriebener Säure, auch im Mund sehr fruchtbetont, wirkt, als wäre etwas Tannin vorhanden, äusserst langer Abgang. Unglaublich, wie jugendlich der Wein noch ist. Für Freunde trockener Weine eine absolute Entdeckung! 16 Punkte.
Auch die Scheurebe lebte lange unter falscher Identität. Falsch wie beim Riesling x Sylvaner, heute Müller Thurgau, galt auch sie als Kreuzung zwischen Silvaner und Riesling, gezüchtet 1916 vom Namensgeber Georg Scheu in Alzey. Auch diesem Irrtum kam man inzwischen mittels DNA-Analyse auf die Spur: Korrekt ist es eine Kreuzung zwischen Riesling und Bukettraube. Letztere ist eine Kreuzung zwischen Silvaner und Trollinger, und so war die frühere Annahme wenigstens ein bisschen richtig. Quellen: Wikipedia und Weinfreunde-Magazin.

Weingut Burgunderhof Merkel | merkel-weine.de | Gundersheim (merkel-weine.de)
Home – Weingut Engel (der-wein-engel.de)

Keller, Zündel und Triacca: Schöpfer dreier herrlicher Weinbotschafter aus dem Veltlin.

Völlig zu Unrecht fristet das Veltlin heute so etwas wie ein Dornröschendasein. Dabei bringt das lombardische Bergtal mit viel Schweizer Einfluss wirklich tolle Weine hervor. Eine ganz besondere Geschichte haben drei herausragende Weine der Fratelli Triacca, an deren Ursprung mit Stefan Keller, Christian Zündel und Piero Triacca renommierte Namen stehen.

Fast könnte man sich alte Zeiten zurück wünschen: Die Geschichte der drei Weine, über die ich heute berichte, geht auf das Jahr 1987 zurück. Damals war es noch zwingend, einen Weinhandelskurs besucht und bestanden zu haben, wer mit Wein handeln wollte. Und so kreuzten sich in Wädenswil die Wege von Stefan Keller und Piero Triacca. Letzterer führt selbst ein kleines Weingut im Puschlav (Pietro Triacca) und ist einer der Nachkommen der Gründer der bekannten Fratelli Triacca AG. Stefan Keller war und ist ein schöpferischer und unerschöpflicher Tausendsassa – und vielleicht der begnadeste Weinjournalist der Schweiz. Lustigerweise lernte ich selbst ihn aber in einer völlig anderen Situation kennen, nämlich als Wirt im Chesa Pool im Fextal. Dort lernte ich in den 1980er-Jahren dank seiner Weinkarte zum Beispiel, dass das Veltlin (und auch die Bündner Herrschaft!) hervorragende Weine hervorbringen. Stefan Keller war aber nicht nur Wirt, er arbeitete später auch für Vinum und schreibt heute noch für die Schweizerische Weinzeitschrift. Zudem brachte und bringt er mit schnaps.ch unter anderem wundervolle Kastanienbrände auf den Markt, die eine eigene Geschichte wert wären. Und dass er darüber hinaus als Degenfechter in seiner Altersklasse zu den besten an einer Weltmeisterschaft gehörte, erklärt vielleicht auch die filigrane Art „seiner“ Veltliner Weine.

Aber zurück zum Zusammentreffen von Triacca und Keller: 9 Jahre später gründeten sie eine Firma, die später (2002) in „I Vinautori“ umgenannt wurde und zum Ziel hatte, im Veltlin herausragende Weine zu produzieren. Dokumente aus jener Zeit zeigen, wie viel Herzblut in das Projekt investiert wurde, und welch hohe Ziele angestrebt wurden. Ziel war unter anderem, den besten Syrah Italiens herzustellen. Als Berater wurde zudem mit Christian Zündel ein herausragender Weinmacher aus dem Tessin beigezogen, und dazu folgte schon bald die Umstellung auf bio-dynamischen Weinbau.

Wunderschöne Lagen, tolle Weine: Die Steillagen im Veltlin und der Blick in schweizerische Puschlav und dem Bernina-Massiv.

Fast zwei Jahrzehnte später gibt es diese Weine immer noch, und wohl besser als je zuvor. Christian Zündel ist zwar aus dem Team ausgeschieden, und inzwischen zeichnen die Fratelli Triacca AG für die Rebarbeit und die Vinifikation verantwortlich. Auch die Weinberge für den Canale und den Sertola gehören heute der Firma, die Lage Santa Perpetua ist gepachtet. Stefan Keller hingegen steht immer noch als Berater zur Seite. Er ist verantwortlich für die Werbebroschüre (Link siehe unten) und unterstützt auch im Verkauf. Nichts geändert hat sich indessen an der umweltschonenden Produktion, alle Parzellen werden nach bio-dynamischen Grundsätzen bearbeitet.

Und die Qualität der Weine? Hervorragend! Die Dreierserie zeigt wunderbar, welches Potential im Alptental des Veltlin steckt. Ich hatte schon einmal über einen Wein aus dem „normalen“ Sortiment von Triacca geschrieben, den Sforzato 2013. Die damalige Veröffentlichung auch auf Facebook hat mir einige Kommentare eingetragen wie „das Veltlin loben ist ja schon gut, aber warum wählst du dafür ausgerechnet einen fetten und ausladenden Sforzato“? Nun, wer das schrieb, hatte sicher diesen Wein nicht probiert, denn er weist – bei aller Kraft – eine unglaubliche Finesse auf. Wie übrigens fast noch schöner der aktuell auf dem Markt stehende 2015-er, der jedes Vorurteil gegen Weine aus angetrockneten Trauben widerlegt.
Veltliner – Italianità made in Switzerland, Wiederentdeckung empfohlen! – Victor’s Weinblog

Trotzdem sind die drei hier vorgestellten Lagenweine von anderer Art. Alle sind äusserst filigran und elegant – jeder auf seine eigene Art, wobei die beiden Roten auch durch einen tiefen Alkoholgehalt positiv auffallen. Der „Canale“ (Sauvignon blanc) ginge glatt als guter weisser Bordeaux durch, und der „Sertola“ (Nebbiolo) beweist, dass es auch ausserhalb des Piemont möglich ist, herausragende Weine aus dieser Sorte zu keltern. Typologisch passt auch der Santa Perpetua (Syrah) sehr gut in die Reihe. Allerdings fällt hier – im Gegensatz zum „Sertola“ mit dem Piemont – der Vergleich mit einem guten Rhone-Syrah etwas anders aus. Eigentlich sind die beiden Weintypen gar nicht vergleichbar – eher würde man den Santa Perpetua in Südafrika zuordnen. Er ist zwar gut und absolut empfehlenswert. Aber dieser Wein ist vielleicht das einzige am ganzen Projekt der „Vinautori“, das noch nicht zur Vollendung gebracht wurde. Es war das Ziel der drei Gründer, den besten Syrah Italiens herzustellen. Daran muss noch gearbeitet werden, aber ansonsten dürfen die Gründerväter sich darüber glücklich schätzen, was die Fratelli Triacca heute aus der Idee gemacht haben: Wundervolle Botschafter für eine völlig zu unrecht stiefmütterlich behandelte Weinregion. Viva il Valtellina!

Veltlin „at its best“: drei herausragende Lagenweine aus einem aussergewöhnlichen Projekt.

Canale 2018, Alpi Retiche, Sauvignon blanc
Helles Gelb; zuerst holzbetont, dann sehr fruchtig mit Lychee, Aprikose und zudem sehr floralen Tönen; kräftiger Körper, trotz hohem Alkohol nicht brandig, vielmehr enorm frisch und mineralisch, gut stützende Säure, mittlerer Abgang. Der Typ „weisser Bordeaux“, mir gefällt er sehr, auch wenn das Holz noch etwas ausgeprägt scheint. In 2-4 Jahren nochmals beurteilen, wird vermutlich dann noch ausgewogener sein. 17 Punkte (= sehr gut)

Sertola 2015, Valtellina superiore (Nebbiolo)
Eher helles Rot; rote Kirschen, Johannisbeeren; im Mund filigran-elegant, gut stützende Säure, kaum spürbarer Alkohol, feine, zurückhaltende Tannine, immer noch jugendlich, druckvoll, langer Abgang. Ein feingliedriger, wunderbarer Nebbiolo, der Vergleich mit einem Seiltänzer sei erlaubt. 17,5 Punkte (= sehr gut).

Santa Perpetua 2017, Terrazze Retiche di Sondrio, Syrah
Mittleres Rot; in der Nase sowohl rote Aromen (Johannisbeeren, rote Pflaumen) also auch solche nach getrockneten Früchten (insb. Sultaninen); im Mund knackige Säure, feine, aber zurückhaltende Tannine, wirkt rund und fliesst sehr schön (Glycerin?), eleganter und filigraner Wein, ausgeprägt langer Abgang. 16 Punkte (= gut im obersten Bereich).

Bezug:
https://www.triacca.ch/de/weine-der-zukunft

Broschüre:

Weitere Infos ( Link zu Stefan Kellers hochklassiges Spirituosenprojekt und einem alten Artikel über I Vinautori):
http://www.schnaps.ch
WB_Master_041013 (vinautori.com)

Domaine Léandre Chevalier: Die märchenhafte Rettung eines Ausnahmegutes in Bordeaux!

Traumhafte Weine hatte er uns geschenkt, Dominique Léandre-Chevalier. Wie ein böser Traum kam dann die Nachricht, dass er das Gut aus finanziellen Gründen aufgeben musste. Und nun wirkt es wie ein Märchen, dass die Domaine neu aufersteht! Hier die unglaubliche Geschichte dazu – halt nicht passend an Ostern, aber ein bisschen wie Weihnachten ist sie jedenfalls auch!

„Pferdemann rettet Pferdemann“, hätte man auch titeln können. Dominique setzte für die Bewirtschaftung seiner Reben auch Pferde ein, und nannte sich deshalb „l’homme cheval“. Nun hat ein anderer Pferdemann aus der Schweiz das Weingut gekauft und Léandre Chevalier als Betriebsleiter eingesetzt. Wir dürfen uns freuen!

Er ist wieder da: „l’homme cheval“, Dominique Léandre Chevalier – neu als Betriebsleiter der Domaine.

Aber der Reihe nach: Die Domaine Léandre-Chavalier (DLC) liegt in einem der wenig beachteten Gebiete von Bordeaux an den Côtes de Blaye. Luftlinie liegt das Gut zwar nur etwa sieben Kilometer von Pauillac entfernt – aber eben auf der „falschen“ Seite der Gironde. Trotzdem erweckte die Domaine immer mehr Aufsehen mit aussergewöhnlichen und aussergewöhnlich guten Weinen. An den jährlichen Arrivage-Degustationen für Bordeaux aus dem Sortiment von Gerstl war Dominique Léandre Chevalier fast immer persönlich anwesend. Plötzlich fehlte er, mir fiel das zwar auf, aber ich dachte mir nichts dabei. Bordeaux-Freund Reto Erdin hingegen fragte bei Max Gerstl nach und erfuhr die traurige Nachricht vom Konkurs schon sehr früh. Gleichzeitig teilte ihm Gerstl mit, dass es für eine Rettung leider schon zu spät sei, das Gut sei bereits im Konkurs.

Reto Erdin – der neue Besitzer der DLC: „Pferdemann rettet Pferdemann“!

Reto Erdin hatte sich kurz vorher einen Traum verwirklicht und ein Weingut in Bordeaux gekauft. Er hatte zuvor rund 50 bezahlbare Güter angesehen und sich schliesslich für dieses Gut – Château Monichot – an den Côtes de Bourg entschieden. Es wird seit 2001 biologisch bewirtschaftet und ist zur Zeit noch verpachtet. Der heute produzierte Wein begeistert Erdin nicht wirklich, aber er konnte Tropfen aus den 1980er-, 1990er- und 2000er-Jahren probieren und ist deshalb vom Potential der Böden überzeugt. Er suchte eigentlich nach einem künftigen Betriebsleiter für dieses Weingut, und weil ihm die Weine und auch die Bewirtschaftung der DLC immer so gut gefallen hatten, wollte er Kontakt mit Dominique Léandre Chevalier herstellen.

Mit viel Mühe gelang ihm dies schliesslich. Dominique nahm zu jener Zeit kaum noch Anrufe entgegen – meine, mit denen ich mehr über die Situation erfahren wollte, auch nicht. Aber weil Reto Erdin nicht locker liess, fragte DLC schliesslich doch zurück, was er denn wolle. Damit war das Eis gebrochen, und die beiden lernten sich kennen. Dabei erfuhr Erdin auch, dass das Gut noch nicht verkauft sei. Sein Interesse war geweckt, aber auf Nachfrage beim Konkursamt sagte man auch ihm, die Domaine sei nicht mehr zu haben. Alle Umstände, etwa, dass verschiedene Personen die Reben mehr schlecht als recht pflegten, oder dass die Trauben im Herbst verkauft wurden (auch jene aus der Parzelle mit 33’333 Stöcken/ha – und das zum Weltmarktpreis von 50 Cent pro Kilogramm!) wiesen aber darauf hin, dass hier noch kein neuer Besitzer am Werk war.

Starke Nerven gegen französichen Beamten-Schlendrian
Schliesslich stellte sich heraus, dass das Konkursamt zwei Dossiers verwechselt hatte, und somit die DLC tatsächlich noch zu kaufen war. Es sollte nicht das einzige Problem mit den staatlichen Behörden bleiben – die diesbezüglichen Schilderungen von Reto Erdin sind absolut haarsträubend. Ich erzähle sie hier nicht, ich möchte ja irgendwann wieder nach Frankreich einreisen dürfen 🙂
Immerhin aber dies: Erdin hatte ein Angebot für den ganzen Betrieb eingereicht. Beim Vollzug der Überschreibung gingen dann aber einige Parzellen „vergessen“. Es handelte sich zwar nur um Wiesen und Hecken, aber auch die sind Erdin wichtig, weil er das Gut dereinst CO2-neutral betreiben möchte, sodass ökologischen Ausgleichsflächen notwendig sind. Zum Glück ist er selbst Notar und wusste sich zu wehren – aber auf seine Intervention hin forderte man ihn vorerst auf, er müsse halt nochmals eine Offerte für diese Parzellen einreichen.

Nichts für schwache Nerven war dann auch der Umgang mit dem Weinjahrgang 2020. Eigentlich war zwar alles für einen Kauf anfangs Jahr abgemacht, aber die Eigentumsübertragung verzögerte sich immer wieder. Und dann kam Corona, und es ging gar nichts mehr. Erdin musste also entscheiden, ob er – vom Amt so diktiert – auf eigenes Risiko und ohne jede Entschädigung, falls der Kauf nicht zustande kommt, die Reben zusammen mit Dominique Léandre-Chevalier und seinem Team pflegen oder ob er noch einen Jahrgang verkommen sehen will. Schliesslich entschied er sich für das Risiko. Dieses hat sich gelohnt, aber die ersten Trauben waren schon geerntet, als im September der Kauf endlich vollzogen werden konnte!
Wie Räubergeschichten tönen freilich auch Erlebnisse aus dem Betriebsjahr 2020. So kaufte Erdin zwar den ganzen Betrieb mitsamt Inventar und Fahrhabe. Allerdings zeigte sich dann, dass Maschinen verschwunden waren, und auch ein Teil des noch vorhandenen Flaschenlagers war gestohlen worden. Und einzelne Maschinen, die zwar nach Papier Erdin gehört hätten, sich aber noch in einer Werkstatt befanden, wurden nicht herausgegeben, weil noch Schulden von früher bestanden. Rechtlich wäre der Fall ja klar gewesen, aber wenn man eine Maschine dringend braucht, geht man auch mal einen „Kompromiss“ ein ….

Ein Genie soll man nicht bremsen!
Nun aber zu Erfreulicherem, zur Zukunft: Reto Erdin hat sich das Ziel gesteckt, die Weine in gewohnter Qualität oder noch besser herauszubringen. Und Dominique Léandre-Chevalier, der jetzt die Domaine nicht mehr als Besitzer, aber als Betriebsleiter führt, war und ist voller Tatendrang, so, als wolle er es allen zeigen! Die Zusammenarbeit zwischen Reto Erdin und Dominique Léandre-Chavalier hat sehr gut funktioniert. Natürlich hatte im Vorfeld auch Erdin davon gehört, dass DLC zwar ein genialer Weinbauer und ein liebenswürdiger Mensch sei, aber administrativ und finanziell eigentlich überfordert – und auch schnell frustriert, wenn er seine Ideen nicht umsetzen kann. Reto Erdin meint dazu: „Genies kann man nicht bremsen, man kann sie auch nicht an die Leine nehmen, sonst verlieren sie ihre Motivation und damit auch die Genialität“. Seine Aufgabe sei nur zu schauen, dass die Finanzen im Lot bleiben – und deshalb halt auch mal „nein“ zu sagen.

Zum Vormerken: Der erste Jahrgang nach dem Neustart wird vielversprechend
Die Fassproben des Jahrgangs 2020 sind gemäss Erdin äusserst vielversprechend! Und es gibt auch schon neue Pläne für weitere Weine. So soll eine zusätzliche Parzelle mit 33’333 Stöcken/ha bepflanzt werden – mit einer Rebsorte, die eigentlich nicht ins Bordelais passt! Welche? Alles muss ja nicht gleich verraten werden! Kein Geheimnis ist hingegen, dass es auf der Domaine noch eine Parzelle mit wurzelechten Petit Verdot-Reben gibt. Diese stehen im Sand und wurden deshalb nicht Opfer der Reblaus. Daraus wird es künftig als absolute Rarität ein Fass geben, also etwa 300 Flaschen.

Nicht mehr geben wird es auf finanziellen Gründen künftig aber den „Inselwein“. DLC hatte seit einigen Jahren auch auf einer Insel in der Gironde vor Pauillac (oder eben vor Anglade auf der anderen Seite, wo sich die DLC befindet) – der Ile de Patiras – Weine produziert. Das war aber so ressourcenraubend (die Pferde mussten beispielsweise verschifft werden, und wenn man die Ebbe nicht sauber einplante, konnte man gar nicht übersetzen), dass Erdin davon absehen wird. Überhaupt, die Kosten. Reto Erdin hat nachgerechnet und festgestellt, dass DLC am Schluss mit jeder Flasche seines Hauptweines 10 bis 15 Euro verloren hat. Trotzdem ist Erdin nicht der Meinung, dass auf dem Gut Geld aus dem Fenster geworfen wurde. Er hat im Jahr 2020 jede Rechnung geprüft und keine gefunden, die nicht sinnvoll erschien. Das Gut weist 3,2 Hektar Reben auf, und deshalb braucht es Helfer, welche die Laubarbeit und die Ernte sicherstellen. Aus Qualitätsgründen will das Gut hier immer die gleichen, verlässlichen und geschulten Leute, die auch weiterarbeiten, wenn man ihnen mal den Rücken kehrt. Und dafür wird dann eben auch der 2,5-fache Mindestlohn bezahlt. Und diese Stunden summieren sich, weil auf diesem Gut sehr Vieles in Handarbeit erledigt wird – erledigt werden muss. Auf der Parzelle mit den 33’333 Stöcken sind sogar sämtliche Arbeiten einfach nur von Hand möglich.

Qualität über alles! Und konsequent ökologisch.
Und Handarbeit hat auch eine sehr ökologische Seite: Man kann heutzutage die Reben – wenn sie nicht gerade so eng stehen wie in der 33’333-Parzelle – maschinell aufbinden. Bloss wird dann in aller Regel Kunststoff verwendet (Plastik-Klammern bzw. -Schnüre). Und genau das – Mikroplastic im Boden – passt natürlich nicht ins Konzept der Domaine DLC. Also werden die Reben von Hand und mit Bast aufgebunden. Billig ist das natürlich nicht zu haben!

Zudem man gibt sich auch nicht mit Holzfässern von der Stange zufrieden. DLC will ganz bewusst, dass man das Holz in seinen Weinen kaum spürt. Er bestand und besteht deshalb darauf, dass seine Fässer natürlich getrocknet und nach einem ganz bestimmten „Rezept“ ausgebrannt – „getoastet“ werden. Hohe Qualität lebt von Details!

Die Preise müssen etwas steigen – werden aber fair bleiben.
Erdin will deshalb ganz bewusst nicht die Sparschraube drehen. Gleichzeitig will er aber auch den langfristigen Bestand der Domaine sichern. Das heisst im Klartext, die Weine werden teurer! Allerdings, schiebt Erdin nach, mit dem Kauf der zwei Güter in Bordeaux habe er sich einen Traum verwirklicht, und er wolle damit nicht reich werden. Will heissen, die Preise werden moderat steigen, aber es müsse einfach gelingen, einen fairen kostendeckenden Preis zu erzielen, sonst funktioniere alles nicht – und schon gar nicht die hohe Qualität.

Ganz einfach wird es kaum werden, und es ist vielleicht ein Glück, dass die Spitzenweine des Jahrgangs 2020 erst im übernächsten Jahr auf den Markt kommen. Erdin setzt zwar darauf, dass die wichtigsten der bisherigen Weinhändler seine Weine weiterhin im Sortiment behalten und die treuen Stammkunden bei der Stange bleiben, eben auch zu etwas höheren Preisen (aber vielleicht auch nochmals höherer Qualität). Aber in Frankreich selbst sieht es aktuell traurig aus. Zwar wären die alten Kontakte noch vorhanden – sofern es denn die Firmen und Restaurants überhaupt noch gibt. Corona hat auch da eine tiefe Kerbe geschlagen, und wer nicht schon pleite ist, kauft kurzfristig jedenfalls kaum ein. Aber wer den Kampf mit den französischen Behörden erfolgreich hinter sich gebracht hat, wird hoffentlich auch jenen um die Kunden gewinnen.

Eines ist für Reto Erdin allerdings klar: Ein zweites Mal wird die Domaine nicht in Konkurs gehen, dafür kann er viel zu gut rechnen. Falls es nicht gelänge, für die herausragenden Weine einen fairen Preis zu erzielen, dann würde das Experiment „DLC II“ scheitern, bevor alles Geld „verbrannt“ wäre. Es ist also auch an uns Weinfreunden, die Wiedergeburt der Domaine langfristig am Leben zu erhalten.

Aus rein finanziellen Gründen wird die Domaine zur Zeit auch nicht als Bio-Betrieb zertifiziert werden. Reto Erdin wurde zwar an einem Bio-Weinbaukurs am FIBL geschult und überzeugt, und man arbeitet auf der Domaine auch sehr weit gehend nach den Bio-Prinzipien. Eine Zertifizerung würde aber sehr viel Geld kosten: Zusammen mit den baulichen Anpassungen einen siebenstelligen Betrag, den sich das Weingut nicht leisten kann. Denn während man in den Rebparzellen die Vorschriften problemlos einhalten könnte, müsste man baulich zu Vieles ändern.

Le deuxième „homme cheval“
Ach ja, und das mit dem „Pferdemann“: Reto Erdin ist Pferden mindestens so verbunden wie Dominique Léandre Chevalier! Und sehr talentiert ist er dazu: 2015 gewann er Gold an der „Quarter Horse EM im Amateur Reining“ – einer speziellen Ausprägung des Dressurreitens! Zudem war er selbst erfolgreicher Züchter.

DLC nannte und nennt sich „l’homme cheval“. Reto Erdin wiederum ist auf dem Handy seiner Partnerin als „Pferdemann“ gespeichert! Wenn das keine Symbiose ist!

Hoffen wir, dass das moderne Märchen des Pferdemanns, der einen anderen Pferdemann rettet und mit ihm zusammen Grosses aufbaut, zu einem guten Ende kommt. Wie sagte doch Reto Erdin zum Abschied zu mir: „Märchen enden fast immer mit einem Happy-End“! Man würde es diesem sympathischen, zwar selbstsicheren, aber gleichzeitig bescheidenen und nie überheblichen Pferdemann gönnen – und uns Weinfreunden erst recht!


Reto Erdin: tausche Porsche gegen Cheval-blanc-Inventar!

Reto Erdin, Europameister im „Quarter Horse Amateur Reining“ – und qualitätsbesessener Weingutsbesitzer.

Ein Wirtschaftsstudium an der HSG und ein Doktortitel stehen am Anfang der beruflichen Laufbahn von Reto Erdin. Er machte Karriere im Bankwesen und war CEO, wobei er betont, er sei nie im „Millionen-Salär-Club“ gewesen, und deshalb könne er heute auch nicht einfach aus dem Vollen schöpfen, wenn es um den Aufbau der DLC gehe. Um einen neuen Sortiertisch für die Triage der angelieferten Trauben zu kaufen, hat er kürzlich seinen Porsche verkauft. Immerhin erfuhr er dann, dass das gleiche Produkt auch auf Cheval blanc im Einsatz ist.

Nach einem extrem intensiven Jahr mit drei Bank-Jobs parallel nahm er sich eine Auszeit – um dabei festzustellen, dass er nicht mehr in die Bankenwelt zurück will. Er widmete sich danach der Reiterei, besuchte Bio-Rebbaukurse – und erlangte das Notaren-Patent. Heute arbeitet er als Notar – und natürlich auch als Weingutsbesitzer!

http://www.hommecheval.com

Hier noch einige Links auf meine früheren Beiträge über die DLC:
Je savais que c’était impossible … alors je l’ai fait! – Victor’s Weinblog
Provokation gelungen! Zu 100 %. Mit Petit Verdot. – Victor’s Weinblog

Und der inzwischen „überholte“ Beitrag zum vermeintlichen Ende der Domaine – zum Glück kam alles anders:
C’était impossible: Der „Pferdemann“ ist konkurs! – Victor’s Weinblog

Fredi Strasser’s Lebenswerk: Ein Buch als „Muss“ für wirklich alle Weinfreunde!

Wenn Sie noch ein tolles und sinnvolles Weihnachtsgeschenk für einen Weinfreund suchen: voilà! Ein Schweizer Pionier im biologischen Rebbau hat ein Buch herausgegeben, das faszinierend ist. Und es passt eben wirklich für alle. Für ökologisch eingestellte Weintrinker, weil es bestätigt und Wissen ergänzt. Aber noch viel mehr für alle anderen, weil es völlig undogmatisch eine neue Sicht auf Reben und Umwelt vermittelt – und zum Denken anregt!

Das Buch heisst „Pilz-resistente Traubensorten“ – und der Titel ist eigentlich das am wenigsten Präzise daran. Es ist zwar gemäss Verlag eines der ersten „Piwi-Bücher“ überhaupt. Aber eigentlich ist es viel, viel mehr, nämlich ein Vermächtnis eines der grossen Bio-Pioniere im Rebbau, und eine faszinierende Beschreibung, wie ein Winzer mit umweltgerechten Methoden die Reben und den Boden ohne Gift ins Gleichgewicht bringen kann.

Fredi Strasser in seinem Element: So spannend wie er erzählt, liest sich sein Buch.

Aber vor allem: Das Buch ist nie dogmatisch, Fredi Strasser schildert einfach sein enormes Wissen, das er sich als „Studierter“ (Ing. Agr. ETH) vor allem auch empirisch im Alltag angeeignet hat. Eigentlich ist es auch ein geniales Lehrbuch. Fredi Strasser schafft es zusammen mit der Mitautorin Franziska Löpfe, auf knapp 250 Seiten einen hervorragenden Überblick über die Wunderpflanze „Rebe“ und ihre Kultivierung sowie die Weinherstellung zu geben. Und ebenso wird auf sehr gut verständliche Art ein grosses Wissen über die Problematik des Rebbaus in Bezug auf Krankheiten und Schädlinge vermittelt – und die verschiedenen Arten, wie man dem als Winzer begegnen kann. Ein ganz wichtiger Teil des Buches widmet sich zudem der Bodenfruchtbarkeit und dem schonenden Umgang mit unserer Lebensgrundlage.

Ich werde nie vergessen, wie Fredi Strasser an einem Rebumgang an beliebigen Stellen eine Sonde in seinen Rebberg gesteckt hat, mit dem Hinweis, dass ein durchlässiger, lockerer und bewachsener Boden nicht nur fruchtbarer ist, sondern bei Niederschlägen auch das Wasser zurückhält und speichert. Er musste deshalb seine Neupflanzungen auch in trockenen Jahre nicht bewässern. Keine zwei Wochen später ergoss sich ein Unwetter mit kurzen, aber sehr heftigen Regenfällen über das Stammertal. Ein Augenschein ergab, dass im Rebberg von Fredi Strasser alles Wasser problemlos versickerte, während es sich ein paar Meter entfernt in einer konventionell bewirtschafteten Parzelle in Sturzbächen auf die unterliegende Strasse ergoss.

Rechts demonstriert Fredi Strasser die Durchlässigkeit seiner Böden. Hier gab es auch nach dem Umwetter keine Schwemmschäden. Links eine herkömmlich bewirtschaftete Parzelle eines anderen Winzers in der Nachbarschaft – wertvoller Boden ist weggeschwemmt.

Ein kleinerer Teil des Buchs widmet sich dem Autor und Biopionier selbst. Und diese Passagen haben es auch in sich. Hier erfährt man einiges über den inneren Antrieb des Autors, aber noch viel mehr über all die Steine und Knebel, die einem Visionär wie Fredi Strasser von der „offiziellen Schweiz“ in den Weg gelegt wurden. Ein bisschen Glück und „Vitamin B“ gehört manchmal auch dazu, wenn man die Steine wegräumen will. Fredi Strasser wurde in sehr jugendlichem Alter der erste Bio-Landwirtschaftslehrer an der Zürcher landwirtschaftlichen Schule Strickhof. Und ebenda besuchte anfangs der 1980er-Jahr ein gewisser Andrea Hämmerle, Biohof-Quereinsteiger und später Nationalrat, die Vorlesungen von Strasser. Es entwickelte sich eine Freundschaft, und dank dieser brachte Hämmerle in der Wirtschaftskommission des Nationalrates den Antrag ein, dass auch neue Rebsorten, und eben auch Piwi, in der Schweiz zugelassen werden. Gegen den Willen des damals zuständigen Bundesrates, und gegen den Widerstand von zwei Westschweizer Winzern in der Kommission („les hybrides – on ne peut pas les boire“) setzte sich Hämmerle schliesslich durch. Damit war der Weg frei, Piwi-Sorten auch in der Schweiz anzupflanzen.

Zwei Freunde veränderten die Schweizer Reblandschaft: Fredi Strasser und alt NR Andrea Hämmerle.

Zurück zum Buch: Es ist ungemein spannend und auch sehr flüssig und lesefreundlich geschrieben, ohne dabei an Substanz zu verlieren. Etwas speziell ist die Kombination aus wissenschaftlichen Erkenntnissen, welche der Ing. Agr. ETH Strasser einbringt, und empirischen Erfahrungen, welche der Naturbeobachter Strasser beisteuert. Ich habe die wichtigsten Passagen einem in Oxford forschenden Mikrobiologen vorgelegt. Er kritisiert als Wissenschaftler zu recht, dass der Unterschied zwischen etablierten Fakten, mit denen ein Abschnitt meistens beginnt, und eigenen Hypothesen nicht klar gekennzeichnet wird. Als wissenschaftliches Buch kann es deshalb nicht durchgehen, aber das war ja wohl auch nicht die Absicht. Trotzdem hält auch der Biologe das Buch als Übersicht für den Laien für durchaus gewinnbringend. Wenig begeistert ist er freilich über den Schlussteil zu Knöllchenbakterien und Mykorrhizen, aber das ist halt ausgerechnet sein eigenes Forschungsgebiet.

Auch über Zucht und Eigenschaften von Piwi-Reben erfährt man einiges, vor allem über die auf Strasser’s Betrieb angepflanzten. Und wem das jetzt immer noch nicht genügt, der sei noch darauf hingewiesen, dass auch die Tiere nicht zu kurz kommen – die gesamte Fauna im Sinne der Biodiversität mit Schädlingen und vor allem auch Nützlingen, aber auch die Haus- und Nutztiere, welche Strasser’s halten und die auch aus dem Rebberg nicht wegzudenken sind.

Pferde (und andernorts Schafe) im Rebberg – ersetzen den Mäher!

Quintessenz: Ich habe kaum je ein Weinbuch derart „verschlungen“ wie dieses. Es schafft den Spagat zwischen moderner Kommunikation und ernsthafter Wissensvermittlung in hervorragender Art. Und es ist wirklich für jeden Weinfreund geeignet:

  • Der Weinfreund, der nur wenig darüber weiss, wie Reben gepflegt werden und wie Wein entsteht, bekommt hier in geraffter Form einen sehr guten Einstieg und Überblick.
  • Der Umweltbewusste wird aus diesem Buch noch lernen können (ich selbst bewirtschafte einen kleinen Rebberg, mehrere Jahre war ich auch biologisch unterwegs, aber ich hatte beim Lesen und beim Rundgang mit Fredi Strasser unzählige „Aha-Erlebnisse“).
  • Der neugierige Weinkenner wird entdecken, dass es sich lohnt, sich mit neuen Sorten auseinanderzusetzen.
  • Vor allem aber für Skeptiker eignet sich das Buch ganz besonders: Wer es liest, und nicht völlig mit Scheuklappen durch’s Leben geht, wird im Minimum den einen oder anderen Denkanstoss erhalten.

Damit würde dann das Buch nicht nur zur Zusammenfassung des Lebenswerks des Fredi Strasser, sondern auch zur Basis für einen schonenderen Umgang mit der Umwelt werden. Was könnte sich der Bio-Pionier Schöneres wünschen?

Fredi Strasser, Franziska Loepfe: Pilzresistente Traubensorten (Reben biologisch pflegen, naturreinen Wein geniessen – das Piwi-Buch), Haupt-Verlag, Bern, ISBN 978-3-258-08187-8. CHF 39.00.
https://www.haupt.ch/buecher/natur-garten/pilzresistente-traubensorten.html


Fredi Strasser und seine Weine:
Fredi Strasser hat Jahrgang 1958 und wuchs in Nussbaumen im Kanton Thurgau als Bauernsohn auf. Strasser lebt heute mit seiner Frau Maria in Stammheim im Kanton Zürich, wo er sein eigenes Weingut betreibt. Wie er zu diesem Gut gekommen ist, kann sehr spannend erzählt im Buch nachgelesen werden.
Er studierte in Zürich an der ETH Agrarwissenschaft, war während Jahrzehnten Lehrer für Biolandbau an der landwirtschaftlichen Schule Strickhof, ist Gründungsmitglied der Stiftung Fintan, eines bio-dynamisch arbeitenden Vorzeige-Betriebes in Rheinau und war auch in der Hauptrolle bei der Neuanlage der imposanten Weinlage „Chorb“, hoch über dem Rhein. Seit rund 10 Jahren besitzt er nun bestes Rebland in Stammheim, welches er nach und nach auf Piwi-Sorten umstellte.

Und wie schmecken seine Weine? Gut! Hier zwei Beispiele:

Soleil d’Or, weiss, 2018
(Cuvée aus Excelsior und Seyval Blanc)
Helles Gelb, intensive in der Nase, florale Töne nach Lindenblüte und Rebenblüte (!), intensiver Lychee-Duft; im Mund recht dicht, spürbare Fruchtsüsse, dezente, aber gut stützende Säure, leichter, erfrischender Bitterton, mittlerer Abgang. Schöner Wein, kaum ein Hinweis auf Piwi! 16,0 Punkte (=gut bis sehr gut).

Maréchal Foch, rot, 2017
Mittleres Rot; sehr fruchtige Nase, Himbeeren und sehr ausgeprägt Walderdbeeren, etwas Kiwi; im Mund wenig Tannin, Säure und Alkohol sehr gut ausgewogen, schlank. Erst ganz am Schluss im mittleren Abgang ganz leicht „foxig“. Gelungener Wein, 15,5 Punkte (= gut).

https://www.stammerberg.ch/ueberuns/betrieb


Und schliesslich noch für alle, die immer noch glauben, „les hybrides – on ne peut pas les boire“:

„Piwi-Weine sind untrinkbar“. Umdenken ist angesagt – hier ein Spitzenwein als Beweis! – Victor’s Weinblog

91-26-26 – ein Piwi-Wein wie ein 6-er im Lotto! – Victor’s Weinblog

Trinken Sie sich mal einen Kater! Und bauen Sie dabei schmerzlos Vorurteile ab. – Victor’s Weinblog

Tement macht „Terroir“ spürbar: drei Mal gleich, drei Mal ganz anders!

Welcher Winzer wirbt nicht damit, „Terroirweine“ anzubieten? Nur zu oft freilich ist das vor allem eine Marktingmassnahme. Tement aus Berghausen in der Südsteiermark hingegen lebt es und macht das auch direkt erlebbar. Ein spannendes Probierpaket!

Mit einem Paket von drei Sauvignon blancs aus verschiedenen Orten mit jeweils sehr variierenden Böden bietet sich die Chance, Weine mit der gleichen Tement-Handschrift, aber mit den unterschiedlichen Charakteren ihrer Herkunft nebeneinander zu probieren. Schmeckt Wein vom Schiefer wirklich anders als solcher vom Korallenkalk oder vom Sandstein? Ja, und wie! Wer immer noch glaubt, dass Wein im Keller gemacht wird, kann sich mit drei preiswerten, aber feinen Flaschen eines Besseren belehren lassen. Und für alle anderen lohnt sich der Vergleich natürlich erst recht!

Kitzeck-Sausal 2018 (Ortswein, Schiefergestein)
Mittleres Gelb; in der Nase mineralisch nach Steinmehl duftend, dazu verhaltene Frucht von Quitte und Mirabelle; im Mund eher schlank, sehr mineralisch, schön eingebundene Säure, kaum spürbarer Alkohol, erstaunlich langer Abgang. Der „ausgewogenste“ Wein der Drei.

Ehrenhausen 2018 (Ortswein, Korallenkalk)
Eher helles Gelb; verhalten, Steinmehl, grüner Apfel, Orange; ausgeprägte aber nicht störende Säure, knochentrocken, aber mit spürbarer Frucht“süsse“, filigran und fein gewoben, leichter mineralischer Touch, langer Abgang. Der „knackigste“ und eleganteste aus dem Trio.

Gamlitz 2018 (Ortswein, Sandstein)
Mittleres Gelb; mineralische Düfte, erinnert fast ein wenig an die vulkanischen, leicht schwefligen (hier nicht negativ gemeint) Düfte auf der Insel Vulcano, verhaltender Duft von Aprikose; im Mund recht üppig, trocken, sehr ausgewogen mit guter Balance zwischen Säure und Alkohol, mittlerer Abgang. Vielleicht der spannendste Wein von allen – aber auch der rustikalste.

Es handelt sich um drei sehr interessante Weine, die sich hervorragend dazu eignen, den Unterschied von Lagen und Böden zu demonstrieren. Sie stellen aber freilich noch längst nicht die Spitze des südsteirischen Weinbaus dar. Da spielt, nebst einigen anderen, auch Tement mit seinen „Rieden“ – Spitzenlagen wie Zieregg, Grassnitzberg und Sulz – in der ersten Liga. Und das weltweit.

Dreimal mineralisches Terroir pur!

Obwohl es sich „nur“ um Ortsweine, und damit die zweite Stufe in der Qualitätspyramide der Südsteiermark handelt, sind die drei hier vorgestellten Sauvignons aber auch weit mehr als einfache Weine. Mit ihrer eigenständigen, mineralischen Art können sie durchaus höhere Ansprüche erfüllen. Nur nicht solche von Sauvignon-Trinkern, die nach üppiger, exotischer Frucht suchen. Da sind denn die Weine von Tement (wie fast alle aus der Steiermark) doch aus besserem Holz geschnitzt.

Und so ganz nebenbei: Es verblieb noch ziemlich viel Wein in den Flaschen, den ich später immer mal wieder probierte. Nach einer Woche, ja nach 10 Tagen präsentierten sich alle drei Sauvignons noch in bester Form und absoluter Frische. Und selbst nach 2 Wochen war der kleine Rest Gamlitz noch trinkbar, er hatte nur etwas Spannung verloren.

Und nicht ganz nebenbei: Tement arbeitet seit längerer Zeit biologisch, seit 2018 auch zertifiziert. Ein Beispiel mehr dafür, dass die Produktion von Spitzenweinen und Bio sich nicht ausschliessen, sondern sich im Gegenteil wohl gar bedingen!

https://www.tement.at/de/weinshop/ortsweinpaket-sauvignon-blanc-klein-3x075lt.html
(Dieses Angebot betrifft den Jahrgang 2019, oben beschrieben sind die 2018er)

Ungerberg 2012 von Paul Achs: Blaufränkisch vom Feinsten!

Eigentlich ist es erstaunlich, dass die wunderbare Sorte Blaufränkisch nicht viel weiter verbreitet ist. Der Vergleich mag gewagt sein, aber diese Rebsorte vereint die Eleganz eines Pinot noir mit der Tiefe eines Cabernet Sauvignon. Und wenn der Wein vom Ungerberg kommt und vom bio-dynamisch arbeitenden Winzer Paul Achs stammt, dann wird er fast unwiderstehlich!

Der Ungerberg, wobei „Berg“ eigentlich masslos übertrieben ist. Aber aufgrund der Bodenbeschaffenheit ist es eine der besten Lagen am Neusiedlersee (im Hintergrund). Foto: Download ab Homepage von Paul Achs.

Paul Achs leitet sein Weingut seit fast 30 Jahren, und er hat es in dieser Zeit geschafft, den Familienbetrieb zu einem der besten in ganz Oesterreich zu wandeln. Zweifellos spielt dabei eine wichtige Rolle, dass er seit 2006 (zertifiziert) nach bio-dynamischen Grundsätzen arbeitet. „Leben und leben lassen“ steht dazu auf seiner Homepage, und besser kann man das Prinzip in ein paar wenigen Worten wohl kaum ausdrücken.

Auf rund 25 Hektar Land rund um Gols im Burgenland produziert Paul Achs eine Vielzahl von Weinen – auch einfache Alltagsweine, wobei ich noch nie einen im Glas hatte, der nicht auf seine Art fasziniert hätte. Die allerbesten Weine für mich sind aber seine Lagen-Blaufränkisch, und hier als „primus inter pares“ der Ungerberg. Wie auf der Foto ersichtlich, handelt es sich eher um eine leicht nach Süd-Südwest geneigte, perfekte Lage mit sanfter Steigung, die mit Kalk und im Untergrund einer Eisenschicht den idealen Boden bietet.

Eigentlich kann man diesen Wein schon in der Jugend genussvoll trinken, aber er ist dann noch recht ungehobelt tanninbetont und auch ein bisschen unausgewogen stürmisch. Nun habe ich einen 8-jährigen Wein (2012) aus dem Keller geholt. Dieser befindet sich in der ersten wirklich genussvollen Trinkreife, dürfte aber in 3-4 Jahren sogar noch ausgewogener sein:

Dunkles Rubin mit violetten Tönen, noch sehr jugendlich wirkend. In der Nase dunkle Beerenfrucht, Pflaumen, Sultaninen, Thymian. Im Mund saftig, enorm viele, äusserst feine Tannine, spürbare, aber gut integrierte Säure, Alkohol trotz 13,5 % kaum spürbar, enorme Finesse und Eleganz, langer Abgang, wirkt noch jugendlich und hat Potential für die nächsten Jahre. Klassewein!

Ich habe Paul Achs nun schon an mehreren Anlässen persönlich angetroffen. Was auffällt: Er ist eher zurückhaltend, bescheiden, aber wenn man mit ihm spricht ist er enorm präsent und überzeugend. Und fast immer hat er dieses sympathische, positive Lachen auf dem Gesicht. Es gibt auf seiner Homepage diverse Bilder von ihm zum Herunterladen, aber dieses hier scheint mir Paul Achs am besten zu zeigen:

Paul Achs: Dieses ansteckende, fröhliche und offene Lachen! (Foto Roland Unger, Download ab Homepage von Paul Achs.

http://www.paul-achs.com

Bezugsquellen jüngerer Weine:
http://www.gerstl.ch
http://www.ritter-weine.li
Weitere Bezugsquellen, insbesondere auch in Deutschland, siehe auf der Homepage von Paul Achs


Löwengang – faszinierender Chardonnay aus dem Südtirol.

Der Name Lageder steht bekannterweise für herausragende Weinqualität aus dem Südtirol. Der Chardonnay aus dem Ansitz „Löwengang“ wird inzwischen seit 36 Jahren angebaut, und man spürt die lange Erfahrung: Der Jahrgang 2016 ist ein bewegender, vibrierender, begeisternder Wein. Vielleicht auch, weil der bio-dynamisch produziert wird.

Eigentlich steht der weisse Löwengang (es gibt auch den roten Cabernet) für fast alles, was ich in meinem Blog normalerweise nicht beschreibe: Er ist teuer (rund CHF 50.00), er ist keine Entdeckung (welcher Weinfreund kennt Lageder nicht), er ist nicht rar (es werden rund 38’000 Liter hergestellt) und es handelt sich auch nicht um einen Wein aus einer unbekannten Rebsorte (hier erübrigt sich der Klammertext). Aber er hat etwas Besonderes an sich, und er hat mich mit seiner zurückhaltend-edlen Art fasziniert – sozusagen meine Seele berührt! Ich habe schon noch edlere Chardonnays im Glas gehabt, aber eher selten einen, bei dem einfach alles in einem perfekten Gleichgewicht ist: löwengang flasche

Er ist fruchtig, sogar etwas exotisch fruchtig, aber nicht zu sehr, er verfügt über eine perfekt eingebundene und stützende Säure, er wirkt frisch wie Quellwasser und ist trotzdem dicht und „füllig“, das Holz ist spürbar, aber nur dezent begleitend, sein Abgang will nicht enden. Ein Ausbund an Frucht, Eleganz, Finesse und Harmonie und ein Wein, der diese Spannung bis zum letzten Schluck beibehält!

 

Die Familie Lageder kaufte den Ansitz Löwengang in Margreid im Süden des Südtirols, nahe an der Sprachgrenze, im Jahr 1934. Schon damals wurden hier „internationale Sorten“ angepflanzt, so auch Chardonnay. Trotzdem galt Lageder im Jahr 1984 als Exot, als er den ersten Jahrgang des „Löwengang Chardonnay“ produzierte und auch noch in Barriques ausbaute. Dabei hatte er dafür einen berühmten Mentor: Alois Lageder sagt dazu selbst, dass Robert Mondavi 1981 den Impuls gab, indem er anregte, traditionelle Wege zu verlassen und Neues zu wagen – und unter anderem auch, den Wein auf der Hefe zu lagern. Mit dem Einsatz von Eichenholz und noch dazu unter Reduktion des Ertrages machte Lageder damals so ziemlich das, was zu jener Zeit als verrückt galt!

löwengang
Der Eingang ins „Weinparadies“ Löwengang. (Bild: Download Lageder, Foto Gianni Bodini)

Neue Wege verfolgt Lageder auch in der Bewirtschaftung der Reben. Seit 2004 wird der Familienbetrieb nach biodynamischen Grundsätzen geführt – Demeter-zertifiziert. Es ist immer wieder faszinierend, dass diese Methode ganz spezielle, faszinierende und irgendwie „vibrierende“ Weine hervorbringt.

Es lohnt sich übrigens, den Instragram-Account von Lageder zu abonnieren. Hier werden immer wieder tolle Bilder gezeigt, etwa, wie Kühe und Schafe im Rebberg weiden oder wie sich ein Fasan zwischen den Rebzeilen wohl fühlt!

https://aloislageder.eu/
https://www.instagram.com/alois.lageder/

In der CH u.a. erhältlich bei Bindella, http://www.bindella.ch

 

 

 

Mutiger Gemeinderat als Geburtshelfer: 25 Jahre Markus Weber auf dem „Turmgut“!

Bürokratisch, stur und ohne Innovationskraft. Das sind so Attribute, mit welchen auch heute noch eine Gemeinde oft beurteilt wird. Völlig zu unrecht, und zwar schon seit einem Vierteljahrhundert, wie das Beispiel des Turmgutes in Erlenbach zeigt!

Das Turmgut mit seinen Reben in Erlenbach: einzigartig am Zürichsee!

Es war Ende der 1990er Jahre, und wir waren bei Freunden in Erlenbach am Zürichsee zu Gast. Das war die Zeit, als erste Schweizer Winzer auch tollen Pinot noir (oder eben Blauburgunder) produzierten – aber am „Zürisee“? Ich hatte zuvor während einem Jahrzehnt mit diesen Freunden zusammen die Firstclass-Weinkarte der Swissair produziert, und so war zu erwarten, dass sie einen guten Wein servierten. Er war auch gut – sehr gut sogar – aber er wurde blind serviert. Ich fand ihn toll, ein Pinot ohne Zweifel, aber woher nur? Sicher nicht vom „Zürisee“! Falsch: Der Wein stammte vom Turmgut in Erlenbach, produziert von dem mir damals völlig unbekannten Jungwinzer Markus Weber.

Inzwischen ist dieses Weingut eine „Institution“ und ein Betrieb, der seit nunmehr 20 Jahren zeigt, dass biologischer Weinbau auch in unseren Breitengraden erfolgreich betrieben werden kann.

Ich hatte kürzlich die Gelegenheit, an einer kleinen Degustation mit Markus Weber teilzunehmen – und ihm dabei erstmals überhaupt persönlich zu begegnen: Ein total spannender Gastgeber, extrovertiert, aber nie ein „Plauderi“; ein Mann, der weiss, wovon er in Sachen Wein spricht (das Thema war fast kein anderes, er wäre garantiert auch sonst ein spannender Gesprächspartner), und ein Mann, der weiss, was er kann – aber auch, was er nicht kann. Einfach rundum sympathisch!

Markus Weber, der engagierte Biowinzer des Turmgutes.

Und die Weine heute: Den Pinot noir „Valeria“ 2017 fand ich etwas holzgeprägt, aber das wird sich wohl nach wenigen Jahren noch geben. Der Wein ist ungemein ausdrucksvoll, mit einer – trotz Holz – schönen Frucht und mit einer Struktur, die eine schöne Zukunft prognostizieren lässt. Der Müller-Thurgau – bei Weber immer noch „Riesling Sylvaner“ genannt – weit über dem, was man von dieser Sorte so erwarten kann. Und der (anderweitig degustierte) Räuschling genau das, was diese Sorte vom Zürichsee so faszinierend macht. Absolut begeistert hat mich der Sauvignon blanc 2017: welch geniale Ausdrucksweise dieser Rebsorte! Dieser Wein scheint geradezu zu „fibrieren“, er vereint alle (auch, aber eben gerade nicht nur, vordergründigen) Düfte, die einen Sauvignon ausmachen, und er weist im Mund eine Fülle bei gleichzeitiger Frische aus, die wundervoll ist. Das ist Weltklasse, und ich stelle ihn in der Schweiz auf die höchste Stufe, zusammen mit den Sauvignons von Marco Casanova und Irene Grünenfelder! (Spannend: Weber und Casanova arbeiten biologisch, und Grünenfelder ist in Umstellung!)

Dem Raumplanungsgesetz sei Dank!

Die Geschichte ist aber mit einem kurzen Eingehen auf die heutigen Weine nicht zu Ende – im Gegenteil, sie beginnt im Jahr 1994 – oder eigentlich noch früher, 1986. Damals unterstellte der Kanton Zürich den Rebberg des Turmgutes in Erlenbach, das sich damals in Privatbesitz befand, einer „regionalen Freihaltezone“, was bedeutete, dass in diesem Bereich nicht gebaut werden durfte (sonst gäbe es heute an diesem Hang mit Sicherheit keine Reben mehr, sondern Villen – dem Raumplanungsgesetz des Bundes, welches diesen Eingriff erst möglich machte, sei Dank!). Das Bundesgericht urteilte Jahre später, dass dieser Entscheid keine „materielle Einteignung“ darstelle und somit nicht entschädigungspflichtig sei. Der Eigentümer pochte darauf auf dem sogenannten „Heimschlagsrecht“, was zur Folge hatte, dass der Rebberg zuerst, zum Schätzpreis als Rebland, an den Kanton Zürich fiel, welcher seinerseits das Land der Gemeinde Erlenbach übergab.

Pachtantritt am 15.11.1994: Diesen November feiert Markus Weber sein 25-jähriges Jubiläum

Der Gemeinderat Erlenbach suchte deshalb einen Pächter für die Reben und bewies sehr viel Mut – und aus heutiger Sicht Weitsicht! Die Turmgutreben wurden an den damals erst 26-jährigen Markus Weber verpachtet, der zuvor noch nie einen Betrieb geführt hatte und der zum Zeitpunkt der Ausschreibung erst noch in Australien weilte. Weber hatte aber das Glück, gleichzeitig noch weitere Rebanlagen übernehmen und die Weine vorerst bei einem anderen Weinbauern keltern zu dürfen.

Ausschnitt aus der Lokalzeitung von Mitte September 1994 – mit dem jungen Markus Weber als Newcomer.

Das Ganze war ein unglaubliches Wagnis. Nicht nur für die Gemeinde Erlenbach, deren Gemeinderat Innovationsgeist bewies, sondern auch für Markus Weber. Die NZZ berichtete am 19.1994 dazu Folgendes: „Markus Weber steht ein gerütteltes Mass an Arbeit bevor. Die Turmreben sind schlecht erschlossen, teilweise stark überaltert, die Hälfte der Weinstöcke sind immer noch an Stickeln befestigt, und der ganze Rebberg ist unterassiert und somit nur von Hand zu bearbeiten. Die rund 2,2 Hektar Rebfläche bieten eine insgesamt eher schmale Existenzgrundlage.“

Nun, die Reben wurden inzwischen (von der Gemeinde) terrassiert, und Markus Weber kann im November des laufenden Jahres als erfolgreicher Winzer sein Vierteljahrhundert-Jubiläum feiern!

Die Schaffenskraft von Weber hat zusammen mit der Weitsicht der Gemeindebehörden zu einem Vorzeige-Projekt im Rebbau geführt. Auch wenn es sachlich nicht ganz korrekt ist: Vielleicht wurde der Ausdruck „privat-public-partnership“ in Erlenbach erfunden!

http://www.turmgut.ch
Und der Link zur Gemeinde, die heute noch innovativ und sympathisch ist:
http://www.erlenbach.ch