Markus Ruch: zum Glück Winzer und nicht Banker

Den Tipp verdanke ich Michael Broger. Er machte mich auf den Newcomer Markus Ruch aufmerksam, der im Klettgau eben erst mit Weinbau begonnen hatte. Wenn jemand, der so geniale Weine herstellen kann, wie Michael Broger – siehe :
https://victorswein.blog/2018/01/01/michael-broger-der-pinot-magier/
einen Winzer empfiehlt, dann muss er ja gut sein. Und deshalb bestellte ich blind den Jahrgang 2009 der „Hallauer Chölle“ von Ruch, und der wurde erst noch frei Haus geliefert – vom Winzer selbst. Eines Abends stand ein grossgewachsener, sympathischer junger Mann von der Türe und lieferte einen Karton seines Weines ab. Dank Michael Broger habe ich also das Privileg, einen Wein aus den Anfängen des Markus Ruch verkosten zu können.

Ein herrlicher Pinot der speziellen Art aus dem Kanton Schaffhausen. Ruch’s „Chölle“.

Eine dieser Flaschen habe ich heute getrunken, und eigentlich war es immer noch zu früh. Aber was für ein toller Wein! Ein Pinot fern des „Mainstreams“ zwar, und vermutlich deshalb auch nicht jedermann’s Sache – aber eben einer jener Weine, die Persönlichkeit und Charakter aufweisen, und die mir deshalb so sehr gefallen:

Für Pinot erstaunlich dunkles Rot mit ersten Reifetönen; Dörrzwetschgen, Thymian und ein leichter Cognac-Ton; im Mund mit Ecken und Kanten, aber ungemein spannend und auch ausgewogen zwischen Säure, Tannin und Alkohol, leichter Anflug von Vanille als einziger Hinweis auf den Holzeinsatz, langer Abgang. Eigenständiger, toller Charakterwein!

tMarkus Ruch war auf bestem Weg, eine Bank-Karriere einzuschlagen. Nach einer kaufmännischen Lehre arbeitete er noch einige Jahre im Bankwesen. Eigentlich bin ich sicher, er hätte auch dort Karriere gemacht. Aber ein Weinbaupraktikum am Strickhof in Wülflingen begeistere ihn so sehr, dass er nicht mehr vom Wein wegkam. Nach diversen Lernaufenhalten bei so renommierten Winzern und Winzerinnen wie Christian Zündel, Marie-Thères Chappaz und Hans-Ulrich Kesselring, aber auch im Burgund bei der Domain Derain, begann er 2007 in Hallau, im „Chlättgi“ (Klettgau, Schaffhausen), selbst Wein zu produzieren.

Seit der Lieferung des Jahrgangs 2009 verfolge ich das Wirken von Markus Ruch praktisch jährlich am traditionellen „Tag der offenen Weinkeller“ am 1. Mai. Allein das Hinuntersteigen in den antiken Keller in der „Zehntenscheune“ zu Hallau und der Keller selbst sind einen Besuch wert.
Sein Sortiment wurde breiter, und die Qualität nimmt von Jahr zu Jahr noch zu. Ruch arbeitet bio-dynamisch, und vielleicht deshalb sind seine Weine auch über all die Zeit eigenständig, aber ausdrucksstark und herzerwärmend geblieben.

Der einzige Wermuthstropfen: Ruch’s Weine sind nicht billig, und überhaupt welche zu erhalten, ist schwierig; sie sind immer schnell ausverkauft. Ich scheine nicht der einzige Weinfreund zu sein, der sie mag!

http://www.weinbauruch.ch/

Pircher – Pinot-Klasse am „Hochrhein“

„Home of Pircher“, der Eglisauer Stadtberg – eine auch landschaftlich sehr reizvolle Spitzenlage am oberen Rhein, Kanton Zürich, Schweiz. (Bild ab Homepage Urs Pircher).

Wir reden – zurecht – immer wieder über Newcomer. Dabei gehen die Klassiker nur zu oft vergessen. Einer dieser – nach Schweizer Verhältnissen – schon fast „ewig Etablierten“ ist Urs Picher aus Eglisau. Während andere noch netten Blauburgunder herstellten, vinifizierte Pircher schon einen hochklassigen Pinot noir aus der Barrique, der sich das Burgund als Vorbild genommen hatte. Seit 20 oder mehr Jahren, und bis heute, sind seine Pinots ein Inbegriff von Feinheit, Eleganz und Finesse !

Burgundische Pinots, als andere noch schliefen

Schon im Jahr 2000 – damals hatten viele von uns noch nicht einmal einen Internetanschluss – und eigentlich schon Jahre zuvor, kelterte Pircher Weine, die zu jener Zeit nicht in dieses Weinbaugebiet passten. Immerhin ist elektronisch ein schöner Artikel erhalten, der aufzeigt, was Pircher ausmacht(e):
https://folio.nzz.ch/2000/oktober/urs-pircher-selbstkelterer

All die tollen Newcomers, über die wir heute so gerne und zurecht schreiben, gab es damals noch gar nicht; und mehrere, wie Peter Gehring aus Freienstein, lernten gar ihr „Handwerk“ bei Pircher. (So ganz nebenbei: auch in neuerer Zeit machte sich Pircher als „Lehrmeister“ für führende Winzer verdient, so arbeitete auch Matthias Bechtel, ein neuer Stern am Schweizer Weinhimmel, seine Sporen bei Pircher ab).

Ich hatte soeben die Gelegenheit, an einer von Urs Pircher selbst geleiteten Degustation einiger seiner Weine teilzunehmen. Neu war das zwar nicht, denn ich hatte das Weingut schon seit Jahren immer wieder besucht. Erstmals aber durfte ich Urs Pircher selbst als Leiter der Veranstaltung erleben. Was vorerst auffällt: Eigentlich möchte Urs Pircher wohl lieber einfach in den Reben oder im Keller arbeiten, als vor Leute hinzustehen und reden. Aber: er kann auch das, und zwar deshalb, weil er einfach sich selbst bleibt. Seine Ausführungen waren für Weinfreunde ein tolles, authentisches Erlebnis.

Pinot forever: ein „gris“ vom Feinsten

Von wegen Erlebnis: Die degustierten Weine begeisterten. Vorab sein – nur bis und mit vergärtem Most auf dem Weingut hergestellter – Schaumwein ist sehr gut. Gar Spitzenklasse ist sein Pinot gris (2017): leichter Holzeinsatz, längere Lagerzeit auf der Hefe; ein lagerfähiger, ungemein sortentypischer, mit guter Säure versehener und dichter Pinot gris, der mit zunehmender Reife sogar noch gewinnen wird. Gleiches (ausser dem Alterungspotential) gilt für den Räuschling, den ich bei anderer Gelegenheit verkosten konnte; auch hier war ein Meister der Weinbereitung am Werk, und der teilweise Ausbau im grossen Holzfass tut dem Wein erstaunlicherweise sehr gut.

Etwas weniger begeistert war ich persönlich vom Riesling, der erst im dritten Jahrgang hergestellt wird. Mir war die Restsüsse, wenn auch nicht übertrieben, zu hoch, und so richtig „rieslingartig“ wollte mir der Wein auch nicht erscheinen. Er ist sehr gut und reintönig gemacht, liegt marketingmässig vermutlich total im Trend und wird sicher zu recht seine Freunde finden – aber braucht es das in der Schweiz wirklich? (Man zeige mir den Riesling aus der Schweiz, der in Sachen Preis-Leistung auch nur annähernd an einen guten deutschen herankommt!).

Wirklich spannend indessen eine rote Cuvée aus Regent, Zweigelt und Pinot noir. Der 2016-er ist recht „hart“ gekeltert, aber dennoch schon jetzt genussvoll zu trinken. Auch wenn ich persönlich bisher solche Cuvées eher skeptisch sehe: Hier wird es spannend sein, die Entwicklung in den nächsten Jahren zu verfolgen. Persönlich bin ich überzeugt, dass dieser Wein sich noch mehr öffnen wird. Es könnte eine jener Cuvées mit einer Piwi-Sorte sein, die mich meine Vorurteile vergessen  macht.

Urs Pircher, Schweizer Pinot-Pionier der ersten Stunde (er öffnet gerade seinen exzellenten Pinot noir 2016).

Der Höhepunkt aber war der Pinot noir 2016! Wie eingangs erwähnt, Pircher „konnte“ schon Pinots auf die burgundische Art, als der Rest der Ostschweizer Winzer noch ihre innert Jahresfrist zu trinkenden kuranten Blauburgunder herstellte.

Der 2006-er von Pircher landete bei einer von mir 2012 durchgeführten Degustation mit führenden Pinots aus der Schweiz und aus dem Burgund (Level 1er Cru) damals an dritter Stelle – vor jedem Franzosen. Der Jahrgang 2016 nun besticht durch eine fruchtige, schon fast explosiv pinot-typische (Himbeeren, Johannisbeeren, Nelken) und mit dezentem Holzton unterlegten Nase und einen druckvollen, feurigen und doch filigranen, eleganten Auftritt im Gaumen! Ein absoluter Spitzen-Pinot, der sich höchstens vor den Allergrössten dieser Pinot-Welt verstecken müsste!

http://www.weingut-pircher.ch/data/index.php/de/

Und andere erwähnte Winzer:
https://weingut-gehring.ch/
http://www.bechtel-weine.ch/

Das Jahr des Winzers (16): Der Saisonhöhepunkt, der „Wümmet“.

Abschluss und Krönung: der „Wümmet“ (die Weinlese)

Im Herbst, wenn die Weinlese (bei uns in Ostschweizer Mundart „Wümmet“), ansteht, hat der Hobbywinzer plötzlich ganz viele Freunde, die auch gerne bei der Weinlese mithelfen würden! Dabei sind unsere 4 Aren in der Regel sehr schnell geerntet, und dazu genügt das bewährte Team:

1a-generation
Drei Generationen am Werk: Grossmutter resp. Mutter (90), Sohn und Autor des Blogs (60) sowie Enkel (30)

1-a-werni
Werni, mein Rebberg-Compagnon seit 30 Jahren.

1a-frauen
Und die beiden für die Ernte unverzichtbaren „besseren Hälften“

 

Tatsächlich ist der „Wümmet“, also die Weinernte, ein Fest. Nach einem Rebjahr schöne und reife Trauben ernten zu können, entschädigt für alle Mühen im Verlauf des Jahres.

Allerdings ist auch die Weinlese in unseren Breitengraden nicht immer nur festlich. Wer reife Trauben will, riskiert oft auch Fäulnis. Und im Jahr 2018 waren die Wespen sehr aktiv, so dass jede einzelne Traube von den „Wümmerinnen und Wümmern“ sehr genau angesehen werden musste. Von Wespen angestochene Beeren sind gefährlich, da sie Essigbakterien in den Wein bringen können. Auch faule Beeren müssen einzeln entfernt werden. Um eine gute Qualität zu erreichen, werden bei uns alle Trauben beim Leeren der Kübel in grössere Behälter nochmals geprüft. (Profibetriebe lassen die Trauben bei der Anlieferung oft über ein Band laufen, wo erfahrene Personen schlechte Trauben und Beeren nochmals ausscheiden).

Am Abend, wenn alle Trauben im Fass sind – dann freilich stellt sich beim (Hobby-)Winzer eine grosse Zufriedenheit ein. Bei jenen, die von den Reben leben, sicher auch ein grosses Aufatmen!

Schluss der Serie „virtuelles Jahr des Winzers“

Mit diesem Beitrag endet „das virtuelle Jahr des Winzers“. Ich hoffe, die Serie hat einen kleinen Einblick in die tolle, aber oft auch harte Arbeit gegeben, die notwendig ist, um einen guten Wein zu erzeugen. Wer will, kann mit diesen Links alles nochmals nachlesen:
https://victorswein.blog/virtuelles-rebjahr/

Und im nächsten Februar startet glücklicherweise alles wieder von vorne: Wir beginnen mit dem Schneiden der Reben:
https://victorswein.blog/2018/02/11/virtuelles-weinjahr-folge-1-der-schnitt/

Und zum Schluss: 2018 war ein in jeder Hinsicht ver(-)rücktes Jahr. Noch nie haben wir in den 30 Jahren zuvor im September Pinot noir geerntet; es gab schon Jahre, da lag der „Wümmet“ im November – diesmal fand die Ernte schon am 22. September statt. Noch nie haben wir wie 2018 Trauben mit 106° Oechsle abgeliefert – und gleichzeitig (und dafür schäme ich mich eher) haben wir noch nie eine so grosse Menge geerntet (260 kg auf 4 Aren).

 

 

„Gewimmelt“, aber nicht abgewimmelt!

Peter Wegelin in Malans – resp. sein „Gehilfe“ Harri Kunz: perfekte Gastgeber, toller Winzer!

1111-wimmeln
„Wimmeln“ (Weinlese) im Scadena-Rebberg. Er liegt im Dorf Malans und ist von Mauern umgeben – „Clos Scadena“ sozusagen.

Gewisse Geschichten entstehen zufällig, sind dafür dann aber um so sympathischer. Ich war mit Freunden auf einer Mountainbiketour, und nach 600 rasanten Höhenmetern Abfahrt auf einem Trail waren wir in Malans. Zum Glück insistierte einer der Kollegen, dass sich hier eine Ortsbesichtigung geradezu aufdränge. So umrundeten wir auch den „Wingert“ des Scadenagutes von Peter Wegelin und kurvten auf dem Vorplatz des geradlinigen, architektonisch überzeugenden Kellergerbäudes herum (ein Hoch auf jene, die diesen modernen Bau trotz demkmalgeschütztem Umfeld erlaubt haben!).

Eigentlich wollten wir gar keinen Wein probieren, nur von Aussen etwas „schnuppern“, schliesslich hat sich Wegelin seit einigen Jahren an der Spitze der Bündern Weinbauern etabliert. Aber als wir schon wegfahren wollten, da griff Harri Kunz ein: Er war noch in der Küche beschäftigt (die oberste Etage des Gebäudes dient als Degustations- und Veranstaltungsraum). „Ob er uns etwas zeigen könne“? Wir fanden „nein“, da wir ja noch weiterfahren wollten. Aber nach einer kurzen Pause fand Kunz: „Kommt, einen Wein mindestens müsst ihr probieren“.

Eine extreme Überzeugungskraft brauchte er nicht, also fanden wir uns bald auf der Terrasse mit wunderschönem Blick auf den Scadena-Wingert und einem Glas Weissburgunder in der Hand wieder. Und dazu, als wäre es so bestellt gewesen, war auch gerade noch der Winzer Peter Wegelin selbst anwesend – er machte gerade eine kurze Pause vom „Wimmlen“ – so heisst in der Bündner Mundart die Weinlese. Eigentlich war Wegelin gerade am Aufbrechen, um wieder zu arbeiten – aber auch er liess es sich nicht nehmen, uns zu begrüssen.

1111-wegelin-kunz
Winzer Peter Weglin (links), vor dem Scadena-Wingert, und Gastgeber Harri Kunz (rechts)

Mit Harri Kunz hatten wir danach vergnügliche Minuten, und er bestand darauf, uns auch noch den eindrücklichen Keller zu zeigen, wo wir mitten durch Traubenanlieferungen und Pumpschläuche hindurch einen authentischen Einblick in den Weinbetrieb erhielten.

1111-keller-scadena
Zweites Untergeschoss des modernen Gebäudes: Die Barrique-Kunst-„Kathedrale“ von Wegelin

Fazit: Statt Abwimmeln beim „Wimmeln“ wurden wir empfangen, resp. sogar zu einem Besuch eingeladen. Verkauft haben Wegelin resp. Kunz kurzfristig nichts, das war auch kaum zu erwarten, wir waren ja per Moutainbike und mit kleinen Rucksäcken unterwegs (und ganz abgesehen davon ist bei Wegelin im Moment auch fast alles ausverkauft). Gewonnen haben sie extrem viel Goodwill von vier Weinfreunden, die – auch angesichts des tollen servierten Pinot blancs – sicher nicht zum letzten Mal in diesem Gebäude verkehrt haben.

Marketing ist manchmal ganz unvermittelt persönlich – und wirkt so wohl am Besten.

PS: Und so ganz am Rand: Ich verfolge das Wirken von Peter Wegelin schon seit vielen Jahren, und er machte schon immer gute Weine, hat sich aber in dieser Zeit mit seinem Schaffen mit an die absolute Spitze der Bündner Herrschaft gehievt. Insbesondere die jüngsten Jahrgänge sind, sowohl Rot als auch Weiss, sehr überzeugend – wohl kein Zufall, denn seit einigen Jahren arbeitet das Gut biologisch, ohne viel Aufhebens darum zu machen.

https://www.malanser-weine.ch/

PS. Und auch Harri Kunz ist kein Unbekannter. Als Freund des Hauses Wegelin war er vor Ort, um beim „Wimmeln“ zu helfen (oder aber, um weinaffine Biker zu empfangen; vielleicht hat er uns das ja angesehen… ) eigentlich ist er aber Eventmanager – bei Bedarf hilft „googeln“.

Jahr des Winzers (13): Die Ertragsregulierung

Eigentlich verhält sich die Rebe wie ein „Unkraut“, sie wächst und wächst, und sie produziert Trauben in grossen Mengen. Ein Freund von mir erntete kürzlich von einem einzigen Rebstock 40 Kg Trauben! Diese Menge lässt zwar das Herz jedes „Mengenproduzenten“ steigen, nicht aber das eines qualitätsbewussten Winzers. Es ist eine Binsenwahrheit, dass gute Weinqualität nur durch eine rigorose Mengenbeschränkung möglich wird.

Diese Mengenbeschränkung beginnt schon beim Schnitt der Reben
https://victorswein.blog/2018/02/11/virtuelles-weinjahr-folge-1-der-schnitt/

Aber auch ein kurzer Schnitt bringt noch nicht immer die gewünschte geringe Ertragsmenge. In vielen Weinregionen gibt es dazu sogar gesetzliche Vorschriften. So darf etwa für einen Chambertin nur 35 hl/ha geerntet werden, für einen Pomerol 40 und für einen Barolo 55. In der Schweiz, Deutschland und Oesterreich, aber auch im Elsass, liegen die entsprechenden Zahlen eher bei 70 oder 80, aber auch hier ist unbestritten, dass Qualität nur über eine Beschränkung der Quantität gesteigert werden kann.

Grundsätzlich ist das angewandte Mass (Menge pro Fläche) sicher nicht das bestmögliche, aber es ist eines, das mit vernünftigem Aufwand messbar ist. Wer wirklich guten Wein produzieren will, wird vor allem auf den Ertrag pro Stock achten. Die Formel ist klar: je weniger Trauben an einem Stock, desto konzentrierter wird der Wein. Deshalb gibt es ja auch „verrückte“ Winzer, die 33’333 Stöcke pro Hektar pflanzen!
https://victorswein.blog/2018/01/06/je-savais-que-cetait-impossible-alors-je-lai-fait/

Wir lassen beim Schnitt der Reben (siehe oben), 5-6 „Augen“ stehen, dazu eine Reserve. Das bedeutet also, dass zwischen 11 und 13 Rebtriebe entstehen. An vielen davon wachsen aber von Natur aus 2 bis gar 3 Trauben. Würden wir alle wachsen lassen, ergäben sich also bis zu 39 Trauben pro Stock, was beim Pinot noir einen Ertrag von 2,5 bis 3 Kg pro Stock ergeben würde. Das ist für einen qualitativ guten Wein viel zu viel.

Wir müssen also die überzähligen Trauben rigoros herausschneiden. Grundsätzlich gilt die Regel, dass pro Trieb nur eine Traube stehen sollte.

2-ertrag-vorher
Diese Bild zeigt einen typischen „Trieb“, an dem gleich drei Trauben wachsen. Vegetationsedingt ist die dritte – oberste – auch rund eine Woche später in der Entwicklung. Es bleibt nur eine Traube am Stock – die beiden rot bezeichneten werden herausgeschnitten.

2-ertrag-nachher
Hier der gleiche Trieb, nachdem zwei Trauben weggeschnitten wurden.

So ganz am Rand: Auch dieser Arbeitsgang ist reine Handarbeit und bedingt zudem viel Erfahrung, denn nicht jeder Stock ist gleich, und manchmal lohnt es sich, an einem starken Trieb zwei Trauben stehen zu lassen und dafür an einem schwachen gar keine.

Es würde – ich schildere ja hier nur die Arbeitsgänge im Rebberg – zu weit führen, um auch noch fundiert über den richtigen Zeitpunkt für diese Arbeit zu berichten. Das ist eine Wissenschaft für sich. Während die einen möglichst früh, also kurz nach der Blüte, diese Arbeit ausführen, schwören die anderen darauf, den Hauptteil erst nach dem Farbumschlag zu bearbeiten. Der Vorteil der ersten Variante ist, dass sich die Rebe von Anfang an auf einen geringen Ertrag „einstellen“ kann, also die wenigen Trauben von Beginn weg gut „versorgt“, jener der letzteren, dass man die zeitlich zurückgebliebenen Trauben wegschneiden kann, also jene, die noch grün sind, während andere in der Reife schon viel weiter gediehen sind. Meine ganz persönliche Erfahrung ist, dass eine Kombination der beiden Theorien die beste Lösung ist: im Juni schon viele Trauben (in jenem  Blütenstadium „Gescheine“ genannt) wegschneiden, und im Herbst noch nachbessern, indem die zurückkgebliebenen, grünen Trauben entfernt werden.

Ein arbeitsintensives Detail sei noch erwähnt: Viele Trauben bilden auch sogenannte „Schultern“, d.h. Nebentriebe. In den meisten Fällen entwickeln sich diese langsamer als die Haupttraube und sind qualitativ damit minderwertig – sie werden deshalb auch weggeschnitten.

 

 

1-schulter-vorher
Eine Traube (die gleiche wie auf den Bildern oben) mit einer „Schulter“ (links) Achten Sie auf die Grösse der Beeren, sie sind in der Entwicklung eindeutig zurückgeblieben.

 

1-schulter-nacherh
… und hier nach dem Wegschneiden dieses Teils der Traube. Handarbeit pur!

Spitzenwein aus Winterthur? Aber sicher!

Der Taggenberg erblüht zu altem Glanz – morgen Sonntag, 17. Juni 2018 noch zu degustieren!

Alle Weinfreunde, die Winterthur für eine langweilige Industriestadt halten (stimmt nicht [mehr]) oder „nur“ als Stadt der Kunstausstellungen kennen (stimmt!), haben die späten 80er- und frühen 90er-Jahre verpasst, denn damals stellten Hans und Therese Herzog am Taggenberg in Winterthur Weine her, die zur absoluten Spitzen der Schweiz gehörten. Mag sein, dass das Wissen der Marketingfrau Therese vor allem zur schnellen Reputation beitrug, aber das Weinkönnen von Hans holte schon damals das Beste aus dem offensichtlich hervorragenden Terroir des Taggenberg heraus.

Nach Jahren der Irren und Verirrungen rund um diese Lage hat 2012 Stephan Herter den Rebberg übernommen. Er kann dabei noch immer auf die – inzwischen über 30-jährigen – Rebstöcke der Herzog’s zählen: Sauvignon blanc, Chardonnay und Pinot noir aus Burgunder Klonen, aber auch die „Zürichsee-Sorte“ Räuschling.

Und nach Irrungen und Verirrungen ist mit Stephan Herter der Taggenberg heute wieder dort, wo er vor 25 Jahren „aufhörte“: an der Spitze!

herter
Stephan Herter – auf dem Weg zur Schweizer Weinspitze

Stephan Herter hat heute (und wird es noch morgen tun) seine Türen geöffnet. Es lohnt sich, bei ihm vorbeizuschauen und seine Weine zu probieren. Ganz abgesehen davon lohnt sich ein Besuch, weil auch landwirtschaftliche Produkte von ähnlich arbeitenden Landwirten (Herter arbeitet bio-dynamisch) aus der Nachbarschaft angeboten werden.

Ich habe das Gut heute besucht und die Weine degustiert. Die beiden erhältlichen Weissen überzeugten total. Der Sauvignon blanc „Rufus“ ist äusserts sortentypisch, mit einer knackigen, aber nicht störenden Säure versehen, geradlinig, lang anhaltend. Auch international ein Spitzen-Sauvignon! Der Räuschling „Ferdinand“ ist ebenfalls sehr sortentypisch; dazu verfügt er über einen erstaunlichen Körper, auch hier müssen sich die Zürichseewinzer warm anziehen! Der Rosé „Kuckuck“ – eigentlich ein „Saigner“ – ist ebenfalls sehr gut gelungen, für Rosé-Liebhaber ein Muss!

Der Pinot noir 2016 schliesslich (mit Namen Rupprecht) aus der Barrique überzeugt in der Nase mit typischen Pinot-Fruchtnoten und im Mund mit einem sehr lange anhaltenden Abgang. Der Wein ist hervorragend, trotzdem sehe ich hier noch am meisten Steigerungspotential. Etwas mehr Säure würde seine Lebensdauer sicher verlängern, und zudem wirkt er für mich etwas rustikal. Mehr auf burgundische Eleganz gekeltert, würde er mir wohl noch besser gefallen.

Damit wir uns richtig verstehen: Stephan Herter hat sich auch mit dem Rupprecht auf Anhieb weit, weit über das Schweizer Mittelmass gehoben. Damit er zur absoluten Spitzen zu zählen ist, bleibt hier aber wohl am meisten Spielraum. Aber vielleicht ist sogar mein Urteil unfair, denn gerade die rustikale Art könnte bedeuten, dass der Wein sich in ein paar Jahren noch viel besser präsentiert. Und zudem, vgl. unten, stammt er aus dem Jahr 2016, in den alle Reben von Herter im April verfroren sind. Der Wein stammt deshalb aus einem zweiten, zeitlich verspäteten Austrieb, was zweifellos keine optimale Reife ermöglichte. So gesehen ist der Pinot noir eben wirklich Spitze!

Wenn Sie einen jungen Winzer verfolgen wollen, der schon jetzt zur Spitzenklasse gehört, und der – nach meiner Einschätzung – schon in wenigen Jahren zur absoluten Elite der Schweizer Weinmacher zu zählen sein wird, dann müssen Sie hier vorbeischauen. Wie zu Herzog’s Zeiten gehören die Weine vom Winterthurer Taggenberg zum Besten, was es in der Schweiz gibt!

Zu hoffen bleibt, dass Herter in den nächsten Jahren von Frost und anderem Wetter-Unbill verschont bleibt (und dass er nicht plötzlich nach Neuseeland auswandert!). Dann wird Winterthur auch weintechnisch zur am meisten unterschätzten Stadt!

Wenn Sie selbst das Wirken von Stephan Herter erleben wollen: Morgen Sonntag, 17. Juni 2018, von 11.00 bis 16.00 in Hettlingen bei Winterthur, Ruchried 3. Es lohnt sich!

http://www.herterwein.ch/

http://www.herzog.co.nz/

Die Reben von Stephan Herter verforen nicht nur im Jahr 2016, sondern auch im Jahr darauf. Während andere jammerten, war Herter sofort innovativ:

http://www.herterwein.ch/wp-content/uploads/2016/11/vinum11_16.jpeg

 

Flash aus der Wachau II: Hier gibt es auch tolle Rotweine!

achleiten2
Herrliche Aussicht auf die Donau (und die Wachauer Reblandschaft)

Hand auf’s Herz: Grüner Veltliner und Riesling aus der Wachau kennen Sie. Aber ein Rotwein? Also, mir ist das in der Schweiz noch nie begegnet.

Deshalb ist auch auch in Sachen Wein das Reisen so spannend! Tatächlich wird auch in der Wachau roter Wein produziert, in erster Linie, wie könnte es anders sein, Zweigelt. Ich habe aber auf der Weinkarte einen Pinot noir entdeckt und kurzerhand ausprobiert:

pinotwachauEin toller Wein, voller Kraft und mit „burgundischem Feuer“. Vielleicht etwas weniger elegant, dafür kraftvoll. Und sehr typisch Pinot!

Der Winzer selbst beschreibt den Wein eher zurückhaltend und bescheiden: Klare helle Kirschfrucht, auch etwas Himbeere tritt hinzu, viel Würze, angenehmer Säurebogen.

Ich würde hinzufügen: Der 2011 ist zwar schön trinkreif, hat aber noch viele Jahre vor sich; extrem subtil eingebundenes Holz, dicht und lang, toller Wein und unverkennbar Pinot! Und Preis-/Leistung muss im internationalen Vergleich hervorragend sein, im Restaurant kostete der Wein 42 Euro.

Die Wachau, jenseits von sehr wenigen Starwinzern mit fragwürdigen „Weintempeln“ mitten in den Reben (im Flachen): Eine sympathische Entdeckung, auch in Rot!

http://www.stierschneider.at/konzept.htm

 

 

Walliser Weine: Spitzenklasse!

Nach zwei Tagen in den offenen Weinkellern im Wallis lässt sich nur ein Fazit ziehen: Spitzenklasse! Chapeau!

wallis
Atemberaubende Schönheit: Steillagen bei Chamoson

Besonders sympathisch an diesen Tagen vom 10. – 12. Mai war, dass – im Gegensatz zum Pendant in der Deutschschweiz – im Wallis auch praktisch alle Top-Winzer mitmachten. Solidarität ist hier offenbar kein Fremdwort. So waren sich auch Parker-geadelte Betriebe wie die Domaine des Muses, Gewinner des Grand Prix du Vins Suisse wie Diego Mathier und Cave du Rhodan oder Legenden wie Marie-Thérèse Chappaz nicht zu schade, ihre Top-Produkte zu zeigen.

Ich werde später in diesem Blog auf verschiedene Winzer zurückkommen, das ist qualitätsmässig fast ein Muss. Für heute nur ein kleiner „Flash“ und damit verbunden ein Aufruf an alle Weinfreunde, sich vermehrt mit den Walliser Weinen zu beschäftigen. Denn hier ist nicht nur die Qualität sehr hoch, sondern, gemessen am Aufwand in den teils steilen Terrassen und der Güte der Weine, auch die Preise meist noch vernünftig. Und die Vielfalt der Sortimente ist fast unschlagbar!

Nachstehend ein paar erste Highlights, genannt jeweils der beste Wein pro Rebsorte, den wir verkosteten – und im Wissen, dass eine solche Selektion vielen anderen, hervorragenden Weinen, wohl unrecht tut:

Fendant: David Rossier, Leytron (Grand Cru Leytron).
https://www.david-rossier-vins.ch/de
Johannisberg (Im ganzen Wallis fast immer nur gut; das Wallis als Sylvaner-Hochburg!):
Cave Corbassière, Saillon
http://www.corbassiere.ch
Humagne blanche: Cave la Romaine, Flanthey
http://www.cavelaromaine.com
Petit Arvine (hat generell ein extrem hohes Niveau): Domaine des Muses, Sierre/Granges
http://www.domainedesmuses.ch/
Paien/Heida (auch hier, welch grandioses Niveau, Wallis als Savagnin-Hochburg!): Cave du Vieux-Moulin, Vétroz
http://www.papilloud.com
Viognier: Thierry Constantin, Pont-de-la-Morge. Diese Qualität muss man auch weiter unten an der Rhone zuerst finden!
http://www.thierryconstantin.ch
Marsanne: Marie-Thérèse Chappaz (Grain Ermitage), ein fast übersinnlicher Wein!
http://www.chappaz.ch
Pinot noir: Cave du Rhodan, Salgesch (Grand Cru). Vielleicht nicht das, was man ausserhalb des Wallis von einem Pinot erwartet, aber grossartig!
http://www.rhodan.ch
Humagne rouge: Cave la Romaine, Flanthey (der „kann“ Humagne, weiss und rot!)
http://www.cavelaromaine.com
Cornalin: Cave du Rhodan (der Cornalin von der Bio-Domaine „Trong“). Eigentlich war auch der Cornalin fast überall gut, aber dieser hier ist ein „elegantes Monument“!
Syrah: Thierry Constantin, Pont-de-la-Morge.
http://www.thierryconstantin.ch

Und vielleicht etwas „ausser Konkurrenz“, aber nicht in Sachen Qualität:
Lafnetscha: autochthone Sorte, ein bisschen der Completer des Wallis. grossartig!
Chanton Weine, Visp (ebenso bemerkenswert, aber speziell der „Eyholzer Rote“, trotz Rotwein-Vinifikation wie ein Rosé, mit Erdbeeraromen).
http://www.chanton.ch

Bestes Weingut:
Und schliesslich, das für mich beste Weingut der ganzen Reise. Sicher ist es etwas unfair, denn von 15 besuchten Betrieben hätten wohl acht diesen Titel verdient. Trotzdem lege ich mich auf Thierry Constantin in Pont-de-la-Morge fest: Bei ihm ist einfach das ganze Sortiment durchgehend sehr gut bis ausgezeichnet, und es zieht sich zudem ein Stil durch alle Weine – das könnte man alles blind kaufen!
http://www.thierryconstantin.ch

constantin
Für mich, wenn auch nur um Nuancen vor vielen anderen, der beste aller besuchter Winzer: Thierry Constantin

Wallis: à suivre, bald auch in diesem Weinblog!

 

 

„Man muss ja gar nicht ausländischen Wein kaufen, wenn man guten Wein will!“

Nachlese zu den Tagen der offenen Weinkeller

biel
Weinbau am Bielersee: nicht nur schön, sondern auch sehr gut!

„Das ist ein unglaubliches Erlebnis: Man muss ja gar nicht ins Ausland reisen, um guten Wein zu erhalten“. Diese Aussage ist nicht erfunden, sondern stammt von einem etwa 60-jährigen Herrn, der mit zwei Kollegen eben bei Steiner in Schernelz an den Tagen der offenen Weinkeller Wein probiert hatte.

Besser kann man gar nicht beschreiben, warum eben genau diese Tage der offenen Weinkeller so wichtig sind! Denn ganz offenbar braucht es sehr lange, um bestehende Vorurteile zu korrigieren. Um so schöner, wenn es, wie im beschriebenen Beispiel, gelingt!

Selbstverständlich würde ich persönlich nicht auf ausländische Weine verzichten wollen. Um beim Beispiel Steiner Schernelz zu bleiben: Das ist ein total hochstehendes, rundum überzeugendes Sortiment (ich werde noch genauer berichten), aber ausgerechnet die „fremden“ roten Rebsorten Syrah und Malbec sind zwar sehr gut gemacht, aber gerade da bevorzuge ich dann doch das Original aus der nördlichen Rhone oder Cahors. Dafür kann man unserem erwähnten Weinfreund nur zustimmen, wenn es um Pinot noir, Sauvignon blanc oder Chardonnay geht. Und dass aus Chasselas Spitzenweine hergestellt werden können, die zwar ein Schweizer Original, aber trotzdem im Quervergleich hochklassig sind, zeigt sich bei Steiner auch!

Für mich persönlich eine Wieder-Entdeckung war tatsächlich auch die Weinregion Bielersee. Da gibt es eine ganze Reihe von äusserst hochklassigen Betrieben. Wenn ich mit dem Besuch am 1. Mai in der Bündner Herrschaft vergleiche, müssen sich die Bielerseewinzer im Durschschnitt überhaupt nicht verstecken!

Affaire à suivre, auch demnächst in diesem Blog!

http://www.schernelzvillage.ch/de/startseite.html

 

Casanova: etwas vom Allerbesten!

Marco Casanova Wein Pur in Walenstadt – berührend gut!

Eine Entdeckung ist es ja nicht mehr, denn Marco Casanova war letztes Jahr bereits von Vinum als „Biowinzer des Jahres“ geadelt worden. Und seine Stationen vor der Selbständigkeit – Mas Soleilla und Mattmann – hatten es ja auch schon in sich. Und trotzdem, der Besuch in Walenstadt war eine Offenbarung!

casanova
Marco Casanova – ein Name, der einem eigentlich schon geläufig sein müsste, den man sich aber ganz sicher merken muss!

Herausforderungen scheinen das Ding von Marco Casanova zu sein, und Aufbauen eines Weingutes dazu: Er hat als Kellermeister mitgeholfen, Mas Soleilla gross zu machen. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz hatte er die gleiche Rolle im Weingut Mattmann (Cicero) in Zizers. Nach dem tragischen Tod von Thomas Mattmann führte er zuerst jenen Betrieb weiter, um sich ab 2013 dem Aufbau seines eigenen Rebgutes in Walenstadt zu widmen. (Mit Reben dort und in Zizers).

Und dieses Rebgut – CasaNova Wein Pur – muss man sich merken! Und die Weinbaugemeinde Walenstadt damit. Wir besuchten Casanova am Tag der offenen Weinkeller, es war der Abschluss eines spannenden Tages, und es war, trotz der Hochklassigkeit einiger davor besuchter Güter (u.a. von Tscharner und Möhr-Niggli, die uneingeschränkt hervorragend sind), das Glanzlicht des Tages! Kein einziger Wein im Sortiment, der nicht völlig überzeugt – und alles Weine mit Tiefgang und „Seele“.

Dabei ist das Sortiment schon im „Normalzustand“ heterogen: Von den herkömmlichen Sorten wie Müller Thurgau, Chardonnay und Pinot noir über Sauvignon blanc und Riesling, hin zu den Piwi-Sorten Cabernet Jura, Gamaret und der ganz besonderen Sauvignon Soyhières (gewöhnungsbedürftig, aber total spannend und mit einer völlig ungewohnten, exotischen Fruchtigkeit versehen; gefällt sehr gut, es ist eher die Frage, wie dieser Wein kulinarisch einzusetzen ist).

Herausforderungen scheinen das Ding von Marco Casanova zu sein: 2017 zerstörte der Frost fast seine gesamten Rebberge. Zwar schlugen die Reben nochmals aus, aber es gab massiv weniger Ertrag, in einigen Parzellen war sogar nichts zu ernten. Casanova, wie uns sein sympathischer Mitarbeiter erklärte, ein Organisationsgenie, zog darauf alle Register und besorgte sich Trauben oder Saft aus der ganzen Schweiz und aus halb Europa. Deshalb ist sein Sortiment zur Zeit noch viel breiter; statt Müller Thurgau gibt es Chasselas, statt dem „Alltagspinot“ wird Sangiovese angeboten. Und dank seiner alten Beziehung zu Mas Soleilla gibt es auch einen Wein im südfranzösichen Stil. Auch hier gilt: Das sind Weine auf extrem hohen Niveau, keiner fällt ab!

Trotzdem sind auch in kleineren Mengen als üblich noch die eigentlichen Gutsweine erhältlich, teils natürlich auch noch aus früheren Jahren, insbesondere bei den Roten. Bei letzteren lässt Casanova die einzelnen Terroirs spielen; trotzdem ist sein Stil über alle Weine unverkennbar. Es sind wundervolle, elegante und ausdrucksstarke Gewächse. Bei allen wird das Holz sehr dezent eingesetzt (resp. ist nur dezent spürbar), die typische Pinotfrucht kommt hervorragend zum Tragen. Und den „Cabernet“ (Cabernet Jura und Gamaret) muss man einfach probiert haben, das ist ein toller, dichter, ausdrucksvoller Wein.

Trotz absolut überzeugendem Rotweinsortiment hat mich ein Weisser am meisten beeindruckt: Der Sauvignon blanc „Seemühle“ aus Walenstadt, der ganz einfach umwerfend gut und Schauder erzeugend berührend ist. Welche Klarheit, welche Frucht, welche Finesse, welche Dichte, welch unglaublicher Abgang.
Sauvignon-Winzer der Welt: Hier seht ihr den Massstab für einen genialen Wein aus dieser Sorte. (Und das aus dem Problemjahrgang 2017!) Ich bin rundum begeistert!

seemühle

 

Sauvignon blanc, Seemühle, 2017
Mittleres, glänzendes Gelb. Duft nach Holunderblüten, Quitten, Anflüge von Limetten und von Williams-Brand. Dichter Körper, dezente Säure und trotzdem eine unglaubliche Frische, leichte, aber nur bereichernde Bitternoten, fast nicht endender Abgang. Absoluter Spitzenwein – sorry – einfach Weltklasse aus der Schweiz. Und sinnlich und berührend dazu.

 

 

Und bei allem, ich hab’s noch gar nicht erwähnt: Das Weingut arbeitet biologisch (einige Weine aus gekauften Trauben ausgenommen) und ist seit Kurzem auch Demeter-zertifiziert. Ein Beispiel mehr, dass gerade solche Betriebe die berührendsten Weine herstellen!


Und zum Schluss, Entwicklungshilfe in Sachen Chasselas:

Wie erwähnt, bietet Casanova als Ersatz für den ausfallenden Müller-Thurgau in diesem Jahr einen Chasselas aus gekauften (aber mit der eigenen Equipe geernteten) Trauben an. Und als ob der Probleme nicht schon genug gewesen wären, hatte dieser Wein auch noch die Frechheit, schon während der Gärung auch den biologischen Säureabbau zu beginnen. Abstoppen, wie eigentlich geplant, war deshalb nicht möglich.
Aber das Verrückte daran: Herausgekommen ist ein absolut toller Chasselas mit einer guten Säure und schöner Struktur. Süffig und trotzdem charaktervoll. Und das von einem Winzer, der zum ersten Mal im Leben diese Traubensorte keltert!
Chasselas-Winzer der Welt (resp. der Westschweiz): So geht Chasselas!

http://www.casanova-weinpur.ch/index.html