Prezius – eine wertvolle Entdeckung! Die Vertikale über 20 Jahre zeigt, dass Liesch Weine in der Herrschaft längst auf den Radar gehört.

Das Weingut der Familien Liesch in Malans ist viel zu lange ohne grosse Beachtung der Weinfreunde und vor allem -journalisten geblieben. Viel zu lange heisst hier Jahrzehnte, wie eine begeisternde Vertial-Degustation des Pinot noir „Prezius“ zeigte. Das Gut zählte schon lange zur Spitze der Herrschaft, bloss merkten es nur Insider!

Eine Landschaft, so schön wie die Weine – oder umgekehrt. Bündner Herrschaft bei Malans.

Ich war schon in diesem Frühjahr bei Liesch’s zu Besuch und war begeistert von der aktuellen Kollektion.
Liesch Weine: still und heimlich an die absolute Spitze der Bündner Herrschaft! – Victor’s Weinblog

Schon damals war ein absolutes Highlight der Prezius 2021, ein Pinot aus einem eigentlich schwierigen Jahr, den ich grossartig fand und ihn auch mit 18 Punkte edelte. Unabhängig davon war auch Adrian van Velsen (vvwine.ch) bei den Familien Liesch, und er berichtete ähnlich überzeugt von den Weinen.
Unter dem Radar: Liesch Weine. – vvWine

Auf seine Idee hin fand kürzlich gemeinsam auf dem Weingut eine vertiale Verkosten des „Prezius“ statt, welche Weine bis 20 Jahre zurück zeigte.

Nomen est omen: wertvoll!

Prezius: Das ist Romanisch und bedeutet wertvoll. Genau so ist der Wein! Nach sorgsamer – seit einigen Jahren biologischer – Arbeit im Rebberg erfahren die Trauben im Keller eine Kaltmazeration vor der Maischgärung. Ausgebaut wird er in Barriques während rund einem Jahr, wobei etwa 1/3 neue Fässer sind, der Rest zweite und dritte Füllung. Bewusst werden übrigens Fässer verschiedener französischer Küfereien verwendet. Die unterschiedlichen Hölzer, Röstungsarten und -grade verleihen dem Wein nach Meinung der Liesch’s mehr Komplexität.

Vielfalt statt Uniformität: Es werden Barriques verschiedener Produzenten verwendet.

Das Fazit für einmal voraus: Ich bin rundum begeistert! Dabei haben Liesch’s nicht einmal nur die allerbesten Jahrgänge gezeigt, sondern – bescheiden wir sie auch sonst auftreten – uns ganz bewusst auch Weine aus schwierigeren Jahren vorgestellt. Und um beim Fazit zu bleiben: Nicht nur 2021 ist umwerfend gut, auch 2010 ist einfach grossartig – und bis zurück zu 2003 sind sämtliche Weine noch in Form und machen Freude!

Frische als Programm – ein kleiner, unwissenschaftlicher Exkurs dazu.

Was durchwegs auffällt, und das war schon beim aktuellen Sortiment im Frühling so, ist eine enorme Frische in praktisch allen Weinen. Dabei, um darauf einmal, wenn auch amateurhaft, einzugehen, ist Frische keinesfalls mit Säure zu verwechseln, auch wenn diese dazugehört. Frische ist meines Wissens nicht messbar und basiert auf klimatischen und mikroklimatischen Einflüssen, Bodenbeschaffenheit, Blattarbeit im Rebberg sowie der Art der Vinifikation. Spürbar im Wein wird sie duch ein Zusammenspiel von Mineralität, Säure und teils auch einer gewissen Salzigkeit. Der Vergleich mit dem Eindruck von frischem Berg-Quellwasser im Mund sei erlaubt – dort fehlt die Säure weitgehend, und doch entsteht ein Gefühl von Frische. Louis Barruol, Besitzer von Château de Saint Cosme und Chef der Winzervereinigung von Gigondas hat dazu gerade in dieser Woche an einer Veranstaltung in Zürich ein schönes Beispiel genannt: „Nehmen Sie einen reifen Chardonnay aus einer heissen Gegend und fügen Sie im viel Säure zu. Er wird danach säurebetont wirken, aber niemals frisch!“

Der Star des Tages: Prezius 2021, mit erneuerter Etikette.

Prezius 2021: a star ist born!

Zurück zum Prezius: 2021 ist schlicht grossartig! Diese Finesse, diese Frische (sic!), diese Fruchtigkeit! Ich hatte zwar noch längst nicht alle Bündner Pinots aus diesem Jahr im Glas, aber sicher ist, dass der Prezius da ganz an der Spitze mitmischt. Ich hatte vor der Degustation nachgeschaut, dass ich ihm im Frühjahr 18 Punkte gegeben habe; diesmal gab es sogar noch einen halben Punkt dazu, der Wein wirkt nach einem halben Jahr Ruhe noch vielfältiger und ausgewogener als damals! Vielleicht ist das ja auch ein wenig meiner Begeisterung vor Ort geschuldet, denn die 18,5 Punkte (wären umgerechnet 95-96) sind mit die höchsten, die ich in meinem Blog je vergeben habe, wobei anzumerken ist, dass ich selten bis nie über teure Weine berichte. Aber warum soll nicht einmal ein bezahlbarer Wein aus einem unterschätzten Jahr und von weniger bekannten Winzern obenausschwingen können? Der Prezius 2021 ist wunderschön und hat nur ein Manko: Er ist auf dem Gut bereits ausverkauft. Aber ein Tipp dazu unten bei den Links.

Gut, gibt es da den Nachfolgejahrgang 2022. Dieser zeigt deutlich Spuren eines wärmeren Jahres, weist eher dunklere Frucht auf, ist aber ebenfalls mit einer tollen Frische gesegnet und ein grosser Wein.

Prezius 2010: grandios, warum nur hat das niemand bemerkt?

Aber nochmals zurück zur vergleichweisen Unbekanntheit des Weingutes der Familien Liesch: Spätestens mit dem Prezius 2010 hätte die Weinwelt aufhorchen müssen. Was für ein toller Pinot, der hat einfach alles, was dazugehört: Frucht, Kraft, Tannine, eine gewisse Feurigkeit – und bei allem eine enorme Frische und Eleganz. Wenn man den heute auf dem Tisch hat, kann man nicht aufhören zu geniessen bis die Flasche leer ist, auch wenn man allein ist!

Von Jahrhundertjahrgängen und unterbewerteten, welche die Show machen!

Zu den weiteren Weinen noch soviel: Schon beim 2003er bewiesen Liesch’s, dass sie auch mit warmen Jahren umgehen können, der Wein macht, im Gegensatz zu vielen aus diesem Jahr, noch absolut Freude. 2013 hingegen war der „schwächste“ Wein der Serie, auch wenn er durchaus noch gut trinkbar ist – und damit ist er in guter Gesellschaft mit vielen anderen aus diesem Jahr (wobei – vielleicht haben wir uns alle auch nur geirrt und er öffnet sich nochmals). Gerade im Vergleich zum wunderbaren 2014er zeigt sich eines: Auf die Urteile der Weinschreiberlinge und vor allem der Weinhändler sollte man nicht so fest abstellen. Ich geniesse diesbezüglich die Gnade des späteren Beginns meines Blogs, aber erinnere mich sehr gut daran, wie der 2013 aus der Herrschaft von Weinhändlern zum Jahrhundertwein hochgejubelt wurde, während der 2014 eher als schmalbrüstig dargestellt war. 2014 litt ja übrigens dazu noch als „Kirschessigfliegen-Jahr“. Eine sehr gute Kontrolle und Aussönderung der Trauben war damals extrem wichtig – und offensichtich beherrschte man auch das bei Liesch’s.

„Schwache Jahre“ – und dann erweisen sich die Weine als sehr langlebig!

Letztlich bestätigt das aber nur eine Situation, die ich seit einiger Zeit feststelle. Oft altern Weine aus „schwachen“ Jahren viel besser als die „Jahrhundertjahrgänge“. Es ist wohl an der Zeit, dass sich auch wir Weinfreunde in unseren Urteilen dem Klimawandel anpassen.

10 mal Prezius aus 20 Jahren: beeindruckend!

Degustationsnotizen

2022
Mittleres, glänzendes Rot; verhaltene Frucht (Brombeer, Cassis, Johannisbeer), etwas grüne Töne, minimal wahrnehmbares Holz; tolle Struktur, frisch, viel feines Tannin, schöne Säure, „saftig“, sehr langer Abgang. Aktuell noch etwas im Ungleichgewicht, hat aber viel Potential. 18 Punkte.

2021
Mittleres, glänzendes Rubin; herrliche, komplexe Frucht (Johannisbeer, Himbeer), Anflug von etwas Pfeffer, Holz dezent spürbar; im Mund äusserst elegant, trotzdem druckvoll, sehr, sehr viel Frische und „Saftigkeit“. Ein Traumwein mit unendlicher Eleganz und Frische! 18,5 Punkte.

2019
Helles Purpur; etwas verhalten, helle Frucht, etwas Holz; auch hier viel Frische, schöne, allerdings auch leicht trocknende Tannine, mittlerer Abgang. Schöner, anspruchsvoller Pinot, der sich noch etwas entwickeln sollte. 17,5 Punkte.

2015
Eher mattes Rubin; fast „schwüler“ Duft von dunklen Beeren, dazu auch helle Töne; im Mund recht frisch, reife, „runde“ Tannine, etwas „spitzige“ Säure, aber grundsätzlich sehr schön gereifter Pinot, auch Frucht noch spürbar. 17,5 Punkte.

2014
Mittleres, etwas gereiftes Rot; immer noch tolle Frucht (Himbeer, Johannisbeer, Pflaume), minimaler Rauchton, dazu auch erste Reifetöne (Waldboden); auch hier wieder eine tolle Frische, schön eingebundene Tannine und Säure, positiv spürbares Holz, langer Abgang. Trinkreif, aber noch voll da, begeisternd. 18 Punkte.

2013
Rot mit Reifetönen; gereifte, dunkle Frucht, erinnert mehr an Südfrankreich denn an Pinot; Im Mund viel trocknendes Tannin, wirkt generell etwas spröd, hat aber durchaus noch einen gewissen Reiz. Mittlerer Abgang. 16 Punkte (den hätte man als junger Wein sicher höher bewertet, vermutlich gerade umgekehrt zum 2014er).

2010
Mittleres, nur leicht gereiftes Rot; immer noch herrliche Frucht, nur ganz dezente Alterstöne; im Mund wieder diese umwerfende Frische, noch sehr fruchtig, nur sehr dezent spürbares Holz, feurig (aber nicht alkoholisch), schöne Tannine und Säure, bei allem aber eher auf der filigran-eleganten Seite, sehr langer Abgang. Ein Wurf, genial! 18,5 Punkte.

2008
Noch recht junges, dunkles Rot; eher dunkle Frucht, etwas Kompott; etwas trocknende Tannine, mittlere, aber spürbare Säure, im mittleren Abgang auch noch schön fruchtig, etwas spürbarer Alkohol. 16,5 Punkte.

2005
Leicht gerreiftes Rot; immer noch tolle Frucht, dazu etwas Pilz und Unterholz; im Mund rund, schon etwas mürbes, schönes Tannin, eher tiefe Säure, im langen Abgang „fruchtsüss“, feurig und voller Frucht. Macht Freude, 17,5 Punkte.

2003
Gereiftes Rot mit braunen Nuancen; reife Frucht, etwas Waldpilz; im Mund spürbarer Alkohol, rund, dürfte ganz trocken sein, wirkt aber ganz leicht süsslich, noch erstaunlich präsente Säure, mittlerer Abgang. Ist im Gegensatz zu vielen anderen Weinen aus diesem Jahr noch absolut mit Spass zu trinken. Châpeau! 17 Punkte.

Startseite – Liesch Weine

Ach ja, zum Tipp: Hier gibt es den 2021-er noch zu kaufen:
Malanser Pinot Noir Prezius 2021 Liesch, 75cl | Weine | Valentin Wein

Nachtrag: Der Wein ist hier inzwischen praktisch ausverkauft (Stand 8.12.24 noch 4 Flaschen). Die Familien Liesch haben mir aber nun noch zwei weitere Bezugsquellen angegeben:
https://selection-widmer.ch/weine/schweiz/graubuenden/liesch-weine/ueli-liesch-juerg-liesch-pinot-noir-prezius-aoc-graubunden-2021-75-cl.html
https://www.vennerhus.ch/Malanser-1825


Interessennachweis: Die Vertikal-Degustation fand auf Einladung von Liesch Weinbau im November 2024 auf dem Weingut ohne jegliche Verpflichtung statt.

2 Gedanken zu “Prezius – eine wertvolle Entdeckung! Die Vertikale über 20 Jahre zeigt, dass Liesch Weine in der Herrschaft längst auf den Radar gehört.

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