Es gibt sie noch, die sensationellen Entdeckungen in der Weinwelt – oder besser, die unglaublichen Aufstiege eines Weinguts in die Spitzenklasse. Zauberei ist keine dahinter, sondern Akribie, Einsatz und die richtigen Personen am richtigen Ort. Und das Weingut – Domínio do Açor – wird in Zukunft fast mit Sichereit noch grössere Weine liefern, obwohl schon die Erstlinge grossartig sind.
Domínio do Açor? Als ich zu einer Masterclass mit diesen Weinen eingeladen wurde, musste ich zuerst einmal eine Suchmaschine bemühen um herauszufinden, auf was ich mich da einlassen würde. Das Gut in Dão, Portugal, wurde erst vor vier Jahren gegründet, hat aber schon mit dem ersten und erst recht dem zweiten Jahrgang gezeigt, dass da etwas Geniales heranwächst. Die Weine sind schlicht grossartig! Aber das ist kein Wunder, wenn man die Details kennt:
Guilherme Corrêa, bester Sommelier, mit Wirtschaftsstudium und Schweizer Wurzeln.
Am Anfang steht der Name Guilherme Corrêa. Er ist Brasilianer (mit etwas Schweizer Wurzeln durch seine Urgrossmutter) und verfügt über ein Wirtschaftsstudium. Danach bildete er sich zum Sommelier aus und wurde zweimal Bester seines Fachs in Brasilien und einmal von ganz Lateinamerika. Auch im Weinhandel war bzw. ist er sowohl in Brasilien und Portugal erfolgreich, so etwa mit dem Import grosser Weine aus dem Burgund. Seit 2021 ist er nun Mitbesitzer und Régisseur auf Domínio do Açor. Der Ausdruck Régisseur kommt nicht von ungefähr, wie auch der Name des Gutes (Domínio = Domaine) – man strebt sehr bewusst das burgundische Prinzip an.

Alles Gute beginnt mit passenden Böden – und dem Fachmann Pedro Parra.
Die guten Beziehungen, die sich Guilherme Corrêa in über 30 Jahren im Weingeschäft aufbauen konnte, erwiesen sich beim Start der Domínio als Glücksfall. Er konnte sich überall die Dienste der Besten der Besten sichern. Das begann schon vor dem Kauf des Weingutes mit dem Beizug eines langjähriges Freundes aus Chile, Pedro Parra. Pedro ist eine Ikone des chilenischen Weinbaus und Mitgründer des Weinguts Clos des Fous – und Pedro Parra y Famila ist sein Familienweingut. Pedro Parra ist promovierter Agronom und ein weltweit gefragter und anerkannter Experte in der Analyse und Auswahl der besten Bodenformationen für den Weinbau. Sein Fachgebiet ist die mineralische Komposition der Böden, um ausdruckstarke und charaktervolle Weine aus einzigartigem Terroir hervorzubringen (Quelle: chilewinetrading.com sowie Homepage von Pedro Parra). Parra fand auf dem zum Kauf stehenden Gut auf Granit basierenden Untergrund, der sich sowohl aus verwittertem Boden und aus Steinen bzw. Fels zusammensetzt – ideale Bedingungen zur Erzeugung von frischen und mineralischen, feinen Weinen.
Regenerativer Rebbau – eine andere Zukunft gibt es nicht!
Das Beziehungsnetz spielte auch bei der Auswahl des Beraters für den Rebbau und die Biodiversität. Das Gut wurde zuvor nach IP-Vorschriften bewirtschaftet, Corrêa wollte aber mehr. Nicht „nur“ Bio und Biodynamie war das Ziel, sondern eine ganzheitliche, nachhaltige Ausrichtung der ganzen Domaine ist ihm wichtig. Er meint dazu: „Es gibt keine Zukunft ohne regenerative Bewirtschaftung, erst recht vor dem Hintergrund der Klimaerwärmung. Man muss Diversität in die bisherige Monokultur der Reben bringen, und dabei spielen Pflanzen und Tiere eine grosse Rolle – das erhöht auch die Qualität der Böden und damit jene des Weins“.
Der „Rebschnitt-Flüsterer“ Marco Simonit.
Und hier kommt der italienische Berater Marco Simonit (Simonit + Sirch) ins Spiel. Simonit ist ein Pionier des sogenannten „sanften Rebschnitts“. Dabei handelt es sich um ein System, das Weinreben weniger stark verletzt und langfristig den vitalen Aufbau der Rebe und einen guten Wasserfluss gewährleistet. Ziel sind gesündere Rebstöcke, die nicht nur länger leben, sondern auch eine bessere Traubenqualität erbringen. Aufgrund der langjährigen Bekanntschaft liess es sich Simonit nicht nehmen, Domínio do Açor persönlich zu betreuen, und dabei ging es nicht nur um den Rebschnitt, sondern um die ganze Konzeption eines regenerativen Betriebs. In den rund 11,5 Hektar Reben (der ganze Betrieb ist 21 Hektar gross) werden nun auch ökologische Spots geschaffen.

Und der Winemaker Luís Lopes, Perfektionist mit viel Gefühl.
Guter Wein entsteht im Rebberg. Alle der geschilderten Aktionen zielen darauf hin, perfektes Traubenmaterial einzubringen. Damit ist es aber bei Domínio do Açor noch nicht getan. Auch für die Vinifikation konnte mit Luís Lopes eine Kapazität als Consultant Winemaker gewonnen werden. Luís stammt aus einer portugiesischen Winzerfamilie und hat nach seiner Ausbildung zum Oenologen wertvolle Erfahrungen im Burgund bei Comtes Lafon, in Neuseeland sowie in Deutschland bei Gunderloch gesammelt. Seit seiner Rückkehr nach Portugal verantwortet oder begleitet er die Weinproduktion bei so renommierten Projekten wie Quinta da Pellada, António Madeira und Quinta das Marias.
Winemaker und Winzer vor Ort, João Costa – mit Erfahrung in Twann.
Luís Lopes wird vor Ort unterstützt durch den Resident-Winemaker und Winzer João Costa, der übrigens auch in der Schweiz beim Johanniterkeller in Twann Erfahrungen gesammelt hat und dort von Martin Hubacher mit Sicherheit auch Akribie mit auf den Weg bekommen hat.

Wenn man Luís Lopes Ausführungen lauscht ist das nicht nur eine spannende Lehrstunde in Oenologie, sondern auch die Erkenntnis, dass hier ein absoluter Perfektionist am Werk ist – aber kein Technokrat, sondern ein Weinmacher mit Forschergeist und Gefühl. Und einer, der die Natur grundsätzlich selbst machen lässt. So wird auf den Wildhefen vergoren und Schwefel sieht der Wein erstmals am Ende des Hefelagers. Zudem wird nicht filtriert – zwei Winter im Keller stabilisieren den Wein genügend.
Intervenieren beim Weinmachen? Unbedingt! Aber mit Gefühl.
Trotzdem ist sein Credo, dass Weinmachen nicht einfach den Wein machen lassen, sondern im richtigen Zeitpunkt intervenieren heisst. Wobei intervenieren bei Luís Lopes nicht den Einsatz von Hilfsmitteln bedeutet, sondern den Wein beobachten und ihn etwa im richtigen Zeitpunkt von der Maische zu nehmen oder umzuziehen. Kein Jahr ist wie das andere, und kein Wein entwickelt sich immer gleich.
BSA auch bei Weissweinen – die Uni hat nicht immer recht!
Gleich sind bei der Weinbereitung eigentlich nur zwei Dinge: Alle Weine durchlaufen den biologischen Säureabbau und lagern danach für 11 Monate auf der Feinhefe, wobei keine Bâtonnage erfolgt. Luís Erfahrung damit ist, dass zwar crémigere, „fette“ und anfangs gefälligere Weine entstehen, die allerdings selten gut altern. Luís Lopes hält es für einen – heute noch an der Universität gelehrten – Irrglauben, dass Weissweine nur ohne BSA knackig und frisch ausfallen können, und die Weine von Domínio do Açor beweisen das auch auf’s Schönste. Wichtig sind vielmehr die richtige, säurestarke Sorte und eine gute Laubarbeit. Und vor allem natürlich die richtige klimatische Lage und ganz besonders gute Böden. Diese sind wie ausgeführt hervorragend und bringen zusätzlich Mineralität und Frische in den Wein.

Mikrovinifizierung, um die besten Lagen herauszufinden. Und eine Rückbesinnung auf alte Rebsorten.
Stichwort Böden: Pedro Parra hat aufgrund vertiefter Untersuchungen das Gut inoffiziell in Grands Crus, Premiers Crus und Villages eingeteilt. Luís Lopes geht aber noch weiter: Eine seiner ersten Bitten war, die bisherigen, riesigen Tanks wegzugeben und 80 neue, kleine Tanks anzuschaffen. Er vinifiziert ganz bewusst auch innerhalb einer Parzelle die Trauben aus verschiedenen Bereichen separat und eignet sich so mit den Jahren das Wissen an, woher unter welchen klimatischen Enflüssen jeweils die besten Partien stammen. Zudem gibt das Vorgehen Hinweise darauf, welche Sorten wirklich für die Böden und das Klima geeignet sind. Bereits hat man auf dem Gut begonnen, Neupflanzungen mit alten lokalen Sorten vorzunehmen, welche auch der Klimaerwärmung besser trotzen können. Und bei geeigneten Sorten, die schon auf dem Gut wachsen (etwa Bical) werden die Neuanlagen mit Ruten aus massaler Vermehrung aus den bestehenden Reben gewonnen.
Das Ziel dieses Aufwandes ist, die Weine noch besser zu machen und auch die Auswahl der besten Trauben für die Crus auf Erfahrungen basierend vornehmen zu können. Weil in den ersten Jahren genau diese Erfahrung fehlte, wurde die Auswahl übrigens mittels Proben und degustativen Eindrücken von Traubenbeeren vorgenommen.
Geld spielt (k)eine Rolle.
Spiel Geld also auf diesem Betrieb keine Rolle? Angesichts all dieser Investitionen könnte man durchaus auf diese Idee kommen. Guilherme Corrêa winkt aber ab: „Wir sind eine Besitzergruppe aus Brasilien, und allen Miteigentümern geht es nicht um das schnelle Geld, alle wollen grossen Wein. Aber wir sehen durchaus eine wirtschaftliche Perspektive. Wenn wir die angestrebte Produktion von 50’000 Flaschen im Jahr einmal erreichen, ist die Rentabilität gewährleistet, denn unsere Weine sind ja nicht billig“. Das Ziel scheint erreichbar, 2023 wurden 40’000 Flaschen produziert; 2024 allerdings deutlich weniger, da auch in Portugal der Mehltau-Druck sehr hoch war.
Wirtschaftlich wichtig sind indessen – einmal mehr – die Beziehungen von Guilherme Corrêa. So konnten die Weine ab dem ersten Jahr problemlos abgesetzt werden, von den Crus gibt es schon heute viel zuwenig. Inzwischen wird in die USA, nach Japan, Holland, Dänemark, Grossbritannien, in die Schweiz und natürlich nach Brasilien exportiert. Und erstaunlicherweise sogar ins Nachbarland Spanien, wo portugiesischer Wein sonst ein Nischendasein fristet.
Unter Berücksichtigung der Qualität vernünftige Preise.
Bezüglich Preisentwicklung darf man gespannt sein. Die beiden Basisweine sind meines Erachtens mit CHF 25.00 (weiss) und 22.00 (rot) in Sachen Preis-/Leistung in einem sehr guten Verhältnis. Und die Crus liegen mit rund CHF 50.00 (sofern man sie denn überhaupt kaufen kann) angesichts der Spitzenqualität ebenfalls in einem vernünftigen Rahmen, auch wenn das natürlich teuer ist. Auf Nachfrage meinte Guilherme Corrêa, dass trotz sofortigem Erfolg und grosser Nachfrage nicht geplant sei, die Preise über die Teuerung hinaus zu erhöhen, „wir sind immer noch in Portugal“. Es wird spannend, das in zehn Jahren einmal zu überprüfen!

Das Burgund des Südens. Etwas mehr als nur Marketing.
Der Bericht über Domínio do Açor wäre unvollständig, ohne auf die genaue Herkunft einzugehen. Das Gut befindet sich in Oliveira do Conde, rund zweieinhalb Autostunden von Lissabon und eineinhalb von Porto entfernt. Dão, etwas südlich von Porto im Landesinnern gelegen, ist eine der ältesten Appellationen in Portugal. Ringsum von Bergen abgeschirmt, verfügt das Gebiet über ein spezielles Klima, rauh im Winter, heiss im Sommer, kühl aber sonnig im Herbst – ideal für den Rebbau. Die eleganten Weine haben dem Gebiet auch das Prädikat „Burgund des Südens“ eingebracht. Das mag, schon aufgrund der Rebsorten, als Marketing-Gag abgetan werden, hat aber doch einen Kern Wahrheit. Dabei spielt eine grosse Rolle, dass das Meer vor Portugal kalt ist.
Frische, Mineralität und Eleganz als Markenzeichen.
Ja, aber wie schmecken denn nun die Weine von Domínio do Açor? Auf der Homepage des Gutes wird als Ziel „Eleganz, Frische und Mineralität“ angegeben. Und nach der Degustation von sechs Weinen kann ich ganz neutral feststellen: Ziel vollumfänglich erfüllt! Frische und Mineralität sind in allen Weinen aussergewöhnlich und gehen, mit Ausnahme des Vinha Ruína Cerceal, nie zu Lasten der Fruchtigkeit – und sehr elegant sind alle Weine (da kommt halt der Ausdruck „Burgund des Südens“ doch wieder hervor).
Die Weissweine haben mich noch etwas mehr inspiriert als die Roten – die drei Crus sind wirklich Weltklasse, und auch der Basiswein genügt sehr hohen Ansprüchen. Interessant ist, wie unterschiedlich die Crus ausfallen. Hervorragend sind alle, der Vinha Ruína Cerceal ist mit wenig Frucht puristisch, aber hochinteressant und animierend, der Vinha Celta Bical ist bei aller Mineralität auch sehr fruchtig und dicht, und der Encruzado stellt so etwas wie die Quintessenz aus den beiden anderen Crus dar. Eigentlich will man da gar nicht auswählen, sondern alle geniessen!
Der Basis-Rotwein bietet ebenfalls sehr viel Klasse (und Frische) für sein Geld, steht aber etwas im Schatten des Tinta Pinheira, der ein Beweis dafür ist, dass ein Wein sehr wohl äusserst kraftvoll und tanninbetont, gleichzeitig aber auch enorm fruchtig, frisch und elegant auftreten kann.
Alles in Allem: Dieses Gut und diese Weine sind eine wunderbare Entdeckung, die man wirklich nicht alle Jahre macht! Und fast mit Sicherheit werden die besten Weine des Gutes in den nächsten Jahren sogar nochmals feiner – dem aktuell schon sehr hohen Niveau zum Trotz!
Degustationsnotizen:

Domínio do Açor Branco 2022
Mittleres Gelb; sehr feine, komplexe Nase, fruchtig (Mirabellen, weisse Pflaumen, etwas Zitrus), mineralischer Toch; sehr frisch, saftig und druckvoll, äusserst dichter Körper, schöne Säure, etwas feines Tannin spürbar, sehr langer Abgang. 17,5 Punkte.
Dominio do Açor, Vinha Ruína Cerceal, 2023
Helles, sehr klares Gelb; zurückhaltende Nase mit etwas Aprikose und Orangenzesten, eher schlank aber doch sehr druckvoll, elegant, frisch und mineralisch, schöne Säure. Fast unendlicher Abgang. Mineralischer, puristischer Wein mit Klasse. 18 Punkte.
Domínio do Açor, Vinha Celta Bical, 2023
Helles, glänzendes Gelb; sehr feine Nase mit Anflügen von Mandarine und Orangenzesten; dichter Körper, Frische ohne Ende, eher tiefe, aber saftige Säure, fruchtig im Mund, dabei aber auch viel Mineralik; sehr langer, wiederum fruchtbetonter Abgang. Klasse! 18,5 Punkte.
Domínio do Açor, Encruzado 2023
Helles Gelb; verhalten in der Nase, Anflüge von Zitrus und Rhababer; im Mund sehr dicht, schöne Säure, äusserst frisch und mineralisch, runder Trinkfluss, extrem langer Abgang. Grosser Wein! 18,5 Punkte.
Domínio do Açor Tinto 2022
Mittleres Purpur; zuerst reduktiv in der Nase, dann sehr intensive rote und dunkle Frucht; „strenger“ Wein mit viel Tannin, adstringierend aber nicht trocknend, frisch, gute Säure, hat auch eine gewisse Eleganz, langer Abgang. 16,5 Punkte.
Domínio do Açor, Tinta Pinheira 2022
Dunkles Purpur; zuerst verhalten, mit etwas Luft fruchtig mit Schwergewicht auf reife, wilde Heidenbeeren; elegant fliessend, sehr dichter Körper, viel feines Tannin (fast zum Abbeissen), gute Söure, frisch, sehr fruchtbetont auch im Mund, langer Abgang. Berührender, „lebendiger“ Wein. 18 Punkte.
Links:
Homepage des Weinguts:
Domínio do Açor – Great wines of elegance, freshness and minerality in Portugual
Sites von Pedro Parra und Marco Simonit:
ABOUT ME | pedroparrachile
Home – Simonit&Sirch
Bezugsquelle Schweiz (Deutschland noch ohne Vertretung):
Domínio do Açor Branco 2022 Dominio do Açor | TERRAVIGNA AG | Wein Onlineshop | terravigna.ch
Dominio do Açor Tinto 2021 Dominio do Açor | TERRAVIGNA AG | Wein Onlineshop | terravigna.ch
(Die Crus sind extrem rar, vom Encruzado wurden beispielsweise nur etwas mehr als tausend Flaschen produziert. Sie sind deshalb vorerst primär der Gastronomie vorbehalten.)
Die Weine wurden auf Einladung von Terravigna AG, Utzensdorf, im Beisein von Guilherme Corrêa und Luís Lopes im empfehlenswerten Remy Restaurant-Bar in Zürich (Kalkbreitestrasse 33) zusammen mit Vertretern der Spitzengastronomie degustiert.
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