Die argentinischen Weine des „Sassicaia-Enkels“: Nach 99 Suckling-Punkten eine leise Enttäuschung – aber trotzdem eine Empfehlung!

Zuweilen kann es für ein Weingut auch ein Nachteil sein, wenn ihm lobpreisende Vorschusslorbeeren vorauseilen. Die Pinots und der Chardonnay von Chacra aus Argentinien mit bis zu 99 Suckling-Punkten gehören zu dieser Kategorie. Sie sind tatsächlich gut bis sehr gut und vor allem stilistisch hochinteressant – und können für mich die riesigen geschürten Erwartungen doch nicht ganz erfüllen.

In meinem Beitrag über einen Wein aus Rio Negro in Patagonien hatte ich kürzlich bereits auf den benachbarten Betrieb Chacra mit diesen Worten hingewiesen:
Ein renommierter Weinfachmann aus Italien hat aber schon vor mehr als 20 Jahren hier investiert. Piero Incisa della Rocchetta (ein Enkel des Sassicaia-Gründers) hat in Rio Negro 2004 die Bodegas Chacra gegründet und kreiert hier Pinot noir und Chardonnay (und jetzt auch etwas Malbec) von höchster Qualität, ja von Weltklasse. James Suckling hat den jüngsten „Treinta y Dos“ (Pinot noir 2023) sowie den Chardonnay 2023 mit je 99 Punkten beehrt.

Wie in jenem Beitrag angekündigt, habe ich mir einige Flaschen des Gutes besorgt – und sorry, ich kann die Lobeshymnen von Suckling und von diversen Weinhändlern nicht ganz nachvollziehen. Vielleicht verstehe ich ja diese Weine einfach nicht, aber für mich liegen zwischen Bolgheri und Rio Negro nicht nur rund 12’000 Kilometer Distanz, sondern auch mindestens zwei Bewertungspunkte – dies wohl wissend, dass man die Weine natürlich nicht vergleichen kann.

Die Weine von Chacra – die beiden, die mich begeisterten (der Chardonnay und der Pinot Noir Lunita) in der Bildmitte.

Ich suche nach den 99-Suckling-Punkten

Vorab, der teuereste und hochgelobteste Wein, der Treinta y Dos (über CHF/Euro 100.00) hatte einen schrecklichen Korkschmecker, so dass ich diese 99 Suckling-Punkte nicht beurteilen kann. Beim gleich hoch bewerteten Chardonnay hingegen bleibt mir nur Unverständnis (oder eben vielleicht meine Unfähigkeit, diesen Wein zu verstehen). Es ist ein durchaus sehr schöner und empfehlenswerter Chardonnay, stilistisch sogar hochinteressant und „outstanding“ und in diesem Sinne eigentlich als Erfahrung ein Muss für jeden Weinliebhaber – aber 99 Punkte? Er gefällt mir sehr, und ich habe ihn mit 17,5 durchaus hoch bewertet – aber das wären dann „nur“ 93 Punkte auf der 100er-Skala.

Lunita: Ein Pinot der zeigt, dass diese Sorte in Argentinien reüssieren kann

Sehr ähnlich ging es mir mit den Pinot Noirs. Der Lunita hat mir sehr gefallen, das ist effektiv ein Cool-Climat-Pinot der schönen Sorte, fruchtig, elegant, finessenreich. Stilisisch ist auch er spannend, scheint mir aber etwas weniger aussergewöhnlich als der Chardonnay. Auch hier stehen 98 Suckling-Punkte meinen 17,5 bzw. 93 Punkten gegenüber. Trotzdem lohnt sich natürlich eine Entdeckung – wer hatte schon einen wirklich hervorragenden Pinot aus Argentinien im Glas?

Und dann auch etwas Ratlosigkeit

Definitiv nicht mehr mit den Wein-Koryphäen komme ich hingegen bei den anderen Weinen mit. Der Basiswein Barda ist gefällig, süffig und schön, aber solche Weine gibt es in unseren Breitengraden zu besseren Preisen hundertfach. Der ebenfalls hochgelobte und – wie der Unita über CHF/Euro 50.00 teure Cincuenta y Cinco – hat mich schlicht ratlos gelassen (siehe Degunotiz). Nach dem späteren Kork-Erlebnis mit dem Treinta y Dos habe ich mir immerhin die Frage gestellt, ob bei diesem Wein vielleicht ein beginnender Kork-Schleicher im Spiel war. Und schliesslich noch der ungeschwefelte „Sin Azufre“: Auch da, ein spannender, aber nicht zu Begeisterungsstürmen anregender Wein, der beispielsweise dem ebenfalls ungeschwefelten und preislich tieferen „Broger-dynamisch Ottoberg“ aus der Schweiz das Wasser (oder eben den Wein) nicht reichen mag. Auch da kann ich die 95 Suckling-Punkte nicht so richtig verstehen.

Grosse, eigentständige Weine – für Entdecker ein Muss

Trotzdem: Der Chardonnay und der Lunita sind grosse Weine, die auch sehr eigenständig daherkommen und in diesem Sinne wohl als „typisch Patagonien“ bezeichnet werden können. Und deshalb sind diese Weine von Chacra für alle, die ausgetretene Pfade verlassen und Neues kennenlernen wollen, eine absolute Empfehlung wert.

Meine Kritik ist deshalb auch sehr zu relativieren: Wenn zwei Weine 17,5 Punkte ereichen, handelt es sich um eine grosses Weingut. Zudem schafft Chacra etwas, was in der Weinwelt sehr selten ist: Man hat hier einen eigenen Weinstil entwickelt, der sich keiner anderen Pinot/Chardonnay-Gegend dieser Welt anbiedert.

Ein Weingarten von Chacra in Patagonien – biodynamische Pinots und Chardonnays aus nachhaltigem Anbau (Bild: Press-Kit 2025 von Chacra)

Nachhaltigkeit gross geschrieben

Dazu kommt, dass das Gut in Bezug auf die Bewirtschaftung sehr vorbildlich agiert. Nicht nur wird hier bio-dynamisch gearbeitet; es wurden auf dem mit 24 Hektar Fläche eher kleinen Betrieb auch 40’000 Bäume als Schattenspender gepflanzt, und hunderte von Bienenvölkern sorgen für eine gesunde Biodiversität. Die Flaschen sind übrigens, zuerst etwas gewöhnungsbedürftig, mit Bienenwachs versiegelt. Wenn man aber weiss, weshalb dieser fast durchsichtige Wachs eingesetzt wird, nimmt man das beim Öffnen der Flaschen dann sehr positiv und fast rituell wahr!

Einzigartig: Die Flaschen sind mit Bienenwachs versiegelt!

Versuchen Sie diese Weine – ganz unvoreingenommen!

Alles in Allem: Die Weine von Chacra sind ein bemerkenswertes, positives und lehrreiches Erlebnis, teilweise auch sehr hochklassig – und ohne die hohe Erwartungshaltung, die durch die extrem hohen Bewertungen bei mir vorhanden war, hätte ich das Gut wohl in den höchsten Tönen gelobt.

Soviel zum Thema Unvoreingenommenheit …

Degustationsnotizen

Mainqué, Chardonnay, Patagonia, 2023
Helles Gelb; feine, aber eher zurückhaltende Nase mit fruchtigen Anflügen (Birne, Lychee, weisser Pfirsich, etwas Zitrus) und floralen Noten; im Mund mit sehr viel Frische und Mineralik, auch fruchtige Wahrnehmungen, etwas, aber sehr gut eingebundenes Holz praktisch ohne „Toast“-Effekt, schöne Säure, erstaunlich dichter Körper, etwas Williams-Schnaps im sehr langer Abgang, aber ohne alkoholisch zu wirken. Eleganter und unaufdringlicher, aber gerade deshalb so schöner Chardonnay. Toll. 17,5 Punkte.

Barda, Patagonia, Pinot Noir, 2023
Mittleres Rot; auffallend florale Nase, dazu auch grüne Töne, insbes. Brennnessel, fruchtige Anflüge von Blaubeere und Himbeere; im Mund sehr filigran bis eher etwas „dünn“, dabei aber fruchtbetont, aufgrund einer zurückhaltenden Säure auch sehr rund wirkend. Schöner, süffiger aber auch etwas harmloser Wein. 15,5 Punkte

Sin Azufre, Patagonia, Pinot Noir, 2023
Mittleres, mattes Rot; fruchtige Nase (Himbeere, Erdbeere), leicht säuerliche Noten, dezenter Anflug von Hefe; im Mund eher dünn und etwas spröd, schöne, prägnante, aber nicht übertriebene Säure, zurückhaltend im Tannin, kurzer, aber schön fruchtiger, zugleich aber auch etwas bitterer und säurebetonter Abgang. 15,5 Punkte.

Cincuenta y Cinco, Patagonia, Pinot Noir, 2023
Mittleres, glänzendes Rubin; intensive rote Frucht (Erdbeere, Johannisbeere, Himbeere); im Mund zuerst fast zerbrechlich filigran wirkend, dann im hinteren Teil des Gaumens aber auch „zupackend“, relativ viel Säure, etwas grünliche Tannine, fruchtig im mittleren Abgang. Vermutlich verstehe ich diesen Wein einfach nicht, er ist auch durchaus gut, aber ich komme einfach „nur“ auf 16,5 Punkte.

Lunita, Patagonia, Pinot Noir, 2022
Mittleres, glänzendes Rot; fast betörend fruchtbtonte Nase mit Walderdbeere, Himbeere und etwas Zwetschge; mittlerer Körper, angenehme Säure, rund fliessend, leichte Bitterkeit, auch im Mund fruchtbetont, langer Abgang. Finessreicher, eleganter Pinot, sehr schöner Wein. 17,5 Punkte.

https://www.bodegachacra.com

Bezugsquellen (u.a.)
CH:
Patagonien | Gerstl Weinselektionen
D:
Bodega Chacra Weine kaufen – Lobenbergs Gute Weine

Und der Link auf meinen Blogbeitrag über Humberto Canale aus Rio Negro/Argentinien:
Cooler Wein aus Patagonien – etwas wirklich nicht Alltägliches! Dabei gedeiht hier Weltklasse! – Victor’s Weinblog


Interessennachweis:
Die Weine wurden als 6er-Degustationspaket käuflich im Handel erworben.

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