Tot bé: alles ist gut! So heisst der Wein aus dem Montsant der Schweizerin Caroline Dessort. Sowohl der Wein als auch die Geschichte dahinter sind alles ausser gewöhnlich, ja, man könnte durchaus sagen „paradiesisch“.
«Als sie das Auto stoppte, ausstieg und um sich blickte, sagte sich Caroline Dessort: So muss das Paradies aussehen. Karge Hügel, alte Rebstöcke, die tief in der trockenen roten Erde wurzeln, umrahmt von Bergketten, die vor Unwettern schützen». So beginnt ein Artikel in der Berner Zeitung, welche Caroline Dessort, die sich den Traum vom eigenen Wein verwirklicht hat, schon im Jahr 2020 sehr feinfühlig portraitiert hat.

Montsant: Spätberufener Senkrechtstarter
Montsant ist nicht nur ein landschaftlich faszinierendes Gebiet, sondern auch in Bezug auf den Wein ein spezielles. Erst seit 2002 darf der Wein als eigene DOP vermarktet werden, zuvor trugen die Weine den Namen der etwa 40 Km entfernten Stadt Tarragona. Das Rebbaugebiet von Montsant umfasst das noch berühmtere Priorat fast vollständig, es wirkt auf der Karte wie ein Schutzring, der um das ganze Priorat gelegt wurde.

Auch heute noch schwärmt Caroline vom Gebiet. Ein Paradies ist das Montsant für sie weiterhin, allerdings in den letzten Jahren ein sehr trockenes, weil sich die Klimaveränderung auch hier mit fehlendem Niederschlag bemerkbar macht, was den Weinbau nicht einfacher werden lässt.

Überhaupt ist das mit dem Paradies so eine Sache: Was nützen die schönste Gegend, die besten Böden, die spannendsten Rebsorten und ein begnadeter Oenologe, wenn das nötige Kleingeld für den Kauf von Rebflächen fehlt? Ein Traum ist es für Caroline weiterhin, ebenso, wie eines Tages auch einen Weiss- und einen Schaumwein im Sortiment haben zu können.
Bio und ein Top-Oenologe
Caroline behilft sich, indem sie selektionierte Trauben zukauft, und zwar in Bioqualität, auch wenn das nicht per Zertifikat zu beweisen ist. Und dann ist da eben der Oenologe, Toni Coca, der in einer Winzerfamilie im Penedés aufgewachsen, als önologischer Berater auf verschiedenen Gütern im Priorat tätig ist und in Montsant zusammen mit seinem Bruder die Bodega Coca i Fito führt. In engem Austausch zwischen Caroline und ihm entsteht der Tot bé, so entschloss man sich etwa, für die Vinifikation autochthonen Hefen zu verwenden.

Der Wein nach dem Gusto der Weinfachfrau Caroline Dessort
Caroline weiss sehr wohl, wie ihr Wein schlussendlich schmecken soll. Als Absolventin der Weinakademie in Österreich und langjährige Weineinkäuferin kann ihr auch ein Oenologe kein X für ein U vormachen. Und feinfühlig ist sie dazu: Als ich ihr meine einzige kleine Kritik an ihrem Wein mitteilte, nämlich, sagen wir mal nicht die allerfeinsten (aber durchaus nicht groben) Tannine, fragte sie mich, ob ich den Tot bé während einer Tiefdrucklage genossen habe – das verändere nämlich die Wahrnehmung der Weinqualität erheblich, sie beobachte das seit Langem.
Jahrgang 2016 im Verkauf – ein Postulat gegen zu jung getrunkene Weine
Bleibt die Frage, warum aktuell nur der erste Jahrgang 2016 auf dem Markt ist? Caroline sagt dazu: „Der 2016er ist bewusst jetzt auf dem Markt, da ich der Meinung bin, dass die Leute grundsätzlich zu jungen Wein trinken und auch die Möglichkeit nicht mehr haben, Wein unter top Voraussetzungen zu lagern. Darum tue ich dies für den Konsumenten. Er erhält ein Produkt, welches ready to drink ist“. Tatsächlich ist der 2016er jetzt in einer wunderschönen Trinkreife (auch wenn er aus meiner Sicht sogar noch zulegen wird). Und somit werden auch die Nachfolgejahrgänge immer dann auf dem Markt kommen, wenn sie mit genügend Reife ihr volles Potential zeigen können.
Leben kann Caroline von Ihrem Weinprojekt aktuell ohnehin nicht, zumal viele der anfangs eingespurten Veranstaltungen Corona zum Opfer fielen. So war und ist sie immer wieder auch in anderen Tätigkeiten unterwegs. Als Frau mit viel früherer Erfahrung im Event-Management ist sie aktuell bei Valais/Wallis Promotion für den Auftritt des Kantons an der Olma 2025 in St. Gallen verantwortlich. Wetten, dass das Wallis einen paradiesischen Auftritt hinlegt?
Garnacha Peluda – die behaarte, die sich auf der Etikette wiederfindet
Der Tot bé ist eine Assemblage aus 50 % Garnaxta, 25 % Syrah, 20 % Cariñena und 5 % Cabernet Sauvignon, wobei letzterer in kommenden Jahrgängen nicht mehr enthalten sein wird. Speziell ist der Klon der Garnacha (Garnaxta in Katalonisch), was sogar auf der Etikette zum Ausdruck kommt. Es handelt sich bei diesen Trauben nämlich um eine Mutation der Grenache/Garnacha, die in Spanien Garnacha Peluda heisst, aber vor allem im Languedoc unter dem Namen Lledoner Pelut auf immerhin fast 500 Hektar angepflanzt wird (Quelle: Wikipedia). Der äusserliche Hauptunterschied zur „normalen“ Garnacha zeigt sich auf der Unterseite der Blätter, welche pelzig behaart ist. Und genau diese Haptik wird mit der Etikette aufgenommen; sie zeigt nicht nur Haare, sondern ist auch leicht dreidimensional, so dass sich der Eindruck auch mit den Fingern ertasten lässt.

Ebenso eindrucksvoll wie das Streichen über die Etikette ist es aber, den Wein in der Nase und auf dem Gaumen zu geniessen. Das Fazit voraus: Ein ganz toller Wein – alles ist gut!
Degustationsnotiz
Dunkles, fast undurchdringliches Purpur; helle und dunkle Fruchttöne (Johannisbeere, Himbeere, Weichselkirsche, Pflaume, Brombeere), sehr dezenter Anflug von Vanille, auch zurückhaltende Töne von Brennnesseln, etwas Garrigue; im Mund enorme Frische, gepaart mit sehr viel, mittelfeinem Tannin, schöne, angepasste Säure, fruchtig, fast nicht endender Abgang, zuerst fruchtbetont, dann mit spürbarem Tannin-Nachhall. Kräftiger, aber trotz viel Tannin auch eleganter, toller Wein, der noch keinerlei Alterstöne zeigt. Kraft mit Samtpfoten! 18 Punkte.
Bezugsquelle:
Tot bé – concept in time
Für mehr Infos über Caroline Dessort:
Die Weinliebhaberin | Berner Zeitung
Caroline Dessort | Wine secrets
Interessennachweis:
Der Wein wurde zu Degustationszwecken von Weinfreund Philipp Uehlinger (Concept in time) ohne Verpflichtung zur Verfügung gestellt.

Gratulation zu diesem schönen (auch wunderbar bebilderten) Artikel. Die Landschaft erinnert ein bisschen an die Reblandschaften in Zypern. Ein Wein-Projekt, das man im Auge haben muss.