Weine aus Zypern: weit mehr als ein Ferienflirt!

Eigentlich ist es verrückt: Zypern kann geschichtlich auf eine über 6’000 Jahre alte Weinbaugeschichte zurückblicken. Aber aktuell fristen die Weine von der Mittelmeer-Insel in Mitteleuropa immer noch ein Mauerblümchendasein. Völlig zu Unrecht!

Mara: Vielleicht hatten Sie ja in den Sommerferien auf Zypern gerade einen kleinen Flirt mit der Inselschönheit? Nun gut, Mara heisst eigentlich Maratheftiko und ist eine Rebsorte. So wie Xynisteri oder Yiannoudi und diverse weitere, autochthone Sorten.

Dass die Weine von der Ferieninsel bei uns kaum bekannt sind, ist geschichtlich gesehen allerdings kaum verwunderlich. Ein rundes Jahrhundert lang produzierte man hauptsächlich Massenwein für den englischen und zweitweise auch den französischen (!) Markt. Gemäss Wikipedia wurden in den 1960er-Jahren in England 13,6 Mio, Liter zyprischer Wein konsumiert, u.a. auch „Sherry“ von der Insel. Die Massenproduktion soll 1968 gar im Versuch gemündet haben, Wein wie Rohöl in einer Pipeline auf Schiffe zu verladen!

Die Zeiten sind vergangen, heute besinnt sich Zypern auf sein Wein-Kulturerbe und in den meisten Fällen auch auf Qualität. Und eben auf unikate Rebsorten wie die Inselschönheit Mara. Trotz allem haben es auch internationale Sorten auf die Insel geschafft, insbesondere Syrah, Cabernet Sauvignon, Carignan, Grenache und Viognier – was für das Mittelmeer-Klima ja nicht so verwunderlich ist.

Von wegen „die höchstelegenen Weinberge Europas liegen im Wallis“: In Zypern wird Weinbau bis in eine Höhe von 1’500 m.ü.M. betrieben! (Bild zvg)

Trotzdem, was die Weine aus Zypern so aussergewöhnlich macht, sind wirklich die autothonen Sorten. Damit wird eine enorme Eigenständigkeit erreicht. Gleichzeitig sind Mara und Co. in ihrem Aufteten aber auch nicht so abseits des europäischen Geschmacks, dass sie zu gewöhnungsbedürftig wären. Ich bin überzeugt, man darf den Weinen aus Zypern eine grosse Zukunft (wenn auch in einer Nische) des europäischen Weinmarktes voraussagen. Und wer als Weinfreund das nicht einmal – mit mehr als einem Flirt – probiert, hat eine Erfahrung verpasst.

Degustationsnotizen:

Parade toller Weine aus Zypern – eben, weit mehr als ein Ferienflirt!

Alátes 2019
Vlassides Winery, Rebsorte Xynisteri
Helles Gelb; zurückhaltende Nase mit feinen Nuancen von Zitrus, Rebenblüten und Mandeln; knackige, erfrischende Säure, knochentrocken, im Mund fruchtbetont-saftig, mittlerer Abgang. Süffiger Ferienwein der schönen Art. 15,5 Punkte (gut).

Petritis 2019
Kyperounda Vinery, Rebsorte Xynisteri, gewachsen auf 1’400 m
Helle Gelb; frischer Duft nach Apfel, Zitrus, weissen Pfirsich und Aprikose, wirkt, als wäre etwas Holz im Einsatz gewesen; im Mund sehr frisch, wirkt leicht tanninhaltig (?), schöne Säure gepaart mit einem leichten, erfrischenden Bitterton, mittlerer Abgang, von Aprikosenaroma geprägt. Schöner, eigenständiger, erfrischender Wein. 16 Punkte (am oberen Ende der Skala gut).

Xynisteri 2020
Zambartas Wineries, Rebsorte Xynisteri
Helles Gelb, Duft nach grünem Apfel und Stachelbeeren, auch Anflüge von Holunderblättern; sehr frisch, fruchtbetont, leichter, schöner Bittertouch, erstaunlich dichter Körper, sehr mineralischer Abgang. Süffig, aber keineswegs harmlos. Sehr spannender Wein, der mehr als nur eine Abwechslung im mitteleuropäischen Weisswein-Eintopf. (16,5 Punkte = sehr gut).

Omiros 2015
Aes Ambelis Winery, Rebsorte Maratheftiko
Mittleres Rot, mit leichten Brauntönen; Boskoop-Apfel (leicht oxydativ), etwas medizinal, Rosinen; stark adstringierend und leicht trocknend im Mund, schöne Säure, kräftig und druckvoll opulent. Wein mit schönen Ansätzen, aber vielleicht hat man hier fast zuviel gewollt.
Ist quasi ein „Flaggschiff“, was auch mit einer Flasche ausgedrückt wird, die auch leer noch schwerer wirkt als andere voll. Wird viele Liebhaber gewinnen, mir persönlich ist er zu rustikal und „gemacht“. Bin gespannt auf andere Jahrgänge. 15 Punkte (knapp gut)

Shiraz – Lefkada 2018
Zambartas Wineries
Mittleres bis dunkles Purpur; würzig und fruchtig, Thymian, Wacholder, Dörrpflaumen, Brombeeren, etwas Lakritze; im Mund ausgewogen, „saftig“, viele feine Tannine, gute Säure, kraftvoll, im Abgang mit leicht süsslichem Fruchttouch, gelungener Wein. Blind würde ich auf Südafrika tippen. 16,5 Punkte (sehr gut).

Yiannoudi 2016
Vouni Panayia Winery, Rebsorte Yiannoudi, gewachsen auf 1’000 m
Mittlere Rubin, Duft nach Rosinen und Lorbeer; kräftige Tannine, schöne Säure, leichter Bittertouch, strotzt vor Kraft, hat aber trotzdem eine gewisse Elegant und wirklich nicht breit, fast unendlich langer Abgang. Eigenständiger, spannender Wein. 16,5 Punkte (sehr gut).

Maratheftiko 2019
Zambartas Wineries
Mittleres Purpur; intensiver, sinnlicher Duft nach dunklen Kirschen, Brombeeren und Thymian, leichter Anflug von Tabak und Zedernholz (dabei lagerte er in Eiche ….); sehr feine Tannine, gut stützende Säure, bei aller Kraft eher auf der eleganten Seite, sehr langer Abgang. Noch sehr jugendlich, dürfte sich in 1-2 Jahren noch schöner zeigen. 16,5 Punkte (sehr gut).

Oroman 2017
Vlassides Winery, Rebsorte Yiannoudi mit kleinem Anteil Shiraz
Dunkles Purpur; Brombeer, Heidelbeer, Kirschen, Zimt, Vanille; schöne Säure, vollgepackt mit feinen Tanninen, kraftvoll und doch auch elegant, spürbares, gut eingebundenes Holz, im langen Abgang Alkohol etwas spürbar. 17 Punkte (sehr gut).


Genialer Süsswein!

Eine Geschichte für sich: Die Commandarias

Die Commandarias aus Zypern sind wahrscheinlich die ältesten Süssweine der Welt und sollen bereits in der Antike, 700 Jahre vor Christi, hergestellt worden sein. Wie auch immer, die Commandaria, die ich probieren konnte, ist schlicht umwerfend! Diese Spannung im Wein, diese unglaublich elegante Balance zwischen einer schönen, aber nicht überladenen Süsse und einer stützenden Säure und viel Frische! Umwerfend!

Ich gehe heute nur mit dieser Degustationsnotiz darauf ein und werde später einen separaten Artikel dazu schreiben. Aber dafür muss ich mir zuerst die besten Malagas, Madeiras und Marsalas zum Vergleich besorgen. Ich bin überzeugt, dass diese Commandaria mit allen mithalten kann!

Commandaria St. Nicholas 2017
Etko Ltd., Rebsorten Mavro und Xynisteri
Mittleres Malaga-braun; ein ganzer Duftladen in der Nase: Rosinen, Zimt, Nelken, aber auch exotische Früchte und sehr dezent Anflüge von Caramel; im Mund dezente Süsse bei gleichzeitig schöner Säure, wirkt dadurch sehr ausgewogen, frisch und rund, Alkohol ist in Form einer „Feurigkeit“ merkbar, keine Spur von Brandigkeit. Fast nicht endend wollender Abgang, in dem sich wiederum Süsse und Säure wunderbar die Waage halten. Von A-Z reintönig und umwerfend gut. 18 Punkte (mindestens!).

Bezugsquelle Schweiz:

Startseite – Paphos-Weine GmbH (paphosweine.ch)

Und die Links zu den Weingütern:
Vlassides Winery
Αρχική – Kyperounda Winery
Zambartas Wineries – Zambartas Wineries
Home – Aes Ambelis
Home | Vouni Panayias Winery (vounipanayiawinery.com)
Welcome to : ETKO WINES


Die Weine des Thierry Constantin: ein Gesamtkunstwerk!

Das Wallis ist für mich das am meisten unterschätze Weinbaugebiet Europas! Allein mit Weinen aus diesem Alpental könnte man problemlos jedes Essen begleiten, da über 50 verschiedene Rebsorten angebaut und auch in verschiedenen Stylen ausgebaut werden. Nebst den international bekannten Sorten sind vor allem auch die vielen Spezialitäten, teils autochthon, eine Entdeckung wert. Und das alles in generell sehr hoher Qualität zu meist noch vernünftigen Preisen! Einen der allerbesten Produzenten stelle ich hier näher vor: Thierry Constantin, „the marathon man“.

Ohne gross nachzudenken kommen mir mindestens 30 Winzerinnen und Winzer in den Sinn, denen ich im Wallis das Prädikat hervorragend erteilen würde. Mit etwas Nachdenken und -blättern wären es sicher noch weit mehr! Entsprechend mag es etwas unfair sein, wenn ich mit Thierry Constantin nur einen Produzenten herauspicke. So ganz zufällig ist die Auswahl freilich nicht. Schon bei mehreren Besuchen im Wallis bzw. bei Degustationen haben mich seine Weine immer voll überzeugt – ganz besonders, dass er durch das ganze Sortiment hindurch ein extrem hohes Niveau mit klarer Handschrift hält.
Ein früherer Bericht zum Wallis siehe hier: Walliser Weine: Spitzenklasse! – Victor’s Weinblog

Leider sind aktuell solche Degustationstage wie damals nicht möglich. Deshalb habe ich einige Flaschen von Thierry Constantin gekauft, um mir ein Urteil über den letzten Jahrgang (noch 2018 rot und 2019 weiss) bilden zu können. Die Einstufung vorab: Die Weine sind grandios!

Die Flaschen: innen und aussen ein Kunstwerk!

Der Betrieb von Thierry Constantin befindet sich in Pont-de-la-Morge, einen Steinwurf vom Wildbach Morge entfernt, welcher sich, zuweilen heftig, vom Sanetschpass hinunter in die Rhone ergiesst. Der Ort gehört zu Sion, und Thierry Constantin wohnt damit eigentlich in einer Stadt. Auf diese Idee käme aber keiner, denn gleich ennet der Hauptstrasse erhebt sich sehr ländlich der Hügelzug des Mont d’Orge, auf dessen Südseite sich allerbeste Weinlagen befinden. Die berühmte Domaine du Mont d’Or hat diesen Hang mit den charakteristischen gelben Häuschen marketingmässig herausgeputzt, aber hier besitzt eben auch Thierry Constantin Reben, auch in der Paradelage Corbassières. Nebst Parzellen auf dem Gebiet von Sion bewirtschaftet Constantin auch solche in der Nachbargemeinde Vétroz, gesamthaft umfasst der Betrieb 6,5 Hektar.

Das Gefühl und das Wissen für die richtigen Bepflanzungen
Die besten Lagen nützen aber nichts, wenn sie nicht richtig bepflanzt werden. Und da wurde Thierry sozusagen ein Geschenk in die Wiege gelegt. Seine Eltern waren schon Winzer, produzierten aber keinen eigenen Wein. Dafür betrieben sie aber eine Rebschule, und dieses schon als Kind erworbene Wissen hilft Constantin nun, die besten Reben mit den angepassten Unterlagen am richtigen Ort zu pflanzen. Für ihn steht der Entscheid, was wo gepflanzt wird, ganz am Anfang einer ökologisch sinnvollen Bewirtschaftung: Nur Reben die sich wohl fühlen, gedeihen von Natur aus problemlos und liefern bestes Traubengut.

Dass Reben, die kämpfen müssen, die besten Trauben liefern, ist eine alte Weisheit. Im Falle von Thierry Constantin zwingen die grösstenteils sehr trockenen Lagen die Reben zu Höchstleistungen. Allein schon die geringe Regenmenge in Sion (rund 600 mm p.a., Vergleich Zürich; 1100 mm), und die kargen Südhänge sowie hohe Sommertemperaturen tragen zu einem „Stressklima“ bei. Zusätzlich pflanzt Thierry Constantin aber auch eine enorme Rebendichte von 12’500 Stöcken pro Hektar.

Steil, steiler, Wallis! Der Mont d’Orge direkt vis à vis des Betriebes von Thierry Constantin.

Ein feines Händchen beweist Thierry aber auch bei der Ernte und im Keller. In bester Reife zu ernten, aber niemals zu spät, um die Frische, die Fruchtigkeit und die Säure zu erhalten, ist das erklärte Ziel. Tatsächlich fällt bei allen Weinen aus dem Haus Constantin eine enorme Frische auf – etwas, das man ja im Wallis nicht unbedingt erwarten darf, was aber seine Weine eben gerade so aussergewöhnlich macht.

Thierry ist nicht nur Winzer, sondern auch selbst Kellermeister. Und das Feingefühl setzt sich offensichtlich auch im Keller fort. Die Weissen machen – eben, um die Frische zu bewahren – keinen biologischen Säureabbau, und bei den Roten wird auf eine lange Extraktion und auf frische Frucht gesetzt, und ausser dem Gamay und dem klassischen Pinot werden alle Rotweine lange in Barriques ausgebaut (und es sei schon hier erwähnt: ohne, dass das Holz jemals dominant wird – ja teilweise kaum direkt spürbar ist).

Viel Holz, mit Feingefühl eingewoben und deshalb kaum spürbar. (Foto Sedrik Nemeth, zvg)

Die Degustationsnotizen – leider nur ein Teil des Gesamtkunstwerks
Diesmal habe ich nur fünf Weine probiert, möge Corona bald wieder Degustationen des Gesamtsortimentes ermöglichen!

Sauvignon blanc 2019
Helles Gelb; Stachelbeeren, Holunderblüten und -blätter, Passionsfrucht. Wirkt frisch geöffnet fast etwas „parfümiert“, nach etwas Lüften (und erst recht nach einigen Tagen) wird der Duft aber viel dezenter; im Mund sehr mineralisch, frisch, Säure und Süsskomplex im perfekten Gleichgewicht. Typischer, aber etwas exotischer Sauvignon, 16 Punkte (= gut im obersten Bereich)
PS: Es gab einen kleinen Rest, und nach 4 Tagen war der Wein zurückhaltender, nicht mehr exotisch und letztlich noch „besser“!

Petit Arvine 2019
Mittleres Strohgelb; Duft nach Grapefuits und Orangenschalen, florale Noten (an Flieder erinnernd); im Mund mineralisch, enorm frisch, dichte Struktur, schön eingebundene Säure, leichter, erfrischender Bitterton im langen Abgang. Grossartiger, typischer Arvine. Zusammen mit dem 2017er der Cave du Rhodan das Beste, was ich aus dieser Sorte je im Glas hatte! 18 Punkte (= hervorragend)

Humagne rouge, 2018
Mittleres Purpur; Johannisbeeren, rote Pflaumen, Dürrzwetschen; im Mund sehr „rund und fliessend“, schöne Frische, spürbare, gut stützende Säure, eher zurückhaltende, leicht trocknende Tannine, Alkohol erst im mittleren Abgang als feurig (nicht brandig!) spürbar. Humagne auf der eleganten, aber nicht dünnen Seite, sehr gelungen. 16,5 Punkte (= sehr gut)

Syrah, 2018
Mittleres bis dunkles Rubin; in er Nase im ersten Anflug etwas „überreif“ wirkend (was sich aber danach absolut nicht bestätigt); erdig, dezent Dörpflaumen und -zwetschgen, Sultaninen, Pfeffer, Lorbeer und Thymian; im Mund sehr präsente, feine Tannine, wunderbar abgestimmte Säure, dicht aber auch elegant und fast „tänzerisch“, entgegen der ersten Vermutung in der Nase ist der Alkohol kaum spürbar. Ganz schöner, feiner Syrah! 17 Punkte (= sehr gut).

Cornalin 2019
Dunkles, fast violettes Rot; rote und schwarze Früchte (Johanninsbeeren, Brombeeren, Pflaumen), Anflug von Bergheu, etwas Vanille; im Mund enorm saftig, sehr dichte Struktur, viele und kräftige, aber sehr gut eingebundene Tannine, wirkt sehr elegant, hat aber auch einen leicht rustikalen Touch; sehr langer, überaus frischer und saftiger Abgang. Traumhafter Cornalin! 18 Punkte (= hervorragend).

Zweimal ganz nahe an der Weltspitze – oder eigentlich mittendrin!

Seit 27 Jahren führt Thierry nun seine Domaine. Für mich hat er sich in dieser Zeit zum einem der absolut führenden Produzenten des Wallis entwickelt. Die Versuchung wäre ja angesichts der Akribie und Ausdauer gross gewesen, meinen Artikel mit einem Titel wie „der Langstreckenläufer“ zum versehen. Und tatsächlich hätte sich das angeboten: Thierry Constantin war nämlich in seiner Jugend einer der besten Langstreckenläufer der Schweiz. Mit einer Zeit von 2 Stunden, 14 Minuten und 7 Sekunden wurde er 1993 Schweizermeister – eine Zeit, die übrigens immer noch die beste je an einer Schweizermeisterschaft gelaufene ist. Und er ist auch dreifacher Weltmeisterschaftsteilnehmer (Marathon, Halbmarathon und Cross-Country).

Thierry Constantin: Präzision, Gefühl, Ausdauer! Auch als Winzer Spitze! (Foto: Sedrik Nemeth, zvg)

Mit seiner Marathon-Bestzeit war er anfangs der 1990er Jahre ganz nahe an der Weltspitze, der Weltrekord lag damals nur rund 8 Minuten oder 6 % darunter. Mir scheint es nicht vermessen zu behaupten, dass Thierry in seiner zweiten Karriere als Winzer und Oenologe erneut zur Weltspitze gehört und der Abstand zum „Weltrekord“ nicht grösser ist!

Accueil – Thierry Constantin

Ach ja, und Übrigens: Solche Werbeaussände wie nachstehend erhält man manchmal von Thierry Constantin! Eben, ein Winzer wie ein Künstler – ein Gesamtkunstwerk. Nur schon deshalb lohnt es sich, auf seiner Kundenkartei zu stehen 🙂

Foto Sedrik Nemeth, zvg

Merlot, Syrah, Cabernet Sauvignon = Dézaley? (!)

Dézalay, die schönste und beste Weinlage im Weltkulturerbe Lavaux, wird meistens „nur“ mit der Traubensorte Chasselas verbunden. Doch es geht auch anders – und es lohnt sich, diese verblüffende Andersartigkeit zu entdecken! Die verkannten Chasselas-Weine übrigens auch, aber das folgt später.

Wer mit dem Zug von Bern nach Lausanne fährt, dem kann es nach einem kurzen Tunnel wirklich die Sprache verschlagen: Der plötzlich freie Blick über die Reben des Lavaux und den Genfersee hin zu den Savoyer Alpen gehört zu den eindrücklichsten Bahnerlebnissen überhaupt! Der Zug fährt am westlichen Ende oberhalb der Appellation Dézaley aus dem Tunnel, unweit des höchsten Punktes beim Tour de Marsens auf 550 m über Meer. Dézaley – inzwischen offiziell als einer von zwei Waadländer Grand Crus deklariert – erstreckt sich aber über rund 54 ha bis hinunter an den Genfersee auf 375 m. ü. M.

Die Schönheit der Gegend kann eigentlich gar nicht in Worte gefasst werden. An dieser Stelle mag der Hinweis genügen, dass das Lavaux – etwas ungenau ausgedrückt zwischen Lausanne und Vevey – 2007 unter dem Titel „Weinterrassen von Lavaux mit Blick auf den See und die Alpen“ in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufgenommen wurde. Und vielleicht noch das: Fast das ganze Gebiet wird auf teils kleinen Terassen bewirtschaftet – anders ginge es gar nicht bei einem natürlichen Gefälle von teils über 100 %!

„Weinterrassen mit Blick auf den See und die Alpen:“ Fast wie irgendwo zwischen Himmel und Erde: das Lavaux.

Aber nun genug der Tourismusförderung – Kenner der Gegend mögen mir diese Ausschweifung verzeihen. Bekannt ist Dézaley praktisch nur durch seinen Weisswein – rund 90 % der Fläche sind hauptsächlich mit der Chasselas-Traube (Gutedel) bestockt. Diese lange als minderwertig angsehene Sorte bringt es hier zu ungeahnten qualitativen Höhenflügen und verblüfft überdies durch ein enormes Altersungpotential. Aber das ist eine Geschichte für sich, welche in diesem Blog noch folgen wird.

Auf den nun zu beschreibenden Wein bin ich offen gesagt nur durch Zufall gestossen. Da Degustationen aufgrund von Corona nicht möglich sind, wurde auf sozialen Medien ein Degupaket mit sechs mit dem Terravin-Goldlabel ausgezeichneten Weinen zum Versand angeboten. Neugierig wie ich bin, habe ich bestellt. Das Paket enthielt verschiedene Chasselas aus dem Lavaux, von respektabel bis sehr gut. Vor allem aber gab es da auch einen Rotwein, einen Dézaley 2019 der Domaine Antoine Bovard. Ich degustierte den Wein in der Erwartung, einen reinen Pinot noir oder eine Assemblage mit Gamay im Glas zu haben. Völlig verblüfft begann dann mit der nachfolgenden Degustationsnotiz die Suche nach den enthaltenen Rebsorten:

Dézaley Grand Cru, 2018, Domaine Antoine Bovard
Dunkles Prupur; rote Pflaumen, Rosinen, auch einige rote Fruchttöne, Anflug von Lorbeer und Thymian; auch im Mund sehr fruchtbetont, geschmeidig, schöne Balance von Säure, Süsskomplex und leicht trocknenden Tanninen, leichter, aber sehr fein eingewobener Bittertouch, langer Abgang. Schöner, spannender Wein! 17 Punkte (= sehr gut).

Der Wein wirkt wie nicht in der Schweiz gewachsen, spannend, elegant, aber doch eher südlich anmutend. Keine Ahnung, welche Sorte(n) ich da im Glas hatte. Die Etikette half nicht weiter, aber immerhin das www. Der Wein besteht aus 40 % Merlot, 40 % Syrah, 10 % Cabernet Sauvignon und 10 % Pinot noir!

Von der Ausnahme zum Normalfall – das Klima machts
Bloss – darf ein Winzer das überhaupt? Sind diese Sorten in einem Dézaley Grand Cru zugelassen? Recherchieren und Nachfragen bringt die Klärung: Ja, bzw. früher nein! Heute ist der Wein mit diesen Sorten hochoffiziell zugelassen, alle stehen auf der waadtländischen Sortenliste und dürfen deshalb auch in einem Grand Cru-Gebiet angebaut werden. Allerdings war dem noch nicht so, als Antoine Bovard die Reben pflanzte. Er merkte, dass die Pinot noir-Trauben vor allem entlang der wärmenden Mauern aufgrund der Klimaveränderung immer früher reiften und brandig zu werden drohten. Er setzte deshalb auf südlichere Sorten und erhielt schliesslich eine Ausnahmebewilligung dafür. Deshalb dürfen wir heute einen wunderschönen „Rhone-Bordeaux-Burgund-Blend“ aus dem Lavaux geniessen.

Eine kleine Geschichte am Rand: Die Ausnahmebewilligung war freilich nicht umsonst zu haben! Antoine Bovard musste während Jahren immer Muster der geernteten Trauben und des gekelterten Weins an die Forschungsanstalt Changins (heute Agroscope) senden. Wetten, dass die sich über den aussergewöhnlichen Wein jeweils sehr gefreut haben?

Bovard: Eine Familie auf der Qualitäts-Schiene
Domaine Bovard? Antoine Bovard und Sohn Denis Bovard, der die Domaine seit 2011 führt? Auf die Gefahr hin, peinlich zu sein, stellt man hier einfach die Frage nach der allfälligen Verwandtschaft mit der bekannteren Domaine Louis Bovard. Und für einmal führt eine peinliche Frage zu einem Volltreffer!

Denis und Antoine Bovard: Sohn und Vater auf gleicher Wellenlänge!

Bovard ist ein alteingesessenes, traditionelles Weingut im Lavaux. Anfangs der 1960er Jahre hätte Louis-Philippe Bovard das elterliche Gut übernehmen sollen. Allerdings passte ihm das nicht so ins Konzept, als Jurist konnte er sich auch einen anderen Werdegang vorstellen. 1964 übernahm er deshalb die Leitung des „Office des Vins Vaudois“. Aus diesem Grund wurde sein Bruder Antoine, der an der ETH Zürich Physik studierte, auf das elterliche Gut zurückgebeten. Nachdem aber Louis-Philippe doch auch einsteigen wollte, wurde die Besitzung geteilt, und Antoine gründete 1983 sein eigenes Weingut. Eine Frage der Farbe sozusagen. Während Antoine das „gelbe Haus“ in Treytorrons-en-Dézaley übernahm, bekam Louis-Philippe das „rosa Haus“ in Cully.

Beste Lagen – mit ökologischer Handschrift
Allerdings ist das Gut von Antoine Bovard kleiner. Heute umfasst es etwas über 7 Hektar, fast ausschliesslich in allerbesten Lagen in Epesses und Dézaley – dazu mit kleinen Flächen in St.-Saphorin und Calamin, dem zweiten Grand Cru im Waadtland. Während Louis-Philippe in der Weinwelt sehr bekannt wurde und heute oft als „Grandseignieur“ des Lavaux beschrieben wird, blieb es um Antoine eher stiller. Beide gingen aber sehr konsequent und schon, als im Waadtland Quantität noch vor Qualität stand, ihren Weg hin zu hochklassigen Weinen. Antoine führte dabei sogar früher die zukunftsgerichtete, ökologische Klinge. Schon unmittelbar nach der Gründung im Jahr 1983 verzichtete er auf jeglichen Einsatz von synthetischem Dünger. Schon früh experimentierte er auch mit bio-dynamischem Weinbau. Sein Sohn Denis, der die Domaine – wie er selbst sagt, sehr im Geist seines Vaters – führt, treibt das Gut nun definitiv zum Bioweinbau voran.

Denis Bovard freute sich, als ich ihn im Hinblick auf diesen Artikel kontaktierte, war aber gleichzeitig fast ein wenig enttäuscht, dass ich „nur“ über den roten Dézaley schreiben wollte. Ihm ist es ein ausserordentliches Anliegen, auf die hohe Qualität und auf die Langlebigkeit der Chasselas-Weine aus dem Lavaux hinzuweisen. Chasselas – diese verrufene Rebsorte ist eben zu allem fähig. Dass das Paradepferd seines Onkels Louis-Philippe, die Médinette, sehr gut altert, ja eigentlich zur vollen Entfaltung schon ein paar Jahre Lagerung braucht, ist inzwischen bekannt. Offenbar sind aber die Spitzen-Chasselas des Gutes Antoine Bovard ebenso langlebig. Da gibt es nur eines zu sagen: affaire à suivre!

Domaine Antoine Bovard (domaine-antoine-bovard.ch)

Zur Gegend bzw. der Einsufung als Unesco Weltkultgurerbe:
Lavaux, Vineyard Terraces – UNESCO World Heritage Centre

Und einer meiner früheren Artikel zur Médinette der Domaine Louis Bovard:
Dézaley Médinette: ein hochaktueller Klassiker! – Victor’s Weinblog


Und noch den Hinweis auf die Herkunft des beschriebenen 6er-Pakets (nicht mehr genau in der von mir erhaltenen Form angeboten, aber wohl vergleichbar):

coffret connaisseur Terravin (provino.ch)

Keller, Zündel und Triacca: Schöpfer dreier herrlicher Weinbotschafter aus dem Veltlin.

Völlig zu Unrecht fristet das Veltlin heute so etwas wie ein Dornröschendasein. Dabei bringt das lombardische Bergtal mit viel Schweizer Einfluss wirklich tolle Weine hervor. Eine ganz besondere Geschichte haben drei herausragende Weine der Fratelli Triacca, an deren Ursprung mit Stefan Keller, Christian Zündel und Piero Triacca renommierte Namen stehen.

Fast könnte man sich alte Zeiten zurück wünschen: Die Geschichte der drei Weine, über die ich heute berichte, geht auf das Jahr 1987 zurück. Damals war es noch zwingend, einen Weinhandelskurs besucht und bestanden zu haben, wer mit Wein handeln wollte. Und so kreuzten sich in Wädenswil die Wege von Stefan Keller und Piero Triacca. Letzterer führt selbst ein kleines Weingut im Puschlav (Pietro Triacca) und ist einer der Nachkommen der Gründer der bekannten Fratelli Triacca AG. Stefan Keller war und ist ein schöpferischer und unerschöpflicher Tausendsassa – und vielleicht der begnadeste Weinjournalist der Schweiz. Lustigerweise lernte ich selbst ihn aber in einer völlig anderen Situation kennen, nämlich als Wirt im Chesa Pool im Fextal. Dort lernte ich in den 1980er-Jahren dank seiner Weinkarte zum Beispiel, dass das Veltlin (und auch die Bündner Herrschaft!) hervorragende Weine hervorbringen. Stefan Keller war aber nicht nur Wirt, er arbeitete später auch für Vinum und schreibt heute noch für die Schweizerische Weinzeitschrift. Zudem brachte und bringt er mit schnaps.ch unter anderem wundervolle Kastanienbrände auf den Markt, die eine eigene Geschichte wert wären. Und dass er darüber hinaus als Degenfechter in seiner Altersklasse zu den besten an einer Weltmeisterschaft gehörte, erklärt vielleicht auch die filigrane Art „seiner“ Veltliner Weine.

Aber zurück zum Zusammentreffen von Triacca und Keller: 9 Jahre später gründeten sie eine Firma, die später (2002) in „I Vinautori“ umgenannt wurde und zum Ziel hatte, im Veltlin herausragende Weine zu produzieren. Dokumente aus jener Zeit zeigen, wie viel Herzblut in das Projekt investiert wurde, und welch hohe Ziele angestrebt wurden. Ziel war unter anderem, den besten Syrah Italiens herzustellen. Als Berater wurde zudem mit Christian Zündel ein herausragender Weinmacher aus dem Tessin beigezogen, und dazu folgte schon bald die Umstellung auf bio-dynamischen Weinbau.

Wunderschöne Lagen, tolle Weine: Die Steillagen im Veltlin und der Blick in schweizerische Puschlav und dem Bernina-Massiv.

Fast zwei Jahrzehnte später gibt es diese Weine immer noch, und wohl besser als je zuvor. Christian Zündel ist zwar aus dem Team ausgeschieden, und inzwischen zeichnen die Fratelli Triacca AG für die Rebarbeit und die Vinifikation verantwortlich. Auch die Weinberge für den Canale und den Sertola gehören heute der Firma, die Lage Santa Perpetua ist gepachtet. Stefan Keller hingegen steht immer noch als Berater zur Seite. Er ist verantwortlich für die Werbebroschüre (Link siehe unten) und unterstützt auch im Verkauf. Nichts geändert hat sich indessen an der umweltschonenden Produktion, alle Parzellen werden nach bio-dynamischen Grundsätzen bearbeitet.

Und die Qualität der Weine? Hervorragend! Die Dreierserie zeigt wunderbar, welches Potential im Alptental des Veltlin steckt. Ich hatte schon einmal über einen Wein aus dem „normalen“ Sortiment von Triacca geschrieben, den Sforzato 2013. Die damalige Veröffentlichung auch auf Facebook hat mir einige Kommentare eingetragen wie „das Veltlin loben ist ja schon gut, aber warum wählst du dafür ausgerechnet einen fetten und ausladenden Sforzato“? Nun, wer das schrieb, hatte sicher diesen Wein nicht probiert, denn er weist – bei aller Kraft – eine unglaubliche Finesse auf. Wie übrigens fast noch schöner der aktuell auf dem Markt stehende 2015-er, der jedes Vorurteil gegen Weine aus angetrockneten Trauben widerlegt.
Veltliner – Italianità made in Switzerland, Wiederentdeckung empfohlen! – Victor’s Weinblog

Trotzdem sind die drei hier vorgestellten Lagenweine von anderer Art. Alle sind äusserst filigran und elegant – jeder auf seine eigene Art, wobei die beiden Roten auch durch einen tiefen Alkoholgehalt positiv auffallen. Der „Canale“ (Sauvignon blanc) ginge glatt als guter weisser Bordeaux durch, und der „Sertola“ (Nebbiolo) beweist, dass es auch ausserhalb des Piemont möglich ist, herausragende Weine aus dieser Sorte zu keltern. Typologisch passt auch der Santa Perpetua (Syrah) sehr gut in die Reihe. Allerdings fällt hier – im Gegensatz zum „Sertola“ mit dem Piemont – der Vergleich mit einem guten Rhone-Syrah etwas anders aus. Eigentlich sind die beiden Weintypen gar nicht vergleichbar – eher würde man den Santa Perpetua in Südafrika zuordnen. Er ist zwar gut und absolut empfehlenswert. Aber dieser Wein ist vielleicht das einzige am ganzen Projekt der „Vinautori“, das noch nicht zur Vollendung gebracht wurde. Es war das Ziel der drei Gründer, den besten Syrah Italiens herzustellen. Daran muss noch gearbeitet werden, aber ansonsten dürfen die Gründerväter sich darüber glücklich schätzen, was die Fratelli Triacca heute aus der Idee gemacht haben: Wundervolle Botschafter für eine völlig zu unrecht stiefmütterlich behandelte Weinregion. Viva il Valtellina!

Veltlin „at its best“: drei herausragende Lagenweine aus einem aussergewöhnlichen Projekt.

Canale 2018, Alpi Retiche, Sauvignon blanc
Helles Gelb; zuerst holzbetont, dann sehr fruchtig mit Lychee, Aprikose und zudem sehr floralen Tönen; kräftiger Körper, trotz hohem Alkohol nicht brandig, vielmehr enorm frisch und mineralisch, gut stützende Säure, mittlerer Abgang. Der Typ „weisser Bordeaux“, mir gefällt er sehr, auch wenn das Holz noch etwas ausgeprägt scheint. In 2-4 Jahren nochmals beurteilen, wird vermutlich dann noch ausgewogener sein. 17 Punkte (= sehr gut)

Sertola 2015, Valtellina superiore (Nebbiolo)
Eher helles Rot; rote Kirschen, Johannisbeeren; im Mund filigran-elegant, gut stützende Säure, kaum spürbarer Alkohol, feine, zurückhaltende Tannine, immer noch jugendlich, druckvoll, langer Abgang. Ein feingliedriger, wunderbarer Nebbiolo, der Vergleich mit einem Seiltänzer sei erlaubt. 17,5 Punkte (= sehr gut).

Santa Perpetua 2017, Terrazze Retiche di Sondrio, Syrah
Mittleres Rot; in der Nase sowohl rote Aromen (Johannisbeeren, rote Pflaumen) also auch solche nach getrockneten Früchten (insb. Sultaninen); im Mund knackige Säure, feine, aber zurückhaltende Tannine, wirkt rund und fliesst sehr schön (Glycerin?), eleganter und filigraner Wein, ausgeprägt langer Abgang. 16 Punkte (= gut im obersten Bereich).

Bezug:
https://www.triacca.ch/de/weine-der-zukunft

Broschüre:

Weitere Infos ( Link zu Stefan Kellers hochklassiges Spirituosenprojekt und einem alten Artikel über I Vinautori):
http://www.schnaps.ch
WB_Master_041013 (vinautori.com)

Ausnahmewinzer Ziereisen: hier ruht nur der Wein!

Regio Basel. Markgräflerland. Spitzenwein? Ja, das passt zusammen! Rund 10 Kilometer nördlich von Basel herrschen Bodenverhältnisse ähnlich wie im Burgund. Und wenn hier ein Winzerpaar wie die Ziereisen’s tätig ist, dann resultieren eigenständige, grossartige Traumweine.

Blick von der Rebbergen auf Efringen-Kirchen (vorne) und Basel (Hintergund).

Rund 30 Jahre sind es her, seit Hanspeter Ziereisen seinen erlernten Beruf als Schreiner aufgab, um sich dem elterlichen Hof in Efringen-Kirchen zu widmen, einem Mischbetrieb (u.a. Spargel!), der auch etwas Reben besass. Hanspeter war überzeugt, dass man an den Hängen über dem Dorf, welche aufgrund einer geologischen Überwerfung schwergewichtig Jurakalk als Untergrund aufweisen, hervorragenden Wein herstellen könnte, der ganz anders sein müsste, als es die damaligen Tropfen der Region waren.

Der „Kalkfelsen“ zwischen Efringen und Istein: aussergewöhnliches Terroir (die Reben gehören nicht zu Ziereisen, das Bild zeigt aber schön die geologischen Verhältnisse)

Allerdings war die erste Hälfte von Ziereinsen’s Wirken nicht einfach. Zwar sagt seine Gattin Edeltraud (kurz: Edel) mit einem Augenzwinkern, sie selbst sei seit 1996 auf dem Hof, und seit 1997 werde hier guter Wein gemacht. Aber so richtig gesucht waren die den Beschriebungen nach schon damals authentischen, aber filigranen und vielleicht nicht auf den ersten Schluck verständlichen Weine nicht. Es war die Zeit, in welcher die Weinfreunde vor allem die Frucht-, Extrakt- und Alkoholbomben aus Australien, Spanien und Süditalien als Mass der Dinge sahen – und wenn ein einheimisches Gewächs, dann musste es wenigstens rund und fruchtig sein. Als Tribut an den Zeitgeist wurde deshalb in den Jahren 2000 – 2004 auch bei Ziereisen chaptalisiert, d.h. der Wein durch das Zufügen von Zucker während der Gärung alkoholreicher und runder gemacht.

Interessanterweise verdanken wir zum Teil gerade dieser damaligen Durststrecke im Absatz der Weine die heutige Aussergewöhnlichkeit von Ziereisen’s Sortiment: Das Weingut hinkt in der Vermarktung immer ein bis zwei Jahre hinterher, aktuell sind schwergewichtig noch die 2017er im Verkauf, die 2018er sind oder werden erst gerade abgefüllt. Der Wein darf also bei Ziereisen ruhen und reifen.

Der Wein braucht einfach seine Ruhe
Überhaupt: Der Wein bekommt bei Ziereisen viel Ruhe und darf sich sozusagen selbst entwickeln. Einen „flying winemaker“, wie ihn einige andere Winzer für Tagesgagen von bis zu 3’000 Euro verpflichten, braucht Ziereisen nicht. Und dass Weinlehranstalten heutzutage vor allem zum Vermeiden von Fehlern und nicht zum Kreieren grosser Weine ausbilden, möchte er lieber ausblenden. Ihm genügt seine Erfahrung und sein Gefühl – und der Wein macht das schon selbst richtig, wenn man ihn denn lässt und schonend begleitet. Vergoren wird auf der Wildhefe, und fast alle Weine bleiben danach im kleinen oder grossen Holzfass (Inox sucht man im Ausbau-Keller vergebens) eineinhalb bis zwei Jahre auf der Feinhefe liegen. Die grösseren Gewächse werden sogar unfiltiert abgefüllt. Böse Zungen sagen zwar, der Wein erhalte nur deshalb diese Ruhe, weil Hanspeter noch lieber im Rebberg als im Keller arbeite – aber wer ihn selbst über seine Weine reden hört, spürt seine Überzeugung zu seiner Kellerarbeit. „Slow wine“ sozusagen!

Holz, soweit das Auge reicht: Hier ruhen sich Ziereisen’s Weine aus, bevor sie abgefüllt werden.

Aber Arbeit haben Ziereisens ohnehin genug. Aus einem kleinen Rebgut ist inzwischen ein Betrieb mit 21 Hektar Rebfläche entstanden. Ein Blick auf die Besitzverhältnisse am Efringer Hang zeigt, dass heute rund die Hälfte des Rebberges Ziereisens gehört, darunter Land in den allerbesten Lagen. So viel Ruhe der Wein bekommt, so sehr ist das Ehepaar Ziereisen immer auf Achse. Bei unserem Besuch auf dem Hof zeigte sich Edel als nimmermüde Gastgeberin mit einem wachen Auge auf die Anliegen aller Besucher (man kann vor Ort Wein kaufen), während Hanspeter noch am späten Samstagabend eine defekte Maschine selbst reparierte, bevor er sich auch in unsere Runde gesellte. Ruhe scheint für Ziereisen’s ein Fremdwort zu sein, und man hat den Eindruck, es wäre ihnen auch nicht wohl, wenn sie nicht arbeiten könnten.

Gefühl und Kreativität im Rebberg
Zurück zum Rebberg: So, wie im Keller vor allem mit Erfahrung und Gefühl gearbeitet wird, so sehr ist Beobachtung und Erfahrung – und eben wieder Gefühl – der Schlüssel zu einer idealen Pflege der Reben. Die Unterschiede der Lagen, die Art der Erziehung, der ideale Zeitpunkt zur Lese, aber zuvor auch zur Entlaubung, die Menge der Blattmasse – alles ist bei Ziereisen durchdacht und mit Erfahrungen hinterlegt, die man doch in jedem Jahr wieder den Gegebenheiten anpassen muss – mit dem Gefühl für das Richtige halt!

Seit einigen Jahren bewirtschaften Ziereisen’s zusätzlich noch Reben in der Schweiz, direkt an der Grenze in Riehen (mit schönem Blick auf die Fondation Beyeler). Auch diese Weine gelingen bereits hervorragend, aber Hanspeter Ziereisen gibt offen zu, dass er überzeugt ist, die Qualität mit den Jahren noch steigern zu können, weil er – zusammen mit dem dort eingesetzten Betriebsleiter – mit jedem Jahr den Rebberg noch besser zu verstehen lerne. Die Reben in Riehen liegen nur rund 10 Kilometer entfernt und in ähnlicher Ausrichtung. Aber das Kleinklima ist völlig anders, hier ist es wärmer, da die kühlen Nachtwinde vom Schwarzwald weniger gut bis in diese Lage ziehen können und wohl auch, weil die nahe Stadt einfach wärmer ist.

Der Rebhang von Efringen-Kirchen: Idealer Boden, beste Ausrichtung und ideales Mikroklima. Rund die Hälfte davon wird von Ziereisen’s bewirtschaftet.

Die Rebberge der Ziereisen’s können auch schon fast als Lehrbuch dafür genutzt werden, wie man mit perfekter Arbeit und mit dem Mut zu Experimenten den Wein immer noch eine Nuance besser macht. Ein paar Beispiele: Eine Neupflanzung wurde in extrem hoher Stockdichte gesetzt, womit der Ertrag pro Stock reduziert werden kann, was die Reben auch zwingt, tiefer zu wurzeln. In Zeiten des Klimawandels ein unersetzlicher Vorteil. Oder die Laubarbeit: Um die Trauben trocken zu halten und damit der Fäulnis vorzubeugen, sollte man die Blätter in der Traubenzone möglichst entfernen. Umgekehrt bieten die Blätter den Beeren Schutz gegen zu viel Sonne, welche sie nicht nur „verbrennen“ kann, sondern den Trauben auch Frische entzieht. Ziereisen löst das Problem, indem die Blätter auf der sonnenabgewandten Ostseite entfernt, während sie auf der anderen Seite der Reihe am Stock belassen werden. Oder das Eingehen auf die Traubensorte: Während die Burgundersorten mit relativ wenig Blattmasse auskommen, muss die Syrah mit ihrer Wuchskraft sich „austoben“ können. Die Lösung: Die Triebe der Rhonetraube werden um den obersten Draht gewickelt und können somit länger belassen werden und mehr Blätter bilden. Oder Pinot-Stöcke, die im Zapfenschnitt erzogen werden? Ziereisen’s probieren das aus, weil dieser Schnitt ertragsregulierend und alkoholmindernd wirken soll. Und noch ein Unikum: In einer Parzelle wurden statt einer Neupflanzung von Reben die neuen Schösslinge auf das bestehende Holz aufgepfropft, womit die tief wurzenden Stöcke erhalten bleiben – und nebenbei erst noch im ersten Pflanzjahr schon ein Ertrag erzielt werden kann!

Neubestockung: Extreme Dichte für höchste Qualität!

Das ist Ziereisen: Immer aktiv, immer mit dem Ziel auf das noch etwas Bessere, immer beobachtend, immer suchend – immer auf Achse! Mit diesem Engagement, diesem Enthusiasums, dieser Begeisterung für die (Hand-)arbeit kann es nicht überraschen, dass das Weinsortiment der Ziereisen’s von aussergewöhnlicher Qualität ist.

Ich hatte das Vernügen, einen ganzen Nachmittag lang das ganze, grosse Sortiment degustieren zu dürfen, inkl. der Weine aus Riehen. Eingeladen hatte Florian Bechtold, und er erwies sich als Glücksfall. Einerseits bestach er – angehender Sommeliermeister – mit einem enorm breiten und tiefen Weinwissen, andererseits, und in diesem Fall vor allem, dadurch, dass er im Rahmen seiner Ausbildung als Praktikant bei Ziereisen gearbeitet hatte. Seine Erläuterungen zu den einzelnen Weinen waren deshalb unbezahlbar.

Die klare Handschrift durch das ganze Sortiment
Das Ziereisen-Sortiment umfasst 28 verschiedene Weine, vom „Heugumber“, dem Basis-Gutedel zu Euro 6.50, bis zum Jaspis Gutedel 104 zu Euro 125.00. Davon konnten wir 25 Weine verkosten – zusammen mit vier Weinen vom Weingut Riehen also 29 Proben. Und es gibt, vielleicht mit Ausnahme des duftmässig gewöhnungsbedürftigen trockenen Gewürztraminers, in jeder Preis- und Weinkategorie nur ein Prädikat: aussergewöhnlich. Nein, es gibt ein zweites: grossartig!

Allen Weinen, einfach oder Weltklasse, ist gemein, dass sie eine grosse mineralische Frische ausstrahlen, und das die Fruchtigkeit nicht vordergründig, sondern dezent spürbar eingebunden im Gesamtbild wirkt. Zudem ist kein einziger Wein, obwohl alle in Holz ausgebaut sind, jemals stark holzbetont. Zudem sind bzw. wirken alle Weine trocken, da gibt es nichts von „billiger Süsse-Fruchtigkeit“.
Wo nicht anders erwähnt, handelt es sich immer um den Jahrgang 2017:

Schon die Basisweine – „Rebsorten-Weine“ – sind allesamt alles andere als einfach, auch wenn sie natürlich mit den grossen Weinen nicht mithalten können. Die meisten davon werden – im Gegensatz zu den höherklassigen – filtriert abgefüllt. Ganz speziell gefallen hat mir hier der dichte, „fadengerade“ und zudem recht fruchtige Grauburgunder – für 9.80 Euro ein unglaublicher Gegenwert. Und auch der „Heugumber“ 2018, ein Gutedel für 6.50 Euro, steht mit seiner zwar noch etwas reduktiven, aber dichten und mineralischen Art weit über vielen teureren Chasselas aus der Schweiz.

Die nächste Qualitätsstufe, die „Premium-Weine“ spielen dann aber doch in einer anderen Liga. Bei den Weissen mag man sich fast nicht festlegen, ob man nun der Gutedel „Steingrüble“, den ich übrigens in einem anderen Jahrgang hier schon einmal fasziniert beschrieben hatte:
https://victorswein.blog/2018/02/03/gut-und-edel/,
den Weissburgunder „Lügle“, den Grauburgunder „Moosbrugger“ oder gar den Chardonnay „Hard“ bevorzugt.
Etwas einfacher wird die Wertung bei den Roten, vier verschiedene Blauburgunder und ein Syrah. Schon der „Tschuppen“ besticht durch seine eigenständige, würzige und florale Art. Der Talrain (17.80 Euro), der sechs Wochen an der Maische gelegen hat, weist im Moment noch etwas trocknende Tannine auf, hat aber eine tolle Struktur, duftet schon sehr typisch nach Pinot – und dürfte in 3-4 Jahren ganz toll sein. Das Highlight in dieser Kategorie ist aber der Rhini. In dieser Lage überdeckt eine dicke Löss-Lehmschicht den Kalkboden, und der Wein wirkt tatsächlich anders: fruchtbetont (aber nicht aufdringlich), sehr dicht, prägende Tannine, gleichzeitig sehr „saftig“. 34.00 Euro – aber jeden Cent wert!

Fast wäre nun der Syrah Gestad aus dieser Linie vergessen gegangen. Spannend, was aus dieser Sorte im Markgräflerland gemacht werden kann!

Bei anderen Winzern wäre das Sortiment damit abgeschlossen, bei Ziereisen beginnt es qualitativ hier erst so richtig (eine Aussage, die allerdings die bisher beschriebenen Weine ungerechtfertigt abwertet)! Jaspis heisst die Linie, die „Premium“ noch toppt. Jaspis ist ein Edelstein auf Quarz-Basis, der Name passt somit sehr gut zum überaus mineralischen und edlen Sortiment.
Der Grauburgunder hat viel reife Frucht, duftet nach Honig und ist, bei schöner Säure, dicht, und der Abgang fast unendlich. Ein unsüsses Elixier!
Im Gegensatz dazu ist der Chardonnay mit feiner Frucht unterlegt, feingliedrig und überaus elegant. Ein Wurf!
Aber die Krone – nach meiner Meinung im ganzen Sortiment – gehört einem Gutedel, dem 104: Unglaublich feine, zwar intensive, aber doch nicht aufdringliche Fruchtnote mit einem ganzen Bündel an Düften, im Mund zuerst filigran wirkend, dann enorm viel Druck aufbauend, total ausbalanciert, enorme Länge. Ein Traumwein – und ein Horror für alle Chasselas-Verächter. Aus dieser Rebsorte kann man ganz offensichtlich Weine herstellen, die man blind ins gehobene Burgund denken würde!

Gutedel (Chasselas) der unglaublichen Art: Ein feingliedriges, tiefgründiges Monument, das man locker gegen einen guten Burgunder stellen kann!


Bleiben die Roten der Jaspis-Linie, und auch da bleibt vor allem das Staunen: Schon der Blauburgunder mit seinem dunklen Kirschenduft und einer enormen Eleganz und Frische ist – auch im noch nicht reifen Zustand – ein genialer Wein. Schade nur für ihn, wenn danach der (2015-er) „alte Rebe“ serviert wird. Bereits etwas gereifte Frucht von Himbeere und Johannisbeere, etwas Pilz und Leder, im Mund ein Feuerwerk, dicht, „burgundisches Feuer“ ohne jede Brandigkeit, bereits etwas gereifte Tannine, wunderschön stützende Säure – ein Traumwein zum Meditieren!
Der Syrah hatte es nach diesem Wein etwas schwer, dabei ist er aber absolut überzeugend. Er ist in 50 % neuem Holz ausgebaut, aber Holz spürt man nur sehr dezent, es herrschen typische Sarah-Noten vor. Ein Syrah, der sich vor jenen aus der Rhone nicht verstecken muss.

Und dann wäre da ganz zum Schluss der Degustation noch dieser andere, überirdisch gute Wein, „Jaspis Unterirdisch“ 2016, ein in der vergrabenen Amphore vergärter und ausgebauter Gutedel ohne Schwefel – ein Naturwein: Orange Farbe, spürbare Hefenote, erstaunlich fruchtig (Johannisbeeren und Stachelbeeren), spürbare, etwas trocknende Tannine, langer Abgang. Gelungener, spannender Wein, der alle Vorurteile gegen Naturwein widerlegt.

Einmalig grossartig
Es verwundert natürlich nicht, dass auch die Grossen der Weinkritik das Gut längst entdeckt haben. Nur zwei Beispiele: Diverse Parker-Punkte von Stephan Reinhardt machen das Gut interessant und einige Weine noch rarer, und Gault Millau führt den Betrieb mit 5 Sternen = Weltklasse und gibt dem Jaspis Gutedel 104 die vollen 100 Punkte!

Und trotzdem sind Ziereisen’s bescheiden geblieben und nicht abgehoben (Na gut, sieht man einmal vom Preis des 104 ab, zu dem die FAZ schrieb, nicht einmal Hanspeter selbst glaube, dass das gerechtfertigt sei. Allerdings sind dann die Weinpreise vieler anderer Produzenten genau so wenig begründet).
Ziereisen – das ist die vermutlich fast einmalige Kombination zwischen Bescheidenheit, handwerklicher Bodenständigkeit und genialer Kreativität und Gefühlsbetontheit. Grossartig und einmalig!

http://www.weingut-ziereisen.de


Das Weingut in der Schweiz: Ullrich + Ziereisen, Weingut Riehen
Nur am Rand erwähnt habe ich die Weine (Le Petit und Le Grand, jeweils in weiss und rot) des „Weingutes Riehen“, das Ziereisens zusammen mit der Weinhandlung Paul Ullrich unter der Betriebsleitung des jungen, offenbar begnadeten Silas Weiss bewirtschaftet. Alle Weine des Gutes sind empfehlenswert, der Ziereisen-Stil zeigt sich auch hier. Besonders angetan bin ich von einem momumentalen Sauvignon blanc, der allerdings sehr sortenuntypisch daherkommt. Und ein Wermuthstropfen: Die Weine sind mit rund CHF 35.00 (Petit) und CHF 70.00 (Grand) auf der gehobenen Seite.
http://www.weingutriehen.ch


Florian Bechtold, begnadeter Weininsider mit Praktika bei Ziereisen’s
Der Organisator des Tages, Florian Bechtold, ist aktuell an einem äusserst spannenden Weinprojekt, das ich hier sicher noch verstellen werde, sobald die Zeit dafür reif ist. Vorerst kann ich Florian bestens empfehlen als sehr kompetenten Fachmann für Weinberatungen aller Art, Weinreisen, Weinabende oder als Sommelier:
http://www.facebook.com/flobechtold

Alter Name – neue Dynamik: Ferraton in Tain l’Hermitage.

Ferraton Père et Fils, ein alt eingesessenes Gut in Hermitage, hat sich in den letzten Jahren gewandelt – von gut zu aussergewöhnlich. Syrah und Marsanne zum Wiederentdecken, auch in den kleineren Appellationen! Und alles bio-dynamisch.

Hermitagehügel
Der berühmte Hügel von Hermitage von Tournon aus gesehen (Aufnahme aus 1991)

Ich erinnere mich gut an einen Besuch bei Ferraton Père et Fils in der Altstadt von Tain l’Hermitage im Jahr 1991. Michel Ferraton empfing mich sehr zurückhaltend und taute erst etwas auf, nachdem ich seine Weine positiv kommentiert hatte. Er erzählte mir danach von seiner Frustration über eine in der Woche zuvor erschienene Publikation von Michel Bettane, in der die Weine vor Ferraton geradezu verrissen worden waren. Ich konnte das nicht nachvollziehen, auch wenn Ferratons Weine nicht wirklich Spitze waren, so hatten sie doch Charakter und waren sauber – im Gegensatz zu einigen anderen Weinen aus der nördlichen Rhone zu jener Zeit. Und selbst Parker himself benotete die Cuvée des Miaux der 80er-Jahre regelmässig mit 90 Punkten.

Allerdings war es damals auch nicht ganz so schwierig, beim Hermitage weit vorne im Ranking zu stehen. Chave war outstanding (ich habe allerdings im Parker-Buch „The Wines of the Rhône Valley“ nachgesehen, auch er schaffte in jenen Jahren nur 3 Parker-Punkte mehr), Paul Jaboulet Aîné war gerade daran, mit seiner „La Chapelle“ auf ein ähliches Niveau aufzusteigen und Guigal sowie Delas brachten schöne Hermitage in die Flasche. Aber sonst? Châpoutier, heute absolute Spitze, war qualitativ in einer tiefen Baisse und Sorrel pendelte zwischen genial und schwierig. Und Faurie, Grippat und Fayolle brachten jedenfalls keine besseren Weine hervor als Ferraton.

Genug der Erinnerungen: Bei Ferraton übernahm schon bald Sohn Samuel das Ruder, und heute gehören die Weine zum Allerbesten, was die nördliche Rhone zu bieten hat. Die Entwicklung hängt eng zusammen mit der Metamorphose, welche das Haus Châpoutier erlebt hat. Dort entschied sich der junge Michel Châpoutier voll für Qualität und bio-dynamischen Rebbau und setzte (und setzt) damit Qualitätsmassstäbe. Den Ferratons freundschaftlich verbunden, übernahm er den Betrieb um die Jahrtausendwende (je nach Quelle beteiligte er sich auch „nur“ finanziell), und auch die Reben von Ferraton wurden fortan bio-dynamisch bewirtschaftet. Das Gut blieb aber eigenständig und verstärkte sich in den Folgejahren auch zusätzlich mit hervorragenden Oenologen. Mit grossem Erfolg, das Haus gehört heute zu den angesehensten Betrieben der nördlichen Rhone – und erzielt leider auch entsprechende Preise für die Spitzenweine. Diese liegen in einer Grössenordnung, welche nicht zum Konzept meines Blogs passen und welche ich auch ganz privat nur in wenigen Ausnahmefällen zu bezahlen bereit bin.

Es war deshalb naheliegend, die „kleineren“ Weine des Betriebes zu probieren. Die Chance dazu bot sich, weil Gerstl neu einige Weine von Ferraton im Angebot hat. Also bestellte ich bei passender Gelegenheit je einen Syrah aus Crozes-Hermitage und einen Marsanne aus St. Joseph dazu. Beide Weine überzeugten vollauf:

crozes-hermitageCrozes-Hermitage Les Pichères 2015
Dunkles, sehr dichtes Purpur; Pfeffer, Cassis, Heidelbeeren; satte, leicht trocknende Tannine, prägnante, schön stützende Säure, „feurig“, gesamthaft sehr kraftvoll und doch mit schöner Eleganz und Harmonie, mittlerer Abgang. Toller Syrah, der jetzt schon grosse Freude macht, dem aber ein paar Jahre Langerung noch gut tun.

St. Joseph La Source 2016 (weiss)
Mittleres Strohgelb; Mirabellen, weisse Pflaumen, grüne Töne; sehr dicht im Mund, spürbarer Süsskomplex bei eher tiefer Säure, dafür sehr mineralisch, mundfüllend und rund, sehr langer Abgang. Schöner, sehr typischer Marsanne, der mit einer Nuance mehr Säure noch spannender wäre. (Im Gegensatz zu Gerstl, der ihn als idealen Sommerwein sieht, würde ich ihn an kühlen Herbsttagen hervorholen. Dafür gibt ihm Gerstl auch „nur“ 17,5 Punkte. Ich würde 16,5 Punkte verteilen, was dann relativ gesehen aufgrund der Notenskala von Gerstl aber eigentlich höher liegt – schön, wenn ein Weinhändler nicht übertreibt!).

Rundum: Zwei sehr gelungene, empfehlenswerte Weine aus kleineren Appellationen der nördlichen Rhone, welche noch bezahlbar sind (rund CHF 30.00). Sie machen Lust auf die grossen Weine von Ferraton – wären da nur nicht die Preise um CHF 100.00 (was ja immerhin, verglichen mit einigen anderen, immer noch „günstig“ ist).

Und Michel Bettane? Er scheint Ferraton auch wieder zu mögen. Er gibt, bzw. Bettane + Desseauve geben, dem Pichères 2015 auf den ersten Blick bescheidene 15 Punkte. Das ist aber eine wirklich gute Note; die beiden französischen Weinkritiker haben sich nie der „Punkteinflation“ angeschlossen. Zum Vergleich: Die Domaine de Thalabert 2014, eine Referenz für die Appellation Crozes-Hermitage von Jaboulet Aîné, bekommt 14,5 Punkte – Parker gibt dem gleichen Wein 91!

http://www.ferraton.fr/
https://www.gerstl.ch/de/sortiment/weisswein/frankreich/rhone/rhone-nord/ferraton-pere-fils-la-source-product-15528.html (der Syrah ist nicht mehr im Angebot)
https://www.gute-weine.de/frankreich/rhone/nordrhone/ferraton-pere-et-fils/

https://www.chapoutier.com/fr/


Infos zu den Weinbaugebieten:

Crozes-Hermitage: Diese Appellation liegt am linken Ufer der Rhone und ist das grösste Gebiet der nördlichen Rhone mit rund 1’400 Hektar Reben, wobei mehr als 90 % der Produktion auf Rotwein aus Syrah entfällt. Für Weisswein sind Marsanne und Roussanne zugelassen. Das Zentrum des Gebietes ist eigentlich Tain l’Hermitage, das Anbaugebiet befindet sich nördlich, südlich und östlich des Städtchens. Je teurer und gefragter die Weine vom Hermitagehügel werden, desto mehr verlangert sich das Interesse auf dieses Gebiet, das in den beiden letzten Jahrzehnten auch enorme qualitative Fortschritte gemacht hat.

Hermitage: Direkt überhalb von Tain l’Hermitage liegt der Hermitage-Hügel (siehe Bild), der je nach Lage von Granit, Lehm, Sand oder Sandstein geprägt ist. Auf diese Appellation entfallen nur 136 Hektar Rebfläche, und entsprechend rar sind die Weine. Hermitage gilt in der nördlichen Rhone, etwas konkurrenziert durch die nördlich am anderen Rhoneufer gelegene Appellation Côte Rôtie, als die Paradelage für Weltklasse-Syrah (und ein wenig Weisswein aus den gleichen Sorten wie in Crozes-Hermitage).

Hermitge-chapelle
Blick von ganz oben. Die „Chapelle“ auf dem Hermitagehügel. Unten Tain l’Hermitage und auf der anderen Seite der Rhone Tournon (und ein Teil des Anbaugebietes von St. Joseph).

St. Joseph: Diese Appellation befindet sich auf der rechten Seite der Rhone und erstreckt sich über rund 50 Kilometer Länge – teils direkt gegenüber von Hermitage bzw. Crozes Hermitage. Es sind rund 1’100 Hektar bepflanzt, und die Traubensorten sind die gleichen wie auf der anderen Rhoneseite. Praktisch gleich wie Crozes-Hermitage hat sich auch St. Joseph zu einem ernst zu nehmenden Gebiet entwickelt.

 

Stellenbosch sur Rhône – genialer Syrah aus RSA!

Seit einer Südafrikareise um die Jahrtausendwende hat mich das „Afrikafieber“ gepackt. Und seit damals verfolge ich auch die Weine dieses Landes mit Interesse und mit ständig steigender Achtung. Ein ideales Beispiel für die hervorragende Qualität sind zwei Shiraz des Weingutes Saxenburg.

Ich hatte kürzlich die Gelegenheit, zwei Syrah-Weine von Saxenburg, einem Weingut in Schweizer Besitz in Stellenbosch, degustieren zu können. Nun liegt die Messlatte für Shiraz bei mir ziemlich hoch, war Syrah doch eine meiner ersten „Weinlieben“, und die Rhone so etwas wie mein Steckenpferd. Ich erinnere mich an ein Mittagessen mit Kunden (ja, damals trank man noch Wein dazu!). Es war das erste Mal, dass ich als kleiner Angestellter überhaupt mitgehen durfte. Und dann bestellte mein Chef eine reife Flasche Côte Rôtie von Guigal! Das war eines meiner prägendsten Weinerlebnisse!

Herrliche Landschaft, tolle Weine: Saxenburg bei Stellenbosch.

Wie ein Syrah aus dem nördlichen Rhonetal!
Die beiden südafrikanischen Weine begeisterten mich als Syrah-Fan, jeder auf seine Weise. Das „Flaggschiff“ des Gutes, der Saxenburg Shiraz Select, (SSS) würde in einer Degustation der besten Weine der nördlichen Rhone auf jeden Fall eine sehr gute Figur machen. Deshalb auch der Titel zu diesem Beitrag: „Französischer“ kann man einen Syrah fast nicht produzieren!

Saxenburg Shiraz Select 2007
Dunkles, dichtes Rot; Duft nach Lorbeer und getrockneten Früchten, vor allem Rosinen, leichte, aber schöne animalische Anflüge („Pferdestall“); im Mund präsente, aber schon milde Tannine, gut stützende Säure, sehr dicht, aber mit schöner Eleganz, enorm langer Abgang – fast unendlich nachhallend. Grossartiger, reifer Syrah, der aber auch noch ein paar Jahre Potential hat.

Allerdings bewegt sich der SSS auch preislich in der Grössenordnung sehr guter Rhoneweine. Deutlich preiswerter, ebenfalls sehr gut, aber völlig anders zeigt sich der „Private Selection Syrah“.

Private Selection Syrah 2016
Jugendliches, strahlendes, helles Purpur; in der Nase gewürzbetont (Thymian) und fruchtig (vor allem helle Beeren, aber auch mit einem Anflug von Brombeeren); im Mund mit prägnanter Säure, eher filigran, mit sehr feinen Tanninen; sehr fruchtbetonte Retrofaktion. Eleganter, moderner aber keinesfalls langweiliger Wein.

Es handelt sich um eine sehr spannende Interpretation der Syrah: In der Nase sehr fruchtbetont und „modern“; im Mund dann aber mit sehr viel Eleganz und auch Potential, druck- und charaktervoll – ganz anders, als es die Nase vermuten liesse. Hier zeigt sich dann eben doch auf schöne Art, dass es sich um einen Wein aus „Stellenbosch upon two oceans“ handelt!

Rebbau seit 1707 – höchste Qualität seit 1989
Upon two oceans: Saxenburg befindet sich etwa 8 Km östlich der Stadt Stellenbosch oberhalb des Ortes Kuilsriver – mit Aussichten sowohl auf den indischen Ozean als auch den Atlantik. Die Geschichte des Weingutes geht zurück auf das Jahr 1693 bzw. 1707, als hier erstmals Reben gepflanzt wurden. 1989 wurde das Gut vom Schweizer Ehepaar Birgit und Adrian Bührer gekauft und aus einem Dornröschenschlaf geweckt. Mit einem Kellerneubau sowie Neupflanzungen von Reben wurde der Grundstock für Qualität und Erfolg gelegt. Das Gut ist 200 ha gross, wobei 70 ha mit Reben bestockt sind. Heute bzw. seit 2011 ist mit den Geschwistern Fiona und Vincent bereits die nächste Generation Bührer am Werk, aber das Qualitätsstreben und die Kontinuität blieben mehr als nur erhalten. So hatte Saxenburg von 1991 bis 2017 den gleichen Kellermeister, und dieser wurde altershalber von seinem Stellvertreter abgelöst, welcher auch schon 12 Jahre im Betrieb arbeitete.

https://saxenburg.co.za/
https://www.nauer-weine.ch/de/shop/artikelsuche?search_ProdID=167

Les Domaines – Provins überzeugt mit Marketing und Qualität.

Als ich als junger Mann in der Weinbranche arbeitete, galt die Provins als die beste Weingenossenschaft der Welt. Wo immer ich eine Genossenschaft besuchte, wann immer ich einen Cooperative-Wein im Glas hatte – immer war die Provins so etwas wie der „innere Massstab“. Vermutlich ist dieser Anspruch noch immer richtig, und falls nicht, dann nur, weil sich das Niveau der meisten „Genossenschaftsweine“ in der Zwischenzeit extrem verbessert hat und nicht, weil bei Provins die Qualität schlechter geworden wäre (ganz im Gegenteil).

Die Walliser Weinlandschaft als Inbegriff einer ergreifenden Kulturlandschaft: Hier ein Steilhang im Norden von Sion und der „Tourbillon“.

Die Provins wurde 1930 als „Bund der Walliser Genossenschaftskellereien“ gegründet, um die Winzer aus der damaligen Abhängigkeit von den Weinhändlern zu lösen. Seit 1934 heisst sie, auch wenn damals noch niemand von Marketing sprach, sehr eingänglich Provins, und sie hat sich innerhalb dieser Zeit zu einer der wichtigsten Institutionen im Schweizer Weinmarkt entwickelt. Provins verarbeitet heute aus etwas über 1’000 ha Rebfläche rund einen Fünftel aller Walliser Weintrauben, was wiederum knapp einem Zehntel der gesamten Schweizer Traubenproduktion entspricht! Sehr früh haben die Verantwortlichen bei Provins erkannt, dass nur Qualitätsproduktion zum Erfolg führen kann – und deshalb hatte und hat die Genossenschaft auch einen ausgezeichneten Ruf. Ganz offensichtlich hat bis heute immer auch das Zusammenspiel zwischen den Oenologen und der Marketingabteilung funktioniert. Schon 1945 wurde mit der „Capsule Dorée“ eine Art „Marke“ eingeführt, welche von den Traubenlieferanten gewisse Standards verlangte und die deshalb auf dem Markt bald für vorzügliche Weinqualität stand.

1973 wiederum wurde die Linie „Maître de Chais“ ins Leben gerufen, welche neu die Spitze der Provins-Qualitätshierarchie darstellte. Diese Weine stammen aus dem besten Parzellen der Traubenlieferanten und gehören auch heute noch mit zur Spitzenklasse der Walliser Weine.

Die neuen Flaggschiffe von Provins: „Les Domaines“

Im letzten Jahr nun setzte die Provins mit der Lancierung der Produktelinie „Les Domaines“ die Qualitätslatte noch höher – ein auch marketingmässig logischer Schritt. Unter diesem Etikett werden Weine aus absoluten Spitzenlagen hergestellt und vermarktet, welche sich teils in Besitz von Provins selbst befinden oder für die schon langjährige Zusammenarbeiten bestehen.

Der Heida Chapitre 2017 beispielsweise stammt vom Lentine-Hang nördlich von Sion, so genannt nach der Lentine-Suone, einer der vielen berühmten Walliser Bewässerungsleitungen, vgl. hier:
https://suone.ch/

Dieses Rebland – im Besitz der Chorherren der Kathedrale von Sion – ist eine sehr steile Südlage mit Terrassen und hohen Trockensteinmauern und wird schon sehr lange von Provins vinifiziert. Den ersten als Les Domaines hergestellten Jahrgang 2017 habe ich wie folgt degustiert:

Helles, strahlendes Gelb mit Grünreflexen; Duft nach Quitten, Mirabellen und Aprikosen; im Mund ausgeprägt mineralisch, sehr ausgewogen, mit gut eingebundenem Alkohol und erfrischender Säure bei gleichzeitig spürbarem „Süsskomplex“. Langer Abgang. Ein noch sehr junger, eleganter und finessereicher Wein von internationaler Klasse.

Ich habe diesen Heida (im Wallis auch Païen genannt, im französischen Jura Savagnin blanc) neben einem „Maître de Chais“ probiert. Letzterer ist ebenfalls sehr gut, der „Chapitre“ steht aber mit seiner Eleganz und Mineralität noch um eine ganze Klasse höher. Der Wein ist begeisternd, und man könnte ihm – mit viel bösem Willen – höchstens vorwerfen, mit seiner Finesse schon fast nicht mehr sortentypisch daherzukommen, sondern eher als hochklassiger Wein von internationalem Zuschnitt.

Blick von Pont-de-la-Morge in Richtung „Mont d’Orge“, einem kleinen Berg mit knapp 800 Höhenmetern mitten im Rhonetal, an dessen Südseite sich die Lage „Corbassières“ befindet.

Ebenfalls begeisternd ist der „Corbassières“ 2015. Dieser Wein wächst ebenfalls nahe der Stadt Sion. Wenn man von Pont-de-la-Morge nach Sion fährt, fallen an einem steilen Südhang auf der linken Seite die vielen gelb gestrichenen Häuschen auf. Diese sind sozusagen Werbeträger der Domaine Mont d’Or, welche ihre Weine – absolut bemerkenswert sind die Süssen – vor allem an diesem Hang anbaut. Es gibt aber in der Lage „Corbassières“ auch ein Stück von rund einer Hektar, welches der Provins gehört. Diese herausragende Südlage war sozusagen die „Spielwiese“ der grossen, inzwischen pensionierten Oenologin der Provins, Madeleine Gay. Ein sehr schönes Portrait über sie, mit einer Foto in „Corbassières“, gibt es hier:
https://www.letemps.ch/lifestyle/une-vie-apres-vin

Deshalb gibt es in Corbassières auch eine Vielzahl von Rebsorten, und daraus entsteht nun ein bemerkenswerter Wein:

Dunkles, sattes Rot; Holunderbeeren gepaart mit heller Frucht (v.a. Aprikose), würzig. Im Mund druckvoll mit viel sehr feinem Tannin, gute Säure, dicht aber gleichzeitig elegant, langer Abgang. Macht zwar schon viel Freude, ist aber eigentlich noch deutlich zu jung. Hervorragender Wein jenseits des „Mainstreams“.

Dieser Wein ist schon fast die Antithese zum Heida: Es handelt sich um eine Assemblage von Walliser Grössen (Humagne rouge, Cornalin) mit international bekannten Rebsorten (Syrah, Cabernet Sauvignon und -Franc, Merlot). In einem gewissen Sinn ist der Wein gewöhnungsbedüftig: Wer hatte denn schon einmal eine solche Assemblage im Glas resp. in der Nase? Wie soll man sich theoretisch eine Mischung aus Humagne und Cabernet vorstellen? Vor allem im Duft fällt dieses aussergewöhnliche Spannungsfeld von frischen Fruchtdüften und dunklen Tönen auf.

Wenn ich geschrieben habe, der Wein sei gewöhnungsbedürftig, dann kann ich gleich anfügen, dass man sich schnell und gerne an ihn gewöhnt! Die Assemblage ist wohl ziemlich einzigartig und wirkt deshalb beim ersten Kontakt sowohl in der Nase als auch im Mund etwas ungewohnt – nicht Syrah, nicht Humagne, aber irgend etwas Tolles dazwischen. Aber das ist einer jener Weine, die mit jedem Schluck noch mehr gefallen und bei denen man bedauert, dass die Flasche schon leer ist.

Auch den Corbassières finde ich deshalb begeisternd. Ich freue mich jedenfalls schon darauf, die übrigen Weine von „les Domaines“ zu entdecken! Es gibt aktuell noch einen Dilinoir (!), einen Pinot noir und einen Petite Arvine.

Bleibt noch die Frage des Preises: Der Heida kostet 34 und der Corbassières 50 Franken. Zuviel? Die Antwort darauf muss man natürlich für sich selbst finden. Auch wenn für mich persönlich Weine in dieser Preisklasse eher für Sonn- und Feiertage vorgesehen sind, so denke ich doch, dass beide Tropfen – verglichen mit qualitativ gleich guten Weinen aus anderen Ländern – diesen Preis fast mehr als „wert“ sind. Wer weiss, vielleicht ist die Provins für das Wallis einmal mehr die Lokomotive?

https://www.provins.ch/de/nos-vins/les-domaines-443

Utiel-Requena, Alpujarras – Reisen bildet auch weinmässig

Endlich Ferien! Vorsommer mit Sonne und Wärme in Südostspanien. Und solche Ferien sind immer auch eine Möglichkeit, Weine kennenzulernen, die man sonst nie im Glas gehabt hätte!

Fast wie im Wallis: Reben in den Alpujarras (almeriense) am Südfuss der Sierra Nevada.

Wann immer wir in Ländern mit Weinbau reisen, ist für mich klar, dass ich örtliche Weine probiere. Und fast immer mache ich gute Erfahrungen damit, den Kellner nach einem Tipp zu fragen. Wir waren soeben zwischen Valencia und Almeria unterwegs (und hätten uns, angesichts der unendlichen Plastik-Plantagen mit all dem Abfall am Strassenand im Einzugsgebiet von Almeria fast abgewöhnt, Gemüse zu essen).

Die Frage im Restaurant nach einem empfehlenswerten Wein aus der Region führte immer zu einem tollen Erlebnis – nebenbei zu einem immer sehr anständigen Preis. Nicht einer der empfohlenen Weine enttäuschte, es waren allesamt spannende, (wein-)horizonterweiternde Tipps. So etwa der überaus fruchtige, sehr sortentypische Monastrell „Tarima Hill“ der Bodegas Volver aus dem Hinterland von Alicante – aber eben nicht aus Jumilla oder Yecla, den Monastrell-Hochburgen, sondern aus dem benachbarten Pinoso (mit der DO Alicante).
https://bodegasvolver.com/

Oder der zwar kräftige, aber auch erstaunlich frische Sauvignon blanc der Bodegas Garcia Gil aus dem bereits in Andalusien, und eigentlich in einer Halbwüste, gelegenen Oria im Hinterland von Almeria.
http://www.bodegasgarciagil.es/

Utiel-Requena und Bobal – alles klar?

Eigenständiger Wein, ebensolche Etikette: Bobal der (sozusagen schweizerischen) Bodegas Murviedro aus Requena.

Absolut spannend war auch die (Wieder-)Entdeckung der Rebsorte Bobal. Haben Sie schon einmal von Utiel-Requena gehört? Dieses mit rund 40’000 ha recht grosse Weinbaugebiet liegt im Hinterland von Valencia auf einer Meereshöhe von rund 700 Metern, und ist lagemässig sehr vergleichbar mit den 100 km südlicher, auf gleicher Höhe und gleich weit vom Meer entfernt gelegenen Gebieten von Jumilla und Yecla. Hier aber kommt der Sorte Bobal eine wichtige Rolle zu. Bobal? Nie gehört? Aber fast sicher schon mal getrunken. Diese Rebsorte nimmt in Spanien nämlich die zweitgrösste Anbaufläche aller Sorten ein, wird aber oft nur als Färber- und Verschnittwein eingesetzt. Seit einigen Jahren wird nun auch das Potential der Bobal wieder erkannt, eigenständige Spitzenweine hervorzubringen.

Der empfohlene Bobal „Sercis 2015“ der Bodegas Murviedro erwies sich als so etwas wie eine wunderbare Mischung aus einem Beaujolais (herrliche Frucht) und einem Gigondas (Kraft, Farbe, Tannine, Wucht), dem auch der leise Holztouch sehr gut anstand. Im ersten Moment fast etwas frustrierend war dann freilich die Recherche zu diesem Wein und dieser Bodega: Da ist nichts von Entdeckung oder kleinem Familienbetrieb oder dergleichen; vielmehr gehört die Firma Murviedra zum Schweizer Schenk-Konzern. Dass gross (Schenk ist die grösste Weinfirma der Schweiz) aber durchaus auch gut bedeuten kann, zeigt nicht nur der beschriebene Bobal, sondern wurde in diesem Blog auch schon anhand eines Walliser Weines aufgezeigt:
https://victorswein.blog/2018/08/05/amigne-walliser-raritaet-mit-enormem-potential/
Für mich persönlich sehr speziell war dann auch, dass ich bei der Suche nach Bezugsquellen in der Schweiz nebst anderen auf die Weinhandlung Danieli in Wallisellen stiess: Mit Ottavio Danieli – nebenbei gesagt 1975 Skip des ersten Schweizer Curling-Weltmeisterteams – verbindet mich, in völlig anderem Zusammenhang, eine hochachtungsvolle, freundschaftliche Bekanntschaft. Man verzeihe mir deshalb, dass ich nur diese Quelle angebe:
http://shop.danieliweine.ch/pi/Cepas-Viejas-Bobal.html

„Bergwein“ vom Schönsten

Das eigentliche önologische Highlight dieser Reise waren aber zwei Weine aus dem Alpujarras. Dabei handelt es sich um eine landschaftlich extrem reizvolle Bergregion, die sich auf rund 100 Kilometern südlich der Sierra Nevada entlang erstreckt. Der bekanntere, westlich gelegene Teil, die Alpujarras granadina (von Granada abgeleitet – obwohl sich die Stadt auf der nördlichen Seite der Sierra befindet), liegt direkt unter den höchsten Gipfeln des über 3000 m hohen Gebirgszuges. Nicht weniger reizvoll sind aber auch die östlich und tiefer gelegenen Alpujarras almeriense (genannt nach Almeria), in denen auch in etwas grösserem Stil Wein angebaut wird.

Wunderschöne Berglandschaft in den Alpujarras almeriense. Im Hintergrund die noch leicht schneebedeckten Ausläufer der Sierra Nevada.

Am einen Abend genossen wir den Syrah „Cepa Bosquet“ 2017 der Bodegas y Vinedos Laujar, aus einem Gebiet, dass keine DO besitzt, sondern die Weine „nur“ unter dem Titel „Indication Geografico Protegida“ vermarkten darf. Der Wein stand für 18 Euro auf der Karte eines „Paradores“, wäre aber dank seiner sehr sortentypischen Art, seiner feinen Tannine, seiner Frucht und Eleganz ohne Weiteres als sehr guter St.-Joseph durchgegangen.

Fast noch spannender war am Abend danach ein Weisser der gleichen Bodega, ein Macabeo 2017. Diese Rebsorte spielt in Spanien eine sehr wichtige Rolle und ist im Norden, etwa in der Rioja und Rueda, aber auch im Penedes für die Herstellung von Schaumwein, unter dem Namen Viura die wichtigste weisse Sorte.
Während die Weine des Nordens immer sehr süffig, fruchbetont, aber oft auch etwas „schmalbrüstig“ ausfallen, zeigt dieser Macabeo nebst einer ebenfalls erstaunlichen Frische auch Kräuternoten und eine schöne Dichte – und vor allem eine wunderbar mineralische Note, welche den Macabeo zu einem wirklich aussergewöhnlichen Erlebnis werden liess: kein grosser Wein, aber einer, der das Herz erwärmt!
https://cepabosquet.es/

Klar, ich hätte während einer Ferienwoche in Spanien auch die grossen Weine des Landes trinken können – ein Valbuena etwa stand einmal auf einer Karte eines Restaurantes günstiger, als man ihn in der Schweiz kaufen kann. Aber ich möchte diese wunderbaren Entdeckungen nicht missen – es sind letztlich solche Erlebnisse, die den Weinhorizont wirklich erweitern und die eine Reise enorm bereichern!

Master of Wine(making)

66 % der in Spanien lebenden master of wine auf einem Bild. Und gleichzeitig zwei Grenache-Weinproduzenten der Spitzenklasse! (Fernando Mora, links, und Norrel Robertson)

Es gibt aktuell rund 375 Personen, die den Titel MW – Master of Wine – tragen dürfen, oder eher, ihn sich redlich verdient haben. Fast 10 % davon, genau 33, produzieren auch selbst Wein, darunter in so berühmten Domainen wie Zind-Humbrecht (Olivier Humbrecht) oder Bründlmayer (Andreas Wickhoff). Das alles lässt sich auf der Homepage der Organisation Master of Wine nachlesen.
https://www.mastersofwine.org/

Dass sich indessen gleich zwei MW in der gleichen, bisher nicht gerade für Spitzenweine berühmten Gegend niederlassen, dass sich beide vor allem der Grenache resp. Garnacha verschrieben haben, beide, wenn nicht schon angekommen, dann auf dem besten Weg zur absoluten Spitze sind, und dass dann gleich noch beide gemeinsam in Zürich anzutreffen sind, das ist dann doch speziell!

Aber der Reihe nach: Norell Robertson, ein Schotte, hat sich vor 15 Jahren in Calatayud, einem kleinen Weinbaugebiet rund 80 Km westlich von Zaragossa (und etwa ebensoweit südlich von Alfaro, das zur Rioja zählt), niedergelassen. Der andere, Fernando Mora (wenn die Recherche im Internet gelungen ist: zusammen mit dem Besitzer der Reben, Mario Lopez und Francisco Latasa, einem Juristen und Handelskenner) in Epila im Gebiet Valdejalon, etwa auf halbem Weg zwischen Zaragossa und Calatayud.

Grenache/Garnacha: Das ist jene Traubensorte, die früher als schlechter Massenträger verschrien war, der bestenfalls dem Wein ein gutes Alkoholgerüst mit auf den Weg gab, aber ansonsten als harmlos und schon gar nicht finessenreich galt. Dass diese Verallgemeinerung so nicht stimmen kann, wurde mir spätestens bei einem Besuch auf Château Rayas in Châteauneuf-du-Pape im Jahr 1987 klar. Wie tiefgründig und finessenreich dieser Wein doch war (damals konnte man übrigens noch unangemeldet vorfahren und auch direkt vor Ort Wein kaufen, zu sehr vernünftigen Preisen).

Bei der Beurteilung der Produkte der beiden MW beginne ich zu differenzieren: Norrel Robertson’s Weine sind allesamt – immer in der jeweiligen Kategorie – absolute Spitzenklasse und begeisternd. Sein „El Cismatico“ 2016 aus alten Reben: ein finessereiches, aber auch relativ teures Wunderwerk! Sein „El Puño“ 2013: ein Kraftpaket mit feinen Nuancen. Sein „Manga del Brujo“ 2014, eine Assemblage, bei der Syrah, Tempranillo und Mazuelo der Garnacha beigemischt sind: ein Ausbund an Frische und Mineralität. Und dazu ein Syrah (Dos Dedos de Frente 2016), der keinen Vergleich mit Rhone-Weinen zu scheuen braucht, und auch ein Weisswein aus Macaebo, Garnacha Blanca und etwas Viognier, dem man aufgrund seiner Finesse und Frische nie die Herkunft Spanien geben würde. Kurz: Norell Robertson kreiert absolute Spitzenweine, und ich würde nur zu gerne seinen „El Cismatico“ neben einem Château Rayas (oder zumindest einem Pignan) probieren!

Etwas differenzierter sehe ich das bei Fernando Mora. Noch vor Jahresfrist liessen mich einige seiner Weine etwas ratlos. Mag sein, dass das, was ich als schon fast fehlerhaft empfand, nur gewöhnungsbedürftig und der sehr naturnahen Vinifikation geschuldet war, aber mit einer Ausnahme gefielen mir die Weine damals nicht besonders. Aber schon ein Jahr später hat mich die Mehrheit seiner Weine nun echt begeistert. Der – allerdings auch schon recht teure – „las Alas de Frontonio“ 2015 beeindruckt durch Kraft und „südfranzösische“ Aromen, und der „Telescopio“ 2013 durch Eleganz, Frucht und Mineralik. Und die preiswerten Angebote zumindest durch saubere, eigenständige Art. Die Weine von Fernando Mora sind interessant, teilweise auch schon grossartig – und wenn er weiterhin solche Qualitätssprünge macht, dann gehört er bald zu den ganz Grossen. Affaire à suivre!


Dass die beiden MW zusammen in Zürich anzutreffen waren, hängt damit zusammen, dass beide in der Schweiz von Gerstl Weinselektionen vertreten werden. Und dass in meinem Weinblog bisher Weine von Gerstl wohl eher überproportional vertreten sind, wiederum mit der Art und Weise, wie dieses Weinhaus den Zugang zu seinen Weinen ermöglicht:

Einmal jährlich kann das gesamte Sortiment jeweils einer Region oder eines Landes an einer Veranstaltung degustiert werden. Fast immer sind dabei die Weingüter persönlich vor Ort vertreten, nicht selten durch die Besitzer selbst. Ich finde solche Degustationen absolut vorbildlich. Man kann einen Wein vor dem Kauf probieren (ich habe hier schon mehrfach erwähnt, dass ich persönlich praktisch keinen Wein mehr in grösseren Mengen blind kaufe), man kann vergleichen und man kommt mit den Produzenten ins Gespräch. Diese Abende sind deshalb nicht nur spannend, sondern eigentlich reine Weiterbildung (und natürlich auch Verführung…).

http://escocesvolante.es/
http://bodegasfrontonio.com/en/winery/

Bei Gerstl gibt es übrigens ein Degustationspaket mit je drei Weinen der beiden MW. Wer sich einen ersten Eindruck verschaffen will, ist hier gut bedient:
https://www.gerstl.ch/de/degustations-boxen-weinglaeser/spanien/diverse/diverse/degustations-box-spanien-garnacha-von-den-beiden-master-of-wine-product-16526.html