„Baby Beaucastel“ – welche Beleidigung für den Coudoulet de Beaucastel!

Château de Beaucastel ist so etwas wie die Referenz für Châteauneuf-du-Pape, wohl auch deshalb, weil das Gut seit 50 Jahren bio-dynamisch bewirtschaftet wird. Der Wein ist aber inzwischen sündhaft teuer. Zum Glück gibt es den Coudoulet de Beaucastel, der ausserhalb der Appellation wächst und noch bezahlbar ist.

Wer zum Coudoulet recherchiert, stösst immer wieder auf zwei Aussagen: Die eine lautet „Baby Beaucastel“, ein Ausdruck, der sogar auf der Homepage der Besitzerfamilie Perrin verwendet wird. Die andere lautet „nur durch die Autobahn von Beaucastel getrennt“. Ich halte beide Aussagen für fragwürdig. Letztere stimmt zwar, die rund 30 Hektar Reben für den Coudoulet befinden sind tatsächlich direkt auf der östlichen Seite der Autobahn A7 und damit nicht mehr in der Appellation Châteauneuf-du-Pape sondern „nur“ Côtes du Rhône. Aber ist eine solche Aussage verkaufsfördernd? Das tönt ja wie eine Hotelbeschreibung „nur durch eine Strasse vom Meer getrennt“. Schon fast grotesk ist aber die Bezeichnung „Baby“. Kleiner Beaucastel ginge ja gerade noch, oder Zweitwein (auch wenn das sachlich natürlich nicht stimmt), aber ein Baby mit so viel Kraft?

Grossartiger Rhonewein

Ich würde eher vorschlagen, den Coudoulet als grossartigen Rhonewein aus dem Hause Beaucastel zu bezeichnen. Ich habe den Ausdruck „Hause Beaucastel“ bewusst gewählt, und nicht etwa der „Familie Perrin“. Tatsächlich besitzen die Perrins nun schon in der fünften Generation das Château de Beaucastel, wo die Rebflächen des Coudoulets dazu gehören, einfach als östlicher Teil. Damit unterscheidet sich dieser Cru von den vielen anderen Besitzungen und Weinen, welche die Perrins inzwischen auch auf den Markt bringen.

Symbolbild für die Côtes du Rhône (nicht die Reben von Coudoulet): Es stammt aus dem Januar 1989 und ist damit noch jünger als die ersten Jahrgänge des Coudoulet, die ich kenne und schon sehr gut fand.

Mehr als ein kleiner Châteauneuf

Ich verfolge den Coudoulet de Beaucastel nun schon seit rund 40 Jahren, und er war schon ein ganz toller Wein, als er noch für einen einstelligen Frankenbetrag (in CHF, damals gab es ja noch den Franc in Frankreich) zu haben war. Heute kostet er leider auch schon um CHF/Euro 30.00, viel für einen Côtes du Rhône, aber angemessen im Vergleich zur Qualität. Der Jahrgang 2020 hat es mir nun ganz besonders angetan. Er hat zwar die Kraft des Südens (nichts da von Baby!), aber er ist gleichzeitig elegant, fruchtig und frisch. Da müssen sich einige teurere Châteauneuf vorsehen. Ich habe die Probe mit einer (nicht blinden) Gegenüberstellung mit einem 2019er Mont Redon gemacht, ein absolut gelungener Wein. Er ist vielleicht eine Spur dichter, mit noch etwas feineren Tanninen, dafür weniger Kraft. Ich würde beide gleich benoten.

75 Jahre biologisch, 50 Jahre bio-dynamisch!

Tatsächlich weist der Boden von „Beaucastel Ost“ sehr viele Parallelen zu jenem in der Appellation Châteauneuf-du-Pape auf; auch die charakteristischen Steine, welche vor allem im Frühjahr die Wärme so schön speichern, findet man hier. Angepflanzt sind vier Rebsorten, der Wein besteht aus 40 % Grenache, 30 % Mourvèdre, 20 % Syrah und 10 % Cinsault und kann somit als sehr typisch für die Region bezeichnet werden. Und nicht zuletzt: Auf Beaucastel wurde schon biologisch gearbeitet, als andernorts der Chemieeinsatz erst so richtig begann – seit 1950 produziert man hier in Bio-Qualität, seit 1974 bio-dynamisch.

Degustationsnotiz

Dunkles Rot; vielschichtige Nase, einerseits sehr fruchtig (Brombeer, Cassis, auch etwas Heidelbeer), andererseits auch würzig (Pfeffer, Lorbeer) und etwas Vanille. Im Mund bei aller Kraft auch sehr elegant, viele, äusserst feine Tannine, schöne Säure und aussergewöhnliche Frische. Sehr langer, fruchtbetonter Abgang. 17 Punkte.

Château de Beaucastel, Châteauneuf-du-Pape, Rhône, vin, France, Famille Perrin


Interessennachweis:
Der Wein wurde im Handel erworben.

Ein Gedanke zu “„Baby Beaucastel“ – welche Beleidigung für den Coudoulet de Beaucastel!

  1. Marvel Lanz

    ich kaufe den Wein trotz hoher Qualität nicht. Er würde mich zu sehr an die geliebten Châteauneuf erinnern. Und an deren horrende Preise. Deswegen lasse ich auch die Zweitweine in Bordeaux links liegen. Was ich aber am schlimmsten finde ist, das ich meinen über alles geliebten Clos de Tart nicht mehr trinken kann. Überhaupt kann ich unter starken Schmerzen nur noch Dorfappellationen kaufen, weil auch die mittlerweile fast alle über € 40.— kosten. Jahr für Jahr werden es aber mehr deutsche Weine, auch Chardonnays und Pinots. Dort und teilweise auch bei uns in der Schweiz sind Spitzenweine noch erschwinglich.

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