Markus Ruch: zum Glück Winzer und nicht Banker

Den Tipp verdanke ich Michael Broger. Er machte mich auf den Newcomer Markus Ruch aufmerksam, der im Klettgau eben erst mit Weinbau begonnen hatte. Wenn jemand, der so geniale Weine herstellen kann, wie Michael Broger – siehe :
https://victorswein.blog/2018/01/01/michael-broger-der-pinot-magier/
einen Winzer empfiehlt, dann muss er ja gut sein. Und deshalb bestellte ich blind den Jahrgang 2009 der „Hallauer Chölle“ von Ruch, und der wurde erst noch frei Haus geliefert – vom Winzer selbst. Eines Abends stand ein grossgewachsener, sympathischer junger Mann von der Türe und lieferte einen Karton seines Weines ab. Dank Michael Broger habe ich also das Privileg, einen Wein aus den Anfängen des Markus Ruch verkosten zu können.

Ein herrlicher Pinot der speziellen Art aus dem Kanton Schaffhausen. Ruch’s „Chölle“.

Eine dieser Flaschen habe ich heute getrunken, und eigentlich war es immer noch zu früh. Aber was für ein toller Wein! Ein Pinot fern des „Mainstreams“ zwar, und vermutlich deshalb auch nicht jedermann’s Sache – aber eben einer jener Weine, die Persönlichkeit und Charakter aufweisen, und die mir deshalb so sehr gefallen:

Für Pinot erstaunlich dunkles Rot mit ersten Reifetönen; Dörrzwetschgen, Thymian und ein leichter Cognac-Ton; im Mund mit Ecken und Kanten, aber ungemein spannend und auch ausgewogen zwischen Säure, Tannin und Alkohol, leichter Anflug von Vanille als einziger Hinweis auf den Holzeinsatz, langer Abgang. Eigenständiger, toller Charakterwein!

tMarkus Ruch war auf bestem Weg, eine Bank-Karriere einzuschlagen. Nach einer kaufmännischen Lehre arbeitete er noch einige Jahre im Bankwesen. Eigentlich bin ich sicher, er hätte auch dort Karriere gemacht. Aber ein Weinbaupraktikum am Strickhof in Wülflingen begeistere ihn so sehr, dass er nicht mehr vom Wein wegkam. Nach diversen Lernaufenhalten bei so renommierten Winzern und Winzerinnen wie Christian Zündel, Marie-Thères Chappaz und Hans-Ulrich Kesselring, aber auch im Burgund bei der Domain Derain, begann er 2007 in Hallau, im „Chlättgi“ (Klettgau, Schaffhausen), selbst Wein zu produzieren.

Seit der Lieferung des Jahrgangs 2009 verfolge ich das Wirken von Markus Ruch praktisch jährlich am traditionellen „Tag der offenen Weinkeller“ am 1. Mai. Allein das Hinuntersteigen in den antiken Keller in der „Zehntenscheune“ zu Hallau und der Keller selbst sind einen Besuch wert.
Sein Sortiment wurde breiter, und die Qualität nimmt von Jahr zu Jahr noch zu. Ruch arbeitet bio-dynamisch, und vielleicht deshalb sind seine Weine auch über all die Zeit eigenständig, aber ausdrucksstark und herzerwärmend geblieben.

Der einzige Wermuthstropfen: Ruch’s Weine sind nicht billig, und überhaupt welche zu erhalten, ist schwierig; sie sind immer schnell ausverkauft. Ich scheine nicht der einzige Weinfreund zu sein, der sie mag!

http://www.weinbauruch.ch/

Pircher – Pinot-Klasse am „Hochrhein“

„Home of Pircher“, der Eglisauer Stadtberg – eine auch landschaftlich sehr reizvolle Spitzenlage am oberen Rhein, Kanton Zürich, Schweiz. (Bild ab Homepage Urs Pircher).

Wir reden – zurecht – immer wieder über Newcomer. Dabei gehen die Klassiker nur zu oft vergessen. Einer dieser – nach Schweizer Verhältnissen – schon fast „ewig Etablierten“ ist Urs Picher aus Eglisau. Während andere noch netten Blauburgunder herstellten, vinifizierte Pircher schon einen hochklassigen Pinot noir aus der Barrique, der sich das Burgund als Vorbild genommen hatte. Seit 20 oder mehr Jahren, und bis heute, sind seine Pinots ein Inbegriff von Feinheit, Eleganz und Finesse !

Burgundische Pinots, als andere noch schliefen

Schon im Jahr 2000 – damals hatten viele von uns noch nicht einmal einen Internetanschluss – und eigentlich schon Jahre zuvor, kelterte Pircher Weine, die zu jener Zeit nicht in dieses Weinbaugebiet passten. Immerhin ist elektronisch ein schöner Artikel erhalten, der aufzeigt, was Pircher ausmacht(e):
https://folio.nzz.ch/2000/oktober/urs-pircher-selbstkelterer

All die tollen Newcomers, über die wir heute so gerne und zurecht schreiben, gab es damals noch gar nicht; und mehrere, wie Peter Gehring aus Freienstein, lernten gar ihr „Handwerk“ bei Pircher. (So ganz nebenbei: auch in neuerer Zeit machte sich Pircher als „Lehrmeister“ für führende Winzer verdient, so arbeitete auch Matthias Bechtel, ein neuer Stern am Schweizer Weinhimmel, seine Sporen bei Pircher ab).

Ich hatte soeben die Gelegenheit, an einer von Urs Pircher selbst geleiteten Degustation einiger seiner Weine teilzunehmen. Neu war das zwar nicht, denn ich hatte das Weingut schon seit Jahren immer wieder besucht. Erstmals aber durfte ich Urs Pircher selbst als Leiter der Veranstaltung erleben. Was vorerst auffällt: Eigentlich möchte Urs Pircher wohl lieber einfach in den Reben oder im Keller arbeiten, als vor Leute hinzustehen und reden. Aber: er kann auch das, und zwar deshalb, weil er einfach sich selbst bleibt. Seine Ausführungen waren für Weinfreunde ein tolles, authentisches Erlebnis.

Pinot forever: ein „gris“ vom Feinsten

Von wegen Erlebnis: Die degustierten Weine begeisterten. Vorab sein – nur bis und mit vergärtem Most auf dem Weingut hergestellter – Schaumwein ist sehr gut. Gar Spitzenklasse ist sein Pinot gris (2017): leichter Holzeinsatz, längere Lagerzeit auf der Hefe; ein lagerfähiger, ungemein sortentypischer, mit guter Säure versehener und dichter Pinot gris, der mit zunehmender Reife sogar noch gewinnen wird. Gleiches (ausser dem Alterungspotential) gilt für den Räuschling, den ich bei anderer Gelegenheit verkosten konnte; auch hier war ein Meister der Weinbereitung am Werk, und der teilweise Ausbau im grossen Holzfass tut dem Wein erstaunlicherweise sehr gut.

Etwas weniger begeistert war ich persönlich vom Riesling, der erst im dritten Jahrgang hergestellt wird. Mir war die Restsüsse, wenn auch nicht übertrieben, zu hoch, und so richtig „rieslingartig“ wollte mir der Wein auch nicht erscheinen. Er ist sehr gut und reintönig gemacht, liegt marketingmässig vermutlich total im Trend und wird sicher zu recht seine Freunde finden – aber braucht es das in der Schweiz wirklich? (Man zeige mir den Riesling aus der Schweiz, der in Sachen Preis-Leistung auch nur annähernd an einen guten deutschen herankommt!).

Wirklich spannend indessen eine rote Cuvée aus Regent, Zweigelt und Pinot noir. Der 2016-er ist recht „hart“ gekeltert, aber dennoch schon jetzt genussvoll zu trinken. Auch wenn ich persönlich bisher solche Cuvées eher skeptisch sehe: Hier wird es spannend sein, die Entwicklung in den nächsten Jahren zu verfolgen. Persönlich bin ich überzeugt, dass dieser Wein sich noch mehr öffnen wird. Es könnte eine jener Cuvées mit einer Piwi-Sorte sein, die mich meine Vorurteile vergessen  macht.

Urs Pircher, Schweizer Pinot-Pionier der ersten Stunde (er öffnet gerade seinen exzellenten Pinot noir 2016).

Der Höhepunkt aber war der Pinot noir 2016! Wie eingangs erwähnt, Pircher „konnte“ schon Pinots auf die burgundische Art, als der Rest der Ostschweizer Winzer noch ihre innert Jahresfrist zu trinkenden kuranten Blauburgunder herstellte.

Der 2006-er von Pircher landete bei einer von mir 2012 durchgeführten Degustation mit führenden Pinots aus der Schweiz und aus dem Burgund (Level 1er Cru) damals an dritter Stelle – vor jedem Franzosen. Der Jahrgang 2016 nun besticht durch eine fruchtige, schon fast explosiv pinot-typische (Himbeeren, Johannisbeeren, Nelken) und mit dezentem Holzton unterlegten Nase und einen druckvollen, feurigen und doch filigranen, eleganten Auftritt im Gaumen! Ein absoluter Spitzen-Pinot, der sich höchstens vor den Allergrössten dieser Pinot-Welt verstecken müsste!

http://www.weingut-pircher.ch/data/index.php/de/

Und andere erwähnte Winzer:
https://weingut-gehring.ch/
http://www.bechtel-weine.ch/

Das Jahr des Winzers (16): Der Saisonhöhepunkt, der „Wümmet“.

Abschluss und Krönung: der „Wümmet“ (die Weinlese)

Im Herbst, wenn die Weinlese (bei uns in Ostschweizer Mundart „Wümmet“), ansteht, hat der Hobbywinzer plötzlich ganz viele Freunde, die auch gerne bei der Weinlese mithelfen würden! Dabei sind unsere 4 Aren in der Regel sehr schnell geerntet, und dazu genügt das bewährte Team:

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Drei Generationen am Werk: Grossmutter resp. Mutter (90), Sohn und Autor des Blogs (60) sowie Enkel (30)

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Werni, mein Rebberg-Compagnon seit 30 Jahren.

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Und die beiden für die Ernte unverzichtbaren „besseren Hälften“

 

Tatsächlich ist der „Wümmet“, also die Weinernte, ein Fest. Nach einem Rebjahr schöne und reife Trauben ernten zu können, entschädigt für alle Mühen im Verlauf des Jahres.

Allerdings ist auch die Weinlese in unseren Breitengraden nicht immer nur festlich. Wer reife Trauben will, riskiert oft auch Fäulnis. Und im Jahr 2018 waren die Wespen sehr aktiv, so dass jede einzelne Traube von den „Wümmerinnen und Wümmern“ sehr genau angesehen werden musste. Von Wespen angestochene Beeren sind gefährlich, da sie Essigbakterien in den Wein bringen können. Auch faule Beeren müssen einzeln entfernt werden. Um eine gute Qualität zu erreichen, werden bei uns alle Trauben beim Leeren der Kübel in grössere Behälter nochmals geprüft. (Profibetriebe lassen die Trauben bei der Anlieferung oft über ein Band laufen, wo erfahrene Personen schlechte Trauben und Beeren nochmals ausscheiden).

Am Abend, wenn alle Trauben im Fass sind – dann freilich stellt sich beim (Hobby-)Winzer eine grosse Zufriedenheit ein. Bei jenen, die von den Reben leben, sicher auch ein grosses Aufatmen!

Schluss der Serie „virtuelles Jahr des Winzers“

Mit diesem Beitrag endet „das virtuelle Jahr des Winzers“. Ich hoffe, die Serie hat einen kleinen Einblick in die tolle, aber oft auch harte Arbeit gegeben, die notwendig ist, um einen guten Wein zu erzeugen. Wer will, kann mit diesen Links alles nochmals nachlesen:
https://victorswein.blog/virtuelles-rebjahr/

Und im nächsten Februar startet glücklicherweise alles wieder von vorne: Wir beginnen mit dem Schneiden der Reben:
https://victorswein.blog/2018/02/11/virtuelles-weinjahr-folge-1-der-schnitt/

Und zum Schluss: 2018 war ein in jeder Hinsicht ver(-)rücktes Jahr. Noch nie haben wir in den 30 Jahren zuvor im September Pinot noir geerntet; es gab schon Jahre, da lag der „Wümmet“ im November – diesmal fand die Ernte schon am 22. September statt. Noch nie haben wir wie 2018 Trauben mit 106° Oechsle abgeliefert – und gleichzeitig (und dafür schäme ich mich eher) haben wir noch nie eine so grosse Menge geerntet (260 kg auf 4 Aren).

 

 

„Gewimmelt“, aber nicht abgewimmelt!

Peter Wegelin in Malans – resp. sein „Gehilfe“ Harri Kunz: perfekte Gastgeber, toller Winzer!

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„Wimmeln“ (Weinlese) im Scadena-Rebberg. Er liegt im Dorf Malans und ist von Mauern umgeben – „Clos Scadena“ sozusagen.

Gewisse Geschichten entstehen zufällig, sind dafür dann aber um so sympathischer. Ich war mit Freunden auf einer Mountainbiketour, und nach 600 rasanten Höhenmetern Abfahrt auf einem Trail waren wir in Malans. Zum Glück insistierte einer der Kollegen, dass sich hier eine Ortsbesichtigung geradezu aufdränge. So umrundeten wir auch den „Wingert“ des Scadenagutes von Peter Wegelin und kurvten auf dem Vorplatz des geradlinigen, architektonisch überzeugenden Kellergerbäudes herum (ein Hoch auf jene, die diesen modernen Bau trotz demkmalgeschütztem Umfeld erlaubt haben!).

Eigentlich wollten wir gar keinen Wein probieren, nur von Aussen etwas „schnuppern“, schliesslich hat sich Wegelin seit einigen Jahren an der Spitze der Bündern Weinbauern etabliert. Aber als wir schon wegfahren wollten, da griff Harri Kunz ein: Er war noch in der Küche beschäftigt (die oberste Etage des Gebäudes dient als Degustations- und Veranstaltungsraum). „Ob er uns etwas zeigen könne“? Wir fanden „nein“, da wir ja noch weiterfahren wollten. Aber nach einer kurzen Pause fand Kunz: „Kommt, einen Wein mindestens müsst ihr probieren“.

Eine extreme Überzeugungskraft brauchte er nicht, also fanden wir uns bald auf der Terrasse mit wunderschönem Blick auf den Scadena-Wingert und einem Glas Weissburgunder in der Hand wieder. Und dazu, als wäre es so bestellt gewesen, war auch gerade noch der Winzer Peter Wegelin selbst anwesend – er machte gerade eine kurze Pause vom „Wimmlen“ – so heisst in der Bündner Mundart die Weinlese. Eigentlich war Wegelin gerade am Aufbrechen, um wieder zu arbeiten – aber auch er liess es sich nicht nehmen, uns zu begrüssen.

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Winzer Peter Weglin (links), vor dem Scadena-Wingert, und Gastgeber Harri Kunz (rechts)

Mit Harri Kunz hatten wir danach vergnügliche Minuten, und er bestand darauf, uns auch noch den eindrücklichen Keller zu zeigen, wo wir mitten durch Traubenanlieferungen und Pumpschläuche hindurch einen authentischen Einblick in den Weinbetrieb erhielten.

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Zweites Untergeschoss des modernen Gebäudes: Die Barrique-Kunst-„Kathedrale“ von Wegelin

Fazit: Statt Abwimmeln beim „Wimmeln“ wurden wir empfangen, resp. sogar zu einem Besuch eingeladen. Verkauft haben Wegelin resp. Kunz kurzfristig nichts, das war auch kaum zu erwarten, wir waren ja per Moutainbike und mit kleinen Rucksäcken unterwegs (und ganz abgesehen davon ist bei Wegelin im Moment auch fast alles ausverkauft). Gewonnen haben sie extrem viel Goodwill von vier Weinfreunden, die – auch angesichts des tollen servierten Pinot blancs – sicher nicht zum letzten Mal in diesem Gebäude verkehrt haben.

Marketing ist manchmal ganz unvermittelt persönlich – und wirkt so wohl am Besten.

PS: Und so ganz am Rand: Ich verfolge das Wirken von Peter Wegelin schon seit vielen Jahren, und er machte schon immer gute Weine, hat sich aber in dieser Zeit mit seinem Schaffen mit an die absolute Spitze der Bündner Herrschaft gehievt. Insbesondere die jüngsten Jahrgänge sind, sowohl Rot als auch Weiss, sehr überzeugend – wohl kein Zufall, denn seit einigen Jahren arbeitet das Gut biologisch, ohne viel Aufhebens darum zu machen.

https://www.malanser-weine.ch/

PS. Und auch Harri Kunz ist kein Unbekannter. Als Freund des Hauses Wegelin war er vor Ort, um beim „Wimmeln“ zu helfen (oder aber, um weinaffine Biker zu empfangen; vielleicht hat er uns das ja angesehen… ) eigentlich ist er aber Eventmanager – bei Bedarf hilft „googeln“.

Roter Pinot noir im Juli: frühester Farbumschlag seit Menschengedenken …

.. und vermutlich gab es das überhaupt noch nie in der Geschichte des Schweizer Weinbaus.

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31.7.2018, Pinot noir (Burgunder Klon 115): so früh war der Farbumschlag seit Menschengedenken noch nie! (Immerhin sei angefügt: Der Hauptteil unseres Rebberges ist mit dem Klon Mariafeld bestockt, und dort sind erst einzelne Beeren farbig, aber dieser Klon ist immer später)

Ich weiss, jedermann merkt, dass wir ein klimatisch extremes Jahr haben. Aber vermutlich haben wir, seit es in der Schweiz Weinbau gibt, tatsächlich noch nie ein so frühes Jahr erlebt. Vergleicht man die Temperaturtabellen seit Messbeginn in der Mitte des vorletzten Jahrhunderts, war zumindest in dieser Zeit sicher nie ein Rebjahr so früh dran:

https://www.meteoschweiz.admin.ch/home/klima/klimawandel-schweiz/temperatur-und-niederschlagsentwicklung.html

Natürlich: 2003 war ähnlich, 2009 auch, und 2015 war ebenfalls warm. Aber noch nie in 30 Jahren als Hobbywinzer habe ich einen Farbumschlag (also der Moment, in dem die Trauben farbig, d.h. blau resp. am Anfang rosa werden) im Juli erlebt. Es gab sogar Jahre, in denen wir erst anfangs September die ersten Farbspuren sahen, und beispielsweise im Jahr 2003 war der Umschlag auch erst um den 20. August sichtbar.

Aber 2018 ist anders: Kurz nach Ostern stellte das Wetter auf „Sommer“ um, entsprechend verzeichnen wir seit April über vergleichsweise zu warmes Wetter. Obwohl die Reben aufgrund des kalten März eher spät austrieben, haben sie danach aufgeholt, und schon die Blüte war um zwei bis drei Wochen früher als üblich. Und seither war es einfach nur schön und warm. Diese stabile „Sommerwetterlage“ seit April führte also zu einem vielleicht, trotz Klimaerwärmung, einmaligen Ereignis – Farbumschlag beim spät reifenden Pinot noir schon im Juli!

Niemand kann heute seriöse Prognosen darüber abgeben, was das für die Weinqualität bedeutet. Aufgrund der Wettervorhersagen für die nächsten zwei Wochen dürfte zwar die Hitze und Trockenheit weitergehen. Aber ein verregneter Herbst, und alles kann anders sein. Oder Dürre bis in den September hinein, und dann kann es auch für die Reben zu trocken werden.

Vor allem aber: Ein guter Pinot noir braucht das Wechselspiel zwischen kalten Nächten und warmen Tagen, um seine Aromen entwickeln zu können. Nicht zufällig gibt es aus südlichen Gegenden praktisch keinen Pinot. Es kann also sein, dass 2018 ganz einfach zu heiss für guten Pinot wird. Aber vielleicht gibt es auch ein Happy-End: Ein paar Tage Landregen Mitte August und danach kühlere Nächte und weiterhin schöne Tage – dann, und nur dann, darf die Presse wieder von einem Jahrhunderjahrgang schreiben.

Aber wetten, sie tut das ohnehin schon in den nächsten Wochen?

Und zum Schluss noch dieses aktuelle Foto: Andalusien? Provence?

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Nein, Schweizer Mittelland, zwischen Winterthur und Stein am Rhein!

 

Hier noch ein paar weitere Links zum Wetter 2018:

https://www.watson.ch/schweiz/wetter/716040055-hallo-sommer-der-april-2018-war-der-zweitwaermste-seit-messbeginn
https://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Die-waermste-AprilJuliPeriode-seit-Messbeginn-1864/story/30812580
http://www.meteozurich.ch/?tag=hitzesommer

Flash aus der Wachau II: Hier gibt es auch tolle Rotweine!

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Herrliche Aussicht auf die Donau (und die Wachauer Reblandschaft)

Hand auf’s Herz: Grüner Veltliner und Riesling aus der Wachau kennen Sie. Aber ein Rotwein? Also, mir ist das in der Schweiz noch nie begegnet.

Deshalb ist auch auch in Sachen Wein das Reisen so spannend! Tatächlich wird auch in der Wachau roter Wein produziert, in erster Linie, wie könnte es anders sein, Zweigelt. Ich habe aber auf der Weinkarte einen Pinot noir entdeckt und kurzerhand ausprobiert:

pinotwachauEin toller Wein, voller Kraft und mit „burgundischem Feuer“. Vielleicht etwas weniger elegant, dafür kraftvoll. Und sehr typisch Pinot!

Der Winzer selbst beschreibt den Wein eher zurückhaltend und bescheiden: Klare helle Kirschfrucht, auch etwas Himbeere tritt hinzu, viel Würze, angenehmer Säurebogen.

Ich würde hinzufügen: Der 2011 ist zwar schön trinkreif, hat aber noch viele Jahre vor sich; extrem subtil eingebundenes Holz, dicht und lang, toller Wein und unverkennbar Pinot! Und Preis-/Leistung muss im internationalen Vergleich hervorragend sein, im Restaurant kostete der Wein 42 Euro.

Die Wachau, jenseits von sehr wenigen Starwinzern mit fragwürdigen „Weintempeln“ mitten in den Reben (im Flachen): Eine sympathische Entdeckung, auch in Rot!

http://www.stierschneider.at/konzept.htm

 

 

„Man muss ja gar nicht ausländischen Wein kaufen, wenn man guten Wein will!“

Nachlese zu den Tagen der offenen Weinkeller

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Weinbau am Bielersee: nicht nur schön, sondern auch sehr gut!

„Das ist ein unglaubliches Erlebnis: Man muss ja gar nicht ins Ausland reisen, um guten Wein zu erhalten“. Diese Aussage ist nicht erfunden, sondern stammt von einem etwa 60-jährigen Herrn, der mit zwei Kollegen eben bei Steiner in Schernelz an den Tagen der offenen Weinkeller Wein probiert hatte.

Besser kann man gar nicht beschreiben, warum eben genau diese Tage der offenen Weinkeller so wichtig sind! Denn ganz offenbar braucht es sehr lange, um bestehende Vorurteile zu korrigieren. Um so schöner, wenn es, wie im beschriebenen Beispiel, gelingt!

Selbstverständlich würde ich persönlich nicht auf ausländische Weine verzichten wollen. Um beim Beispiel Steiner Schernelz zu bleiben: Das ist ein total hochstehendes, rundum überzeugendes Sortiment (ich werde noch genauer berichten), aber ausgerechnet die „fremden“ roten Rebsorten Syrah und Malbec sind zwar sehr gut gemacht, aber gerade da bevorzuge ich dann doch das Original aus der nördlichen Rhone oder Cahors. Dafür kann man unserem erwähnten Weinfreund nur zustimmen, wenn es um Pinot noir, Sauvignon blanc oder Chardonnay geht. Und dass aus Chasselas Spitzenweine hergestellt werden können, die zwar ein Schweizer Original, aber trotzdem im Quervergleich hochklassig sind, zeigt sich bei Steiner auch!

Für mich persönlich eine Wieder-Entdeckung war tatsächlich auch die Weinregion Bielersee. Da gibt es eine ganze Reihe von äusserst hochklassigen Betrieben. Wenn ich mit dem Besuch am 1. Mai in der Bündner Herrschaft vergleiche, müssen sich die Bielerseewinzer im Durschschnitt überhaupt nicht verstecken!

Affaire à suivre, auch demnächst in diesem Blog!

http://www.schernelzvillage.ch/de/startseite.html

 

Casanova: etwas vom Allerbesten!

Marco Casanova Wein Pur in Walenstadt – berührend gut!

Eine Entdeckung ist es ja nicht mehr, denn Marco Casanova war letztes Jahr bereits von Vinum als „Biowinzer des Jahres“ geadelt worden. Und seine Stationen vor der Selbständigkeit – Mas Soleilla und Mattmann – hatten es ja auch schon in sich. Und trotzdem, der Besuch in Walenstadt war eine Offenbarung!

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Marco Casanova – ein Name, der einem eigentlich schon geläufig sein müsste, den man sich aber ganz sicher merken muss!

Herausforderungen scheinen das Ding von Marco Casanova zu sein, und Aufbauen eines Weingutes dazu: Er hat als Kellermeister mitgeholfen, Mas Soleilla gross zu machen. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz hatte er die gleiche Rolle im Weingut Mattmann (Cicero) in Zizers. Nach dem tragischen Tod von Thomas Mattmann führte er zuerst jenen Betrieb weiter, um sich ab 2013 dem Aufbau seines eigenen Rebgutes in Walenstadt zu widmen. (Mit Reben dort und in Zizers).

Und dieses Rebgut – CasaNova Wein Pur – muss man sich merken! Und die Weinbaugemeinde Walenstadt damit. Wir besuchten Casanova am Tag der offenen Weinkeller, es war der Abschluss eines spannenden Tages, und es war, trotz der Hochklassigkeit einiger davor besuchter Güter (u.a. von Tscharner und Möhr-Niggli, die uneingeschränkt hervorragend sind), das Glanzlicht des Tages! Kein einziger Wein im Sortiment, der nicht völlig überzeugt – und alles Weine mit Tiefgang und „Seele“.

Dabei ist das Sortiment schon im „Normalzustand“ heterogen: Von den herkömmlichen Sorten wie Müller Thurgau, Chardonnay und Pinot noir über Sauvignon blanc und Riesling, hin zu den Piwi-Sorten Cabernet Jura, Gamaret und der ganz besonderen Sauvignon Soyhières (gewöhnungsbedürftig, aber total spannend und mit einer völlig ungewohnten, exotischen Fruchtigkeit versehen; gefällt sehr gut, es ist eher die Frage, wie dieser Wein kulinarisch einzusetzen ist).

Herausforderungen scheinen das Ding von Marco Casanova zu sein: 2017 zerstörte der Frost fast seine gesamten Rebberge. Zwar schlugen die Reben nochmals aus, aber es gab massiv weniger Ertrag, in einigen Parzellen war sogar nichts zu ernten. Casanova, wie uns sein sympathischer Mitarbeiter erklärte, ein Organisationsgenie, zog darauf alle Register und besorgte sich Trauben oder Saft aus der ganzen Schweiz und aus halb Europa. Deshalb ist sein Sortiment zur Zeit noch viel breiter; statt Müller Thurgau gibt es Chasselas, statt dem „Alltagspinot“ wird Sangiovese angeboten. Und dank seiner alten Beziehung zu Mas Soleilla gibt es auch einen Wein im südfranzösichen Stil. Auch hier gilt: Das sind Weine auf extrem hohen Niveau, keiner fällt ab!

Trotzdem sind auch in kleineren Mengen als üblich noch die eigentlichen Gutsweine erhältlich, teils natürlich auch noch aus früheren Jahren, insbesondere bei den Roten. Bei letzteren lässt Casanova die einzelnen Terroirs spielen; trotzdem ist sein Stil über alle Weine unverkennbar. Es sind wundervolle, elegante und ausdrucksstarke Gewächse. Bei allen wird das Holz sehr dezent eingesetzt (resp. ist nur dezent spürbar), die typische Pinotfrucht kommt hervorragend zum Tragen. Und den „Cabernet“ (Cabernet Jura und Gamaret) muss man einfach probiert haben, das ist ein toller, dichter, ausdrucksvoller Wein.

Trotz absolut überzeugendem Rotweinsortiment hat mich ein Weisser am meisten beeindruckt: Der Sauvignon blanc „Seemühle“ aus Walenstadt, der ganz einfach umwerfend gut und Schauder erzeugend berührend ist. Welche Klarheit, welche Frucht, welche Finesse, welche Dichte, welch unglaublicher Abgang.
Sauvignon-Winzer der Welt: Hier seht ihr den Massstab für einen genialen Wein aus dieser Sorte. (Und das aus dem Problemjahrgang 2017!) Ich bin rundum begeistert!

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Sauvignon blanc, Seemühle, 2017
Mittleres, glänzendes Gelb. Duft nach Holunderblüten, Quitten, Anflüge von Limetten und von Williams-Brand. Dichter Körper, dezente Säure und trotzdem eine unglaubliche Frische, leichte, aber nur bereichernde Bitternoten, fast nicht endender Abgang. Absoluter Spitzenwein – sorry – einfach Weltklasse aus der Schweiz. Und sinnlich und berührend dazu.

 

 

Und bei allem, ich hab’s noch gar nicht erwähnt: Das Weingut arbeitet biologisch (einige Weine aus gekauften Trauben ausgenommen) und ist seit Kurzem auch Demeter-zertifiziert. Ein Beispiel mehr, dass gerade solche Betriebe die berührendsten Weine herstellen!


Und zum Schluss, Entwicklungshilfe in Sachen Chasselas:

Wie erwähnt, bietet Casanova als Ersatz für den ausfallenden Müller-Thurgau in diesem Jahr einen Chasselas aus gekauften (aber mit der eigenen Equipe geernteten) Trauben an. Und als ob der Probleme nicht schon genug gewesen wären, hatte dieser Wein auch noch die Frechheit, schon während der Gärung auch den biologischen Säureabbau zu beginnen. Abstoppen, wie eigentlich geplant, war deshalb nicht möglich.
Aber das Verrückte daran: Herausgekommen ist ein absolut toller Chasselas mit einer guten Säure und schöner Struktur. Süffig und trotzdem charaktervoll. Und das von einem Winzer, der zum ersten Mal im Leben diese Traubensorte keltert!
Chasselas-Winzer der Welt (resp. der Westschweiz): So geht Chasselas!

http://www.casanova-weinpur.ch/index.html

 

 

 

1. Mai – auf zu den Winzern!

Ein absolutes Muss für jeden Weinfreund: Tag der offenen Weinkeller!  Und meine Vorpremière bei Broger und Haug

Wenn es diesen Anlass nicht gäbe, man müsste ihn erfinden! Am 1. Mai (und in diesem Jahr oft auch am 5. und/oder 6. Mai) öffnen selbstkelternde Winzer der Deutschschweiz ihre Weinkeller:

https://www.offeneweinkeller.ch/home/

Verpassen Sie diese Anlässe nicht, besser können Sie nie Einblick in die qualitativ meist hochstehende Weinschweiz erhalten!

Ich selbst habe heute schon begonnen; es gab einige wenige Betriebe, die schon an diesem Sonntag geöffnet hatten. So war ich bei meinem persönlichen Favoriten, Michael Broger am Ottenberg im Thurgau (siehe weiter unten). Davor besuchte ich aber auch ein mir bisher unbekanntes Weingut in Weiningen (Nomen est Omen), und dieser Besuch gab sozusagen die Richtung vor – der 1. Mai dient dazu, Neues, und oft Tolles, zu entdecken!

Wein und Kultur – und herausragende Weisse

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Robin Haug im Keller des Weingutes in Weinigen, das im Moment auch eine Kunstausstellung ist. (Bild vl)

Der Besuch im Weingut Haug zeigte exemplarisch, was an Entdeckungen am Tag der offen Weinkeller in positivem Sinne möglich ist. Eine mir bis anhin (abgesehen vom „Gubrist-Stau“) völlig ungekannte Weinortschaft, ein unbekannter Winzer – eigentlich nur gewählt, weil er schon heute offen hatte. Und dann: Ein wunderschönes Weissweinsortiment und zumindest gute Rotweine! Also eine Entdeckung und ein Ort, an dem man mich wieder sehen wird!

Während die Roten – vielleicht mit Ausnahme des Pinot Barrique, der Liebhbaber finden wird, mir aber zu untypisch, zu üppig und zu holzbetont vorkam – einfach gut waren, verdienen die Weissen allesamt das Prädikat sehr gut. In einem tollen Sortiment besonders aufgefallen sind ein Räuschling, der sortentypisch ist, aber gleichzeitig viel mehr Körper hat, als allgemein üblich (Zürichseewinzer: aufgepasst vor dem Limmattal!), ein dichter Pinot gris und ganz speziell ein Gewürztraminer des Jahres 2013, der auch fast ohne Restsüsse ganz wundervoll diese Rebsorte ausdrückt. Ganz generell gefiel mir, dass keiner der Weine eine übertriebene Restsäure aufwies und trotzdem alle auch für den Durschnittskonsumenten süffig erschienen. Solche Winzer sollte es mehr geben.

Also, am 1. Mai ausfahren und solche oder ähnliche Erlebnisse und Entdeckungen mit Schweizer Winzern machen! Es lohnt sich.

Der Pinot-Magier kann auch weiss

Dass ich ein bekennender Fan von Michael Broger am Ottenberg bei Weinfelden bin, ist Lesern meines Blogs bekannt.
https://victorswein.blog/2018/01/01/michael-broger-der-pinot-magier/

Auch die Roten des Jahrgangs 2016 zeigten einmal mehr das aussergewöhnliche Niveau dieser Weine: Die „alte Rebe“, das „Flaggschiff“ von Broger, ist umwerfend, von unglaublicher Klarheit, Finesse und Kraft – einzigartig! (Zur Feier des Tages habe ich am Abend eine „alte Rebe“ 2011 geöffnet: erste Trinkreife, feinste Pinot-Frucht, die erst jetzt richtig zum Vorschein kommt, kräftig und trotzdem eleganz und unendlich lang. Klasse!). Kaum weniger interessant der „Schnellberg“, der „nur“ in einjährigem Holz ausgebaut ist und deshalb schon etwas nahbarer und eigentlich schon genussvoll trinkbar ist; auch dieser Wein berührt die Seele!

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Frühling am Ottenberg: rechts das Schlossgut Bachtobel (das leider am Tag der offenen Weinkeller nicht teilnimmt), links, etwas verdeckt, das Weingut von Michael Broger.

Broger kann aber auch tolle Weisseine machen: Der 2017 Müller Thurgau ist für einmal fast ohne Restsüsse ausgebaut und steht für mich als Prototyp für den Wein, mit dem die Winzer uns Kosumenten wieder für diese Rebsorte gewinnen könnten: fruchtig, muskatbetont, mit frischer Säure, kombiniert mit einer nur marginalen Süsse, süffig, aber auch mit einer gewissen Dichte, einfach toll.
(Und, das passt jetzt so gut zum Tag der offenen Weinkeller: praktisch allen in der Schweiz angebotenen ausländischen Weinen in diesem Preissegment ganz einfach überlegen!).

Und schliesslich: Broger produziert seit Kurzem auch einen reinsortigen Riesling! Ich habe ihn toll gefunden, sehr sortentypisch (ich wäre blind nie auf einen Schweizer Wein gekommen), mit knackiger Säure, kombiniert mit einer kaum spürbaren, aber schön ergänzenden Restsüsse. Vielleicht mangelt es noch etwas an Körper, aber es sind ja auch noch junge Reben. Diesen Wein würde ich gerne einmal einem guten deutschen Riesling gegenüberstellen, eigentlich bin ich sicher, dass er nicht abfallen würde.

Ein Grund mehr, am 1. Mai die Vielfalt der Schweizer Weinlandschaft zu entdecken!