So beliebt und gut die Weine aus der Rioja schon vor Jahrzehnten waren, so sehr handelte es sich hauptsächlich um „Massenware“, welche von Grossbetrieben hergestellt wurden. Als erstes Gut nach dem Château-Prinzip (oder Single Vineyard) wurde Contino 1973 gegründet. Die Weitsicht der Gründerfamilie hat sich gelohnt!
„Ein Fabrikwein auf dem langen Weg zur Weltspitze“. Unter diesem Titel, der mir etwas Ärger eintragen sollte, schrieb ich im Jahr 1990 eine Reportage über die Rioja und deren Weine. Vermutlich würde ich heute ja vorsichtiger titeln, aber falsch war es jedenfalls nicht. Denn die damals allein herrschenden Weinhäuser, so renommiert sie waren (und so durchaus gut auch einige der Weine), produzierten in Bauten, die sehr an industrielle Grossfabriken erinnerten, aus zusammengekauften Trauben Massenweine.
Nun, den Weg an die Weltspitze haben inzwischen diverse damals unbekannte oder noch gar nicht existierende Produzenten gefunden. Und auch mehrere Grossfirmen bringen heute Weine auf den Markt, die wirklich zur Spitze gehören. Die Rioja wird heute auch qualitativ ihrem Renommee gerecht.

50 Jahre „Single Vineyard“ in der Rioja
Ich hatte 1990 auch die Gelegenheit, Contino zu besuchen, das erste Gut in der Rioja, welches nach dem Château-Prinzip nur Trauben aus eigenen, geographisch klar begrenzten Rebzeilen verarbeitete. Dieses Prinzip war in der Rioja damals revolutionär, und es spricht für die Weitsicht der Besitzerfamilie, entbehrt aber auch nicht einer gewissen Ironie, dass mit Cune (Compañia Vinicola del Norte de España, C.V.N.E) ausgerechnet einer der grösseren Produzenten das Gut kaufte und als Single Vineyard entwickelte.
Federführend bei Contino war der damalige Direktor von Cune, José A. Madrazo Real de Asúa. Contino wurde von Cune 1973 übernommen, das Gut exisiterte aber schon lange, es soll nachgewiesen sein, dass schon vor 1000 Jahren hier Reben angepfanzt wurden. Die Weingärten – heute gesamthaft 63 Hektar – befinden sich nur wenige Kilometer westlich von Logroño in der Nähe des Ortes Laserna, wunderbar in einer Schleife des Ebro gelegen. Gegen Norden wird die Bodega durch einen kleinen Hügel abgeschirmt, so dass hier – auf rund 430 m ü.M. – ein spezielles Mikroklima herrscht. Die Böden sind in Ebronähe sandhaltig, während die oberen Lagen kalkgeprägt sind.
1990 – Bodega-Rundgang mit dem „Vater von Contino“
Ich hatte bei meinem Besuch im Jahr 1990 die Ehre, von José Madrazo Real persönlich durch die Reben und die Kellerei geführt zu werden. Dass ausgerechnet während unserem Aufenthalt im Tanklager ein Stahltank überlief und dadurch Dutzende von Litern besten Weins verloren gingen, bleibt ein unvergesslicher Moment – der Chef aber blieb, im Gegensatz zu seinen Arbeitern, dabei sehr gelassen.

Heute könnte das wohl nicht mehr passieren, denn im Jahr 2004 wurden neue, top-moderne Vinifikations- und Kellerräume geschaffen. Ich gehe davon aus, dass die Pumpen nun mit einer Überlaufsicherung ausgestattet sind. Das architektonische Konzept für den Anbau ist sehr gelungen und passt zu den alten Bauten der ursprünglichen Bodega. Die Planer haben auch sehr geschickt die Kellerräume mit den alten Kellern verbunden. Alt heisst hier wirklich alt, Teile davon sind über 400-jährig, werden aber auch heute noch aktiv genutzt.
1990: Einzigartig, aber eher südländisch
Ich schrieb im Jahr 1990 zu Contino, es sei erstaunlich, was José Madrazo Real mit dem Gut schon erreicht habe, und dass der Wein von Jahr zu Jahr besser werde – es handle sich um einen ganz anderen Rioja als gewohnt. Zudem werde das Holz dezenter eingesetzt, und der relativ hohe Mazuelo- und Gracianoanteil mache sich klar bemerkbar. Weil der Wein damals aber sehr üppige, fast süssliche und nach Bergheu duftende Noten aufwies (und mich in der Nase an Zinfandel erinnerte), stellte ich allerdings die Frage, ob das Terroir wirklich gut genug sei, um sich langfristig an der Spitze zu etablieren.
2023: Frische und Eleganz als Grundprinzip
Nun, ich habe mich geirrt! Was Contino heute auf die Flasche bringt, ist absolute Spitzenklasse. Und was besonders auffällt: Die Weine sind völlig anders geworden als damals – die Kraft und Fülle ist zwar geblieben, aber die Contino-Weine bestechen daneben durchwegs durch eine wunderbare Frische und Eleganz. Die enorme Entwicklung des Gutes lässt sich auch an der eben verwendeten Mehrzahl ablesen. 1990 gab es nur einen einzigen Wein, eine Reserva. Heute umfasst das Sortiment acht Weine, einen Weissen und einen Rosé, eine Reserva und eine Gran Reserva sowie den separaten Lagenwein (aus einer Parzelle nahe der Bodega), den „Viña del Olivo“. Spannend abgerundet wird das Angebot durch je einen reinsortigen Garnacha, Mazuelo und Graciano.
Das Schöne dabei: Abgesehen von der Gran Reserva, dem Viña del Olivo und dem Graciano sind die Weine preislich noch in einer vernünftigen Grössenordnung geblieben, die auch gut in meinen Blog passen (Einzelne Ausnahmen vorbehalten, schreibe ich nur über Weine bis ca. CHF/EURO 40.00).

Im vergangenen Monat hatte ich die Gelegenheit, nach 33 Jahren wieder auf Contino zurückzukehren. Vieles war noch vertraut, aber da, wo damals der Tank überlief, befindet sich jetzt ein sehr schöner Empfangs- und Degustationsraum, während nun im bereits erwähnten Anbau top-moderne Einrichtungen glänzen – und im neuen Keller Barriques lagern. Geblieben ist aber der alte Keller, in dem nach wie Flaschen aufbewahrt werden. Klein wie damals wirkt die Bodega (heute Finca San Rafael genannt) nicht mehr, aber immer noch familiär und übersichtlich – das reine Gegenteil einer Weinfabrik!

Degustationsnotizen
Contino blanco, 2020, Rioja D.O.Ca (Garnacha blanca und Viura)
Mittleres Gelb; Duft nach weissem Pfirsich und Aprikose, spürbare Holznoten; im Mund frisch mit toller Säure, kraftvoll aber ausgewogen, noch etwas holzbetont, hat Zukunft! Setzt Massstäbe für weissen Rioja. 17 Punkte.
Contino Garnacha, 2020, Rioja D.O.Ca
Mittleres Rot; Duft nach Brombeere und Heidelbeere sowie dunklen Kirschen, neues Holz, würzig; enorme Frische im Mund, tolle „saftige“ Säure, elegant, sehr feine Tannine, langer Abgang. Toller Garnacha, 17,5 Punkte.
Contino Reserva 2018, Rioja Reserva D.O.Ca (Tempranillo, Garnacha, Mazuelo und Graciano)
Mitteldunkles Rot; Cassis, Brombeere, Vanille, Duft nach Garrique; im Mund druckvoll, wunderbare Frische, zurückhaltendes, feines Tannin, dicht, äusserst elegant, langer Abgang. Sehr gelungen! 18 Punkte.
Viñedos del Contino – Since 1973
Wines with designation of origin – CVNE Wineries
Bezugsquellen: Diverse, mit Suchprogrammen gut zu finden.
Interessennachweis: Der diesjährige Besuch und die Degustation auf Contino erfolgten im Rahmen einer bezahlten, geführten Rundtour durch die Bodega.
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