Klima ausgleichendes Rinnsal – und wie aus 19 dann 20 Punkte werden.

Lassen Sie mich heute für einmal ein bisschen Lästermaul spielen:

Von den Tücken eines Imagewandels

Es gibt da ein renommiertes Weinhaus, das seit Jahrzehnten vor allem durch sein distinguiertes Auftreten und seine schon fast spröden Weinbeschreibungen bekannt – und bei vielen geschätzt – war. Ich selbst habe in jungen Jahren die „Hommage“ dieses Händlers sozusagen auswendig gelernt, und ohne dieses Haus wäre ich vielleicht gar nie zum „Weinfreak“ geworden.

Nun scheint ein Imagewandel angesagt zu sein – mir kommt es vor, als wäre eine neue Werbeagentur damit beauftragt worden, ein modernes Image zu kreieren, dank dem sich auch jüngere Weinfreunde angesprochen fühlen. Dann tönt es beim gediegenen Weinhaus zu einem weissen Rioja plötzlich so: „Frühling, wo bleibst du? Spargel trete näher und komm nicht ohne zerlassene Butter und weiteres Gemüse! Den Sommer erobern wir dann auch!

Dagegen ist ja nichts einzuwenden, auch wenn mir der Wechsel von altbacken zu hipp etwas gar schnell zu gehen scheint. So richtig lustig ist es aber schon beim Einstieg in den Flyer:
„Ist Ihnen der Fluss Oja ein Begriff? Wussten Sie, dass er die Rioja nicht nur durchfliesst, sondern gar ihr Namensgeber ist (Rio (der Fluss) und Oja.) Er wirkt ausgleichend auf das Klima der Region, was für den Weinbau sehr positiv ist.

Um Himmels Willen! Gibt es denn in diesem einst renommierten Weinhaus niemanden mehr, der solche Texte vor dem Erscheinen prüft – und ich rede jetzt nicht von der Doppelklammer? Dass diese Theorie der Namensherkunft der Rioja nur eine vor mehreren ist, lassen wir ja mal durchgehen. Aber: Der Rio Oja ist nur 65 Kilometer lang und ist ein Flüsschen, häufig aber auch nur ein besseres Rinnsal. Das ist verwegener, als würde man der Donau bei Donaueschingen eine klimaausgleichende Wirkung zusprechen! Der Rio Oja ist ein Nebenfluss eines Nebenflusses des Ebro. Und die ausgleichende Wirkung hat selbst dieser, der die Rioja wirklich auf der ganzen Länge durchfliesst, kaum, denn auch er ist, zumindest in den trockenen Jahreszeiten, nicht gerade mit Wasser verwöhnt.

Jeder, der schon einmal in der Rioja war, und da gehe ich einmal davon aus, dass es in der besagten Weinhandlung solche Leute gibt, könnte das sofort korrigieren!

19 Punkte blind, 20 mit Etikette – „de Maxli halt“

Szenenwechsel: Ein anderer Weinhändler, nennen wir ihn einmal Max Gerstl, hat fast gleichzeitig eine Broschüre zu den Burgundern des Jahrgangs 2017 versandt. Dabei gibt es einen kleinen Einschub mit den Resultaten einer Blindprobe mit einigen der allerbesten Crus des Jahres 2015. Bemerkenswert dabei ist sein Kommentar zum „Clos St. Jacques“ von Rousseau, der 20 Punkte erhielt: „Ich hatte ihn blind nur mit 19/20 bewertet, er erschien mir allzu geschliffen schön. Dass ich mit dieser Beurteilung völlig falsch lag, war mir klar, nachdem ich den Wein, im Wissen, welcher es ist, nochmals probieren konnte.“

Diese Aussage fand sich danach sofort auf sozialen Medien, und Gerstl wurde heftig kritisiert. Ein Kommentator feixte:

Einmal abgesehen davon, dass der fragliche Schreiber, auch wenn er zweifellos ein begnadeter Weinkenner ist, dem „Maxli“ in Sachen Wein dann das Wasser wohl doch nicht ganz zu reichen vermag (oder eben den Wein, meinetwegen): Ich schätze Max Gerstl gerade für solche ehrlichen Worte! Er hätte die 20 Punkte ja auch ohne entsprechenden Hinweis kommunizieren können.

Man könnte nun lange über Sinn und Unsinn von Blinddegustationen diskutieren. Ich selbst habe jedenfalls nur zu oft erlebt, dass Weine, die auf Anhieb in der Degustation gefielen, bei einem anschliessenden Essen langweilig waren – während „Blinddegu-Aschenbrödel“ umgekehrt plötzlich sehr gefielen. Und warum soll Max Gerstl, der den „Clos St. Jacques“ und sein Potential aus jahrzehntelanger Erfahrung kennt, sein Urteil nicht ändern dürfen, nachdem die Etikette enthüllt wurde? Vor allem dann, wenn er zu seinem Meinungswandel steht und diesen ehrlich kommuniziert?

Fazit: Max(li) Gerstl 19 oder, wenn man weiss, wer er ist, 20 Punkte! Die Werbeagentur mit dem Rio Oja: höchstens 10!

Utiel-Requena, Alpujarras – Reisen bildet auch weinmässig

Endlich Ferien! Vorsommer mit Sonne und Wärme in Südostspanien. Und solche Ferien sind immer auch eine Möglichkeit, Weine kennenzulernen, die man sonst nie im Glas gehabt hätte!

Fast wie im Wallis: Reben in den Alpujarras (almeriense) am Südfuss der Sierra Nevada.

Wann immer wir in Ländern mit Weinbau reisen, ist für mich klar, dass ich örtliche Weine probiere. Und fast immer mache ich gute Erfahrungen damit, den Kellner nach einem Tipp zu fragen. Wir waren soeben zwischen Valencia und Almeria unterwegs (und hätten uns, angesichts der unendlichen Plastik-Plantagen mit all dem Abfall am Strassenand im Einzugsgebiet von Almeria fast abgewöhnt, Gemüse zu essen).

Die Frage im Restaurant nach einem empfehlenswerten Wein aus der Region führte immer zu einem tollen Erlebnis – nebenbei zu einem immer sehr anständigen Preis. Nicht einer der empfohlenen Weine enttäuschte, es waren allesamt spannende, (wein-)horizonterweiternde Tipps. So etwa der überaus fruchtige, sehr sortentypische Monastrell „Tarima Hill“ der Bodegas Volver aus dem Hinterland von Alicante – aber eben nicht aus Jumilla oder Yecla, den Monastrell-Hochburgen, sondern aus dem benachbarten Pinoso (mit der DO Alicante).
https://bodegasvolver.com/

Oder der zwar kräftige, aber auch erstaunlich frische Sauvignon blanc der Bodegas Garcia Gil aus dem bereits in Andalusien, und eigentlich in einer Halbwüste, gelegenen Oria im Hinterland von Almeria.
http://www.bodegasgarciagil.es/

Utiel-Requena und Bobal – alles klar?

Eigenständiger Wein, ebensolche Etikette: Bobal der (sozusagen schweizerischen) Bodegas Murviedro aus Requena.

Absolut spannend war auch die (Wieder-)Entdeckung der Rebsorte Bobal. Haben Sie schon einmal von Utiel-Requena gehört? Dieses mit rund 40’000 ha recht grosse Weinbaugebiet liegt im Hinterland von Valencia auf einer Meereshöhe von rund 700 Metern, und ist lagemässig sehr vergleichbar mit den 100 km südlicher, auf gleicher Höhe und gleich weit vom Meer entfernt gelegenen Gebieten von Jumilla und Yecla. Hier aber kommt der Sorte Bobal eine wichtige Rolle zu. Bobal? Nie gehört? Aber fast sicher schon mal getrunken. Diese Rebsorte nimmt in Spanien nämlich die zweitgrösste Anbaufläche aller Sorten ein, wird aber oft nur als Färber- und Verschnittwein eingesetzt. Seit einigen Jahren wird nun auch das Potential der Bobal wieder erkannt, eigenständige Spitzenweine hervorzubringen.

Der empfohlene Bobal „Sercis 2015“ der Bodegas Murviedro erwies sich als so etwas wie eine wunderbare Mischung aus einem Beaujolais (herrliche Frucht) und einem Gigondas (Kraft, Farbe, Tannine, Wucht), dem auch der leise Holztouch sehr gut anstand. Im ersten Moment fast etwas frustrierend war dann freilich die Recherche zu diesem Wein und dieser Bodega: Da ist nichts von Entdeckung oder kleinem Familienbetrieb oder dergleichen; vielmehr gehört die Firma Murviedra zum Schweizer Schenk-Konzern. Dass gross (Schenk ist die grösste Weinfirma der Schweiz) aber durchaus auch gut bedeuten kann, zeigt nicht nur der beschriebene Bobal, sondern wurde in diesem Blog auch schon anhand eines Walliser Weines aufgezeigt:
https://victorswein.blog/2018/08/05/amigne-walliser-raritaet-mit-enormem-potential/
Für mich persönlich sehr speziell war dann auch, dass ich bei der Suche nach Bezugsquellen in der Schweiz nebst anderen auf die Weinhandlung Danieli in Wallisellen stiess: Mit Ottavio Danieli – nebenbei gesagt 1975 Skip des ersten Schweizer Curling-Weltmeisterteams – verbindet mich, in völlig anderem Zusammenhang, eine hochachtungsvolle, freundschaftliche Bekanntschaft. Man verzeihe mir deshalb, dass ich nur diese Quelle angebe:
http://shop.danieliweine.ch/pi/Cepas-Viejas-Bobal.html

„Bergwein“ vom Schönsten

Das eigentliche önologische Highlight dieser Reise waren aber zwei Weine aus dem Alpujarras. Dabei handelt es sich um eine landschaftlich extrem reizvolle Bergregion, die sich auf rund 100 Kilometern südlich der Sierra Nevada entlang erstreckt. Der bekanntere, westlich gelegene Teil, die Alpujarras granadina (von Granada abgeleitet – obwohl sich die Stadt auf der nördlichen Seite der Sierra befindet), liegt direkt unter den höchsten Gipfeln des über 3000 m hohen Gebirgszuges. Nicht weniger reizvoll sind aber auch die östlich und tiefer gelegenen Alpujarras almeriense (genannt nach Almeria), in denen auch in etwas grösserem Stil Wein angebaut wird.

Wunderschöne Berglandschaft in den Alpujarras almeriense. Im Hintergrund die noch leicht schneebedeckten Ausläufer der Sierra Nevada.

Am einen Abend genossen wir den Syrah „Cepa Bosquet“ 2017 der Bodegas y Vinedos Laujar, aus einem Gebiet, dass keine DO besitzt, sondern die Weine „nur“ unter dem Titel „Indication Geografico Protegida“ vermarkten darf. Der Wein stand für 18 Euro auf der Karte eines „Paradores“, wäre aber dank seiner sehr sortentypischen Art, seiner feinen Tannine, seiner Frucht und Eleganz ohne Weiteres als sehr guter St.-Joseph durchgegangen.

Fast noch spannender war am Abend danach ein Weisser der gleichen Bodega, ein Macabeo 2017. Diese Rebsorte spielt in Spanien eine sehr wichtige Rolle und ist im Norden, etwa in der Rioja und Rueda, aber auch im Penedes für die Herstellung von Schaumwein, unter dem Namen Viura die wichtigste weisse Sorte.
Während die Weine des Nordens immer sehr süffig, fruchbetont, aber oft auch etwas „schmalbrüstig“ ausfallen, zeigt dieser Macabeo nebst einer ebenfalls erstaunlichen Frische auch Kräuternoten und eine schöne Dichte – und vor allem eine wunderbar mineralische Note, welche den Macabeo zu einem wirklich aussergewöhnlichen Erlebnis werden liess: kein grosser Wein, aber einer, der das Herz erwärmt!
https://cepabosquet.es/

Klar, ich hätte während einer Ferienwoche in Spanien auch die grossen Weine des Landes trinken können – ein Valbuena etwa stand einmal auf einer Karte eines Restaurantes günstiger, als man ihn in der Schweiz kaufen kann. Aber ich möchte diese wunderbaren Entdeckungen nicht missen – es sind letztlich solche Erlebnisse, die den Weinhorizont wirklich erweitern und die eine Reise enorm bereichern!

Master of Wine(making)

66 % der in Spanien lebenden master of wine auf einem Bild. Und gleichzeitig zwei Grenache-Weinproduzenten der Spitzenklasse! (Fernando Mora, links, und Norrel Robertson)

Es gibt aktuell rund 375 Personen, die den Titel MW – Master of Wine – tragen dürfen, oder eher, ihn sich redlich verdient haben. Fast 10 % davon, genau 33, produzieren auch selbst Wein, darunter in so berühmten Domainen wie Zind-Humbrecht (Olivier Humbrecht) oder Bründlmayer (Andreas Wickhoff). Das alles lässt sich auf der Homepage der Organisation Master of Wine nachlesen.
https://www.mastersofwine.org/

Dass sich indessen gleich zwei MW in der gleichen, bisher nicht gerade für Spitzenweine berühmten Gegend niederlassen, dass sich beide vor allem der Grenache resp. Garnacha verschrieben haben, beide, wenn nicht schon angekommen, dann auf dem besten Weg zur absoluten Spitze sind, und dass dann gleich noch beide gemeinsam in Zürich anzutreffen sind, das ist dann doch speziell!

Aber der Reihe nach: Norell Robertson, ein Schotte, hat sich vor 15 Jahren in Calatayud, einem kleinen Weinbaugebiet rund 80 Km westlich von Zaragossa (und etwa ebensoweit südlich von Alfaro, das zur Rioja zählt), niedergelassen. Der andere, Fernando Mora (wenn die Recherche im Internet gelungen ist: zusammen mit dem Besitzer der Reben, Mario Lopez und Francisco Latasa, einem Juristen und Handelskenner) in Epila im Gebiet Valdejalon, etwa auf halbem Weg zwischen Zaragossa und Calatayud.

Grenache/Garnacha: Das ist jene Traubensorte, die früher als schlechter Massenträger verschrien war, der bestenfalls dem Wein ein gutes Alkoholgerüst mit auf den Weg gab, aber ansonsten als harmlos und schon gar nicht finessenreich galt. Dass diese Verallgemeinerung so nicht stimmen kann, wurde mir spätestens bei einem Besuch auf Château Rayas in Châteauneuf-du-Pape im Jahr 1987 klar. Wie tiefgründig und finessenreich dieser Wein doch war (damals konnte man übrigens noch unangemeldet vorfahren und auch direkt vor Ort Wein kaufen, zu sehr vernünftigen Preisen).

Bei der Beurteilung der Produkte der beiden MW beginne ich zu differenzieren: Norrel Robertson’s Weine sind allesamt – immer in der jeweiligen Kategorie – absolute Spitzenklasse und begeisternd. Sein „El Cismatico“ 2016 aus alten Reben: ein finessereiches, aber auch relativ teures Wunderwerk! Sein „El Puño“ 2013: ein Kraftpaket mit feinen Nuancen. Sein „Manga del Brujo“ 2014, eine Assemblage, bei der Syrah, Tempranillo und Mazuelo der Garnacha beigemischt sind: ein Ausbund an Frische und Mineralität. Und dazu ein Syrah (Dos Dedos de Frente 2016), der keinen Vergleich mit Rhone-Weinen zu scheuen braucht, und auch ein Weisswein aus Macaebo, Garnacha Blanca und etwas Viognier, dem man aufgrund seiner Finesse und Frische nie die Herkunft Spanien geben würde. Kurz: Norell Robertson kreiert absolute Spitzenweine, und ich würde nur zu gerne seinen „El Cismatico“ neben einem Château Rayas (oder zumindest einem Pignan) probieren!

Etwas differenzierter sehe ich das bei Fernando Mora. Noch vor Jahresfrist liessen mich einige seiner Weine etwas ratlos. Mag sein, dass das, was ich als schon fast fehlerhaft empfand, nur gewöhnungsbedürftig und der sehr naturnahen Vinifikation geschuldet war, aber mit einer Ausnahme gefielen mir die Weine damals nicht besonders. Aber schon ein Jahr später hat mich die Mehrheit seiner Weine nun echt begeistert. Der – allerdings auch schon recht teure – „las Alas de Frontonio“ 2015 beeindruckt durch Kraft und „südfranzösische“ Aromen, und der „Telescopio“ 2013 durch Eleganz, Frucht und Mineralik. Und die preiswerten Angebote zumindest durch saubere, eigenständige Art. Die Weine von Fernando Mora sind interessant, teilweise auch schon grossartig – und wenn er weiterhin solche Qualitätssprünge macht, dann gehört er bald zu den ganz Grossen. Affaire à suivre!


Dass die beiden MW zusammen in Zürich anzutreffen waren, hängt damit zusammen, dass beide in der Schweiz von Gerstl Weinselektionen vertreten werden. Und dass in meinem Weinblog bisher Weine von Gerstl wohl eher überproportional vertreten sind, wiederum mit der Art und Weise, wie dieses Weinhaus den Zugang zu seinen Weinen ermöglicht:

Einmal jährlich kann das gesamte Sortiment jeweils einer Region oder eines Landes an einer Veranstaltung degustiert werden. Fast immer sind dabei die Weingüter persönlich vor Ort vertreten, nicht selten durch die Besitzer selbst. Ich finde solche Degustationen absolut vorbildlich. Man kann einen Wein vor dem Kauf probieren (ich habe hier schon mehrfach erwähnt, dass ich persönlich praktisch keinen Wein mehr in grösseren Mengen blind kaufe), man kann vergleichen und man kommt mit den Produzenten ins Gespräch. Diese Abende sind deshalb nicht nur spannend, sondern eigentlich reine Weiterbildung (und natürlich auch Verführung…).

http://escocesvolante.es/
http://bodegasfrontonio.com/en/winery/

Bei Gerstl gibt es übrigens ein Degustationspaket mit je drei Weinen der beiden MW. Wer sich einen ersten Eindruck verschaffen will, ist hier gut bedient:
https://www.gerstl.ch/de/degustations-boxen-weinglaeser/spanien/diverse/diverse/degustations-box-spanien-garnacha-von-den-beiden-master-of-wine-product-16526.html


Extrem lehrreich: „single variedad Rioja“

Spannendes Degustationspaket mit drei sortenreinen Weinen

3 x Rioja, 3 x 2016, 3 x total verschieden und untypisch! (Man beachte die Etiketten, welche nicht identisch sind, sondern den Blättern der Traubensorte entsprechen!)

Mit der Rioja verbindet man automatisch – und oft nur – die Traubensorte Tempranillo. Dabei sind auch weitere Sorten zugelassen, allein für die Rotweine sind es deren fünf, zur Tempranillo gesellen sich Garnacha, Graciano, Mazuelo und Matruana Tinta (für den Weisswein sind sogar neun Sorten zulässig).
Reinsortige Tempranillos sind aber immer noch häufig. Aber wer hat schon jemals einen Wein aus der Rioja versucht, der ausschliesslich aus einer der anderen Sorten gekeltert wurde?
Delinat bietet nun ein Degustationspaket an, welches genau das möglich macht – und es ist extrem spannend! Enthalte sind je 2 Flaschen der Sorten Maturana, Graciano und Garnacha.

Eine Degustation zeigte, wie unglaublich unterschiedlich die möglichen Sorten der Rioja sind, und damit natürlich auch, wie vielfältig die Möglichkeiten der Weinproduzenten (ich schreibe in der Rioja bewusst nicht „Winzer“) sind, den Stil ihrer Weine zu kreieren (einmal ganz abgesehen von der Holzwahl):

Maturana:
Kräftiges, Purpurrot; würzige Nase, Heu, Wacholder, Rosinen, Datteln; spürbare Säure, leicht trocknende, aber schöne Tannine, elegant, eher kurzer Abgang. Eigenständiger, fruchbetonter, eher „leichter“ Wein, der aber gefällt.

Graciano:
Dunkles Rot; Vanille, dunkle, getrocknete Frucht, dunkle Kirschen, Heidelbeeren (erinnert irgendwie an einen Blaufränkisch!); ausgewogen, eher tiefe Säure, etwas grobe Tannine, helle Töne im Mund, langer Abgang. Feiner, trinkfreudiger Wein, wäre mit etwas mehr Säure noch besser.

Garnacha:
Sehr dunkles, fast undurchdringliches Rot; Tabak, Rauch, dunkle Beeren; im Mund extrem dicht, fast zum „Abbeissen“, gute Säure, adstingierend, relativ kurzer, säurebetonter Abgang. Komplexer, kraftvoller Wein.

Fazit der Degustation: Jeder Wein für sich ist toll, auch wenn wohl keiner die Finesse und Eleganz eines ganz grossen Riojas aufweist. Allerdings sei erwähnt, dass die Weine nach einer ganzen Woche im Kühlschrank noch praktisch gleich mundeten, wie nach der Flaschenöffnung; sie haben also Potential!

Absolut spannend ist aber, wie unterschiedlich die in diesem Weinbaugebiet zugelassenen Rebsorten sind. Schade ist eigentlich nur, dass zum Vergleich nicht auch ein reinsortiger Tempranillo in diesem Paket enthalten ist.

Interessant war freilich auch, wie sich die Weine danach zum Essen verhielten. Es gab einen Rindsbraten, und wir bevorzugten dazu ganz eindeutig den Graciano! Keine Spur von fehlender Säure, dafür eine kongeniale Symbiose zwischen einem tiefgründigen Wein und dem Essen! Einmal mehr zeigt dieses Erlebnis, dass eine „klinische“ Degustation und das Geniessen zu einem Essen nicht unbedingt das gleiche Resulat bringen müssen!

https://www.delinat.com/weine/9149.42.html

Wenige Informationen zum Weingut
Zum Weingut selbst ist mir leider, ausser, dass es in Logrono, dem eigentlichen Zentrum der Rioja, beheimatet ist und biologisch arbeitet (logisch bei Weinen von Delinat), nichts bekannt, was nicht im Internet jedermann selbst recherchieren kann. Sollte ich es je wieder in die Rioja schaffen (mein einziger Besuch in dieser wundervollen Landschaft datiert aus dem Jahr 1990) wäre dieses Gut sicher auf meiner Besuchsliste:
https://www.delinat.com/weinlese-blog/zwei-winzerbrueder-rocken-die-rioja/
https://www.lascepasriojawine.com

Zu den drei Sorten:
Die Sorte Graciano (Monastrell Menudo) soll möglicherweise mit der Monastrell/Mourvèdre die gleichen Eltern teilen
https://glossar.wein-plus.eu/monastrell
was mir degustativ nicht so falsch erscheint. Dass die Garnacha = Grenache ist, dürfte bekannt sein, weniger hingegen, dass die Matuarna eines ihrer Pendants sehr nördlich findet, nämlich im französischen Jura mit der Trousseau noir.
http://www.vivc.de/index.php?r=passport%2Fview&id=12668


Finca Torremilanos, Ribera del Duero: lange Vergangenheit – grosse Zukunft

Ricardo Peñalba: welt- und wortgewandt, aber tiefgründig erdverbunden – repräsentiert Vergangenheit und Zukunft des Anbaubebietes

ricardo

Man muss ihn einfach mögen, diesen Ricardo Peñalba, Leiter der Finca Torremilanos. Bescheiden und umgänglich, fast introvertiert wirkend, lernt man ihn kennen. Aber wenn er zu erzählen beginnt, ist er der von Energie sprühende, extravertierte Mann, der mit tiefer Ueberzeugung erklärt, warum er so sehr an seiner heimischen Erde hängt. Und hängen tut man auch als Zuhörer – zwei Stunden lang fasziniert an seinen Lippen, so mitreissend vermittelt er seine Botschaften.

Aber der Reihe nach: Das Weingut wurde bereits 1903 in Aranda del Duero gegründet und 1975 von Ricardos Vater gekauft. Dieser Kauf hatte Folgen: Er war zuvor der zweitwichtigste Traubenlieferant der örtlichen Genossenschaft, und weil diese fürchtete, Vater Peñalba Lopez würde mit der neuen Finca zur Konkurrenz heranwachsen, wurde er aus der Genossenschaft geschmissen. Die Finca Torremilanos entwickelte sich aber in der Folge zu einem eigentlichen Flaggschiff der Region. Nebst Vega Sizila hat kaum eine Bodega so viel für den Ruf von Ribera del Duero beigetragen wie Torremilanos.

Dazu muss man wissen, dass dieses Weinbaugebiet – obwohl wahrscheinlich eines der ältestes des Landes – damals in einem Dornröschenschlaf lag. Kaum jemand kannte die Region, was auch nicht verwundert, denn es gab auch kaum Wein von dort zu kaufen. Im Jahr 1982, als die „Denominacion de Origen“ (DO) eingeführt wurde, waren die Kellereien noch an zwei Händen abzuzählen. Heute sollen es um die 250 sein.

robleviejo
Dieser Ausschnitt aus der Etikette des „el roble viejo“ symbolisiert einen der fast hundertjährigen Rebstöcke der Lage.

Torremilanos hat also als eines der wenigen Güter der Region eine lange Geschichte. Und diese ist Ricardo Peñalba auch sehr wichtig. Immer wieder fällt das Wort „heritage“, dessen Bedeutung mit „Erbe“ nur ungenügend übersetzbar ist. Ricardo fühlt sich sichtbar verpflichtet, die bestehenden Banden der Geschichte zu wahren und weiterzutragen. Der beste Wein des Gutes, der „el roble viejo“, stammt denn als „single vineyard“ auch aus einer Lage, deren Rebstöcke noch vom Bodega-Gründer im Jahr 1923 gepflanzt wurden, und die nur deshalb heute noch bestehen, weil deren Erhalt eine der Bedingungen für Ricardos Eintritt in das Familienunternehmen war.

Vom Zweifler zum Überzeugten

Dass er je die Finca übernehmen würde (wobei er selbst sagt, seine vitale 76-jährige Mutter sei noch „der Boss“), war nicht vorgezeichnet. Gerade, weil er auf dem Rebgut aufwuchs, hatte er Zweifel. Nur zu gut kannte er die harte Arbeit und die langen Tage. Seine Aussage dazu: „sick of having land“ (und das kann so richtig wohl nur verstehen wer, wie der Schreibende, selbst Bauernsohn ist).

So studierte er zuerst in Bordeaux – aber eben gerade nicht Weinwissenschaft, arbeitete in anderen Branchen und lernte die Welt kennen. Später absolvierte er „Stages“, unter anderem war er 3 Monate in der Schweiz, weshalb man von ihm auch auf Deutsch empfangen wird. Die entscheidende Begegnung trug sich aber im französischsprechenden Landesteil zu. In der Waadt lernte er die Philosopie des bio-dynamischen Rebbaus kennen und war beeindruckt.

Beinahe hätte Ricardo Peñalba sich übrigens die theoretischen Weinbaukenntnisse in Changins (Weinfachhochschule nahe Lausanne) angeeignet. Schliesslich entschied er sich dann aber doch für Madrid, weil er, wie er lachend anfügte „ahnte, dass er dort die Frau seines Lebens kennenlernen würde“.

Die Idee liess ihn nicht mehr los, und als er wieder in die Finca eintrat war für ihn klar, dass dies der Weg sein müsste. Tatsächlich wurde Torremilanos im Jahr 2005 auf biologischen Rebbau umgestellt, seit 2011 auch offiziell anerkannt. Und ab dem Jahrgang 2015 dürfen sämtliche Weine der Finca stolz auch das Demeter-Logo, den Ausdruck für eine zerzifizierte bio-dynamische Arbeitsweise, tragen. Das Demeter-Label ist inzwischen übrigens nicht mehr „nur“ ein Ausweis für eine nachhaltige Bearbeitung der Reben, sondern auch ein Verkaufsargument – etwa in New York, so erzählt Ricardo, sei das sogar umsatzfördernd. Ricardo ist überzeugt, dass Bioweinbau die Zukunft darstellt; begeistert erwähnt er etwa das „organic-village“ Panzano in der Toscana oder das „Biodorf“ Correns in Südfrankreich (dort wo Angelina Jolie auch auf ihrem Weingut Miraval biologisch wirtschaften lässt) als erfolgreiche Vorreiter einer Weinzukunft in Einklang mit der Natur. Die Zahl der Biobetriebe nimmt überigens auch in Ribera del Duero zu, geschätzt seien es inzwischen 20 – 30 %. Und besonders gefreut hat Ricardo, dass am kürzlichen öffentlichen Produktionstag seiner bio-dynamischen Präparate (siehe anschliessend) auch mehrere Vertreter anderer Bodegas vorbeischauten.

Wenn Ricardo Peñalba von der Bio-Dynamie erzählt, verwendet es selbst, zwar ein bisschen augenzwinkernd, das Wort „Alchimie“. Wirklich erklärbar ist vieles nicht, aber dass es funktioniert, zeigt die Empirie. Selbst ein Verwandter, studierter Chemiker und Chemieunternehmer, liess sich davon überzeugen. Und natürlich erwähnt er auch noch renommiertere Vorzeigebetriebe, die erfolgreich bio-dynamisch arbeiten, etwa die Domaine de la Romanée Conti, Domaine Leflaive, Château Pontet Canet, Chapoutier oder Nicolas Joly auf der Coulée de Serrant.

Besonders wichtig sind die – auf der Finca selbst auf der Basis von Kompost hergestellten – Präparate zur Behandlung der Reben gegen Krankheiten, die unter diesem Link beschrieben sind:

https://www.torremilanos.com/en/biodynamic-vineyard-in-ribera-del-duero/

Dank dieser Präparate kann auf Torremilanos im Rebberg auf den Einsatz von Schwefel und Kupfer fast ganz verzichtet werden. Der Kupfereinsatz beschränkt sich auf die Hälfte der Fläche und beträgt nur 300 g/Hektar (zum Vergleich: erlaubt sind 3 Kg/ha). Hilfreich dabei ist freilich auch das Klima – tagsüber warm oder heiss, nachts kühl. Das mögen die Reben, nicht aber Pilzkrankheiten.

Überhaupt, das Klima: Aranda del Duero liegt auf rund 800 m Höhe, die Rebberge von Torremilanos erstrecken sich bis auf 900 m. Das fördert zwar die Qualität, hat aber auch seine Tücken. So sind immer mal wieder Frostschäden zu verzeichnen. Ricardo Peñalba sagt dazu: „wir sind das einzige Weinbaugebiet Europas, in dem man manchmal sogar im Juli Frost fürchten muss“.

Der Nimmermüde kann auch „vernünftig“ sein

Ricardo Peñalba sprüht vor Energie, und er hat, nicht nur für den eigenen Betrieb, viele Ideen oder schon fast Missionen. So ist er überzeugt, dass es der Gesellschaft als Ganzes besser ging, als noch mehr Wein getrunken wurde – ganz einfach deshalb, weil man das in geselliger Runde tat, während heute die Individualisierung zunimmt, was auch Vereinsamung heissen kann. Gerne möchte er, gerade in seinem Heimatland, mit dazu beitragen, den Weinkonsum wieder zu erhöhen. Trotz Rückgang des Konsums fürchtet er auch die Konkurrenz anderer Güter nicht – im Gegenteil, die tragen zur Pflege des Kulturgutes Wein bei.

Seine Frau, eine gelernte Apothekerin, scheint nicht weniger umtriebig zu sein, sie hat eine eigene Naturkosmetik-Linie geschaffen – „Cylco Viñaterapia“, auf der Basis von Reben und Trauben natürlich.

Der Ideen wären noch viele, die Familie Peñalba hat aber auch gemerkt, dass man nicht auf allen Hochzeiten tanzen kann, und dass die Familie (das Paar hat drei Kinder) nicht zu kurz kommen darf. Gewisse Ideen wurden deshalb auch verworfen oder zurückgestellt (etwa, auf der Finca wieder wie früher eigene Tiere zu halten).

Die Weine von Torremilanos

Wie aber schmecken sie nun, die Weine von Torremilanos? Ich beschreibe nachstehend die drei Weine, die Ricardo mitgebracht hatte. Auf der Finca werden freilich 17 verschiedene Typen hergestellt, darunter auch weisse und sogar ein Cava. Und gerade auf dem Heimmarkt sind auch süffige, preiswertere Tropfen gefragt. Denn natürlich ist Spanien selbst der wichtigste Absatzmarkt. Gleich dahinter kommt – nein, nicht die Schweiz (nur fast) – Sie würden es nie erraten: Mexiko!

Torremilanos Crianza, 2014

Aus 30-40-jährigen Reben, 95 % Tempranillo, 5 % Cabernet Sauvignon.

Dunkle Beeren, Wacholder, Vanille; gute Säure, feine Tannine, druckvoll, kräftig aber auch elegant.

Torre Albeniz, 2014 Reserva

Aus 60-jährigen Reben, hauptsächlich Tempranillo, dazu etwas Garnacha, Bobal und Tempranillo blanco. 29 Monate Holzreife.

Ebenfalls dunkle Beeren, prägnant Brombeere, etwas Schokolade, Thymian; Säure, feine Tannine und Süsskomplex in perfekter Ausgewogenheit – kräftig, fruchtig, aber kein „Dampfhammer“, sondern ein eleganter, sinnlicher, lang anhaltender Wein.

El roble viejo, 2014

Aus über 90-jährigen Reben in Einzellage, dem „Herzstück“ der Finca. Tempranillo und etwas Garnacha sowie Albillo major, 41 Monate Ausbau, nach der Crianza-Zeit teils weiter in Holz, teils in „Beton-Eiern“.

Extrem vielfältiges Bukett mit schwarzen Kirschen, Pflaumen, Gewürznelken, Schokolade; im Mund mit enormer Frische, feinen Tanninen, guter Säure. Auffallende Eleganz und unglaubliche Länge. Ein Traumwein (der allerdings auch seinen Preis hat …)

Echte Frische im Wein basiert nicht auf Säure, sondern auf Mineralität (Ricardo Peñalba)

Man hätte Ricardo noch lange zuhören mögen, zumal er auch auf Fragen immer sehr präzise antwortete. Nach dem Treffen ist mir nur eines aufgefallen: Er hat immer wieder von Boden und Terroir gesprochen, davon, dass er auf Qualität setzt und deshalb der Arbeit im Rebberg höchsten Wert beimisst. Bei der Umstellung auf Bio hat er selbst zuerst bei der Parzelle des „roble viejo“ begonnen, die Erde mit Pferden zu bearbeiten. Fast nie kam die Sprache auf die Kellerarbeit. Ich hätte nachfragen sollen, aber vermutlich ist das eben genau der Ausdruck dessen, dass guter Wein wirklich im Rebberg und nicht im Keller entsteht.

https://www.torremilanos.com/

https://www.moevenpick-wein.com/de/2014-torremilanos-crianza-ribera-del-duero-do-bio-finca-torremilanos-bodegas-penalba-lopez-bio.html

https://www.moevenpick-wein.com/de/2014-torre-albeniz-reserva-ribera-del-duero-do-bodegas-penalba-lopez-bio.html

https://www.moevenpick-wein.com/de/2014-el-roble-viejo-ribera-del-duero-do-finca-torremilanos-bodegas-penalba-lopez-bio.html


Hinweis:

Das Treffen mit Ricardo Peñalba fand auf Einladung von Mövenpick Weinkeller statt, vermutlich, weil ich schon früher über die Torremilanos-Crianza berichtet hatte.

https://victorswein.blog/2018/08/19/ribera-del-duero-auch-preiswert-kann-gut-sein/

Genau nach meinem Credo, „ich bin völlig unabhängig, schreibe nur zum Spass, und nur darüber, was  ich selbst gut finde“, vgl.

https://victorswein.blog/ueber/

wäre dieser Beitrag nicht entstanden, wenn mich Ricardo (und seine Weine) nicht so sehr begeistert hätte!