Alkohol trinken ist schä(n)dlich! Sagt die NZZ.

Die Diskussion über die Schädlichkeit von Alkohol ist definitiv in der Presse und der Gesellschaft angekommen. Dry January ist ein Thema in jedem zwanzigsten Beitrag auf Social Media, dazu gibt es viele Inserate für alkoholfreien Wein, ebensolches Bier oder Gin ohne Alkohol. Und Presse- sowie Blogartikel zum Thema haben Hochkonjunktur. Es ist kaum anzunehmen, dass das Thema plötzlich wieder verschwindet.

In der NZZ bzw. NZZ am Sonntag erschienen anfangs Januar Artikel (Link unten), die glasklar festhielten, eine neue Studie habe gezeigt, dass Alkohol vom ersten Schluck an schädlich sei, und dass die früher behaupteten gesundheitlichen Vorteile von Wein einer wissenschaftlichen Prüfung nicht standhielten. Es sei davon auszugehen, dass rund die Hälfte der Erkrankungen in Zusammenhang mit Alkohol auf Personen mit moderatem Konsum entfielen. Die Liste der möglichen Erkrankungen sei dreistellig, Leberschäden, Diabetes und, als eher neuere Erkenntnis, Krebs seien nur drei Beispiele.

Die Artikel bringen zwar viele korrekte Hinweise, kommen aber in ihrer reisserischen, oberflächlichen und wenig wissenschaftlichen Art kaum für einen Journalistinnenpreis in Frage. Mit wenig Online-Recherche stösst man darauf, dass die gleiche Botschaft Ende des letzten Jahres schon sehr breit publiziert wurde (wer schreibt hier wohl wem ab?).

Studie aus 2018 ist plötzlich der Renner – auch wenn sie gerade korrigiert wurde.

Die Studie, auf welche sich die Publikationen beziehen, stammt allerdings schon aus dem Jahr 2018 und hielt uneingeschränkt fest, dass jeglicher Alkoholkosum schädlich sei. Sie hat damals aber offenbar kaum Beachtung gefunden. Sie wurde kürzlich überarbeitet und lautet nun eigentlich, dass für Personen unter 40 Jahren Alkoholkonsum schon in minimalen Mengen schädlich sei, für Leute über 40 könne hingegen zurückhaltender Genuss sogar gesundheitsfördernd sein! Spannend, was die Presse aus einer solchen Publikation dann macht, und bedenklich, dass in keinem der Presseartikel ein Link auf die wissenschaftliche Publikation enthalten ist (was ich nachstehend für die Presse gerne nachhole ….).

Alkoholkonsum ist zweifelsfrei ein Gesundheitsproblem.

So wenig professionell die erwähnten Artikel in der selbsternannten Qualitätszeitung sind: Dass Alkohol grundsätzlich und insbesondere in hohen Mengen schädlich ist, wird wohl auch der grösste Weinfreund nicht in Abrede stellen. Und dass es Leute, die keinen Alkohol trinken, in der Gesellschaft bisher oft nicht ganz einfach hatten („komm, trink doch wenigstens ein Glas mit“), ebenso. Dass dies schändlich war und ist bedarf hoffentlich keiner Diskussion. Dass wir Weintrinker uns Gedanken über unsere Gesundheit machen sollten, erst recht. Und dass es wohl gescheiter wäre, Wasser statt billigen Massenwein zu trinken, wird hier wohl auch kaum jemand bestreiten.

Trotzdem werde ich mir meinen Genuss von Wein nicht verderben lassen! Wobei, die Frage des Masses stellt sich natürlich, ich habe in letzter Zeit – nicht wegen der erwähnten Artikel – mehr alkoholfreie Tage eingeschaltet, und Dry January findet bei mir schon seit mehr als zwei Jahrzehnten statt; ich bin also sozusagen ein Trendsetter, vielleicht nun auch beim alkoholfreien Wein.

Weinfreunde leben in einer Bubble.

Lernen sollte die Weinwelt aus der aktuellen Entwicklung aber schon: Ich bin mir fast sicher, dass die Alkohol-Diskussion nicht abbrechen wird. Zudem leben wir Weinfreunde wohl auch in einer Bubble. Denn gerade junge Leute interessieren sich nur in den wenigsten Fällen für Spitzenwein. Die geschätzte Bloggerkollegin Nicole Korzonnek schrieb dazu – im Dry January 2024 – treffend: „Kurzum: Die Zielgruppe für alkoholfreie Weine sind per se nicht die passionierten Weinliebhaber, die das Thema in den öffentlichen Diskussionen aber prägen“. (Link unten).

Ich bin mir sicher bin, dass es in Zukunft auch wieder Forschungen geben wird, welche die gesundheitsfördernde Wirkung des Weines „beweisen“ werden. Vor allem aber stellt sich die Frage, warum es – meines Wissens – noch keine Studie dazu gibt die aufzeigt, wie gesundheitsfördernd lockeres Geniessen und lustvolles Zusammensein sein kann. Die berühmte Formel, dass Wein, Knoblauch und Olivenöl dazu führen, dass es im mediterranen Raum weniger Herzinfarkte gibt, könnte ja vielleicht auch „nur“ auf die südliche Lebensfreude zurückzuführen sein?

Winzer und Weinhändler, hört die Zeichen

Wie auch immer, die Quintessenz des Vorgesagten ist für mich, dass sich die Akteure der Weinbranche auf einen nie mehr ganz abreissenden Nordwind gefasst machen sollten. Alkohol wird – zumindest was missbräuchliche Mengen anbelangt auch sehr zurecht – unter Beschuss bleiben. Und gerade deshalb dürften alkoholfreie Varianten immer interessanter werden. Wer sich dem verschliesst, wird mit Sicherheit mittel- bis langfristig auf der Verliererseite stehen.

Zum Schluss ein kleines Detail am Rand, das auch nur auf Zufall basieren kann. Nach meinem ersten Beitrag über alkoholfreien Wein wurde ich in den sozialen Medien teilweise schon fast zerrissen – das war 2022. Nach einem Ende 2023 publizierten zweiten Beitrag drehte sich die Diskussion nur noch darum, ob denn entalkoholisierter Wein überhaupt unter der Bezeichnung Wein durchgehen dürfe.

Fünf Prozent Marktanteil in fünf Jahren!?

Ich behaupte einfach mal, dass bis in fünf Jahren niemand mehr solche Fragen stellt – ganz einfach deshalb, weil in der Weinbranche keiner und keine mehr auf fünf Prozent Marktanteil (meine Prognose, aktuell sind es rund 1 %) verzichten will. Winzer und Weinhändler, hört die Botschaft!

Beitrag in der NZZ, leider hinter Paywall, aber Sie verpassen da auch nicht viel …. :
https://www.nzz.ch/wissenschaft/alkohol-schon-geringe-mengen-verursachen-krebs-ld.1767734

Links auf die erwähnte Studie bzw. Beiträge darüber (erster Link 2018, zweiter 2023):
Alcohol use and burden for 195 countries and territories, 1990–2016: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2016 – The LancetTHE LANCET: Alcohol consumption carries signi | EurekAlert!
THE LANCET: Alcohol consumption carries signi | EurekAlert!

Erwähnte Beiträge in meinem Blog:
Alkoholfreier Schaumwein von Thomson & Scott: Nüchtern betrachtet erstaunlich gut! – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)
Wein ohne Alkohol – aber mit viel Geschmack! Auf der Spur eines gesellschaftlichen Trends. – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)

Und der Beitrag auf Bottled Grapes (falls Sie den Blog nicht kennen – abonnieren lohnt sich!):
Alkoholfreier Wein: Vom Trend zur festen Größe? | Bottled Grapes (bottled-grapes.de)


Interessennachweis:
Diesmal nur der guten Ordnung halber; es gibt keinerlei Interessen - ausser meinem persönlichen Interesse an dieser Diskussion 🙂


3 Gedanken zu “Alkohol trinken ist schä(n)dlich! Sagt die NZZ.

  1. Fredi strasser

    Hoi Viktor, bravo gut geschrieben. Du kennst sicher das Buch von Nicolai Worms: täglich Wein. Es beruht auf Studien mit einer extrem grossen probandenzahl. Moderater weingenuss ist demnach nicht gesundheitsschädlich sondern fördernd.! Was viel mehr zu beachten sein wird in Zukunft: histamingehalt von Lebensmitteln, leider auch kräftige rotweine, das ist ungesund für Leute, die zu wenig histaminabbauenzyme erzeugen, ( so geht es mir leider…), und Alkohol vermindert zudem die Aktivität dieses Enzyms. Seit ich darauf schaue und das Enzym bei Bedarf einnehme, geht’s mir viel besser, und mein exzem heilt nun endlich.
    Guets2024 und liebe grüsse fredistrasser

  2. Beat Stucki

    Auch ich habe mich über diesen Artikel aufgeregt. Mit der gleichen Logik müsste man den Aufenthalt an der Sonne auf Null begrenzen. Es fehlen Zahlen, welche die effektive Gefährdung aufzeigen. Speiseröhrenkrebs bekommen etwa 10 auf 100000 Menschen. Angenommen mässiger Alkoholkonsum verdoppelt die Wahrscheinlichkeit, wären 20 Menschen von 100000 betroffen. Natürlich steigt mit Alkohol das Krebsrisiko. Aber ohne Zahlen lässt sich das nicht einordnen.

  3. Lieber Victor,
    erst einmal herzlichen Dank für Erwähnung und Verlinkung!
    Und dann zum Thema: Das Problem ist halt, dass die WHO die Studiendaten aus dem Jahr 2018 massiv in der Öffentlichkeitsarbeit propagiert – und dabei komplett verschweigt, dass die Auswertung eben dieser Studie im Jahr 2022 zu anderen Schlüssen kommt. Medizinjournalistin können da ihre eigenen Schlüsse ziehen. Diese Expertise ist bei Weinjournalistin in der Regel halt nicht gegeben. Und deswegen geistern in den Presseköpfen eben noch die Ergebnisse aus 2018 herum.
    Herzliche Grüße aus Hamburg
    Nicole

Kommentar verfassen