Chasse-Spleen: weiss vor rot? Zumindest spannender!

Château Chasse-Spleen, ein bekannter Cru Bourgeois, stellt auch einen weissen Bordeaux her, der sehr gefällt und der durchaus mehr als nur rund 3 % der Produktionsmenge ausmachen dürfte.

Chasse-Spleen – Verteiber der Schwermut*! In meinem Fall könnte man auch sagen, „der Weisse von Chasse-Spleen, Vertreiber des Vorurteils“. Früher, und das heisst in meinem Fall vor 30 Jahren, gehörte das damals von Bernadette Villars geführte Gut zu meinen Lieblingsweinen, von den ganz Grossen einmal abgesehen. Irgendwann fand ich aber, das Château sei im Vergleich mit anderen ein wenig stehen geblieben, und der Wein fand seit dem Jahrgang 2004 keinen Eingang mehr in meinen Keller.

Kürzlich habe ich – einfach aus Neugierde, weil ich den Wein nicht kannte – nun den Weisswein des Châteaux probiert – und ich war begeistert!

Mittleres Gelb, Duft nach weissem Pfirsich, Quitten und Verveine, frisch gemähtes Gras, dezenter, feiner Holzton. Im Mund sehr ausgeglichen, gut eingebundene Säure, frisch, leicher Bitter- und Holzton, kaum spürbarer Alkohol. Sehr langer Abgang. Toller Wein, der auch noch gut reifen dürfte.

Weisswein wird auf Chasse-Spleen schon seit anfangs der 1990-er Jahren produziert, damals wurden rund 2 Hektar mit 65 % Semillon und 35 % Sauvignon blanc bepflanzt. Das Château schreibt selbst auf der Homepage, dass keine Erfahrung mit Weisswein vorhanden war, und dass es Mut brauchte, auf einem „roten“ Terroir, das roter gar nicht sein könnte, auch Weisswein anzubauen. Noch heute sind im Médoc die Weissen äusserst rar (aber fast immer sehr gut, ich denke da nicht nur an Pavillon blanc oder Cos, sondern auch an bezahlbare Gewächse wie etwa Cygne de Fonréaux, vgl. hier:
https://victorswein.blog/2020/02/22/mein-lieber-schwan-le-cygne-weisser-bordeaux-vom-feinsten/
oder du Retout).
Anfangs wurde der Wein nicht vermarktet, sondern auschliesslich in der Familie und von Angestellten genossen. 1995 wurde er erstmals kommerzialisiert, aber noch heute stehen 15’000 produzierte Flaschen rund 500’000 rotem Chasse-Spleen gegenüber. Bloss: Der Weisse kann wirklich überzeugen, das Gut schreibt dazu selbst:
Puis, notre travail et la signature Chasse-Spleen persuadèrent, peu à peu, un nombre croissant d’aficionados. Aujourd’hui, nous affirmons nos techniques, nos aptitudes à la dégustation le long du processus de la plante au vin, et Blanc de Chasse-Spleen tutoie de plus en plus les meilleurs vins blancs bordelais.
Dem ist nichts beizufügen!

Blanc ou rouge? Der Weisse hebt sich zumindest mehr von allen anderen ab!

Das schöne Erlebnis mit dem Weissen hat mich dazu bewogen, noch am gleichen Abend eine der letzten Flaschen an rotem Chasse-Spleen aus dem Keller zu holen, die mir noch bleiben. 2004 war kein Ausnahmejahr, aber der Wein gefiel mir auch, ja, ich war positiv überrascht:

Gereiftes, aber noch präsentes Purpur mit leichten Braunreflexen; in der Nase Leder, Tabak und Dörrpflaumen sowie immer noch etwas Brombeer; im Mund an sich ausgeglichen und rund, allerdings mit einigen Grüntönen und ein klein wenig spröd wirkend. Trotzdem, ein schöner Wein und ein echter Trinkgenuss!

Rot oder Weiss? Die Frage ist aufgrund der beiden verkosteten Jahrgänge natürlich nicht seriös zu beantworten. Trotzdem: Der Weisse von Chasse-Spleen steht bei mir in Zukunft definitiv auf der Einkaufsliste, den Roten werde ich wieder besser verfolgen.

http://www.chasse-spleen.com/#!/home
Der weisse Chasse-Spleen ist trotz kleiner Produktion bei diversen Händlern erhältlich, ich selbst habe ihn ausgerechnet beim „Italiener“ als Einzelflasche zu einer „italienischen“ Bestellung dazu gekauft: https://www.bindella.ch/de/p/weissweine/france/bordeaux/blanc-de-chasse-spleen-16840.html

* nach „Hubrecht Duijker, die guten Weine von Bordeaux“, Müller Verlag, 1980, erhielt das Gut demnach seinen Namen von Lord Byron, der den Aufenthalt 1821 so angenehm fand, dass seine Schwermut vertrieben wurde.
Se non e vero, e ben trovato.

Mein lieber Schwan! „Le Cygne“, weisser Bordeaux vom Feinsten!

Weisse Bordeaux sind entweder gut und sündhaft teuer oder dünn und nichtssagend! Diese bösartige Aussage eines Freundes hat etwas für sich – aber es gibt Ausnahmen, welche die Regel bestätigen. Eine besonders schöne: „Le Cygne“ von Château Fonréaud!

Natürlich war mir Château Fonréaud ein Begriff. Dieses Gut, ein Cru Bourgeois aus Listrac, etwas im Landesinnern und abseits der berühmten Châteaux des Bordelais in Listrac gelegen, kannte ich als verlässliches, aber auch selten grosses Gut für rote Bordeaux (was sich übrigens in den letzten Jahren auch geändert hat, die Roten von Fonréaud haben enorm zugelegt!).

Was mir aber vor bald einem Jahrzehnt im „Relais de Margaux“, einem sehr guten Hotel-Restaurant mit Blick auf Château Margaux empfohlen wurde, war ein bezahlbarer weisser Wein von Fonréaud, genannt „Le Cygne“. Es war sozusagen Liebe auf den ersten Blick, und seither kaufe ich diesen Wein regelmässig. Es ist ein begeisternd frischer, fruchtiger und dichter weisser Bordeaux zu einem vernünftigen Preis. Als Unterschied zu den ganz grossen Weinen war ich immer überzeugt, dass der „Cygne“ früh getrunken werden sollte, weil er vor allem von seiner Frische lebt.

Heute nun habe ich die letzte Flasche des Jahrgangs 2015 geöffnet: Und plötzlich bin ich nicht mehr sicher, ob dieser tolle Wein nicht auch ganz viel Alterungspotential hat. Zu früh getrunken habe ich die anderen Flaschen auf jeden Fall!

Toller weisser Bordeaux zu bezahlbarem Preis (ca. Fr. 25.00): eine wirkliche Trouvaille!

Helles Gelb mit Grünreflexen; in der Nase frisch geschnittenes Gras, Gewürznelken und Korianderkörner, dezenter Anflug von Ananas, Mango und Limetten, ohne exotisch zu wirken, ebenso dezenter Anflug von Holz in Form von Vanille; enorme Frische, spürbarer Süsskomplex (nicht zu verwechseln mit süss!) ohne jede Opulenz, enorm langer Abgang! Grandioser Wein!

Der weisse Schwan – sorry, der weisse Fonréaud – wird aus 60 % Sauvignon blanc, 25 % Semillon und 15 % Muscadelle komponiert. Immerhin 3 Hektar des Gutes sind mit diesen weissen Sorten bepflanzt. Eine echte Trouvaille aus dem Bordelais!

vignobles-chanfreau.com

Die Mitte zwischen der Loire und dem Libournais liegt … in Österreich!

Auch an Feiertagen muss man nicht zwingend sündhaft teure Weine trinken, um so richtig geniessen zu können: Aus dem Weinbaugebiet Leithaberg im Burgenland kommt ein grossartiger reinsortiger Cabernet Franc von Stefan Zehetbauer, der wie ein Symbiose zwischen einem Wein von der Loire und einem aus dem nördlichen Bordelais auftritt!

Das burgenländische Weinbaugebiet Leithaberg liegt auf der östlichen Seite des Leithagebirges und westlich des Neusiedlersees. Wenn Ihnen dieses „Gebirge“ nicht geläufig ist, so mag das daran liegen, dass der höchste Punkt nur auf 484 m.ü.M. liegt. Trotzdem spielt dieser Hügelzug für den Wein eine grosse Rolle, bringen doch die kühlen Winde aus den bewaldeten Höhen nachts einen willkommen Ausgleich zum warmen pannonischen Klima rund um den Neusiedlersee. Das Weinbaugebiet weist rund 3000 ha Anbaufläche auf und trägt seit 2010 die DAC. Im Spätherbst 2019 gastierten 15 führende Winzer mit ihren Weinen in Zürich und legten Zeugnis vom grossen Potential dieses Gebietes ab (mehr dazu folgt später).

Die Weingärten von Zehetbauer im Gebiet Leithaberg (Bild Christoph Wagner, ab Presseservice Zehetbauer)

Das Gebiet steht beim Rotwein überwiegend für Blaufränkisch. Deshalb ist es schon fast etwas frevelhaft, wenn ich zuerst über einen Wein aus einer nicht ortstypischen Sorte schreibe, der deshalb auch die DAC nicht tragen darf. Aber der Cabernet Franc 2016 vom Ried Steinberg hat mich sehr überzeugt und ist deshalb eine Notiz mehr als wert.

Dunkles, fast violettes Rubin; Duft nach Brombeeren, dunklen Kirschen, auch etwas Weichselkirschen, würzig, dezent spürbarer Holzton; im Mund saftig, sehr ausgewogene, elegante Balance zwischen Alkohol, Säure und sehr feinen Tanninen; mineralische Frische, dicht und lang im Abgang.

Der Steinberg zeigt sich sehr sortentyisch. Für Sefan Zehetbauer stellt er stilistisch so etwas wie die Mitte zwischen einem Loire-CF und einem CF-lastigen Wein aus dem Libournais dar. Da kann man ihm nur zustimmen, seine österreichische Variante weist die fruchtige Frische eines grossen Loire-Weines auf, bringt aber auch die Wärme und Rundheit eines Bordeaux mit. Und nebenbei gesagt: das Ganze für 18.50 Euro!

Toller Cabernet Franc (Bild Herbert Lehmann ab Presseservice Zehentbauer)

Stefan Zehetbauer führt mit dem Cabernet Franc fort, was schon unter seinem Vater begonnen und heute im Betrieb bereits Tradition hat. Inzwischen sind 2,5 ha Reben mit Cabernet Franc bestockt! Aber auch sonst scheint der Generationenwechsel auf diesem Weingut harmonisch abgelaufen zu sein. 2005 stieg Stefan jun. (der Vater heisst auch Stefan) in den Betrieb ein und übernahm ihn 2009. Doch auch heute noch arbeitet Stefan sen. auf dem Betrieb mit und gibt vor allem im Rebberg sein wertvolles Wissen weiter.

Stefan Zehetbauer vor seinem Keller (Bild Christoph Wagner, ab Presseservice Zehetbauer)

Stefan Zehetbauer wirkt auch im persönlichen Gespräch sehr sympathisch und auf eine ansteckend enthusiastische Art fokussiert auf seine Weine und seine Philosophie, Weinbau zu betreiben und Wein gedeihen zu lassen. Der Ausdruck ist bewusst gewählt, denn Zehetbauer betont immer wieder, dass er so wenig Eingriffe wie nur möglich vornimmt – der Wein soll eben gedeihen können und nicht in eine Schablone gepasst werden. Bei seinem ganzen Sortiment ist das hervorragend gelungen, nicht nur beim Cabernet Franc. Aber hier sprengt er sozusagen geografische Grenzen dazu!

https://zehetbauerwein.at/de/home/

Beugsquelle CH (Teilsortiment mit einem älteren CF):
https://www.avinum.ch/

Die letzten Weine des „Pferdemanns“

Marketingaktionen von Weinhändlern sind ja nicht meine Sache und wurden hier bisher auch nie abgehandelt. Für einmal mache ich nun eine Ausnahme: Gerstl verkauft einen ersten Teil der genialen Weine aus der Konkursmasse von Dominique Léandre-Chevallier.

Es ist traurig aber wahr: Der „homme cheval“, dessen Weine ich so sehr geschätzt habe, und der aus Nostalgie noch immer auf meiner Startseite erwähnt wird, ist pleite.
Vgl. hier: https://victorswein.blog/2019/04/27/cetait-impossible-der-pferdemann-ist-konkurs/

Ein Bild aus vergangenen Tagen: Der Aufwand, den Dominque Léandre-Chevallier trieb, war betriebswirtschaftlich einfach zu gross! Und leider war er diesbezüglich offenbar „beratungsresistent“.

Die Weinhandlung Gerstl hat einen Grossteil der Weine aus der Konkursmasse erstanden. Nun wird eine erste Tranche angeboten:
https://www.gerstl.ch/de/search.html?searchtext=+l%C3%A9andre-chevalier+

Während die Basisweine und weiterhin auch der „Joyau“ zu moderaten Preisen verkauft werden, haben die Raritäten wie der 100% Provocateur – Vgl. hier:
https://victorswein.blog/2018/06/07/provokation-gelungen-zu-100-mit-petit-verdot/
– und der 33’333 leider einen preislichen Quantensprung gemacht. Qualitativ wert sind sie auch die neuen Preisschilder – was man davon hält, und ob man das mitmachen will, ist jedermann selbst überlassen. Aber vielleicht haben alle von uns das Geld ja auch schon dümmer ausgegeben …

Ein Gütesiegel für Weinblogs? Und ein Gratis-Tipp.

„Und jeder schreibt über Wein“, so lautete im letzten Jahr der Titel unter „Klartext“ in Vinum. Was letztlich eine Seite Eigenwerbung war, hat doch einen wahren Kern.

Als ich den Text von Redaktorin Nicole Harreisser damals las, kam es mir vor, als würde jemand verzweifelt nach Gründen suchen, ein in stürmischem Wasser treibendes Print-Schiff gegen den Online-Sturm zu verteidigen. Bemerkungen wie „wir bei Vinum, wo Verkostungen für den Vinum-Weinguide verdeckt stattfinden, wissen, wie unterschiedlich Noten ausfallen können, wenn den Verkostern der vielleicht prominente Name des Produzenten bekannt ist oder eben nicht“ wirkten auf mich schon fast ein wenig verzweifelt.

Vorgeworfen wurde uns Bloggern und Online-Kommentatoren weiter, es fehle oft an Transparenz und Objektivität. Und vorgeschlagen wurde zu guter Letzt ein Gütesiegel für Weinakteure im Netz.

Nun hat Vinum ja nicht unrecht, tatsächlich ist es eine Herausforderung, ehrliche und transparente Information von clever verkappter Werbung zu unterscheiden. Natürlich nehme ich eine Degustationsnotiz in Vinum ernster als ein beliebiger Instagram-Eintrag. Dies vor allem auch, weil die Weinzeitschrift seit dem Besitzer- und Chefredaktionswechsel vor ein paar Jahren wieder richtig gut geworden ist.
(Wobei, am Rande vermerkt, gerade auch Vinum selbst mit dem „Club les Domaines“ eine nicht ganz koschere Strategie fährt).

Dass beides, Vinum-Degustationsnotizen und Blog-Beiträge, ihren Platz haben können und sollen – ja, sich vielleicht sogar gegenseitig helfen – zeigt das Beispiel eines Weinblogs aus der Schweiz. Niemals möchte ich auf die Beurteilungen von Rolf Bichsel in Vinum verzichten, zumal ich persönlich fast immer die gleiche Wahrnehmung habe. Aber das, was Adrian van Velsen in seinem Blog über die Primeurs 2018 aus Bordeaux schreibt, scheint mir ebenso seriös. Und wer möchte sich nicht aus verschiedenen Quellen informieren?
http://www.vvwine.ch/

Den Blog von Adrian van Velsen und seinen Kollegen, einer der ältesten in der Schweiz, halte ich auch sonst für sehr empfehlenswert, und er wäre ein sicherer Kandidat für ein „Blog-Gütesiegel“.

Und zurück zu Vinum: Warum führt ihr ein solches Qualitätssiegel nicht ein (wer, wenn nicht Vinum, wäre dazu prädestiniert)? Warum nutzt ihr nicht sogar die Chance, externe, aber von euch geprüfte Blogs, oder zumindest ausgewählte Beiträge, in euer Netzwerk einzuspannen? Das Spektrum von Vinum würde breiter, die Informationsdichte besser, der qualitative „Wettstreit“ unter den Korrespondenten befruchtend!

Das wäre doch eine Antwort auf den sich nur noch verstärkenden Online-Sturm im Weinglas! Mein Tipp ist, wie vieles in der Online-Welt, gratis, aber transparent und objektiv!

Ach ja: Auch Vinum ist online 🙂
http://www.vinum.eu

C’était impossible: Der „Pferdemann“ ist konkurs!

Der wohl „verrückteste“, konsequenteste und geniale Winzer Dominique Léandre-Chevalier ist – finanziell – gescheitert. Offenbar war sein riesiger Aufwand für Spitzenweine mit den erzielbaren Weinpreisen nicht zu decken.

Auf der Titelseite meines Blogs erwähne ich drei vorbildliche Winzer, deren Schaffen mich, stellvertretend, überhaupt zum Schreiben animiert – darunter der „homme cheval“, Dominique Léandre-Chavalier (DLC), welcher mit natürlicher Arbeitsweise auch ausserhalb der bekannten Terroirs wegweisende Bordeaux herstellt(e). Von einer Leserin wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass die Homepage der Domaine Léandre-Chevalier ausser Betrieb sei. Die Recherchen waren absolut frustrierend und traurig, es lässt sich aber leider offiziell nachlesen. Die Domaine ist konkurs! Wer es sich selbst antun will:
https://www.procedurecollective.fr/fr/liquidation-judiciaire/1392955/domaine-leandre-chevalier.asp

Traurig: „l’homme cheval“, Dominique Léandre-Chevalier – das gibt es so leider nicht mehr (Bild aus früherem Beitrag und ab seinerzeitiger Homepage)

Wie habe ich diese Domaine und diese Weine geschätzt! Der Joyau de Queyroux war ein wundervoller Bordeaux, der keinen Vergleich auch mit den Grossen zu scheuen brauchte. Den „Provocateur“ habe ich hier völlig fasziniert beschrieben, und auch sein Experiment mit 33’333 Stöcken pro Hektar suchte seinesgleichen!
https://victorswein.blog/2018/01/06/je-savais-que-cetait-impossible-alors-je-lai-fait/
https://victorswein.blog/2018/06/07/provokation-gelungen-zu-100-mit-petit-verdot/

Wie konnte es nur so weit kommen, dass ein so genialer Winzer, der wundervolle Weine herstellte, „faillierte“? DLC selbst konnte ich, trotz noch funktionierender Telefonnummer, leider nicht erreichen. Aber wen immer man fragt, wo immer man nachliest – es zeichnet sich das Bild eines Mannes, der, fast wie ein Künstler (wahrscheinlich ist er auch genau das), wusste, was er wollte, wusste, was richtig und wichtig ist, dabei aber nur zu oft die Finanzen ausblendete. Und der es letztlich auch nicht schaffte, auf dem Markt jene Preise durchzusetzen, die er für ein solches Projekt benötigt hätte.

Es finden sich, abgesehen von Leuten, die DLC schon immer für einen „Spinner“ hielten, nur Voten des Bedauerns – freilich auch eines Bedauerns über die vermutlich vorhandene „Beratungsresistenz“ von DLC. Es soll durchaus Leute gegeben haben, die ihn schon frühzeitig warnten.

Warum bloss musste eine spezielle Maschine entwickelt werden, welche den Boden noch weniger verdichtete, wenn sie eigentlich nicht zu bezahlen war? Warum mussten nach einem von DLC je nach Jahrgang selbst ausgeklügelten Muster jährlich viele neue Barriques angeschafft werden? Warum musste die Ernte akribisch und fast beerengenau handerlesen erfolgen? Und warum brauchte DLC eine engagierte Arbeitskraft pro Hektar – wo doch das Konkursamt einen Arbeiter pro 15 Hektar für genügend hält?
Dieser Absatz ist sinngemäss folgendem Artikel entnommen:
https://www.chassezlenaturel.net/rendezvous/2018/9/30/dominique-landre-chevalier-x-lhomme-cheval-la-fin

Warum – das ist einem Weinfreund schnell klar. Aber diese Beispiele scheinen eines zu zeigen: Dominique Léandre-Chavallier war ein Qualitätsfanatiker, was sich in seinen Weinen auch eindrücklich zeigte. Offenbar war er aber auch ein Besessener, der die Realitäten dieser finanzgesteuerten Welt ausser Acht liess.

Mein Frust über „Etikettensäufer“ und Nobeljournalisten
Was bleibt? Die Hoffnung, dass ein genialer Winzer wie DLC in irgend einer Form einen Neuanfang schafft (ich würde mich freuen, dereinst genau darüber berichten zu können).
Es bleibt aber auch eine gewisse Frustration über uns „Weinfreunde“. Warum sind wir (oder sind viele von uns) bereit, für „Etikettenweine“ ein Vielfaches dessen hinzublättern, was die allerbesten Weine von DLC gekostet haben?

Ich weiss, das ist jetzt polemisch, aber trotzdem: So bearbeitete Weine werden zu fast jedem Preis gekauft – wenn nur die Etikette stimmt. (Das Bild wurde im Médoc aufgenommen).

Warum gab es keine Bereitschaft auf dem Markt, seinen Weinen den Wert zuzugestehen, den sie im Vergleich qualitativ – und auch in Sachen Umwelt – doch offensichtich hatten? Und warum rennen die meisten Journalisten immer nur diesen bekannten Cru’s nach und schreiben nicht viel mehr über „Verrückte“ wie DLC?

Und von wegen „verrückt“: Im Nachhinein wirkt der oft zitierte Wahlspruch von DLC fast prophetisch: „Je savais que c’était impossible. Alors je l’ai fait“. Es ist himmeltraurig – aber offenbar blieb es eben doch unmöglich!


Auf Nachfrage teilte mir der wichtigste Schweizer Importeur Gerstl mit, dass die subskribierten Weine des Jahrgangs 2016 wie bestellt ausgeliefert werden. Zudem verfüge das Weinhaus über ein grosses Lager an Weinen von DLC, entsprechende Angebote werden in nächster Zeit folgen.
http://www.gerstl.ch

Napa vs. Bordeaux Vol. 6: wieder gewinnt Napa!

Die Degustation im Jahr 1976 in Paris war eine Sensation, welche die Weinhierarchie neu aufmischte: Sowohl bei den Weissweinen (Chardonnay) als auch den Rotweinen (Cabernet) obsiegten in einer Blindprobe die Gewächse aus Kalifornien über die Franzosen! Die Resultate sind hier nachzulesen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Weinjury_von_Paris

Das Resultat wurde damals in Frankreich für schlicht unseriös und nicht zutreffend beurteilt oder dann totgeschwiegen, aber inzwischen wurden solche Proben mehrfach wiederholt, und jedes Mal schlugen sich die Weine aus Napa hervorragend. Zu einer Neuauflage lud vor einer Woche die NapaWine AG in Zürich. Zwar waren die ganz grossen Gewächse nicht dabei, Bordeaux stellte 6 klassierte Crus aus Pauillac und Napa war hauptsächlich mit Zweitweinen vertreten. Letzteres vor allem aus Gründen der Fairness, wurden doch preislich vergleichbare Weine gegenübergestellt. (Das allein spricht schon Bände, die Preise der USA-Weine sind ebenfalls sehr in die Höhe geschossen, so dass heute finanziell ein Zweitwein aus Napa einem Pontet Canet gleichgestellt ist).


2 x 6 Weine aus Pauillac und Napa: spannend und lehrreich.

Das Resultat war mehr als spannend. Massgebend waren die Bewertungen aller der rund 100 Teilnehmer – es handelte sich also um eine Publikumsbewertung.
Vorab: Die Napa-Weine belegen nicht nur das „Podest“, sie schwingen auch gesamthaft obenauf. Allerdings muss das Resultat auch gleich sehr relativiert werden, denn alle Weine liegen in der Bewertung zwischen 93 und 96 Punkten! Klar wird damit aber auf jeden Fall, das die Cabernets aus Kalifornien jenen aus Frankreich auf diesem Niveau ebenbürtig sind – und es sich bestimmt lohnt, sich näher damit zu befassen!

Hier das Resultat der Gesamtbewertungen (bei gleicher Durschnittspunktzahl ergaben die Gesamtpunkte aller Teilnehmer die Rangliste):

WeinPunkteRang
2015 Bulgheroni Lithology Cabernet Sauvignon 961
2015 Brand Napa Valley Brio 962
2015 Sinegal Estate Winery Estate 963
2015 Barbour St. Helena Cabernet Sauvignon 964
2015 Château Pichon-Baron-Longueville, Pauillac 965
2015 Arkenstone Wines Estate Red Wine 956
2015 Kelly Fleming Estate Cabernet Sauvignon 957
2015 Château Pichon-Comtesse-de-Lalande 958
2015 Château Pontet-Canet, Pauillac 959
2015 Château Lynch-Bages, Pauillac 9410
2015 Château Grand-Puy-Lacoste, Pauillac 9411
2015 Château Clerc-Milon, Pauillac 9312

Meine persönliche Rangliste sah völlig anders aus. Gesamthaft hatte Bordeaux, wenn auch nur mit einem einzigen Punkt, die Nase vorne. Doch auch bei mir steht ein Napa-Wein zuoberst. Bloss der Sieger beim Gesamtpublikum liegt bei mir erst an neunter Stelle, dafür kommt der „Verlierer“ schon auf Rang 3.

1) Barbour St. Helena Cabernet Sauvignon
2) Château Pichon-Baron-Longueville, Pauillac
3) Château Clerc-Milon, Pauillac
4) Sinegal Estate Winery Estate
5) Château Lynch-Bages, Pauillac
6) Brand Napa Valley Brio
7) Château Pontet-Canet, Pauillac
8) Château Grand-Puy-Lacoste, Pauillac
9) Bulgheroni Lithology Cabernet Sauvignon
10) Kelly Fleming Estate Cabernet Sauvignon
11) Château Pichon-Comtesse-de-Lalande
12) Arkenstone Wines Estate Red Wine

So spannend dieser Anlass war, so sehr hat er mir auch die eigene Unzulänglichkeit aufgezeigt. Zwar war ich beim Ratespiel „was ist Bordeaux, was ist Napa“ mit 10 Treffern bei 12 Weinen nicht so schlecht. (Ein rundes Dutzend der Teilnehmer lag immer richtig – châpeau!). Aber ich hätte schon erwartet, dass ich wenigstens die doch so eigenständigen Pontet Canet, Pichon-Comtesse und Grandy-Puy-Lacoste blind erkennen würde – leider Fehlanzeige. Allerdings zeigten sich auch alle drei in totaler Unterform. Bei der Arrivage vor einem Jahr waren sie noch offen und fruchtig,
Vgl. hier: https://victorswein.blog/2018/04/26/bordeaux-2015-trau-schau-wem-vor-allem-dir-selbst/
jetzt unzugänglich und teils gar spröd und fast dünn wirkend. Trotzdem hätte es durchaus Hinweise gegeben, sie zu erkennen, und im Nachhinein ist man ja immer klüger. So notierte ich beim GPL, den ich für einen Napawein hielt, u.a. „sehr verhalten, adstingierende Tannine; bin etwas ratlos, aber vielleicht wird er gross“ und beim Pichon-Comtesse schrieb ich gar „total zurückhaltend, spröde; enttäuschend – aber vielleicht ist es ein Langstreckenläufer“. Und definitv erkennbar wäre Pontet-Canet gewesen: „dunkle Töne, würzig, mit etwas Boskoop-Apfel fast etwas oxydativ wirkend, hat Potential“.

Das generelle Niveau der Weine ist, nicht nur, wenn man das Potential der drei beschriebenen Bordeaux „hochrechnet“, indessen grossartig – beidseits des Ozeans. Persönlich eher weniger gefallen hat mir der Arkenstone. Mit seinen Noten von grünen Peperoni und Schokolade und seiner eher tiefen Säure wirkte er für mich etwas „bluffig“, aber das ist natürlich Geschmacksache. Umgekehrt fand ich den von den Profis eher tiefer eingeschätzten Barbour St. Helena dank seiner Eleganz und Länge, verbunden mit einem spürbaren, aber nicht übertriebenen Süsskomplex, einfach grossartig. Und schliesslich breche ich gerne auch eine Lanze für den beim Gesamtpublikum letztplatzierten Clerc-Milon: Mir hat er mit seiner eleganten, filigranen Art und seinen feinen Tanninen mit guter Säure sehr behagt, auch wenn ich ihn – da noch in einer „fruchtigen Phase“ – vielleicht etwas zu generös beuteilt habe. Das Fazit ist aber: Auch der „Verlierer“ (ich hüte mich, „der schlechteste Wein“ zu schreiben), war noch ausseroderdentlich gut

Die Weine für die Degustation wurden von zwei ausgewiesenen „Profis“ ausgewählt, René Gabriel, der „Bordeaux-Papst“ war für die Europäer verantwortlich, während Baschi Schwander die USA-Fraktion bestimmte. Die Auswahl war hervorragend; schade nur, dass die beiden – in Tat und Wahrheit befreundet – in ihren Kommentaren vor allem kompetitiv auftraten, denn beide hätten fachlich viel mehr Interessantes zu sagen gehabt.

Zwei Koryphäen unter sich: René Gabriel, links (bxtotal.com) und Baschi Schwander (mybestwine.ch)

Anlässe dieser Art sind, selbst wenn sie etwas am eigenen Ego kratzen, extrem spannend. Ich würde mir wünschen, und mich heute gegen Vorzahlung schon anmelden, dass die gleiche Degustation in 10 Jahren wiederholt würde. Und ich werde mich jetzt hüten zu behaupten, dass dann Bordeaux die Nase vorne hätte. Selbst dann, wenn man das heute nicht ausgeschöpfte Potetial der Spitzen-Pauillacs berücksichtigt: Die Napa-Weine waren so gut, und scheinen so langlebig, dass ich keine Wetten über das Resultat in 10 Jahren abgeben würde.

Mindestens ebenso spannend, und hier würde ich schon fast auf einen Boredaux-Sieg wetten, wäre ein Vergleich von Weinen im Bereich von 15 – 25 Franken. Wenn ich da an Bordeaux wie Moulin Haut-Laroque oder Cambon-La-Pelouse denke …
Aber vielleicht irre ich mich auch da, vielleicht würde Napa auch in diesem Preissegment mithalten? Affaire à suivre!

Und wenn Sie jetzt Lust bekommen haben, die Berichte des Bordeaux- resp. Napa-Profis zu lesen, voilà:
Sebastion Schwander:
http://mybestwine.ch/napa-vs-pauillac-2015-blind-tasting-battle/
Und René Gabriel:
https://www.napawine.ch/wp-content/uploads/2019/04/Napa-Versus-Pauillac-.pdf

Und wenn Sie – wie ich – Lust auf Napa erhalten haben (die Bordeaux gibt’s ja „überall“):
https://www.napawine.ch/


Völlig unterschätzt im Bordelais: Moulin Haut-Laroque und Fronsac!

Gewisse Erlebnisse vergisst man nie: Auf der Bordeaux-Primeur-Degustationsreise für den Jahrgang 1990 nahm mich Rolf Bichsel, der damals eben erst bei Vinum begonnen hatte, im Auto von St. Emilion mit zurück nach Bordeaux. Allerdings bestand er auf einem Umweg. Er hielt grosse Stücke auf einem Château in der Appellation Fronsac, und so lernte ich dieses damals völlig unbekannte Gut und seinen Besitzer Jean-Noel Hervé schon vor fast 30 Jahren kennen: Château Moulin Haut-Laroque!

Fronsac? Diese Appellation kannte ich gerade mal aus den Weinatlanten. Ich hatte keine Ahnung davon, dass das Gebiet nicht nur historisch bemerkenswert ist (Karl der Grosse liess um 770 n. Ch. hier eine Festung erbauen, welche die Strassen (und den Fluss Dordogne) nach Bordeaux und ins Périgord überwachen konnte). Vor allem aber wusste ich nicht, dass die Weine von Fronsac bis ins 18. Jahrhundert höher geschätzt wurden als jene aus St. Emilion.

Wo Fronsac liegt, lässt sich schön aus dieser Grafik, die auf der Homepage des Gutes heruntergeladen werden kann, herauslesen.

Das Gebiet von Fronsac, das nur durch das der Dordogne zustrebende Flüsschen L’Isle von Pomerol getrennt wird, ist landschaftlich sehr reizvoll. Hier erhebt sich eine für südwestfranzösische Verhältnisse schon fast erwähnenswerte Hügellandschaft gegen 100 Höhenmeter über das sonst eher flache Land. Diese Hügellandschaft wiederspiegelt sich auch im Untergrund: Die „Molasse du Fransadais“, ein weiches, fossiles Felsgestein aus Ton, Sand und Kalk (Quelle: Hachette Weinatlas Frankreich, 1989) bringt die Reben zu Höchstleistungen.

Den Weinen aus Fronsac wird deshalb eine besondere Finesse, Tiefgründigkeit und Langlebigkeit nachgesagt. Diese Aussagen tönen, als hätte man hier den Wein von Moulin Haut Laroque beschrieben! Zwar besteht der Wein, analog zu den benachbarten Gewächsen von Pomerol und St. Emilion, hauptsächlich aus Merlot (rund 2/3, daneben ca. 20 % Cabernet Franc, etwas Cabernet Sauvignon und wenig Malbec). Aber er hat nichts von dieser oft gespürten „Merlot-Üppigkeit“; der Moulin Haut-Laroque zeichnet sich vielmehr durch Finesse und Gradlinigkeit aus. Und zum Thema Langlebigkeit: Obwohl ich diesen Wein seit Jahren immer wieder kaufe – vermutlich habe ich von keinem Gut mehr Flaschen im Keller als von diesem – habe ich noch fast alle Weine bisher zu jung getrunken.

Max Gerstl, ein absoluter Bordeaux-Kenner, hat dazu auch mehrmals schöne Erlebnisse beschrieben – so von jüngst verkosteten Jahrängen 1925, 1900 und 1893, die allesamt nicht nur noch trinkbar gewesen seien, sondern ein absolut sinnliches Erlebnis.

Schon fast mit schlechtem Gewissen habe ich eben je eine Flasche der Jahrgänge 2010 und 2011 geöffnet. Während der 2011er den Erfahrungen gerecht blieb und noch völlig verschlossen und krautig wirkte (sich aber nach 2 Stunden in der Karaffe erstaunlich schön entwickelte, aber immer noch etwas spröde war) hat sich der 2010er ziemlich untypisch schnell geöffnet.
Dunkle Früchte, Leder, Vanille (ohne holzbetont zu wirken!), würzig; im Mund elegant und dennoch druckvoll, aber noch von sehr präsenten feinen Tanninen geprägt, gut eingebundene Säure; eine Traumwein für Freunde junger Bordeaux, und gleichzeitig ein Wein mit sehr viel Potential!

Diesen Wein konnte man seinerzeit für unter Fr. 20.– als Primeur kaufen. Parker gibt ihm 90+ Punkte, und eigentlich bin ich überzeugt, dass die Note höher liegen würde, wenn das Gut in Pomerol und nicht in Fronsac läge. So oder so: einen so genialen Wein zu diesem Preis anderswo zu finden, dürfte schwierig sein!

Besonders erfreulich ist, dass die Zukunft des Châteaux in gute Hände zu liegen kommt.

Jean-Noël Hervé und seine Frau Dominique dürfen sich freuen, dass ihr jüngerer Sohn Thomas in ihre Fussstapfen treten wird. (Bilder: Homepage des Châteaux)
Sohn Thomas bringt die gleiche Begeisterung für das Weingut mit, ist weltoffen und eloquent: ein perfekter Botschafter für das Gut und die Appellation Fronsac!

Ich habe Thomas kürzlich an einer Veranstaltung kennen gelernt. Er wirkt so, als würde er das Château qualitativ ganz im Sinne seines Vaters weiterführen (nicht zuletzt hatte er ältere, ausschliesslich von Jean-Noël gekelterte Jahrgänge dabei, von denen er – zurecht – total schwärmte, etwa vom 2001, der noch völlig jugendlich wirkt), aber mit seiner Art auch für eine behutsame Weiterentwicklung zu stehen scheint. Château Moulin-Haut-Laroque wird jedenfalls auch in den kommenden Jahren bei mir ganz weit oben auf der Liste der zu degustierenden, hervorragenden, aber bezahlbaren Bordeaux stehen!

http://www.moulinhautlaroque.com/


Provokation gelungen! Zu 100 %. Mit Petit Verdot.

Nach so vielen Weinen aus der Schweiz und aus Österreich wieder einmal ein Abstecher nach Frankreich. Ich komme auf die beiden Alpenländer zurück, versprochen, denn es lohnt sich!

Dass ich die Weine von Dominique Léandre-Chevalier mag, kann man schon der Startseite meines Blogs entnehmen. Oder dem Beitrag über den Merlot aus einer Bestockung mit 33’000 Rebstöcken pro Hektar.
https://victorswein.blog/2018/01/06/je-savais-que-cetait-impossible-alors-je-lai-fait/

Diesen Merlot, diesmal vom Jahrgang 2015, konnte ich kürzlich an einer Veranstaltung Arrivage Bordeaux 2015, vgl.
https://victorswein.blog/2018/04/26/bordeaux-2015-trau-schau-wem-vor-allem-dir-selbst/
erneut probieren, und mein Urteil ist auch für diesen Jahrgang: überwältigend! Und so viel filigraner und präziser als einige hochgelobte „Merlot-Fruchtbomben“ aus dem Libournais!

100%Fast noch eine Nuance faszinierender fand ich aber den gleichen Jahrgang des „100 % Provocateur“: Ein Wein, fast ausschliesslich aus der Rebsorte Petit Verdot, welche zwar zum Bordeaux-Blend gehören kann, aber, wenn überhaupt, fast immer ein Mauerblümchendasein fristet.

Dominique Léandre-Chevalier hingegen provoziert auch damit. Nicht genug, dass er an den „Côtes de Blaye“, also auf der nördlichen, „falschen“ Seite der Gironde Spitzenweine herstellt. Nein, er bringt auch noch einen Petit Verdot von wurzelechten Reben auf die Flasche. Und wie!

Es gibt nur rund 600 Flaschen pro Jahr von diesem Wein, der aus 0,3 Hektar stammt, die zum Teil auch mit 33’000 Stücken, also extrem dicht, bepflanzt sind. Wenn der erwähnte Merlot trotz Finesse eher „rund“ auftritt, dann bietet der Petit Verdot sozusagen das Gegenstück: elegant, gleichzeitig frisch und saftig, aber auch wild und ungestüm; in dieser Hinsicht fast wie ein Syrah. Und bei allem hat auch dieser Wein eine unglaubliche Länge, der Abgang will fast nicht enden!

Angesichts dieses Weines fragt man sich nur, warum Petit Verdot eine so marginale Bedeutung aufweist? Vielleicht braucht es halt eine Provokation, damit das ändert?

Wenig erstaunlich ist, dass der Wein des Jahrgangs 2015 angesichts der bescheidenen Gesamtproduktion bereits ausverkauft ist. (Erfeulich hingegen, dass ich dank rechtzeitiger Bestellung demnächst ein Prozent der Produktion zugestellt erhalte!).

Fazit: Möge Léandre-Chevalier noch lange provozieren!

Klicke, um auf 13%20%20petit%20Verdot%20Allemand.pdf zuzugreifen

https://www.gerstl.ch/de/rotwein/frankreich/bordeaux/vin-francais/leandre-chevalier-le-queyroux-petit-vin-francais-product-1256.html
(Vom Jahrgang 2014, den ich aber nicht probiert habe, gibt es Stand heute Abend noch genau 5 Flaschen ……)

 

 

 

Bordeaux 2015 – trau, schau, wem. (Vor allem dir selbst!)

Diese Woche hatte ich Gelegenheit, an der spannenden Arrivage-Degustation der Bordeaux des Jahrgangs 2015 bei Gerstl (www. gerstl.ch) teilzunehmen. Was zuerst auffiel: Es hatte viel mehr Teilnehmer als ein Jahr zuvor bei der Ankunft des Jahrgangs 2014. Auch Weinfreunde sind offenbar Herdentiere; wenn einige rufen, „Jahrhundertjahrgang“, dann, und nur dann, rennen sie. Schade, denn es gab sogar einige Güter, bei denen mir der unterschätzte 14er besser gefallen hatte!

Obwohl die ganz „Grossen“ nicht vertreten waren (keine Premiers und fast keine Super-Seconds) gab die Degustation einen sehr guten Überblick. Ganz generell halte ich den Hype um das Jahr 2015 für übertrieben. Zwar ist es sicher ein grosser Jahrgang, aber bekanntlich sind ja immer die noch nicht verkauften Jahre die allerbesten!

Es gibt sie aber durchaus, die Weine aus dem Jahr 2015, die bewegen und die das Zeug haben, zu Legenden zu werden. Das trifft durchwegs auf Güter zu, die trotz der Kraft des Jahrgangs auf Eleganz und Finesse Wert legten. Ein Musterbeispiel für solche herausragende Gewächse ist Pichon-Lalande: das ist ganz grosses Kino, was hier in die Flasche gebracht wurde (wobei gerade hier anzumerken ist, dass ich den 14er fast ebenso hoch einstufe).

pichon
Schon immer gut und speziell, in den letzten Jahren ganz an der Spitze: Pichon-Lalande (Pichon-Longueville Comtesse de Lalande).

Weitere tolle Beispiele sind Grand Puy Lacoste (zum Ausflippen schön, filigran und kraftvoll zugleich, und ich bin nicht sicher, ob er nicht sogar auf der gleichen Stufe wie Pichon-Lalande steht), Malartic-Lagravière, Clos Dubreuil, Beauregard, Léoville-Poyferré, du Tertre, Lagrange, Calon-Ségur, oder auch, etwas üppiger, Giscours. Auch bei den etwas günstigeren Gewächsen gibt es sehr positive Erwähnungen; Monbrison (wobei: sind 36 Franken noch günstig?), Moulin Haut-Laroque, Léandre-Chevalier, Meney, Le Bosque, Gaillard und Cambon La Pelouse, letzterer in Sachen Preis-/Leistung wohl der Allerbeste (wunderbar, wie sich dieses früher unbekannte, schon fast in den Vororten von Bordeaux gelegene Gut entwickelt hat)!

pontet canet
Pontet-Canet: Mit Bio-Dynamie zum grossen Erfolg!

„Outstandig“ in jeder Hinsicht ist Pontet-Canet. Die Entwicklung dieses Gutes ist unglaublich. Ich habe in meinen Notizen von der Primeurverkostung des Jahrgangs 1989 in Bordeaux nachgesehen. Damals lag das Gut bei mir von allen verkosteten Weinen am Schluss, Freude machte der Wein keine, ich notierte „peinlich, dass ein klassiertes Gut so schlechten Wein machen kann“. Und heute (wie schon seit einigen Jahren), unter anderen Besitzern und nach der Umstellung auf bio-dynamischen Weinbau im Jahr 2004: Was für ein Wein! Welche Wucht, welche Üppigkeit – und, auch wenn es paradox tönt – gleichzeitig welche Weichheit, Eleganz und Finesse! Pontet-Canet hat seinen ganz eigenen Bordeaux-Stil gefunden und ist zwar teuer geworden, in Relation gesetzt, aber noch preiswert geblieben!

Negativ aufgefallen ist hingegen, dass zu viele Weine auf „Fruchtbombe“ gemacht sind. Da stellt sich ernsthaft die Frage, ob man nicht besser gleich das (meist billigere) „Original“ aus Australien, Spanien, Süditalien oder den USA kaufen soll. Und bei einigen dieser für mich untypischen Bordeaux kommt noch dazu, dass die Säure tief liegt. Auffällig ist, dass dieser Weintyp im Libournais häufiger vorkommt als im Médoc. Vollreifer Merlot war 2015 vielleicht kein Vorteil. Es wird spannend sein, die Entwicklung dieser Weine zu beobachten und in 10 oder 20 Jahren abschliessend zu urteilen.

Vertreter dieser Fruchtbomben-Weine, die mir persönlich nicht gefallen haben sind u.a. Pape-Clément (für mich auch sonst  enttäuschend), Troplong-Mondot, Faugères und Lascombes.

Auf allerdings sehr hohem Niveau eher enttäuschend fand ich zudem Cos, dem es an Säure mangelt, Haut-Bailly, der vielleicht gross wird, mich aber im Moment ratlos lässt, de Chevalier, und auf tieferem Niveau Sociando-Mallet, der ein Schatten frühere Jahre ist.

Trau, schau – dir

Es gilt also auch im „Jahrhundertjahrgang“ 2015, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Ich komme ohnehin je länger je mehr dazu, dass ich nur noch kaufe, was ich selbst probiert und für gut befunden habe. Denn letztlich zählt nur der eigene Geschmack, und dass der unterschiedlich sein kann, wurde mir beim Lesen eines Facebook-Eintrags eines anderen Teilnehmers an der Degustation bewusst: Dieser lobte nämlich ausgerechnet Cos und Troplong-Mondot. Immerhin: Pichon-Lalande war auch auf seiner Favoritenliste!