Da tut sich was … die Bündner Herrschaft wird grün!

Zwei Neuigkeiten aus der Bündner Herrschaft haben mich in diesen Tagen erreicht: Das Weingut Luzi Jenny stellt auf biologischen Rebbau um und Möhr-Niggli wurde Fair’n Green zertifiziert. Zwei verschiedene Wege mit dem Ziel, den Weinbau nachhaltiger zu gestalten.

Die Liste der Betriebe, die in der Herrschaft inzwischen biologisch oder bio-dynamisch arbeiten, wird immer länger: Georg Fromm, Jan Luzi, Francisca + Christian Obrecht, Markus und Karin Stäger und seit Kurzem auch Irene Grünenfelder mit Sohn Johannes Hunger. Und schon viel länger gibt es Winzer wie Anti Boner (heute Luzi Boner und Anna Rasi), Gody Clavadetscher (heute Roman Clavadetscher und Valérie Cavin), Louis Liesch und Heiri Müller (dessen Trauben heute von Marco Casanova verarbeitet werden), die auf Bio setzten. Für ein vergleichsweise kleines Weinbaugebiet ist das eine imposante und vielleicht sogar rekordverdächtige Liste, von der ich nicht einmal sicher bin, ob sie vollständig ist (Wegelin z.B. hatte zumindest mal mit Bio experimentiert).

Luzi Jenny – da tut sich was

Nun kommt mit Luzi Jenny aus Jenins ein weiterer Winzer dazu. Der Familienbetrieb von Vater und Sohn Luzi sowie Tilli und Amanda hat in ihrem jüngsten Aussand mit der meinem Artikel titelgebenden Überschrift „da tut sich was …“ über die Zertifizierung als Bio-Betrieb informiert. Mensch und Natur ins Gleichgewicht bringen und auch zu erhalten, lautet das Credo.

Die Weine von Luzi Jenny haben mich schon in den letzten Jahren immer überzeugt, auch wenn mir persönlich die Weissen zuweilen eine Spur zu viel Restsüsse aufwiesen. Ich habe mich oft gefragt, warum dieser Betrieb nicht bekannter ist. Aber vielleicht ändert das ja nun nach der Umstellung auf Bio? Jedenfalls habe ich den Aussand zum Anlass genommen, meine letzte Flasche Zweigelt aus dem Jahr 2013 aus dem Keller zu holen. Der junge Wein hatte mich echt begeistert, aber nun nahm ich an, dass er wohl zu alt sei und nicht mehr viel Freude machen würde. Ich hatte diese eine Flasche nur liegen gelassen, weil mich das Alterungspotential interessierte. Aber siehe da, dieser Zweigelt ist auch nach 8 Jahren von voll im Schuss:

Zweigelt 2013, Luzi Jenny, Jenins
Mittleres Rubin ohne jeden Alterston in der Farbe; leicht reduktiv, zuerst sehr verhalten, mit etwas Luft dann Johannisbeeren und Waldpilze; im Mund „feurig“, schöne Säure und feine, gereifte Tannine, wirkt noch sehr „saftig“ und frisch. Im mittleren Abgang leicht trocknend. Rundum schön gereifter Wein, der noch voll in Form ist. 16,5 Punkte (= sehr gut).

Möhr-Niggli: Fair’n Green

Einen anderen, interessanten Weg gehen Matthias und Sina Gubler-Möhr mit dem Weingut Möhr-Niggli in Maienfeld. Die beiden, die sich in den letzten Jahren zu Recht zu so etwas wie den „Shooting-Stars“ der Herrschaft entwickelten, teilen in ihrem aktuellen Aussand mit, dass sie neu das Zertifikat „Fair’n Green“ erlangt haben. Dieses Label steht in seinen Richtlinen in Bezug auf Pflanzenschutz und Düngung zwar deutlich hinter jenen eines Bio-Betriebes, berücksichtigt aber dafür auch wirtschaftliche und soziale Themen (z.B. Umgang mit Personal und saisonalen Arbeitskräften), enthält Zielsetzungen zum CO2-Ausstoss und zur Biodiversität und umfasst die gesamte Wertschöpfungskette.

Ich kannte das Label bisher nicht, aber ein Blick auf die Homepage und in die Richtlinien macht einen seriösen Eindruck. Auch der Umstand, dass Betriebe wie etwa Georg Breuer und Clemens Busch, oder in der Schweiz das Weingut zum Sternen von Andreas Meier mit dabei sind, wirkt vertrauenserweckend. Die umfangreichen Richtlinien wirken zwar eher wie ein Leitbild denn wie eine verbindliche Vorschrift. Aber wer sich solche Gedanken macht und sich auf ein solches Label einlässt, hat mich Sicherheit einen weiten Horizont und ist auf einem vorbildlichen Weg.

Auch die Broschüre von Möhr-Niggli habe ich zum Anlass genommen, eine Flasche alten Weins hervorzuholen, den „normalen“ Pinot noir aus dem Jahr 2010. Auch dieser Wein erwies sich, engegen meiner Annahme, noch als absolut trinkbar, wobei er aber schon sehr gereift ist:


Pinot noir 2010, Möhr-Niggli (6 Monate Barrique)
Gereiftes, helles Rot mit bräunlichen Reflexen; in der Nase noch erstaunlich fruchtig (Himbeeren und Mango!), leichter Anflug von Champignons; im Mund eher schlank, ziemlich mürbe und deshalb nicht mehr so präsente Tannine, aufgrund der Entwicklung des Weins etwas „spitz“ wirkende Säure, hat gesamthaft aber noch eine schöne Frische. Mittlerer Abgang.

Ich gebe hier keine Note, und ich kannte den Wein auch nicht in einem jungen Stadium (ich habe ihn erst kürzlich auf Ricardo erworben). Zweifellos hat er aber in seinen ersten Jahren enormen Trinkpass gemacht, Dass dieser Pinot nach 10 Jahren nicht mehr in Höchstform ist, überrascht ja nicht. Die besten Weine von Möhr-Niggli können indessen sehr gut altern. Das beweist der seit 2013 hergestellte „Pilgrim“, der sich mit Sicherheit nach 10 Jahren erst so richtig dem Höhepunkt nähern wird. Ich kann aber auch auf den 2009-er Clos Martha aus Baselland verweisen, der mir an einer Degustation zum 10-Jahr-Jubiläum von 15 Spitzenpinots aus der Schweiz am besten gefallen hat! Siehe hier:
Le vin suisse existe – même après dix ans! – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)

Domaine Schwandegg – ein bisschen Natur 😉

Und weil es so gut zum Thema Natur passt, zum Schluss noch ein kleiner Blick in meinen eigenen Hobby-Rebberg. Ich bewirtschafte seit 33 Jahren 4 Aaren Pinot noir (Klon Mariafeld) am Fusse des Schloss Schwandegg in Waltalingen ZH. Der Rebberg ist in Sachen Umwelt und Biodiversität nicht vorbildlich, aber ich arbeite seit zwei Jahren an Verbesserungen. Ein kleiner Lichtblick war schon im letzten Jahr die erstmalige Beobachtung von Zauneidechsen. Und gestern nun konnte ich eine sogar fotographieren. Einfach nur berührend schön!

Eine Freude: Zauneidechse im eigenen Rebberg!

Die Degunotiz meines heute geöffneten 2010-ers erspare ich Ihnen. Aber auch dieser Wein ist noch trinkbar. Freude macht er aber nicht mehr gross.


Biologischer Weinbau aus Liebe zur Natur – Luzi Jenny
MÖHR-NIGGLI Weingut Maienfeld (moehr-niggli.ch)

FAIR’N GREEN | Standard für Nachhaltigkeit (fairandgreen.de)


Stephan Herter, der Winzer mit den richtigen Rezepten: Einsatz, Beharrlichkeit und Empathie!

Stephan Herter zeigt am Winterthurer „Taggenberg“, dass er als gelernter Koch auch in der Weinherstellung die richtigen Rezepte gefunden hat. Seine Weine sind hervorragend und gleichzeitig sowohl klassisch wie auch eigenständig.

Eigentlich ist er ja gelernter Koch, und dank einem sehr guten Lehrabschluss hatte er die Möglichkeit, sich in der absoluten Spitzengastronomie weiter zu entwickeln. Allerdings kam Stephan Herter da auch intensiv mit Wein in Kontakt, und das hat ihn nie mehr losgelassen. Nach einigen Jahren im Weinbusiness, zuerst als Weintechnologe, dann in fast jeder Position in einer führenden Schweizer Weinhandlung, wollte er sein eigenes Weingut gründen. Diverse Stages brachten ihm viele Impulse, ganz besonders beeindruckt hat ihn die Tätgigkeit auf der Domaine Leflaive, wo er in einem Team mit einer wundervollen Person (Zitat Herter) an der Spitze (die leider inzwischen verstorbene Anne-Claude Leflaive) auch die biodynamische Arbeitsweise kennenlernte.

Das Gute liegt so nah
Umgesehen hat er sich für ein Weingut dann weit in der Weinwelt. Südfrankreich wäre eine Option gewesen, aber eigentlich mag er den nördlichen Weinstil besser. Im Rheingau hätte er ein Gut übernehmen können – aber „nur“ Riesling, das war ihm zu wenig spannend. Schliesslich begann er auch in der Deutschschweiz zu suchen, wobei sein Vorgehen einzigartig war. Er ging nicht den Angeboten nach, sondern suchte zusammen mit einem Freund, der Geologe ist, nach einem bodentechnisch perfekten Ort. Gefunden hat er diesen dann in Winterthur, „seiner“ Stadt, in der er lange gelebt hat und die ihm ans Herz gewachsen ist (dem Schreibenden übrigens auch). Der Taggenberg, eine kleine Erhebung am westlichen Stadtrand, weist nämlich eine ganz aussergewöhnliche geologische Struktur auf. Er wurde geprägt vom Gletscher, aber anders als etwa der silex-geprägte benachbarten Hügelzug des Irchels gibt es hier Buntsandstein – und zwar nachweislich aus der Pfalz stammend und vom Gletscher hierhier transportiert. Aber damit nicht genug: Den Hügel durchzieht auch eine Kalkzunge, welche wiederum aus der Champagne stammt. Es gibt Lagen am Taggenberg, die nur rund 20 cm Humus aufweisen – darunter kommt direkt der Stein. Das zwingt zwar den Winzer zum Bohren, wenn er Pfähle einschlagen will, gleichzeitig aber auch die Rebe, ganz tief und weit durch den Kalk zu wurzeln. Kein Wunder also, dass hier vor rund 30 Jahren das Ehepaar Hans und Therese Herzog schon einmal absolute Spitzenweine produzierte, bevor es nach Neuseeland auswanderte.

Perfekte Weinlage am Rand der Stadt: Der geologisch einzigartige „Taggenberg“ in Winterthur.

Beharrlichkeit bringt Reben
Was aber tun mit diesem Wissen? Der Hang war weiterhin mit den von Herzog’s bepflanzten Reben bestockt, aber das Land ist auf etwa ein Dutzend Besitzer aufgeteilt und war zudem verpachtet. Es war immerhin ein schon über dem Pensionsalter stehender Landwirt, der die Reben pflegte. Und so änderte Herter seine Gewohnheiten: Statt ins obere Tösstal führten ihn seine Ausfahrten mit dem Moutainbike neu tössabwärts und in Richtung Irchel – und dabei fast jedes Mal vorbei am Hof des alten Bauern, um ihn zu überzeugen, die Reben doch abzugeben. Und tatächlich, irgendwann war er durch Herters Hartnäckigkeit „weichgeklopft“, ab dem Jahrgang 2012 konnte Herter die Reben am Taggenberg übernehmen. Wobei, ganz so einfach war auch das noch nicht, denn aufgrund seiner Ausbildung ging Herter amtlich nicht als Winzer durch. Also musste er sich noch im Schnellgang ausbilden. Auch diese „Lehre“ hat ihn geprägt, er konnte sie bei Michael Broger am Ottenberg absolvieren
vgl. hier: Michael Broger – der Pinot-Magier – Victor’s Weinblog
von dem er nicht nur weintechnisch, sondern auch menschlich („grandios“, Zitat Herter) viel profitieren konnte.

Beharrlichkeit musste Stephan Herter aber auch in andere Hinsicht beweisen. Er hat inzwischen 9 Jahrgänge gekeltert, und davon verliefen gerade deren zwei „normal“. Abgesehen von, wie Herter selbst einräumt, eigenen Fehlern, waren vor allem die beiden Frostjahre 2016 und 2017 schlimm und existentbedrohend. Aber Herter kaufte in diesen Jahren fremdes Traubenmaterial, und daraus entstand die Weinlinie „Väterchen Frost“. Handeln statt jammern – kein schlechtes Rezept!

Durchhaltewille zeigt er auch in der Bewirtschaftung. Er hat in all den Jahren nie eine „chemische“ Spritzung durchgeführt. Herter arbeitet nach biologisch bzw. bio-dynamischen Grundsätzen, ist aber nicht zertifiziert. Dies vor allem auch deshalb, weil er sich mit den Weltansichten des Rudolf Steiner schwertut und Bio-Suisse inzwischen als Instrument des Grosshandels empfindet – mit beidem will er nicht in Verbindung gebracht werden.

Aber auch ohne Zertifikat ist Herter beharrlich. Es kam auch im Jahr 2020, das durch den ständigen Wechsel von Nässe und Sonne in der Pilzabwehr problematisch war, mit nur 800 g Kupfer pro Hektar aus (erlaubt sind im Biorebbau 5 Kg), was auch nicht mehr signifikant höher liegt, als es für den anfälligeren Teil der Piwi-Sorten auch noch notwendig ist. Piwi ist für Herter ohnehin kein Ersatz; seiner Meinung nach kommen diese qualitativ vorerst einfach noch nicht an die Europäersorten heran, jedenfalls dann, wenn es darum geht, mineralische, trockene und ausdrucksstarke Terroirweine zu produzieren.

Herter tut aber auch so viel für die Natur. In mehreren Projekten zusammen mit der Naturschutzorganisation „Birdlife“ hat er Naturräume geschaffen, in denen sich Nützlinge ansiedeln und die Biodiversität verbessern können. Er ist überzeugt, dass er unter anderem auch deshalb noch nie wirkliche Probleme mit der Kirchessigfliege hatte. Zweifellos sind diese naturnahen Massnahmen der Weinqualität zuträglich. Ganz abgesehen davon ist er mit seinem Rebberg in einer privilegierten Lage: Er schneidet die Reben heute auf etwa 10 Augen zurück, und das ergibt dann aufgrund des Alters (ca. 45 Jahre) genau den bescheidenen Ertrag, den er für seine Weine anstrebt. Im Klartext: Herter muss keine „vendange verte“ ausführen, die Ertragsregulierung übernehmen die Pflanzen selbst.

Voller Einsatz bringt Infrastruktur
Mögen die Voraussetzung noch so gut sein, ein Newcomer ohne viel Geld kann nur bestehen, wenn er auch mit grossem Einsatz bei der Sache ist. Beim kontinuierlichen Ausbau seines Hofes legte und legt Herter immer selbst Hand an. Zurecht mit Stolz zeigt er den Barrique-Keller, ein Bauwerk, da er innert weniger Monate zu einem grossen Teil und selbst auf dem Bagger sitzend geschaffen hat.

Der mit den guten Rezepten und dem selbst geschaffenen Barrique-Keller: Stephan Herter.

Herausfordernd war auch die Corona-Sitation. Bedingt durch seine frühere Tätigkeit in der Gastronomie und dem Weinhandel war Herter im Absatz stark von Restaurants abhängig. Sozusagen von einem Tag auf den anderen blieben im Frühjahr 2020 die Bestellungen aus. Statt jammern suchte Herter sämtliche ihm bekannten Adressen von Kunden, Freunden und Bekannten zusammen und bot die Weine forciert im Direktverkauf an. Das Resultat: Bald stand Stephan statt im Rebberg tagelang im Keller und schnürte Pakete bzw. im Büro und schrieb Rechnungen!

Empathie für die Mitmenschen und für den Wein
Weil er deshalb während der arbeitsintensivsten Zeit im Rebberg fehlte, suchte der via soziale Medien nach Helfern – mit grossem Erfolg. Das war auch deshalb wichtig, weil aufgrund von Covid ein Teil seiner regelmässigen Helfer ausfiel. Seit Jahren bietet Herter nämlich Menschen, die eher auf der Schattenseite des Lebens stehen, die Möglichkeit, zeitweise bei ihm zu arbeiten und damit eine Aufgabe zu haben. In diesem sozialen Engagement habe er schon „Junkies“, „Knastis“ und „Alkis“ auf dem Betrieb gehabt und durchwegs gute Erfahrungen gemacht. Mit Abstand am schwierigsten, sagt ausgerechnet ein Winzer, sei der Umgang mit alkoholabhängigen Personen – das sei ein unvorstellbares Elend. Eine Warnung an uns alle, die wir den Wein so gerne haben, mit Mass und Vernunft zu geniessen!

Empathie, oder meinetwegen Fingerspitzengefühl, beweist Stephan aber vor allem auch bei der Weinproduktion. Natürlich profitiert er von einer hervorragenden Lage und alten Reben – und noch dazu davon, dass der erwähnte Hans Herzog „en fräche Siech“ gewesen ist, und damals nebst verbotenen Sorten auch spezielle Klone aus Frankreich gesetzt hat. Aber ganz offensichtlich hat Stephan Herter auch viel gelernt und dazu noch viel mehr Gefühl für den Wein entwickelt. Auf eigenen Hefen vergoren, so wenig Eingriffe wie möglich, ein trockener und eleganter Stil, der die Weine vor allem als Essensbegleiter aufblühen lässt und einen vielleicht nicht mit einem Bluffer-Stil sofort anspringen. Das Sortiment ist absolut überzeugend – der Koch findet auch als Winzer die feinsten Rezepte!

Aber lesen Sie selbst die nachstehenden Degustationsnotizen.

Sehr wichtig ist für Stephan Herter auch, dass die Weine ihre Herkunft zeigen – auf der Suche nach dem brühmten „Terroir“ sozusagen. Dass das nicht nur grosse Worte sind, zeigt er mit einem „Experiment“ mit dazugekauften Trauben aus Stein am Rhein. In diesem Fass lagert ein Pinot, der auf reinem Nagelfluh gewachsen ist, und mit dem Herter den Unterschied der verschiedenen Gesteins-Untergründe aufzeigen will.

Die Degustationsnotizen

Fabelhafte Parade der Fabelwesen: Herter’s tolles Sortiment (und es gibt noch mehr!)

„Väterchen Frost“, Schaumwein
Helles Gelb, zurückhaltende, feine Perlage; sehr fruchtbetont und „weinig“, Golden-Delicious-Apfel, Stachelbeeren, weisser Pfirsich, leichter, sehr feiner Hefeton; im Mund füllig, gut stützende Säure, kaum spürbarer Alkohol, neckische, dezente Süssnote, langer Abgang. Ein Masstab für Schweizer Schaumwein! 17 Punkte (= sehr gut).

Ferdinand, Räuschling 2019
(Degunotiz aus der Erinnerung, ich habe den Zettel verloren … aber der Eindruck ist sehr geblieben!)
Helles Gelb; Duft nach Orangen und Mirabellen, blumige Anflüge (u.a. etwas Flieder); im Mund mit knackiger Säure, filigran aber trotzdem für einen Räuschling erstaunlich dicht, langer Abgang. Toller Räuschling der eher traditionellen, aber doch etwas modern umgesetzten Art! 16 Punkte (= am oberen Ende gut).

Rufus, Sauvignon blanc, 2019
Mittleres Gelb, Stachelbeeren, Holunderblätter, nasses Gras; im Mund enorm frisch, sehr mineralisch, knackige Säure, sehr langer Abgang. Toller, mineralischer Sauvignon, den man blind in der Steiermark ziemlich weit vorne ansiedeln würde. 17 Punkte (= sehr gut).

Stix, Chardonnay 2019
Helles Strohgelb, Williams-Birne, Lychee, etwas neues Holz; im Mund rund mit ausgeprägter Fruchtsüsse, Holz und Toastung spürbar, gute Säure und gut eingebundener Alkohol. Schöner Wein, der als einziger stilistisch etwas aus dem Rahmen fällt. Mir ganz persönlich würde er etwas weniger „ausladend“ und dafür stählern noch besser gefallen. 16 Punkte (= am oberen Ende gut). Und Liebhaber dieses Stils würden ihn wohl noch höher bewerten.

Grimbart, Pinot noir 2019
Eher helles Rot; in der Nase zurückhaltend, rote Johannisbeeren, etwas Himbeer, würzig (Anflug von Lorbeer), leichter Holzton; im Mund filigran, herrlich ausgewogen mit spürbaren, feinen Tanninen und stützender, aber nicht aufdringlicher Säure, Alkohol erst im mittleren Abgang mit etwas „Feuer“ spürbar, leichter, schön eingebundener Holzton. Eleganter, frischer und charaktervoller Pinot der leichteren Art. 16,5 Punkte (= sehr gut).

Adelheid, Pinot noir/Cabernet, 2019
Recht dunkles Purpur; in der Nase Cassis und helle Fruchttöne, etwas Thymian; trotz spürbarer Säure und prägnanten Tanninen im Mund wie Samt und Seide, frisch und saftig, mittlerer Abgang. Eigentlich bin ich immer skeptisch gegenüber ausgefallenen Assemblagen, aber das hier ist eine schöne nördlich-frische Alternative, wenn eigentlich ein südlicher Wein passen würde (ich habe ihn zu Lamm sehr gut gefunden). 16,5 Punkte (= sehr gut).

Ruprecht, Pinot noir 2018
Für einen Pinot sehr dunkles Purpur; wunderschöne, pinot-typische Nase mit Himbeeren, Johannisbeeren, ganz dezent spürbares Holz; im Mund ein Feuerwerk: dicht, enorme Frische, gute Säure, trotz hohem Gehalt Alkohol kaum spürbar, langer und sehr „saftiger“ Abgang. Ein traumhaft guter, an das Burgund erinnernder Pinot, eine Referenz in der Schweiz. 18 Punkte (= hervorragend).
Leider ausverkauft.

HerterWein – Winterthur/Hettlingen

Und der Link zum „frechen“ Hans Herzog in Neuseeland:
Hans Herzog Marlborough Organic Winery

Toujours le Gamay! Château Thivin lässt das „jamais“ alt aussehen!

„Toujours“ reimt sich nicht, ich weiss. Aber „jamais“ sollte man beim Gamay in der heutigen Zeit nicht mehr sagen. Man würde Tolles verpassen! Das gilt ganz generell, gerade auch für viele Schweizer Weine. Aber heute ist die Rede von Château Thivin am Bouilly-Hügel, der schönsten Gegend im Beaujolais, dessen Weine jeden Gamay-Verachter zum Schweigen bringen müssen.

Im Jahr 1877 kauften Zaccharie und Marguerite Geoffray Château Thivin zusammen mit den damals 2 Hektar Reben gleich beim Gut. Seither entstand eine Familientradition, heute sind die fünfte und die sechste Generation am Werk – und wie! Die sechste Generation hat wichtige Verbindungen in die Schweiz. Claude-Eduard studierte zuerst in Beaune, beendete sein Studium aber schliesslich in Changins. Nebst Stages bei der Domaine Chaves in Mauves (Hermitage) und der Fromm Winery in Neuseeland sowie dem Geyerhof im Kremstal war er auch in der Schweiz tätig, so bei der Domaine La Colombe in Féchy und den Fils de Charles Favre in Sion. Und eben auch bei der Domaine Diroso von Hanspeter Baumann in Turtmann. Dessen Tochter Sonja ist heute Frau Geoffray und spielt auf Château Thivin eine wichtige Rolle im Rebberg, aber auch im Marketing und Verkauf. Auch sie studierte in Changins und weist – nebst vielen anderen – Erfahrungen in der Fromm Winery auf (in Neuseeland und Graubünden). Noch heute steht sie ihren Brüdern im Wallis, welche die Domaine Diroso nach naturnahen Grundsätzen führen, bei Bedarf beratend zur Seite.

Aber zurück ins Beaujolais: Auch auf Château Thivin arbeitet man sehr naturnah, ein Teil der Reben befindet sich in der Umstellung auf biologischen Rebbau (u.a. jene, die für den unten beschriebenen „les sept vignes“ verwendet werden) oder trägt schon das Bio-Label. Und auf einer Parzelle, sinnigerweise „Utopia“ genannt, baut man auch Piwi-Sorten an.

Alles Weitere kann auf der Website des Gutes nachgelesen werden. Besonders fasziniert hat mich die vorbildliche Information über Herkunft und Vinifikation jedes Weines, aber auch eine Lokalisation der Parzellen. So macht sich informieren Spass!
(Alle Angaben in diesem Beitrag, ausser den Degunotizen natürlich, sind auch ausschliesslich online recherchiert).

Vorbildliche Konsumenteninformation, hier als Beispiel zur Lage Godefroy, welche einen Teil der Trauben zur hervorragenden Cuvéee Zaccharie liefert. (Bilder ab Website des Gutes)

Château Thivin, Cuvée Zaccharie, Côte de Brouilly, 2018
Mittleres Rubin; verhaltener Duft nach Brombeer und Weichselkirsche, Rosenblüten, leicht spürbares neues Holz; im Mund enorm ausgewogen, Säure, Alkohol und Tannine in schönem Gleichgewicht (letztere mit ganz wenig grünem Touch), wunderbare Eleganz, vor allem im langen Abgang druckvoll. Toller Wein. Wer hier blind auf Gamay tippt, ist Klasse. Ich bin nicht einmal sicher, ob dieser Wein in einer Degustation von Gemeinde-Pinots aus der Côte d’Or auf- bzw. abfallen würde! Schöner, berührender Wein, der dem Gründer der Familiendynastie, Zaccharie, alle Ehre macht! 17,5 Punkte.
(Gleichberechtigung: Es gibt auch einen Weisswein – ein Chardonnay – der den Namen Marguerite trägt).

Château Thivin, Les sept vignes, Côte de Brouilly, 2019
Mittleres Rubin; fruchtige Aromen von roten und dunklen Früchten (Himbeer, Brombeer, schwarze Johannisbeeren), leicht pfeffrig; gute Säure, feines, aber eher zurückhaltendes Tannin, filigran, saftig und süffig, mitterer Abgang mit leichtem, schönem Bittertouch. Schöner, fröhlicher, aber doch gehaltvoller Gamay. 16 Punkte.

L’amour du vignoble et son terroir – Château Thivin (chateau-thivin.com)

Schweiz:
Kaufen Cuvée Zaccharie | Côte de Brouilly AOC – Château Thivin | 2018 | DIVO.

Deutschland, diverse, siehe:
https://www.chateau-thivin.com/point-vente/export.php

Fredi Strasser’s Lebenswerk: Ein Buch als „Muss“ für wirklich alle Weinfreunde!

Wenn Sie noch ein tolles und sinnvolles Weihnachtsgeschenk für einen Weinfreund suchen: voilà! Ein Schweizer Pionier im biologischen Rebbau hat ein Buch herausgegeben, das faszinierend ist. Und es passt eben wirklich für alle. Für ökologisch eingestellte Weintrinker, weil es bestätigt und Wissen ergänzt. Aber noch viel mehr für alle anderen, weil es völlig undogmatisch eine neue Sicht auf Reben und Umwelt vermittelt – und zum Denken anregt!

Das Buch heisst „Pilz-resistente Traubensorten“ – und der Titel ist eigentlich das am wenigsten Präzise daran. Es ist zwar gemäss Verlag eines der ersten „Piwi-Bücher“ überhaupt. Aber eigentlich ist es viel, viel mehr, nämlich ein Vermächtnis eines der grossen Bio-Pioniere im Rebbau, und eine faszinierende Beschreibung, wie ein Winzer mit umweltgerechten Methoden die Reben und den Boden ohne Gift ins Gleichgewicht bringen kann.

Fredi Strasser in seinem Element: So spannend wie er erzählt, liest sich sein Buch.

Aber vor allem: Das Buch ist nie dogmatisch, Fredi Strasser schildert einfach sein enormes Wissen, das er sich als „Studierter“ (Ing. Agr. ETH) vor allem auch empirisch im Alltag angeeignet hat. Eigentlich ist es auch ein geniales Lehrbuch. Fredi Strasser schafft es zusammen mit der Mitautorin Franziska Löpfe, auf knapp 250 Seiten einen hervorragenden Überblick über die Wunderpflanze „Rebe“ und ihre Kultivierung sowie die Weinherstellung zu geben. Und ebenso wird auf sehr gut verständliche Art ein grosses Wissen über die Problematik des Rebbaus in Bezug auf Krankheiten und Schädlinge vermittelt – und die verschiedenen Arten, wie man dem als Winzer begegnen kann. Ein ganz wichtiger Teil des Buches widmet sich zudem der Bodenfruchtbarkeit und dem schonenden Umgang mit unserer Lebensgrundlage.

Ich werde nie vergessen, wie Fredi Strasser an einem Rebumgang an beliebigen Stellen eine Sonde in seinen Rebberg gesteckt hat, mit dem Hinweis, dass ein durchlässiger, lockerer und bewachsener Boden nicht nur fruchtbarer ist, sondern bei Niederschlägen auch das Wasser zurückhält und speichert. Er musste deshalb seine Neupflanzungen auch in trockenen Jahre nicht bewässern. Keine zwei Wochen später ergoss sich ein Unwetter mit kurzen, aber sehr heftigen Regenfällen über das Stammertal. Ein Augenschein ergab, dass im Rebberg von Fredi Strasser alles Wasser problemlos versickerte, während es sich ein paar Meter entfernt in einer konventionell bewirtschafteten Parzelle in Sturzbächen auf die unterliegende Strasse ergoss.

Rechts demonstriert Fredi Strasser die Durchlässigkeit seiner Böden. Hier gab es auch nach dem Umwetter keine Schwemmschäden. Links eine herkömmlich bewirtschaftete Parzelle eines anderen Winzers in der Nachbarschaft – wertvoller Boden ist weggeschwemmt.

Ein kleinerer Teil des Buchs widmet sich dem Autor und Biopionier selbst. Und diese Passagen haben es auch in sich. Hier erfährt man einiges über den inneren Antrieb des Autors, aber noch viel mehr über all die Steine und Knebel, die einem Visionär wie Fredi Strasser von der „offiziellen Schweiz“ in den Weg gelegt wurden. Ein bisschen Glück und „Vitamin B“ gehört manchmal auch dazu, wenn man die Steine wegräumen will. Fredi Strasser wurde in sehr jugendlichem Alter der erste Bio-Landwirtschaftslehrer an der Zürcher landwirtschaftlichen Schule Strickhof. Und ebenda besuchte anfangs der 1980er-Jahr ein gewisser Andrea Hämmerle, Biohof-Quereinsteiger und später Nationalrat, die Vorlesungen von Strasser. Es entwickelte sich eine Freundschaft, und dank dieser brachte Hämmerle in der Wirtschaftskommission des Nationalrates den Antrag ein, dass auch neue Rebsorten, und eben auch Piwi, in der Schweiz zugelassen werden. Gegen den Willen des damals zuständigen Bundesrates, und gegen den Widerstand von zwei Westschweizer Winzern in der Kommission („les hybrides – on ne peut pas les boire“) setzte sich Hämmerle schliesslich durch. Damit war der Weg frei, Piwi-Sorten auch in der Schweiz anzupflanzen.

Zwei Freunde veränderten die Schweizer Reblandschaft: Fredi Strasser und alt NR Andrea Hämmerle.

Zurück zum Buch: Es ist ungemein spannend und auch sehr flüssig und lesefreundlich geschrieben, ohne dabei an Substanz zu verlieren. Etwas speziell ist die Kombination aus wissenschaftlichen Erkenntnissen, welche der Ing. Agr. ETH Strasser einbringt, und empirischen Erfahrungen, welche der Naturbeobachter Strasser beisteuert. Ich habe die wichtigsten Passagen einem in Oxford forschenden Mikrobiologen vorgelegt. Er kritisiert als Wissenschaftler zu recht, dass der Unterschied zwischen etablierten Fakten, mit denen ein Abschnitt meistens beginnt, und eigenen Hypothesen nicht klar gekennzeichnet wird. Als wissenschaftliches Buch kann es deshalb nicht durchgehen, aber das war ja wohl auch nicht die Absicht. Trotzdem hält auch der Biologe das Buch als Übersicht für den Laien für durchaus gewinnbringend. Wenig begeistert ist er freilich über den Schlussteil zu Knöllchenbakterien und Mykorrhizen, aber das ist halt ausgerechnet sein eigenes Forschungsgebiet.

Auch über Zucht und Eigenschaften von Piwi-Reben erfährt man einiges, vor allem über die auf Strasser’s Betrieb angepflanzten. Und wem das jetzt immer noch nicht genügt, der sei noch darauf hingewiesen, dass auch die Tiere nicht zu kurz kommen – die gesamte Fauna im Sinne der Biodiversität mit Schädlingen und vor allem auch Nützlingen, aber auch die Haus- und Nutztiere, welche Strasser’s halten und die auch aus dem Rebberg nicht wegzudenken sind.

Pferde (und andernorts Schafe) im Rebberg – ersetzen den Mäher!

Quintessenz: Ich habe kaum je ein Weinbuch derart „verschlungen“ wie dieses. Es schafft den Spagat zwischen moderner Kommunikation und ernsthafter Wissensvermittlung in hervorragender Art. Und es ist wirklich für jeden Weinfreund geeignet:

  • Der Weinfreund, der nur wenig darüber weiss, wie Reben gepflegt werden und wie Wein entsteht, bekommt hier in geraffter Form einen sehr guten Einstieg und Überblick.
  • Der Umweltbewusste wird aus diesem Buch noch lernen können (ich selbst bewirtschafte einen kleinen Rebberg, mehrere Jahre war ich auch biologisch unterwegs, aber ich hatte beim Lesen und beim Rundgang mit Fredi Strasser unzählige „Aha-Erlebnisse“).
  • Der neugierige Weinkenner wird entdecken, dass es sich lohnt, sich mit neuen Sorten auseinanderzusetzen.
  • Vor allem aber für Skeptiker eignet sich das Buch ganz besonders: Wer es liest, und nicht völlig mit Scheuklappen durch’s Leben geht, wird im Minimum den einen oder anderen Denkanstoss erhalten.

Damit würde dann das Buch nicht nur zur Zusammenfassung des Lebenswerks des Fredi Strasser, sondern auch zur Basis für einen schonenderen Umgang mit der Umwelt werden. Was könnte sich der Bio-Pionier Schöneres wünschen?

Fredi Strasser, Franziska Loepfe: Pilzresistente Traubensorten (Reben biologisch pflegen, naturreinen Wein geniessen – das Piwi-Buch), Haupt-Verlag, Bern, ISBN 978-3-258-08187-8. CHF 39.00.
https://www.haupt.ch/buecher/natur-garten/pilzresistente-traubensorten.html


Fredi Strasser und seine Weine:
Fredi Strasser hat Jahrgang 1958 und wuchs in Nussbaumen im Kanton Thurgau als Bauernsohn auf. Strasser lebt heute mit seiner Frau Maria in Stammheim im Kanton Zürich, wo er sein eigenes Weingut betreibt. Wie er zu diesem Gut gekommen ist, kann sehr spannend erzählt im Buch nachgelesen werden.
Er studierte in Zürich an der ETH Agrarwissenschaft, war während Jahrzehnten Lehrer für Biolandbau an der landwirtschaftlichen Schule Strickhof, ist Gründungsmitglied der Stiftung Fintan, eines bio-dynamisch arbeitenden Vorzeige-Betriebes in Rheinau und war auch in der Hauptrolle bei der Neuanlage der imposanten Weinlage „Chorb“, hoch über dem Rhein. Seit rund 10 Jahren besitzt er nun bestes Rebland in Stammheim, welches er nach und nach auf Piwi-Sorten umstellte.

Und wie schmecken seine Weine? Gut! Hier zwei Beispiele:

Soleil d’Or, weiss, 2018
(Cuvée aus Excelsior und Seyval Blanc)
Helles Gelb, intensive in der Nase, florale Töne nach Lindenblüte und Rebenblüte (!), intensiver Lychee-Duft; im Mund recht dicht, spürbare Fruchtsüsse, dezente, aber gut stützende Säure, leichter, erfrischender Bitterton, mittlerer Abgang. Schöner Wein, kaum ein Hinweis auf Piwi! 16,0 Punkte (=gut bis sehr gut).

Maréchal Foch, rot, 2017
Mittleres Rot; sehr fruchtige Nase, Himbeeren und sehr ausgeprägt Walderdbeeren, etwas Kiwi; im Mund wenig Tannin, Säure und Alkohol sehr gut ausgewogen, schlank. Erst ganz am Schluss im mittleren Abgang ganz leicht „foxig“. Gelungener Wein, 15,5 Punkte (= gut).

https://www.stammerberg.ch/ueberuns/betrieb


Und schliesslich noch für alle, die immer noch glauben, „les hybrides – on ne peut pas les boire“:

„Piwi-Weine sind untrinkbar“. Umdenken ist angesagt – hier ein Spitzenwein als Beweis! – Victor’s Weinblog

91-26-26 – ein Piwi-Wein wie ein 6-er im Lotto! – Victor’s Weinblog

Trinken Sie sich mal einen Kater! Und bauen Sie dabei schmerzlos Vorurteile ab. – Victor’s Weinblog

Tement macht „Terroir“ spürbar: drei Mal gleich, drei Mal ganz anders!

Welcher Winzer wirbt nicht damit, „Terroirweine“ anzubieten? Nur zu oft freilich ist das vor allem eine Marktingmassnahme. Tement aus Berghausen in der Südsteiermark hingegen lebt es und macht das auch direkt erlebbar. Ein spannendes Probierpaket!

Mit einem Paket von drei Sauvignon blancs aus verschiedenen Orten mit jeweils sehr variierenden Böden bietet sich die Chance, Weine mit der gleichen Tement-Handschrift, aber mit den unterschiedlichen Charakteren ihrer Herkunft nebeneinander zu probieren. Schmeckt Wein vom Schiefer wirklich anders als solcher vom Korallenkalk oder vom Sandstein? Ja, und wie! Wer immer noch glaubt, dass Wein im Keller gemacht wird, kann sich mit drei preiswerten, aber feinen Flaschen eines Besseren belehren lassen. Und für alle anderen lohnt sich der Vergleich natürlich erst recht!

Kitzeck-Sausal 2018 (Ortswein, Schiefergestein)
Mittleres Gelb; in der Nase mineralisch nach Steinmehl duftend, dazu verhaltene Frucht von Quitte und Mirabelle; im Mund eher schlank, sehr mineralisch, schön eingebundene Säure, kaum spürbarer Alkohol, erstaunlich langer Abgang. Der „ausgewogenste“ Wein der Drei.

Ehrenhausen 2018 (Ortswein, Korallenkalk)
Eher helles Gelb; verhalten, Steinmehl, grüner Apfel, Orange; ausgeprägte aber nicht störende Säure, knochentrocken, aber mit spürbarer Frucht“süsse“, filigran und fein gewoben, leichter mineralischer Touch, langer Abgang. Der „knackigste“ und eleganteste aus dem Trio.

Gamlitz 2018 (Ortswein, Sandstein)
Mittleres Gelb; mineralische Düfte, erinnert fast ein wenig an die vulkanischen, leicht schwefligen (hier nicht negativ gemeint) Düfte auf der Insel Vulcano, verhaltender Duft von Aprikose; im Mund recht üppig, trocken, sehr ausgewogen mit guter Balance zwischen Säure und Alkohol, mittlerer Abgang. Vielleicht der spannendste Wein von allen – aber auch der rustikalste.

Es handelt sich um drei sehr interessante Weine, die sich hervorragend dazu eignen, den Unterschied von Lagen und Böden zu demonstrieren. Sie stellen aber freilich noch längst nicht die Spitze des südsteirischen Weinbaus dar. Da spielt, nebst einigen anderen, auch Tement mit seinen „Rieden“ – Spitzenlagen wie Zieregg, Grassnitzberg und Sulz – in der ersten Liga. Und das weltweit.

Dreimal mineralisches Terroir pur!

Obwohl es sich „nur“ um Ortsweine, und damit die zweite Stufe in der Qualitätspyramide der Südsteiermark handelt, sind die drei hier vorgestellten Sauvignons aber auch weit mehr als einfache Weine. Mit ihrer eigenständigen, mineralischen Art können sie durchaus höhere Ansprüche erfüllen. Nur nicht solche von Sauvignon-Trinkern, die nach üppiger, exotischer Frucht suchen. Da sind denn die Weine von Tement (wie fast alle aus der Steiermark) doch aus besserem Holz geschnitzt.

Und so ganz nebenbei: Es verblieb noch ziemlich viel Wein in den Flaschen, den ich später immer mal wieder probierte. Nach einer Woche, ja nach 10 Tagen präsentierten sich alle drei Sauvignons noch in bester Form und absoluter Frische. Und selbst nach 2 Wochen war der kleine Rest Gamlitz noch trinkbar, er hatte nur etwas Spannung verloren.

Und nicht ganz nebenbei: Tement arbeitet seit längerer Zeit biologisch, seit 2018 auch zertifiziert. Ein Beispiel mehr dafür, dass die Produktion von Spitzenweinen und Bio sich nicht ausschliessen, sondern sich im Gegenteil wohl gar bedingen!

https://www.tement.at/de/weinshop/ortsweinpaket-sauvignon-blanc-klein-3x075lt.html
(Dieses Angebot betrifft den Jahrgang 2019, oben beschrieben sind die 2018er)

Ungerberg 2012 von Paul Achs: Blaufränkisch vom Feinsten!

Eigentlich ist es erstaunlich, dass die wunderbare Sorte Blaufränkisch nicht viel weiter verbreitet ist. Der Vergleich mag gewagt sein, aber diese Rebsorte vereint die Eleganz eines Pinot noir mit der Tiefe eines Cabernet Sauvignon. Und wenn der Wein vom Ungerberg kommt und vom bio-dynamisch arbeitenden Winzer Paul Achs stammt, dann wird er fast unwiderstehlich!

Der Ungerberg, wobei „Berg“ eigentlich masslos übertrieben ist. Aber aufgrund der Bodenbeschaffenheit ist es eine der besten Lagen am Neusiedlersee (im Hintergrund). Foto: Download ab Homepage von Paul Achs.

Paul Achs leitet sein Weingut seit fast 30 Jahren, und er hat es in dieser Zeit geschafft, den Familienbetrieb zu einem der besten in ganz Oesterreich zu wandeln. Zweifellos spielt dabei eine wichtige Rolle, dass er seit 2006 (zertifiziert) nach bio-dynamischen Grundsätzen arbeitet. „Leben und leben lassen“ steht dazu auf seiner Homepage, und besser kann man das Prinzip in ein paar wenigen Worten wohl kaum ausdrücken.

Auf rund 25 Hektar Land rund um Gols im Burgenland produziert Paul Achs eine Vielzahl von Weinen – auch einfache Alltagsweine, wobei ich noch nie einen im Glas hatte, der nicht auf seine Art fasziniert hätte. Die allerbesten Weine für mich sind aber seine Lagen-Blaufränkisch, und hier als „primus inter pares“ der Ungerberg. Wie auf der Foto ersichtlich, handelt es sich eher um eine leicht nach Süd-Südwest geneigte, perfekte Lage mit sanfter Steigung, die mit Kalk und im Untergrund einer Eisenschicht den idealen Boden bietet.

Eigentlich kann man diesen Wein schon in der Jugend genussvoll trinken, aber er ist dann noch recht ungehobelt tanninbetont und auch ein bisschen unausgewogen stürmisch. Nun habe ich einen 8-jährigen Wein (2012) aus dem Keller geholt. Dieser befindet sich in der ersten wirklich genussvollen Trinkreife, dürfte aber in 3-4 Jahren sogar noch ausgewogener sein:

Dunkles Rubin mit violetten Tönen, noch sehr jugendlich wirkend. In der Nase dunkle Beerenfrucht, Pflaumen, Sultaninen, Thymian. Im Mund saftig, enorm viele, äusserst feine Tannine, spürbare, aber gut integrierte Säure, Alkohol trotz 13,5 % kaum spürbar, enorme Finesse und Eleganz, langer Abgang, wirkt noch jugendlich und hat Potential für die nächsten Jahre. Klassewein!

Ich habe Paul Achs nun schon an mehreren Anlässen persönlich angetroffen. Was auffällt: Er ist eher zurückhaltend, bescheiden, aber wenn man mit ihm spricht ist er enorm präsent und überzeugend. Und fast immer hat er dieses sympathische, positive Lachen auf dem Gesicht. Es gibt auf seiner Homepage diverse Bilder von ihm zum Herunterladen, aber dieses hier scheint mir Paul Achs am besten zu zeigen:

Paul Achs: Dieses ansteckende, fröhliche und offene Lachen! (Foto Roland Unger, Download ab Homepage von Paul Achs.

http://www.paul-achs.com

Bezugsquellen jüngerer Weine:
http://www.gerstl.ch
http://www.ritter-weine.li
Weitere Bezugsquellen, insbesondere auch in Deutschland, siehe auf der Homepage von Paul Achs


Löwengang – faszinierender Chardonnay aus dem Südtirol.

Der Name Lageder steht bekannterweise für herausragende Weinqualität aus dem Südtirol. Der Chardonnay aus dem Ansitz „Löwengang“ wird inzwischen seit 36 Jahren angebaut, und man spürt die lange Erfahrung: Der Jahrgang 2016 ist ein bewegender, vibrierender, begeisternder Wein. Vielleicht auch, weil der bio-dynamisch produziert wird.

Eigentlich steht der weisse Löwengang (es gibt auch den roten Cabernet) für fast alles, was ich in meinem Blog normalerweise nicht beschreibe: Er ist teuer (rund CHF 50.00), er ist keine Entdeckung (welcher Weinfreund kennt Lageder nicht), er ist nicht rar (es werden rund 38’000 Liter hergestellt) und es handelt sich auch nicht um einen Wein aus einer unbekannten Rebsorte (hier erübrigt sich der Klammertext). Aber er hat etwas Besonderes an sich, und er hat mich mit seiner zurückhaltend-edlen Art fasziniert – sozusagen meine Seele berührt! Ich habe schon noch edlere Chardonnays im Glas gehabt, aber eher selten einen, bei dem einfach alles in einem perfekten Gleichgewicht ist: löwengang flasche

Er ist fruchtig, sogar etwas exotisch fruchtig, aber nicht zu sehr, er verfügt über eine perfekt eingebundene und stützende Säure, er wirkt frisch wie Quellwasser und ist trotzdem dicht und „füllig“, das Holz ist spürbar, aber nur dezent begleitend, sein Abgang will nicht enden. Ein Ausbund an Frucht, Eleganz, Finesse und Harmonie und ein Wein, der diese Spannung bis zum letzten Schluck beibehält!

 

Die Familie Lageder kaufte den Ansitz Löwengang in Margreid im Süden des Südtirols, nahe an der Sprachgrenze, im Jahr 1934. Schon damals wurden hier „internationale Sorten“ angepflanzt, so auch Chardonnay. Trotzdem galt Lageder im Jahr 1984 als Exot, als er den ersten Jahrgang des „Löwengang Chardonnay“ produzierte und auch noch in Barriques ausbaute. Dabei hatte er dafür einen berühmten Mentor: Alois Lageder sagt dazu selbst, dass Robert Mondavi 1981 den Impuls gab, indem er anregte, traditionelle Wege zu verlassen und Neues zu wagen – und unter anderem auch, den Wein auf der Hefe zu lagern. Mit dem Einsatz von Eichenholz und noch dazu unter Reduktion des Ertrages machte Lageder damals so ziemlich das, was zu jener Zeit als verrückt galt!

löwengang
Der Eingang ins „Weinparadies“ Löwengang. (Bild: Download Lageder, Foto Gianni Bodini)

Neue Wege verfolgt Lageder auch in der Bewirtschaftung der Reben. Seit 2004 wird der Familienbetrieb nach biodynamischen Grundsätzen geführt – Demeter-zertifiziert. Es ist immer wieder faszinierend, dass diese Methode ganz spezielle, faszinierende und irgendwie „vibrierende“ Weine hervorbringt.

Es lohnt sich übrigens, den Instragram-Account von Lageder zu abonnieren. Hier werden immer wieder tolle Bilder gezeigt, etwa, wie Kühe und Schafe im Rebberg weiden oder wie sich ein Fasan zwischen den Rebzeilen wohl fühlt!

https://aloislageder.eu/
https://www.instagram.com/alois.lageder/

In der CH u.a. erhältlich bei Bindella, http://www.bindella.ch

 

 

 

„Piwi-Weine sind untrinkbar“. Umdenken ist angesagt – hier ein Spitzenwein als Beweis!

Vorurteile leben länger. Das gilt auch für mich selbst. Ich habe mich schon lange immer wieder mit pilzwiderstandfähigen Sorten befasst und wurde dabei meistens enttäuscht. Inzwischen bin ich aber überzeugt, dass die Piwi-Sorten die Zukunft unseres Weinbaus mit bestimmen werden!

Lustigerweise war es vor rund drei Jahrzehnten ebenfalls am Iselisberg, als ich die ersten Piwi-Weine versuchte. Es war damals beim im positiven Sinne „verrückten“ Guido Lenz in Uesslingen, und die Ansätze waren gut, aber qualitativ noch gewöhnungsbedürftig. Nun bringt mich erneut der Iselisberg dazu, endlich wieder tiefer in die Weine aus Piwi-Sorten einzutauchen. Und wieder ist der Name Lenz im Spiel, auch wenn meines Wissens keine Verbindung besteht.

Im vergangenen Jahr las ich in der Kundenzeitschrift von Delinat die Aussage von Roland Lenz, der zusammen mit seiner Frau Karin in Iselisberg, hoch über dem Thurtal bei Frauenfeld einen Biobetrieb leitet: „Bis in zehn Jahren werden wir nur noch Piwi-Sorten anbauen“. Vor vier Monaten traf ich ihn an einer Veranstaltung persönlich, und auf das Zitat angesprochen meinte er: „Das geht nicht einmal mehr zehn Jahre“! Und auf meine ungläubige Nachfrage, ob die Kundschaft denn das mitmache: „Ja, wir sind mit den Piwi’s wirtschaftlich sehr erfolgreich, die Weine kommen an“.

Keine Reb-Einöde: Hotspots für die Biodiversität am Iselisberg

Ich hatte ja schon länger vor, mich wieder intensiver mit Piwi-Weinen zu beschäftigen und habe hier auch schon einen tollen Wein von Marco Casanova beschrieben:
https://victorswein.blog/2019/05/19/soyhisticated-sauvignon/ ,
aber diese Aussage hat mich so richtig elektrisiert und dazu gebracht, mich dem Thema endlich intensiver anzunehmen und (unter anderen) bei Lenz‘ ein paar Flaschen zu bestellen. Die erste, die ich degustierte, hat es gleich in sich:

Der Wein ist aus der Sorte Souvignier gris gekeltert, eine im Jahr 1983 vom staatlichen Weinbauinstitut Freiburg (D) aus Cabernet Sauvignon und Brommer (Merzling x gm 6494 [=Zarya Semera x St. Laurent]) gekreuzte Sorte. Neuere genetische Untersuchungen sollen nun aber freilich zum Schluss gekommen sein, dass es sich in Tat und Wahrheit um eine Kreuzung von Seyval blanc und Zähringer handle (leztere eine ältere Kreuzung Traminer x Riesling). Quelle: https://sibbus.com/de/sortenbeschreibungen/weissweinsorten/souvignier-gris.html. Aber dem Geniesser kann das egal sein, denn der Wein schmeckt ganz toll. Und dem Naturfreund ohnehin, denn der Sorte wird eine hohe Resitenz gegen alle gängigen Pilzkrankheiten nachgesagt, so dass zumindest Lenz‘ im Pflanzenschutz ganz ohne Kupfer und Schwefel auskommen, womit sich auch alle gängigen Vorurteile gegen „Bio“ erübrigen.

Lenz „Handwerk weiss“ – viel mehr als nur Handwerk

Souvignier gris ist bestimmt eine Piwi-Sorte mit grossem Potential. Allerdings braucht es ebenso sicher auch viel önologisches Gefühl, um daraus einen wirklich grossen Wein zu keltern. Der Sorte wird beispielsweise nachgesagt, dass sie über wenig Fruchtaromen verfüge. Piwi-Profis wie die Lenz‘ sind dem so begegnet, dass sie den Wein 36 Stunden an der Maische stehen liessen, dann erst abpressten und ihn mit den eigenen Wildhefen in einer Barrique vergären und anschliessend 9 Wochen im Holz auf der Hefe lagern liessen. Auf diese Weise ist ein ausdrucksvoller und dichter Wein entstanden, so dass niemand mehr die Frucht vermisst – obwohl man ihn meiner Meinung nach dank seiner Frische sogar als Apérowein einsetzen könnte. Der Wein heisst „Handwerk weiss“, und das beherrschen die Lenz‘ augenscheinlich – aber wohl viel mehr als das, das ist schon fast Weinkunst, und der Wein könnte auch so genannt werden!

Helles Strohgelb; dezenter Duft nach weissen Johannisbeeren und etwas Aprikosen, leichter Holzton und Rauchnoten; im Mund enorm dicht mit gut stützender Säure, auffällige Frische, ganz leicht spürbare Restsüsse, die aber so gut eingebunden ist, dass sie sogar mir gefällt, langer Abgang. Absolut toller Klassewein, der zwar „zum Abbeissen“ dicht ist, aber trotzdem frisch und süffig bleibt!

Und das Schönste daran: Man spürt diesem Wein in keiner Art und Weise an, dass es sich um eine Piwi-Sorte handelt! Dieses sonst so oft in weissen Piwi’s gespürte „rauchig-speckige Stachelbeeren-Kiwi-Aroma“ fehlt hier völlig (ich kann diese für mich für Piwi’s typische Aromatik beim besten Willen nicht besser beschreiben). Ich jedenfalls wäre nie darauf gekommen, dass der „Handwerk weiss“ ein Piwi-Wein ist – einzig beim Raten, um welche herkömmliche Sorte es sich denn hier handelt, wäre ich wohl etwas überfordert gewesen.

Das Weingut mit dem Ozean dazwischen

Der Teil des Weinguts auf dieser Seite des Ozeans: Lenz in Iselisberg, TG

Karin und Roland Lenz bewirtschaften in der Schweiz rund 21 Hektaren Reben biologisch. Davon sind aber 3,5 Hektar nicht bestockt, sondern als Biodiversitätsflächen ausgespart. Bereits 1996 stellte der Betrieb auf „Bio“ um, kam dann aber aufgrund von Missernten nochmals davon ab, bloss, um 2006 endgültig auf biologischen Anbau umzustellen! Seit 2010 sind Lenz‘ auch zertifiziert.

Bereits zweimal wurden Lenz‘ von Vinum zum „Bioweingut des Jahres“ erkoren. Es gibt aber auch noch eine „Filiale“ in Chile, wo weitere 18 Hektaren zum Betrieb gehören. Damit wird das sorten- und geschmackmässige Gesamtsortiment noch spannender. Ich selbst wohne quasi in Fussdistanz zum Schweizer Standort und verfolge die Veränderungen in der Bewirtschaftung seit Jahren mit Hochachtung und Freude (gerade auch, weil ein anderer grosser Betrieb am Iselisberg – wie ein Spaziergang von heute zeigte – weiterhin unbekümmert seine Rebzeilen mit Glyphosat totspritzt, während die Reben von Lenz, wenn überhaupt, mechanisch gepflügt werden!). Wie erwähnt, sind bei Lenz‘ zudem bereits rund 12 Prozent der Landflächen mit „biologischen Hotspots“ belegt, was die Biodiversität massiv steigert.

Hier noch ein Beispiel für Freiflächen für die Biodiversität; inkl. Insektenhotel.

Viele der Weine des Gutes haben mir schon seit Jahren immer wieder sehr gut gefallen. Da Lenz indessen vor allem bei den meisten Weissen einen Stil mit spürbarer Restsüsse pflegt, war das Gut bisher aber nicht zuoberst auf meiner Prioriätenliste, wenn es um Besuche und Einkäufe ging. Das hat sich seit der Unterhaltung mit Roland Lenz und vor allem mit der Degustation des „Handwerk weiss 2018“ schlagartig geändert. Es lagern noch fünf weitere Flaschen – trockenen – Weins in meinem Keller – affaire à suivre!
https://www.weingut-lenz.ch/


In einem zwar diletanttisch gemachten Youetube-„Film“, der aber dank der Aussagen von Roland Lenz trotzdem sehenswert ist, attestiert der Winzer der Rebsorte „Souvignier gris“ fast nur Gutes – und vor allem ein grosses Potential. Angesichts des degustierten Weines kann man sich dem uneingeschränkt anschliessen!
https://youtu.be/ob2GIQxmnpk


Und weil ich im Text ein anderes Gut als Lenz negativ erwähnt habe, weil weiterhin Unkrautvertilger einsetzt, hier noch ein Link auf einen Beitrag, den ich vor Jahresfrist zu diesem Thema veröffentlicht habe. Ich verstehe solche Winzer beim besten Willen nicht mehr!
https://victorswein.blog/2019/05/04/glyphosat-fur-winzer-auch-ein-imagerisiko/


Markus Ruch: zum Glück Winzer und nicht Banker

Den Tipp verdanke ich Michael Broger. Er machte mich auf den Newcomer Markus Ruch aufmerksam, der im Klettgau eben erst mit Weinbau begonnen hatte. Wenn jemand, der so geniale Weine herstellen kann, wie Michael Broger – siehe :
https://victorswein.blog/2018/01/01/michael-broger-der-pinot-magier/
einen Winzer empfiehlt, dann muss er ja gut sein. Und deshalb bestellte ich blind den Jahrgang 2009 der „Hallauer Chölle“ von Ruch, und der wurde erst noch frei Haus geliefert – vom Winzer selbst. Eines Abends stand ein grossgewachsener, sympathischer junger Mann von der Türe und lieferte einen Karton seines Weines ab. Dank Michael Broger habe ich also das Privileg, einen Wein aus den Anfängen des Markus Ruch verkosten zu können.

Ein herrlicher Pinot der speziellen Art aus dem Kanton Schaffhausen. Ruch’s „Chölle“.

Eine dieser Flaschen habe ich heute getrunken, und eigentlich war es immer noch zu früh. Aber was für ein toller Wein! Ein Pinot fern des „Mainstreams“ zwar, und vermutlich deshalb auch nicht jedermann’s Sache – aber eben einer jener Weine, die Persönlichkeit und Charakter aufweisen, und die mir deshalb so sehr gefallen:

Für Pinot erstaunlich dunkles Rot mit ersten Reifetönen; Dörrzwetschgen, Thymian und ein leichter Cognac-Ton; im Mund mit Ecken und Kanten, aber ungemein spannend und auch ausgewogen zwischen Säure, Tannin und Alkohol, leichter Anflug von Vanille als einziger Hinweis auf den Holzeinsatz, langer Abgang. Eigenständiger, toller Charakterwein!

tMarkus Ruch war auf bestem Weg, eine Bank-Karriere einzuschlagen. Nach einer kaufmännischen Lehre arbeitete er noch einige Jahre im Bankwesen. Eigentlich bin ich sicher, er hätte auch dort Karriere gemacht. Aber ein Weinbaupraktikum am Strickhof in Wülflingen begeistere ihn so sehr, dass er nicht mehr vom Wein wegkam. Nach diversen Lernaufenhalten bei so renommierten Winzern und Winzerinnen wie Christian Zündel, Marie-Thères Chappaz und Hans-Ulrich Kesselring, aber auch im Burgund bei der Domain Derain, begann er 2007 in Hallau, im „Chlättgi“ (Klettgau, Schaffhausen), selbst Wein zu produzieren.

Seit der Lieferung des Jahrgangs 2009 verfolge ich das Wirken von Markus Ruch praktisch jährlich am traditionellen „Tag der offenen Weinkeller“ am 1. Mai. Allein das Hinuntersteigen in den antiken Keller in der „Zehntenscheune“ zu Hallau und der Keller selbst sind einen Besuch wert.
Sein Sortiment wurde breiter, und die Qualität nimmt von Jahr zu Jahr noch zu. Ruch arbeitet bio-dynamisch, und vielleicht deshalb sind seine Weine auch über all die Zeit eigenständig, aber ausdrucksstark und herzerwärmend geblieben.

Der einzige Wermuthstropfen: Ruch’s Weine sind nicht billig, und überhaupt welche zu erhalten, ist schwierig; sie sind immer schnell ausverkauft. Ich scheine nicht der einzige Weinfreund zu sein, der sie mag!

http://www.weinbauruch.ch/

Ein Tag auf Erden nur – aber dafür in Cahors!

Da war im Jahr 2000 ein Paar mit abgeschlossenem Studium – er Architektur, sie Kunstgeschichte – aus dem Raum Paris, das beschloss, Weinbau im Südwesten Frankreichs zu betreiben. Sie übernahmen in der Appellation Cahors, die „Domaine du port“ (das Gut liegt im „lieu dit“ le Port) und tauften sie kurzerhand um in „Clos d’un jour“.

Die „Pont valentré“, die in Cahors den Lot überspannt. Sie stammt aus dem 14. Jahrhundert!

Der namensgebende Hauptort des Gebietes, Cahors, liegt im Osten der Appellation. Die Domaine „Le clos d’un jour“ hingegen befindet sich gefühlte 50 Flusswindungen abwärts, bei Duravel, im Westen des Gebietes. (Gezählt sind es übrigens 15 Schlaufen, aber der Verlauf des Lot ist hier ganz speziell, und weil die Windungen auch auf den Strassen nachvollziehbar sind, bekommt man das Gefühl, der Fluss schlängle sich fast ewig durch die Landschaft). Die ganze Gegend hier im Südwesten Frankreichs ist überhaupt eine Augenweide, es erstaunt daher nicht, dass sich das Winzerpaar Véronique & Stéphane Azémar hier niederliess, und es würde auch nicht verwundern, wenn man für einen einzigen Tag auf Erden diese Landschaft wählen würde!

Zum heute beschriebenen Wein bin ich freilich nicht bei einem Besuch vor Ort gestossen, obwohl ich einst nur etwa 2 Km vom Gut entfernt war und darüber auch schon einen Blog-Beitrag geschrieben habe:
https://victorswein.blog/2018/04/22/das-grosse-geheimnis-aus-cahors/

Den „Un jour sur terre“ habe ich von einem Kollegen, einem Weinkenner mit speziellem Bezug zum Süden Frankreichs, als Geschenk erhalten.
Siehe zu seinen Tipps auch:
https://victorswein.blog/2018/02/16/cest-bon-ta-gueule/

Und der Wein hat es in sich:

Angesichts der ursprünglichen Studien des Winzerpaars ist es nicht überraschend, dass (auch) die Etikette kunstvoll ist.

Sehr dunkle Farbe, intensive würzige und beerige Noten, und eine unglaubliche Dichte – aber trotzdem ungemein elegant mit sehr langem Abgang.

Das Spezielle an diesem zu 100 % aus Malbec (örtlich auch Auxerrois oder Côt genannt) bestehendem Wein: Er wird nicht nur nach biologischen Grundsätzen produziert, sondern auch zum Hauptteil in 140-Liter-Tongefässen ausgebaut. Dieses Prinzip lässt den Wein sanft und langsam „schnaufen“ (ich benutze bewusst nicht das Wort „oxydieren“, weil es negativ besetzt ist), ohne ihm Holztöne mit auf den Weg zu geben. Ein absolut gelungenes „Experiment“, das freilich wohl auch deshalb einen so tollen Wein ergibt, als auch der Ertrag schon sehr früh mittels „grüner Ernte“ auf 5-6 Trauben pro Stock, entsprechend ca. 25 hl/ha, reduziert wird.

Ein spannender, und im vorliegenden Fall extrem gut gelungener Ansatz eines neuen-alten Ausbauprinzips! Ich mag diesen Wein sehr! Die „Revue du vin de France“ gibt dem 2015 er übrigens auch 16,5 – 17 Punkte.


http://www.leclosdunjour.fr/

Erhältlich in der Schweiz bei:
https://www.vogel-vins.ch/
(Keine Bezugsquelle in D/A gefunden; vielleicht sind Sie besser im „Googlen“ als ich)