Fredi Strasser’s Lebenswerk: Ein Buch als „Muss“ für wirklich alle Weinfreunde!

Wenn Sie noch ein tolles und sinnvolles Weihnachtsgeschenk für einen Weinfreund suchen: voilà! Ein Schweizer Pionier im biologischen Rebbau hat ein Buch herausgegeben, das faszinierend ist. Und es passt eben wirklich für alle. Für ökologisch eingestellte Weintrinker, weil es bestätigt und Wissen ergänzt. Aber noch viel mehr für alle anderen, weil es völlig undogmatisch eine neue Sicht auf Reben und Umwelt vermittelt – und zum Denken anregt!

Das Buch heisst „Pilz-resistente Traubensorten“ – und der Titel ist eigentlich das am wenigsten Präzise daran. Es ist zwar gemäss Verlag eines der ersten „Piwi-Bücher“ überhaupt. Aber eigentlich ist es viel, viel mehr, nämlich ein Vermächtnis eines der grossen Bio-Pioniere im Rebbau, und eine faszinierende Beschreibung, wie ein Winzer mit umweltgerechten Methoden die Reben und den Boden ohne Gift ins Gleichgewicht bringen kann.

Fredi Strasser in seinem Element: So spannend wie er erzählt, liest sich sein Buch.

Aber vor allem: Das Buch ist nie dogmatisch, Fredi Strasser schildert einfach sein enormes Wissen, das er sich als „Studierter“ (Ing. Agr. ETH) vor allem auch empirisch im Alltag angeeignet hat. Eigentlich ist es auch ein geniales Lehrbuch. Fredi Strasser schafft es zusammen mit der Mitautorin Franziska Löpfe, auf knapp 250 Seiten einen hervorragenden Überblick über die Wunderpflanze „Rebe“ und ihre Kultivierung sowie die Weinherstellung zu geben. Und ebenso wird auf sehr gut verständliche Art ein grosses Wissen über die Problematik des Rebbaus in Bezug auf Krankheiten und Schädlinge vermittelt – und die verschiedenen Arten, wie man dem als Winzer begegnen kann. Ein ganz wichtiger Teil des Buches widmet sich zudem der Bodenfruchtbarkeit und dem schonenden Umgang mit unserer Lebensgrundlage.

Ich werde nie vergessen, wie Fredi Strasser an einem Rebumgang an beliebigen Stellen eine Sonde in seinen Rebberg gesteckt hat, mit dem Hinweis, dass ein durchlässiger, lockerer und bewachsener Boden nicht nur fruchtbarer ist, sondern bei Niederschlägen auch das Wasser zurückhält und speichert. Er musste deshalb seine Neupflanzungen auch in trockenen Jahre nicht bewässern. Keine zwei Wochen später ergoss sich ein Unwetter mit kurzen, aber sehr heftigen Regenfällen über das Stammertal. Ein Augenschein ergab, dass im Rebberg von Fredi Strasser alles Wasser problemlos versickerte, während es sich ein paar Meter entfernt in einer konventionell bewirtschafteten Parzelle in Sturzbächen auf die unterliegende Strasse ergoss.

Rechts demonstriert Fredi Strasser die Durchlässigkeit seiner Böden. Hier gab es auch nach dem Umwetter keine Schwemmschäden. Links eine herkömmlich bewirtschaftete Parzelle eines anderen Winzers in der Nachbarschaft – wertvoller Boden ist weggeschwemmt.

Ein kleinerer Teil des Buchs widmet sich dem Autor und Biopionier selbst. Und diese Passagen haben es auch in sich. Hier erfährt man einiges über den inneren Antrieb des Autors, aber noch viel mehr über all die Steine und Knebel, die einem Visionär wie Fredi Strasser von der „offiziellen Schweiz“ in den Weg gelegt wurden. Ein bisschen Glück und „Vitamin B“ gehört manchmal auch dazu, wenn man die Steine wegräumen will. Fredi Strasser wurde in sehr jugendlichem Alter der erste Bio-Landwirtschaftslehrer an der Zürcher landwirtschaftlichen Schule Strickhof. Und ebenda besuchte anfangs der 1980er-Jahr ein gewisser Andrea Hämmerle, Biohof-Quereinsteiger und später Nationalrat, die Vorlesungen von Strasser. Es entwickelte sich eine Freundschaft, und dank dieser brachte Hämmerle in der Wirtschaftskommission des Nationalrates den Antrag ein, dass auch neue Rebsorten, und eben auch Piwi, in der Schweiz zugelassen werden. Gegen den Willen des damals zuständigen Bundesrates, und gegen den Widerstand von zwei Westschweizer Winzern in der Kommission („les hybrides – on ne peut pas les boire“) setzte sich Hämmerle schliesslich durch. Damit war der Weg frei, Piwi-Sorten auch in der Schweiz anzupflanzen.

Zwei Freunde veränderten die Schweizer Reblandschaft: Fredi Strasser und alt NR Andrea Hämmerle.

Zurück zum Buch: Es ist ungemein spannend und auch sehr flüssig und lesefreundlich geschrieben, ohne dabei an Substanz zu verlieren. Etwas speziell ist die Kombination aus wissenschaftlichen Erkenntnissen, welche der Ing. Agr. ETH Strasser einbringt, und empirischen Erfahrungen, welche der Naturbeobachter Strasser beisteuert. Ich habe die wichtigsten Passagen einem in Oxford forschenden Mikrobiologen vorgelegt. Er kritisiert als Wissenschaftler zu recht, dass der Unterschied zwischen etablierten Fakten, mit denen ein Abschnitt meistens beginnt, und eigenen Hypothesen nicht klar gekennzeichnet wird. Als wissenschaftliches Buch kann es deshalb nicht durchgehen, aber das war ja wohl auch nicht die Absicht. Trotzdem hält auch der Biologe das Buch als Übersicht für den Laien für durchaus gewinnbringend. Wenig begeistert ist er freilich über den Schlussteil zu Knöllchenbakterien und Mykorrhizen, aber das ist halt ausgerechnet sein eigenes Forschungsgebiet.

Auch über Zucht und Eigenschaften von Piwi-Reben erfährt man einiges, vor allem über die auf Strasser’s Betrieb angepflanzten. Und wem das jetzt immer noch nicht genügt, der sei noch darauf hingewiesen, dass auch die Tiere nicht zu kurz kommen – die gesamte Fauna im Sinne der Biodiversität mit Schädlingen und vor allem auch Nützlingen, aber auch die Haus- und Nutztiere, welche Strasser’s halten und die auch aus dem Rebberg nicht wegzudenken sind.

Pferde (und andernorts Schafe) im Rebberg – ersetzen den Mäher!

Quintessenz: Ich habe kaum je ein Weinbuch derart „verschlungen“ wie dieses. Es schafft den Spagat zwischen moderner Kommunikation und ernsthafter Wissensvermittlung in hervorragender Art. Und es ist wirklich für jeden Weinfreund geeignet:

  • Der Weinfreund, der nur wenig darüber weiss, wie Reben gepflegt werden und wie Wein entsteht, bekommt hier in geraffter Form einen sehr guten Einstieg und Überblick.
  • Der Umweltbewusste wird aus diesem Buch noch lernen können (ich selbst bewirtschafte einen kleinen Rebberg, mehrere Jahre war ich auch biologisch unterwegs, aber ich hatte beim Lesen und beim Rundgang mit Fredi Strasser unzählige „Aha-Erlebnisse“).
  • Der neugierige Weinkenner wird entdecken, dass es sich lohnt, sich mit neuen Sorten auseinanderzusetzen.
  • Vor allem aber für Skeptiker eignet sich das Buch ganz besonders: Wer es liest, und nicht völlig mit Scheuklappen durch’s Leben geht, wird im Minimum den einen oder anderen Denkanstoss erhalten.

Damit würde dann das Buch nicht nur zur Zusammenfassung des Lebenswerks des Fredi Strasser, sondern auch zur Basis für einen schonenderen Umgang mit der Umwelt werden. Was könnte sich der Bio-Pionier Schöneres wünschen?

Fredi Strasser, Franziska Loepfe: Pilzresistente Traubensorten (Reben biologisch pflegen, naturreinen Wein geniessen – das Piwi-Buch), Haupt-Verlag, Bern, ISBN 978-3-258-08187-8. CHF 39.00.
https://www.haupt.ch/buecher/natur-garten/pilzresistente-traubensorten.html


Fredi Strasser und seine Weine:
Fredi Strasser hat Jahrgang 1958 und wuchs in Nussbaumen im Kanton Thurgau als Bauernsohn auf. Strasser lebt heute mit seiner Frau Maria in Stammheim im Kanton Zürich, wo er sein eigenes Weingut betreibt. Wie er zu diesem Gut gekommen ist, kann sehr spannend erzählt im Buch nachgelesen werden.
Er studierte in Zürich an der ETH Agrarwissenschaft, war während Jahrzehnten Lehrer für Biolandbau an der landwirtschaftlichen Schule Strickhof, ist Gründungsmitglied der Stiftung Fintan, eines bio-dynamisch arbeitenden Vorzeige-Betriebes in Rheinau und war auch in der Hauptrolle bei der Neuanlage der imposanten Weinlage „Chorb“, hoch über dem Rhein. Seit rund 10 Jahren besitzt er nun bestes Rebland in Stammheim, welches er nach und nach auf Piwi-Sorten umstellte.

Und wie schmecken seine Weine? Gut! Hier zwei Beispiele:

Soleil d’Or, weiss, 2018
(Cuvée aus Excelsior und Seyval Blanc)
Helles Gelb, intensive in der Nase, florale Töne nach Lindenblüte und Rebenblüte (!), intensiver Lychee-Duft; im Mund recht dicht, spürbare Fruchtsüsse, dezente, aber gut stützende Säure, leichter, erfrischender Bitterton, mittlerer Abgang. Schöner Wein, kaum ein Hinweis auf Piwi! 16,0 Punkte (=gut bis sehr gut).

Maréchal Foch, rot, 2017
Mittleres Rot; sehr fruchtige Nase, Himbeeren und sehr ausgeprägt Walderdbeeren, etwas Kiwi; im Mund wenig Tannin, Säure und Alkohol sehr gut ausgewogen, schlank. Erst ganz am Schluss im mittleren Abgang ganz leicht „foxig“. Gelungener Wein, 15,5 Punkte (= gut).

https://www.stammerberg.ch/ueberuns/betrieb


Und schliesslich noch für alle, die immer noch glauben, „les hybrides – on ne peut pas les boire“:

„Piwi-Weine sind untrinkbar“. Umdenken ist angesagt – hier ein Spitzenwein als Beweis! – Victor’s Weinblog

91-26-26 – ein Piwi-Wein wie ein 6-er im Lotto! – Victor’s Weinblog

Trinken Sie sich mal einen Kater! Und bauen Sie dabei schmerzlos Vorurteile ab. – Victor’s Weinblog

Ungerberg 2012 von Paul Achs: Blaufränkisch vom Feinsten!

Eigentlich ist es erstaunlich, dass die wunderbare Sorte Blaufränkisch nicht viel weiter verbreitet ist. Der Vergleich mag gewagt sein, aber diese Rebsorte vereint die Eleganz eines Pinot noir mit der Tiefe eines Cabernet Sauvignon. Und wenn der Wein vom Ungerberg kommt und vom bio-dynamisch arbeitenden Winzer Paul Achs stammt, dann wird er fast unwiderstehlich!

Der Ungerberg, wobei „Berg“ eigentlich masslos übertrieben ist. Aber aufgrund der Bodenbeschaffenheit ist es eine der besten Lagen am Neusiedlersee (im Hintergrund). Foto: Download ab Homepage von Paul Achs.

Paul Achs leitet sein Weingut seit fast 30 Jahren, und er hat es in dieser Zeit geschafft, den Familienbetrieb zu einem der besten in ganz Oesterreich zu wandeln. Zweifellos spielt dabei eine wichtige Rolle, dass er seit 2006 (zertifiziert) nach bio-dynamischen Grundsätzen arbeitet. „Leben und leben lassen“ steht dazu auf seiner Homepage, und besser kann man das Prinzip in ein paar wenigen Worten wohl kaum ausdrücken.

Auf rund 25 Hektar Land rund um Gols im Burgenland produziert Paul Achs eine Vielzahl von Weinen – auch einfache Alltagsweine, wobei ich noch nie einen im Glas hatte, der nicht auf seine Art fasziniert hätte. Die allerbesten Weine für mich sind aber seine Lagen-Blaufränkisch, und hier als „primus inter pares“ der Ungerberg. Wie auf der Foto ersichtlich, handelt es sich eher um eine leicht nach Süd-Südwest geneigte, perfekte Lage mit sanfter Steigung, die mit Kalk und im Untergrund einer Eisenschicht den idealen Boden bietet.

Eigentlich kann man diesen Wein schon in der Jugend genussvoll trinken, aber er ist dann noch recht ungehobelt tanninbetont und auch ein bisschen unausgewogen stürmisch. Nun habe ich einen 8-jährigen Wein (2012) aus dem Keller geholt. Dieser befindet sich in der ersten wirklich genussvollen Trinkreife, dürfte aber in 3-4 Jahren sogar noch ausgewogener sein:

Dunkles Rubin mit violetten Tönen, noch sehr jugendlich wirkend. In der Nase dunkle Beerenfrucht, Pflaumen, Sultaninen, Thymian. Im Mund saftig, enorm viele, äusserst feine Tannine, spürbare, aber gut integrierte Säure, Alkohol trotz 13,5 % kaum spürbar, enorme Finesse und Eleganz, langer Abgang, wirkt noch jugendlich und hat Potential für die nächsten Jahre. Klassewein!

Ich habe Paul Achs nun schon an mehreren Anlässen persönlich angetroffen. Was auffällt: Er ist eher zurückhaltend, bescheiden, aber wenn man mit ihm spricht ist er enorm präsent und überzeugend. Und fast immer hat er dieses sympathische, positive Lachen auf dem Gesicht. Es gibt auf seiner Homepage diverse Bilder von ihm zum Herunterladen, aber dieses hier scheint mir Paul Achs am besten zu zeigen:

Paul Achs: Dieses ansteckende, fröhliche und offene Lachen! (Foto Roland Unger, Download ab Homepage von Paul Achs.

http://www.paul-achs.com

Bezugsquellen jüngerer Weine:
http://www.gerstl.ch
http://www.ritter-weine.li
Weitere Bezugsquellen, insbesondere auch in Deutschland, siehe auf der Homepage von Paul Achs


Griechischer Wein – das rockt!

Mit Divo und Gerstl haben jüngst gleich zwei Weinhandlungen griechischen Wein ins Sortiment aufgenommen. Verkostungen zeigen, dass aus diesem Land mit uralter Weinbautradition tolle, teils sogar grossartige Weine importiert werden die „rocken“ – weit ab vom billigen Schlager-Gesöff, wie es der älteren Generation wohl noch in Erinnerung oder zumindest in den Ohren ist.

Santorini – allein der Name lässt in den Sommerferien träumen, auch wenn die pittoreske Insel umständehalber gerade weit weg zu liegen scheint. Auf der mit rund 80 km2 vergleichsweise kleinen Ferieninsel stehen immerhin rund 1’200 Hektar Reben, das entspricht ziemlich genau der Rebfläche des Tessins.

Gerstl hat mit Weinen der Estate Argyros aus Santorini erstmals Gewächse aus Griechenland angeboten. Dieses biologisch arbeitende, mehr als 100-jährige Familiengut verfügt über rund 10 % der Rebfläche der Insel, mit Schwergewicht auf Weissweinen (und Süssweinen) – rote Gewächse spielen eine untergeordnete Rolle. Die Weine überzeugen bzw. begeistern teilweise sogar, und man fragt sich eher, warum Schweizer Weinhändler nicht schon länger auf Griechenland setzten:

Estate Argyris, Cuvée Monsignori 2018 (weiss)
100 % Assyrtiko, Biowein
Dieser Weisswein soll von über 200 Jahre alten und damit logischerweise wurzelechten Reben stammen. Wenn man ihn trinkt, kann man das glauben: Zurückhaltende Nase mit Zitrusaromen und Anflügen von Hefe; im Mund enorme Mineralität und Frische, herrliche Extrakt“süsse“, die einen schönen Schmelz ergibt, wirkt enorm dicht und filigran gleichzeitig, fast nicht endender Abgang. Ein grossartiger, begeisternder Wein mit Alterungspotential. Blind hätte ich wohl auf einen der besten Grand Crus aus Chablis getippt. (CHF 36.00).

Estate Argyris, Assyrtiko Santorini, 2019 (weiss)
100 % Assyrtiko, Biowein, laut Etikette aus über 100-jährigen, wurzelechten Reben
Helles Gelb, verhaltene, leicht salzig wirkende Nase, Anflug von Mandarine und Nelken; im Mund ebenfalls mineralisch und enorm frisch, leichte Bitternote, Alkohol trotz 14 % kaum spürbar, toller Wein.
Dieser Wein so etwas wie die kleinere, schlankere und weniger intensive Ausgabe der Cuvée Monsignori, aber damit tut man ihm eigentlich Unrecht.  (CHF 26.00).

Estate Argyris, Atlantis white 2019 (weiss)
90 % Assyrtiko, 10 % Athiri und Aidani, Biowein
Helles Gelb, fruchtig, nach Bergamotte, Zitrone und Apfel duftend; im Mund überaus erfrischend, mineralisch, ausgewogen, erstaunlich langer Abgang. Ein gehobener Ferienwein, ohne hohe Ansprüche, aber frisch, süffig und erfreulich. (CHF 16.00)

 

gerstl-griechenland
Drei der von Gerstl angebotenen Weine aus Santorini. In der Mitte die geniale Cuvée Monsignori.

Bei Divo ist seit dem Eintritt den Rebforschers und Buchautors José Vouillamoz
(vgl. hier: https://victorswein.blog/2018/09/04/schweizer-weinbuch-des-jahres-schweizer-rebsorten-von-jose-vouillamoz/
ins Unternehmen in Bezug auf unbekannte Weine frischer Wind eingezogen. Freilich war ich in der Vergangenheit nicht immer überzeugt von seinen Selektionen. Als er noch als freier Berater für Coop arbeitete habe ich beispielsweise von ihm vorgeschlagene Naturweine aus dem Kaukausus gekauft – und ausser dem Umstand, mit einem georgischen Wein so etwas wie den „Urwein“ im Glas gehabt zu haben, blieb nur Frust, denn ich haben den teuren Wein als interessant aber untrinkbar weggekippt. Nun arbeitet Vouillamoz also für Divo und bot ein Probierpaket aus Griechenland an. Begonnen hat meine Probe schlecht, dem ersten Wein erging es nicht anders als jenem aus Georgien. Dann allerdings stellte sich die Vouillamoz-Selektion auch als äusserst spannend und qualitativ überzeugend heraus:

Divo-Griechenland
Und zwei der Divo-Weine. Auf dem Bild fehlt der Chiririotiko 2016 – da war ich leider zu schnell beim Altglasentsorgen.

Monemvasia Vinery, Peleponnes, Laconia IGP, 2009 (rot)
50 % Mavroudi, 50 % Agiorgitiko
Mittleres Rot ohne Alterstöne; fruchtig-würzig, fast ein wenig an Pinot erinnernd, Himbeeren, Johannisbeeren, Waldpilze, Anflug von  Gewürznelken, dezenter Holzton; im Mund erstaunlich jugendlich, feine, prägnante Tannine, elegant und ausgewogen, feiner Wein! (CHF 20.00).

Methymnaeos Wines, Lesbos, Chidiriotiko 2016 (rot)
100 % Chidiriotiko, Biowein
Helles, ins Ocker tendierendes Rot; verhalten, Duft von Veilchen und Himbeeren; spürbare, leicht trocknende Tannine, schöne Säure, entwickelt sich im langen Abgang sehr intensiv. Spannender Wein, weit ab der Norm; eine Entdeckung wert. (CHF 21.00).

divo-best-of-balcansMonemvasia Vinery, Peleponnes, Tsimbido 2018 (weiss)
100 % Kydonitsa
Sehr helles, glänzendes Strohgelb; Flieder, Orange, Quitte; wirkt im Mund erstaunlich tanninhaltig, schöne, stützende Säure, erstaunlich dicht und langer Abgang. Vor allem auch angesichts des Preises (rund CHF 16.00) toller Wein!
Griechenland hat eine uralte Weinbautradition, der weltweit zweitälteste bekannte Fund, der auf die Verarbeitung von Trauben zu Wein schliessen lässt, soll in der Nähe von Philippi liegen. Lange Zeit stagnierte aber der Weinbau, und erst mit dem Ende der Militärdiktatur 1974 begann ein qualitativer Aufschwung (Quelle Wikipedia). Zumindest wer die hier erwähnten Weine probiert hat, wird sich in Zukunft sicher mehr mit griechischen Wein beschäftigen wollen, das rockt. Und gute Weine könnten ja auch zu einem Schlager werden!

https://www.gerstl.ch/de/sortiment/italien-griechenland/griechenland-rubric-5616.html
(Vor allem die absoluten Spitzenweine sind schon ausverkauft, u.a. der beschriebene „Monsignori“)
https://estateargyros.com/

http://divo.ch/de/weinauswahl?f%5B0%5D=provenance%3A26199
http://www.malvasiawines.gr/default.aspx
https://www.methymnaeos.com/

 

 

 

 

Roches d’Aric: reinste biologische Medizin!

Ein Arzt und ein Zahnarzt präsentieren einen Wein wie Samt und Seide

Was passiert, wenn der Dorfarzt und ein Zahnarzt einen eigenen Wein machen? Meistens würde das wohl wie Medizin schmecken; bittere, wohlverstanden. Im Roches d’Aric hingegen könnte höchstens der dezente Thymianduft auf einen Hustensirup hinweisen. Aber weit gefehlt, der Wein ist wundervoll, reinste Medizin – vor allem für die Seele!

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Samt und Seide aus Stein von den bio-dynamischen Medizinmännern: Roches d’Aric (Bild vl)

Die Assemblage aus Carignan, Grenache, Syrah und Mourvèdre des Jahrgangs 2011 war freilich in der Jugend ziemlich wild und fast ein bisschen unnahbar, wobei ich persönlich solche Weine auch in dieser Phase liebe. Nun aber, im Alter von 7 Jahren, wirkt er sanft wie Samt und Seide. Dabei sind aber noch keine der klassischen Alterstöne zu spüren, im Gegenteil, in Nase und Mund sind dunkle Früchte, kombiniert mit Gewürznoten, vorherrschend. Einfach ein toller, sinnlicher Wein!

Leider lässt sich im Internet nicht viel mehr recherchieren als der Leser mit zwei Klicks selber entdecken kann (siehe unten). Hier immerhin soviel:

Seit 2002 arbeitet das Gut des Arztes Jean und des Zahnarztes Paul Lignères mit dem italienischen (!) Weinberater Stefan Chioccoli zusammen, und seit dem gleichen Jahr wird das Gut biologisch bewirtschaftet. Inzwischen arbeitet die Domaine sogar bio-dynamisch. Vor zwei Jahren wurde die Domaine Lignères von Delinat gar als „Biodiversitätswinzer des Jahres“ ausgezeichnet, ein Prädikat, das ohne sehr ernsthafte Bemühungen für die natürliche Umgebung als Ganzes nicht zu erhalten ist. Mediziner wissen wohl einfach, was für die Menschen gut ist: Samt und Seide, natürlich verpackt!

http://www.familleligneres.com/index.html

https://www.delinat.com/ligneres.html

 

C’est bon. Ta gueule!

Château d’or et de gueules – das Wortspiel im Titel drängt sich halt auf. Aber den Mund

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halten kann ich hier nicht. Und der Name des Châteaus hat auch einen ganz anderen Ursprung. Das Familienwappen der Besitzer Puymorin besteht aus den Farben gold und rot. Und rot heisst offenbar in der französischen Heraldik „gueules“.

Aber der Reihe nach: Diesen Tipp verdanke ich einem weinbegeisterten Kollegen mit Ferienwohnsitz in Südfrankreich (er kennt ja so viele tolle Adressen in Südfrankreich – nur, dass auch Pinot aus unseren Breitegraden gut ist, muss er noch lernen!).

Er führte uns vor vier Jahren zu diesem Weingut, und ich gebe zu, dass ich mit jedem Kilometer, den wir uns von Avignon nach Süden entfernten, mehr zweifelte, ob das eine gute Erfahrung werden würde. Wir kamen schliesslich an, direkt am Rand der Camargue, und in dieser Gegend hatte ich vor allem Erinnerungen an eigenartigen „vin de sable“, ein gris de gris der sehr einfachen Art.

Die Vorurteile vergingen mir beim Degustieren. Während die Basisweine sauber und ehrlich waren, überzeugten die Spitzenweine allesamt. Das begann schon mit dem weissen „Tresagum“, einer Assemblage mit Roussanne und Grenache blanc aus dem Holzfass: gehaltvoll, fruchtig, kräftig, vielleicht etwas gar alkoholreich, aber eindrücklich und weit weg von einem Durchschnittswein. Und dann erst recht die Roten: ein reinsortiger Carignan, ein wuchtiger, hauptsächlich aus Mourvèdre vinifizierter „Super-Bandol“, nicht von ungefähr „La Bolida“ genannt.

Und der Castel Noù! Castel Noù? Die feine Anspielung auf Châteauneuf-du-Pape ist unverkennbar, und sie wird zu recht verwendet. Der hauptsächlich aus Grenache gekelterte Wein erinnert sehr wohl an einen Châteauneuf. Man muss sich nun nicht gleich den besten Grenache der Welt, Château Rayas, als Vergleich vorstellen. Dazu fehlt es dem Castel Noù dann doch an Finesse. Aber mit einem durchschnittlichen Châteauneuf (und der Durchschnitt ist inzwischen ziemlich hoch) kann er sich sehr wohl messen. Bringt man noch den Preis ins Spiel – 18.50 Euro – dass wird er zum südfranzösischen Preis-/Leistungssieger.

Eben getrunken Jahrgang 2010: dunkles, noch sehr präsentes Purpur, in der Nase Zwetschgen und Kirschen, im Mund feine Tannine, erstaunliche Säure, enorme Kraft und Fülle, lang. Einzige Kritik: Der hohe Alkoholgehalt nimmt dem Wein etwas an Finesse.

Wenn der Wein aus Châteauneuf stammen würde, hätte er vermutlich keine Aufnahme in meinen Blog bekommen. Aber dass man in einer für Spitzenwein unbekannten Gegend (AOC Costières de Nîmes) einen so hochklassigen Wein herstellen kann, verdient höchste Anerkennung.

Und zum Schluss, es wird fast zum „runnnig gag“: Vor ein paar Wochen bekam ich einen Werbeaussand des Gutes, und was lese ich da? „Le choix de l’agriculture biologique reflète notre engagement à préserver notre terroir“.

Dem ist eigentlich nichts beizufügen.

Ausser: Biologisch bewirtschaftete Reben bringen in der Regel tiefere Alkoholgehalte. Das würde dann bedeuten, dass mein einziger Kritikpunkt, der spürbar hohe Alkoholgehalt, künftig tiefer liegen wird. Man braucht nun nicht gerade an Château Rayas zu denken, aber ….

http://www.chateau-or-et-gueules.com