Trinken Sie sich mal einen Kater! Und bauen Sie dabei schmerzlos Vorurteile ab.

Vielleicht braucht es ja Mut, auf einer Weinflasche einen Kater abzubilden? Wenn der Inhalt aber zu keinem „Kater“ führt, sondern sehr gefällt und von höchstem önologischem und ökologischem Interesse, und wenn die Herleitung der Etikette sehr logisch ist, dann gefällt doch eine Katze auf der Weinflasche! Vor allem mir.

In unserer Familie besteht zu Katzen eine Liebesbeziehung. Während 15 bzw. 16 Jahren waren zwei „Büsis“ bei uns absolute Familienmitglieder, und deshalb ist jede Abbildung von Katzen für uns mit wunderschönen Erinnerungen verbunden. Deshalb konnte ich auf einer kürzlichen Reise durch den Schweizer Jura auch nicht widerstehen, Wein mit einer Katze auf dem Etikett zu kaufen. Freilich ist das jetzt nur die halbe Wahrheit, denn ich wusste, wer die Flaschen produziert hat, und ich hatte schon lange geplant, diese Weine endlich einmal zu probieren.

Gibt es etwas Vollkommeneres als eine Katze?

Hand auf’s Herz? Wann hatten Sie letztmals einen richtigen „Kater“? Aber ist es eigentlich nicht eine Frechheit, einen wenig beglückenden Zustand nach einer männlichen Katze zu benennen?

Alles andere als das ist es aber, Weine so zu bezeichnen. Auflösung am Schluss des Artikels!

Der rote „Kater“ (2017)
Mittleres, strahlendes Purpur; enormes Bouquet von roten Früchten (Himbeer, Erdbeer, rote Johannisbeere), Anflug vor Würze (v.a. Thymian), ganz leichter Holzton; im Mund eher filigran aber doch druckvoll, schöne Säure, spürbares Glycerin, das den Wein wunderbar fliessen lässt, enorme Frische. Schöner, noch jugendlicher, sehr spannender Wein!

Der weisse „Kater“ (2019)
Mittleres Gelb; Holunderblüten, Anflug von Aprikosen und einem klein wenig Rauch, ausgeprägter Duft nach Jostabeeren (Kreuzung aus schwarzen Johannisbeeren und Stachelbeeren = nach Cassis duftend); im Mund sehr dicht und rund fliessend, schöne Säure, dank der die leichte Restsüsse gut ausbalanciert ist und schön wirkt, langer Abgang. Schöner, ausdrucksvoller Wein!

Zwei tolle Weine, und sie stammen – aus dem Schweizer Kanton Jura! Natürlich denkt man dabei wohl eher an Pferde, Felsen, Wälder und saftige Wiesen. Dieser Weinberg wurde denn auch erst 2008/2009 bepflanzt. Die ersten Reben im Jura wurden allerdings schon anfangs der 1990er-Jahre bestockt, und das war damals sogar Vinum einen Artikel wert, so ausgefallen schien damals die Idee.

Aber das Dorf Courfaivre, gleich neben dem Hauptort Délémont, liegt nur rund 460 m über Meer. Es ist also nicht einzusehen, warum hier nicht gute Weine wachsen sollen, zumal, wenn sie aus einer idealen Südlage stammen. Angebaut und vinifiziert werden sie von Silvia Blattner von der Domaine Blattner in Soyhiéres, nur ein paar Kilometer von Courfaivre entfernt im Tal der Birs.

Blattner? Da war doch was? Genau, Silvia und Valentin Blattner gehören zu den weltweit führenden Rebzüchtern – wenn es um Piwi-Reben geht. Das Klima im Jura ist rauh, und wenn eine Rebe hier ohne Pilzbefall überlebt, wird sie es fast überall tun. Ein sehr grosser Anteil der heute qualitativ und quantitativ führenden Piwi-Sorten ist hier entstanden.

Es verwundert deshalb nicht, dass es sich auch bei den eingangs beschriebenen Weinen um solche aus Piwi-Sorten handelt. Der Rote besteht aus Cabernet Jura und hatte etwas Barrique-Kontakt, der Weisse ist eine Assemblage aus Ravel (oder Sauvignon Soyhières) und Sauvignac.
(Zu einem reinsortigen Sauvignon Soyhières siehe hier:
https://victorswein.blog/tag/sauvignon-soyhieres/)

Beide Weine, da bin ich überzeugt, würden in einer Blinddegustation nur von ganz wenigen Weinfreunden als Piwi erkannt. Silvia Blattner versteht es ganz offensichtlich, die Weine so zu keltern, dass fast keine der typischen „Piwi-Aromen“ zum Vorschein kommen. Eigentlich ist das ja nicht erstaunlich, sie war ja auch hautnah dabei, als die Sorten durch Valentin Blattner und sie entwickelt wurden! Es gibt meiner Meinung nach nur einen kleinen Anhaltspunkt, der auf Piwi hinweist: Der Weisswein verfügt über eine ausgeprägte Cassis-Note, was ich bei herkömmlichen Weissen nur sehr selten und in dieser Intensität nie festgestellt habe. Und der Rote? Da muss jemand sehr empfindsam oder erfahren sein, wenn er hier auf Piwi tippt!

Zusammengefasst: Zwei tolle Weine, die auch höheren (wenn auch nicht höchsten) Ansprüchen genügen und die mithelfen, Vorurteile gegen Piwi-Sorten abzubauen. Da gibt es ganz offensichtlich ganz viel Potential. Und der vergleichsweise geringe Alkoholgehalt hat ohnehin Zukunft!

Den Kater im Wappen

Das Wappen von Courfaivre

Und zum Schluss: Wir haben beide Flaschen noch am gleichen Abend ausgetrunken, und von „Kater“ war keine Spur. Das Sujet auf der Flasche und der Name haben einen ganz anderen Ursprung: Das Wappen der Ortschaft (und früheren Gemeinde) Courfaivre ziert eine Katze bzw. ein Kater. Die Einwohner des Ortes werden deshalb „les Mergats“ genannt, ein Patois-Ausdruck für Matou, Kater. Silvia Blattner hat daraus die Bezeichnung der tollen Weinlinie abgeleitet!

Die beiden Weine sind die beste Gelegenheit, Vorurteile gegenüber Piwi-Sorten abzubauen!

Links der rote Cabernet-Jura, und rechts der weisse Ravel Blanc / Sauvignac, Züchtungen von Blattners aus dem Schweizer Jura.

http://www.lesmergats.ch

Und hier noch ein Interview mit Valentin Blattner zur Piwi-Zucht:
https://blog.bio-suisse.ch/2019/09/was-wir-machen-ist-wissenschaft.html

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