Petite Arvine – made in Ticino in barrels.

Petite Arvine aus dem Tessin? Wo sich die Sorte doch standhaft weigert, ausserhalb des Wallis und des Aostatals gut zu gedeihen – was selbst der grosse Angelo Gaja erfahren musste. Nun, der Wein, den ich heute vorstelle, stammt auch aus dem Wallis, wurde aber im Tessin vinifiziert. Und er ist sehr gut, wie fast alle erhältlichen Weine aus dieser Sorte!

Das Angebot in einem Laden in Ascona, welcher aussschliesslich regionale Produkte vertreibt (siehe ganz unten), war zu verlockend, um genauer hinzusehen: Eine Petite Arvine eines Tessiner Produzenten! Und dann war der Wein auch noch ausgesprochen gut!

Kein Olivenöl, sondern gelb funkelnder Wein von grosser Klasse.

Erst die Recherche hat dann gezeigt, dass die Trauben nicht im Tessin, sondern im Wallis gewachsen sind. Sie wurden im Herkunftskanton der Petite Arvine selektioniert und über den Simplon nach Ascona gebracht, wo sie in den Kellern der Chiodi SA in Ascona vinifiziert wurden. Es handelt sich aber nicht nur um ein alpenübergreifendes Weinabenteuer, sondern auch um ein Gemeinschaftsprojekt von Andrea Arnaboldi und Davide Ghidossi (Gault&Millau-Rooky des Jahres 2020). Arnaboldi steht für die Familiengeschichte der Kellerei Chiodi, welche allerdings durch den Verkauf der Mehrheit der Aktien an die Cantina Ghidossi, mit der schon länger eine Parnterschaft bestand, vor ein paar Jahren ein teilweises Ende fand. Augenscheinlich harmonieren aber Arnaboldi und Ghidossi hervorragend, denn der gemeinsame Wein ist äusserst gelungen. Der Prima goccia zeigt auch, dass die Petite Arvine durchaus einem Holzeinsatz nicht abgeneigt ist, der Wein wurde sowohl im Holz vergoren als auch ausgebaut, zeigt aber trotzdem eine tolle Frucht und eine schöne Ausgewogenheit!

Prima Goccia, Indicazione Geografica Tipica Svizzera IGT 2021
Mittleres Goldgelb; Duft nach Aprikosen und Mirabellen, auch florale Töne, etwas Honig; im Mund knackige, aber schöne Säure, sehr dichter Körper, fruchtbetont mit spürbarer, aber gut eingebundener Holznote, minimer, schöner Bittertouch, etwas feines Tannin. Dichter und sehr frisch wirkender, anspruchsvoller Wein. Aufgrund des Holzeinsatzes etwas atypisch, aber sehr gelungen. 16,5 – 17 Punkte.

Nachfolgend nun noch etwas mehr zur Petite Arvineim Wallis
(Der Text basiert teilweise auf einer französischen Fassung von „Swiss Wine Valais“)

Die Petite Arvine ist für den Walliser Weinbau ein absoluter Glücksfall. Während die als traditionell angesehenen Weine wie der Fendant oder der Dole aufgrund früherer Versäumnisse – zu Unrecht – immer noch mit einem Imageproblem kämpfen, werden Weine aus der Petite Arvine – zu Recht – als hochklassig wahrgenommen. Auch wenn die produzierte Menge relativ klein ist, wird die Petite Arvine somit zu einer eigentlichen Botschafterin für das Wallis.

Eine Sorte für jeden Weinstil

Meistens wird die Petite Arvine zwar trocken ausgebaut. Sie kann aber auch sehr gut mit einer feinherben Restsüsse versehen werden, und sie bringt auch hervorragende Süssweine hervor. Nur wenige, ausnahmslos grosse Rebsorten sind auch so vielfältig, etwa der Riesling oder die Chenin blanc. Allein das ist schon ein Zeichen für die Qualität der Petite Arvine.

Trocken und klassisch: Gehaltvoll, frisch und fruchtig

Die Mehrheit der Weine wird trocken ausgebaut. Typisch sind dann Düfte von Zitrusfrüchten und Glyzinien, manchmal auch dezente Anflüge von exotischen Früchten. Im Mund ist ein guter trockener Petite Arvine fast immer mineralisch-frisch, körperbetont dicht, elegant, mit einem langen, «feurigen», oft leicht «salzigen» Abgang.

Kulinarisch ist ein trockener Petite Arvine extrem breit einsetzbar: Der Alpenwein versteht sich sehr gut mit Meeresfischen und -früchten, aber auch zu Spargel und zu weissem Fleisch passt er sehr gut. Eigentlich kann man kulinarisch mit einem Petite Arvine fast nichts falsch machen.

Die feinherbe Art: süffig und rund

Ein Petite Arvine, der mit etwas Restsüsse ausgebaut wird, kann – stilistisch – ohne Weiteres mit einem feinherben Riesling verglichen werden. Häufig kombiniert sich in diesen Weinen – nebst schon beim trockenen Pendant vorhandenen Düften und Aromen – an Rhabarber erinnernde Säure mit leicht «konfitüriger» Süsse. Einen besseren Begleiter zu einem Curry oder anderen asiatischen Gerichten kann man sich kaum vorstellen. Aber auch zu crèmigen Gerichten (z.B. Huhn an Rahmsauce) passt das wunderbar.

«Flétri» – Süsswein der Extraklasse

Als absolute Rarität gibt es auch einen Süsswein aus der Petite Arvine. «Flétri» heisst im Wallis das Zauberwort (auch für andere Traubensorten). Dabei werden die Trauben am Stock lange hängengelassen und dabei eingetrocknet – wie Rosinen. Solche Weine entwickeln exotische Aromen, etwa von Ananas, Mango und Passionsfrucht. Die nicht vergorene Süsse wird immer getragen von einer erfrischenden Säure.

Grandiose Reblandschaft im Wallis, wo sich die Petite Arvine wohl fühlt – Symbolbild, hier bei Chamoson.

Eine Rarität – und trotzdem bezahlbar

Die mit Petite Arvine bepflanzte Rebfläche hat in den letzten Jahren stetig etwas zugenommen, gesamthaft sind im Wallis aber immer noch «nur» rund 170 Hektar bepflanzt. Diese Fläche entspricht umgerechnet 23 Fussballfeldern (oder einer Fläche von rund 1,7 x 1,0 Km – man würde die Fläche, wäre sie zusammenhängend, also locker in weniger als einer Stunde zu Fuss umrunden).

So einfach wie bei einem Fussballfeld ist es aber freilich nicht: Praktisch alle Lagen befinden sich in teils schwindelerregenden Steillagen. Obwohl sie rar ist und die Pflege viel Aufwand bringt, sind die Weine zwar nicht billig, aber noch bezahlbar – angesichts der Qualität im internationalen Vergleich eigentich sogar günstig.

Eine nahbare Diva, die bloss weiss, was sie braucht

Auf jedem Fussballplatz fühlt sich die Petite Arvine aber nicht zuhause. Sie will eine gewisse Menge an Wasser, sonst neigt sie zu übertriebener Bitterkeit, und überdüngte Parzellen verabscheut sie, dann bringt sie nichtssagenden Wein. Die Lage muss zudem relativ windgeschützt sein (was im Wallis aufgrund der inneralpinen Winde nicht ganz einfach ist), sonst wird sie anfällig. Und zu allem ist sie spätreifend, was aber in Zeiten der Klimaerwärmung eher einen zusätzlichen Vorteil darstellt. Alle Winzer, welche die Bedürfnisse der Petite Arvine berücksichtigen und ihr das richtige Umfeld bieten, werden indessen mit wundervollem Traubenmaterial beschenkt.

Eine waschechte Walliserin trotz bei Angelo Gaja

So ganz sicher ist das mit der Ur-Walliserin zwar nicht, denn die Petite Arvine gilt auch im Zeitalter der DNA-Analysen als Waisenkind. Beide Eltern sind unbekannt. Urkundlich erwiesen ist hingegen, dass sie seit dem Jahr 1602 im Wallis heimisch ist. Und nach mehr als 400 Jahren darf man ja sicher von einer waschechten Einheimischen reden! Sie wurde übrigens früher nur Arvine genannt, der Zusatz «Petite» wird erst seit etwa 100 Jahren verwendet, um sie von der Grosse Arvine zu unterscheiden. Lustigerweise ist die «Grosse» in Tat und Wahrheit aber die Kleine, denn mit hoher Wahrscheinlichkeit ist die Petite Arvine ihre Grossmutter. Da aber bei Traubensorten «klein» eigentlich immer besser als «gross» ist, spielt die Grosse Arvine heute kaum mehr eine Rolle. Man könnte – und darf auch – wieder auf Arvine zurückwechseln.

Die Petite Arvine kann übrigens auch eine ziemlich trotzige Walliserin sein. Zwar wird sie inzwischen in der Schweiz auch in anderen Kantonen auf kleinen Flächen angebaut und auch im benachbarten Aostatal gedeiht sie gut. Aber weiter weg von Zuhause scheint sie an Heimweh zu leiden. Selbst der grosse Angelo Gaja, der von der Petite Arvine so begeistert war, dass er sie im Piemont pflanzte, musste wieder aufgeben, da sie sich trotzig gegen die Verpflanzung zur Wehr setzte. Die Petite Arvine ist halt so etwas wie eine Königin: Die Traubenkönigin des Wallis und damit der Alpen! Aber einen Versuch im Tessin wäre sie sicher wert!

Ohne Zweifel ein Wein der Zukunft

400 Jahre alt und kein bisschen müde! Im Gegenteil, der Petite Arvine gehört zu Zukunft! Es ist ohne Übertreibung eine der qualitativ grossartigen Rebsorten der Welt. Und à propos Welt: Noch hat diese die Petite Arvine nicht so richtig entdeckt. Aber die Schweizer Alpenkönigin hat alle Anlagen zu einer internationalen Karriere als Schweizer Weinbotschafterin. Nobel, edel, divenhaft. Aber zum Trinken so richtig zugänglich und unvergleichlich gut!


Interessennachweis:
Der beschriebene Wein wurde im Handel gekauft – bei „Genuinity Prodotti del Ticino“, Via Buonamano 2, Ascona – ein tolles Geschäft mit einheimischen Produkten – wenn sie nicht gerade ursprünglich aus dem Wallis stammen 🙂

Cantina Barbengo: Grossartige Weissweine aus dem Tessin!

Was die Cantina Barbengo an Weissweinen zu vernünftigen Preisen auf dem Markt bringt, ist ganz einfach sensationell! Klare Handschrift, total sortentypisch – Freude pur!

Eigentlich hatte ich „nur“ vor, den neuen Piwi-Wein „INK“ der Cantina Barbengo zu bestellen, um ihn beurteilen zu können – und der war vorzüglich, vgl. hier:
https://victorswein.blog/2020/04/18/91-26-26-ein-piwi-wein-wie-ein-6-er-im-lotto/

Aber ein Weinfreund tut sich ja immer schwer damit, beim Bestellen Zurückhaltung zu üben. Und weil ich die Weissen des Gutes nicht kannte, habe ich je eine Flasche dazubestellt. Eigentlich hatte ich nicht die Absicht, einen Blogbeitrag daraus zu machen, und deshalb habe ich von den ersten beiden geöffneten Flaschen auch keine Degustationsnotiz erstellt. Ich habe sie einfach nur sehr gerne getrunken! Nach dem Genuss aller vier Weine war für mich aber klar, dass das einen Beitrag geben muss – die sind einfach zu gut!

Nicht nur die Etiketten haben eine klare Handschrift. Auch, und vor allem, der Inhalt zeigt, dass die Cantina Barbengo unglaublich gute Weisse herstellt!

Das Tessin war ja nicht gerade als Weisswein-Paradies bekannt. Allerdings haben gerade führende Weingüter schon länger auch versucht, in dieser Hinsicht aufzuholen, und es gibt inzwischen einige sehr bemerkenswerte Gewächse (schon fast ein Klasssiker ist zum Beispiel der Chardonnay „Velabona“ von Zündel, um, etwas unfair, einfach einen Wein dazu zu nennen).

Das Gesamtsortiment der Cantina Barbengo von Anna Barbara von der Crone und Paolo Visini toppt aber nach meiner Meinung nun alles was ich kenne: Ein so ausgewogenes, hochklassiges „Weinpaket“ zu Preisen, die noch bezahlbar sind (zwischen Fr. 21.00 und 24.00) muss man weit suchen.

Klare Handschrift, enorme Sortentypizität: Weissweinland Tessin?!

Was vor allem auffällt ist, dass die Weine zwar mit einer klaren Handschrift der Cantina daherkommen: Es dominiert die Finesse, Opulenz gibt es in keinem der Weine, vielmehr wirken alle, so dicht und kräftig sie teils auch daherkommen, als trinke man reines Quellwasser (und das ist jetzt nur als Kompliment gemeint, die Weine sind keinesfalls dünn wie Wasser, im Gegenteil, aber sie haben alle eine Frische, die unwillkürlich an Wasser direkt ab Bergquelle denken lässt).

Und trotzdem gelingt der Cantina Barbengo sozusagen die „Quadratur des Kreises“. Trotz klarer Handschrift der Winzerin bzw. des Winzers habe ich selten ein Sortiment degustiert, das so sehr die Sorte in ihrer Eigenart leben lässt. Alle vier Weine könnten ohne Weiteres in einer „Sortendegustation“ als sehr typisches Beispiel für ihre jeweilige Rebsorte dienen.

Kerner 2019:
Ausgeprägte Fruchtigkeit und Frische, knackige Säure, schöne Struktur. Der Wein wird aufgrund seiner knochentrockenen Art und der spürbaren Säure vermutlich nicht jedermann gefallen; für mich ist es ein Prototyp eines hervorragenden Kerner, vielleicht der beste, den ich je im Glas hatte!

Matto 2019 (Sauvignon blanc)
„Matto regiert“, kommt einem da unwillkürlich positiv in den Sinn: Typische grüne Sauvignon-Aromen, ohne den geringsten exotischen Einschlag, klar, direkt, aber auch dicht und kraftvoll: ein Wurf!

Meridio 2018 (Chardonnay)
Ein Chardonnay wie aus dem Bilderbuch, irgendwo zwischen Côte d’Or und Chablis, mit enormer Frische, aber auch mit Struktur und Länge! Zu diesem Preis kenne ich keinen besseren Chardonnay! (Ich ganz persönlich würde mir einzig eine um Nuancen zurückhaltendere Toastung des Holzes wünschen, aber vermutlich wirkt das in zwei bis drei Jahren ohnehin ganz anders, und das ist nur mein persönlicher Geschmack, die Toastung ist nicht übertrieben). Eigentlich nur logisch, dass dieser Wein 91 Parker-Punkte erhalten hat!

Viognier 2018
Dass es möglich ist, in der Schweiz einen Viognier dieser Qualität herzustellen, hätte ich nicht geglaubt. Das ist Rhonetal pur, die klassischen Düfte (Aprikosen etc.) in der Nase, die gleiche Dichte bei gleichzeitiger Frische und Säure, und alles abgerundet mit einem sehr zurückhaltenden, genialen Touch an Restsüsse. Diesen Wein würde kein Kenner degustieren, ohne ihn als Rhonewein zu deklarieren. Grosse Klasse!

Die „Bordeaux-Weine“ der Cantina kannte ich seit Langem, und die habe ich immer hoch geschätzt. Die Weissen habe ich eben erst kennengelernt – das könnte so etwas wie eine neue Weinliebe werden!

http://www.cantinabarbengo.ch/

91-26-26 – ein Piwi-Wein wie ein 6-er im Lotto!

Schon mein letzter Beitrag handelte von einem Piwi-Wein, und die erfreulich vielen Reaktionen zeigten, wie kontrovers bzw. klar befürwortend oder aber ablehnend solche Weine immer noch beurteilt werden. Wer nun aber das Glück hat, den INK der Cantina Barbengo ins Glas zu bekommen, der muss ganz einfach an die Zukunft der besten Piwis glauben, das ist extrem gut!

Die Cantina Barbengo von Anna Barbara von der Crone und Paolo Visini glänzt seit Jahren durch das Sammeln von Parker-Punkten über der 90er-Grenze und durch den Eingang in die Mémoire des Vins Suisses (mit dem hauptsächlich aus Merlot gekelterten „Balin“). Nun hat die Cantina neu auch einen Piwi-Wein auf dem Markt gebracht, und was für einen: den INK 2018 aus der Sorte 91-26-26. Ein Monument auf dem Weg zum Durchbruch von Piwi-Weinen. Eine Sorte mit 6 Zahlen – wie ein 6-er im Lotto!

Stellt nicht nur andere Piwi in den Schatten: Der neue INK aus dem Tessin!

Ich habe den Wein geöffnet und glaubte aufgrund der Wahrnehmung in der Nase, einen Whisky im Glas zu haben. Gleichzeitig war die dunkle, dichte, fast tintige Farbe gewöhnungsbedüftig. Aber spannend erschien der INK 2018 sofort. Aufgrund der Wahrnehmungen habe ich ihn dekantiert, und tatsächlich stellte sich sehr schnell eine Veränderung ein. Eine Entwicklung freilich, die über Tage anhielt:

Tag 1: Kräftiges, dichtes, fast undurchdringliches Dunkelviolett; direkt nach dem Öffnen rauchig-torfig, erinnert an einen torfbetonten Whisky, etwa einen Lagavulin, nach dem Dekantieren immer noch etwas rauchig, aber auch Duft nach Cassis und Brombeeren; im Mund enorm dicht, viel Tannin (anfangs etwas grob wirkend, mit der Zeit interessanterweise viel sanfter!), angepasste Säure, sehr langer Abgang. Der Wein hat enorme Wucht, fast wie ein „Hammer-Merlot“, zeigt gleichzeitig aber auch eine elegante, feine Seite. Toller, spannender Wein!
Tag 2: Vom Whisky zum Wein: Die Torfnoten sind weg, es wird fruchtiger, im Mund will der Wein fast nicht aufhören nachzuwirken. Der Eindruck der Tannine ist noch sanfter geworden. Wenn man am ersten Tag aufgrund der Rauchigkeit auf einen Piwi hätte schliessen können, ist das heute völlig anders; nie würde ich blind auf Piwi tippen (von der Farbe abgesehen).
Tag 3: Loire? Ein „Monster-Cabernet Franc“? Es haben sich weitere dunkle Düfte entwickelt, reife, dunkle Kirschen, weiterhin Cassis, leichter Anflug von Peperoni. Im Mund weiterhin dicht, adstringierend, enorm nachhaltig.
Tag 4: Auf dem Weg ins Libournais? Cabernet Franc würde man sich immer noch denken, aber nun etwas geläutert, mehr warme Töne, wieder Merlot-Anflüge, und im Mund weiterhin dicht und lange nachhallend. Die Farbe ist enorm, mit einfachem Ausspülen bringt man das Glas nicht farblos, es braucht „mechanische“ Nachhilfe! Und weiterhin: jugendlich frisch wie am ersten Tag!
Tag 5: Doch eher Médoc? Nun zeigen sich Düfte von sowohl grünen wie auch sehr reifen roten Peperoni. Daneben weiterhin eine enorme Fruchtigkeit, wie bisher Cassis, dunkle Kirschen, Brombeeren. Und immer noch total jung und frisch im Mund!
Tag 6: Ribera del Duero? Gegenüber Tag 5 hat sich diesmal nicht so viel verändert, denn der Anflug eines auf „Fruchtbombe“ gemachten Temparanillo gab es eigentlich schon in den letzten zwei Tagen. Allerdings scheint es heute auch erstmals, dass die Spannkraft etwas nachlässt, jedenfalls hat der Wein nicht mehr dazugewonnen.
Tag 7: Kuba? Eigentlich hat sich nicht mehr viel verändert, ausser, dass ein starker Tabakduft wahrnehmbar ist; hat aber gegenüber dem Vortag nicht abgebaut.
Tag 8: Immer noch Duft nach dunklen Beeren, Leder und Tabak. Im Mund jetzt allerdings deutlich nachlassend, durchaus noch trinkbar, aber in den ersten Tagen machte er mehr Spass.
Tag 9: Fast unverändert – und jetzt ist leider die Flasche leer!

Auf der Suche nach Ergänzungen zum Merlot

Die Cantina Barbengo wurde vor allem durch herausragende Merlots bekannt, aber auch mit Cuvées, die Cabernet Sauvignon und -Franc, Petit Verdot und Arinarnoa (Merlot x Petit Verdot) beinhalten. Sie zählt zur absoluten Spitze der Tessiner Weinszene. Die Cantina experimentiert inzwischen auch mit diversen Piwi-Reben, aber, so Paolo Visini und Anna Barbara von der Crone auf elektronischem Weg augenzwinkernd: „Das dauert alles so lange, bis man Resultate hat“. Deshalb entstand der INK 2018 als erster Versuch mit der Rebsorte 91-26-26 auch mit Trauben von Stöcken, die von Mauro Giudici, einem innovativen Traubenproduzenten und Landwirt in Malvaglia im Bleniotal vor ein paar Jahren angepflanzt wurden. Das Dorf liegt an der Lukmanierpassstrasse nordöstlich von Biasca auf knapp 400 m über Meer, aber bereits inmitten der Alpen.

Eine Nummer für Rebsorten ist immer ein Zeichen dafür, dass sie noch nicht weit verbreitet, sondern im Versuchsstadium sind. Ich hätte jetzt schon einen definitiven Namensvorschlag: Giudici-Barbengo!

Das Interesse der Cantina Barbengo an diesen Trauben wurde auch deshalb geweckt, weil der 91-26-26 (korrekt: Giudici-Barbengo 🙂 ) eine gewisse „Ähnlichkeit“ zu den Bordeaux-Sorten nachgesagt wird. Als grossen Vorteil gegenüber anderen Piwi-Sorten erachten Visini und von der Crone aber auch die Resistenz gegenüber der drosophila suzukii (Kirschessigfliege): Die Beerenhaut ist so robust, dass ein Durchbohren unmöglich scheint.

Wein mit viel Potential – wie viel in Jahren?

Es handelt sich bei diesem Wein, dem 91-26-26, vinifiziert von der Cantina Barbengo, die offenbar auf Anhieb perfekt auch mit einem Piwi umgehen konnte, um einen wirklich hervorragenden Wein, der in einjährigen Barriques ausgebaut wurde. Aufgrund der Degustation würde man ahnen, dass dieser Piwi auch sehr gut altern kann. Die Cantina selbst schreibt dazu: „Eine Prognose zum Alterungspotenzial ist immer etwas heikel, insbesondere ohne Erfahrung; fünf bis acht Jahre vielleicht“? Ich persönlich wäre nicht überrascht, wenn der 91-26-26 auch im Jahr 2038, also mit 20 Jahren, noch Freude machen würde!

Prüfen kann ich persönlich das leider nicht. Ich hatte eine Flasche bestellt und auch kurz nach Eingang der Sendung geöffnet. Als ich nachbestellen wollte um das Alterungspotential verfolgen zu können, war der Wein leider schon ausverkauft. Einen 6er im Lotto darf man aber schliesslich auch nicht alle Tage erwarten!

http://www.cantinabarbengo.ch


Ich werde mich weiterhin mit Piwi-Weinen auseinandersetzen, die neueren Erlebnisse lassen mich fest daran glauben, dass solche Sorten den Durchbruch schaffen werden! Dies nicht nur aufgrund ökologischer Aspekte, sondern nun eben auch, weil es hervorragende Weine gibt. Trotzdem werde ich mich in meinem Blog weiterhin und vor allem auch mit aussergewöhnlichen „herkömmlichen“ Weinen befassen. Im nächsten Beitrag mit solchen der Cantina Barbengo. Ich hatte auch vier Weisse bestellt, und die sind allesamt so umwerfend gut, dass sie mehr als nur eine kleine Fussnote hier verdient haben.

Conte di Luna 1995 – sensationell jugendlich!

Durch Zufall bin ich in den Genuss eines alten Weins gekommen, der ein Beispiel mehr dafür ist, wie gut Schweizer Gewächse sind – und wie toll sie altern können!

Quizfrage: Wie alt ist dieser Wein? (Conte di Luna von Werner Stucky)? 5 Jahre? 8 Jahre? 10 Jahre? Gar 15 Jahre? Nun gut, im Titel steht es bereits – aber wären sie darauf gekommen?

Ich wollte ihn eigentlich gar nicht, diesen Wein. Ich habe über die Festtage wieder einmal etwas bei „Ricardo“ rumgestöbert und bin dabei auf ein Angebot für einen Conte di Luna von Werner Stucky aus dem Jahr 1995 gestossen. Stucky war, neben Huber und Zündel, einer der Deutschschweizer Neueinsteiger, die den Tessiner Rebbau positiv geprägt und nachhaltig verändert haben.
Vgl. auch hier zu Daniel Huber: https://victorswein.blog/2019/09/29/magischer-abschluss-fur-daniel-huber-mit-einem-merlot-der-weltspitze/

Ich habe auf den Conte di Luna 1995, ein Bordeaux-Blend mit Merlot und Cabernet Sauvignon, zu einem moderaten Preis geboten – und die Flasche blieb mir entgegen der Erwartungen (günstiger als ein junger Jahrgang). Beim Öffnen machte ich mich auf einen bestensfalls noch trinkbaren, aber müden Wein gefasst. Weit gefehlt, er zeigte sich noch in enorm toller Form:

Degustationsnotiz:
Mittleres, leicht gereiftes Rot ohne jeden Braunanteil; in der Nase zuerst sehr verschlossen, nach einigen Minuten an der Luft mit Duft von Lakritze, roten Johannisbeeren, roten Peperoni; im Mund noch voll präsent, etwas spitze Säure, viel sanftes Tannin, wirkt im Antrunk sehr frisch und jugendlich, fällt in der Mitte ein wenig in ein Loch, weist aber danach einen unglaublich langen Abgang aus. Toll gereifter Wein. Ich ziehe den Hut!

Und am Rande vermerkt: Der Conte di Luna 1995 bestand zum Essen problemlos neben Braten mit intensiver Weinsauce sowie Rotkraut! Und ich liess bewusst ein wenig in der Flasche – auch nach einem und zwei Tagen war er noch voll präsent und machte Freude! Genial – und einmal mehr, Schweizer (Spitzen-)Wein ist einfach unterschätzt!

Spezielle Etikette, grossartiger Wein, 25 Jahre jung!

https://cantinestuckyhuegin.ch/cms/de/

Magischer Abschluss für Daniel Huber mit einem Merlot der Weltspitze!

Montagna Magica 2015: Ein magischer Traumwein zum Abschluss einer ebenso magischen Winzerkarriere. Daniel Huber gelingt mit dem letzten Jahrgang unter seiner Verantwortung nochmals ein ganz grosser Wurf!

In der Vinum-Ausgabe 7/8 des Jahres 1986 schrieb der damals wie heute wohl profundeste Kenner der Tessiner Weinszene, Martin Kilchmann, prophetische Worte: „Er liebäugelt auch mit der Barrique, doch überstürzt wird nichts. Die Entwicklung (hin zur Spitze) vollzieht sich bei ihm allmählich, doch wohl unaufhaltsam“.
Die Rede war von Daniel Huber, der damals eben seine beiden ersten Jahrgänge Merlot del Ticino gekeltert hatte (den ersten noch im Keller von Werner Stucky). Huber, Forstingenieur mit ETH-Abschluss, hatte in den Jahren zuvor in Monteggio, im äussersten Zipfel des Malcantone, überhalb des Flüsschens Tresa an der italienischen Grenze, den Hang des „Ronco del Persico“ gerodet und auf 2,6 Hektar Reben gepflanzt. Heute ist der Betrieb rund 7 Hektar gross, und inzwischen hat auch ein Generationenwechsel stattgefunden – seit dem Jahrgang 2016 zeichnet Sohn Jonas für die qualitativ unverändert hochklassigen Weine verantwortlich.

Martin Kilchmann sollte recht behalten: Daniel Huber schaffte es wirklich bis ganz an die Spitze. Schon 1988 belegte eine Riserva von Huber an einer Welt-Merlot-Degustation den zweiten Platz – ex aequo mit Château Pétrus! Dabei wurde der Spitzenwein des Gutes, der „Montagna Magica“, damals noch gar nicht produziert. Diesen Wein gibt es seit 1990, und verwendet werden dafür die jeweils besten Trauben des ganzen Gutes. Ein Anteil Cabernet Franc rundet den Merlot ab – das Libournais lässt grüssen.

Jedes Jahr eine Etikette eines/einer anderen Kunstschaffenden. Auch das erinnert an einen Spitzenwein aus Bordeaux!

Obwohl Daniel Huber nicht völlig in Pension geht, sondern seinem Sohn Jonas im Betrieb erhalten bleibt, war 2015 also der letzte Jahrgang, für den er „verantwortlich“ zeichnete. Was für ein Finale:
Fruchtbetone Nase mit Anflügen von Heidelbeeren, Brombeeren und Thymian; unglaublich finessenreich und elegant, sehr feine, aber präsente Tannine, gute Säure, enorm langer Abgang. Ein Traum von einem Wein für alle, welche Finesse und Frische mögen und mit „Fruchtbomben“ nicht so viel anfangen können.

Besser kann man einen Merlot (mit etwas Cabernet Franc) im Tessin kaum herstellen, höchstens noch anders. Und nur zu gerne würde ich diesen Wein in einer neuen „Welt-Merlot-Degustation“ sehen. Ich bin überzeugt, dass er es ganz an die Spitze schaffen würde. Mit Fr. 52.00 ist der Wein alles andere als billig – aber verglichen mit seinen hochklassigen – eben nicht Vor-, sondern Ebenbildern aus St. Emilion oder Pomerol, ist er immer noch preiswert.

Schöner als mit einem solchen Wein kann man eigentlich als Weinkreateur nicht abtreten! Daniel Huber: Ein rodenden „Krampfer“ und gleichzeitig ein feinfühliger, genialer Weinmacher, was für eine schöne Geschichte. Und noch schöner, dass sein Sohn augenscheinlich mehr als nur in seine Fussstapfen tritt.

Lassen Sie mich etwas euphorisch mit einem Zitat aus Martin Kilchmanns Buch „Merlot del Ticino“ aus dem Jahr 1989 enden:
„Meine Bitte um eine Selbsteinschätzung hat er bezeichnenderweise wie folgt erwidert: <Mein eigentliches Interesse gehört nicht dem Wein, sondern der Verfassung (körperlich, geistig, seelisch). Wenn die stimmt, kann der Wein nicht anders als gut herauskommen>“.
Augenscheinlich hat seine Verfassung hervorragend gepasst und uns einen mehr als nur würdevollen Abschied Daniel Huber’s geschenkt!

http://www.hubervini.ch

Matin Kilchmann’s Buch „Merlot del Ticino“ ist mit etwas googlen noch erhältlich und auch heute noch lesenwert:
ISBN-13: 978-3275009701