Pircher – Pinot-Klasse am „Hochrhein“

„Home of Pircher“, der Eglisauer Stadtberg – eine auch landschaftlich sehr reizvolle Spitzenlage am oberen Rhein, Kanton Zürich, Schweiz. (Bild ab Homepage Urs Pircher).

Wir reden – zurecht – immer wieder über Newcomer. Dabei gehen die Klassiker nur zu oft vergessen. Einer dieser – nach Schweizer Verhältnissen – schon fast „ewig Etablierten“ ist Urs Picher aus Eglisau. Während andere noch netten Blauburgunder herstellten, vinifizierte Pircher schon einen hochklassigen Pinot noir aus der Barrique, der sich das Burgund als Vorbild genommen hatte. Seit 20 oder mehr Jahren, und bis heute, sind seine Pinots ein Inbegriff von Feinheit, Eleganz und Finesse !

Burgundische Pinots, als andere noch schliefen

Schon im Jahr 2000 – damals hatten viele von uns noch nicht einmal einen Internetanschluss – und eigentlich schon Jahre zuvor, kelterte Pircher Weine, die zu jener Zeit nicht in dieses Weinbaugebiet passten. Immerhin ist elektronisch ein schöner Artikel erhalten, der aufzeigt, was Pircher ausmacht(e):
https://folio.nzz.ch/2000/oktober/urs-pircher-selbstkelterer

All die tollen Newcomers, über die wir heute so gerne und zurecht schreiben, gab es damals noch gar nicht; und mehrere, wie Peter Gehring aus Freienstein, lernten gar ihr „Handwerk“ bei Pircher. (So ganz nebenbei: auch in neuerer Zeit machte sich Pircher als „Lehrmeister“ für führende Winzer verdient, so arbeitete auch Matthias Bechtel, ein neuer Stern am Schweizer Weinhimmel, seine Sporen bei Pircher ab).

Ich hatte soeben die Gelegenheit, an einer von Urs Pircher selbst geleiteten Degustation einiger seiner Weine teilzunehmen. Neu war das zwar nicht, denn ich hatte das Weingut schon seit Jahren immer wieder besucht. Erstmals aber durfte ich Urs Pircher selbst als Leiter der Veranstaltung erleben. Was vorerst auffällt: Eigentlich möchte Urs Pircher wohl lieber einfach in den Reben oder im Keller arbeiten, als vor Leute hinzustehen und reden. Aber: er kann auch das, und zwar deshalb, weil er einfach sich selbst bleibt. Seine Ausführungen waren für Weinfreunde ein tolles, authentisches Erlebnis.

Pinot forever: ein „gris“ vom Feinsten

Von wegen Erlebnis: Die degustierten Weine begeisterten. Vorab sein – nur bis und mit vergärtem Most auf dem Weingut hergestellter – Schaumwein ist sehr gut. Gar Spitzenklasse ist sein Pinot gris (2017): leichter Holzeinsatz, längere Lagerzeit auf der Hefe; ein lagerfähiger, ungemein sortentypischer, mit guter Säure versehener und dichter Pinot gris, der mit zunehmender Reife sogar noch gewinnen wird. Gleiches (ausser dem Alterungspotential) gilt für den Räuschling, den ich bei anderer Gelegenheit verkosten konnte; auch hier war ein Meister der Weinbereitung am Werk, und der teilweise Ausbau im grossen Holzfass tut dem Wein erstaunlicherweise sehr gut.

Etwas weniger begeistert war ich persönlich vom Riesling, der erst im dritten Jahrgang hergestellt wird. Mir war die Restsüsse, wenn auch nicht übertrieben, zu hoch, und so richtig „rieslingartig“ wollte mir der Wein auch nicht erscheinen. Er ist sehr gut und reintönig gemacht, liegt marketingmässig vermutlich total im Trend und wird sicher zu recht seine Freunde finden – aber braucht es das in der Schweiz wirklich? (Man zeige mir den Riesling aus der Schweiz, der in Sachen Preis-Leistung auch nur annähernd an einen guten deutschen herankommt!).

Wirklich spannend indessen eine rote Cuvée aus Regent, Zweigelt und Pinot noir. Der 2016-er ist recht „hart“ gekeltert, aber dennoch schon jetzt genussvoll zu trinken. Auch wenn ich persönlich bisher solche Cuvées eher skeptisch sehe: Hier wird es spannend sein, die Entwicklung in den nächsten Jahren zu verfolgen. Persönlich bin ich überzeugt, dass dieser Wein sich noch mehr öffnen wird. Es könnte eine jener Cuvées mit einer Piwi-Sorte sein, die mich meine Vorurteile vergessen  macht.

Urs Pircher, Schweizer Pinot-Pionier der ersten Stunde (er öffnet gerade seinen exzellenten Pinot noir 2016).

Der Höhepunkt aber war der Pinot noir 2016! Wie eingangs erwähnt, Pircher „konnte“ schon Pinots auf die burgundische Art, als der Rest der Ostschweizer Winzer noch ihre innert Jahresfrist zu trinkenden kuranten Blauburgunder herstellte.

Der 2006-er von Pircher landete bei einer von mir 2012 durchgeführten Degustation mit führenden Pinots aus der Schweiz und aus dem Burgund (Level 1er Cru) damals an dritter Stelle – vor jedem Franzosen. Der Jahrgang 2016 nun besticht durch eine fruchtige, schon fast explosiv pinot-typische (Himbeeren, Johannisbeeren, Nelken) und mit dezentem Holzton unterlegten Nase und einen druckvollen, feurigen und doch filigranen, eleganten Auftritt im Gaumen! Ein absoluter Spitzen-Pinot, der sich höchstens vor den Allergrössten dieser Pinot-Welt verstecken müsste!

http://www.weingut-pircher.ch/data/index.php/de/

Und andere erwähnte Winzer:
https://weingut-gehring.ch/
http://www.bechtel-weine.ch/

Wedekind – grün am roten Hang

wedekind-blog
Blick vom roten Hang zum Rhein – vorne eine neu angelegte Parzelle von Wedekind. (Bild vl)

Manchmal braucht es einfach einige Zufälle – und die sanfte Mithilfe der Ehefrau, um Aussergewöhnliches zu entdecken:

Wir hatten Ferien, es war Ende Mai 2017, und eigentlich wollten wir in den Süden an die Sonne. Aber dann waren die Prognosen für Mitteleuropa so gut, dass wir uns für eine Deutschlandreise entschieden. Ziele waren unter anderem die Pfalz und der Rheingau, ersteres aus schöner Erinnerung, letzteres, weil wir da noch nie waren.

Während einer ziellosen Fahrt durch Rheinhessen nach Norden fanden wir uns plötzlich wenige Kilometer von Nierstein entfernt. Da waren wir auch noch nie, also nichts wie hin. Die Ankunft unten am Rhein, mit einer Schnellstrasse und der Bahn, dazu noch bei schlechtem Wetter, war wenig einladend. Das Städtchen hinter der Bahnlinie hat dann schon viel mehr zu bieten, und eine Wanderung im resp. über dem berühmten roten Hang hat es dann erst recht in sich! Es lohnt sich, hierher zu fahren!

Während der Wanderung fielen uns schon einige Parzellen auf, die grüner waren als andere, sozusagen grünrot statt rot, was aber keine politische Aussage sein soll. Einige waren beschriftet, und der Name „Wedekind“ hat sicher Vorteile in der Memorisierung.

Am Schluss des Spaziergangs passierten wir den Marktplatz von Nierstein, und da war einladend die Vinothek von Philipp und Esther Wedekind. Mir aber stand der Sinn mehr nach Kaffee und Kuchen, ein Bedürfnis, das auf der anderen Platzseite sympathisch erfüllt wurde. Ich weiss nicht, welcher siebte Sinn nach dem Verlassen des Lokals meine Frau dazu trieb zu sagen „probieren wir jetzt noch Wein bei Wedekind“? Normalerweise leidet sie eher unter meinen ständigen Degustationswünschen und Winzerbesuchen, und es kommt schon mal vor, dass sie einfach lesend im Auto sitzen bleibt. Aber hier: „gehen wir noch in die Vinothek“?

Schon fast widerwillig ging ich mit, und die Weinauswahl machte meine Stimmung anfangs auch nicht besser, denn auf den ersten Blick gab es fast nur Weine mit Restsüsse. Ich kann zwar rational nachvollziehen, dass Menschen das mögen können, aber ich gehöre nicht zu jener Sorte. Auf Nachfrage fanden wir dann aber auch trockene Weine, die Anordnung ganz logisch – auf der einen Seite die mit viel Restsüsse, auf der anderen die ganz trockenen.

Den Mund noch voller Kaffeegeschmack hatte ich aber noch immer keine Lust zu degustieren, und so kaufte ich – völlig entgegen meiner Gewohnheit – einige Flaschen, ohne sie probiert zu haben. Die Auswahl war einfach – von den drei trockensten Rieslingen je zwei Flaschen.

Wieder zuhause dann das Probieren – und die Erleuchtung: Da strahlte ein fruchtiger, „stählerner“, wundervoll klarer Duft aus dem Glas, und im Mund war der Riesling dicht und gleichzeitig elegant. Ein Wein, der berührt! Gleiche Erlebnisse hatten wir etwas später mit den beiden anderen Flaschen; selbst der „rote Hang“, in dem sich – für süsseempfindliche Gaumen wie dem meinen – ein klein wenig Süsse bemerkbar macht, mundete wunderbar.

Diese Erlebnisse verlangten natürlich danach, zu diesem Winzerehepaar zu recherchieren. Und ja gut, es haben offensichtlich vor mir schon andere die Qualität dieses Gutes entdeckt. U.a. hat es auch schon Aufnahme in den „Eichelmann“ gefunden, und das schon mit drei Sternen. Beim Suchen kommt da etwa zu Tage, dass Philpp das Hobby seines Vaters mit ein paar Aaren Reben übernahm, zu seinem Beruf machte, und inwischen rund 10 ha bewirtschaftet, alles biologisch und mit Spontanvergärung der Säfte. Oder, dass sowohl er als auch seine Ehefrau Esther in Geisenheim studiert haben, und bei diversen Biowinzern ihr Handwerk weiter erlernt.

Trotzdem, diese Geschichte zeigt schön, dass es sich lohnt, ausserhalb der ausgetrampten Pfade zu gehen und auch einfach einmal etwas zu probieren – selbst dann, wenn dazu der sanfte Druck der Ehefrau notwendig ist!

Und zumindest in der Schweiz wäre Wedekind immer noch ein Geheimtipp, offenbar gibt es noch keinen Importeur. Aber eben, eine Reise nach Nierstein lohnt sich, vor allem auch für mehr als nur 6 Flaschen….

Sagt auch meine Frau!

Degustationsnotiz Riesling trocken, Heiligenbaum, 2015 (12/2017)

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helles, glänzendes grüngelb; vielschichtige Frucht, grüner Apfel und mit einem Anflug von exotischen Früchten, fein und klar in der Nase; im Mund extrem elegant und finessenreich, mineralisch, und dabei trotzdem dicht und präsent vom Antrunk bis zum Abgang. Herrlicher, finessenreicher Wein!

http://www.weingut-wedekind.de

 

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Die Marketingabteilung der Winzer aus Nierstein arbeitet aktiv. (Bild vl)