Ein Weingut mit 300 Jahren Tradition, das von drei Brüdern zusammen mit ihren Ehefrauen geführt wird, ist ja schon speziell genug. Dass Bio-Weinbau betrieben wird bemerkenswert. Und dass einer der Brüder den Doktortitel trägt und gute Krimis schreibt, ist dann schon aussergewöhnlich und einen Bericht wert, zumal die Weine sich sehen lassen!
Eigentlich müsste ich ihm ja so richtig böse sein, dem krimischreibenden Winzer Dr. Andreas Wagner. Er beschreibt nämlich in seinem neusten Buch „Winzergrab“ einen Weinblogger derart abschätzig, dass man sich als Blogger betupft fühlen könnte. Jedenfalls scheint Andreas Wagner nicht die besten Erfahrungen gemacht zu haben.
Ein schreibender Winzer-Doktor.
Nun gut, ich will nicht nachtragend sein, seinen Krimi sowie seine Weine fair beurteilen und über die Beschreibung des Bloggers schmunzeln. Ich wurde vom Verlag angefragt, ob ich das Buch von Andreas Wagner rezensieren würde. Ich hatte zwar schon verschiedene Weinführer beschrieben, aber zum Literaturkritiker fühle ich mich nicht berufen. Bloss: Die Kombination Winzer und Krimiautor hat mich dann doch gereizt, also liess ich mir das Buch zustellen.
Freilich, ohne auch die Weine des Weinguts Wagner aus Essenheim (Rheinpfalz) probieren und beschreiben zu können, würde eine Krimirezension in einem Weinblog wenig Sinn machen. Deshalb habe ich mir beim Weingut sechs Einzelflaschen aus dem Sortiment bestellt.
Vorab versuche ich mich nun aber doch als Literaturkritiker: Der Krimi spielt in der Region Mainz und sehr ausgeprägt im Winzer-Milieu. Der Autor beschreibt also, was er kennt und das Buch gibt deshalb auch spannende Einblicke in die Freuden und Probleme der Weinbranche. Ausgerechnet die Tochter des bekanntesten Winzers des Dorfes wird eines Tages in einem Rebberg tot aufgefunden.
Den Nobelpreis nicht gerade – aber ein gut geschriebener Krimi.
Nach Stockholm wird Andreas Wagner wohl kaum reisen dürfen oder wenn, dann wohl eher als Winzer, um seine Weine vorzustellen. Das Buch ist aber dramaturgisch sehr spannend aufgebaut und in einer gepflegten, aber auch schnörkellosen Sprache geschrieben, die einem das Lesen leicht macht (was gut ist, denn man möchte zuweilen vor Spannung viel schneller im Buch vorwärtskommen). Es gibt nur ein paar wenige Ausrutscher, bei denen man dem Autor einen netten Hinweis des Lektorates gewünscht hätte. Aussagen wie „stolz wie Oskar“ oder „er schwitzte wie ein Schwein“ passen nicht zur sonst durchaus schönen Sprache.
Andreas Wagner versteht es meisterhaft, die nicht immer freundliche Stimmung und die psychologischen Abläufe in einem kleinen Dorf und auch innerhalb von Familien zu beschreiben, so dass man buchstäblich glaubt, selbst dabei zu sein. Und er schafft es auch, den Krimi dramaturgisch so aufzubauen, dass man sich sehr lange viele mögliche Täter vorstellen kann. Dazu passt, dass die Auflösung des Falls dann zwar durchaus schlüssig ist – aber eben auch nicht schon lange offenkundig. Hier sei nur soviel verraten: Der Weinblogger war nicht der Mörder! (Immerhin!).
Wie das Buch, so die Weine – und Weissburgunder als Highlight.
So positiv, wie ich das Buch finde, so sind es auch die Weine der Wagners. Es sind nicht die ganz grossen Tropfen, aber die von mir degustierten sind allesamt empfehlenswert. Und wenn man den Preis in Relation setzt, sind sie sogar hervorragend. Besonders angetan bin ich von der Weissburgunder-Serie. Da imponiert schon der Basiswein für Euro 5.80, steigert sich der Wein aus der „Jean-Linie“ (genannt nach dem Urgrossvater) zu nur Euro 8.00 und kulminiert in einem dichten Réserve-Wein zu 15 Euro, der aufgrund des Holzeinsatzes vielleicht nicht jedermann’s Sache ist, der mir persönlich (obwohl ich viel Holz normalerweise nicht mag) sehr gefallen hat.
Piwi auf die tolle Art!
Sehr bemerkenswert ist auch der „Prachtjunge“. Dieser hauptsächlich aus den beiden Piwi-Sorten Sauvignac und Cabernet blanc hergestellte, fruchtige und dichte Wein eignet sich hervorragend, um blind einen Piwi-Skeptiker zu bekehren. Wetten, der merkt nicht, dass er hier einen Piwi im Glas hat? Und das für 8 Euro!
Zum gleichen Preis zu haben sind die beiden Rieslinge „vom tertiären Mergel“ und „vom sandigen Löss“ (aus der Serie „Jean“). Es sind zwei gute Weine, bei denen ich mir höchstens etwas mehr Frische wünschen würde, die sich aber im Rieslingland Deutschland angesichts des Preises gut halten.
Sehr bemerkentswert ist, dass alle der degustierten Weine über einen für heutige Verhältnisse erfreulich tiefen Alkoholgehalt verfügen, 12,0 bis 12,5 % sind die Regel, und das, ohne dass die Weine deshalb dünn oder unreif wirken würden. Ob da der biologische Rebbau einen positiven Einfluss hat?
Familienweingut im wahrsten Sinne des Wortes.
Ebenso bemerkenswert ist der Umstand, dass drei Brüder, je zusammen mit ihren Ehefrauen, den Weinbaubetrieb Wagner gemeinsam führen. Auf der Website des Gutes heisst es dazu: Jeder mit seinem Wissen, seinen eigenen Ideen und reichlich Energie für ein gemeinsames Ziel: gute Weine!

Das perfekte Weihnachtsgeschenk: Winzerkrimi und Winzerweine.
Und zum Schluss: Bald ist Weihnachten. Falls Sie noch nach Geschenkideen suchen: Was ist naheliegender, als einem Weinfreud oder einer Weinfreundin das Buch von Andreas Wagner zusammen mit ein paar Flaschen des Weingutes unter den Weihnachtsbaum zu legen? Da ist die Freude am Geschenk programmiert!
Degustationsnotizen, Fantasiewein des Weinbloggers:
Kreidig, mineralisch und dennoch von seidiger Textur umschmeichelt. Die Limette markiert nur den Auftakt. Straff, auch fordernd in ihrer Prägnanz. Herrlich erfrischend dabei, mit Zug und Druck, lange anhaltend, bis die gut ausstaffierte kandierte Oangenzeste sie ablöst. Karge Opulenz, die sich über die Zunge zieht, bevor sich das Terroir wuchtig Bahn bricht. Etwas Abstand braucht es und Geduld, dann spriesst die Kräuterwiese auf der Zunge. Ein wenig Minze, Melisse, dann Pimpernelle und frische Schafgarbe. Es sind ihre zarten Bitternoten, die sich markant artikulieren und der feinen, würzigen Finesse als Grundlage dienen. Und schmecken Sie auch Ysop? Nein, Efeu ist es, nicht Ysop!
Sorry, alles Witz! Diese Passagen sind lediglich dem einen Weinblogger karikierenden Buch von Andreas Wagner entnommen. Mein persönliches Glück ist, dass ich noch nie in einem Wein Schafgarbe bemerkt und beschrieben habe und nicht einmal weiss, wie Ysop duftet …
Nachstehend die realen Degustationsnotizen, in der Hoffnung, damit beim Krimiautor das Image der Blogger-Szene nicht noch mehr zu beschädigen 🙂
Degustationsnotizen, echt
Weisser Burgunder trocken, 2024
Sehr helles Gelb; Zitrusnoten und (nicht übertriebene) exotische Anflüge (Papaya, Sternfrucht), im Mund frisch, leicht, aber nicht dünn, saftige Säure, mineralischer Touch, erstaunlich langer Abgang. Schöner, erfrischender Basiswein. 15 Punkte.
Weisser Burgunder „Jean“ trocken, 2024er Elsheimer Blume, „vom Kalkalgenriff“
Sehr helles Gelb; delikate Zitrusfrüchte, mineralische Noten; schön rund bei passender, saftiger Säure, mittlerer Körper, mineralisch, leichter, aber schöner Bittertouch, sehr langer, fruchtiger Abgang. Sehr sortentypisch, direkt und süffig. 16 Punkte
Weisser Burgunder Réserve, Elsheimer Blume, 2024
Helles Zitronengelb; feine, zitrusbetone Nase (Limette, Bergamotte), dazu etwas Lychee und Aprikose, spürbarer Ton von neuem Holz; im Mund mit sehr fruchtigem Auftakt, auch mineralische Note, dichter Körper, angepasste, saftige Säure, neckische, aber kaum spürbare Restsüsse, eine Spur von Tannin, recht langer Abgang. Schöner, harmonischer Wein, mit Holzton, den man mögen muss. 16,5 Punkte.
Riesling trocken, „Jean“ 2024, Essenheimer Teufelspfad „vom tertiären Mergel“
Helles Gelb; verhaltene, aber feinfruchtige Nase, Zitrus und etwas Mango; im Mund elegant, aber auch dicht und sehr druckvoll, saftige Säure, leichter Bittertouch, der den Wein aber interessant macht, recht langer Abgang. 16 Punkte.
Riesling trocken, „Jean“ 2024, Essenheimer Teufelspfad, „vom sandigen Löss“
Eher helles Zitronengelb; unverkennbar Riesling, Bergamotte, Stachelbeere, grüner Apfel, auch würzige und florale Noten; im Mund zuerst sehr floral und kräutrig wirkend, dann Übergang zu fruchtigem Eindruck, insbes. Birne, schöne, angepasste Säure, eher schlank, wobei die Fruchtsüsse auch eine gewisse Rundheit ergibt, etwas bitter im Abgang. 15,5 Punkte.
Prachtjunge trocken, 2024
Mittleres bis helles Gelb; sehr fruchtig mit Duft nach Birne, Aprikose, Stachelbeere und – dezent – auch exotischen Früchten; im Mund kräftig und dicht, gut angepasste Säure, schöner Schmelz, fruchtig, im mittleren Abgang mit kleinem, erfrischenden Bittertouch. Wirklich toller Piwi, den mal blind kaum als solchen erkennen würde. 16,5 Punkte.
Links:
Weingut:
WEINGUT WAGNER – Weine | Kultur | Kulinarisches
Buch:
ISBN: 978-3-7408-2481-5
Winzergrab | Andreas Wagner | Emons Verlag
Weine:
Wein kaufen – WEINGUT WAGNER
Interessennachweis:
Das Buch wurde vom Emons-Verlag zu Rezensionszwecken zur Verfügung gestellt. Die Weine wurden käuflich erworben.